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„Wir möchten Ungewissheit und einen offenen Umgang mit Fehlern normalisieren“

Anfang des Jahres las ich im US-Magazin vox.com einen Bericht über die Leipziger Forscherin Julia Rohrer. Brian Resnik schrieb darin, sie wolle einen radikal neuen Ansatz zum Umgang mit Fehlern in der Wissenschaft etablieren. Denn Julia Rohrer hat mit einigen Kolleg*innen das Projekt Loss of Confidence ins Leben gerufen – in dem es um Ungewissheit in der Wissenschaft geht. Als Shruggie-Autor fand ich das so spannend, dass ich Julia Rohrer einige Fragen zu dem Projekt mailte, bei dem Wissenschaftler*innen noch bis 31. Januar Einsendungen tätigen können. (Unsicherheit-Symbolbild: Unsplash)

Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, man hat das Gefühl, Menschen suchen mehr als je nach Gewissheit. Warum starten Sie genau einer solchen Zeit so ein Projekt?
Wir als Forscherinnen und Forscher streben natürlich danach, robuste Einsichten und Erklärungen zu generieren. Insofern ist Gewissheit natürlich eines unserer Ziele, aber der Weg dorthin ist voller Unsicherheiten: Messen wir tatsächlich das, was uns interessiert? Lassen sich die beobachteten Zusammenhänge nicht auch auf Alternativerklärungen zurückführen? Haben unsere Methoden systematische Probleme, die verhindern, dass wir die richtigen Antworten finden? Dieses kritische Hinterfragen ist ein wichtiges Werkzeug, damit man sich nicht selbst zum Narren macht.

Daran soll das Projekt erinnern?

In den letzten Jahren hat sich in der Psychologie die sogennante Replikationskrise entfaltet. Beispielsweise sieht es so aus, als würde die Wiederholung des möglichst exakt gleichen Experiments in vielen Fällen andere Ergebnisse liefern — das hat doch einige Leute eher überrascht. Wir haben eine Forschungskultur aufgebaut, in der Forschungsergebnisse, die mit großer Gewissheit präsentiert werden, höher geschätzt werden. So langsam lernen wir, dass das die falschen Anreize für die Wissenschaft setzt: Forscher werden belohnt, wenn sie die vielen Unsicherheiten des wissenschaftlichen Prozesses einfach verschweigen oder wenn sie sich selbst davon überzeugen, dass ihre Ergebnisse wasserdicht sind. Solche Angewohnheiten machen es schwerer, Fehler zu korrigieren oder aus ihnen zu lernen. So zu tun, als wären wir uns mit allem immer ganz sicher und hätten eh immer Recht kann also den unangenehmen Nebeneffekt haben, dass wir am Ende weniger wissen (und nicht mal merken, wenn wir daneben liegen).
Die Idee des Loss-of-Confidence Projects ist es, dagegen zu steuern. Wir möchten Ungewissheit und einen offenen Umgang mit Fehlern normalisieren.

Warum ist es wichtig, Unsicherheiten öffentlich anzusprechen?
Für mich gibt es mehrere Gründe, warum gerade Wissenschaftler und andere Personen, die Wissenschaft kommunizieren, in der Pflicht stehen, auch die Unsicherheit in den Ergebnissen öffentlich anzusprechen.
Erstens ist es nach meinem Verständnis schlicht und ergreifend Teil des Jobs: Forschung wird oft öffentlich finanziert, und damit entsteht eine Verpflichtung, die Öffentlichkeit angemessen zu informieren — und wenn man vor allem neuere wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, dann gehört da praktisch immer eine gewisse Unsicherheit dazu.

Und der zweite Grund?
Zweitens sehe ich auch durchaus, dass eine übermäßig enthusiastische und unkritische Darstellung von Forschungsergebnissen auch langfristig negative Folgen haben kann. Das klassische Beispiel dafür sind bestimmte Bereiche der Ernährungswissenschaften, die oft viel Medienaufmerksamkeit bekommen – nur leider widersprechen sich die Ergebnisse. Den einen Monat schützt Kaffee vor Krebs, den nächsten Monat verursacht Kaffee Krebs. Zumindest mir scheint es plausibel, dass manche Leute da auf die Idee kommen, dass Forscher sich ja eh nicht einigen können und man sie deswegen auch getrost ignorieren kann. Das hat das Risiko, dass gut fundierte wissenschaftliche Empfehlungen ignoriert werden. Dabei gibt es ja bei einigen Themen einen soliden wissenschaftlichen Konsens! Unsicherheiten kommen in unterschiedlichen Ausprägungen vor und wir müssen sicherstellen, dass das angemessen kommuniziert wird.

Wen wollen Sie mit Ihrem Projekt ansprechen?
In unserem Projekten bitten wir im Moment explizit nur um Einreichungen aus der Psychologie. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass wir in dem Bereich die Expertise haben, um die eingereichten Statements richtig einschätzen zu können. Da aber die zugrundeliegende Frage – wie gehen wir damit um, wenn Wissenschaftler selbst ihren eigenen Ergebnissen nicht mehr trauen? – auch andere Felder betrifft, hoffen wir, dass das Projekt auch für Nicht-Psychologen interessant ist.

Haben Sie bereits Einsendung erhalten? Wovon handeln diese?
In der aktuellen Version des Manuskriptes finden sich sechs Einsendungen; nachdem wir es online gestellt hatten haben wir aber noch ein paar weitere erhalten. Die Einsendungen kommen aus ganz unterschiedlichen Teilfeldern der Psychologie und sie bringen auch ganz unterschiedliche Themen auf. Dazu gehören konzeptuelle Probleme mit dem Design von Studien, ungeeignete statistische Analysen, das Verschweigen von unpassenden Ergebnissen.

Was passiert mit den Einsendungen nach Abschluss des Projekts?
Wir haben Ende letzten Jahres ein vorläufiges Manuskript online gestellt und erneut Psychologen aufgefordert, zum Projekt beizutragen falls es sie anspricht. Ende Januar werden wir die „Datensammlung“ offiziell beenden, uns in Ruhe anschauen was wir zugeschickt bekommen haben und dann das Manuskript nochmal überarbeiten und es bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift einreichen. Dabei werden alle Autoren von Einsendungen auch Autoren des Manuskriptes: Es ist uns wichtig, anzuerkennen, dass es eine Selbstkorrektur auch ein wissenschaftlicher Beitrag ist, der geschätzt werden sollte.

Mehr über das Projekt unter lossofconfidence.com – ich interessiere mich für diesen Umgang mit Fehlern und Ungewissheiten, weil mein aktuelles Buch davon handelt: ¯\_(ツ)_/¯

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Erwartungsmanagement – bessere Ergebnisse mit mehr ¯\_(ツ)_/¯ (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

So wie man keinen Witz erzählen sollte, dessen Pointe man nicht kennt, sollte man auch kein Gespräch, keine Beziehung und keinen Job beginnen, ohne sich vorher über die Erwartungen klar zu werden. Und auch ein neues Jahr beginnt man am besten, indem man Erwartungsmanagement in eigener Sache betreibt. (Foto: unsplash)

Das ablaufende Jahr war für mich (aufgrund der ¯\_(ツ)_/¯ Veröffentlichung) geprägt von Gesprächen darüber wie wir mit dem Unbekannten und Neuen umgehen. Dabei habe ich festgestellt, dass wir häufig zuerst auf das schauen, was kommt und weniger auf das, was wir schon mitbringen: Unsere Erwartungen und Prägungen bestimmen auf erstaunliche Weise was wir von dem Unbekannten und Neuen halten. Um diesen gedrehten Blick auf das vermeintlich Fremde zu dokumentieren habe ich die Domain erwartungs-management.de registriert (und hierhin gelenkt). Denn mir scheint, dass ein sinnvolles Erwartungsmanagement dazu angetan ist, Zufriedenheit, Selbstwirksamkeit und vielleicht sogar Hoffnung zu steigern.

Meinem Eindruck nach erwachsen nämlich die nachhaltigsten Kränkungen (und damit verbundenen Probleme) aus enttäuschten Erwartungen. Das gilt auf persönlicher Ebene genauso wie im politischen Raum: Das Gefühl zu kurz zu kommen, erzeugt einen sehr tiefsitzende Schmerz – den besonders populistische Bewegungen geschickt für sich nutzen. Man kann das in allen Schattierungen des politischen Spektrums sehen. Wer z.B. der Meinung ist, dass die Bundestagswahl doch eh sinnlos sei, weil sich nach der Wahl ja gar nichts geändert habe, sollte Erwartungsmanagement betreiben. Denn der Anspruch an eine demokratische Wahl, die eigenen Vorstellungen eins-zu-eins in die Tat umzusetzen ist schlicht falsch. Es ist das Prinzip der Demokratie, dass sie auf Kompromissen basiert (ausführlich dazu im Juli-Newsletter).

Doch wenn wir über enttäuschte Erwartungen sprechen, reden wir häufig nur über die Enttäuschung und die damit verbundenen Ungerechtigkeit. Nur selten schauen wir auf den Teil der enttäuschten Erwartungen, auf den man auch als enttäuschte Person aktiv Einfluss nehmen könnte: auf die eigenen Erwartungen.

Ich glaube, dass hier ein wichtiges Werkzeug zur eigenen Zufriedenheit liegen kann. Erwartungsmanagement kann ein ein zentraler Hebel dafür sein, gelassener durchs Leben zu gehen. Und damit meine ich nicht das Bonmot, das besagt, dass man nur keine Erwartungen haben soll, weil man dann ja auch nicht enttäuscht werden kann. Ich meine, dass man sich vorab darüber klar wird, was man eigentlich erwartet. Selbstwirksamkeit in dem Sinne wie Meike Winnemuth sie unlängst im Stern beschrieben hat, basiert darauf, sich vorher Gedanken darüber gemacht zu haben, wo man eigentlich hinwill – oder um es im Sinne der Domain zu sagen: Es geht darum, Erwartungsmanagement zu betreiben. Damit meine ich diese vier Punkte

1. Beginne mit deinem Warum!

Um am Ende ein Ergebnis bewerten zu können, sollte man zunächst klären, warum man eigentlich beginnt. Simon Sinek nennt diesen Ansatz „Start with why“ – also: Beginne mit der Frage nach dem „Warum?“ und nicht mit dem Inhalt (Was?) oder der Form (Wie?) dessen, was du tust. Um diesen Ansatz auf die Idee des Erwartungsmanagements zu übertragen, muss man seinen zentralen Satz („Menschen kaufen nicht was du machst, sie kaufen warum du es machst“) nach innen richten – und herausfinden, welche abstrakte Intention oder konkrete Motivation dich antreibt. Ich glaube, dass diese Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation wichtig ist, um am Ende Ergebnisse zu messen. Tue ich etwas, um anderen zu gefallen? Um Aufgaben oder Zwänge zu erfüllen? Oder dient mein Handeln einem höheren Ziel? Beantwortet es ein Warum?, das über „Geld verdienen“ hinaus geht?

Ich glaube es ist nahezu unmöglich, Ergebnisse angemessen zu bewerten, ohne diese Fragen vorher zumindest gestellt zu haben. Sie bilden die Grundlage für jegliche Form der Ergebniskontrolle und -bewertung. Erwartungsmanagement ist in diesem Sinne nichts anderes als die Klärung der Ziele, die man erreichen will. Das klingt viel leichter als es häufig ist.

2. Definiere deine Ergebnisse

Um die Wirkung eines Projekts zu messen, muss man den Grad der Veränderung zum vorherigen Zustand messbar machen können. Man spricht von Wirkungslogik – und kann diese Methode nicht nur für Fragen der Transformation von Unternehmen und Organisationen oder für Innovationsmanagement anwenden, sie hilft auch um persönliches Erwartungsmanagement zu betreiben.

Dabei sollte man zunächst der sprachlichen Unterscheidung folgen, die es im Englischen für das gibt, was am Ende rauskommt: Output (reines Ergebnis), Outcome (Direkte Auswirkung des Resultats auf einen bestimmen Kreis) und Impact (gesellschaftliche bzw. langfristige Auswirkung des Resultats) beschreiben allesamt Ergebnisse eines Prozesses, aber alle drei Begriffe beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte dessen, was man erreichen kann. Outcome und Impact beschreiben die Wirkungsebene des Resultats (Output) und verlangen deshalb immer nach einer Bezugsgruppe und einem Zeitraum, für die bzw. auf die sie Wirkung zeitigt. Diese Differenzierung ist bedeutsam, weil in ihr auch angelegt ist, auf welche Bereiche man tatsächlich Einfluss nehmen kann und welche vor allem vom Zusammenspiel anderer Faktoren und Personen abhängen. Das Prinzip dahinter ist in dem von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten Projekt Wirkung lernen anschaulich beschrieben – und es ist im Sinne eines guten Erwartungsmanagements dienlich sich dessen bewusst zu werden.

3. Begreife deine Belohnung

Der Wert eines Projekts hängt aber nicht nur an den Resultaten und deren Auswirkungen. Auch das Feedback und die Anerkennung, die man während des Projekts erhält, spielen bei der Bewertung eine wichtige Rolle – sie sind unter Umständen sogar bedeutsamer als die reinen Resultate. Denn mit jedem Projekt ist stets auch der Wunsch nach positivem Feedback verbunden. Diese Anerkennung kommt dabei im besten Fall sowohl von innen wie von außen. Die Belohnung in Bezug auf die intrinsische und extrinsische Motivation (siehe Punkt 1) ist dann im Gleichgewicht. Um Erwartungsmanagement zu betreiben, sollte man also vorher klären, woher Belohnungen kommen können – und aufmerksam dafür bleiben, wie diese Einfluss nehmen, sich also ernsthaft „darum kümmern, wie viel Anerkennung kriege ich gerade von draußen, wie viel Anerkennung muss ich mir selber geben, und habe ich die Ressourcen, das hinzukriegen?“ so jedenfalls hat es der Coach Jens Braak unlängst in einem Interview in Deutschlandfunk Kultur formuliert.

Das Bewusstsein um (ausbleibende) Belohnungen und ihre Folgen spielt eine zentrale Rolle im Erwartungsmanagement. Es geht um die Geschichte, die man anschließend erzählen kann und es geht um die Motivationsfaktoren, die daraus erwachsen können. In einem gut geführten Projekt (im Sinne von Leadership) gelingt dies durch das Team, es kann aber auch mal vorkommen, dass man sich selber darum kümmern muss: gerade dann sollte man Erwartungsmanagement in eigener Sache betreiben.

4. Frage dich: „Was würde der Shruggie tun?“

Menschen, die die Ruhe, Zeit und finanzielle Ausstattung haben, sich externe Beratung in Form eines Coachings einzuholen, erwerben damit vor allem eins: Abstand. Denn das Ziel eines jeden Coachings liegt darin, mit Abstand auf das aktuelle Problem zu schauen – und daraus neue Optionen zu ziehen. Gutes Coaching eröffnet somit mehr Möglichkeiten, gerade dann, wenn eine Situation ausweglos scheint.

Diese Perspektive des Erwartungsmanagements ist für mich perfekt im fröhlichen Schulterzucken des Shruggie gefasst. Seine kontinuierliche Frage: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre? inspiriert dazu, eine andere, distanzierte Perspektive einzunehmen. Der Shruggie ist so auf eine hoffnungsvolle Weise der beste Erwartungsmanager, den man sich wünschen kann.

Sein Ziel ist es, sich nicht hinter Pessimismus oder Optimismus zu verstecken, sondern den Blick zu öffnen für eine Form der aktiven Beteiligung. Für ihn ist Zukunft gestaltbar. Er sagt: Es spielt eine Rolle, dass und wie du dich beteiligst. In dem Sinne wie Rebecca Solnit Hoffnung als Umarmung des Unbekannten definiert hat, gestaltet der Shruggie die Erwartung auf die Ergebnisse eines Projekts – im besten Sinne hoffnungsvoll.

Denn dieser abschließende Punkt steckt auch in dem, was ich Erwartungsmanagement nenne: die Bereitschaft aktiv in das jeweilige Gespräch, in die Beziehung oder den Job einzusteigen. Das Schulterzucken des Shruggie ist für mich Ausdruck der Offenheit, sich einzulassen und mitzumachen. Auf diese Weise kann gutes Erwartungsmanagement helfen, gelassener und vielleicht sogar zufriedener durch Projekte oder in ein neues Jahr zu gehen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

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Mehr aufs Handy starren!

Die Zeit des Jahreswechsels ist ein guter Anlass, um sich von Altem zu trennen und sich mit guten Vorsätzen dem Neuen zu widmen. Ich möchte dies nutzen, um mich von einer Formulierung zu trennen, auf die ich im kommenden Jahr gerne verzichten würde (im Sinne von: Ihr müsst sie nicht mehr schreiben oder behaupten!). Ich verbinde die Trennung von besagter Formulierung mit einer letzten Verwendung – und zwar in dem Vorsatz: Ich möchte 2019 mehr auf mein Handy starren!

Nicht mal Helene Fischer oder Thomas Gottschalk bringen die verbindende Strahlkraft auf, die die Formulierung „die Leute starren ja eh zuviel aufs Handy“ entwickelt: über Alters- und Einkommensschichten hinweg kann man damit auf allen Seiten des politischen Spektrum Einigkeit erzeugen. Denn: „Ist doch wahr! Dieses ständige Glotzen. Mensch!“

Abgesehen davon, dass es ratsam ist, gerade dort achtsam zu werden, wo sich viele viel zu leicht einig sind, habe ich hier auch einen inhaltlichen Zweifel. Und dabei geht es nicht – wie regelmäßige Leser*innen dieses Blogs vermuten könnten – um eine gesellschaftliche Ebene. Es ist ein schlicht persönlicher Antrieb, der mich den Vorsatz fassen ließ. Ich starre wirklich gerne auf mein Handy (Foto: Unsplash).

Aufgefallen ist mir dies als ich unlängst in einer kleinen Pause in einer Ecke saß und mich entspannte. Menschen mit Hang zum Meditativen würden vielleicht sagen: Als ich in einer Ecke saß und ganz bei war. Sie würden diese Formulierung allerdings nur so lange wählen, wie ich ihnen den Gegenstand verschweige, den ich in der Hand hielt. Es war ein kleines Fenster zur Welt. Vergleichbar mit dem, aus dem sich eher lokal veranlagte Menschen auf ein Kissen gestützt lehnen und rausgucken. Mein Rausgucken galt keiner kleinen Nachbarschaft oder Straße, sondern der Welt. Es war allerdings genau so wenig zielgeleitet wie das Gucken der Fensterrentner. Es war ein Treibenlassen, ein stummer Protest gegen die dauernde Anforderung, ständig präsent und aktiv sein zu müssen. Mein Rausgucken in die Welt war kein Funktionieren im kapitalistischen Sinn, es war ein Flanieren, ein Zappen, ein Surfen. Die Begriffe beschreiben in etwa die gleiche Tätigkeit – allerdings in klar absteigender Wertung: Beim Flanieren hat man das vergoldet-vergilbte Bild eines kosmopoliten Gentleman vor Augen, der mit Spazierstock und weltläufiger Gelassenheit die Nachbarschaft durchschreitet. Beim Zappen sieht man vielleicht das Testbild eines guten alten Röhrenfernsehers vor sich und beim Surfen schließlich ist man vollends in der Welt der verachtenswerten Gegenwart angelangt.

Flanieren zur Entspannung? Selbstredend!
Surfen zur Entspannung? Unmöglich!

Der Begriff für das virtuelle Treibenlassen stammt aus dem Jahr 1992 von der Autorin Jean Armour Polly (habs gerade für die Gebrauchsanweisung fürs Internet recherchiert), die damals einen Text „über das Internet verfassen sollte. Als sie einen Titel für den Text suchte, fiel ihr Blick zufällig auf ein Mauspad mit dem Bild eines Surfers, das sie zu der Überschrift »Information Surfer« inspirierte.“ In einer gar nicht fernen Zukunft wird dieses virtuelle Stöbern mal ebenso verklärt werden wie heute das Spazierstock-Flanieren.

Bis es soweit ist muss man sich aber beschimpfen lassen, wenn man ständig in sein Handy starrt. Wobei man das ständig sofort streichen kann, denn alles, was man ständig tut, ist sinnfrei. Ständig Vokabeln lernen macht am Ende genauso blöd in der Birne wie ständig aufs Handy starren.

Es geht also darum, dass man smarter mit seinem Phone umgeht und nicht ständig starrt. Dass man allerdings starrt, kann ich nicht falsch finden. Es ist entspannend, trainiert die Ambient Awareness und kann zu einer Verbesserung der sozialen Kontakte führen.

Ja, kann auch falsch sein. Aber allein die Möglichkeit, dass handystarrende Zeitgenossen gerade einen trauernden Menschen trösten oder ein Nobelpreis-Wälzer schmökern, sollte uns davon abhalten, ins wohlfeile Wehklagen über den kulturellen Niedergang durch Smartphonenutzung zu verfallen. Denn womöglich geht es dem handystarrenden Menschen gerade richtig gut, der Bildschirm ist ihm ein Fenster zur Welt und Möglichkeit zur flanierenden Entspannung. Warum sollte man jemandem diese Wohltat verwehren nur weil man selber nicht in der Lage ist, ein gesundes Verhältnis zum Smartphone zu entwickeln?

Im Sinne dieser Wohltat habe ich meinen obige Vorsatz gefasst – mit dem Ziel, ein gesundes Verhältnis zum Bildschirm zu festigen, das nicht auf Pathologisierung und schlechte Gewissen setzt.

Und für alle, dei auch 2019 weiter darüber klagen wollen, dass diese jungen Leute ständig auf auf ihr Handy starren, habe ich noch zwei Ideen: Vielleicht sollte man sich erstens fragen, von wem sie das wohl haben? Und zweitens kann man bei sich selber beginnen und sich einen besseren Umgang mit dem Bildschirm vornehmen: bewusster ins Handy starren, wäre dafür ein guter Anfang. Dafür muss man aber akzeptieren: ins Handy starren ist eine ziemlich gute Sache!

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Shruggie des Monats: die Deutsche Umweltwelthilfe (DUH)

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer steckt eigentlich dahinter, dass wir gerade über Fahrverbote in deutschen Innenstädten reden? Die naheliegende, aber falsche Antwort lautet: die Deutsche Umwelthilfe e.V. Dabei handelt es sich um einen Verein mit Sitz am Bodensee. Dieser Verein ist in den vergangenen Monaten in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt, weil er vor Gericht gezogen ist und klagt, wenn in deutschen Städte die Stickoxid-Grenzwerten überschritten werden.

Dass diese Grenzwerte überschritten werden, liegt allerdings nicht an der DUH. Den Grund formuliert das Umweltbundesamt so: „Dennoch wäre der Luftgrenzwert an den meisten Orten einzuhalten gewesen, wenn die Realemissionen der Diesel-Pkw nicht in wachsendem Maße die Emissionen auf dem Rollenprüfstand überschritten hätten.“ Man könnte auch sagen: die Autos stoßen mehr giftige Gase aus als die Hersteller behauptet haben.

Deshalb wird Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, aktiv: „Vor einer Automesse ließ er sich im September mit einer Atemmaske fotografieren, darauf stand der Slogan „Diesel-Abgase töten!“. Im jüngsten Jahresbericht der DUH warnt er davor, dass „die Innenstädte auf viele Jahre nicht bewohnbar“ wären, falls es nicht gelänge, die Stickstoffdioxidbelastung zu reduzieren.“ So steht es in einem Bericht des Magazins Capital, der mit den Worten „Das fragwürdige Geschäftsmodell der Umwelthilfe“ überschrieben ist. Der Text meint es nicht gut mit Resch und urteilt: „Seine Kompromisslosigkeit verprellt selbst alte Mitstreiter wie Baden-Württembergs grünen Regierungschef Winfried Kretschmann, der nicht mehr mit Resch redet.“

Dass dies vielleicht auch daran liegen könnte, dass Kretschmann sich etwas zu kompromissbereit in eine eigenwillige Richtung verändert hat, erwähnt der Text nicht. Er liefert vielmehr Argumente für die Diskussion, die wenige Tage später auf dem CDU-Parteitag geführt wurde. Dabei fallen Begriffe wie Abmahnverein und die Gemeinnützigkeit der DUH wird in Frage gestellt. Dass darüber weder die Regierung und schon gar keine Partei zu entscheiden hat, ist vor lauter Auto-Wut bei der CDU niemandem aufgefallen. Und dass man die Erkenntnisse des Capital-Berichts schon 2017 in der SZ lesen konnte auch nicht: „Die DUH ist keine klassische Umweltorganisation mit Ortsgruppen, wie etwa der Bund für Umwelt- und Naturschutz. Sondern eher eine Art Öko-Firma, die Kampagnen, Klagen und Projekte initiiert, für Rußfilter in Autos, gegen Plastiktüten, oder eben gegen schmutzige Diesel. Und zur Finanzierung auch Umweltsünder per Abmahnung zur Kasse bittet. Letzteres brachte 2015 immerhin fast 2,5 Millionen Euro; führt aber dazu, dass der DUH auch der Ruf eines Abmahn-Vereins anhaftet. Zu Unrecht, wie Resch findet, der lieber von Verbraucherschutz redet. Firmen, die mit Falschaussagen über angeblich ökologisch unbedenkliche Produkte ihre Kunden in die Irre führten, müssten haften.

Diese ungewöhnliche Form der Finanzierung ist in den vergangenen Wochen zum zentralen medialen Thema geworden. Geschäftsführer Resch erkennt dahinter eine Kampagne der Autoindustrie, wie er in diesem Horizont-Interview erklärt.

In jedem Fall lässt sich an der Debatte ein bedeutsamer Shruggie-Punkt illustriert. Denn es ist sogar möglich, die Finanzierung der DUH bemerkenswert und ihre Aktionen gegen giftige Luft in deutschen Städte richtig zu finden. Ambiguitätstoleranz nennt man das – und diese Haltung war schon im Sommer mal Thema in dieser Rubrik hier. Deshalb stelle ich den Verein hier vor – und weil er zum Jahreswechsel auf einen weiteren wichtigen Punkt in Sachen Luftverschmutzung hingewiesen hat: Silvester-Feuerwerk ist eine enorme Belastung für die Luft und für die Umwelt. Bis zu 5000 Tonnen Feinstaub werden, so die DUH, durch Feuerwerkskörper freigesetzt. Deshalb fordert der Verein „einen Stopp von Feuerwerken in den mit Luftschadstoffen hoch belasteten Innenstädten“. (Foto: unsplash)

Eine Forderung, mit der man sich nicht nur Freunde macht – auch deshalb passt der Verein (den man übrigens hier als Fördermitglied unterstützen kann) in die Rubrik Shruggie des Monats

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

„… dass wir vom Bürger her denken und nicht unsere Projekte so durchziehen wir wir das gewohnt sind.“

Mit diesem Worten beschreibt Angela Merkel in der Generaldebatte am 21.11. im Deutschen Bundestag (PDF des Protokolls) was für sie der zentrale Unterschied zwischen analogem und digitalem Arbeiten ist. Das ist ein erstaunliches Zitat weil viele bei Angela Merkel und Digitalisierung immer noch an das Neuland-Zitat denken – und sich dann wieder gemütlich zurücklehnen.

In Wahrheit hat die Bundeskanzlerin – dieser kurze Ausschnitt aus der Debatte beweist es – offenbar mehr von digitalem Denken verstanden als viele Projektplaner*innen, die immer noch denken ein gutes Projekt bestehe aus einem stabilen Konzept, aus Meilensteinen, ständiger Kontrolle und KPIs. Häufig sind das auch diejenigen, die den Begriff „agil“ für ein modernes Buzzword halten und es synonym zu „schnell“ oder „beweglich“ verwenden, ohne wirklich zu verstehen, was mit agilem Vorgehen gemeint ist. (via Johannes)

Am Beispiel des Bürgerportals beschreibt Merkel wie sie sich dabei digitales Denken vorstellt (kopiert aus dem Protokoll von bundestag.de) – und warum digitale Projekte nur gelingen, wenn sie an Nutzer-Bedürfnissen ausgerichtet sind:

Wir sind im normalen klassischen Denken gewohnt, ein Projekt zu planen, das gesamte Projekt dann schrittweise umzusetzen, während im digitalen Zeitalter eine völlig andere Art der Herangehensweise da ist und die Anwendungen Schritt für Schritt eingeführt werden müssen . Dieses richtige Denken beim Umsetzen des Bürgerportals wird sehr wichtig sein . Wir werden erste Funktionen, nämlich die des Bundes – das sind über 100 –, sehr schnell einführen . Wir werden dann mit den Ländern die anderen 400 Funktionen durchsetzen, sodass wir Ende 2022 wirklich den vollkommenen und kompletten Zugang – von Fahrzeuganmeldung über Elterngeldbeantragung, Steuererklärung, Gesundheitsakten und vielen, vielen anderen Dingen – digital schaffen. Das ist notwendig . Das ist kein Nerd-Projekt, wie man vielleicht sagen könnte; denn wenn die Bürgerinnen und Bürger diesen Zugang nicht bekommen, werden wir im digitalen Zeitalter nicht bestehen . Deshalb muss der Staat hier Vorbild sein .

Ist der Staat hier tatsächlich ein Vorbild? Man kann das mit Blick auf das methodische Vorgehen sehr leicht überprüfen, indem man sich z.B. fragt:

– Entwickeln wir in unserem Unternehmen Projekte in Bezug auf ein Nutzer-Bedürfnis oder weil es der Chef gut findet?
– Fragt jemand, bevor wir anfangen, welches Problem wir mit diesem Projekt am Ende lösen werden?
– Sind bei uns kurzfristige Reaktionen auf Veränderungen möglich oder befolgen wir vor allem einen mit Meilensteinen gefestigten Plan?
– Gibt es die Möglichkeit, schrittweise Bestandteile des Projekts zu veröffentlichen und zu messen?
– Geht es bei der Entwicklung um kleine Schritte (Iterationen) oder um das große Ganze?
– Arbeiten wir in kleinen selbstorganisierten Teams, die Verantwortung übernehmen oder gibt es eine klassische Hierachie?

¯\_(ツ)_/¯

Wer sich dafür interessiert: im Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ gibt es auch ein Kapitel über New-Work und Formen der Arbeitsorganisation wie Scrum und Ideenentwicklung wie Effectuaiton

Eine Internet-Straße für Hamburg?

Die Drucksache 21/14964 der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg steht seit ein paar Tage im Netz. Es handelt sich um eine kleine Anfrage des Abgeordneten Carsten Ovens (CDU), die Bezug nimmt auf die Idee internet-strasse.de (ausführlich im letzten Newsletter hier vorgestellt) und auf die Frage hinausläuft:

Wie bewertet der Senat die Idee der Benennung einer Straße oder eines Platzes, um die technologischen und gesellschaftlichen Errungenschaften des Internets zu würdigen?

Die Antwort auf die Frage ist noch ernüchternd (bisher nicht drüber nachgedacht), aber die Frage selber zeigt: Es lohnt sich zu fragen!

Die Idee, das Internet auf einem Straßenschild zu würdigen, mag weiterhin absurd erscheinen. Aber sie kann auch etwas verändern. Deshalb: Wer Kontakt zu Stadt- und Gemeinderät*innen hat: Fragt nach!

Alle Details stehen auf internet-strasse.de

Mit Dank an Martin Fuchs

Weniger Recht haben müssen

Es war schon spät in der Nacht als der Fotograf David Wilkinson, der für den schottischen Club Milk in Edinburgh arbeitet, die beiden Gäste Lucia und Patrick fotografierte. Das Bild, das die beiden 18-Jährigen dabei zeigt, wie Patrick der desinteressiert schauenden Lucia etwas ins Ohr brüllt, wurde kurz darauf auf die Facebookseite des Clubs geladen – und von dort zur Grundlage für eines weltweiten Memes: Patrick Richie und Lucia Gorman wurden zum Symbol für ein etwas ungutes Geschlechterverhältnis: links ein etwas unsympathischer Mann, der brüllt. Rechts eine schweigende Frau, die wenig mit der Information anfangen kann.

Gäbe es ein Buch zu diesem Bild, es wäre vermutlich „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit.

„Ich weiß, ich komm nicht besonders gut rüber auf dem Bild“, sagte Patrick der BBC als das Bild anfing weltweite Verbreitung zu erfahren – in immer neuen Abwandlungen des immer gleichen Musters. Seit ein paar Tagen gibt es das Motiv auch mit deutschen Bildbeschreibungen. Und zwar so ausführlich, dass Der Gazetteur das Bild aus Edinburgh als Ablenkung für den Distracted Boyfriend montiert hat – kombiniert mit einem anderen Twitter-Thema, das in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen hat und bei dem auch viel gebrüllt wurde.

Es geht um das Motiv: #Fahrradstraße, das ein Zusammentreffen in einer Fahrradstraße in Hannover beschreibt. Dabei blieben eine Radfahrerin und ein Lkw-Fahrer so lange im Recht bis die Polizei gerufen wurde. Der zentrale Satz dabei: Er will nicht warten oder ausweichen. Jetzt stehen wir Nase an Nase. Seit 10 Min.

Beide Bilder – und vor allem die anschließende Weiternutzung – sind nicht nur schöne Illustrationen für den großen Spaß, den man an Internetquatsch haben kann. Sie beschreiben auch wunderbar, dass es vielleicht gar nicht so sehr ums Internet geht, wenn wir auf Internetkommentare schimpfen. Vielleicht ist das Netz eher ein Spiegel der Gesellschaft, in der Menschen beiderlei Geschlechts einfach sehr gerne Recht haben – und andere daran teilhaben lassen. Recht haben scheint zum zentralen Ziel viele Diskutanten on- wie offline geworden zu sein. Es ist Menschen oftmals so wichtig, dass sie es höher werten als Menschlichkeit, Verständnis oder gar Toleranz. Das Schlimmste aber: Vor lauter Recht haben müssen, vergessen wir dass womöglich auch mehrere Ansichten richtig sein können – vielleicht sogar gleichzeitig mit unserer eigenen Meinung. Das Stichwort dazu heißt Ambiguität und im Fall der Özil-Debatte genannten Auseinandersetzung um Rassismus in der Gesellschaft konnte man das Problem sehr genau beobachten.

Ich habe diesen Verdacht am Wochenende getwittert – und erhielt daraufhin einen guten Hinweis auf den ersten Satz in der Straßenverkehrsordnung. Dort ist in einer Vorbemerkung geregelt, worauf man achten soll, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt:

Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Vielleicht ist das eine schöner Vorsatz für die nächste Debatte – egal ob im Internet oder außerhalb: Einfach mal jemanden vorfahren lassen – gerade dann wenn man das Recht hätte selber zuerst zu fahren. Gäbe es einen seriösen Vorsatz, den man in den beiden lustigen Memes des Winters erkennen kann, es wäre vermutlich: Weniger Recht haben müssen!

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf, die hier einige Fragen zum Streiten beantwortet hat

UPDATE: Zum Ende des Jahres fand das Motiv erneut Verwendung als Nico Lange (Berater der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer) #nurmalso auf Twitter bekannt gab, dass er Fleisch esse, Auto fahre und zu Silvester Böller zünde. Sascha Lobo hat dann lesenswert beschrieben, warum Twitter sich für politische Debatte nur schlecht eignet – und der Twitter-User freshofall hat dann eine Meme-Replik an Nico Lange gesendet.

loading: Rechtshilfefonds gegen Hass im Netz

Sigi Maurer war Abgeordnete der Grünen im österreichischen Nationalrat. In der vergangenen Woche hat die Politikerin ein Crowdfunding-Projekt gegen Hass im Netz gestartet. „In nur zwei Tagen konnten wir die ersten 100.000 Euro für den Rechthilfefonds gegen Hass im Netz sammeln“, steht auf der respekt.net-Seite und weiter: „Damit sind die Kosten abgedeckt, die im Prozess gegen Sigi Maurer drohen.“

Den Hintergrund zu dem Fall hat die Kollegin Kathleen Hildebrand in ihrem Kommentar auf sz.de so beschrieben: „Maurer hatte im Mai mehrere Facebook-Nachrichten von dem Facebook-Profil des Besitzers eines Bierladens in Wien bekommen, die zwischen obszöner Anmache und Beleidigungen wie „kleine dreckige Bitch“ schwankten. Beleidigungen, die nur der betroffenen Person zugeschickt werden, sind in Österreich nicht strafbar. Die Politikerin wollte sich aber wehren. Deshalb veröffentlichte sie die Nachrichten inklusive Absendername und der Adresse des Geschäfts auf ihrem öffentlichen Twitter-Profil. Nach heftigen Reaktionen von Twitter-Nutzern klagte der Mann wegen übler Nachrede. Er bestreitet, dass die Nachrichten von ihm stammen. Sein Computer sei im Geschäft offen zugänglich gewesen. Da Maurer nicht sorgfältig genug geprüft habe, ob wirklich der Besitzer des Facebook-Profils selbst ihr geschrieben habe, gab das Gericht ihm recht.

Sigi Maurer hat den loading-Fragebogen zu dem Projekt beantwortet

Was machst du?
Ich sammle Geld für einen Rechtshilfefonds, damit die Beratung und die Klagen von Betroffenen von Hass im Netz finanziert werden können.

Warum machst du es (so)?
Gegen Hass im Netz kann man sich in den meisten Fällen nur mit einer privaten Klage wehren – solche sind teuer und haben oft keine guten Erfolgsaussichten. Dementsprechend können sich Betroffene oft nicht wehren. Wir wollen das ändern und mit einem Rechtshilfefonds solche Klagen finanzieren, damit die Betroffenen die persönlichen und finanziellen Risiken nicht tragen müssen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle Menschen, denen es ein Anliegen ist, dass Personen nicht über das Internet fertig gemacht werden können.

Wie geht es weiter?
Mit dem Rechtshilfefonds sollen Präzedenzfälle geklagt werden, die auch dazu führen, dass es zu einer Gesetzesänderung kommt.

Was sollten mehr Leute wissen?
Dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist!

>>> Hier kann man das Projekt auf unterstützen!

Für bessere Weitsicht im Umgang mit dem Internet!

In der heutigen Ausgabe der Welt am Sonntag führt die Kollegin Jennifer Wilton ein Interview mit dem Schauspieler Moritz Bleibtreu. Darin geht es um seine Filme, ums Erwachsenwerden und in der allerletzten Antwort auch ums Internet. Bevor er dessen Abschaffung fordert, sagt Bleibtreu, er genieße es, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht.“

Das ist eine schöne Perspektive. Denn sie bewahrt davor, sofort auf den Empörungsreflex einzugehen, der durch die Vereinfachung in der Überschrift entstehen könnte. Es ist überhaupt eine schöne Vorstellung, sich für viele Dinge einen „ein bisschen schlaueren Umgang“ anzugewöhnen. Auch beim Schimpfen übers Internet.

Bleibtreu beschreibt in seiner vorletzten Antwort einen Gegensatz zwischen inszenierter Gewalt in Filmen (nicht so schlimm) und realer Gewalt, die im Internet gezeigt wird (sehr schlimm) und kommt zu dem Schluss: „Das ist gefährlich! Da wäre ich der Erste, der eine Petition unterschreiben würde!“ Und auf die abschließende Gegenfrage „Eine Petition gegen Gewaltvideos?“ setzt er dann zu der viel zitierten Antwort an:

Oder auch das ganze Internet. Schafft das Internet ab! Dafür würde ich sogar auf die Straße gehen. Sofort! Ich brauche das nicht. Ich glaube, das ist die größte Büchse der Pandora, die die Menschheit bisher geöffnet hat. Ich würde es gern wieder loswerden. Es gibt so viele politische Dinge, für die die Leute auf die Straße gehen – aber wenn man sich mal anschaut, wo die Wurzeln für vieles liegen, das wir gerade erleben, die sind doch in dieser zweiten Realität zu finden. Und keiner kommt auf die Idee, das zu fordern: Schaltet doch mal dieses Internet ab.

Ich mag das Internet. Es ist für mich ein ortloser Ort, der Heimat sein kann und der Beweis dafür, dass Kooperation und ein Leben über Grenzen hinweg funktionieren kann. Insofern bin ich vielleicht sehr schlecht geeignet, um Bleibtreus Antwort zu bewerten. Ich nehme es mir dennoch heraus, drei gängige Internet-Kritik-Muster einzuordnen, die auch Leute an den Tag legen, die einen ein bisschen weniger schlauen Umgang mit Dingen pflegen als der Schauspieler:

1. „Ich brauche das nicht“ ist zwar ein schöner Satz, aber in jeglicher gesellschaftlichen Debatte vor allem Ausdruck eines ein bisschen weniger schlauen Verständnis‘ von Öffentlichkeit. Ich persönlich brauche z.B. auch keine Filmförderung, dennoch käme ich nicht auf die Idee, ihre Abschaffung zu fordern. Das Internet (und in Wahrheit meint Bleibtreu vermutlich eh erstmal nur das Web) ist ein öffentlicher Ort, dessen Wert sich auch dadurch bestimmt, wer sich wie einbringt. Man könnte zum Beispiel mal fragen: Warum gibt es eigentlich vergleichsweise viel öffentliche Filmförderung und vergleichsweise wenig öffentliche Digitalförderung? Weshalb gehen Gesellschaft und Politik davon aus, dieser öffentliche Raum werde sich schon ganz von alleine gestalten?

2. Das Ziel der Internet-Kritik ist häufig gar nicht das Internet. So auch bei Bleibtreu: Ihm geht es nicht darum, dass etwas an der technischen Infrastruktur geändert wird, er kritisiert auch nicht die Algorithmen der großen Internet-Anbietern (was man tun könnte), sondern stört sich an manchem, was Menschen ins Web posten. Vint Cerf, einer der Väter des TCP/IP-Protokolls, hat auf diese Form der Kritik unlängst sehr treffend geantwortet, das Netz sei „zum Spiegel unserer globalen Gesellschaften geworden“ – weshalb jegliche Kritik dieser Art in erster Linie eine Gesellschafts- und keine Internetkritik sei. Konsequente Folge dieser Kritik müsste also sein: höheres gesellschaftliches Engagement und nicht die platte Forderung der Abschaffung.

3. Dass man eine solche Forderung überhaupt stellen kann, zeigt, dass wir einem grundfalschen Narrativ über das Digitale nachhängen. Man stelle sich kurz vor, jemand würde den Autoverkehr beenden wollen, weil auf deutschen Straßen jährlich über 3000 Menschen zu Tode kommen: „Schafft das Auto ab!“ Wer das sagt, würde sofort für verrückt erklärt werden (fragen Sie mal VW-Chef Driess, der schon „Arbeitsplätze!“ ruft, wenn jemand nur die Klimaziele einhalten will). Dabei ist die Forderung nach Schließung der Autobahnen viel weniger absurd als jene der Schließung der Datenautobahnen. Dass wir trotzdem nicht darauf kommen, liegt an der falschen Perspektive auf das Neue und auf das Digitale. Und diese Perspektive wird durch Forderung wie jener von Bleibtreu noch verstärkt.

Ich glaube, wir brauchen dringend einen anderen Blick aufs Digitale in Gänze und sehr konkret aufs Internet. Denn in Wahrheit ist es ein großartiger ortloser Ort, den es nur gibt, weil die Ideen einer offenen pluralen Gesellschaft auf eine andere technische Ebene gehoben wurden. Es ist möglich, dass wir uns diesen ortlosen Ort aus der Macht der Überwacher und der Konzerne zurückholen – das habe ich jedenfalls diese Woche auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse behauptet. Und ein erster Schritt besteht darin, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht“: das Internet ist ein menschheitshistorisches Geschenk, wir müssen lernen damit umzugehen!

Links:
– Das Bleibtreu-Interview in der Welt am Sonntag
– Das Interview auf der Frankfurter Buchmesse
– Das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“
– Die Idee „Heimatverein Internet“

Was wäre, wenn Seehofer recht hätte? (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Die Grundregel lautet: Der andere könnte recht haben. Demokratische Kultur kann man daran erkennen, dass man akzeptiert, dass es auch andere Lösungen gibt.“ Diese Einschätzung stammt vom Armin Nassehi. Er hat sie mir in mein Smartphone gesagt, als ich in diesem Monat in seinem Büro in der Münchner Konradstraße saß. Dort ist das Institut für Soziologie beheimatet und Nassehi ist dort Lehrstuhl-Inhaber. Zu dem Interview kam es im Rahmen der Aktion #deutschlandspricht, bei der sich in der vergangenen Woche sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zum Austausch trafen. Mit Nassehi sprach ich darüber wie das geht: mit jemandem sprechen, die oder der vermeintlich falsch liegt.

Die besondere Herausforderung dabei: den Verdacht zulassen, dass auch Horst Seehofer recht haben könnte. Ich wähle das Beispiel des gerade nicht ausschließlich beliebten Noch-Vorsitzenden der CSU, weil ich annehme, dass einige Leser*innen dieses Newsletter das Verhalten Seehofers in den vergangenen Monaten nicht gerade unterstützenswert fanden. Mehr noch: Seine Haltung ist das Gegenteil dessen, was sie für richtig halten. Demokratische Kultur drückt sich, so Nassehi in dem Interview, nun aber auch darin aus, Seehofer nicht nur auszuhalten, sondern sogar zu überlegen, ob er nicht vielleicht recht haben könnte.

Das Gespräch mit Nassehi zu Deutschland spricht steht in einer Linie, die regelmäßige Leser*innen dieses Newsletters bereits kennen: Seit einer Weile schon beschäftigt mich die Frage, wie man richtig streitet. Unter anderem deshalb haben wir im vergangenen Jahr dieses Streit-Experiment bei der SZ gemacht und unter anderem deshalb haben wir jetzt sieben Regeln (am Ende des Interviews nachzulesen) formuliert, die beim Streiten helfen können. Denn ich glaube, die Veränderung der politischen Großwetterlage der vergangenen Monate verlangt genau das von uns: mehr demokratische Auseinandersetzung. Nur: Wie geht das?

Diese Frage stelle nicht nur ich – zum Beispiel im Interview mit Armin Nassehi. Bei der BBC gehen sie der Frage nach, der Amerikaner Arthur Brooks hat einen Podcast zu diesem Thema gemacht und die Kollegin Meredith Haaf hat ein ganzes Buch dazu geschrieben: Es heißt „Streit“ und ist gerade eben bei dtv erschienen. Ich habe Meredith einige Fragen zu dem Buch gestellt – und zu der Herausforderung besser zu streiten.

Dein Buch ist Lob aufs Streiten. Allerdings nicht in der konfrontativen „Jetzt lassen Sie mich mal ausreden“-Form in TV, sondern als Chance, sich selber und auch den Gesprächpartner besser kennenzulernen. Wie bist du auf die Idee zu dem Buch gekommen?
Die Idee entstand, als ich bei mir selbst feststellte, dass ich in Konflikten oft entweder ziemlich schnell ziemlich aggro wurde, oder mich vorschnell zurück zog. Das passte nicht dazu, dass ich Konfliktfähigkeit theoretisch sehr wichtig finde und an sich schon immer sehr gern über politische oder ethische Fragen diskutiert habe, auch härter. Und als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass dieser Widerspruch eigentlich unsere Gesellschaft prägt: Als Bürger einer parlamentarischen Demokratie wissen wir, dass Konflikte nicht nur zum öffentlichen Leben gehören – unser System ist eigentlich der optimale Rahmen dafür, sie friedlich auszuhandeln. Aber statt das zu nutzen, geht öffentlicher Streit selten über Schlagabtausch hinaus; Familien schweigen sich lieber an, als unterschiedliche Meinungen zu Migration oder Angela Merkel auszutragen und in Büros wird eher gelästert, als dass man offen klärt, was nicht passt.

In dem Buch heißt es: „Den anderen auszuhalten ist eine Grundkompetenz, die man braucht, um Spaß am notwendigen Streit zu haben.“ Das klingt ganz toll, ist aber ordentlich schwer. Wie lernt man das?
Wer Glück hat, lernt das als Kind. Ein Kind das erfährt, dass es ausgehalten wird, auch wenn es was anderes sagt oder will als die Erwachsenen, das kann das im besten Fall später bei anderen auch. Viele wachsen aber etwas anders auf und denen kann ich nur empfehlen, sich das selbst immer wieder zu sagen, so lange bis man es selbst glaubt. Ich bin ich, du bist du. Das ist natürlich nicht leicht, denn wenig macht einem Menschen so viel Angst wie die Erkenntnis, dass sein Gegenüber etwas ganz anders sieht als er selbst, oder etwas ganz anderes will. Vor allem, wenn man sich nahe ist, also in einer Freundschaft etwa, oder wenn man unter eigenen Verbündeten Streit hat – sagen wir, unter Feministinnen, oder langjährigen Kollegen. Aber ich habe mir irgendwann angewöhnt, eine ganz andere Meinung erst mal als Bereicherung oder zumindest als Erweiterung meines Horizonts einzuordnen. Ich glaube mir das zwar ehrlich gesagt auch nicht immer selbst so ganz, aber man kann es ja versuchen.

Wenn wir über schlechten Streit z.B. im Internet sprechen, geht es immer um Bereiche, in denen Rahmen und Regelsetzungen fehlen. Du sagst, dass die wichtigsten Prämisse für einen guten Streit die Tatsache sein sollte, dass es etwas zu lösen gibt. Was meinst du damit?
Den Satz habe ich von Eva Jüsten, die in München das Konfliktmanagement im öffentlichen Raum leitet. Es geht da einfach um die Perspektive: Ein Streit ist nicht ein Zeichen dafür, dass man zu weit auseinander steht, sondern vermutlich eher dafür, dass man ein gemeinsames Problem hat. Man hat also etwas gemeinsam, man muss nur noch den Umgang damit finden, der für beide passt.

Mein Lieblingssatz in dem Buch lautet: „Liebe als Grundhaltung zur Menschheit hilft dabei, klüger zu streiten.“ Kannst du erklären, warum Liebe eine Rolle spielt?
Das klingt so ein bisschen christlich, obwohl ich das gar nicht bin. Aber es geht in die Richtung was ich oben meinte: Wenn man seine Mitmenschen erst einmal freundlich betrachtet, wenn man das was sie denken nicht als Bedrohung sondern als Erweiterung wahrnimmt, fühlt man sich weniger bedroht und wird damit automatisch geduldiger und zuversichtlicher, auch im Konflikt. Man streitet dann gut, wenn der andere einem etwas Wert ist. Damit wird dann aber auch klar, dass es mit Menschen, die andere abwerten nicht möglich ist, sinnvoll zu streiten. Wenn mich einer als blöde Kuh auf dem Radweg beschimpft oder mir eine Vergewaltigung wünscht oder mir wegen meiner Hautfarbe die Menschenwürde abspricht muss man sich nicht weiter auseinandersetzen.

Bevor ich Dich bitte, die sieben Ideen für einen guten Streit zu kommentieren, muss ich eine vielleicht private Frage stellen: Gibt es jemandem, mit dem Du genauso streiten kannst, wie du es im Buch beschreibst?

Ja. Das ist mein guter Freund Hannes. Den habe ich gefunden, als ich vor vielen Jahren in der jetzt.de-Redaktion ein Praktikum gemacht habe.

Jetzt zu den Ideen für einen guten Streit. Kannst Du sie bitte Punkt für Punkt kommentieren? Streit ist keine Ausnahmesituation, sondern normal!
Der Soziologe Georg Simmel hat Streit als eine Form der Vergesellschaftung beschrieben. Der Streit ist die Technik, die wir als Menschen haben, um einander auszuhalten, um uns abzugrenzen und über uns selbst klar zu werden. Das ist einer der Vorteile daran, ein Mensch zu sein: Wir haben Sprache und können uns Regeln geben. Bevor wir uns bekämpfen oder voreinander fliehen haben wir dieses Werkzeug, um uns auseinanderzusetzen.

Ich trenne Menschen und Meinungen. Das verhindert, dass ich persönlich oder beleidigend werde und es hilft mir, mich auf die Sache zu konzentrieren.
Das ist ja immer das Ideal, und ich finde es funktioniert, wenn man zum Beispiel unter Kollegen über Fachliches streitet. Oder unter Fans über Fußball. Oder unter Freunden über Bücher oder Serien. Politik und Persönlichkeit zu trennen finde ich schwieriger und tatsächlich halte ich es auch für legitim, wenn man eine Freundschaft mit jemandem aus politischen Gründen nicht mehr führen kann. Ich finde, politischer Streit darf auch persönlich werden – man sollte sich aber unter Freunden oder in der Familie bereit halten, danach wieder die Kurve zu bekommen. Grundsätzlich plädiere ich dafür, den Menschen anhand seiner Handlungen und seiner Art ernster zu nehmen, als anhand der ein oder anderen für mich unguten Meinung.

Meine Meinung ist super, ich kann aber aushalten, dass es andere Meinungen gibt. Ich muss nicht alle von meiner Meinung überzeugen.
Ich würde sagen: Meine Meinung ist nicht notwendigerweise super – es ist halt erstmal die, die ich habe. Super ist sie dann, wenn ich sie stützen und verteidigen kann und wenn ich sie mir tatsächlich gebildet habe – im Sinne von Bildung. Ein leichter Hauch des Selbstzweifels schadet gar nicht, wenn man sich gut streiten will. Wer möchte, dass andere ihre Meinung ändern, muss auch bereit sein, selber mal etwas anders zu denken.

Ich höre zu und versuche zu verstehen. Um wirklich diskutieren zu können, muss ich die Argumente der Gegenseite kennen.
Das Zuhören ist wirklich eine radikal unterschätzte Komponente des Streitens. Das kann sich jede*r vornehmen: Im Konflikt auch wirklich mal die Klappe zu halten und über das nachzudenken, was der andere sagt und warum er das tut.
Ich nehme mir vor, nicht alles überlebensgroß zu machen. Ich versuche, Probleme kleiner zu denken und konkrete Lösungen statt globaler Probleme zu diskutieren.
Mediatoren arbeiten ja auch so: Die lassen erstmal alles sagen und finden dann die drei konkreten Punkte, über die man sprechen und für die man eine Lösung finden kann. Große Grundsatzdebatten können ja auch super beflügelnd sein und Spaß machen. Aber in vielen Situationen ist es wichtiger, pragmatisch zu bleiben: Gerade wenn es um Chefs oder Kolleg*innen geht, oder um einen Konflikt mit den Geschwistern oder eben auch um irgendeine Riesen-Twitter-Diskussion. Runterbrechen ist immer gut.

Ich konzentriere mich auf das gemeinsame Warum und weniger auf das unterschiedliche Wie.
Das ist ein zentraler Punkt für die innere Einstellung, die beim Streit hilft, das ist in der Politik genauso wie in einer Beziehung. Natürlich wird der Konflikt vor allem um das Wie gehen, aber man fühlt sich viel sicherer, wenn man sich auf die Gemeinsamkeit konzentriert.

Egal wie schlimm es sich anfühlt: Ich vermeide Verachtung!
Das ist unheimlich wichtig, und zwar auch dann, wenn man selbst mit Verachtung konfrontiert ist. Bei jedem Streit sollte man sich bewusst sein, dass man dem anderen wieder begegnen kann oder will, und dafür braucht man Respekt und Achtung. Natürlich ist der Mangel an solchen Begegnungen gerade im Netz auch der Grund dafür, warum der Umgang oft so dermaßen nachlässig ist. Umso wichtiger ist es da, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass wir es hier immer noch mit Menschen zu tun haben, die an Tastaturen sitzen und nicht mit bösen Geistern, die im Äther verpuffen, wenn ich meinen Rechner zuklappe.

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem zum Thema Streit in den vergangenen Monaten bereits einige Texte erschienen sind:
„Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017)