Alle Artikel in der Kategorie “Politik

Minimal Possible Change (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bevor man einordnen kann, was diese Bundestagswahl jetzt wohl zu bedeuten habe, sollte man vermutlich abwarten, welches Ergebnis sie wirklich zu Tage gefördert hat. Noch wird in Berlin sondiert und taktiert, dennoch erlaube ich mir, hier einen halbfertigen Gedanken aus dem „Digital-Viral-Germany“-Post etwas weiter zu denken. Er handelt von dem Grad der Veränderung, die aus der Wahl hervorgehen wird. Er handelt von dem Mut, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen und er handelt vom Erwartungsmanagement derjenigen, die sich Wandel wünschen.

Beginnen wir mit dem Veränderungswillen: diejenigen, die bei der #btw21 (Tommi Schmitts Vorschlag BuTaWa hat sich leider nicht durchgesetzt) erstmals wählen durften, haben sich mehrheitlich für die Parteien entschieden, die heute ein Selfie posteten. FDP und Grüne haben bei den Erstwähler:innen gewonnen. Die tagesschau führt dies in einer Analyse mit Einschätzungen des Politikwissenschaftlers Uwe Jun auf die Themen Corona und Digitalisierung zurück – und auf den Wunsch, dort eine Alternative zur Großen Koalition zu unterstützen:

Die Corona-Krise habe die Schwächen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos offengelegt – davon profitiere die FDP nun. Zudem seien die Gemeinsamkeiten mit den Grünen in diesen Bereichen recht hoch, so dass die Chancen auf eine Umsetzung in den bevorstehenden Sondierungs- und Koalitionsgesprächen laut Jun gar nicht so schlecht stünden.

Das Bild, das heute durchs Netz gereicht wurde, gibt diesen Chancen ein Gesicht. Ich glaube, dass es zu einem langfristigen Symbol für den Wunsch nach einer Alternative zur Politik der GroKo werden kann. Es liefert in all seinen Rahmendaten die Voraussetzungen für ein den Tag überdauerndes Motiv: Bildkomposition, die Kleidung sowie die Position der Personen, die scheinbar beiläufige Aufnahmesituation – all das macht aus dem Schnappschuss einen Startschuss. „Wir sind bereit für Veränderung“ sagt alles an dem Bild – „für den kleinsten Grad an Veränderung“ möchte man ergänzen.

Denn bei allem Aufbruch, den FDP und Grüne mit dem Selfie erzeugen wollen, muss man auch festhalten: Zusammen kommen die beiden Fraktionen nur auf 14 Sitze mehr als die SPD, die als Wahlsiegerin gilt. Denn anders als bei den Erstwähler:innen ist der Wunsch nach Veränderung in der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht so ausgeprägt. Der Veränderungswunsch, den man aus diesem Wahlergebnis lesen kann, geht so:

Die Partei, die seit 16 Jahren in Deutschland die Regierung anführt, wird vermutlich von der Partei abgelöst, die aktuell den Vizekanzler stellt und von den vergangenen sechs Regierungen an fünf beteiligt war.

Ich glaube diese Form der „Wechselstimmung“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt, Symbolbild: Unsplash) lässt sich vermutlich am besten als: Minimal Possible Change (MPC) bezeichnen. „Wenn es denn sein muss“, sagt dieses Wahlergebnis zum Thema Veränderung. Es ist Ausdruck von großer Vorsicht; als Fortbewegungsart ist es eher ein vorsichtiges Tasten als ein schwungvoller Gang. Die Sorge etwas zu verlieren, ist stets größer als der Wunsch etwas zu gewinnen.

Die gegenteilige Haltung, die ich gerne als Möglichkeitssinn bezeichne, drückt sich vor allem darin aus, dass man positiv auf die Frage antwortet: Kann es (noch) besser werden? Die deutschen Wähler:innen haben darauf äußerst vorsichtig „vielleicht“ geantwortet. MPC ist so gelesen der allerkleinste Bruder des Möglichkeitssinn.

Das kann man beklagen oder gut finden, ich möchte es aber vor allem bemerken: denn wichtiger als das Urteil scheint mir die Schlussfolgerung, die man aus dieser geringen Veränderungsbereitschaft für all die Projekte ziehen kann, die etwas bewegen wollen: MPC bestimmt das Erwartungsmanagement, lenkt den Blick auf die langfristige Veränderung und führt auf das Prinzip des „leistbaren Verlusts“ wie es die Methode Effectuation nennt. Wer gelernt hat, mit dem MPC umzugehen, braucht keine Mondreden, keine Visionen oder langfristige Bilder, sondern den zupackenden Pragmatismus dessen, was den MPC kurzfristig gestaltet und in die Tat umsetzt.

Egal, welche Folgen aus dem Wahlergebnis vom Sonntag entstehen, für mich war allein diese Erkenntnis wertvoll, denn auch wenn MPC eine englische Abkürzung ist, sie scheint ein sehr deutsches Phänomen zu beschreiben.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Veränderungen nachgedacht. In dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ habe ich den Umgang mit dem Neuen – und auch die Methode Effectuation beschrieben.

Was ist das Gegenteil von Aktivismus?

Wer die Stationen im Lebenslauf von Josef Kaeser nachliest, die Wikipedia auflistet, kommt auf vieles aber sicher nicht auf die Zuschreibung „Aktivist“. Der Mann, der seit 2013 Vorstandsvorsitzender von Siemens war, ist zwar seit dem Frühjahr nicht mehr im Amt, aber dennoch weit entfernt von den Bildern, die man zu sehen bekommt, wenn man den Begriff in die Google-Bildersuche eingibt (Screenshot rechts: Aktivisten im Hambacher Forst).

Dennoch bezeichnet ihn die Bild-Zeitung hier als Aktivisten.

Was war passiert?

Kaeser hatte die Berichterstattung der Bild-Zeitung als verkürzend kritisiert: Was BILD hier macht, ist Volksverdummung oder -Verhetzung.

In der Replik bezeichnet die kritisiert Bild-Zeitung den Ex-Siemenschef als Aktivisten. Völlig unabhängig von der inhaltlichen Debatte interessiert mich dabei die begriffliche Ebene. Wodurch zeichnet sich ein Aktivist aus? Warum verwendet man den Begriff? Welche Bilder will man damit öffnen? (Symbolbild: unsplash)

Am besten lassen sich diese Fragen mit einem Reframing beantworten, das mich schon länger interessiert: Von Gegenteil her denken. Um zu ergründen, was mit dem Begriff gemeint ist, kann man versuchen, sich ihm von der Rückseite nähern: Was ist das Gegenteil von Aktivismus?

Wer sich auf die Suche nach einer Antwort begibt, wird erstaunliche Erkenntnisse über den Ursprungsbegriff und seine Verwendung machen.


Mehr Gegenteil gibt es in meinem Buch Anleitung zum Unkreativsein – dort ist auch erklärt, wie der Blick aufs Gegenteil die Perspektive erweitern kann.

Was sind Experten ohne Experimente?

Am Lichtbogen in Essen wird man sich gefreut haben als heute das so genannte Zukunftsteam von Unions-Kanzlerkandiat Armin Laschet vorgestellt wurde. Bei heizkraft-infrarotheizung.de in der Ruhrgebietsstadt wirbt man nämlich schon länger mit dem schönen Wortspiel, das Laschets Werber:innen über die vier Frauen und vier Männer geschrieben haben, die schräg hinter dem Kandidaten stehen und sein Zukunftsteam bilden sollen: Experten statt Experimente! (Screenshots oben: CDU.de & heizkraft-infrarotheizung.de).

Nun ist es nicht so, dass in diesem Wahlkampf kein Wert auf Referenz- und Zitatdebatten gelegt wurde oder dass ich als Heizkraft-Experte (sic!) den Slogan aus Essen gekannt hätte. Er findet sich nach einer einfachen Websuche und wirft die Frage auf, wie geschickt diese Teampräsentation vorbereitet wurde: „In größter Not hat Laschet jetzt ein „Zukunftsteam“ präsentiert“, schreibt Robert Roßmann in der SZ. „Doch das Team kommt viel zu spät. Es wurde hektisch und im kleinen Kreis zusammengestellt. Es ist ein Verzweiflungsteam, das schon am 26. September Vergangenheit statt Zukunft sein dürfte.

Mehr noch als das Team interessiert mich der Slogan, dessen Platzierung das Internet bereits memetisch herausforderte, wie man in diesem Thread von Saša Stanišić sehen kann. Poltische Slogans sind eine kondensierte Form von Politik. Werbesätze sind an sich schon so spannend, dass ich stundenlang drüber reden könnte (und das dank Lucas von Gwinner ja auch tue). Wenn Slogans aber eine politische Idee auf den Punkt bringen sollen, faszinieren sie mich immer besonders. Erst gestern bin ich wieder an dem Satz „Unser Land, unsere Regeln“ vorbei gefahren, den ausgerechnet die AfD für einen guten Slogan hält (habe 2017 mal aufgeschrieben was ich davon halte) und während der Koalitionsverhandlungen 2017 prägte die FDP einen Satz, den man gemeinsam mit dem heutigen Experiment-Slogan vielleicht sogar als prophetisch für Laschets Zukunftsteam lesen kann: Lieber nicht regieren als falsch.

Sowohl der FDP- als auch der Unions-Satz offenbaren eine erstaunliche Haltung, die beim Auftrags-Heizungsbau vielleicht richtig ist (bin wie gesagt kein Experte), in der Politik aber Stillstand zur Folge hat und ganz sicher keine Zukunftsgestaltung. Denn: Wer nichts ausprobiert, wird sich nicht bewegen. Wer Experimente verweigert, wird kein Experte bzw. keiner bleiben. Experimente auf der einen sowie Expertinnen und Experten auf der anderen Seite sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Erkenntnis entsteht nur dort, wo Menschen bereit sind Neues auf eine Weise auszuprobieren, die ihnen erlaubt, die Ergebnissen überprüfen zu können. Man nennt diesen Vorgang Experiment und nicht erst durch die schnelle wissenschaftliche Forschung zu Corona-Impfstoffen hat gezeigt: Das Experiment hat im 21. Jahrhundert ein weitaus besseres Image als es es wohl im 20. Jahrhundert hatte. In dieser deutschen Wikipedia hat der Slogan „Keine Experimente“ einen eigenen Eintrag. Was vielleicht bezeichnend für dieses Land, aber ganz sicher für das Zukunftsteam der Union ist. Mit einem Slogan im Geist der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu werben, weckt wenig Hoffnung darauf, dass der Begriff „Modernisierungsjahrzehnt“ etwas mit dem 21. Jahrhundert zu tun haben wird.

Bei mir hat die heutige Präsentation vor allem eine Frage geweckt: Was sind eigentlich Expert:innen ohne Experimente? Wenn ich Laschet richtig verstanden habe: das Zukunftsteam der Union.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Neuen um? Im „Pragmatismus-Prinzip“ habe ich darauf eine Antwort versucht, die man hier nachlesen kann.

Digitale Nachbarschaft (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Wissen Sie, welche Wendungen das Leben auf dem Balkon gebenüber nimmt?

Ich muss immer wieder an die lockere soziale Bindung zu den Menschen „next door“ denken, wenn ich Social-Media-Apps nutze. Egal, ob es sich um den Status in WhatsApp (lesenswert aufgeschrieben von meinem Kollegen Jan Stremmel), um Urlaubsbilder auf Instagram oder Tanzeinlagen auf Tiktok handelt: stets liefern soziale Medien einen virtuellen Blick in das Leben von fremden Menschen, in fremden Wohnungen. (Symbolbild: Unsplash)

Dieser private Blick ist neu und zuweilen noch immer verstörend (über die berufliche Verwendung von sozialen Netzwerken habe ich hier geschrieben). Warum filmen diese Menschen sich bei albernen Tanzeinlagen, weshalb teilt diese entfernte Bekannte ihre Autopanne auf Instagram und welchen Zweck verfolgt der Ex-Kollege mit diesen Videos, die er über seinen Status und YouTube verbreitet? Lange Zeit wurde diese Form des sozialen Austauschs als Oversharing verunglimpft: Selbstdarsteller:innen seien diese Menschen, die ihr Essen fotografieren oder Selfies produzieren. Das konnte man so häufig lesen, dass es mich skeptisch machte: Stimmt das wirklich oder ist die Behauptung von der Darstellungsssucht nicht nur ein Vorwand, sich nicht intensiver mit dieser neuen Form der sozialen Bindung befassen zu müssen? (Wie man sich tiefgehender mit solchen Fragen befassen kann, zeigt Sascha Lobo in dieser Kolumne über Kinderfotos im Internet)

Seit ich selbst anfing, Szenen auf Instagram zu fotografieren, die früher in einem privaten Fotoalbum gelandet wären, beschäftigt mich die Frage nach dem Warum? intensiver als die oberflächliche Antwort von der vemeintlichen Oberflächlichkeit reicht. Der soziale Austausch wird von anderen Treibern beflügelt als der Suche nach Likes oder Anerkennung. Das gilt on- wie offline, das gilt in sozialen Netzwerken wie im Gespräch mit dem Balkon gegenüber. Wir teilen uns mit, weil wir uns darin selbst erkennen. Wer seiner Nachbarin von der eigenen Urlaubsreise erzählt, kennt dieses Gefühl. Es wird nicht schlechter oder gar falsch, nur weil es im Internet stattfindet: Auch digitale Mitteilungen helfen dabei, die Welt einzuordnen und uns selbst zu verstehen. Genau so gut und genau so schlecht wie Gespräche auf dem Gang mit den Nachbar:innen.

Mir hilft das Bild von der digitalen Nachbar:innenschaft um besser zu verstehen, was wir da gemeinsam machen in den sozialen Netzwerken. Wir führen lockere virtuelle Beziehungen, die sehr handfeste (auch positive!) Folgen haben können. So wie Brot&Salz durch echte Fenster gereicht werden, können wir durch virtuelle Fenster Reisetipps, Nachmieter:innen oder Spendensammlungen organisieren. Ja, es gibt auch den Nachbarschaftsstreit am # Gartenzaun – im Internet heißt der Hashtag und beflügelt Auseinandersetzungen, die nicht so anders sind als die Debatte über einen überstehenden Ast im fremden Garten. Online steht ein Gender*sternchen zu hoch und weckt die gleichen „ich werde ungerecht behandelt“-Gefühle wie in der Offline-Nachbarschaft.

Keine Sorge, es geht mir mit dem Bild nicht um eine On- und Offline-Gleichmacherei. Die digitale Nachbarschaft ist selbstredend umfangreicher, vernetzter und breiter als die manchmal tiefer gehende Verbindung zu Menschen, die (fast) die gleiche Adresse haben. Aber beide haben einen positiven, verbindenen, freundlichen Kern. Allein um das nicht zu vergessen, lohnt es sich ein Herz zu drücken, wenn der Ex-Kollege ein Video postet oder die Bekannte Hilfe bei der Autopanne braucht. Wir sind nicht allein – wir sind digitale Nachbarn.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über die berufliche Nutzung von sozialen Netzwerken nachgedacht.

Bongo Cha Cha Cha, Chopping Dance, Rezo, Khaby Lame und Frozen Honey – die Netzkulturcharts August 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom Juli stehen hier und begründen die Emjois hinter dem Namen.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 Bongo Cha-Cha-Cha 🆕

Im Jahr 1959 kam ein Film in die Kinos, der den Titel „Du bist wunderbar“ trägt. Es ist die Geschichte der Näherin Caterina, die in einer französischen Hafenstadt den deutschen Seemann Willi Schultz kennenlernt. Gespielt wird Caterina von Caterina Valente, die in dem Film das Lied „Bongo Cha-Cha-Cha“ singt. Der Song wird parallel auf deutsch und italienisch veröffentlicht. Dass er 62 Jahre später diese Sommer-Ausgabe der Netzkulturcharts anführt, hat nicht nur mit der Cover-Version zu tun, die der sagenumwobene El Professor gerade veröffentlicht hat und die Chancen auf den Sommerheit 2021 hat. Der Grund für den Ruhm von Bongo-Cha-Cha-Cha ist ein Hashtag-Trend, der Clips aus dem Jahr 2021 mit dem Sound aus dem Jahr 1959 vertont. Das begann bereits vor ein paar Monaten. Anfangs in der Variante, die Nutzer:innen tanzend dabei zeigt, wie sie mit bedeutsamen Lebensentscheidungen die Erwartungen ihrer Eltern enttäuschen. Doch diese Anfangsphase ist lange vorbei. Mittlerweile dient der Sound als Untermalung für zahlreiche Tänze. In Italien steigerte sich die virale Begeisterung beispielsweise als die italienische Olympia-Schwimmerin Ferderice Pelligrini Cha-Cha unter Dusche tanzte.

Platz 2 Chopping Dance (Questions I Get Asked) 🆕

Die Anleitung ist auf den ersten Blick etwas kompliziert: vier Mal die Hände parallel vor dem Körper auf und ab hacken, zwei Mal die Fäuste vor dem Körper ballen und dann fünf Mal wie ein Hammer aufeinander schlagen. So gehen die ersten Moves des Chopping Dance, der seit einer Weile nicht nur ein musikalischer Trend ist. Zu der Musik des vietnamesischen Produzenten Hoàng Read tanzen Nutzer:innen nämlich nicht nur, sie nutzen den „Magic Bomb“-Sound auch um Fragen zu beantworten, die ihnen immer wieder gestellt werden. Dieser Questions I Get Asked-Trend ist mindestens so spannend wie die steile Karriere des Sounds, der im Frühjahr vom niederländischen Ladel Spinnin‘ Records veröffentlicht wurde. Durch die antwortende Haltung erreicht dem Selbstdarstellungs-Aspekt von Tiktok ein neues Level. Nutzer:innen zeigen ihre Identität auf Basis von Antworten auf besonders häufiger Fragen. Dass das auch politische Dimensionen haben kann, zeigen hier die Aktivist:innen von Fridays for Future.

Platz 3 Rezo 🔃

„Ja es ist wieder Zeit für so ein Video“ – Rezo liefert in diesem Monat einen Wiedereinstieg in die Netzkulturcharts. Zwei Jahre und drei Monate nach seiner „Zerstörung der CDU“ nimmt er sich erneut die Christlich-Demokratische Union (sowie ihre bayerische Schwester) und die deutsche Politik vor. Dieses Mal widmet sich der Aachener Rezo ausführlich der Arbeit eines anderen Aacheners: Armin Laschet. „Laschet Why U Do Dis?“ heißt das in dem Clip, es bleibt aber so entlarvend wie vor zwei Jahren. Details dazu gibt es in diesem Podcast mit meinen Kolleggen Jean-Marie Magro, der Rezo in Aachen besucht hat. Ob das Rezo-Video Einfluß auf den Wahlausgang hat oder nur Nutzer:innen erreicht, die ohnenhin keine Unions-Anhänger:innen sind? Allein, dass es die Seite enkelkinderbriefe.de gibt, könnte man bei CDU/CSU zum Anlass nehmen, Netzkultur künftig anders zu behandeln.

Platz 4 Khaby Lame ⏺️

Derzeit ist viel von der Creators Economy die Rede, von der Tatsache also, dass die Plattformen besonders attraktive Inhalte-Produzent:innen halten und hofieren wollen. Im Falle von Khaby Lame ist das in diesem Monat sehr deutlich geworden: Tiktok hat einem seiner prominentesten Nutzer ein eigenes Promo-Video geschenkt, in dem die Geschichte des viralen Aufsteigers erzählt wird – und damit natürlich irgendwie auch die Geschichte von Tiktok selbst. Denn die Followerzahl des jungen Mannes wächst ja auch deshalb – so die Botschaft von Tiktok – weil die App immer populärer wird. Zudem gönnt sich Khaby keine Sommerpause, sondern produziert unbeirrt weiter. Deshalb hält er sich den dritten Monat in Folge in den Netzkulturcharts.

Platz 5 Frozen Honey 🆕

Endlich mal ein Food-Trend in den Charts: Es war Sommer, es war heiß, deshalb widmet sich die Netzkultur dem Gefrierschrank. Es gab schon unterschiedliche coole Trends zu dem Thema (erinnert sich noch jemand an Dalgona Coffee?) und jetzt ist es also gefrorener Honig. Und wie bei vielen Hypes zuvor greift auch dieses Mal ein Mechanismus, den man „aber Vorsicht“ nennen könnte (siehe dazu #MilkCrateChallenge). Denn es werden nicht nur die Clips wie jener von Tiktok-Nutzer Dave Ramirez gezeigt, der versucht gefrorenen Honig aus einer Plastikflasche zu drücken. Es wird auch direkt gewarnt, dass zuviel Honig zu Magenproblemen führen kann. Die New York Times berichtet und erklärt: „Some creators have partnered with candy businesses offering their products as the next sweet treat to be placed in the half-frozen, half-gelatinous mixture in the videos. Still, honey remains the foundation on which all other flavors were created.“ Süß!

Besondere Erwähnung

Die Frage nach dem Internet-Wort des Monats sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. Außerdem schon im August wichtig: die Berichte zur Bundestagswahl (hier meine Einschätzung zur Kooperation mit Tiktok). Und weil mit Studio Schmitt auch Kurt Prödel aus der Sommerpause zurückgekehrt ist: Seine „We Need To Talk About“-Form der Powerpoint-Präsentationen (siehe Aditotoro) werden wir noch ausführlicher würdigen!

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären – das Beispiel The French Dispatch

Timothée Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray (im Bild oben vlnr) sind gerade in Cannes beim Filmfest. Sie stellen den Film „The French Dispatch“ (hier der Trailer) vor, der im Oktober in die Kinos kommen soll.

Im Rahmen der Vorstellung wurde im sommerlichen Cannes ein Foto gemacht, das sich auf eine bemerkenswerte Reise durchs Netz gemacht hat. Bei mir ist es angekommen, weil FM4 es auf seinem Instagram-Kanal neu kodiert veröffentlicht hat, seinen Ursprung hat es aber wohl in diesem Vulture-Post, der dazu auffordert, sich selbst den vier Charakteren zuzuordnen (bitte unbedingt den Beitrag anschauen, weil die Nutzer:innen darunter erstaunliche Details zu Tage fördern. Warum trägt Bill Murray zum Beispiel zwei Uhren!?). Die New York Times-Redakteurin Dodai Stewart kam dann auf die Idee, die Charaktere mit Sozialen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Ihr Beitrag von gestern abend landete dann heute Nachmittag bei FM4.

Das ist nicht nur inhaltlich super, sondern eine wunderbare Referenz der Referenz. Denn die Idee, Filmcharaktere mit dem Wesen sozialer Netzwerke in Verbindung zu bringen, war vor ein paar Jahren am Beispiel des Breakfast-Club schon mal ein kleiner Internet-Hype. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in der Gebrauchsanweisung für das Internet gewidmet und hier darüber gebloggt.

Der Unterschied ist: im aktuellen Fall sind nicht die Filmfiguren die Referenz für das Wesen der Netzwerke, sondern die Schauspieler und die Schauspielerin. Das macht den Fall noch etwas treffender, wie ich finde. Auch wenn Facebook – in Person von Bill Murray – vermutlich zu gut weg kommt.

Alle weiteren Kommentare und Bildbeschreibungen verbieten sich, weil allein das Betrachten des 25-jährigen Timothée Chalamet, der eine Sonnenbrille tragend – als Tiktok – neben dem 26 Jahre älteren Regisseur Wes Anderson steht, aussagekräftig genug ist. Anderson wiederum trägt einen hellblauen Anzug und weiße Schuhe und entstammt erkennbar einer anderen Generation (Twitter). Tilda Swindon im blauen Anzug mit Sonnenbrille ist mit Abstand am coolsten – und Instagram. Die Kleidung des Mannes neben ihr entfaltet ihre Ironie vor allem dadurch, dass sie von Bill Murray getragen wird. Die Gegenwärtigkeit von Facebook lässt sich kaum besser illustrieren als durch Kurzarmhemd und hellbaue Shorts.

Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Theophilus Junior Bestelmeyer

Es war der größte Fehler, meinen Namen gesagt zu haben. Jetzt nervt mich ganz Deutschland“, der Clip, in dem der Satz fällt, stammt vom Beginn der Woche. Der Mann, der ihn sagt, zeigt dazu Screenshots aus Kommentarspalten und lässt seiner Verwunderung freien Lauf: „Egal, auf welches Tiktok ich gehe: mein Name steht da.“ Es gibt keinen erkennbaren inhaltlichen Bezug für die Verwendung des Namens, aber er ist tatsächlich in unzähligen Kommentaren zu lesen. „Mein Name ist überall. Literally. Ich werd einfach fame wegen meinem Namen. Ich mach Musik, keiner kennt meine Musik, aber meinen Namen kennt ihr, oder was?

Der Clip stammt von Theophilus Junior Bestelmeyer und um den Hype um seinen Namen zu verstehen, muss man eigentlich nur diesen Clip* anschauen, in dem er sein Unverständnis über den Hype äußerst. Es gibt keine sinnvolle Erklärung. Daraus erwächst eine magnetische Wirkung, die den Quatsch nicht nur noch alberner, sondern auch noch attraktiver macht. Es ist ein running gag, basierend auf dem geheimen Gruppenwissen („Wir schreiben den Namen einfach überall hin“), das zum Zugangs-Code wird: „Du bist dabei, wenn du es verstehst.“ Denn alle anderen verstehen den Quatsch nicht. „Wie geil.“ Genau aus dieser Dynamik speisen sich Memes. Und hier kann man ein besonders unerklärliches im Entstehen beobachten.

Das Besondere dabei: Theophilus Junior Bestelmeyer lässt das Web an seiner eigenen Verwirrung teilhaben. Im Laufe der Woche war sein Kanal von Tiktok gesperrt, aber jetzt postet und repostet er Beiträge, die sich auf seinen Namen beziehen. Statt sich von der Welle überspülen zu lassen, versucht er sie zu reiten. Bis jetzt gibt es noch keinen Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen, aber er wird sicher bald kommen: Lesen wird man dort, dass er unter dem Künstlernamen „Theo Junior“ Musik macht (aktueller Song „Mit vier Jahren“) und im Sommer 2021 im Mittelpunkt eines Hypes stand, weil sein echter Name vielen Nutzer:innen auf Tiktok ungewöhnlich für einen jungen Mann erschien. So versucht dieser reddit-Thread zu erklären, was nicht zu erklären, sondern nur nachzuerzählen ist: Am Montag veröffentlichte Theo Junior auf seinem Tiktok-Kanal einen Clip, in dem er seinen Klarnamen erwähnt: „Ich heiße Theophilus Junior Bestelmeyer. Mein Name ist einfach so geil, digga. Mein Leben ist einfach optimal. Mein Leben ist einfach optimal, digga.“

Warum diese Vorlage einen Welle auslöste, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Dass sie ein Meme produzierte, ist aber klar erkennbar: In Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina hat eine junge Mitarbeiterin der Firma Middletown Meyers jetzt zum Beispiel damit zu kämpfen, dass die Wette mit ihrem Chef um eine Tätowierung womöglich mit einem deutschen Internet-Meme in Verbindung treten könnte. In diesem Clip wird beschrieben, dass der Chef der Firma der jungen Frau 3500 Dollar zahlt, wenn sie sich tätowieren lässt, was das Internet sich wünscht. Derzeit führt „Theophilus Junior Bestelmeyer“ mit über 24.300 Likes.

Um wirklich zu verstehen, was es mit diesem Spiel von Distinktion und digitaler Vernetzung auf sich hat, muss man sich vielleicht zuerst von dem Wunsch lösen, darin einen tieferen Sinn zu erkennen. Womöglich ist es vor allem die Freude daran, mit dem digitalen Echo zu spielen, das die demokratisierten Publikationsmittel erzeugen können. Ganz so als würde man in einer Bahnunterführung sehr laut rufen – und sich dann am Echo erfreuen. Es gibt dafür keine weitere Erklärung.

Theo Junior hat sich jedenfalls mit seinem unerklärlichen Ruhm arrangiert und macht jetzt das, was bekannte Menschen in sozialen Medien tun: sie zeigen sich mit anderen bekannten Menschen. In diesem Clip ist er mit Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger zu sehen.

* es scheint weiterhin Probleme mit dem Account zu geben. Zeitweilig waren die Videos nicht zu sehen

Mich faszinieren solche Geschichten – wie auch jene von der Zeile „Ich chille mit der Crew digga“ oder jene vom M to the B-Sound. Sie zeigen den Zauber dessen, was mich zu diesem Buch brachte. Darin versuche ich zu beschreiben, was nur schwer zu erklären ist: Wie Memes entstehen und warum sie sich fortführen – wie Ohrwürmer im Internet.
Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Shruggie des Monats: Wechselunterricht

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Die Frage wie eine Schule sein soll, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen, ist in den vergangenen Monaten etwas überlagert worden. Wie eine Schule sein soll, damit sie die schlimmsten Möglichkeiten für die Gegenwart verhindert, bildet aktuell den Kern der Debatte um die beste Bildung in diesem Land. Wird es nach den Sommerferien wieder Wechselunterricht geben? ist nicht bloß eine Frage, sondern ein emotionales Schreckgespenst für alle an Bildung Beteiligten: Eltern, Kinder, Lehrer:innen – alle leiden an den wechselhaften Erfahrungen aus der Pandemie-Bekämpfung (Symbolbild: unsplash)

Bitte nie mehr sowas, scheint zum einzigen Leitmotiv für die häufig emotionalen Beiträge zum Thema geworden zu sein. Dabei wäre der historische Bruch, den die Pandemie bilden wird, doch eine große Chance die Perspektive umzudrehen und gestaltend zu fragen: Wie soll Schule sein, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen?

Wer sich konstruktiv auf die Suche nach Antworten auf die Frage aus dieser Perspektive macht, landet bald bei Paul Reville, der als Bildungsforscher an der Harvard Universität arbeitet. Seit Jahren schon mahnt er Reformen am „one size fits all“-Bildungssystem an, das auch den Unterricht in Deutschland prägt. Aus dem Jahr 2017 stammt ein Gastbeitrag in der Washington Post, in dem Reville ein Bildungssytem fordert, das stärker an den individuellen Interessen und Fähigkeiten der Schüler:innen orientiert ist:

Es stellt sich heraus, dass ein Schulsystem nach dem Fabrikmodell des 20. Jahrhunderts einfach nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügt, um alle Kinder auf hochqualifizierte, wissensintensive Berufe vorzubereiten.

Deshalb sei es wichtig, personalisierten Unterricht anzubieten, der mehr auf die einzelnen Schüler:innen eingehe – und nicht mehr zwingend immer im Klassenverbund und im Schulgebäude stattfindet. Auch Einzelgespräche über Videokonferenzen seien ein notwendiger Bestandteil dessen, was Reville im Gegensatz zum Fabrikmodell das medizinische Modell nennt – also ein Ansatz, der sich an der individuellen Anamnese des und der einzelnen Patient:innen Schüler:innen orientiert.

Wer mit diesem Wissen auf das Modell Wechselunterricht schaut, erkennt darin plötzlich nicht mehr nur Schrecken und ausgedruckte Arbeitsblätter. Wer Schüler:innen individuell fördern will, wird feststellen, dass remote Unterricht über Videokonferenzen dafür äußerst gut geeignet sein kann. Was an besseren Schulen mit gut ausgestattetem Lehrpersonal schon während der Pandemie-Bekämpfung sichtbar wurde, kann auch nach den Sommerferien Anwendung finden: eine andere Betreuung von Schüler:innen im Wechselmodell.

Kleinere Klassen, bessere Betreuung und individuelle Lernförderung sind ja Ziele, die auch völlig unabhängig von der Inzidenz besser sind als die überfüllten Klassenräume des Fabrik-Schul-Modells der Vor-Corona-Zeit. Der Economist hat diesem Ziel unlängst einen ganzen Schwerpunkt gewidmet, der zeigt wie konstruktiv überall bereits an der Schule der Zukunft gearbeitet wird. In den vergangenen Monaten haben Schüler:innen und Lehrer:innen gelernt, dass Unterricht auch digital möglich ist. Wer es sich leisten kann, greift schon heute auf individuelle Einzelförderung zurück, die mancherorts noch Nachhilfe heißt, aber in Wahrheit nichts anderes als Einzelcoaching im Videocall ist.

Damit so etwas auch im klassischen schulischen Kontext möglich wird, braucht es eine Reform des Schulsystem im Sinn des medizinischen Modells, mehr und besser bezahlte Lehrkräfte, die auch vor digitalen Instrumenten nicht zurückschrecken und vor allem einen Wechsel der Perspektive auf Wechselunterricht.

Schulen sind – egal bei welcher Inzidenz – keine Kinder-Verwahranstalten, sondern Orte des Lernens. Es wäre sicher kein Schritt in die falsche Richtung, den Fokus mal wieder auf die Frage zu legen, wie Lernen nicht nur in sondern mit der Schule Spaß machen kann.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Shruggie des Monats: die digitale Lösung der Gender-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen digitalem und analogem Denken? Ich glaube ja. Und ich glaube, dass er sich an wenig so gut illustrieren lässt wie an der Debatte um das generische Maskulinum.

Dabei geht es mir gar nicht um die inhaltlichen Aspekte, die ich zum Beispiel hier und hier beleuchtet habe. Mir geht es ausschließlich um den Blick auf die Idee von Öffentlichkeit, die in der Debatte deutlich wird. Hier sieht man nämlich deutliche Differenzen zwischen dem digitalen Denken über Öffentlichkeit und jenem, das im 20. Jahrhundert verankert ist und als eher nicht-digital verstanden werden kann.

Ich habe diese Unterscheidung in meinem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ ausführlich beschrieben – und bevor ich erkläre, in welchem Zusammenhang diese Differenzierung mit der Gender-Debatte steht, hier die wichtigsten Eigenschaften des digitalen Denkens (Symbolbild: unsplash):

Analoges Denken…
… ist als Lautsprecher-Kultur zu verstehen.
Empfänger sind passiv.
Kommunikation geht nur in eine Richtung.
Botschaften entstehen nur beim Sender.
Massenkultur auf einer Bühne.
Publikationsmitteln in den Händen weniger.

Durchschnitt als dominantes Prinzip

Digitales Denken…
… ist als Kopfhörer-Kultur zu verstehen.
Empfänger spielen eine aktive Rolle.
Kommunikation geht in beide Richtungen.
Botschaften entstehen auch beim Empfänger.
Massenhafte Nischen.
Demokratisierung der Publikationsmittel.

Durchschnitt verliert an Bedeutung

Ich glaube, dass diese Unterscheidung sehr starke gesellschaftliche Folgen hat, die in Deutschland nahezu ausschließlich auf Basis von Bewertungen diskutiert werden. Es gibt jede Menge Meinungs-Beiträge darüber, ob diese Differenz gut oder schlecht sei – es gibt aber wenige pragmatische Perspektiven darauf, wie diese neuen Möglichkeiten denn konkret genutzt werden können.

Diese Behauptung begründet sich darauf, dass ich nur wenige Ansätze kenne, die die Folgen der Digitalisierungs-Differenz auf die Gender-Debatte übertragen. Konkret meine ich diesen Gedanken: Was würde eigentlich passieren, wenn wir digital über die Gender-Debatte nachdenken: wenn nicht Sender, sondern Empfänger:innen über das generische Maskulinum entscheiden?

Die Kolleg:innen der SZ haben an diesem Wochenende konkret gezeigt, was ich mit dieser abstrakten Frage meine: Bei diesem #langstrecke-Text über das generische Maskulinum haben sie einen Schalter eingebaut, der die Leserinnen und Leser in die Lage versetzt, selbst zu entscheiden, ob sie den Text ge-gendert oder mit generischem Maskulinum lesen wollen

Dass das technisch noch nicht ganz einfach ist, eine Wahlmöglichkeit zu lassen, kann man am Browser-Plugin „Gender-Changer“ sehen. Es geht mir mit dem Beispiel aber auch weniger um die konkreten Texte, sondern vielmehr um die Perspektive auf das Streitfeld. Mir scheint die Debatte um das Gendersternchen auch deshalb so hitzig zu sein, weil sie aus der Haltung der 20. Jahrhunderts geführt wird. Ganz so als sei die ganze Welt ein Papiertext, der für alle gleich nur eine Lösung erlaubt. Wir leben im 21. Jahrhundert, es ist möglich, den Text beim Empfänger und bei der Empfängerin anzupassen.

Wer weitere Hintergründe zu dieser Form der digitalen Medienproduktion verstehen möchte, kann ja mal in den Zukunftsreport schauen, den der WDR in Kooperation mit Third Wave Berlin zum Thema Synthetische Medien erstellt hat (Hintergründe im Blog von Johannes). Dabei geht es um Optionen für Zukünfte, die auf der Idee von Digitalisierung basieren, dass Botschaften auf Empfänger:innen-Seite entstehen bzw. entwickelt werden können. Dafür braucht es aber vielleicht gar keinen virtuellen Tom Buhrow (der in der Beschreibung des Reports zitiert wird), sondern erstmal eine Anpassung der Sprache je nach Nutzer:innen-Präferenz.

Wer einwendet, damit würde das Problem ja nicht gelöst, sondern nur verschoben, liefert damit übrigens den perfekten Rahmen für analoges Denken: Vielleicht braucht die Gender-Debatte ja gar nicht die EINE Lösung, vielleicht löst sie sich wenn jede Nutzerin und jeder Nutzer selbst entscheiden kann.

¯\_(ツ)_/¯

Mehr zum Thema hier im Blog:

Shruggie des Monats: der glottale Plosiv als hörbarer Unterschied zwischen gestern und morgen

Shruggie des Monats: Q und das Gendersternchen mit doppeltem i-Punkt

Mehr über die Veränderung von Öffentlichkeit im Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Tut nicht auf modern – macht sich ehrlich

Gerade als ich hier über die CDU schrieb und ihren traurigen Versuch, Anschluss an die Netzkultur zu finden, schickte Yannic mir diesen Spot aus Österreich. Beworben wird ein Jugendkonto der österreichischen Sparkassen, es trägt den Namen Spark 7 und ich habe wenig über dieses Produkt rausfinden können (was soll der Name!?). Mir gefällt der Spot aber, weil er das tut, was Lucas im „Wirbt das?“-Podcast immer „Ehrlich machen“ nennt.

Dieser Werbespot referenziert Internet-Memes und akzeptiert dabei die Rolle des Absenders: die österreichische Sparkasse reflektiert sich selbt. Der Spot nimmt eine Meta-Ebene ein und thematisiert das eigene Anbiedern an Netz- und Jugendkultur. Da dabei aber Selbstironie und Referenz spür- und sichtbar werden, ist der Spot kein Fremdköper gegenwärtiger Kultur, sondern referenziell eingebunden.

Unter dem Spot auf YouTube gibt es nur drei Kommentare. Das Ziel, Nutzer:innen-Interaktion im Aufzählen der kopierten Memes zu stimulieren, wird offenbar nicht erreicht. Aber erfolgreich ist der Spot meiner Meinung nach dennoch: Hier wird Netzkultur nicht einfach adaptiert oder als Transportmittel für die eigene Werbebotschaft genutzt. Hier wird ein Bezugsrahmen gesetzt, der die eigene Rolle einbezieht. Ausgerechnet einer Sparkasse gelingt, woran die CDU scheitert: Selbstironie.

Ich schreibe das auf, weil positive Beispiele mit helfen können, die Kritik an der CDU-Kampagne in einen Kontext zu stellen. Darum geht es übrigens auch in der Sendung Breitband im Deutschlandfunk, in der ich heute über Meme spreche.

Mehr zum Thema Meme im gleichnamigen Buch („Meme – Muster digitaler Kommunikation“), mehr Werbekritik im Podcast „Wirbt das?“, in dem ich mit Lucas von Gwinner über die ungeheuerliche Wirkung von Kommunikation spreche.