Alle Artikel in der Kategorie “Politik

Die Anderen anders sein lassen

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dringlichkeit, das setze ich als bekannt voraus, besteht immer.

Deshalb hier ein kleiner, absichtsvoll undringlicher Zwischenruf von der Seite. Der Wunsch, bei diesem einen Thema, dieser einen Debatte kurz Recht zu haben, bleibt für die nächsten rund 3500 Zeichen unerfüllt. Die thematische Dringlichkeit bei jener Debatte und diesem Thema wird damit nicht bestritten, sie aber beständig zu erwähnen, ist womöglich ein Grund dafür, an einer langfristigen Perspektive zu scheitern. Dieses Dringlichkeits-Dilemma ist selten besser formuliert worden als in dem (von Stephen Corvey) geformten Bild des Holzfällers, der keine Zeit hat die Säge zu schärfen, weil er ja sägen muss.

Es geht, weniger metaphorisch gesprochen (mal wieder), um den Zustand der (digitalen) Debatte. Als ich in Die Zeit das Gespräch las, das Lars Weisbrod und Martin Eimermacher mit Tim Wolff führten, fühlte ich mich an einen fast zehn Jahre alten Text von Kathrin Passig erinnert. Und das kam so:

Tim Wolff ist Autor beim ZDF Magazin Royal, Ex-Chef von Titanic sowie „selbst ernannter Globalhistoriker wie Yuval Noah Harari und David Graeber“ (Best of Sapiens). Er spricht über eine besondere Form des Kontextbruchs durch digitale Kommunikation, die Humor auf neue Weise Menschen zugänglich macht, für die er eigentlich nicht gedacht ist: „Seit es Face­book, Twitter und so weiter gibt, werden aber ständig Leute mit Witzen konfrontiert, die gar nicht für sie gedacht sind. Und reagieren darauf. Und garantiert nicht immer inkompetent oder unberechtigt.“

Das ist eine interessante, weil widersprechende Perspektive auf all das, was im allgemeinen Internetgejammer stets als Filterblase bezeichnet wird. Vielleicht stimmt es also gar nicht, dass im Internet alle nur noch das vorgesetzt bekommen, was sie bestellt haben und nicht mehr mit gegenteiligen Perspektiven konfrontiert sind. Vielleicht ist es im Gegenteil eher so, dass das Internet uns die Andersartigkeit der Welt vollumfänglicher spiegelt als sie vor der digitalen Vernetzung sichtbar war. (Symbolbild: Unsplash)

Kathrin Passig hat dieses Phänomen schon 2013 Die Wir-Verwirrung genannt und eine „wachsende Kontextfusion“ bei gleichzeitig „schwindender Konsensillusion“ analysiert. Wolffs Beobachtung brachte mich dazu, den den Text nochmal zu lesen und mich über das Fazit zu freuen, das Kathrin zieht:

Anstatt den Glauben an die spezifische Gruppe der eigenen Freunde oder an die größere Gruppe der Nutzer des Internets oder der sozialen Netzwerke zu verlieren, müssten wir uns vom Glauben an Gruppen verabschieden, in denen dauerhafte Einigkeit über mehr als nur einige wenige Punkte herrscht. Wir bräuchten eine realistischere Einschätzung des allgemeinen Konsenses über unsere eigenen Ansichten. Es ist eine der zentralen Zumutungen der Vernetzung, dass die Anderen nicht nur so heißen, sondern auch wirklich anders sind.

Vielleicht ist das ein guter Vorsatz für alle Meinungs-Holzfäller:innen, sich der Zumutung der Vernetzung zu stellen und die Anderen anders sein zu lassen. Das geht natürlich nur wenn wir ein vernünftiges Bild von Gemeinschaft und Unterschieden haben (freue mich auf die Lektüre von Wolf Lotters „Unterschiede“-Buch) und abseits der jeweils zwingend drängenden Dringlichkeit des nächstens Themas, bei dem es geboten scheint, die Anderen davon zu überzeugen, ihre Andersartigkeit zu unterlassen.

Deshalb habe ich – sozusagen als Versuch und Erinnung – in den vergangenen Wochen hier einen kleinen Thread mit allgemeinen Vorsätzen gestartet:


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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Mein digitaler Fortschrittzähler: das bidt-SZ-Digitalbarometer

In dieser Woche wurde in den beeindruckenden Räumlichkeiten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am Münchner Hofgarten eine Idee vorgestellt, die mich schon sehr lange beschäftigt. Gemeinsam mit dem bidt (Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation) hat das SZ-Institut ein Instrument entwickelt, das hilft, aus der abstrakten Forderung nach mehr Digitalisierung konkrete Potenziale aufzuzeigen: das bidt-SZ-Digitalbarometer ermittelt auf Basis des DigCompSAT einen Maßstab für die eigenen digitalen Stärken und Schwächen.

In allen Gesprächen, die ich über das Internet und seine Folgen für die Gesellschaft geführt habe (und ich spreche oft genau darüber), tauchte immer wieder eine Frage auf, für die es keine Antwort gab: Wo genau stehen wir denn? Denn eine Grundlage für eine Einschätzung der eigenen Fähigkeiten gab es bisher nicht (war mir jedenfalls nicht bekannt). Dank des bidt-SZ-Digitalbarometer gibt es jetzt nicht nur einen Gradmessser für die eigenen Fähigkeiten – es gibt auch einen repräsentativen Vergleichswert.

So kann nicht nur jede:r für sich selbst messen, welche Fähigkeiten in den Kompetenzbereichen Umgang mit Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erzeugen von digitalen Inhalten, Sicherheit und Problemlösungs-Kompetenz vorliegen – es gibt auch die Möglichkeit, sich mit dem deutschen Durchschnitt zu vergleichen.

Hier das Digitalbarometer selbst ausprobieren

Digital Literacy – Nachdenken über digitale Bildung

Diese Bibliothek über dem Titel des Beitrags scheint so etwas wie das perfekte Bildungs-Symbolbild zu sein (habe ich hier beschrieben). Doch Bildung für das 21. Jahrhundert ist vermutlich etwas mehr als das Lernen in einer Bibliothek. Darüber spricht Bernhard Pörksen in diesem lesenswerten Interview auf rnd.de:

Es braucht ein eigenes Schulfach, das auf drei Säulen ruht. Zum einen auf der Medien- und Machtanalyse. Zum anderen braucht es die Medienpraxis, es gilt also, die Kunst der Rhetorik an die Schulen zurückzuholen und die Auseinandersetzung mit dem Wert des seriösen Arguments und die Auswahl von vertrauenswürdigen Quellen einzuüben. Und schließlich wäre eine Disziplin zu trainieren, die man „angewandte Irrtumswissenschaft“ nennen könnte. Hier ginge es darum, sich mit der ungeheuren Irrtumsanfälligkeit des Menschen zu befassen, um sich der Verführbarkeit durch Gerüchte, Falschnachrichten und Desinformation bewusst zu werden.

Meiner Einschätzung nach beschreibt er mit dieser Forderung eine Fähigkeit, die man als Digital Literacy beschreiben könnte – also auch die selbstbestimmte Verwendung digitaler Werkzeuge. Davon handelt ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Bayerischen Institut für digitale Transformation (BIDT) umgesetzt haben. Das bidt-SZ-Digitalbarometer wird am Montag virtuell vorgestellt – hier kann man sich dafür anmelden.

Danke für Ihren Verstand (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Fehler haben eine zauberhafte Eigenschaft: Sie weisen uns manchmal auf Aspekte hin, die wir sonst übresehen. Wenn wir sie denn bemerken. Dass da im letzten Wort des ersten Satzes ein Buchstaben-Dreher versteckt ist, übersehen wir manchmal, weil wir sehr gut und sehr schnell darin sind, Dinge in Formen zu gießen, die bekannt, gelernt und scheinbar sinnvoll sind. Fehler können dazu beitragen, die Perspektive zu ändern. Und wer hier regelmäßig mitliest, ahnt: Ich mag Perspektiv-Wechsel.

Deshalb mochte ich auch den Fehler, den ich unlängst in der Pizzeria meines Vertrauens entdeckte. An dem Abend, an dem ich ohne Smartphone (deshalb kein Foto) hinging, um Pizza abzuholen, war nur Barzahlung möglich. Ein Schild an der Eingangstür informierte die Besucher:innen darüber – versehen mit dem Abschluss: „Danke für Ihren Verstand“ (Symbolbild: Unsplash)

Der Google-Übersetzer behauptet, dass das italienische Wort comprensione sowohl Verstand als auch Verständnis bedeuten kann. Und dennoch beschäftigte mich das Pizza-Schild fast den ganzen Monat.

Danke für Ihren Verstand

Was für ein toller Satz. Er setzt voraus, dass der oder die Andere in der Lage ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Aber nicht nur das. Der Satz inkludiert auch die Dankbarkeit dafür. Es ist nicht selbstverständlich, es ist nicht ohne Mühe, dies zu tun. Die Wertschätzung dafür, den Verstand zu gebrauchen, bringt der Satz auf den Punkt.

Danke für Ihren Verstand

Diesen Satz würde ich gerne all den Menschen zurufen, die trotz aller Anstrengung und Belastung, vernünftig bleiben. Nach dem Post über Impfverweigerung als Meme im November habe ich viel über diejenigen nachgedacht, die diese Vernunft nicht aufbringen wollen oder können (in Deutschlandfunk-Kultur habe ich die These genauer erläutert). Und ich habe darüber nachgedacht, wie Verstand (und vermutlich auch Verständnis) unserer Aufmerksamkeit folgt. Nur das, was wir beachten, können wir auch für bedeutsam halten.

Als am 15. Dezember in München Menschen gegen die Corona-Maßnahmen im Rahmen einer nicht genehmigten Demonstration auf die Straße gingen, bekamen sie dafür sehr viel Aufmerksamkeit. Es waren offenbar 3500 Menschen, die dort Impfverweigerung als politisches Signal deuteten. Während die 3500 da spazierten, ich habe es im Impfdashboard nachgeschaut, wurden 3500 Menschen geimpft – innerhalb von fünf Minuten. Und in den nächsten fünf Minuten wieder 3500 Menschen. Den ganzen Tag lang. 1,5 Millionen Impfdosen wurden an diesem 15. Dezember verabreicht. Ich finde diese Zahl beeindruckend – auch weil sie viel weniger Aufmerksamkeit bekam als die Demonstrierenden. Dabei müsste man doch die Impfung auch als politische Signal interpretieren, wenn die Verweigerung eines ist.

Danke für Ihren Verstand

Der Bayerische Rundfunk hat in diesem Instagram-Post die Anzahl von demonstrierenden und geboosterten Menschen in Bayern in ein anschauliches Verhältnis gesetzt. „Danke für Ihren Verstand“, heißt für mich in diesem Zusammenhang die Relation nicht aus den Augen zu verlieren. „Danke für Ihren Verstand“ bedeutet, auch die Aufmerksamkeit angemessen zu verteilen – und zwischen bedeutsam und weniger bedeutsam zu unterscheiden: „Da marschieren alternative Esoterikfans und Linke Schulter an Schulter mit Rechtsradikalen“, analysiert die Psychaterin Heidi Kastner und fährt fort: „Sie brüllen „Freiheit“ und sind so verrannt, dass sie nicht einmal eine Sekunde darüber nachdenken, was Freiheit in einem demokratischen System bedeutet.“

Kastner hat – und damit sind wir beim Gegenteil vom Verstand – ein bemerkenswertes Buch über Dummheit geschrieben und dazu einige lesenswerte Interviews gegeben (hier in der SZ, hier in Die Zeit). Im Gespräch mit dem Standard definiert sie Dummheit so: „Dumm meint, ignorant zu sein, unglaublich selbstsicher oder nur „bei sich“ zu sein, wie es so schön heißt heutzutage, es bedeutet das Ausblenden von Verantwortungen, dass man keine Informationen vor Entscheidungsfindungen einholt, selbstzentriert und selbstherrlich zu sein, kein Gefühl dafür zu haben, dass man als Teil eines Ganzen auf der Welt ist und das Ganze mitbedenken muss, wenn man Entscheidungen trifft.

Danke für Ihren Verstand heißt in diesem Sinn also auch, nicht nur „ganz bei sich“ zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen, die soziale Interaktion einzubeziehen, vielleicht sogar solidarisch zu sein. Im SZ-Gespräch sagt Kastner: „Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle.“

Ein wichtiger Schutz vor Dummheit ist nach Kastners Analyse die (Selbst-)Reflektion und die Fähigkeit zur Entpörung. Als Teil der Persönlichkeitsentwicklung solle man sich die Fähigkeit aneigenen, Emotionen zu definieren, zu hinterfragen und auch zu kontrollieren. Was passiert, wenn die eigenen Emotionen alles überlagern, konnte man zu Beginn des Jahres am Beispiel von Elizabeth aus Knoxville sehen, die ständig ungerecht behandelt wurde – sogar als sie das Kapitol stürmen wollte.

Sich selbst kontinuierlich als Opfer der Umstände zu sehen, das ständig ungerecht behandelt wird, ist kein Ausdruck ausgeprägter Selbstreflektion. Wer sein Handeln einzig auf das Ungerecht!-Gefühl begründet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, im Sinne Kastners dumm zu handeln.

Wenn es dann zu einer Radikalisierung kommt, hilft vermutlich auch kein Appell an den Verstand, so fasst Heidi Kastner am Ende des Standard-Gesprächs zusammen. Denn Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben und für diese auf die Straße gehen, „wollen ja nicht Fakten abgleichen, sondern recht haben“, sagt die Psychaterin. „Da braucht man nicht diskutieren, das ist sinnlos.“

Auch warnt sie davor, ein falsche Form der Toleranz denjenigen gegenüber zu üben, die sich auf diese Weise radikalisieren: „Dummheit ist aber auch eine völlig fehlverstandene Toleranz, die meint, man müsse alles gelten lassen. Das muss man nicht. Man muss auch nicht jede Meinung wertschätzen. Alles verstehen bedeutet bekanntlich, alles zu verzeihen – was W. S. Maugham als Mentalität des Teufels bezeichnet hat. Man muss sich positionieren und überlegen, warum man sich positioniert. Es reicht nicht zu sagen, dass das viele andere auch machen.“

Danke für Ihren Verstand!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

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2022 wird das Jahr des hybriden Denkens

Alles, was ich über das Jahr 2022 weiß, habe ich bei den Olympischen Spielen in Tokio gelernt. Der Moment, in dem sich Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi entschieden erstmals in der Geschichte Olympias eine Gold-Medaille zu teilen, ist der Moment, der das Jahr 2022 definieren wird: Denn anhand des Doppel-Golds kann man beispielhaft beschreiben, was es heißt, wenn wir sagen: 2022 wird das Jahr des Hybriden!

Hybrid bedeutet „aus Zweierlei zusammengesetzt“ und beschreibt nicht nur kombinierte Antriebe bei Fahrzeugen oder die Mischung von Arbeiten im Büro und Unterwegs. Hybrid beschreibt eine Denkhaltung, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Man kann diese hybride Haltung als Sowohl-als-auch-Denken beschreiben, die sich deutlich vom gelernten System des Entweder-oder unterscheidet.

Entweder-oder-Denken

… nur eine Option

… eindeutig

… binär

… gelernt

Sowohl-als-auch-Denken

… mehr als eine Option

… mehrdeutig

… skaliert

… schöpferisch-kreativ

Die Fähigkeit zum Sowohl-als-auch-Denken basiert auf so genannter Ambiguitätstoleranz, also auf dem Aushalten von Widersprüchen. Wer sich nicht in die polarisierende Entweder-Oder-Muster drängen lässt, ist eher in der Lage, Entwicklungen zu verstehen. Diese verlaufen nämlich selten nur binär und sehr viel häufiger skaliert – wie mein Kollege Johannes Klingebiel und ich am Beispiel der fünf relevantesten Medientrends fürs neue Jahr beschreiben konnten.

Wir benennen diese als Linien, die keine Gegensätze beschreiben, sondern Verläufe. Konkret lauten diese: Von der klaren Grenze zum flüssigen Hybrid, von der Deutungshoheit zum Kontrollverlust, von der Massenkultur zur massenhaften Nische, vom Werk zum Netzwerk, vom Produkt zum Prozess.

Um diese Linien zu erkennen, braucht es das Denksystem des Sowohl-als-auch, das man so beschreiben kann:

Das Denken in klaren Widersprüchen und Polaritäten soll Übersicht erzeugen, führt aber in komplexen Systemen häufig zu einer problematischen Vereinfachung. Die Sowohl-als-auch-Kultur, die ein hybrides Denken fördert, kann dabei helfen, das Unvorhersehbare und Überraschende in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Sie basiert auf der Idee, vermeintlich gegensätzliche Entscheidungen gemeinsam zu denken.

Beim Mediennetzwerk Bayern durfte ich ein paar Sätze zur Sowohl-als-auch-Idee sagen, was man in diesem Podcast der Medientage München nachhören kann.

Mehr über die Idee des Hybriden Denken gibt es in dem Buch „Anleitung zum Unkreativein„, in dem ihm ein ganzer Schwerpunkt gewidmet ist:

Hybrides Denken bildet die Basis für Kreativität. Denn Kreativität zeigt sich in der Verbindung von vormals Unverbundenem.

Impfverweigerung als Identität – fünf Muster memetische Politik

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

In dieser Folge beschreibe ich Kommunikationsmuster hinter dem Prinzip der Impfverweigerung. Inhaltlich bin ich fürs Impfen (hier die wichtigsten Gründe zum Nachlesen) und halte auch nichts davon, emotionale Ablehnung und wissenschaftlichen Studien in der öffentlichen Debatte gleichberechtigt vorzustellen (False Balance). Der folgende Text ist keine Einladung zur Debatte über den Sinn der Impfung, sondern der Versuch, memetische Muster, die seit Jahren im Netz bekannt sind, auch in Diskursen außerhalb des Netzes zu beschreiben – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb der Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung über das Impfen so oft misslingt.

Ich mag das Internet und schätze die Kultur, die es hervorgebracht und befördert hat. Über Meme habe ich sogar ein ganzes Buch geschrieben – als Fan. Ich sehe aber auch, dass die memetischen Muster nicht nur auf schöne Weise die öffentliche Debatte und unser Bild von Öffentlichkeit verändern. Ich glaube, dass u.a. in ihnen begründet ist, warum manche Menschen das Gefühl haben, in einer polarisierten Gesellschaft zu leben. Die Mechanik, die Memes befördert hat, greift in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ein. Dabei geht es nicht nur im die Inhaltsebene, die häufig mit kleinen Internetwitzchen verbunden wird. Meme bestimmen auch auf der formalen Ebene Öffentlichkeit und Politik, was Limor Shifman in der These bündelte, „dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.“

Prinzipien dieser memetischen Muster sind seit Jahren bekannt und häufig mit Blick auf die Verbreitung von netzkulturellen Phänomenen beschrieben worden. Wie aber wäre es, wenn wir mit Hilfe dieser memetischen Muster zu beschreiben versuchen, warum ein relevanter Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung es ablehnt, sich impfen zu lassen? Wie wäre es, wenn wir Impfverweigerung als Meme denken? (Damit meine ich übrigens nicht Memes, die von Impfverweiger:innen genutzt werden, dazu steht hier am Beispiel der US-amerikanischen Szene einiges)

Mit Hilfe dieser Perspektive lässt sich auch erklären, warum „mehr sachliche Information übers Impfen“ nicht zu einer sachlicheren Debatte führt, sondern (siehe Punkt 5. unten) eher wie Öl im Feuer der Auseinandersetzung wirkt. Aus einer Meme-Perspektive sind Argumente fürs Impfen dann mit Versuchen vergleichbar, Hide the Pain Harold sachlich als Stockfoto-Modell zu beschreiben. Das mag vielleicht inhaltlich stimmen, als Anhänger des Harold-Memes will ich das aber natürlich nicht hören.

Um Impfverweigerung als Meme zu denken, konzenteriere ich mich deshalb auf die formalen Verbreitungsmechanismen und lasse die inhaltlichen Argumente der Debatte außen vor. Denn die Analysen, die ich dazu gelesen und gehört habe (hier z.B. ein Interview im WDR5-Morgenecho mit einem schon erschöpften Moderator), stoßen oft an den Punkt, an dem Wissenschaftlerinnen und Forscher davon sprechen, dass inhaltliche Argumente gar nicht mehr wahrgenommen werden. Diese hörenswerte Analyse des Soziologen Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk ist beispielsweise mit den Worten überschrieben: „Mit sachlicher Aufklärung sind viele nicht zu erreichen.“

Wenn man Impfverweigerung als Meme denkt, geht es auch gar nicht um sachliche Argumente, es geht um einen (gar nicht lustigen) running gag, der Identität schafft. Wie beim Schibboleth ist das Ablehnen der Impfung in erster Linie ein Distinktionsmerkmal, um sich von „den anderen“ abzugrenzen, die einfach nicht verstehen, worum es geht. Egal, ob es dabei um die Lols (eher klassische Memes) oder die Wahrheit (Verschwörungs-Memes) geht: Es ist eine deutliche Trennung zwischen „Ich gegen die anderen“ erkennbar – und diese identitätsstifte Flamme kann man weiterreichen (Symbolbild: Unsplash). „We should look at rumors as an eco-system, not unlike a microbiome“, rät die englische Medizinerin Heidi Larson, die 2020 das Buch „Stuck: How Vaccine Rumors Start—and Why They Don’t Go Away“ veröffentlicht hat. Daran erkennt man – wie an dieser historischen Einordnung zur Pockenimpfung in Bayern – dass vieles an der aktuellen Impfverweigerung nicht neu ist. Neu ist aber ein Teil des Ökosystems – und zwar jener, der auf memetische Muster setzt.

Vielleicht muss man hier ansetzen um zu verstehen, wie Impfverweigerung als Meme funktioniert. Es gibt jedenfalls deutliche Zeichen, dass diese fünf Muster in der Impfverweigerungs-Debatte verfestigende Wirkung haben:

1. Individualisierung mit Ikea-Effekt

Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Massenkultur. Im 21. Jahrhundert verliert der Durchschnitt als dominantes Prinzip an Macht. Wir haben diese Form der Personalisierung häufig als Emanzipation des/der Einzelnen gelesen. Man muss aber auch festhalten: in einem Zeitalter der massenhaften Nischen ist es viel aufwändiger als in einer Durchschnittskultur, eine eigene Rolle, eine passende Subkultur und Idee von sich selbst zu finden. Dieser Aufwand wird noch unterstützt von der Annahme, das Private sei politisch, die persönliche Entscheidung über Pop- oder Konsumpräferenzen habe also nicht nur Einfluss auf die eigene Rolle, sondern auch auf die Politik.
Wer also einmal eine Idee von sich selbst gefunden hat, fühlt sich dieser heute vermutlich anders verbunden als Menschen dies taten, die sich an den größten Hits im Radio orientierten. Die Rollen, die der Durchschnitt anbot, waren bequemer und viel leichter zu erreichen als die hoch individualisierten Codes und Bezugssysteme der Gegenwart. Letztere sind wegen des so genannten Ikea-Effekts aber auch viel haltbarer. Denn was man sich mit viel Mühe aufgebaut hat, hält man gemeinhin für wertvoller und trennt sich nicht so gerne davon. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt das im Spiegel-Interview so: „Wir wissen aus der Forschung, dass der Verschwörungsglaube mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit einhergeht. Man will sich besonders fühlen, aus der Masse hervorstechen – da ist keine Maske tragen ein relativ einfaches Mittel, weil man meint, man sei offenbar im Widerstand.“

In diesem Ökosystem entsteht Impfverweigerung als Meme. Das Soziale wird hier nicht als Solidarsystem gedacht, sondern als Masse oder Reichweite. Bestimmender Faktor ist hier einzig das Individuum und dessen Entscheidung. Dass das zumindest zu kurz gedacht ist, kann man bei Heidi Kastner nachlesen, die gerade ein Buch über Dummheit geschrieben hat. Sie sagt: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren und alles andere ignorieren. Das sieht man auch in dieser ganzen Corona-Pandemie, wo die Leute sagen: ,Ich bleibe ganz bei mir.'“

2. Du kannst nur dir selbst trauen

Wer in Memes mehr sieht als Internetquatsch, erkennt schnell: mit Hilfe von Memes wird die eigene Rolle ausgehandelt. Impfverweigerung als Meme zu denken, heißt demnach auch: dieses Meme hilft, die eigene Rolle in einer komplexen, häufig beängstigenden Gegenwart zu finden. Auf dem Fundament des ,ich bleibe ganz bei mir‘ entstehen Distinktionsprozesse, die als unausgesprochene Übereinkunft des Innen funktionieren. Was man zum Beispiel daran erkennt, dass Menschen auf Querdenken-Demos sehr schnell benennen können, dass Kamerateams von der „Lügenpresse“ kommen, aber nicht die Frage beantworten, worin denn die Lüge besteht („Fragen Sie sich das mal selbst“).

Durch die immer gleiche Verwendung von Schlagworten und Codes wird das Innen definiert, die Abgrenzung greift aber erst dann richtig, wenn auch das Außen abgelehnt wird. Im Falle des Impfverweigerungs-Meme geht es dabei darum, das System als ganzes zu destabilisieren. Allein die Idee einer Systemveränderung (Neue Weltordnung) zeigt sehr deutlich: Es geht darum, alles anzuzweifeln, was als Bestandteil „des Systems“ gelesen werden kann. Die Grundmelodie der Impfverweigerung lautet deshalb: Man kann niemanden trauen. Die Eliten, die Lobby, die Politik – stets gibt es ein unspezifisches Feindbild, das Böses im Schilde führt; und nur diejenigen, die das Meme verstehen, haben Zugang zu dieser Erkenntnis. Bessere Abgrenzungsmechanismen sind kaum denkbar. Im Spiegel sagt Pia Lamberty: „Der Glaube an Verschwörung ist eine Art Vorurteil gegenüber all denen, die man als mächtig wahrnimmt. Das können Menschen sein, die wirklich mächtig sind, Politikerinnen und Politiker zum Beispiel. Es können aber auch Menschen sein, deren Macht überschätzt oder erst konstruiert wird. All denen begegnet man mit Misstrauen, mit Ablehnung, mit Feindseligkeit.“

Man muss dabei aber bedenken: Ohne „die Anderen“ greifen diese Muster nur schlecht. Der Widerspruch gegen das Weigerungsmeme ist also nicht nur eingepreist, sondern zwingend notwendig, um das Ich im Gegensatz zu den anderen zu definieren. Innerhalb der Gruppe, die sich über die Codes des Memes erkennt, gibt es fortan an nur noch eine vertrauenswürdige Kategorie kennt: die personalisierte Anektdote.

3. Eine persönliche Anektdote sticht jede wissenschaftliche Erhebung

Wissenschaft ist keine Privatsache. Wissenschaft braucht einen organisierten Rahmen, sie ist also per Definition Bestandteil dessen, was Impfverweigerung als „das System“ wahrnimmt. Das verbindende Element des Impfverweigerungs-Meme ist aber die Ablehnung, ja die Destabilisierung dieses Systems. Aus der Wissenschaft kann in dieser Logik also niemals eine glaubwürdige Erkenntnis kommen. Alle sachlichen Argumente müssen deshalb scheitern, weil sie ja aus dem System geboren werden. Um dieses Bild auch dann halten zu können, wenn die bloße Anzahl (sieben Milliarden Impfdosen sind bereits verimpft) oder statistische Erhebungen dagegen sprechen, greift das unter 1. skizzierte Individualisierungs-Prinzip: Ich bleibe ganz bei mir – und bei Menschen, die auch bei sich bleiben.

Die personalisierten Anekdoten werden so zu hochgereckten Feuerzeugen auf einem Live-Konzert. Mit diesem Bild habe ich das Teilhabe-Prinzip von klassischen Memes zu beschreiben versucht. Im Falle der Impfverweigerung ist jede neuerliche Individual-Anekdoten wichtiger Sauerstoff, um die Flamme auf Brennen zu halten. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es die Schwiegermutter oder den Onkel der Nachbarin einer Arbeitskollegin wirklich gibt, wenn er nur belegt, was man mit so viel Aufwand glaubt. „Denen geht es doch genau wie mir. Und wir werden immer mehr“, ist halt viel anziehender als eine komplizierte Abwägung von Pro- und Contra-Argumenten.

4. Dark Pattern sorgen für Verbreitung

Bei klassischen Memes griff irgendwann das Clickbait-Prinzip der viralen Verbreitung, um sie bekannter zu machen. Bei der Impfverweigerungs-Erzählung gibt es diesen Mechanismus auch. Er scheint mir nur noch mehr über Dark-Social-Kanäle zu laufen – und dabei Muster zu nutzen, die man als Erweiterung von „Dark Pattern“ beschreiben kann. Besonders beliebt ist dabei die Annahme, jemand anderer (die Elite, die Lobby, die Politik) wolle nicht, dass man etwas erfährt. Nahezu alle persönlichen Anekdoten sind BTS-Erzählungen (Behind the scences), die gegen den erklärten Willen offizieller Stellen verbreitet werden. Die Sprachnachricht, die die Mama vom Poldi im Frühjahr 2020 verbreitete, erfüllte zahlreiche dieser Kriterien und wurde deshalb auch ausgiebig geteilt.

5. Es geht nicht um Meinungen, sondern um Identität

In meinem Meme-Buch greife ich auf die Definition von Limor Shifmann zurück, die Meme als „kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten“ beschreibt, „durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden.“ Dieser Identitätsaspekt spielt vermutlich die wichtigste Rolle, um Impfverweigerung als Meme zu verstehen. Es geht hier nicht um eine Meinung zu einem Thema, es geht hier auch nicht um einen Wettstreit von Ideen oder um eine wissenschaftliche Debatte. Es geht hier um Identität.

Aufgrund der unter 1.-4. beschriebenen Prozesse ist die Impfverweigerung zu einem zentralen Bestandteil der eigenen Person geworden (was inhaltlich durch absonderliche Unfruchtbarkeits-Gerüchte noch stimuliert wird) und damit geht es nicht mehr um das Finden von Kompromissen oder um gesellschaftliche Debatte. Es geht die Verteidigung der eigenen Identität, die nicht Bestandteil eines Kompromisses sein kann, sondern immer absolut verteidigt werden muss – gegen die anderen.

Und wenn diese anderen widersprechen, bestätigen sie die eigene Identität noch. So wie Fans der einen Mannschaft, die gegenerischen Fans brauchen, um ihre eigene Rolle zu definieren, so brauchen auch memetische Kommunikationsmuster den Widerspruch. Beim Fußball heißt das dann zum Beispiel: „Euer Hass ist unser Stolz“ – was umgekehrt bedeutet: Ohne Hass auch kein Stolz mehr.

Withney Phillips hat dies an der Berichterstattung über Hasskampagnen nachgewiesen. In diesem Interview erklärt sie: „Hasskampagnen richten den größten Schaden an, wenn sie von Journalisten verstärkt werden. Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Die Parallele zu medialen Berichten zu ziehen, die Ansichten der Impfverweigerung wiederholen, verächtlich machen oder einordnen wollen, ist erkennbar.

Welche Schlüsse man daraus ziehen kann? Ich bin mir unsicher. Eher sicher bin ich mir aber, dass es sich lohnt, auf die memetischen Muster der Kommunikation zu schauen, um deren inhaltliches Scheitern zu verstehen.

Dieser Text stammt aus meinem Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Meme gibt es in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“.

Im Januar spreche ich auf Einladung von Martin Fehrensen in einer Lecture beim Social-Media-Watchblog zum Thema „Politik als Meme“.

Ich mag Twitter (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wann waren Sie zuletzt auf einem Fußballplatz? Ich meine nicht jene, auf denen Millionäre Werbung auf dem Shirt herumtragen, sondern die Plätze, auf denen junge Menschen mit- bzw. gegeneinander spielen. Ich frage das, weil der Besuch an einem solchen Ort jede Menge Erkenntnisse zu Tage fördert. Eine will ich heute teilen, sie hat einen Bezug zur Netzkultur:

Wer jemals Eltern auf einem Fußballplatz gesehen hat, wird sich nie mehr über die Diskussionskultur auf Twitter beschweren!

Fußball ist ein wunderbares Spiel, ein tolles Hobby und ein nahezu unerschöpfliches Reservoir für Metaphern aufs Leben (Symbolbild: unsplash). Man lernt beim Fußball Resilienz und es macht meistens Freude, sogar dann wenn man mit Anstand verliert.

Dass man das lernen muss, kann man Woche für Woche auf deutschen Fußballplätzen beobachten. Als ich unlängst Zeuge folgender Szene wurde, dachte ich mir: Der Diskurs über die Diskussionskultur im Netz hat mindestens einen blinden Fleck. Vielleicht ist es nämlich gar nicht so sehr „das Internet“, das uns vor Probleme stellt, sondern Defizite in der Streitkultur in Gänze.

Auf zwei nebeneinander liegenden Spielfeldern einer Bezirkssportanlage wurden Spiele ausgetragen. Die jüngeren Spieler auf der einen Seite gingen respektvoll miteinander um, sie spielten durchaus körperlich, sie kämpften um jeden Ball – aber sie akzeptierten die Entscheidungen des Schiedsrichters, hielten sich an die Regeln. Stress wurde einzig von außen aufs Spielfeld getragen. Eltern, die auf Höhe des einen Strafraums eine Abseitsstellung am anderen Strafraum nicht nur erkannten, sondern auch lauthals einforderten. Sowohl die spielenden Kinder als auch der junge Schiedsrichter ließen sich davon nicht beeindrucken. Was die Eltern nicht davon abhielt, mehr Härte („hau ihn um“) und grundsätzlich mehr Einsatz zu fordern.

Wozu dieses Reinrufen der Vorbild-Generation führen kann, konnte ich auf dem nebenliegenden Spielfeld beobachten. Die Spieler, die hier wetteiferten waren rund zehn Jahre älter und hatten deutlich hörbar Probleme damit, die Autorität des Schiedsrichters zu akzeptieren. Jede seiner Entscheidungen wurde kommentiert und kritisiert – mit lautem Echo von außen. Denn auch hier standen Eltern und Betreuer am Spielfeldrand.

Als einer von ihnen eine Beleidigung aufs Spielfeld rief, sah ich einen der Spieler quer über den Platz laufen. Als er die Seitenlinie erreichte, hinter der er den Reinrufer angehen wollte, zog er sich hektisch das Trikot über den Kopf, warf es auf den Boden und sprang vor den rufenden Mann. Nur mit Mühe konnte er zurück gehalten werden. Die Wut stand ihm im roten Gesicht. Er wollte seinen Bruder verteidigen, den er durch den Ruf beleidigt sah. Er fühlte sich ungerecht behandelt – und zwar in einem Bereich, der nicht Meinung oder Ansicht oder Einschätzung war, sondern seine tiefste Identität. Seine Familie war beleidigt worden, das traf ihn sichtbar in der vollen Person und mit der ganzen Person ging er in diese Auseinandersetzung. Als er mit Mühe beruhigt wurde, ginge er schimpfend zurück auf den Platz, zog das Trikot wieder über den Kopf und erhielt dann vom Schiedsrichter eine rote Karte unter das immer noch ähnlich farbige Gesicht gehalten. Wieder packte ihn die Wut. Erst neben und jetzt auf dem Platz sah er sich ungerecht behandelt. Er musste geblockt werden, um all seine Wut jetzt nicht am Schiedsrichter auszulassen. Mitspieler begleiteten ihn vom Platz und schimpfend verließ er das Gelände in Richtung Kabine. Dort ging der Streit nach Spielende weiter.

Es gibt Auseinandersetzung auf Twitter, die kaum sachlicher ablaufen. Auch in Netzdebatten treffen unterschiedliche Meinungen (kann man ändern) auf persönliche Identität (steht nicht zur Debatte) und führen zu heftigen Streitereien. Mir sind nur wenige Vorbilder bekannt, denen es gelingt, solche Diskussionen mit Anstand zu führen. Hier gibt es eine breites gesellschaftliches Defizit, das man vermutlich am besten so zusammenfasst: Wir können nicht streiten. Es gibt dieses Problem aber nicht wegen des Internets, das Internet macht es nur besser sichtbar.

Wenn es im Rahmen von Veranstaltungen, die der weltgrößte nationalen Sportverband außerhalb des Web organisiert, zu solchen Ausfällen kommt, liegen diese vielleicht nicht ausschließlich an der „Debattenkultur auf Twitter“. Vielleicht macht Twitter nur sichtbar, was gesellschaftlich ungeklärt ist – und wo sich Training der Medienkompetenz lohnen würde: in Fragen des demokratischen Streits.

Mit jedem erneuten kulturpessimistischen Naserümpfen über den Diskurspöbel auf Twitter bewegt man sich einen Schritt weg von einer Lösung. Diese beständig vorgetragene Klage verfestigt nämlich die Annahme, dass sich auf der Ebene des Symtpoms eine Lösung finde. Dabei liegt die Ursache vermutlich gar nicht im Digitalen, das zu sagen, klingt aber nicht so eingängig wie die Twitter-Beschimpfung.

Deshalb hier und heute mein Lob auf Twitter – nicht um das Digitale gegen diese Klage zu verteidigen. Sondern als Erinnerung daran, dass man im Diskursraum Twitter trotz aller Probleme wunderbar recherchieren und Verbindungen knüpfen kann. Genau wie Fußball nicht nur aus den Schimpfern am Rand besteht, ist auch Twitter viel mehr als das Bild, das leichtfertig erzeugt wird.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Minimal Possible Change (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bevor man einordnen kann, was diese Bundestagswahl jetzt wohl zu bedeuten habe, sollte man vermutlich abwarten, welches Ergebnis sie wirklich zu Tage gefördert hat. Noch wird in Berlin sondiert und taktiert, dennoch erlaube ich mir, hier einen halbfertigen Gedanken aus dem „Digital-Viral-Germany“-Post etwas weiter zu denken. Er handelt von dem Grad der Veränderung, die aus der Wahl hervorgehen wird. Er handelt von dem Mut, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen und er handelt vom Erwartungsmanagement derjenigen, die sich Wandel wünschen.

Beginnen wir mit dem Veränderungswillen: diejenigen, die bei der #btw21 (Tommi Schmitts Vorschlag BuTaWa hat sich leider nicht durchgesetzt) erstmals wählen durften, haben sich mehrheitlich für die Parteien entschieden, die heute ein Selfie posteten. FDP und Grüne haben bei den Erstwähler:innen gewonnen. Die tagesschau führt dies in einer Analyse mit Einschätzungen des Politikwissenschaftlers Uwe Jun auf die Themen Corona und Digitalisierung zurück – und auf den Wunsch, dort eine Alternative zur Großen Koalition zu unterstützen:

Die Corona-Krise habe die Schwächen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos offengelegt – davon profitiere die FDP nun. Zudem seien die Gemeinsamkeiten mit den Grünen in diesen Bereichen recht hoch, so dass die Chancen auf eine Umsetzung in den bevorstehenden Sondierungs- und Koalitionsgesprächen laut Jun gar nicht so schlecht stünden.

Das Bild, das heute durchs Netz gereicht wurde, gibt diesen Chancen ein Gesicht. Ich glaube, dass es zu einem langfristigen Symbol für den Wunsch nach einer Alternative zur Politik der GroKo werden kann. Es liefert in all seinen Rahmendaten die Voraussetzungen für ein den Tag überdauerndes Motiv: Bildkomposition, die Kleidung sowie die Position der Personen, die scheinbar beiläufige Aufnahmesituation – all das macht aus dem Schnappschuss einen Startschuss. „Wir sind bereit für Veränderung“ sagt alles an dem Bild – „für den kleinsten Grad an Veränderung“ möchte man ergänzen.

Denn bei allem Aufbruch, den FDP und Grüne mit dem Selfie erzeugen wollen, muss man auch festhalten: Zusammen kommen die beiden Fraktionen nur auf 14 Sitze mehr als die SPD, die als Wahlsiegerin gilt. Denn anders als bei den Erstwähler:innen ist der Wunsch nach Veränderung in der Gesamtbevölkerung bei weitem nicht so ausgeprägt. Der Veränderungswunsch, den man aus diesem Wahlergebnis lesen kann, geht so:

Die Partei, die seit 16 Jahren in Deutschland die Regierung anführt, wird vermutlich von der Partei abgelöst, die aktuell den Vizekanzler stellt und von den vergangenen sechs Regierungen an fünf beteiligt war.

Ich glaube diese Form der „Wechselstimmung“ (Anführungszeichen mit Absicht gesetzt, Symbolbild: Unsplash) lässt sich vermutlich am besten als: Minimal Possible Change (MPC) bezeichnen. „Wenn es denn sein muss“, sagt dieses Wahlergebnis zum Thema Veränderung. Es ist Ausdruck von großer Vorsicht; als Fortbewegungsart ist es eher ein vorsichtiges Tasten als ein schwungvoller Gang. Die Sorge etwas zu verlieren, ist stets größer als der Wunsch etwas zu gewinnen.

Die gegenteilige Haltung, die ich gerne als Möglichkeitssinn bezeichne, drückt sich vor allem darin aus, dass man positiv auf die Frage antwortet: Kann es (noch) besser werden? Die deutschen Wähler:innen haben darauf äußerst vorsichtig „vielleicht“ geantwortet. MPC ist so gelesen der allerkleinste Bruder des Möglichkeitssinn.

Das kann man beklagen oder gut finden, ich möchte es aber vor allem bemerken: denn wichtiger als das Urteil scheint mir die Schlussfolgerung, die man aus dieser geringen Veränderungsbereitschaft für all die Projekte ziehen kann, die etwas bewegen wollen: MPC bestimmt das Erwartungsmanagement, lenkt den Blick auf die langfristige Veränderung und führt auf das Prinzip des „leistbaren Verlusts“ wie es die Methode Effectuation nennt. Wer gelernt hat, mit dem MPC umzugehen, braucht keine Mondreden, keine Visionen oder langfristige Bilder, sondern den zupackenden Pragmatismus dessen, was den MPC kurzfristig gestaltet und in die Tat umsetzt.

Egal, welche Folgen aus dem Wahlergebnis vom Sonntag entstehen, für mich war allein diese Erkenntnis wertvoll, denn auch wenn MPC eine englische Abkürzung ist, sie scheint ein sehr deutsches Phänomen zu beschreiben.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Hier habe ich schon mal über den Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Veränderungen nachgedacht. In dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ habe ich den Umgang mit dem Neuen – und auch die Methode Effectuation beschrieben.

Was ist das Gegenteil von Aktivismus?

Wer die Stationen im Lebenslauf von Josef Kaeser nachliest, die Wikipedia auflistet, kommt auf vieles aber sicher nicht auf die Zuschreibung „Aktivist“. Der Mann, der seit 2013 Vorstandsvorsitzender von Siemens war, ist zwar seit dem Frühjahr nicht mehr im Amt, aber dennoch weit entfernt von den Bildern, die man zu sehen bekommt, wenn man den Begriff in die Google-Bildersuche eingibt (Screenshot rechts: Aktivisten im Hambacher Forst).

Dennoch bezeichnet ihn die Bild-Zeitung hier als Aktivisten.

Was war passiert?

Kaeser hatte die Berichterstattung der Bild-Zeitung als verkürzend kritisiert: Was BILD hier macht, ist Volksverdummung oder -Verhetzung.

In der Replik bezeichnet die kritisiert Bild-Zeitung den Ex-Siemenschef als Aktivisten. Völlig unabhängig von der inhaltlichen Debatte interessiert mich dabei die begriffliche Ebene. Wodurch zeichnet sich ein Aktivist aus? Warum verwendet man den Begriff? Welche Bilder will man damit öffnen? (Symbolbild: unsplash)

Am besten lassen sich diese Fragen mit einem Reframing beantworten, das mich schon länger interessiert: Von Gegenteil her denken. Um zu ergründen, was mit dem Begriff gemeint ist, kann man versuchen, sich ihm von der Rückseite nähern: Was ist das Gegenteil von Aktivismus?

Wer sich auf die Suche nach einer Antwort begibt, wird erstaunliche Erkenntnisse über den Ursprungsbegriff und seine Verwendung machen.


Mehr Gegenteil gibt es in meinem Buch Anleitung zum Unkreativsein – dort ist auch erklärt, wie der Blick aufs Gegenteil die Perspektive erweitern kann.

Was sind Experten ohne Experimente?

Am Lichtbogen in Essen wird man sich gefreut haben als heute das so genannte Zukunftsteam von Unions-Kanzlerkandiat Armin Laschet vorgestellt wurde. Bei heizkraft-infrarotheizung.de in der Ruhrgebietsstadt wirbt man nämlich schon länger mit dem schönen Wortspiel, das Laschets Werber:innen über die vier Frauen und vier Männer geschrieben haben, die schräg hinter dem Kandidaten stehen und sein Zukunftsteam bilden sollen: Experten statt Experimente! (Screenshots oben: CDU.de & heizkraft-infrarotheizung.de).

Nun ist es nicht so, dass in diesem Wahlkampf kein Wert auf Referenz- und Zitatdebatten gelegt wurde oder dass ich als Heizkraft-Experte (sic!) den Slogan aus Essen gekannt hätte. Er findet sich nach einer einfachen Websuche und wirft die Frage auf, wie geschickt diese Teampräsentation vorbereitet wurde: „In größter Not hat Laschet jetzt ein „Zukunftsteam“ präsentiert“, schreibt Robert Roßmann in der SZ. „Doch das Team kommt viel zu spät. Es wurde hektisch und im kleinen Kreis zusammengestellt. Es ist ein Verzweiflungsteam, das schon am 26. September Vergangenheit statt Zukunft sein dürfte.

Mehr noch als das Team interessiert mich der Slogan, dessen Platzierung das Internet bereits memetisch herausforderte, wie man in diesem Thread von Saša Stanišić sehen kann. Poltische Slogans sind eine kondensierte Form von Politik. Werbesätze sind an sich schon so spannend, dass ich stundenlang drüber reden könnte (und das dank Lucas von Gwinner ja auch tue). Wenn Slogans aber eine politische Idee auf den Punkt bringen sollen, faszinieren sie mich immer besonders. Erst gestern bin ich wieder an dem Satz „Unser Land, unsere Regeln“ vorbei gefahren, den ausgerechnet die AfD für einen guten Slogan hält (habe 2017 mal aufgeschrieben was ich davon halte) und während der Koalitionsverhandlungen 2017 prägte die FDP einen Satz, den man gemeinsam mit dem heutigen Experiment-Slogan vielleicht sogar als prophetisch für Laschets Zukunftsteam lesen kann: Lieber nicht regieren als falsch.

Sowohl der FDP- als auch der Unions-Satz offenbaren eine erstaunliche Haltung, die beim Auftrags-Heizungsbau vielleicht richtig ist (bin wie gesagt kein Experte), in der Politik aber Stillstand zur Folge hat und ganz sicher keine Zukunftsgestaltung. Denn: Wer nichts ausprobiert, wird sich nicht bewegen. Wer Experimente verweigert, wird kein Experte bzw. keiner bleiben. Experimente auf der einen sowie Expertinnen und Experten auf der anderen Seite sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Erkenntnis entsteht nur dort, wo Menschen bereit sind Neues auf eine Weise auszuprobieren, die ihnen erlaubt, die Ergebnissen überprüfen zu können. Man nennt diesen Vorgang Experiment und nicht erst durch die schnelle wissenschaftliche Forschung zu Corona-Impfstoffen hat gezeigt: Das Experiment hat im 21. Jahrhundert ein weitaus besseres Image als es es wohl im 20. Jahrhundert hatte. In dieser deutschen Wikipedia hat der Slogan „Keine Experimente“ einen eigenen Eintrag. Was vielleicht bezeichnend für dieses Land, aber ganz sicher für das Zukunftsteam der Union ist. Mit einem Slogan im Geist der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu werben, weckt wenig Hoffnung darauf, dass der Begriff „Modernisierungsjahrzehnt“ etwas mit dem 21. Jahrhundert zu tun haben wird.

Bei mir hat die heutige Präsentation vor allem eine Frage geweckt: Was sind eigentlich Expert:innen ohne Experimente? Wenn ich Laschet richtig verstanden habe: das Zukunftsteam der Union.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Neuen um? Im „Pragmatismus-Prinzip“ habe ich darauf eine Antwort versucht, die man hier nachlesen kann.