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Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Sie nennt sich die TikTok-Großmutter: Mary Jo Laupp ist eine ältere Nutzerin auf der Plattform, die gemeinhin als sehr jung bezeichnet wird. Frau Laupp ist aber auch auf anderen Plattformen aktiv und scheint sehr genau verstanden zu haben, wie Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter geformt wird.

Jedenfalls gilt sie als eine Urheberin eines Phänomens, das im Sinne vieler Internet-Meme gar keine singuläre Urheberschaft hat, sondern von vielen ausführt wird. Im aktuellen Fall sollte man allerdings eher sagen: von vielen nicht ausgeführt wird. Es geht um reservierte Tickets für eine Wahlkampf-Veranstaltung, die offenbar von vielen tausend jungen Trump-Gegnern bestellt aber nicht abgeholt wurden. Die Folge: Leere Ränge im und vor dem BOK Centre in Tulsa, Oklahoma, bei Trumps erstem Auftritt nach den Corona-Beschränkungen.

Tiktok-Großmutter Mary Jo Laupp hat dazu heute früh ein Video auf Tiktok gepostet, in dem sie ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, dass sie (und viele tausende junge Nutzer*innen) den US-Präsidenten geärgert haben: „Was habt Ihr gemacht?“ fragt sie an das Internet gerichtet. „Ernsthaft? Erinnert euch an diesen Moment. Erinnert an diese Gefühl, weil es sich nicht immer so anfühlen wird. Es wird auch Momente geben, in denen ihr frustriert seid. Aber erinnert euch daran, dass es eine Wirkung haben kann, wenn ihr eine Information verbreitet und etwas tut. Erhebt eure Stimme und hört nicht damit auf!“

Was war passiert? Donald Trump hatte sich für den ersten Wahlkampf-Auftritt nach den Corona-Beschränkungen ausgerechnet den 19. Juni ausgesucht, den so genannten Juneteenth, „der jährlich in Erinnerung an die Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus der Sklaverei begangen wird.“ Das ist „ein Schlag ins Gesicht der Black-Community“, kommentierte Mary Jo Laupp im Vorfeld und schlug vor: Man könne ja auf der Website zu der Veranstaltung jeweils zwei Freitickets reservieren – und anschließend einfach nicht hingehen.

Sehr viele Leute registrierten sich für die Veranstaltung. Jedenfalls twitterte der zuständige Wahlkampf-Mitarbeiter von Donald Trump „Going to be epic“. Episch waren aber offenbar nur die Anmelde- nicht die Besuchszahlen. Denn US-Medien wie die New York Times berichten heute: Sehr viele Plätze blieben leer!

Der Korrespondent der Washington Post zeigt eine deprimierend leere Bühne vor der Halle (Screenshot oben), die zusätzlich angemietet worden war, weil so viele Besucher*innen erwartet worden waren. Denn offenbar waren viele der Idee der Tiktok-Großmutter gefolgt – und hatten ihre bestellten Ticket nichts abgeholt.

Bei CNN kommt eine Wahlkampf-Mangerin von Trump zu Wort, die dieses Verhalten für wenig ungewöhnlich erklärt: „Linke machen das oft“, sagt sie und dann sinngemäß: Das schadet uns gar nicht, wir bekommen lediglich ihre Kontaktinformationen.

Die Öffentlichkeit (in der SZ schreibt der Kollege Thorsten Denkler von einem Neustart der Peinlichkeiten) und vor allem Tiktok-Nutzerschaft sowie die Tiktok-Großmutter scheinen das anders zu sehen. Seit Mary Jo Laupp heute Nacht ihren Clip gepostet hat, gibt es schon jede Menge so genannte Duette auf Tiktok, in denen sehr positiv auf sie Bezug genommen wird.

Mehr über Trump-Kritik auf Tikotok in diesem Text über Sarah Coopers Lipsync-Protest

UPDATE: Auf Twitter weist die Autorin Claire Ryan in einem lesenswerten Thread darauf hin, dass die ungenutzten Anmeldungen nicht nur zu leeren Plätzen in der Arena geführt haben können, sondern vor allem die für Marketing bedeutsame Unterstützer-Datenbank nachhaltig versaut haben könnten. Sie geht davon aus, dass die angeblichen Trump-Interessierten temporäre Mailadressen und Google-Voice-Nummer eingetragen haben und somit nun in großer Zahl in der Datenbank stehen, die Trump für den Kontakt zu seinen tatsächlichen Unterstützer*innen benötigt. Ihr Fazit: „you don’t know how fucking genius this is“

Offenheit, Lernbereitschaft und eine kritische Selbstreflexion – Thomas Ernst über Lehre im Stream

Thomas Ernst ist Geisteswissenschaftler und lehrt Germanistik und Medientheorie in Amsterdam und Antwerpen. In seiner Habilitationsschrift hat er sich mit dem Verhältnis von Literatur und Sozialen Medien befasst. Er bloggt und ist bei Twitter aktiv.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. was irritiert Dich immer noch?
Da ich als Wissenschaftler sowieso den Großteil meiner Arbeitszeit hinter einem Computer verbringe, war die Umstellung für mich nicht wirklich riesig. Allerdings musste ich sehr schnell viele neue Tools und Techniken erlernen, das war anstrengend. Überhaupt habe ich die digitale Lehre und die Verantwortung für meine Studierenden in diesen herausfordernden Zeiten als intensiv erlebt – ich war durchgängig wesentlich müder als in normalen Semestern.
Zugleich ist mein Semester schon seit zwei Wochen vorbei, weshalb ich diesen Prozess bereits zu reflektieren begonnen habe. Dazu habe ich auch unter meinen Studierenden eine Evaluation durchgeführt, die in doppeltem Sinne hilfreich war: Erstens waren die vielen positiven Rückmeldungen sehr motivierend, zweitens haben die Studierenden sich sehr differenziert – mit Lob und Kritik – zum digitalen Unterricht positioniert. Für mich steht fest, dass das Coronasemester in dieser Form nicht optimal sein konnte, dass es jetzt aber wichtig ist, dass wir diese Erfahrungen – gerade mit digitalen Tools und Techniken – reflektieren und dann in ein besseres Blended Learning der Zukunft einfließen lassen.
Irritationen lösen bei mir vor allem jene gesellschaftlichen Kräfte aus, die trotz der anhaltenden gesundheitlichen Gefahren einfach so schnell wie möglich wieder zum Status quo der Vor-Corona-Zeit zurückkehren wollen. Die Erfahrungen in der Krisenzeit können die Gesellschaft jedoch auch nachhaltig zum Besseren verändern: Die Lehre kann digitaler und besser werden, in meinem Wohnort Brüssel gab es einschneidende Verbesserungen in der Verkehrspolitik… Wir sollten diese Krise nicht nur als eine, die unsere Gesundheit und Ökonomie angreift, verstehen, sondern auch die nachhaltige Verbesserung unserer Kultur im Blick behalten.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Da in Belgien das Semester schon in der zweiten Februarwoche angefangen hatte, mussten wir im laufenden Semester Mitte März die Lehre komplett auf Digitalunterricht umstellen. Das war eine ziemliche Herausforderung. Meine Uni in Antwerpen hat das aber gut geregelt: Wir haben eine zentrale Lernplattform, Blackboard, und recht schnell pragmatische und gute Einführungskurse in die Liveunterrichtsfunktion erhalten; da ich schon immer mehr digitale Elemente in meine Lehre integrieren wollte (und auch in der Vergangenheit zum Beispiel das Weblog „Digitur“ (PDF) mit Studierenden aufgebaut habe), fand ich das grundsätzlich eine Chance.
Von der technischen Ausstattung her war das für uns kein Problem, aber es ist sicherlich so, dass viele Studierende in diesem Coronasemester benachteiligt waren, z.B. weil sie eine für das Lernen ungünstige Wohnsituation haben, ihren Nebenjob verloren haben, eine zu geringe Web-Bandbreite haben oder generell technisch schlecht ausgestattet waren (Laptop, Headset). Digitale Lehre muss einen hohen Aufwand betreiben, um die schon bestehenden Bildungsungleichheiten nicht noch zu verstärken.
Zudem waren die Uni-Bibliotheken geschlossen oder nur eingeschränkt nutzbar. Ich engagiere mich sehr für Open Access und neue Wege des digitalen Publizierens – diese Krise hat nochmals gezeigt, dass schon lange alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen digital bereitstehen könnten, wir aber noch immer zu viele Hürden auf diesem Weg überspringen müssen. Dass inzwischen die KMK sogar dafür gesorgt hat, dass Fernleihen von Aufsätzen nicht mehr als Scan, sondern wieder als Ausdruck per Post verschickt werden müssen, ist absurd.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ich finde vor allem drei Erfahrungen nachhaltig: Erstens musste ich viele Möglichkeiten des digitalen Lernens ausprobieren, die ich schon lange auf dem Schirm hatte. Der zielgerichtete Einsatz von eigenen Videos, der Aufbau eines gemeinsamen Wikis, die Binnendifferenzierung der Seminargruppe in Breakout Rooms, die mögliche Parallelität von Livegespräch und schriftlichem Feedback im Gruppenchat – solche Funktionalitäten sind wichtig und werde ich auch in Zukunft nutzen.
Das werde ich dann zweitens im Sinne des Blended Learning machen, also einer sinnvoll portionierten Verschränkung von analogen und digitalen Lehrmomenten. Das ist noch immer ein Experiment, doch nach diesen rein digitalen Erfahrungen bin ich sicher, dass eine solche Mischung zu einem besseren Lernerfolg der Studierenden beitragen kann. Allerdings wird es dazu wichtig sein, die traditionelle Struktur von regelmäßigen Präsenzveranstaltungen im Kombination mit Prüfungsformen wie Klausur und Hausarbeit durch kollaborative Schreib- und Reflexionsformen auf einer digitalen Lernplattform zu ergänzen oder in Teilen zu ersetzen. Zwangsläufig müssten dann auch einzelne Seminarpläne und Lehrinhalte modifiziert werden.
Drittens hat die Erfahrung der digitalen Kommunikation vielleicht eine positive Auswirkung auf die negativen Umwelt- und Zeiteffekte der Wissenschaft: Viele Kolleg*innen sind Pendler (manche mit 500-1000 Reisekilometern wöchentlich), zu Konferenzen müssen oft Flüge gebucht werden. Nature konstatiert, dass der Schadstoffausstoß aller etwa 7,8 Millionen Wissenschaftler*innen weltweit, wenn sie nur eine Konferenz jährlich besuchten, demjenigen eines kleinen Landes entspreche. In diesem Coronasemester haben wir jedoch die Autorin Kathrin Röggla in ein Masterseminar eingeladen, ohne dass sie extra reisen musste und dafür anderthalb Tage ihre Familie hätte verlassen müssen; ich habe zwei auf digitalen Plattformen durchgeführte Konferenzen reisefrei besucht (die Reise hätten ebenfalls zu Terminkollisionen geführt); und ich werde im November selbst eine Konferenz digital durchführen. Zwar werden hoffentlich weiterhin viele akademische Veranstaltungen vor Ort stattfinden; dass aber zum Beispiel für anderthalbstündige Gremiensitzungen zukünftig nicht mehr zwanzig Personen addiert zwei Arbeitstage im Stau verbringen müssen, erscheint mir eine sehr gute Entwicklung…

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Es ist der Tat in so: Wenn man bei einer Sitzung im selben Raum mit den Kolleg*innen sitzt oder wenn man die Studierenden im Seminar vor Ort unterrichtet, kann man sehr schnell auch kleinste Signale wahrnehmen: Wer ist alles da, wer fehlt? Wie ist die Aufmerksamkeit, wer ist dabei und wer gedanklich abwesend? Kommt eine Bemerkung gut oder schlecht an? Ist eine Pause angebracht? All diese kleinen Signale, die sich in Gestik, Mimik, Sitzstellung, Geräuschkulisse äußern, fehlen. Ich habe in einer Studie gelesen, dass dies bei den Lehrenden einen wesentlich größeren Stress produziert, weil wir ständig versuchen, diese kommunikativen Leerstellen zu füllen.
In dieser Coronakrise hat das dazu geführt, dass meine Lehre wesentlich zeitaufwändiger war, weil ich neben dem eigentlichen Unterricht viel mehr Sprechstunden angeboten habe – mit Studierenden alleine, mit Arbeits- bzw. in Kleingruppen – und öfter zu Beginn einer Sitzung nachgefragt habe, wie es den Seminarteilnehmer*innen gerade geht. Das kostet alles viel mehr Zeit und Energie, die man im Seminarraum nur en passant in einen kurzen Blick investieren müsste (soziale Gesten wurden wichtiger, so hat mir die Uni Amsterdam einen Blumenstrauß als Dank für den ‚Kriseneinsatz‘ nach Hause geschickt, das fand ich toll).

Aus dieser Erfahrung heraus werde ich sauer, wenn behauptet wird, dass man durch digitale Lehre Geld im Erziehungssystem einsparen könnte, oder wenn ich lese, dass eine Uni für digitale Lehre ein geringeres Deputat berechnet. Diesen Gedanken kann man nur verfolgen, wenn man vom dummen Klischee der Massiv Open Online Courses ausgeht: Irgendwo in der Welt verteilt schauen sich große Massen die immer gleichen Videos an und erarbeiten sich dann die Inhalte autodidaktisch. Dass diese Kurse offenbar nur 5% der Studierenden erfolgreich abschließen, hat die FAZ zum Ausgangspunkt genommen, um gegen digitale Lehre allgemein zu polemisieren.
In Wirklichkeit ist die digitale Lehre harte und aufwändige Arbeit, die finanzielle Ressourcen bindet: Zunächst müssen alle mit Hard- und Software und Bandbreite ausgestattet werden; dann Lehrmedien für jede Studierendengruppe spezifisch produziert und bereitgestellt werden; der/die Dozent/in muss den Live-Unterricht anbieten, die Seminargruppe kennenlernen und binnendifferenzieren; dann regelmäßig und nach Bedarf individualisierte Gespräche anbieten; den Studierenden Feedback geben und Lernerfolge überprüfen. Insbesondere um der zentralen Gefahr der Digitallehre angemessen begegnen zu können, dass insbesondere Studierende in schwierigen sozial-ökonomischen Situationen und/oder aus bildungsfernen Hintergründen auf der Strecke bleiben, muss viel in die Qualität digitaler Lehre investiert werden.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Die Umstellung war überhaupt nicht so schlimm, wie manche Kolleg*innen befürchteten. Man sollte sich also weder von den Digitalenthusiast*innen noch von den -kritiker*innen verrückt machen lassen, sondern einfach selbst ausprobieren. Wichtig ist Offenheit, Lernbereitschaft und eine kritische Selbstreflexion.
Wir haben gleich zu Beginn der Umstellung auf digitale Lehre das Portal „Digitale Lehre Germanistik“ aufgebaut. Mit vier anderen Kolleg*innen haben wir in diesem Prozess vorab „Vorschläge für eine konstruktive Selbstreflexion“ (PDF) dieses Prozesses formuliert. Eine solche Selbstreflexion – was war gut, was war schlecht, was sollten wir mit in die Zukunft nehmen – wollen wir nach Abschluss des Coronasemesters in Deutschland unbedingt in Angriff nehmen, also wohl im Juli. Allerdings sehen wir auch einen großen Drang bei vielen Kolleg*innen, möglichst schnell den Status quo von vor der Krise herzustellen, so ist gerade ein offener Brief unter dem Titel „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ veröffentlicht worden. Es ist aber vielleicht ein Fingerzeig, dass inzwischen viele Kolleg*innen meinen, eine solche Verteidigungsposition einnehmen zu müssen…

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Das muss ich zweigeteilt beantworten: Einerseits hat es sich als ein großer Vorteil erwiesen, dass die Universiteit Antwerpen mit Blackboard eine Lernplattform nutzt, die sehr viele wichtige Funktionalitäten bereitstellt: Live-Klassenräume, digitale Semesterapparate, Video-Aufnahmefunktion, Wikis, Foren usw. Das ist eine große Erleichterung, zumal wir schnell gute Fortbildungen erhalten haben (in Amsterdam gilt dasselbe für die Plattform Canvas).
Für die Gespräche mit Kolleg*innen anderer Universitäten oder die Teilnahme an Konferenzen, die auf Online-Plattformen verlegt wurden, habe ich eine Vielzahl von Anbietern genutzt: Blackboard Collaborate ultra, Skype, Microsoft Teams, Zoom, BigBlueButton, Facetime, WhatApp. Hier wäre es gut, wenn sich die Universitäten perspektivisch auf eine oder zwei Varianten als Standards einigen würden, die im Idealfall stabil funktionieren, Open Source sind und die Datensouveränität ihrer Nutzer*innen beachten.

Dieses Interview ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Eine Betrachtung über Geisterspiele in der Bundesliga
> Richard Oehmann von der Band Cafe Unterzucker über Band-Musik im Stream
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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Früher ist gar nicht so lange her – die Sache mit der Nostalgie (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine gute Seite an der Zeitenwende, die wir durch Corona gerade erleben, ist der Satz „Früher ist gar nicht so lange her“. Er bekommt dieser Tage eine besondere Schönheit – und Symbolkraft.

Ich stand zum Beispiel am 7. März letztmals dicht an dicht mit anderen Fußballfans in einem Stadion. Das liegt nur ein paar Wochen zurück, aber das Gefühl sagt: Ewig her! Geisterspiele, physische Distanz, Masken, Vergangenheit. Seufzen: Verklärung!

Die gefühlte Zeit ist eine starke Waffe. Sie kann dazu führen, dass wir uns mächtig fühlen oder überfordert. Sie kann uns wärmen aber auch wütend werden lassen. Sie ist ein politisches Instrument. Und da in der aktuellen Lage das Davor und das Danach so eng beieinander liegen, heißt das nicht nur, dass wir gerade mittendrin sind in einer Zeitenwende. Es zeigt auch wie die Dynamik des Sehnens und Erinnerns Perspektiven bestimmt. Anders formuliert: Wir können gerade dabei zuschauen, wie Nostalgie entsteht. Es handelt sich um eine besondere Form der Vergangenheits-Sehnsucht: die Vor-Corona-Nostalgie.

Der kanadische Autor David Berry veröffentlicht diesen Sommer ein Buch über Nostalgie. In der Vorab-Veröffentlichung kann man nachlesen, wie Nostalgie zur neuen Norm wurde. So kann man die englische Überschrift übersetzen und damit einen deutlichen Bezug zur neuen Normalität der Corona-Zeit erkennen. Zwar hat Berry das Buch weit vor Corona geschrieben, seine Hauptthese enthält aber durchaus einen Bezug zu unserem Umgang mit den Veränderungen durch die Krise. Berry sieht den Hauptgrund für das Aufkommen der Nostalgie in unserer Überforderung im Umgang mit der Endlichkeit. „Der Glaube, dass Dinge immer weiter gehen, zählt zu unseren einfachsten Täuschungen“, schreibt er. „Denn das Wissen, dass das Leben flüchtig ist, ist im Rückblick kaum erträglich, im gegenwärtigen Erleben ist es kraftzehrend. Deshalb sehnen wir uns danach zurückzugehen, weil das Leben aus Verlust besteht, bis zum Ende.“

Das ist eine empathische Beschreibung der Nostalgie, die mich an Worte erinnert, die ich vor einem Jahr in diesem Newsletter aus einem Beitrag des Pessimists-Archive-Macher Jason Feifer übersetzte. Er schrieb im Jahr 2019 über eine Facette der Vergangenheits-Verklärung, nämlich über das Schimpfen über die Jugend: „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.“

Diese Worte las ich damals unter dem Eindruck der Fridays-For-Future-Debatten. Die gefühlte Ewigkeit später, die wir Gegenwart nennen, macht es viel schwerer Schuld auf diese simple Weise zuzuweisen (dass es nicht unmöglich ist, kann man an Beispiel der Hygiene-Demo-Debatten hier und hier nachlesen). Deshalb greift die Macht der Nostalgie dieser Tage viel stärker als ihre aktive Schwester: die wütende Jugend-Beschimpfung, die an jeder Ecke kulturellen Niedergang wittert.

Nostalgie (selbst zu interpretierendes Symbolbild: unsplash) ist weniger aktiv. Nostalgie schimpft weniger, sehnt mehr. Eine besondere Form der Nostalgie hat der US-Schriftsteller Dave Eggers unlängst in einem SZ-Interview zur Aufführung gebracht: Die Sehnsucht nach der Vor-Smartphone-Zeit. Seine Überforderung mit den vielen blinkenden Apps und Angeboten hat er in komplette Ablehnung gewandelt und glorifiziert nun die 90er Jahre. Denn auch Nostalgie verklärt die Vergangenheit in einer Art, die (dem schimpfenden Pessimismus vergleichbar) die Erinnerung zum Maßstab macht. Der Economist hatte schon zum Jahreswechsel 2018/19 den Ausbruch einer weltweiten Verklärung diagnostiziert: „Die Welt ist auf die Vergangenheit fixiert“ titelte das Magazin und beschrieb, wie die „Make Great Again“-Kultur das Denken überall auf der Welt bestimmt.

Ich glaube, dass der Umgang mit den Corona-Folgen diese Entwicklung nicht bremsen wird. Im Gegenteil: Wir erleben gerade, wie aus der Überforderung mit der Lage die kurzatmigste Form der Nostalgie erwächst. Daran gibt es erstmals nichts zu bewerten oder zu beschönigen. Man kann es ja kaum beobachten, so eng steckt man noch selbst drin. Es scheint mir aber doch bemerkenswert, dass die oben beschriebene Kraft der gefühlten Zeit stets mehr zur Verklärung denn zur Erklärung reicht. Es wird wehmütig gesehnt, statt gestaltend zu übertragen, was so wichtig sein sollte, dass es weitergeht. Wie schön wäre es, wenn wir uns nicht nur nach einem schön erinnerten Früher laben, sondern auch einschließen, was damals unbestreitbar ungut war.

Denn das ist der Zauber an dem Satz „Früher ist gar nicht so lange her“. Wir können uns allesamt noch selbst erinnern, wir sind nicht auf schwarz-weiß-Fotos und abgegriffene Anektdoten angewiesen, die immer schon einen Verklärungs-Waschgang hinter sich haben. Und wir können quasi in Echtzeit beobachten, wie dieser Prozess alles Störende aus unserer Erinnerung wäscht. Denn ohne diese Verklärung fehlt der Nostalgie die porentiefe Strahlkraft, die im Lichte eines erlebten Alltags plötzlich merkwürdig künstlich wirkt. Anders formuliert: Früher ist gar nicht so lange her als dass ich auf den Satz „Früher war alles besser“ reinfallen würde.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline

Vergangene Woche habe ich hier einen Brief an diejenigen Menschen in meiner Timeline geschrieben, die sich Corona-Zweifler nennen. Daraufhin haben sich einige Debatten ergeben, die auch mit den so genannten Hygiene-Demonstrationen vom Wochenende zu tun haben. Am Ende laufen diese Diskussionen stets auf eine Polarisierung hinaus, die einige Demonstrierenden inszenieren. Sie halten sich für einen Widerstand gegen den nicht weiter definierten Mainstream. Wer ihnen widerspricht, ist dieser Logik nach, Teil der „Weltverschwörung“ oder „Medienelite“ – und bestätigt die Thesen. Dass jemand freiwillig anderer Meinung ist, ist nicht vorgesehen bei denen, die sich unterdrückt fühlen.

Lenz Jacobsen analysiert dazu bei Zeit Online richtig: „Sie können die Polarisierung, von der sie profitieren, nicht selbst herstellen, dafür brauchen sie die Hilfe aller, die Aufmerksamkeit zu verteilen haben: Medien, Leser, Retweeter, Facebook-Liker, WhatsApper.

Ich werde meine Aufmerksamkeit künftig achtsamer verteilen, deshalb hier fünf abschließende Sätze zur Debatte mit den wissenchaftszweifelnden Hygiene-Demonstrierenden (Foto: Unsplash)

1. Du bist weder die Mehrheit noch wirst du unterdrückt. Es gibt keine geheime Verschwörung, die du gerade gemeinsam mit Nazis und anderen Spinnern aufdeckst. Du darfst das aber behaupten und du darfst dafür sogar demonstrieren.

2. Dann musst du aber damit leben, dass ich das in hohem Maße scheiße finde, was ihr da treibt. Widerspruch ist Teil der offenen Gesellschaft, kein Ausdruck von Gehorsam. Wer für Grundrechte eintritt, muss es aushalten, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Dazu zählt zum Beispiel auch dies: Es stimmt schlicht nicht, dass es keine Kritik an der Regierung gibt. Die öffentliche Debatte ist voll davon, du müsstest nur genauer hinschauen.

3. Ich möchte darüber nicht weiter diskutieren. Ich muss und will dich nicht überzeugen. Und ich will von deinen unwisssenschaftlichen Ansichten auch nicht überzeugt werden. Es ist okay, dass du deine Meinung hast. Es ist aber auch okay, dass ich sie nicht teile – und sie jetzt auch nicht weiter öffentlich diskutiere und damit wichtiger mache als sie tatsächlich ist.

4. Das einzige, was mich an deiner Demo interessiert: Ihr haltet euch nicht an die Regeln, die ich für geboten und vernünftig halte. Und zwar nicht in dem Sinn einer Diktatur, sondern im Sinn einer Ampel, vor der ich aus Vernunft bei rot stehen bleiben, nicht aus Gehorsam. Dass Ihr Eure Angst dennoch immer wieder auf öffentlichen Demos in das Diktatur-Narrativ dreht, macht euch nicht glaubwürdiger. Im Gegenteil: Ich halte eure so genannten Demos für dumm, unsolidarisch und unvernünftig.

5. Wenn du tatsächlich für Grundrechte auf die Straße gehst, dann lass doch den Grund-Gedanken der Toleranz zu: Die deiner Meinung nach „Bösen“ haben die gleichen edlen Motive in ihrem Handeln wie du. Alle sind in Sorge, alle versuchen das Beste für ihre Lieben. Die Polarisierung in die „Bösen“ dort und die „Guten“ hier hilft nicht weiter. Denn die Bösen denken selbst, dass sie die Guten sind ¯\_(ツ)_/¯

Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir sollten uns nicht spalten lassen.

Mehr zum Thema:
> Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen
> Auf Coronapause.de erklärt Heiko, wie er mal auf Fake-News reingefallen ist und diese weiterverbreitet hat
> eine kleine Anleitung Gegen die Panik und
> Zehn Tipps gegen Falschmeldungen im Netz

Geisterspiele und der beiläufige Zauber von Live-Events

Back in Black. Unter dieses Motto hat der VfL Bochum den Neustart in die Schlussphase der Corona-Rückrunde in der Zweiten Fußballbundesliga genannt. Es gab ein Sondertrikot, Heimtickets (mit denen man den Verein finanziell von daheim unterstützen kann) und jede Menge Diskussionen über die so genannten Geisterspiele. Ich lese jeden der Texte, die über das Verhältnis von fehlendem Publikum und dem Sport geschrieben werden, der ja im Mittelpunkt stehen sollte, aber doch ohne Fans an Bedeutung verliert. Der Zauber gehe verloren, wenn die Fans nicht da sind, habe ich gelesen und dass der Fußball ohenhin total drüber sei und eine Pause gut getan hätte. Womöglich ist beides richtig. Weil ich mich aber in den vergangenen Wochen hier viel mit dem Charakter von digitalisierten Live-Events befasst habe und den Fußball mag, hier drei Beobachtungen von diesem ersten Spieltag nach Corona. (Foto: Unsplash)

Ich bette diese ein in ein Format, das ich die Mutter aller Live-Events nennen würde: die Radioreportage beim Fußball. Ich liebe Fußball im Radio. Alles, was man über den Zauber von „Live“ und „Streaming“ wissen muss, kann man an der Radioreportage ablesen mithören. Fußball im Radio ist völlig anders als der Besuch im Stadion oder die Übertragung von TV-Bildern. Fußball im Radio schafft ein eigenes Ereignis, das ohne das Geschehen auf dem Rasen nicht möglich wäre, sich von dem aber maximal weit entfernt. Bei mir war das heute die Distanz vom Ruhrstadion in Bochum bis zum Olympiastadion in München. Während an der Ruhr Grönemeyers Loblied auf die Stadt ins leere Stadion gespielt wurde, lief ich durch den Olympiapark und hörte mir die Radioreportage im Live-Stream bei Amazon an. Ich hörte spürte diese lautlose Leere, die von den Geisterspielen ausgeht, die aber auch ein lauter Sehnsuchtsruf ist: der kindliche, naive Wunsch, dass all dieser Scheiß vorüber gehen soll. Wenn jetzt! sofort! bitte! schon nicht möglich ist, dann soll wenigstens die Erinnerung daran helfen, wie es vor ein paar Tagen war, die doch so unglaublich weit weg sind: als das ganze Stadion mitsang.

Ich habe diese Form des Sport-Machens und der gleichzeitigen Sport-Teilnahme in den vergangenen Jahren als perfekte Symbiose meiner Radio- und Laufbegeisterung lieben gelernt. Denn wenn Guido Hüsgen über das Geschehen in Bochum spricht, fühle ich mich auf eine erstaunliche Weise sportlich verbunden (und sogar angetrieben), vergesse dabei aber, dass ich in München laufe (was mir eines der nobleren Ziele des langen Laufens zu sein scheint, wie ich in der ersten Staffel vom Minutenmarathon beschreiben werde). Wenn dann der tollere Verein noch drei Treffer erzielt, wird der Lauf zu einer großen Freude. Denn in Wahrheit ist das Spiel eben trotzdem nur eine Nebensache (wenn auch die schönste der Welt). Im Sport ist diese Beobachtung zu einer bedeutsamen Fußballreporter-Floskel geworden, ich glaube sie gilt aber auch darüber hinaus für Live-Events:

1. Das Live-Event ist stets mehr Beiwerk als uns bewusst ist
Es ist dies vermutlich der blindeste Fleck von Menschen, die Inhalte erstellen: Der Inhalt ist wichtig, aber eben nur ein Bestandteil einer größeren Komposition. Wir gehen auf ein Konzert oder zu einer Lesung natürlich wegen des Inhalts, den die Künstler*innen auf der Bühne zeigen, aber eben nicht nur. Wir gehen auch wegen der Freundinnen und Freunde, um andere Menschen zu sehen, ein Bier zu trinken, uns auszutauschen. Der Inhalt fügt sich im besten Fall möglichst beiläufig in das soziale Event ein. Der gestreamten Lesung oder dem virtuellen Konzert fehlt diese Beiläufigkeit oft noch. Das Live-Event im Web will immer die ganze Aufmerksamkeit. Für Moderationen und Workshops ist das ein großer Vorteil, bei jeglicher Form der Kunst steht sich die Kunst damit so sehr im Weg, dass sich kein Zauber verbreiten kann. Deshalb nutzen manche Künster*innen zum Beispiel auf Twitch die Let’s play-Dynamik, die man vom Live-Event „ich schau anderen beim Computerspielen zu“ kennt.

2. Social ist viel wichtiger als gedacht Dass Fußball irgendwie geisterhaft wirkt, wenn kein Publikum zuschaut, bestätigt nicht nur die These von der Beiläufigkeit, sondern beweist: ohne den sozialen Austausch verliert das Hauptevent die Attraktivität. Erst der soziale Kontext macht den Content wertvoll. Wir haben in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort Social Media gelernt, wie Medien „social“ wurden, gerade lernen wir durch den Verzicht auf Fans, wie social die Inszenierung Fußball ist. Live-Events sind wie oben beschrieben schon immer Ort des sozialen Austauschs. Leider ist der digitalen Entsprechung bisher nur selten eine entsprechende soziale Komponente geglückt.

3. Die Prägung ist häufig bedeutsamer als die Möglichkeit Helge Schneider hat unlängst in einem Facebook-Video angekündigt, nicht im Live-Stream oder vor Autos auftreten zu wollen. So lange die physische Distanz Auftritte klassischer Prägung nicht zulasse, wolle er lieber gar nicht auftreten, weil ihm bei allen neue Varianten der soziale Austausch fehle. Das ist erstaunlich, weil nahezu alle, die ich für den Online-Only-Fragebogen sprach, lobten, dass der digitale Chat eine neue ganze andere Form des Austauschs ermögliche. Wir haben diese noch nicht richtig verstanden und ihre Möglichkeiten noch nicht richtig nutzen gelernt, aber der Austausch ist schon da. Wir erkennen ihn auch deshalb nicht, weil wir immer mehr auf das schauen, was wir gewöhnt sind als auf das, was die nächste Generation für normal hält.

Für das Dilemma, in dem der Fußball gerade steckt, ist das keine Lösung, deshalb tröste ich mich mit dem schönen Lauf (samt gutem Ergebnis), den ich heute hatte. Alles andere bleibt im Ungewissen: wir fahren auf Sicht.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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Boss Baby: Deepfake Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des US-Präsidenten

Ich habe hier unlängst über digitale Kopien als Form der Trump-Kritik geschrieben. Jimmy Kimmel hat nun eine weitere Ebene eröffnet – und die Technik des Deepfakes eingesetzt um die kindische Art des US-Präsidenten zu karikieren.

In diesem Video nutzt er die Vorlage eines viralen Kinderclips, in dem das Baby sehr süß leugnet, verbotenerweise Hundefutter angefasst zu haben. Kimmel nutzt diese Kopiervorlage und setzt das Gesicht des US-Präsidenten auf den Babykörper. Ähnlich wie bei den Tiktok-Kopien entsteht so ein neuer Zusammenhang zwischen Präsidenten-Sprechen und Babykörper.

Das Prinzip, auf dem diese Bilder basieren, ist jenes, das man seit Jahrhunderten von Karikaturen und Parodien kennt. Man veralbert die Mächtigen, überzeichnet Eigenschaften und stellt diese heraus. Die Technik, die dafür genutzt wird, ist verhältnismäßig neu. Deepfakes übertragen die Idee der Karikatur auf eine neue Ebene – und bilden damit eine sehr zeitgemäßge Kritik. Es ist anzunehmen, dass wir hier in (naher) Zukunft neue Ansätze sehen werden – die sich sehr gut fügen in die Form, die wir gerade bei Tiktok gesehen haben.

Gemeinsam ist all diesen Ansätzen das Lob der Kopie

Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Ich habe gestern einen Beitrag vom Zeichner Janosch auf Facebook entdeckt. Es ist nur ein Satz, den er mit seinem Namen unterzeichnet hat: „Wer das hier liest, braucht sich vor nichts mehr zu fürchten“ steht da. „Mutmacher“ hat Janosch daneben geschrieben und dafür unzählige Herzchen bekommen.

Es ist eine wirklich schöne Vorstellung, etwas zu lesen, was uns die Angst nimmt. Keine Furcht mehr, einfach dadurch dass man etwas liest. Ich habe Angst in diesen Tagen und ich wäre deshalb fast reingefallen auf diesen Janosch-Satz. Denn wenn ich Angst habe, Unsicherheit verspüre oder keinen Ausweg sehe, dann sind Sätze wie jener von Janosch süße Versprechen. Sie bieten eine Lösung für Probleme, die mich überfordern. Sie beruhigen mich – auch wenn ich weiß, dass es diese sehr einfachen Sätze in Wahrheit nicht gibt. Trotzdem bin auch ich anfällig für die Dynamik, die Janosch mit seinem Beitrag anstößt. Diese Dynamik wird durch Social Media massiv verstärkt (Foto: Unsplash).

Deshalb schreibe ich Dir.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren etwas aus den Augen verloren, Facebook hält uns aber in Verbindung und so habe ich in den vergangenen Wochen immer mal wieder Beiträge von dir gesehen. Du hast Interviews aus dem Kanal KenFM geteilt, eine Petition gegen die Maskenpflicht und gestern den Mut derjenigen gelobt, die „sich das Denken nicht verbieten lassen“ und in Stuttgart, Berlin und München „gegen den Gehorsam der Mainstream-Medien auf die Straße“ gegangen sind.

Ich sehe das entschieden anders als du, aber ich halte dich deshalb nicht für einen Nazi oder eine Verschwörungstheoretikerin. Ich nehme an, dass du diese Beiträge teilst, weil du dir ernsthaft Sorgen machst und ich kann das verstehen: Ich mache mir auch Sorgen. Vielleicht hat Facebook also gar nicht mal so Unrecht: Wir haben da eine Verbindung.

Diese Verbindung haben wir, obwohl ich sehr grundlegend anderer Meinung bin als du. Ich finde nicht, dass deine Ansichten unterdrückt werden in diesem Land oder dass deine Perspektive tot geschwiegen wird. Dass du diese Beiträge teilen kannst, dass Menschen auf die Straße gehen und auch Leute wie Ken Jebsen publizieren, zeigt, dass es Meinungsfreiheit gibt in diesem Land. Dass Leute wie er dennoch ständig so tun als würden sie gegen einen anders denkenden Mainstream kämpfen, ist Teil ihrer Strategie. Sie inszenieren sich als Vorkämpfer für die Wahrheit und deuten den inhaltlichen Widerspruch als Beweis dafür, dass sie unterdrückt oder zensiert werden. Es ist aber kein Ausdruck von Unterdrückung und Zensur, wenn man jemandem, der sich öffentlich äußert, deutlich macht, dass er Unsinn redet (hier und hier kann man das ausführlich nachlesen). Es ist im Gegenteil Beweis einer offenen Gesellschaft, um die Ihr Euch ja sorgt, dass eine Rede auch eine Widerrede erträgt.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.

Ich glaube, dass viel mehr Menschen diese Sorge teilen als du denkst. Auch diejenigen Menschen, die du in „den Eliten“ oder „der Politik“ oder „in den Medien“ vermutest. Sogar Bill Gates teilt diese Sorge. Ich bin mir da sehr sicher und würde dich bitten, für einen Moment den Gedanken zuzulassen, dass auch die Leute am Robert-Koch-Institut, in der WHO und sogar die Bundeskanzlerin aus den gleichen guten Motiven handeln wie du und die anderen Leute, die auf die Straße gehen oder KenFM-Clips teilen. Stell dir mal vor wie es wäre, wenn wir allesamt gerade einfach nur scheiß Angst haben. Stell dir mal vor, dass „die da oben“ nicht gegen dich sind oder einen geheimen Plan verfolgen, sondern schlicht das Gleiche wollen wir du: dass dieser ganze Mist möglichst bald wieder aufhört.

Kannst du dir nicht vorstellen? Verstehe ich. Es gibt dafür sogar einen wissenschaftlichen Begriff. Man nennt das „Motive attribution asymmetry“. Der Begriff beschreibt das Gefühl, dass wir immer denken, diejenigen, die anderer Meinung sind als wir selbst würde ihre falsche Meinung aus boshafter Intention vertreten. Deshalb funktionieren die Beiträge von KenFM und anderen so gut: Sie reden uns ein, die anderen hätten einen bösen Plan. Wenn wir das glauben, erzeugen diese Beiträge genau das Gefühl von dem obigen Janosch-Satz. Wir müssen uns plötzlich nicht mehr fürchten. Denn es gibt jetzt einen Gegner, jemanden, dessen boshafte Pläne man bekämpfen kann. Damit gibt es etwas zu tun, man kann streiten und kämpfen – und zwar für das Gute, denn wenn die anderen das Böse planen, ist man ja automatisch auf der guten Seite.

Ich schreibe das nicht als Vorwurf, sondern als Bekenntnis: Ich kenne dieses Gefühl. Es ist „wie eine Kompassnadel, die immer in eine Richtung deutet: auf das Böse, das Falsche, das Ärgerliche. Das ist gut, denn dann bilde ich mir ein, wieder zu wissen, wie alles ist. Dann habe ich wieder Übersicht. Zumindest glaube ich das in diesem Moment der Empörung. Ich kann auf das Falsche zeigen, auf das, was ich anprangere. Das gibt mir nicht nur Orientierung, es bedeutet unausgesprochen natürlich auch immer: Ich stehe auf der richtigen Seite, bei den Guten, bei denen, die die richtigen Intentionen haben, das Richtige wollen.

Was aber, wenn es die anderen gar nicht gibt? Was wenn die, die wir für die anderen halten auch einfach nur das Beste wollen (halt auf einem anderen Weg)? Sobald du diesen Verdacht zulässt, fallen alle Beiträge von KenFM und den anderen in sich zusammen. Plötzlich verschwindet die mutmachende Kraft des „wer das liest, braucht sich nicht mehr zu fürchten“. Plötzlich steht man nackt da, ohne Gegenseite, ohne Kompassnadel und Orientierung.

Das ist scheiße. Und ich glaube, dass viele Menschen deshalb zu Covidioten werden, weil sie nicht mit der Angst umgehen können. Das will ich ihnen gar nicht vorwerfen. Wir haben schließlich alle Angst. Ich will dich aber bitten (weil wir uns kennen, weil wir eine Verbindung haben), lass dich nicht auf dieses Spiel mit der Spaltung ein. Es löst keine Probleme, wenn du ständig in wir und die denkst. Es hilft nicht weiter, wenn du in Microsoft Word ein Pamphlet gegen Bill Gates verfasst – selbst wenn du dich dann für einen kurzen Moment besser fühlst.

Mir hilft in diesen Situationen der Angst und Orientierungslosigkeit das Buch, das KenFM ständig in die Kamera hält. Das Grundgesetz sagt nämlich, dass wir die anderen als Menschen mit Würde wahrnehmen sollen. Dass wir ihnen zubilligen, eine andere Meinung zu haben und sie dennoch wertschätzend zu behandeln. Wenn dir das auch wichtig ist, hast du jetzt eine gute Möglichkeit damit zu beginnen. Stell dir zum Beispiel einfach mal vor, dass es Menschen gibt, die Masken nicht aus Gehorsam tragen, sondern aus Nächstenliebe. Sie wollen ihren Mitmenschen damit deutlich machen: „Falls ich das Virus in mir trage, möchte ich dich damit nicht anstecken.“ Ich finde das ein schönes Zeichen, das kraftvoller ist als alle Petitionen. Es ist Ausdruck von Vernunft – und darum geht es mir, wenn ich dir hier schreibe: Ich weiß, dass Du kein Covidiot bist. Ich weiß, dass du wie wir alle Angst hast und vielleicht an ein oder zwei Stellen unvernünftig abgebogen bist. Das ist kein Grund, unsere Facebook-Freundschaft zu beenden. Aber es ist ein Grund, nochmal darüber nachzudenken, von wem die Sätze eigentlich stammen, die das schöne aber trügerische Gefühl verbreiten, wir müssten uns nicht mehr fürchten.

Lass uns vernünftig bleiben! Auf dass dieser Scheiß bald vorbei ist

Mehr zum Thema:
> Auf Coronapause.de erklärt Heiko, wie er mal auf Fake-News reingefallen ist und diese weiterverbreitet hat
> eine kleine Anleitung Gegen die Panik und
> Zehn Tipps gegen Falschmeldungen im Netz

Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer hat die Digitalisierung in deinem Unternehmen in den vergangenen Jahren entscheidend voran gebracht? Es folgen drei Abkürzungen zum Ankreuzen: Variante a) der CEO (was die Abkürzung für den obersten Chef ist), b) der CTO (steht für Chief Technology Officer) oder c) COVID_19 (was keine Berufsbezeichnung ist, sondern die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruskrankheit, die gerade die Welt wie wir sie kannten sehr grundsätzlich verändert). Jemand im Internet hat sich den Spaß gemacht, COVID_19 anzukreuzen und dieses Bild ins Netz zu stellen. Die Botschaft ist deutlich: die Coronakrise ist der bedeutsamste Digitalisierungs-Treiber der vergangenen Jahren. Plötzlich entdecken Menschen den Zauber der digitalen Vernetzung, die das Internet eigentlich ablehnen. Plötzlich ist möglich, was jahrelang verschleppt wurde – weil es schlicht die einzige Möglichkeit ist, jetzt und sehr vollständig auf das Digitale zu setzen. „Die Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Umkipp-Punkt, an dem auch die skeptischen Teile der Gesellschaft die seit Jahren beschriebenen Möglichkeiten in die Tat umsetzen“, so mein Urteil am Beginn der Krise, als die Gesellschaft feststellte: Immerhin gibt es das Internet.

Mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird aber deutlicher, dass sich gerade nicht nur auf der Anwendungsebene Grundsätzliches ändert. Corona treibt die Digitalisierung nicht nur in der selbstverständlichen Nutzung, sondern auch im Denken voran: Ich meine beobachtet zu haben, wie die Corona-Krise der Gesellschaft ein „Digital Mindset“ nahebringt. Das Leben in der Ungewissheit macht die vormals abstrakte Rede von der VUCA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguitität) sehr konkret greif- und fühlbar. Deshalb glaube ich, dass man der Corona-Krise mit Denkmustern begegnen kann, die aus dem Digitalen stammen. Es sind Muster, die noch nie auf Gewissheiten bauen konnten, die auf Lernen und Entwicklung setzen und keine Masterpläne mehr suchen. Ich habe diese Muster in meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschrieben und fasse hier die fünf wichtigsten zusammen, die beim Denken in der Corona-Krise helfen können

1. Auf Sicht fahren

Der Weg vor uns liegt im Nebel (Symbolbild: unsplash). Die Corona-Krise zeigt deutlich, was im Digitalen so ähnlich schon immer galt: Wir können nur bedingt planen. Wir bewegen uns in kleinen Schritten und bringen jederzeit die Bereitschaft mit, Anpassungen vorzunehmen. Die Idee, in Sprints zu arbeiten, ist eine Reaktion auf genau diese Ungewissheit. Darin steckt die Bereitschaft, nicht immer „das große Ganze“ lösen zu wollen, sondern sich in Iterationen vorwärts zu bewegen und aus Fehlern zu lernen. Auch auf die Corona-Krise mit diesem agilen Denken zu reagieren, scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein. Denn wie absonderlich „der langfristige Plan“ in diesen Zeiten wirkt, merken wir wenn wir überlegen, was wir Anfang März über Corona und die nächsten Wochen sagten…

2. Ausprobieren

Nicht nur in der Corona-Krise gilt: Es gibt nicht den einen Masterplan zur Bewältigung dieser Herausforderung. Es ist eine neue Situation, für die es keine Blaupause aus der Vorgänger-Generation gibt, die Älteren sind nicht automatisch die Klügsten im Raum, sondern genauso ratlos wie wir alle. Wir sind wohl oder übel aufs Ausprobieren angewiesen. Das bedeutet aber auch: wir sollten aufhören, nach Masterplänen zu suchen und beginnen, Menschen zu loben, die Fehler korrigieren und neue Entscheidungen treffen. Lernende System zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf neue Gegebenheiten reagieren, sich anpassen. Wenn der Weg beim beim Gehen, braucht man dafür einen grundlegende Offenheit: Build, Meassure, Learn – der Imperativ auf „Lean Startup“ ist digital denkenden Menschen schon länger ein Leitbild. In der Corona-Krise wird er auf Infektionszahlen und Reproduktions-Statistiken ausgedehnt.

3. Kleiner denken

Wenn es keinen Masterplan gibt, kann man auch aufhören, nach einem stimmigen Fünf-Jahres-Konzept zu suchen. Wichtiger als detaillierte Milestones ist ein grundsätzliche Übereinkunft über die gemeinsame Richtung. Kein einzelner Schritt wird das Gesamtproblem lösen, aber ohne die einzelnen Schritte, kommen wir nicht voran. Wer im digitalen Denken sozialisiert ist, hat sich schon vor Jahren von der Perspektive verabschiedet, alle Probleme auf einmal und vor allem perfekt lösen zu wollen. In agilen Zusammehängen sagt man deshalb: „Done is better than perfect“. Mit Corona-Stimme gesprochen heißt das: Es kann schon ein Erfolg sein, wenn man einen Tag schadenfrei überstanden hat und Schlüsse für den nächsten Tag zieht.

4. Ambiguität aushalten

Komplexe Probleme zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine einfachen Lösungen beinhalten. Schlimmer noch: Manchmal können widersprüchliche Antworten richtig sein bzw. Berechtigung haben. Damit umzugehen nennt mit Ambiguitätstoleranz. Diese Fähigkeit lernt man an keiner Schule, sie basiert auf dem Mut, eigene Wahrheiten in Frage zu stellen – und mit einem ¯\_(ツ)_/¯ immer die Frage zu stellen: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?

5. Vernünftig bleiben

Das süßeste Gift in komplexen Zeiten ist das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Social Media katalysiert diese Form von Selbstvergewisserung in einer Weise, die bedrohliche Züge annehmen kann. Was die Seife im Kampf gegen das Virus ist, ist die Vernunft im Kampf gegen die einfachen Wahrheiten: Sie hilft, die gefährliche Verbreitung zu unterbinden. Dazu zählt, allen Schuldzuweisungen zu misstrauen, die „die Medien“, „die Eliten“ oder „die Pharma-Industrie“ als Strippenzieher eines geheimen Plans „enttarnen“. Die Unterstellung, alle anderen würden nur Böses im Sinn haben und dieses Böse durch die Reaktionen auf die Corona-Krise umsetzen, ist vielleicht beruhigend, aber leider vor allem eins: unvernünftig (Mehr über das „Motive attribution asymmetry“ genannten Phänomen hier).

Vernunft basiert auf dem Mut, sich nicht den Emotionen hinzugeben. Die Fähigkeit, die man dafür immer wieder aufbringen muss, hat Christoph Kucklick mal als „Überforderungsbewältigungskompetenz“ beschrieben. Also als die Fähigkeit, die eigene Überforderung nicht durch einfach Antworten zu bekämpfen, sondern sich der Ratlosigkeit zu stellen und pragmatisch auf sie zu reagieren. Für mich bringt das Schulterzucken des ¯\_(ツ)_/¯ diese Haltung perfekt auf den Punkt. Im Umgang mit den digitalen Herausforderungen habe ich es als enorm hilfreich kennengelernt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Haltung auch in Bezug auf die Corona-Krise lernen – auch wenn es schwierig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich häufiger mit dem Thema „Digitales Denken“ befasse. Dazu sind zuletzt erschienen: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wer mehr über das Thema Digitales Denken wissen möchte: mein Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ handelt genau davon, wie man auf unsichere und komplexe Situationen reagiert.

Lob der Kopie: Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Wie reagiert man angemessen auf den Schwachsinn, den Donald Trump in seinen so genannten Pressekonferenzen von sich gibt? Über das letzte Treffen mit Vertretern der Presse schreibt die SZ:

Trumps Statement war wie üblich von Lob für die eigene Regierung und von wissenschaftlich haarsträubenden Aussagen gespickt, wie etwa der Idee, an Covid-19 erkrankten Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren oder sie mit ultraviolettem Licht zu bestrahlen.

Die Deutsche-Presse-Agentur berichtet, dass offizielle Stellen und sogar die Hersteller von Desinfektionsmitteln sich daraufhin veranlasst sahen, Warnungen auszusprechen, den „Ideen“ des US-Präsidenten nicht zu folgen.

Die Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Washington warnte die Bürger im Anschluss auf Twitter vor der Einnahme von Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln: «Machen Sie eine schlechte Situation nicht schlimmer.» Der britische Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser, zu dessen Marken Sagrotan gehört, erklärte, dass Desinfektionsmittel «unter keinen Umständen» verabreicht werden sollten.

Man bleibt fassungslos zurück und fragt sich: Wie kann man auf diesen Schwachsinn noch angemessen reagieren? Wie kann man diese Aussagen des US-Präsidenten noch einordnen, kritisieren oder gar parodieren? Eine Antwort gibt es seit einer Weile auf Tiktok. Der Dienst, der mit dem Nachsingen von Sounds begonnen hat, hat quasi nebenbei die effektivste Form der Trump-Kritik erfunden: ihn selbst zu Wort kommen lassen!

Künstlerinnen wie Sarah Cooper tiktoken den Präsidenten, d.h. sie nehmen den Originalton seiner Pressekonferenz und bewegen dazu auf Tiktok ihre Lippen. Das sieht dann so aus und ist sehr sehr lustig:

Andere Nutzer*innen verwenden ihre Soundvorlage mit dem Trump-Quatsch und spielen ihn ebenfalls nach. Das ist zuvor schon bei anderen Presse-Statement des Präsidenten passiert – und ich werde den Eindruck nicht los: Tiktok scheint gerade die beste Möglichkeit zu bieten, den Quatsch, den Trump von sich gibt, zu kommentieren.

@kyscottt

ur doing great sweetie ##antibiotics ##covid19 ##covid ##quarantine ##intheclub ##drunkwords ##trump

♬ original sound – iampeterchao

Mehr über Tiktok gibt es hier im Blog und unter tiktok-taktik.de – und wer verstehen will, warum das Kopieren schon immer eine wunderbare Form der Kritik war: Ein Lob der Kopie!

Update: The Atlantic hat Sarah Cooper zu der Trump-Parodie interviewt. Im Gespräch sagt sie: Somebody [pointed out] that this is the emperor without his clothes, because when you see Trump, and he’s behind that podium with the presidential seal, and he has people nodding behind him, you might think that what he’s saying makes sense. But you take all of that away, and you have those words coming out of my mouth? It just brings to light even more how ridiculous it is.

Update2: Auf Twitter sammeln Menschen gerade unter dem Hashstag #HeilenWieTrump allerlei weitere absonderliche „Heil-Methoden“. Ich gebs zu, das ist auch lustig:

Volkshochschule im Internet: Interview mit Christof Schulz über Livestreaming

Als ich im vergangenen Dezember auf Einladung der Volkshochschule Ottobrunn zu einem Vortrag im dortigen Rathaus auftrat, war ich einigermaßen erstaunt, wie selbstverständlich und souverän dort der Vortrag ins Netz gestreamt wurde. Geschäftsführer Christof Schulz und sein Team setzten dort schon vor der Corona-Krise in die Tat um, was jetzt ein großes Thema ist: die digitale Übertragung von Veranstaltungen (Foto: unsplash).

Am heutigen Montag abend darf ich auf Einladung der VHS wieder im Livestream sprechen. Es geht um Kommunikation in Krisen-Zeiten. Mit meinem Kollegen Klaus Ott habe ich dazu zehn Ratschläge in die SZ geschrieben – und hier im Blog auch schon zur Panikvermeidung in Corona-Zeiten geschrieben.

Hier kann man sich den Stream anschauen!
Vorab habe ich dem Geschäftsführer der VHS Südost, Christof Schulz, ein paar Fragen zum Thema Stream und Internet gemailt.

Live-Streams von Veranstaltungen sind gerade ein großes Thema. Sie machen das an der VHS Ottobrun schon seit einer Weile. Wie kam es dazu, dass Sie schon früh mit dem Thema begonnen haben?
Volkshochschulen sind Einrichtungen mit einem recht begrenzten regionalen Markt. Kooperation gibt es natürlich, aber die Idee jenseits aller regionalen Grenzen zusammenarbeiten zu können und damit Angebote und Inhalte für alle deutschsprachigen Bildungseinrichtungen letzlich in der ganzen Welt anbieten zu können, das hat uns gereizt. Dazu kommt, dass uns die digitale Teilhabe für alle an der vhs SüdOst sehr wichtig ist. Da schien es uns naheliegend unser Programm durch die neuen Möglichkeiten zu erweitern, unseren TeilnehmerInnen diese Möglichkeiten zu vermitteln und auch barrierefreier zu werden. Vorträge und Diskussionen können jetzt vom Sofa aus besucht werden, kein Stress mehr, um pünktlich ab 19.30 Uhr nach Arbeitstag oder Familienversorgung noch in die vhs zu hetzten.

Wie lösen Sie das Streaming technisch?
Eigentlich ganz einfach, wir nutzen die Software zoom und je nach Anlass 1-2 Kameras und etwas Tontechnik. Mittlerweile haben wir das gut im Griff und schaffen Auf- und Abbau in nicht einmal 40 Minuten.

Welche Erfahrungen haben Sie kulturell bisher gemacht, also: Wie reagieren Ihre Gäste auf das Streaming-Angebot?
Die Reaktionen sind überwiegend sehr sehr positiv. Seit der Corona-Pandemie geradezu begeistert.
Ich glaube für einige vhs-TeilnehmerInnen war es bis vor kurzem schon ein kleines Abenteuer die technischen Hürden zu überwinden und es hat sich ein enstprechender Stolz geszeigt, wenn sie dann nicht nur zusehen, sondern sich auch noch über den Chat beteiligen konnten. Insbesondere das Zusammenwirken von Präsenz- und Online-Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion kommt auch gut an. Da war ich mir anfangs nicht so sicher, denn für die TeilnehmerInnen vor Ort ist der „weg“ zum Referenten natürlich viel kürzer als für die Teilnehmer, die sich nur über einen Chat beteiligen können und dann die Frage noch von einem Moderator stellvertretend gestellt werden muss. Klappt aber bis jetzt sehr gut.
Ein Erfolgsrezept ist es auch, dass wir alle unsere Livestreams auch anderen zur Verfügung stellen, so können Fachleute und Referenten über die örtlichen Einrichtungen gebucht werden, auf die so mache Einrichtung ansonsten keinen „Zugriff“ hätte. Das wissen viele TeilnehmerInnen zu schätzen.

Was war die bisher beste und was die negativste Erfahrung?
Die beste Erfahrung war bisher zu sehen, dass eigentlich von Semester zu Semester die Zuschauerzahlen gestiegen sind und wir letzte Woche – natürlich bedingt duch die Corona-Pandemie – mindestens 350 ZuscherInnen hatten. Das war bewegend zu sehen, wie schnell die Beitritte in den Online-Raum nach oben geschnellt sind. Auch das überwältigend positive Feedback und die Dankbarkeit der ZuschauerInnen war toll.

Und negative Erfahrungen?
Richtig negativ war bis jetzt nichts, evtl. die Tatsache, dass die Abhängigkeit von der Technik nochmal eine Stufe deutlicher ausfällt und wir die Netzqualität nicht kontrollieren können. In physischen Räumen sind die meisten Probleme schnell zu lösen, wenn jemand einfach nicht reinkommt oder die Netzqualität nicht reicht, dann können wir nichts machen.

Welche Lehren würden Sie Menschen weitergeben, die jetzt mit Streams beginnen wollen?
Technik und insbesondere Zutritt für die TeilnehmerInnen so einfach wie möglich halten.
Immer die technische Seite mitdenken und auf entsprechende Fragen und Hilfestellungen vorbereitet sein.
ReferentInnen immer vorab informieren und vorbereiten, Kameras sind manchmal gewöhnungsbedürftig und es ist extrem wichtig das Publikum außerhalb des Raums mitzudenken.
Ein Livestream sind im Prinzip zwei Veranstaltungen auf einmal, da braucht man auch zwei Personen zur Betreuung, alleine ist man schnell überfordert.

Nutzen Sie selbst als Zuschauer Streams? Haben Sie da einen Tipp?
Dafür habe ich leider nur wenig Zeit, im Moment vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht die Livekonzerte von Igor Levit verfolge. Ich bin zwar nicht der Klassikfan aber die Streams sind sehr emotional und lebendig, wirklich wunderschön. Und es ist so einfach dabei zu sein, dass es fast wie eine persönliche Einladung ins Wohnzimmer wirkt.