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Zehn (digitale) Dinge, die ich in den Zehnern gelernt habe (Digitale Januar Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine Liste! Natürlich muss ein Text über die Erkenntnisse der Zehnerjahre dieses Format nutzen. Denn die vergangene Dekade war geprägt von den Listicles genannten Aufzählungen, die erst viel Freude – und dann Clickbait den Boden bereiteten. Diese nun folgende Liste will einen digitalen Zwischenstand (Foto: Unsplash) zusammenfassen: Zehn Dinge, die ich glaube verstanden zu haben im vergangenen Jahrzehnt – über das Internet und den digitalen Wandel. Und wie die Form ist auch der Inhalt geprägt von seiner Zeit: Denn keiner der folgenden Punkte will abschließende Wahrheit für sich beanspruchen. Die Punkte basieren im Gegenteil auf der prozesshaften Grundhaltung, am Wahrheiten zu sein, also in Bewegung und offen für Veränderung.

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust
2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage
3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg
4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig
5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt
6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart
7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts
8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung
9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung
10. Das Gegenteil könnte stimmen

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust

Die Nacht auf den 23. Juli 2016 war in München geprägt von Angst und Panik. Das lag zum einen an dem – wie wir heute wissen – rechtsradikalen Terroranschlag am Olympia-Einkaufzentrum. Es lag aber vor allem daran, dass die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung in dieser Nacht zu einem Panik-Beschleuniger wurden: Timeline der Panik heißt die #langstrecke-Rekonstruktion der Kolleg*innen, die nachzeichnet, wie Gerüchte und Halbwahrheiten sich durch die Stadt gefressen haben. Man kann eine Menge aus dieser Nacht lernen (gemeinsam mit Manuel Kostrzynski und Heiko Bielinski haben wir deshalb die Medienkompetenz-Schulung gegen-die-panik.de ins Netz gestellt), aber vor allem dies: Es spielt eine Rolle, was Du tust. Du kannst Einfluss darauf nehmen, ob Gerüchte sich verbreiten. Die Art wie du dich in Dark-Social-Gruppen verhältst, hat Folgen. Dein Beitrag ist wichtig! Der New York Times Kolumnist Farhad Manjoo hat dies so zusammengefasst: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“

Diese Erkenntnis hat deshalb Bedeutung weil sie nicht nur in digitalen Ökosystemen gilt. Greta Thunberg und die ebenfalls durchs Digitale beschleunigte Fridays-for-Future-Bewegung haben gezeigt, dass dies auch für andere Politik-Bereiche gilt. Die größte Gefahr der Zehnerjahre scheint es mir deshalb zu sein, sich Machtlosigkeit einreden zu lassen: Mag die Aufgabe auch noch so groß oder noch so komplex sein: Lass Dir nicht einreden, dass Du zu klein bist, um Dich damit zu befassen!

2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage

Am Anfang der Zehnerjahre dachte ich bei der digitalen Transformation ginge es vor allem um technische Fragen. Die folgenden Punkte handeln auch genau davon: wie die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ganze Branchen verändert, wie Kultur zu Software wird und wie die Öffentlichkeit sich segmentiert. Dahinter stecken tiefgreifende Transformationen, die bei weitem noch nicht abgeschlossen sind. Aber vor diesen eher technischen Aspekten steht die kulturelle Frage: Wie gehst du mit dem Neuen um? Bist du offen für Veränderung?

Denn alle technische Innovation bleibt so lange wertlos, wie sie auf kulturelle Widerstände trifft. Die Verteidigungs- und Verweigerungskräfte sind dort besonders ausgeprägt, wo die Frage „Kann es (noch) besser werden?“ beständigt verneint wird. Digitales Denken zeichnet sich meiner Einschätzung nach deshalb auch weniger einzig durch das technische Verständnis als vielmehr durch die Bereitschaft zur Verständigung und zur Veränderung aus. Dazu zählt die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des und der anderen wahrzunehmen: ¯\_(ツ)_/¯

3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg

„Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“ Diese Sätze habe ich erst am Ende der Dekade in die SZ geschrieben – nachdem ein junger Digitalpublizist (in Medien oft noch als YouTuber beschrieben) mit einem ernorm reichweitenstarken Video gezeigt hatte, dass sich #diesejungeleute mehr für Politik interessieren als die etablierten Generationen erwartet hatten. Doch das Erstaunen war noch größer weil der Generationenkonflikt auch greifbare Ergebnisse bei der Europawahl produzierte und damit auch den Skeptiker*innen zeigte: Das Internet ist nichts, was man der Gesellschaft optional hinzufügen kann, es ist die Gesellschaft. Denn das heißt auch: Wer sich nicht für das Internet interessiert, verliert den Anschluss an die Gegenwart – und an gegenwärtige Gesellschaft.

Nicht wenige Menschen reagieren darauf mit Angst und Ablehnung. Der Economist diagnostiziert „eine Orgie der Nostalgie“, die nicht nur den Westen erfasst hat und die sich auch darin ausdrückt, dass Menschen ständig Sorgen aussprechen, statt Hoffnungen zu formulieren. Wer jedoch hoffnungsvoll auf Veränderungen blickt, kann eine Fähigkeit trainieren, die man mit Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben könnte.

4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig

Die Welt verändert verbessert sich schneller als vielen es bewusst ist. Gerade darin begründet sich ja die Angst derjenigen, die spüren, dass ihr Wissen an Bedeutung verliert. Der Bildungsforscher Andreas Schleicher formuliert den Wandel so: „Kompetenz ist die wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts. Aber es ist eine Währung mit einem hohen Grad an Inflation.“ Der Inflationsprozess verläuft für ihn so: „Ich nutze meine Kompetenzen nicht. Die Welt verändert sich. Ich kann im Grunde jeden Tag weniger.“ (zitiert nach „Das Pragmatismus-Prinzip“)

Denkt man diesen Wandel zusammen mit dem oben erwähnten Generationenkonflikt ist man mitten drin in der zentralen Herausforderung dieser (und der kommenden Dekade): Autorität muss sich neu begründen. Lebensalter alleine ist in einer Zeit, die durch lebenslanges Lernen geprägt ist, keine Autoritätsbegründung mehr. Es geht vielmehr darum, wie man beständig mit dem Neuen und Verstörenden umgeht, ohne das Lernen nun mal nicht auskommt. Auf diese Überforderung gibt es zwei Reaktionsmuster: Man kann sich auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und dort vermutete einfache Antworten zurückziehen (Früher weiß alles besser) oder man kann versuchen, eine Fähigkeit zu erlernen, die Christoph Kucklick „Überforderungsbewältigungskompetenz“ nennt und die ich dem Shruggie zugeschrieben habe: ein gestaltendes Schulterzucken.

5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt

Am Beginn der Dekade war oft die Rede vom digitalen Graben, der die Gesellschaft trennt. Mittlerweile hat er sich zu einem riesigen Problem ausgewachsen – wie sich in diesem Jahr an der Klimadebatte und an der Auseinandersetzung ums Urheberrecht gezeigt hat. Der Konflikt zwischen denen, die bewahren und jenen, die gestalten wollen, also „zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.“

Ich glaube wir erleben gerade den Anfang dieser Auseinandersetzungen (mit Umweltsau und Ok Boomer) und daraus erwächst eine Herausforderung, die für das gesamte digitale Ökosystem gilt: Wir sollten weniger Recht haben müssen. Anders formuliert: Medienkompetenz ist immer auch Streitkompetenz – und damit die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive eines anderen zu betrachten.

6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart

„In einer Welt voller Informationen bedeutet diese Fülle zugleich einen Mangel an etwas anderem: eine Knappheit von dem, was Informationen verbrauchen. Was das ist, liegt auf der Hand: Informationen verbrauchen die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Folglich erzeugt ein Reichtum an Informationen eine Armut an Aufmerksamkeit.“ Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 1972 vom Sozialwissenschaftler Herbert Simon. Und es beschreibt das Verhältnis von Information und Aufmerksamkeit in einem Zeitalter, in dem Publikationsmittel demokratisiert werden. Jede und jeder kann publizieren. Die spannende Frage ist heute nicht mehr, wer sich öffentlich äußert, sondern wer gehört wird. Und damit kommen wir zum ersten Punkt der Liste zurück und zu der ganz persönlichen Frage: Wem schenkst du Aufmerksamkeit?

Diese Dekade hat uns vor Augen geführt, dass in der Antwort auf diese Frage eine politische Ebene stecken kann – das gilt für den Umgang mit weltweitem Terror und für die Debatte um Ok Boomer. Wer auf diese Weise auf das Zusammenspiel von Information und Aufmerksamkeit blickt, kommt nicht umhin festzustellen:

7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts

Wir haben bei der Betrachtung der digitalen Kopie in den Zehnerjahren einen Fehler gemacht. Wir haben stets auf den Inhalt geschaut und gedacht, die Kopie sei ein Raub am Original. Wir hätten vielmehr und viel früher den Blick auf das richten sollen, was beim Kopieren neu entsteht: die Metadaten. Dann hätten wir erkannt: „Die Kopie raubt nicht Content, sie produziert: Kontext!“ (zitiert nach Meta!)

Die Beziehung von Inhaltsdaten zueinander kann wertvoller sein als die Inhaltsdaten selber – das hat nicht zuletzt Edward Snowden mit seinen Enthüllungen der Welt vor Augen geführt. Auf dieser Beobachtung basiert aber auch der Plattform-Kapitalismus, der diese Dekade geprägt hat. Sie erklärt, warum Kontext-Anbieter mächtiger geworden sind als Inhalte-Anbieter.

8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung

Die Macht des Kontext greift auch ein Konzept an, das Chris Anderson mal als „Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners“ beschrieben hat: die Mainstream- oder Durchschnittskultur, die auf dem Prinzip „Ein Sender – eine Botschaft – viele Empfänger“ basiert. Diese Form der Massenkultur hat das 20. Jahrhundert geprägt. Das 21. Jahrhundert hingegen ist von einer massenhaften Nischenkultur geprägt, die eine Segmentierung der Öffentlichkeit nach sich zieht: Ich nenne es „Das Ende des Durchschnitts„, denn eben durch Metadaten können nicht nur Botschaft nach Empfänger gefiltert werden, sie werden zum Teil auch erst durch die Metadaten des Empfängers geschaffen.

Spotify zeigt mit seinem Daily Drive genannten Versuch, Musik und Wortbeiträge auf die Interessen der Hörer*innen zuzuschneiden, wie sich die Idee des „Beste Hits“-Radios in Zukunft verändern wird. Viele weitere Bereiche werden von dieser Entwicklung betroffen sein, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Anfang nahm.

9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung

Ich nenne sie die historische Ungeheuerlichkeit und sehe in der Kopie die Grundlage für das, was wir digitale Transformation nennen. Die Möglichkeit, Inhalte identisch zu duplizieren, kann nicht hoch genug bewertet (ich würde sogar sagen gelobt) werden. Sie ist die Voraussetzung für die Versionierung von Inhalten (Kultur wird zur Software) und für den wachsenden Wert von Kontext. Meine Einschätzung ist: Wer die Kopie als Funktionsprinzip verstanden hat, erhält tieferen Einblick in die digitale Gegenwart. Denn die Kopie hat sich mittlerweile weit über das Ökosystem Internet hinaus bewegt und prägt die politische Kommunikation auf erstaunliche Weise. Limor Shifman spricht von der Memefizierung der Gegenwart und öffnet damit die Tür, um sowohl die kurzlebigen Hashtag-Debatten als auch die sehr grundlegenden Debatten-Trends zu verstehen.

Dass die Möglichkeit, nahezu kostenfrei Inhalte vom Träger zu lösen und zu vervielfältigen, auch ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf stellt, kommt noch hinzu. Die Musik- und Medienbranche hat in den vergangenen zehn Jahren hier erstaunliche Wandlungen durchlaufen – und vieles spricht dafür, dass dies in den kommenden zehn Jahren weiter gehen wird. Eine der wenigen Konstanten, die ich dabei sehe: die Kopie wird nicht verschwinden.

10. Das Gegenteil könnte stimmen

Ich finde man kann keine glaubwürdige gegenwärtige Äußerung treffen, ohne deren Gegenteil mitzubedenken. Wer am Wahrheiten ist (s.o.), ist dies selbstverständlich gewöhnt, es lohnt sich aber immer wieder daran zu erinnern, dass das Gegenteil stimmen könnte. Kurt Tucholsky wird (vermutlich falscherweise) das Zitatz zugeschrieben, Toleranz sei der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte. In diesem Sinne tolerant zu bleiben, scheint mir eine Voraussetzung für die offenen Gesellschaft (natürlich mit dem Verweis auf Popper und die Grenzen der Toleranz). Auszuhalten, dass man nicht immer nur Recht haben muss, lässt sich etwas wissenschaftlicher mit den Begriff „Ambiguitätstoleranz“ zusammenfassen. Das bedeutet auch, dass man anerkennt, dass die Gegenwart widersprüchlich ist, dass man am Anspruch stets alles richtig machen zu wollen, scheitern muss.

In diesem Sinne ist auch diese Liste zu lesen, die sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist. Details zu den Punkten findet man in den Büchern, die ich in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht habe: „Mashup – Lob der Kopie“ (2011, Suhrkamp), „Eine neue Version ist verfügbar“ (2013, metrolit), „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ (2017, Matthes&Seitz), „Das Pragmatismus-Prinzip“ (2018, Piper), „Gebrauchsanweisung für das Internet“ (2018, Piper)

Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. In diesem Jahr sind in diesem Newsletter folgende Texte erschienen:
> 12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker tun (Dezember)
> Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (November)
> 50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Oktober)
> Essen ist fertig – online (September)
> Handeln vs. Sein (August)
> #internetbriefmarke (Juli)
> Es bleibt was du tust (Juni)
> Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai)
> 70 Jahre Grundgesetz (April)
> Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (März)
> Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Februar)
> Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Januar)

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Ok Umweltsau: Das Jahr endet, der Generationenkonflikt geht weiter

„Bildung“, soll Hans-Georg Gadamer mal gesagt haben, „ist die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des anderen zu betrachten.“ Ich musste an diesen Satz denken als ich rund um Weihnachten zwei Debatten verfolgte, die besser nicht passen könnten an das Ende des Jahres, das einen tiefgreifenden Generationenkonflikt offengelegt hat. Es geht um einen Tweet von Fridays-For-Future und es geht um einen umgedichteten Text auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“, die ein WDR-Kinderchor gesungen hat. Beides sorgt für Aufregung, beides wird als Respektlosigkeit vor dem Alter ausgelegt. In der Bild-Zeitung schreibt jemand: „Leistet Ihr erst mal, was Eure Großeltern geleistet haben.“

Beide Debatten passen so gut in dieses Jahr, weil es spätestens bei der Europawahl deutlich gemacht hat, was im Mai auch in The Atlantic zu lesen war: Es gibt einen sehr grundlegenden Konflikt zwischen den Generationen. Zum Ende des Jahres drückte sich dieser in der Ok-Boomer-Reaktion aus, die eine Antwort der Jüngeren auf die Belehrungen der Älteren war. In Wahrheit verläuft der Konflikt aber weniger an Geburtsdaten entlang als an der Frage, ob man Bewahrern oder Gestalten möchte.

Womit wir wieder bei Gadamer und bei dem obigen unsplash-Bild sind: Die beiden Oma-Debatten rund um Weihnachten sind eine gute Übung für das, was im kommenden Jahr auf uns wartet. Eine Auseinandersetzung zwischen den Generationen, in der es um mehr gehen wird als um das Wort Umweltsau. Denn wenn es so weiter geht, schreibt Bernd Ulrich in Die Zeit, „dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war.“ Um diese Debatte zu gestalten, braucht es die Fähigkeit des Perspektivwechsel: man muss sich die Welt aus den Augen der anderen Seite vorstellen können.

Das ist eine andere Idee von Bildung als jene, die man früher hatte. Aber auch darum wird es gehen: Autorität neu zu begründen und Veränderungen zu gestalten.

P.S.: Dazu zählt auch die Muster der Aufregung zu verstehen, die Martin Hoffmann in diesem Thread sehr deutlich offenlegt

Update: Drüben im Haltungsturnen spezifiziert @luebue worauf der aktuelle Konflikt beruht – und dass der Gesang keineswegs der Anfang war:

Zunächst haben meine Kinder nicht mal verlangt, zu den eigenen Sünden zu stehen und das eigene Leben zu ändern. Sondern echt nur das Minimale zu tun: andere Parteien zu wählen. Und der Klimakrise Priorität über alle anderen Themen zu geben. Und genau da hat sich die Generation meiner Eltern, die #GenerationLaschet, verweigert. Weder bei Wahlen noch beim Ernstnehmen der Klimakrise hat sie (in der Mehrheit) positiv auf die Hinweise ihrer Enkel reagiert.


Mehr zu dem Thema in der Mai-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen, aber vor allem auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker*innen tun

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Drei Zutaten machen die Tiktok-Story dieses Jahres so interessant. Es sind zu gleichen Teilen das Staunen über die großen Zahlen („soo viele Downloads!?“), die Sorge, das nächste große Ding zu verpassen („so angesagt!?“) und die politische Debatte über Daten und China („wird doch von Peking überwacht“). Angerührt werden diese Zutaten mit einem Schuss Generationenkonflikt („dafür bin ich zu alt“) und schon hat man eine aufmerksamkeitsstarke Debatte um das „angesagteste und umstrittenste Social-Network“ der Stunde. Da zudem auch ein popkultureller Reiz gegenwärtiger Netzkultur drinsteckt, habe ich im Sommer (und seit dem) unnatürlich viel Zeit in Tiktok verbracht (und eine gewisse Begeisterung für dieses Eimer-Meme entwickelt). Höchste Zeit also, zu bündeln, was man derzeit über Tiktok wissen kann. Dafür wähle ich ein neues Format, das ich auch schon im Rahmen einiger Vorträge genutzt habe: ich nenne es 12dinge.de Denn ich maße mir nicht an, Regeln für Tiktok zu formulieren, sondern notiere Beobachtungen, die ich bei erfolgreichen Tiktoker*innen gesehen habe – womit ich sowohl aktive Nutzer*innen meine (auf Tiktok „Creators“ genannt), denen es um Reichweite und Interaktion geht, als auch jene, die weniger öffentlich auftreten und eher an kultureller Teilhabe interessiert sind:

12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker*innen tun:

1. Sie definieren, was Erfolg bedeuten soll

Fragt man die Websuche landet man bei „Erfolgs-Kriterien“ sehr schnell bei der Anzahl der Follower, die Accounts auf Tiktok auch sammeln können. Die aktuelle Erhebung von Statista ist dafür recht aufschlussreich – wie auch bei Instagram ist der größte Account in der Plattform derjenige, der für die Plattform steht. Dahinter folgen interessante Personen-Accounts, die auch schon auf YouTube und/oder Instagram reichweitenstark sind, aber eben anders. Die ersten fünf heißen:

1. Loren Gray – hier ihr Wikipedia-Eintrag
2. Baby Ariel – hier ihr Wikipedia-Eintrag
3. Zach King – hier sein Wikipedia-Eintrag
4. Riyaz Aly(vielleicht Autor*in werden?)
5. Kristen Hancher(vielleicht Autor*in werden?)

Diese Liste begründet, warum viele vor allem ältere Nutzer*innen denken, sie würden Tiktok nicht verstehen. Aber keine Sorge, es gibt auch Accounts, die älteren Menschen bekannt sein könnten: Arnoldschnitzel ist beispielsweise Arnold Schwarzenegger und der Sieben-Zwerge- und Genial-Daneben-Comedian Martin Schneider ist als maddinschneider aktiv.

Doch entscheidend ist, dass die Followerzahlen natürlich kein tauglicher Hinweis für Erfolg sind. Wer erfolgreich auf Tiktok sein will, sollte eigene Kriterien festlegen – und sich diese nicht von der Plattform vorgeben lassen (gilt übrigens auch für andere Plattformen). Diese Liste hier definiert Erfolg eher im Sinne eines souveränen Umgangs mit dem Dienst. Das schließt reichenweitenstarke Interaktionen auf der Plattform nicht aus, geht aber darüberhinaus. In der Tiktok-eigenen Sprache würde man vermutlich am ehesten von The Woah sprechen (siehe Punkt 12)

2. Sie lesen chinacables.de

Der Dienst Tiktok zählt zum chinesischen Anbieter ByteDance und firmiert dort unter dem Namen Douyin. In den vergangenen Tagen wurde viel über die Herkunft geschrieben. Sie wird in den folgenden Punkten auch Thema sein. Bevor man dort aber tiefer einsteigt, sollte man die China-Cable-Berichterstattung der Kolleg*innen lesen. Es gibt übrigens auch eine keine Fassung, die als Schminktutorial auf Tiktok verpackt wurde – und über die ein Streit entbrannt ist, wie der Guardian berichtet.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt der China-Experte Stephan Scheuer, dass er es für unwahrscheinlich hält, dass Tiktok direkt aus Peking (heißt von der chinesischen Regierung) gesteuert wird. Er weist aber darauf hin, „dass in China alle Unternehmen, die sich gerade mit Inhalten und gerade auch mit Medienproduktion, also mit Nachrichten, beschäftigen, sehr, sehr strengen Vorgaben unterworfen sind. Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass jetzt irgendwie der chinesische Staat TikTok lenkt. Allerdings ist TikTok eben ein Unternehmen, das all diesen Regeln unterworfen ist. Und wenn TikTok international negativ auffallen sollte, für beispielsweise die Verbreitung von chinakritischen Inhalten, besteht natürlich immer die Gefahr, dass das zu Verwerfungen auf dem Heimatmarkt führt. Sprich, dass TikTok dafür Ärger bekommt, was auf der Plattform im Ausland stattfindet.

3. Sie leben Ambiguitätstoleranz

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, ob Tiktok gut oder schlecht ist. Es ist unumgänglich, Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Man spricht dann von Ambiguitätstolerenz – wer mehr dazu wissen will (diese benötigt man nämlich nicht nur im Umgang mit Tiktok), kann sich beim Shruggie informieren.

4. Sie begleiten ihre Kinder und wissen was Cybergrooming ist

Erfolgreich heißt im Zusammenhang der folgenden Punkte vor allem auch: einen souveränen Umgang mit dem Dienst finden. Dazu zählt zunächst ein angstfreier aber nicht naiver Zugang. Die vergangenen Tage waren voll von aufmerksamkeits-optimierter Berichterstattung, die vor allem Gefahren und Bedrohungen skizziert hat. Die Nutzer*innen lassen sich davon bisher allerdings kaum bremsen, die App zu installieren. Deshalb sollten Eltern Tiktok gemeinsam mit ihren Kindern installieren und anschauen – und sie sollten sich bewusst sein, dass dort eine sehr konkrete Gefahr vom Cybergrooming ausgehen kann. Also von Nutzern, die unter falscher Identität Kinder bedrohen. Das empfehlenswerte medienpädagogische Projekt „Schau hin“ dazu: „Die TäterInnen nutzen meist falsche Identitäten und überreden die Kinder zum Übersenden von Nacktaufnahmen oder sogar zu persönlichen Treffen. Zuletzt hat die App TikTok Schlagzeilen gemacht, weil junge NutzerInnen hier unter Hashtags wie #bellydance vermeintlich aufreizende Fotos hochluden und ältere NutzerInnen sie offensichtlich daraufhin ansprachen.“

5. Sie sind sich der Sogwirkung des Dienstes bewusst

Ich sag es mal so banal: Tiktok kann Spaß machen. Ich habe im Sommer in diesem Text schon beschrieben, dass die kurzen Clips immer mit dem Versprechen verbunden sind, dass beim nächsten Swipe ein toller Film kommen könnte. Samira El Ouassil hat das im Interview mit Deutschlandfunk Kultur etwas eloquenter ausgedrückt: „Man hat eine Unvorhersehbarkeit, die ähnlich ist wie beim Glücksspiel, und deswegen hat das auch etwas sehr suchtförderndes, weil man nicht weiß, ob das nächste Video nicht etwas ganz Großartiges, Lustiges, Wunderschönes oder furchtbar Interessantes ist.

6. Sie achten auf den Datenschutz

Die Frage, ob und wie chinesische Behörden auf Daten von Tiktok zugreifen können ist das eine (und ich sage voraus: da werden wir noch unschöne Geschichten hören). Wir haben an den Schauergeschichten US-amerikanischer Dienste gesehen, dass es auch im Westen gelingt, ordentlich Mist mit Nutzer*innendaten zu machen. Dessen sollte sich jede und jeder generell bewusst sein. Darüberhinaus stellt sich die Frage nach der Verwendung von Klarnamen und ob der Account öffentlich zugänglich sein sollte oder (zunächst mal) nur engen Freundinnen und Freunden. Zu den Privatsphäre-Einstellungen empfehle ich nochmal Schau hin.

7. Sie schauen erstmal zu

Ein Tipp, der vielleicht für viel mehr Bereiche im Leben gilt als nur für soziale Netzwerke: Es schadet häufig nicht, zunächst die Gepflogenheiten in einem Raum zu kennen, bevor man sich selber prominent in Szene setzt. Im konkreten Fall ist es deshalb sinnvoll, die grundlegenden sozialen Normen auf Tiktok anzuschauen – und Reaktionsmuster zu beobachten: Was machen andere? Warum tun sie das? Wer auf diese Weise den Dienst beobachtet, wird automatisch feststellen, dass Nutzer*innen hier häufig auch mit verkäuferischer Absicht Inhalte posten; dass manche schönen Clips in Wahrheit Werbung sind und dass man nicht auf die glänzende Oberfläche hereinfallen sollte. Diese Grundprinzipien der Medienkompetenz transportieren sich am besten, wenn man zunächst mal zuschaut, wie andere sich verhalten.

Dabei gilt es zu bedenken: viele erfolgreiche Tiktoker*innen wirken zwar wie der nette Kumpel von nebenan, sie sind aber nicht selten (zumindest jene mit den oben genannten Reichweiten) professionelle Medienunternehmen. Deshalb habe ich das obige Symbol-Bild von Unsplash ausgewählt, das zeigt: Zu Medienkompetenz zählt auch, sich vorzustellen, wie es wohl hinter der Kamera aussieht.

8. Sie benutzen ein Ringlicht

Der Blick hinter die Kamera ist mittlerweile sogar Teil einiger Tutorials auf Tiktok, in denen gezeigt wird, wie bestimmte filmische Tricks zustande kommen. Dabei immer wieder auch im Bild: das Ringlicht – und damit wechseln wir von der Beobachtungs-Position in die aktive Teilnahme ;-)

9. Sie sind bereit, sich zum Affen zu machen

Jeder Social-Media-Dienst hat einen eigenen Schwerpunkt. Der kann sich ändern, er prägt aber die Ausrichtung des Dienstes. Bei Tiktok weht noch der Geist von musical.ly – es geht also immer noch darum, sich selber in Szene zu setzen. Der Ursprung war das Nachsingen von Liedern. Das ist heute in weiten Teilen immer noch so, aber nicht mehr nur. Auf der About-Seite schreibt Tiktok: „Die Plattform ist ein Zuhause für kreative Videos, die für authentische, inspirierende und lustige Erfahrungen sorgen.“ Es geht also weiterhin darum, persönliche und auch verletztliche Seiten der eigenen Person zu zeigen. Wer aktiv bei Tiktok mitmischen will, sollte diese Bereitschaft mitbringen (das da rechts ist übrigens ein so genanntes Tiktok-Memojie von mir) – und auf diese Weise eine eigene Stimme finden.

10. Sie lernen von den Müttern von Tiktok

Die New York Times hat dieser Tage eine tolle Geschichte veröffentlicht, die den Titel trägt „The Moms of TikTok Are Deeply Corny — and Gloriously Free“. Der Text handelt von dem eher ungefilterten Bild, das man in Tiktok im Vergleich zur Hochglanz-Welt von Instagram sehen kann (ich hatte das hier am Beispiel des Kacheltischs illustriert) – und stellt die These auf, dass diese Mütter von Tiktok in Wahrheit eine äußerst gegenwärtige Interpretation von Coolness zeigen: „If coolness denotes — or once denoted — a certain indifference to what people think, then these middle-aged mothers with their silly, adorable shtick and their paunchy husbands are perhaps the only cool people left on our try-hard planet.

11. Sie machen Duette

Was in Twitter der Retweet, ist in Tiktok das Duett – eine Form der direkten Bezugnahme und Referenz. In dem bereits zitierten Gespräch in Deutschlandfunk Kultur hat Samira El Ouassil erklärt, dass das Ok Boomer-Meme sich zum Beispiel durch die Möglichkeit zum Duett besonders gut verbreitet hat (siehe Screenshot rechts, der das Antwort-Duett zeigt). Durch das Duett ist aber auch die Möglichkeit zur Vernetzung gegeben, vergleichbar einem Insta-Takeover, bei dem Accounts von der gegenseitigen Reichweite profitieren wollen. Das funktioniert auch bei Duetten, in denen die Accounts aufeinander verweisen. Lena Meyer-Landrut hat zum Start ihrer Tiktok-Karriere vor ein paar Wochen beispielsweise direkt einen Clip hochgeladen, der zu Duetten einlädt. Ähnlich hat sich die die Saftmarke Punica in einer Kampagne auf Tiktok positioniert, bei der Nutzer*innen mit virtuellen Früchten tanzen sollten.

12. Sie suchen nicht nach dem nächsten großen Ding: Sie suchen nach dem Woah

Ein wichtiger Antrieb auf Tiktok sind so genannte Challenges. Eine konnte man in dem MyType-Tagesschau-Clip sehen, eine andere trägt den Titel Woah-Challenge und versucht einen besonderen The Woah genannten Tanz-Move einzufangen. Ich beschließe diese eher subjektive 12-Punkte-Liste mit dem Whoa weil darin eine bessere Alternative zu der Suche nach dem nächsten großen Ding liegt. Diesem nachzujagen, scheint mir wenig sinnvoll zu sein – auch auf Tiktok. Erfolgreicher (in dem oben beschriebenen Sinn) scheinen mir diejenigen Menschen zu sein, die Tiktok in dem Sinne nutzen, das The Whoa vormacht. Besser kann man das nicht erklären, man muss es vermutlich ausprobieren – es schließt aber die Option ein, dass vielleicht auch das Gegenteil richtig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

loading: Buzzard, das Online-Medium für Perspektiven-Vielfalt

„Demokratie braucht Diskurs“ sagen die Macher*innen von Buzzard, einer App, die Perspektiven-Vielfalt für ein demokratisches Miteinander bieten will. Dazu ist heute ein Crowdfunding gestartet, zu dem die Buzzard-Macher*innen den loading-Fragebogen beantwortet haben.

Was macht Ihr?
Wir arbeiten an einer Newsapp, die auf einen Blick Medien vom ganzen Meinungsspektrum im Überblick zeigt – unvoreingenommen und transparent. Wir wollen damit Menschen motivieren, sich wieder öfter mit anderen Positionen als der eigenen zu beschäftigen. Und einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt bieten.
Unser Prototyp war zwei Jahre lang erfolgreich, wurde mit zahlreichen Gründerpreisen und Förderungen ausgezeichnet. Jetzt arbeiten wir an einer Newsapp, die Perspektivenvielfalt im Alltag möglich macht. Jeden Tag, auf dem Smartphone, auch für Menschen, die wenig Zeit haben.
Um das möglich zu machen, starten wir zum 8. Dezember eine groß angelegte Crowdfundingkampagne. Unser Ziel: 4500 Unterstützer*innen und 250 000 Euro, um das erste Jahr des neuen Online-Mediums zu finanzieren. Jetzt, da unsere Prototyp-Phase abgeschlossen ist. Uns ist wichtig, dass wir uns über unsere Leserinnen und Leser finanzieren und so unabhängigen und werbefreien Journalismus machen können.
Im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne sind wir zurzeit in ganz Deutschland unterwegs. Wir sprechen in Gründungszentren und Universitäten über Debattenkultur in Deutschland und stellen unsere App vor.

Warum macht Ihr es (so)?
Der Diskurs in Deutschland verroht. Politiker erhalten Mordrohungen, Shitstorms und Hassrede sind für viele Menschen Alltag und radikalen Worten folgen mittlerweile radikale Taten. Das kann nicht so weitergehen. Wir brauchen einen Diskurswandel. Wir brauchen Argumente statt Emotionen und sachlichen Diskurs statt Schubladendenken und Beleidigungen.
Und aus unserer Sicht haben Medien hier eine große Verantwortung. Denn Medien prägen, wie wir die Welt sehen. Und oftmals auch, wie wir über Andersdenkende urteilen. Deshalb reicht es nicht aus, wenn Journalist*innen sich über Hatespeech beschweren. Damit ist das Problem nicht gelöst. Wir als Journalistinnen und Journalisten müssen uns fragen, wo die Radikalisierung herkommt. Sie ist nicht zuletzt auch ein Medienproblem.
Was kann man tun? Unser Ansatz ist, Buzzard zu gründen. Denn ein Grund, warum viele Menschen immer weniger Geduld für andere Meinungen haben, ist, dass sie sich an die Bestätigung ihres eigenen Weltbildes gewöhnen. Viele Menschen sprechen im Alltag kaum noch mit Andersdenkenden. Fragen Sie mal einen Grünen-Wähler, wie oft er sich ernsthaft mit AfD-Wählern unterhält? Sehr selten. Daran muss sich etwas ändern.
Aber es wird sich nur ändern, wenn es möglich ist, sich im Alltag öfter mit Positionen von Andersdenkenden zu beschäftigen. Vielen Menschen fehlt dafür schlichtweg die Zeit. Deshalb braucht es dringend Buzzard.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die etwas dagegen tun wollen, dass der Diskurs immer weiter verroht und die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. Alle, die wieder sachlich diskutieren wollen, anstatt sich mit Beleidigungen niederschreien zu lassen. Alle, die sich für Meinungen und Perspektiven außerhalb ihrer Filterblasen interessieren. Und alle, die sich eine Welt wünschen, in der Menschen wieder mehr Verständnis füreinander haben.
Außerdem ist Buzzard auch einfach ein sehr nützliches Tool in der täglichen Nachrichtenflut. Wer Buzzard nutzt, spart Zeit. Zu wichtigen aktuellen Themen, kann man sich mit Buzzard innerhalb kürzester Zeit differenziert informieren, hat den Überblick und findet Meinungsbeiträge vom ganzen Meinungsspektrum ohne lange zu suchen. Buzzard hilft einem dadurch, im Alltag gelassener aufzutreten, interessantere Gespräche zu führen und neue Debatten anzustoßen, öfter die Punkte nennen zu können, von denen andere sagen: Wow, so habe ich das noch nie gesehen.

Wie geht es weiter?
Alles entscheidet sich jetzt mit der aktuellen Crowdfunding-Kampagne. Mit ihr steht und fällt Buzzard. Wenn wir unser Ziel von 4500 Unterstützer*innen erreichen, können wir als werbefreies und unabhängiges Journalismus-Projekt weiterarbeiten. Ist die Kampagne erfolgreich, geht im Frühjahr 2020 die Buzzard-App an den Start, die Nachrichtenleser*innen täglich den Überblick bietet und die Möglichkeit den eigenen Horizont zu erweitern.
Mit dem Budget von 250 000 Euro bezahlen wir die Tagesredaktion sowie Entwicklung und Design für ein Jahr. Alle Ausgaben sind transparent einsehbar. Es geht uns nicht um Profit, sondern um Kostendeckung.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Öfter abseits der eigenen Blase unterwegs zu sein, hat nichts mit Idealismus oder Gutmenschentum zu tun. Und es ist auch kein „Nice-to-Have“. Es ist essentiell. Wir brauchen einen vernünftigen, differenzierten Überblick über das Weltgeschehen, wenn wir vernünftige Entscheidungen treffen wollen.

>>> Das Projekt hier unterstützen

Update: Übermedien berichtet über Kritik am Projekt
Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Freiheit zum Andersdenken, Unser Land, unsere Regeln, Was wäre wenn Seehofer Recht hätte?, Streiten lernen, Warum ich nicht mehr an den Masterplan glaube – und natürlich beim Shruggie ¯\_(ツ)_/¯.

Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass Medien manchmal über Dinge berichten (müssen), die eben durch die Berichterstattung zu einem Thema oder manchmal auch zu einem handfesten Problem werden. Ich nenne dieses Phänomen die Ambiguität der Aufmerksamkeit und es führt – wie hier und hier beschrieben – dazu, dass das bewusste Ignorieren von bestimmten Abläufen, eine politische Entscheidung sein kann. Denn wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.

Ich will dies im Folgenden am Beispiel des Spins illustrieren, den der Betrüger Claas Relotius und seine Anwälte seiner Lügen-Geschichte gegeben haben. Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.
Ich wähle dabei das Bild eines Spins, weil die Kampagne funktioniert wie das gleichnamige Prinzip aus dem Ball-Sport (Symbolbild: unsplash): ein Tischtennis- oder Tennisball wird mit soviel Spin oder Effet geschlagen, dass die Gegenseite manchmal einfach nur den Schläger hinhalten muss und so einen Fehler begeht – weil der Ball dann ins Aus geht und der Spin-Treibende einen Punkt macht. Genau das ist diese Woche passiert.
In der Rolle der Spin-Geber: Relotius und seine Anwälte.
In der Rolle der Schlägerhaltenden: Die Zeit und Teile der deutschen Öffentlichkeit.

Ich äußere mich bewusst nicht zum Inhalt der Vorwürfe, die Relotius erhebt (komme allerdings später nochmal indirekt darauf). Denn indem man sich das Thema aufdrängen lässt, ist man dem Spin schon verfallen. Henriette Löwisch, Schulleiterin der Deutschen Journalistenschule, hat das in diesem Twitter-Thread perfekt zusammengefasst

Lehrstunde Medienkompetenz: Fünf Fragen zum durchsichtigen Plan des Betrügers Claas Relotius

Worin genau besteht der Spin?
Welche Möglichkeiten könnte es geben, um das Ansehen von Claas Relotius in der Öffentlichkeit zu heben? Klar, er könnte sich entschuldigen – zuerst bei denen, die „unwahre Interpretationen und Falschbehauptungen“ von Claas Relotius über sich hinnnehmen mussten, aber natürlich auch bei der Öffentlichkeit und bei den redlich arbeitenden Journalist*innen, deren Reputation er nachhaltig beschädigt hat. Wer aber einfach nur sein Image heben will, ohne selber etwas zu tun, wählt einen anderen Weg, einen, den man aus Wahlkämpfen kennt: Man versucht zunächst, das Problem zu personalisieren und eine Gegenseite zu konstruieren. Hier lohnt es sich kurz inne zu halten: Denn allein die Tatsache, dass wir glauben, es gebe einen Fall „Relotius gegen Moreno“ ist schon Teil des Spins, den wir gerade erleben. Fallen Sie bitte nicht erneut auf Claas Relotius rein: Wenn überhaupt lautet der Fall „Relotius gegen die Öffentlichkeit“, also gegen uns alle!

Es ist schon eine Leistung, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, die Gegenseite sei eine konkrete andere Person (eben Juan Moreno). Auf dieser Leistung baut der zweite Schritt auf, in dem es darum geht, die Glaubwürdigkeit der vermeintlichen Gegenseite so nachhaltig wie möglich zu erschüttern. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden, in Wahlkämpfen wird der persönliche Hintergrund durchleuchtet, um dort Verfehlungen zu finden und in die Öffentlichkeit zu zerren. Das Ziel bei all dem: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Person streuen. Im konkreten Fall soll damit beim Publikum der Eindruck erweckt werden „die schummeln ja alle“. Folge: Das Image des Fälschers Relotius hebt sich automatisch, seine singuläre widerwärtige Betrugsgeschichte wird relativiert. Das Besondere an diesem Vorgehen: Es gelingt völlig unabhängig davon, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Der Spingeber muss nur jemanden finden, der den Schläger hinhält, also seine Zweifel öffentlich macht und anschließend Juan Moreno öffentlich vielleicht sogar noch damit konfrontiert. Wenn das passiert, ist der Spin geglückt. Relotius selber muss sich nicht erklären, er wird nicht konfrontiert, sondern kann beobachten wie Christof Siemes in Die Zeit ein Raunen verbreitet und Juan Moreno auf der Medientage-Bühne zu den „Vorwürfen“ von Relotius befragt wird. Klarer Punktgewinn für Relotius und seine Anwälte.

Aber ist es nicht die journalistische Pflicht, dieser Geschichte nachzugehen?
Unbedingt. Es ist jedoch auch die journalistische Pflicht, Zeitpunkt, Zusammenhang und Sprache „dieser Geschichte“ einzuordnen. Es ist Teil des beschriebenen Spins, darauf zu hoffen, dass ein Medium möglichst ohne Nachfrage oder Einordnung, Zitate desjenigen verbreitet, dessen Image gehoben werden soll. Er muss sich dann keinen nervigen Fragen stellen, die seine Sicht der Dinge einordnen könnten und kann auch den Zeitpunkt bestimmen, zu dem der Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Gegenseite gestartet wird. Es ist durchaus möglich, erst dann groß über Unterlassungserklärungen zu berichten, wenn über ihren Gegenstand entschieden wurde – und nicht zu dem Zeitpunkt, den der Anwalt gerne hätte. Im konkreten Fall bekommt der Betrüger Claas Relotius die Bühne und darf ohne jegliche Einordnung behaupten, er stelle sich allem wofür er verantwortlich sei und er wolle nicht ablenken. Statt ein einfaches „hihi“ zu ergänzen oder vielleicht sogar eine kritische Frage, lässt Die Zeit diese Aussage unkommentiert und kommt zu dem Schluss: „Warum Relotius tat, was er tat, darüber kann wahrscheinlich nicht einmal er selbst schlüssig Auskunft geben.“ Wenn es einen Satz als Beleg dafür braucht, dass Christof Siemes durch und durch dem Spin der Anwälte erlegen ist, dann diese im doppelten Sinn mitleiderregende Spekulation.

Was ist eigentlich eine Unterlassungserklärung?
Darauf gibt es eine juristische Antwort und eine aus der Krisenkommunikation. Juristisch ist das Fordern einer Unterlassungserklärung nicht mehr als der Hinweis darauf, dass Partei A möchte, dass Partei B ein Verhalten in Zukunft unterlässt, das Partei A für rechtswidrig hält. Das Zivilrecht sieht dafür das Instrument der strafbewährten Unterlassung vor. Diese zu fordern heißt aber keineswegs, dass damit auch schon geklärt sei, ob das Verhalten von Partei B tatsächlich rechtswidrig ist. Deshalb ist die Unterlassungserklärung auch ein populäres Mittel in der Krisenkommunikation. Denn diese zu lautstark öffentich zu fordern, kann unabhängig vom juristischen Ausgang auch Teil eines Spins sein, der dabei helfen soll, Partei A wieder kommunikative Macht in einer Situation zu geben. Im Sinne einer guten journalistischen Einordnung der Geschehnisse hätte man erklären können, was die Forderung einer Unterlassung bedeutet.
Denn diese einfach nur zu erwähnen und uneingeordnet zu berichten, kann man auch als Google-Teil des Spins deuten. Wie das funktioniert, kann man am Beispiel von Boris Johnson sehen. Weil der mit den Google-Suchergebnissen zu seiner Person in Kombination mit dem Wort Bus nicht zufrieden war (Details dazu hier), begann er in Interviews zu behaupten, er sammle leidenschaftlich gerne Miniaturbusse. Die Folge: genau diese Artikel und Interviews fanden sich plötzlich weiter oben in den Suchergebnis-Seiten – und nicht mehr jene mit den Brexit-Kampagnenbussen, die Johnson gerne verschwinden lassen würde. Wer im konkreten Fall nach den Namen der Beteiligten und den Begriffen Lüge oder Betrug sucht, wird künftig auch andere Ergebnisse bekommen. Die über den Ausgangsbetrug des Betrügers Claas Relotius werden verdrängt von Ergebnissen, in denen es um vermeintliche Verfehlungen einer anderen Person geht. Auch hier: Spin geglückt.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Mit der auch öffentlichen Reflektion dessen, ob, was und wann man veröffentlicht. Und damit meine ich nicht nur die Medien, die nicht einfach ungefiltert, den Spin einer Seite übernehmen sollten. Ich meine auch jede und jeden einzelnen, die oder der Informationen im Netz verbreitet. Es spielt eine Rolle, wie das geschieht – gerade in den angesprochenen Fragen der Optimnierung Beeinflussung von Suchmaschinen, fällt da auch dem einzelnen große Macht zu.

Aber wenn Relotius vielleicht doch Recht hat?
Diese Frage ist völlig berechtigt und es zeichnet guten Journalismus aus, diese Frage zu stellen. In der aktuellen Situation kann man darauf zwei Antworten geben. Die erste habe ich oben von Henriette Löwisch schon zitiert: Das kann man ja abwarten. Mit dem zweiten Teil der Antwort beziehe mich ausdrücklich nicht auf die aktuelle Situation, sondern grundsätzlich auf Kommunikationsstrategen, die in anderen Konstellationen auf diese Form des Spins zurückgreifen. Wer die Glaubwürdigkeit der Gegenseite in Frage stellen will, wird dafür nach allem suchen, was sie oder er finden kann: im Privatleben, in alten Geschichten, in früheren Interviews oder alten Reportagen. Denn je mehr sich finden lässt, umso besser funktioniert der beschriebene Spin. Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn sich nicht mehr als Stilfragen finden, dann würde ich vermutlich nicht widersprechen wenn jemand behaupten würde: Die haben einfach in alten Geschichten von Moreno nix gefunden, weil der immer sauber gearbeitet hat.

Es ist übrigens auch Teil der Ambiguität, dass durch die Kampagne gegen Juan Moreno sein Buch noch mehr im Gespräch ist. Es heißt „Tausend Zeilen Lüge“ und ich halte es für unbedingt empfehlenswert.


UPDATE 7.11.:
Der Tagesanzeiger dokumentiert, wie in der Wikipedia nicht verifizierbare Accounts daran arbeiten, das Bild von Claas Relotius genau in der Form zu drehen wie oben beschrieben:

Sukzessive tauchen mehr als ein halbes Dutzend weitere Wikipedia-Debütanten auf. Sie gehen dreist vor. Und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen. Den Rest des Lexikons ignoriert sie weitgehend. Nur da und dort werden Passagen über vergleichsweise kleine Fehler journalistischer Hochkaräter ausgeschmückt. Zu den so Angeschwärzten gehören Rechercheur Hans Leyendecker oder «Spiegel»-Kadermann Dirk Kurbjuweit. Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach einer der genialsten unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen: Relotius wird als «Karl May unserer Tage» verharmlost; er habe auch etwas von Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote, den ganz grossen US-Literaten.

Das Perfide an den Eingriffen auf Wikipedia: Hier werden die oben genannten Presse-Meldungen als Referenz genannt (hier die Debatte nachlesen) Nächster Spin geglückt…


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Shruggie des Monats: die Facebook-Gruppe

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich mag Werbung. Sie ist zentraler Bestandteil unserer Gegenwarts-Kultur, wird aber kaum als solche wahrgenommen (weshalb ich überlege, meine Wahrnehmung künftig stärker auf Werbung zu richten). Die meisten Menschen fühlen sich von Werbung vor allem gestört. Was auch daran liegt, dass die meisten Kampagnen genau darauf abzielen: Unterbrechung und Störung. Ich verstehe solche Werbung immer als leisen Hilferuf. Ich höre dann stets die Stimme der werbenden Marke, die etwas verzweifelt sagt: „Mein Angebot A ist echt kaum bekannt“ oder „Mein Angebot C könnte noch viel mehr Leute erreichen.“

Als ich diesen Monat durch die Stadt geradelt bin, hörte ich erstaunlich oft die leise Werbestimme von Facebook. Das ist deshalb erstaunlich, weil man sonst wenig von Facebook hört – und weil die meisten Menschen dachten: Facebook bräuchte doch gar keine Werbung. Braucht Facebook offenbar doch. Jedenfalls sah ich an einer Münchner Bushaltestelle ein Plakat, das mir Hamburger Hundehalter zeigte (unter einem Schirm, der mich fatal an die Versicherungskammer Bayern erinnerte). Wenige Busstationen weiter sah ich „Schwangere Echte Mamas“, die für Facebook werben. Denn Hundehalte wie Mamas haben sich auf Facebook in so genannten Gruppen organisiert. Und die Facebook-Werbestimme sagt: „Viel mehr Leute sollten sich für mein Angebot ,Facebook-Gruppen‘ interessieren.“

Diese Kampagne ist das sichtbarste Zeichen für eine Entwicklung, die ich Anfang des Jahres als „Dark Social“ beschrieb: Social Media wird privater. Mit der Werbung für die Gruppen-Funktion versucht Facebook auf einen Trend zu reagieren, der mancherorts auch als Messengerisierung beschrieben wurde. Im April hatte Mark Zuckerberg (dem noch vor wenigen Jahren der Spruch zugeschrieben wurde, Privatsphäre sei eine überholte Idee) angekündigt: „The future is private. I believe that a private social platform will be even more important to our lives than our digital town squares. So today, we’re going to start talking about what it means to have your social experience be more intimate.“

Was diese Gespräche bei Facebook bedeuten, kann man jetzt an deutschen Bushaltestelle sehen: Facebook möchte kein Marktplatz mehr sein, sondern ein gemütlicher Ort, an dem sich Gleichgesinnte treffen. Ich finde das eine spannende Beobachtung, weil sie zeigt, dass selbst Facebook um seine Ausrichtung und Relevanz kämpfen muss. Das Unternehmen, das vielen als unangreif- und besiegbar gilt, sucht nach einer neuen Bedeutung im Leben seiner Nutzer*innen – und dabei ist keineswegs sicher, ob das gelingt (was man im Techlash-Eintrag aus dem vergangenen Frühjahr nachlesen kann).

Doch selbst wenn es dem Mutterkonzern Facebook nicht gelingt auf den Privat-Trend in Social-Media zu reagieren: die Töchter WhatsApp und Instagram haben sich auf diese Entwicklung bereits eingestellt, bzw. treiben sie mit der angekündigten Threads-App aktiv voran.

Dennoch zeigt die Werbung für Facebook-Gruppen vor allem dies: die Welt im Web ist massiv in Bewegung. Wer da mithalten will, braucht die richtige Haltung zum Neuen ¯\_(ツ)_/¯

Mehr über „Dark Social“ hier im Blog

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Witze erklären

Gudrun Kirfel hat geantwortet. Vor ein paar Wochen hatten die Space Frogs gefragt, welche Vertreter*in der „klassischen Medien Altmedien“ sie besuchen und Memes angucken möchte. Und heute nun ist das Video online gegangen, in dem die Space Frogs versuchen Memes zu erklären.

Das machen sie leider viel schlechter als ihre sonstigen Videos. Denn natürlich ist es nahezu unmöglich, Referenz-Witze (und was anderes sind Memes ja meist nicht) zu erklären ohne dabei die Witze kaputt zu machen. Das kann eigentlich nur der Twitter-Account WitzigWeil, der selber schon wieder ein schönes Beispiel für ein Meme ist. Und darin liegt das Hauptproblem in dem kurzen Clip: Die Space Frogs zeigen fast ausschließlich Referenz-Witze, bei denen die Referenzen nicht im deutschsprachigen Raum liegen. Das macht das Erklären dann nochmal schwieriger.

Dabei stellt man am Ende des Videos fest, dass es eine sehr leichte Brücke gegeben hätte, über die Gudrun Kirfel und die Space Frogs hätten gehen können. Denn Gudrun Kirfel zeigt den beiden am Ende einen Ausschnitt aus ihrer Arbeit – und die funktioniert vergleichbar zum Prinzip der Memes. In der Rubrik ausgezappt werden aktuelle Geschehnisse referenziert und eingeordnet. Und das machen Memes eben auch – nur für eine andere Nutzer*innenschaft und mit anderen Referenzen. So entsteht eine Art Geheimsprache, die ihren Wert eben daraus zieht, dass es Menschen gibt, die die Referenz gerade nicht verstehen.

Insofern ist das Video wiederum ein sehr guter Beweis für die Funktionalität von Memes – das hätte man aber auch einfach einmal sagen können…

Mehr über Memes hier im Blog

Internet-Manifeste – gestern und heute

Es ist in diesen Tagen genau zehn Jahre her, dass 15 Internet-People einen Text veröffentlichten, den sie Das Internet-Manifest. Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen. nannten. Man kann ihn drüben bei Sascha im Blog nachlesen – und es ist eine schöne Erinnerung an das Web die Welt im Jahr 2009. Denn wenn dieser Tage 13 andere Internet-People ein anderes Internet-Manifest veröffentlichen, zeigt das vor allem, wie sehr sich die Welt und unser Bild vom Web in den vergangenen zehn Jahren verändert hat.

Zum ersten ist man schon froh, dass bei der Suche nach „Internet-Manifest“ (Symbolbild: unsplash) kein wirrer Text aus „aggrieved entitlement“ auftaucht, in dem ein gekränkter Mann mit der Gegenwart nicht klar kommt. Und zum zweiten zeigen die Unterschiede zwischen dem Manifest von 2009 und jenem aus dem Jahr 2019 vor welchen Herausforderungen Internet-Politik inzwischen steht (Es gibt übrigens eine Fassung des 2009er-Textes, der bei Flurfunk-Dresden hinter einer Registrierungs-Wall steht (sic!).)

2009 ging es um neuen Idealismus, um Aufbruch und ums Erklären: „Wie Journalismus heute funktioniert“ verspricht der Text schon im Titel. Der Text des Jahres 2019 trägt im Titel einen Hashtag – was in diesem konkreten Fall als Verbeugung vor einer Plattform gelesen werden muss. Denn die Websuche liefert ausschließlich Twitter-Ergebnisse zu #webIsOurs. Das ist deshalb erstaunlich, weil das Manifest des Jahres 2019 sich zentral darum dreht, das Web von den Plattformen zurückzuerobern: „Wir rufen alle Internet-Nutzer*innen auf, sich mit dem Ziel der Etablierung vertrauenswürdiger Kommunikations­technologien zu organisieren und diese breit zu nutzen“, heißt es in dem Text, der auch auf englisch auf Github veröffentlicht wurde.

Im Manifest aus dem Jahr 2009 hieß es: „Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden.“ Der Text aus dem Jahr 2019 hadert damit, dass viele Menschen genau diese offene Architektur nicht wahrnehmen, sondern Google oder Facebook für „Das Internet“ halten. Wenn ich mit der Gebrauchsanweisung auf Lesereise bin oder (wie am 4.11. in Landsberg) über die Idee spreche, dass das Internet Heimat sein kann – erhalte ich oft den Widerspruch, dass Facebook aber echt doof oder Google in Wahrheit doch evil sei. Das ist richtig (und in der Gebrauchsanweisung ist dem GAFAM-Thema sogar ein ganzes Kapitel gewidmet), aber eben nicht das Internet.

So banal das klingt, aber ich glaube, die zentrale Herausforderung für gegenwärtige Internet-Politik ist auch 2019 noch: Grundwissen darüber zu verbreiten, welch grundlegende historische Erschütterung das Internet eigentlich ist. Es herrscht leider bis hoch in wichtige Entscheidungs-Gremien Unkenntnis darüber, was die dezentrale Grundstruktur des Netzwerks bedeutet, warum Packet Switching und Netzneutralität wichtig sind und worin der Unterschied zwischen Web und Internet besteht. Das an sich ist gar nicht schlimm, schlimm finde ich, dass so wenig dagegen unternommen wird, diese Wissenslücken zu schließen.

Aus aktuell historischem Anlass ein Vorschlag um damit zu beginnen: ich habe zum 50sten Geburtstag 50 Dinge notiert, die man über das Internet wissen könnte

50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

1. Am 29.10.1969 wurde das erste Mal eine Verbindung über den Internet-Vorläufer Arpanet hergestellt. Zeit für eine kleine Jubiläumsliste ( Foto: Unsplash): Was man übers Internet wissen könnte!
2. Das Internet ist die grundlegende Infrastruktur für die Vernetzung. Sie ist die Voraussetzung für viele anderen Anwendungen.
3. Das Web ist die vermutlich bekannteste Anwendung, die das Internet nutzt. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Anwendungen. Um das Web nutzen zu können, braucht man einen Internet-Browser.
4. Als Faustregel kann man sich merken: Das Internet vernetzt Computer – das Web vernetzt Inhalte.
5. Die wichtigste Erfindung im Web ist der Link. Von Goethe stammt das Zitat „Das Wichtigste sind die Bezüge. Sie sind alles.“ Im Web kann man erleben, was dies bedeutet.
6. Was der Link fürs Web, ist das Kabel fürs Internet. Die bekanntesten Internetkabel liegen unter dem Meer und verbinden Kontinente miteinander. Ohne Kabel kein Internet, sie dienen der Übertragung von Daten.
7. In Wahrheit werden die Daten aber nicht übertragen, sondern kopiert. Kevin Kelly spricht deshalb von der „Kopiermaschine Internet“.
8. Ich glaube deshalb, dass die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu den zentralen Treibern dessen gehört, was man digitalen Wandel nennt.
9. „Man kann nicht nicht kopieren.“ Und die Kopie ist lobenswert.
10. Am schnellsten können Daten kopiert werden, die über Glasfaserkabel übertragen werden.

11. Die Signalverarbeitung einer Verbindung wird als Bandbreite bezeichnet. Besonders hohe Übertragungsraten werden als Breitband beschrieben.
12. Die Versorgung des Landes nennt man deshalb Breitbandausbau.
13. Um alte Kupferkabel nicht durch Glasfaserkabel ersetzen zu müssen, gibt es den Ansatz Kupferkabel durch so genanntes Vectoring aufzurüsten.
14. Schon in den 1980er Jahren gab es Pläne, Deutschland flächendeckend mit Glasfaserkabeln auszustatten. Diese wurden aber mit dem Ende der sozial-liberalen Koalition nicht weiterverfolgt.
15. In Südkorea, das heute als eines der Länder mit der besten Internet-Infrastruktur gilt, hat man sich schon früh für Glasfaser entschieden. Dort wurden die Kabel aber nicht überall unter der Erde verlegt. In der Hauptstadt Seoul sieht man viele Kabel, die wie Stromkabel über die Straße gehängt werden.
16. Auch kabelloses Internet, so genanntes WLAN, braucht diese Kabel. Denn auch die Funkmasten sind mit Kabeln verbunden.
17. Außer den Kabeln benötigt das Internet drei weitere zentrale Bestandteile: Server, Router und das Endgerät, über das die Nutzer*innen ins Internet gehen.
18. In den 1990er Jahren gab es einen Werbespot mit dem Tennissspieler Boris Becker, in dem dieser sich mit einem Endgerät mit dem Internet verbindet und dann erstaunt fragt: „Bin ich schon drin?“
19. Texte über das Internet kommen in diesem Land nicht ohne diese Referenz aus. Ebenfalls verpflichtend für alle, die planen übers Internet zu schreiben: eine Referenz zu Angela Merkels Satz vom Neuland. Was hiermit erledigt ist.
20. Die Router sind die Lotsen ins Internet. Sie haben vermutlich auch einen Router in ihrem Wohnung stehen – er ist Ihre Verbindung ins Internet. Da das Internet ein Netzwerk ist, sind Sie dank des Routers auch immer Teilnehmer*in. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sie sind nicht drin, sondern dabei.

21. Wie Sie persönlich dabei sind, können Sie über ihr so genannte IP-Adresse z.B. über utrace.de nachverfolgen.
22. Im Zusammenspiel von Kabeln, Servern, Routern und Endgeräten sind die Kabel die unterste Ebene des Austauschs. Würde man das Internet mit dem Versand eines Papierbriefes vergleichen (was ich in der „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tue), wären die Kabel die Transporter oder LKW.
23. Die Router entsprechen den Verteilzentren der Post, sie schicken die Daten jeweils auf Teilstrecken, bis sie erneut auf Router treffen. Der Server (engl. für »Diener«) schließlich ist der Briefkasten, in den und aus dem Absender und Empfänger (also die Endgeräte) den Brief stecken und herausnehmen.
24. Die Art der Zusammenarbeit wird über so genannte Protokolle geregelt. Diese kann man sich vorstellen wie das diplomatische Protokoll bei einem Staatsempfang. Sie schaffen eine Art Grammatik fürs Internet.
25. Der Austausch von Informationen wird über das so genannte Client-Server-Modell geregelt.
26. Der Server hält Informationen bereit, die der Client nach bestimmten Regeln abrufen kann.
27. Häufig werden Server in Schränken, sogenannten Racks, gestapelt, die wiederum so zahlreich sind, dass man von Serverfarmen spricht und zum Vergleich mit Fußballfeldern greift, um ihre Größe zu beschreiben.
28. Das Netzwerk, das wir als Internet kennen, basiert auf dem so genannten Prinzip der Paketvermittlung. Das heißt: Inhalte werden in Pakete zerlegt und über sehr viele unterschiedliche Wege transportiert und erst am Ende wieder zusammengefügt.
29. Die kleinen Pakete werden unabhängig von ihrem Inhalt alle gleich behandelt. Das meint der Begriff der sogenannten Netzneutralität. Das Netzwerk priorisiert den Versand nicht, es schafft lediglich die Verbindung.
30. Ein Dienst, der dieses Netzwerk nutzt, ist zum Beispiel E-Mail. Das Besondere an Mail: diese Verbindung kommt ohne zentrale Instanz aus, sie ermöglicht den Austausch zwischen völlig unterschiedlichen Partnern. Das ist ein großer Unterschied zu den Kommunikationsangeboten großer Dienste wie Facebook.

31. Es ist ohnehin wichtig zu betonen: Das Internet ist viel mehr als Google oder Facebook – auch wenn die großen Firmen das Internet heute dominieren. Man spricht in einem Akronym von der Übermacht von GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft).
32. Der besondere Zauber des Internet basiert darauf, dass es ein dezentrales Netzwerk ist, das ohne Zentrale auskommt. Bei der Verbindung ist dem Internet egal, welche Sprache, Betriebssystem oder Lebensalter ein Computer hat: es verbindet diese einfach.
33. Ich habe das Internet als grundlegende Infrastruktur gelegentlich als Ausdruck für eine Haltung beschrieben, die ohne Ausgrenzung und Nationalismen auskommen.
34. Das heißt nicht, dass diese auf der Anwendungsebene durchaus noch zu sehen sind. Aber eigentlich gilt: „Wer sich und seine Heimat ernsthaft für etwas Bessere hält, darf das Internet eigentlich nicht benutzen – seine bloße Existenz beweist nämlich, dass die Idee von Ausgrenzung und Distinktion überholt ist.“
35. Seine Existenz verdankt das Internet einem Projekt der „Advanced Research Projects Agency“ des US-Militärs. Deshalb hieß der Vorläufer des heutigen Internet Arpanet – und ging in diesem Oktober vor 50 Jahren ins Netz.
36. Im Raum 3420 der UCLA in Los Angeles wurde erstmals eine Verbindung zu anderen Rechnern hergestellt. Im empfehlenswerten Film „Wovon träumt das Internet?“ von Werner Herzog wird dieser Moment ausführlich in Szene gesetzt.
37. Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Förderantrag im CERN in Genf, aus dem das hervorging, was viele heute für das Internet halten: das World Wide Web. Das Ziel des WWW ist es, Wissen miteinander zu verbinden.
38. Internet und Web haben einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft ansgestossen. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder zeichnet in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ drei grundlegende Entwicklungslinien. Diese sind: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.
39. Im Jahr 2004 kam erstmals der Begriff Web 2.0 auf. Tim O’Reilly definierte in einem Grundlagentext sechs Eigenschaften: „Web 2.0 wird erstens als eine Plattform betrachtet, es setzt zweitens auf die sogenannte Weisheit der vielen (Folksonomy statt Taxonomie), die Nutzer werden drittens als Mitarbeiter ohne Bezahlung eingespannt. Viertens wird Software eingesetzt, die über einzelne Gerätekategorien hinaus anwendbar ist, Daten sind fünftens wichtiger als Design, und es greift sechstens der sogenannte Long Tail. Unter diesem Titel (Der lange Schwanz) hat Chris Anderson ein Buch veröffentlicht, das beschreibt wie durch das Internet auch Nicht-Bestseller zu Verkaufserfolgen werden – weil sie eben sehr lange genutzt werden können.“
40. Als Schlagwort wird Web 2.0 vor allem als Oberbegriff für aktive Nutzer*innen verstanden. Es bildet die Grundlage für den Trend des Prosumers – und drückt sich vor allem auch in so genannten sozialen Medien aus wie Twitter oder Facebook aus.

41. Ein besonders Beispiel für diese Form der Beteiligungskultur ist die Enzyklopädie Wikipedia, an der man die Verflüssigung der Kultur beschreiben kann. Sie zeigt, wie Kultur zu Software wird.
42. Durch die aktiven Nutzer*innen entstand auch einen neue Form von Kultur. Der so genannten Meme-Kultur des Internet sind zum Beispiel auch kreative Anwendungsformen von Buchstaben und Symbolen zu verdanken – der Shruggie steht z.B. nicht nur für das Gefühl, online zu sein. Ich glaube sogar, dass er eine eigenen Philosophie ausdrückt.
43. Schon im Jahr 1996 formulierte der Internetforscher Nicholas Negroponte eine Befürchtung, die die Schattenseiten des Internet betrifft: „Wenn Sie mich fragen“, sagte er in einem Interview, „ist das die dunkle Seite des Internets, die wir auch sehr genau beobachten müssen. Die Privatsphäre mag in der Welt von Bits leichter erreichbar sei als in der Welt von Atomen, aber wenn wir nicht aufpassen, können wir sie auch schneller verlieren.“
44. Negropontes Buch „Total Digital“ stammt zwar aus den 1990er Jahren, zählt aber mit zum Besten, was man über die Digitalisierung lesen kann.
45. Der Kampf für Datenschutz gegen staatliche und kommerzielle Überwachung ist der Antrieb für eine neue Form von NGOs, die durch das Internet entstanden sind. EFF, Netzpolitik oder La Quadratur du Net sind Beispiele für eine digitale Zivilgesellschaft, die Ausdruck auch in der Gründung der Piratenpartei oder in Demonstrationen wie im Frühjahr gegen die europäische Urheberrechtsreform fand.
46. Diese Demonstrationen und die Debatte zum Beispiel um das Rezo-Video im Frühjahr zeigen, dass die Unterscheidung, die Marc Prensky 2001 getroffen hat, immer noch trennt – Eingeborene und Zugereiste des Digitalzeitalters. Es ist eine bedeutsame Aufgabe, diesen digitalen Graben nicht wachsen zu lassen.
47. Ein wichtiger Ansatz dafür, ist ein gelassener – ich schlage vor kulturpragmatischer – Blick auf das in Wahrheit gar nicht mehr so neue Medium Internet. Das bezieht sich vor allem auf das aktuell populärste Endgerät: das Smartphone, dessen Umgang die Gesellschaft einüben, aber nicht weiter verteufeln sollte.
48. Vielleicht ist es auch eine Idee, das Internet als Heimat zu denken – in Form einer Internet-Straße oder zumindest in Form einer Jubiläumsbriefmarke.
49. In jedem Fall ist das Internet in seinem 50sten Jahr viel umfassender und breiter geworden als jemals gedacht. Es hat tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen ausgelöst, die rein technologisch nicht gelöst werden können. Es braucht auch einen kulturellen Wandel.
50. Diesem Wandel könnte man zum Beispiel Rechnung tragen, in dem die Bundesregierung – vergleichbar dem Umweltministerium – ein Querschnitts-Ressort einführt, das den Titel „Bundesministerium für Internet und Digitalen Wandel“ tragen könnte.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

Was sind das für Menschen, die im Auto rauchen? Das sind wir – im Umgang mit der Klimakrise

Was sind das für Menschen, die im Auto in Anwesenheit von Kindern und Schwangeren rauchen? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich diese Woche von der Bundesrats-Initiative gelesen habe, diese passivrauchenden Personengruppen besser zu schützen (Foto: Unsplash). Der von fünf Bundesländern eingebrachte Vorschlag sieht vor, dass das Rauchen „in geschlossenen Fahrzeugen in Anwesenheit von Minderjährigen oder Schwangeren“ verboten sein und mit einem Bußgeld von bis zu 3000 Euro belegt werden soll.

Aber: Was sind das für Menschen, denen ein solches Bußgeld droht? Menschen, die ihre Gewohnheiten nicht mal zum Schutz künftiger Generationen ändern wollen. Menschen, denen die eigenen Interessen in der Gegenwart wichtiger sind als das Wohlergehen der Kinder in Zukunft. Es sind gar nicht so wenige, kann man im Artikel meiner SZ-Kollegen Anna Fischhaber und Oliver Klasen nachlesen. Sie zitieren aus dem so genannten Tabakatlas, den Karin Schaller beim Deutschen Krebsforschungszentrum erstellt. „Aus dem Tabakatlas ergibt sich auch, dass Kinder außer in der Wohnung vor allem im privaten Pkw Qualm ausgesetzt sind. Zwar rauchen demzufolge etwa zwei Drittel der Raucher, die Kinder haben, im Auto nicht, das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass „hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland schätzungsweise etwa 800 000 Kinder und Jugendliche im Auto ihrer Eltern passiv rauchen“, sagt Schaller.“

Ich bin kein Raucher, aber ich kann nicht nachvollziehen, wie man in Anwesenheit von Kindern im Auto ein Zigarette anzünden kann. Für ein Drittel aller Raucher in Deutschland scheint das aber offenbar kein Problem zu sein. Das hat mich in den vergangenen Tagen sehr beschäftigt – dann ging ich zur Klimastreik-Demo am Freitag auf dem Münchner Königsplatz (auf dem Weg hörte ich übrigens das neue Album von Thees Uhlmann) und habe dort Schülerinnen und Schüler beobachtet, die empört auf das Klimapaket der Großen Koalition reagierten und plötzlich fragte ich mich: Was sind das für Menschen, die ihre Gewohnheiten nicht mal zum Schutz künftiger Generationen ändern wollen? Menschen, denen die eigenen Interessen in der Gegenwart wichtiger sind als das Wohlergehen der Kinder in Zukunft? Die Menschen, die im Auto in Anwesenheit von Kindern rauchen, das sind wir. Sie sind eine Metapher für den Zustand der Gesellschaft, der in der Klimadebatte ein fundamentaler Generationenkonflikt droht. Denn in der Klimakrise regt sich lauter Widerstand von der Rückbank. Die kommende Generation begehrt auf und kämpft gegen die Abgase, die vor allem von und durch jene produziert werden, die sich nicht ändern wollen. Darin zeigt sich die Konfliktlinie in der Auseinandersetzung der Generationen, über den ich unlängst in der SZ schrieb:

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, rufen die Schülerinnen und Schüler seit einer Weile jeden Freitag auf den Demos, die von Greta Thunberg begonnen wurden. Die Proteste der Jüngsten in diesem Land richten sich natürlich zunächst gegen die verkorkste Klimapolitik aller Merkel-Regierungen der vergangenen Jahre. Aber in den Protesten drückt sich auch ein Widerstand gegen die Zukunftsverweigerung und Gegenwartsleugnung dieser Gesellschaft aus. Es ist ein Aufbegehren für einen offenen Umgang mit dem Neuen, fürs Gestalten. Der Schulstreik ist ein klarer Protest gegen die Bewahrer und Mahner in diesem Land, die von ihrer eigenen Erinnerung leben und dabei vergessen, an der Antwort auf die Frage zu arbeiten: Was wollt Ihr eigentlich mal hinterlassen?

Hoffentlich mehr als Zigarettenstummel im Auto-Aschenbecher.