Digitale Notizen

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Tag "zukunft"

Vom Philosophen Hans-Georg Gadamer stammt der Satz:

Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.

Es lohnt sich, an diese Einschätzung zu erinnern, wenn man die Einlassungen liest, die in den vergangenen Tage über das Netz in Gänze bzw. über die zu aktiven Rezipienten “amateurisierten” Leser und Nutzer veröffentlicht wurden. Die Blogger und kommentierenden Nutzer kommen dabei nicht besonders gut weg – auch nicht auf Nachfrage.

Woran das liegen könnte habe ich mich gefragt? Daran, dass tatsächlich alle Leser dumm sind? Und alle Wähler nervig? Dann wäre doch der Schluss, den man nahezu ziehen muss, einen anderen Beruf zu wählen: Wie kann man als Journalist veröffentlichen, wenn man sein Publikum für blöd hält oder als Politiker arbeiten, wenn man in der Wählerschaft einzig Idioten erkennt? Da macht doch am Ende nicht mal mehr das Recht haben und ausgebucht sein Spaß, oder?

Ich glaube, eine solche Haltung ist nur mit Selbstüberschätzung und Zynismus auszuhalten. Da ich aber für Selbstüberschätzung zu gut bin, habe ich daran kein Interesse und war deshalb sehr froh, als ich im Nieman Journalism Lab eine weniger selbstgerechte Lösung las: The Washington Post tries a new weapon to fight the trolls: humans

Dort wählt man also einen neuen Weg: Statt die zu Nutzern aufgestiegenen Leser zu beschimpfen, redet man mit ihnen. Man verändert die Atmosphäre, indem man auf Lesermeinungen eingeht und diese öffentlich beantwortet. Man sucht – Achtung, Gadamer-Bezug – das Gespräch.

Ich glaube, dass es dazu in Wahrheit keine wirkliche Alternative gibt. Das Web2.0 wird nicht wieder weggehen, die Möglichkeiten des Dialogs werden nicht eingestampft. Journalisten und Politiker (und darüberhinaus zahlreiche andere Berufsgruppen) werden damit leben müssen, dass die vielen ach so dummen Menschen da draußen nicht nur eine Meinung haben, sondern diese auch veröffentlichen können. Dass also aus der Theorie des Grundgesetzes (Artikel 5) eine anstrengende Praxis wird. Dies abzuwerten, zu beschimpfen oder im Wortsinn zu bekriegen, wird nicht zum Erfolg führen.

Im Spiegel steht diese Woche eine Geschichte über die Facebook-Aktivitäten von Sigmar Gabriel. Etwas abschätzig wird dort darüber berichtet, dass der SPD-Chef einen Bäcker besucht hat, der ihn in einem Facebook-Kommentar angesprochen hatte. Der Text (der nicht online steht) äußert den Verdacht, dass man Gabriels ungefilterte Kommunikation in der Parteizentrale für gefährlich halte. Gabriel schreibt dazu auf Facebook:

Mir sind in der SPD-Parteizentrale allerdings noch keine Mitarbeiter aufgefallen, die schlotternde Knie haben – vor Angst, dass ich auf Facebook Blödsinn schreiben könnte. Im Übrigen kann ich alle beruhigen: Nein, ich bin keine Marionette, die von irgendwelchen PR-Profis gesteuert wird. Ich sage was ich meine. Auf Pressekonferenzen, bei Betriebsbesuchen, und manchmal eben auch bei Facebook.

Nicht nur weil er mir einfiel als ich das Gadamer-Zitat von oben las, sondern weil der Aphorismus von Kurt Tucholsky hier sogar auf Sigmar Gabriel passt, wünsche ich mir ein wenig mehr Experten-Toleranz für die angeblichen Amateure da draußen:

Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat

Gestern riefen die Universalcode-Kollegen Richard Gutjahr und Markus Huendgen den Tod des Fernsehens aus. Gestern sah ich eher durch Zufall wie lebendig Fernsehen sein kann.

Ich habe keine Ahnung vom Fernsehen. Ich schalte es dann und wann ein, aber wie es gemacht wird, weiß ich nur vom Zuschauen. Deshalb kann ich eigentlich nicht beurteilen, ob stimmt, was Richard und Markus behaupten. Das Fazit jedenfalls ist vermutlich nicht falsch:

Die Art und Weise, wie wir fernsehen, wird sich radikal wandeln. Und das in nicht allzu ferner Zukunft.

Allerdings muss man nicht die One-Percent-Regel bemühen, um festzustellen: weite Teile des Fernsehens werden auch bleiben wie sie sind. Vor allem wenn sie so gut sind wie Black Mirror, eine dreiteilige britische Serie aus der Feder von Charlie Brooker.

Der Guardian-Kolumnist und TV-Macher hatte zum Attentat von Oslo einen beeindruckenden Text geschrieben und strahlt mit seinen pointierten Beobachtungen bis auf den Kontinent. So las ich auch mit großem Interesse, dass er einen Dreiteiler konzipiert hat, der auf klassische Art wie Fernsehen funktioniert. Drei Episoden mit je 45 Minuten, die sich mit der Frage befassen, wie die digitalisierten Medien und die von ihnen (und den aktiven Rezipienten) geschaffene sich verändernde Öffentlichkeit unsere Perspektive auf das Leben verändern. Das klingt nach einem Essay-Thema, Brooker schafft es aber, diese Fragen auf eine zeitgemäße filmische Art zu stellen, die mindestens die Intensität eines guten Textes erreicht.

Ich kann das alles behaupten, weil ich gestern durch einen glücklichen Zufall die National Anthem genannte erste Folge sehen konnte und noch immer begeistert bin. Denn Black Mirror ist für mich die Art von Fernsehen, die den gemeinschaftsstiftenden Sinn von Storytelling erfüllt. Eine Geschichte, die einer sich im Wandel befindenen Gesellschaft hilft, sich selbst zu vergewissern, ihre Vorgaben und Regeln zu überprüfen und die Gemeinsamkeiten aufdeckt bzw. sichtbar macht. Und all das gelingt durch nichts anderes als durch herausragendes dramaturgisches Erzählen.

In der offiziellen Presseverlautbarung sagt Brooker über die Serie:

It combines satire, technology, absurdity, and a pinch of surprise, and it all takes place in a world you almost – almost – totally recognise. It changes each week – like the weather, but hopefully about 2000 times more entertaining.

Was das konkret heißt: Der fiktive britische Premierminister soll sich öffentlich demütigen lassen (es geht um einen Geschlechtsakt mit einem Schwein, der live im Fernsehen übertragen werden soll). Das fordert ein Entführer, der eine Prinzessin des englischen Königshauses in seiner Gewalt hat. Nicht nur die Grundsituation erfüllt alle von Brooker genannten Kriterien, auch die Entwicklung der Geschichte zeigt, wie sich medialisierte Öffentlichkeit verändert. Wie gelingt es, das Erpresser-Video zu unterdrücken, wenn es zum Zeitpunkt, an dem es in Downing Street 10 ankommt, bereits mehrere tausend Mal auf YouTube angeschaut wurde? Wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Versuche, Berichterstattung zu beeinflußen? Und vor allem wie ist das mediale Ökosystem gestrickt, wenn ein Lösegeld in Form von öffentlicher Demütigung gezahlt wird?

All diese Frage werden auf eine Art und Weise durchgespielt, die mich beeindruckt hat. Und das ist vermutlich die wegweisendste Veränderung an dieser neuen alten Art des Fernsehens: Es ist trotz aller Geoblocking-Grenzen globaler als wir denken. Es beschränkt sich nicht auf das nationale Sendegebiet öffentlich-rechtlicher Anstalten, sondern ist weböffentlicht. Wenn daraus für die Anbieter hierzulande der Druck erwachsen würde, ein Vorbild wie Black Mirror (oder unlängst Sherlock Holmes) zur Inspiration zu nutzen wäre für mich als Zuschauer schon viel gewonnen.

Am kommenden Sonntag läuft übrigens der zweite Teil von Black Mirror:



Andrew Culf ist “a deputy news editor for the Guardian“. So steht es auf seiner Profilseite der britischen Zeitung. @andrewculf “hat noch nichts getwittert”. So steht es auf seiner Profilseite bei Twitter. Von Bedeutung ist das wegen dieser Seite hier.

http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist?CMP=twt_gu

Sie trägt den Titel “An experiment in opening up the Guardian’s news coverage” und ist nach allem, was ich bisher über Nachrichtenjournalismus und Zeitungsmachen weiß eine mindestens kleine Revolution. Im Bereich “UK News” trägt Andrew Culf heute die Verantwortung für die Nachrichtenlage beim Guardian. Das vermerkt diese Übersicht, die der Guardian künftig ebenso öffentlich macht wie die internationale und die Wirtschafts-Nachrichtenlage.

Abgeschaut haben sich die Guardian-Macher dieses Konzept des gläsernen Gatekeepers bei der schwedischen Zeitung Norran, die den Gedanken der Transparenz im digitalen Raum auf die nächste Ebene hebt. Dadurch dass man jetzt auch beim Guardian, den Versuch unternimmt (ja, es ist ein Quasi-Beta-Experiment), bekommt die Idee des offenen Blattmacherns einen neuen Schub: Journalisten in ganze Europa sind plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert, ihre Arbeit offener und transparenter zu gestalten.

Was heißt das konkret? Andrew Culf muss künftig nicht nur die aktuellen Meldungen seines News-Tickers im Auge behalten. Er muss auch einen Blick auf das werfen, was die Guardian-Leser unter dem Hashtag #opennews auf Twitter schreiben. Zudem ist jetzt auch der Guardian-Newsroom auf Twitter vertreten. Denn Öffnung heißt für die neuen Nachrichtenmacher auch Dialog. Sie sind ansprechbar und unter dem genannten Hashtag offen für Kritik – aber eben auch für neue Themenvorschläge. Sie schaffen so für die passiven Leser eine große Nähe zu ihrem Lieblingsprodukt und für die aktiven Rezipienten einen direkten Weg an den Newsdesk der Redaktion.

Nebenbei verändert der Guardian damit den Blick auf die Blackbox Nachrichtenredaktion. Diese kulturelle Veränderung könnte zu mehr werden als zu einer kleinen Revolution. Denn wenn das Guardian-Experiment gelingt, wird dies Folgen auch für andere Journalisten haben. Transparenz könnte auf Mainstream-Ebene zu einer Grundanforderung an glaubwürdigen Journalismus werden (was sie heute in bestimmten Märkten sicher schon ist). Nicht mehr ausschließlich das finale Produkt würde dadurch zum Beurteilungsgegenstand journalistischer Arbeit, sondern auch der Weg dorthin (siehe dazu die Metaphorik des Nachrichtenfluß). Soweit ich das absehen kann, ist das grundlegend neu (in Deutschland). Es würde Produktionsbedingungen, Ausbildungswege und das Selbstverständnis journalistischer Arbeit in einer Art und Weise verändern, die wir heute nur in Ansätzen absehen können.

Allein deshalb sollten wir sehr genau beobachten, wie Andrew Culf in den kommenden Woche so arbeitet.

P.S.: Wo wir schon über den Guardian sprechen, hier das Werbe-Video für die iPad-Version der Zeitung, die in den kommenden Tagen veröffentlich werden soll.

P.P.S.: Weil es mich gerade im Rahmen meiner eigenen journalistischen Arbeit betrifft: Der SZ-Kollege Alex Rühle unternimmt gerade für eine Reportage ein kleines (transparentes) Twitter-Experiment. Unter Alex Rühle kann man ihm auf Twitter folgen – mehr zum Hintergrund steht hier.

In seinem Blog schreibt Christian Jakubetz über Journalistische Resterampen – und bezieht sich darin auch auf einen Tweet, den ich zum Relaunch von faz.net vergangene Woche schrieb. Dort war zum Start der neu gestalteten Website das Wort “Beta” zu sehen. Darauf nimmt Christian Bezug um seine These von der Resterampe Online zu untermauern. Er schreibt:

Obwohl man sich schon gerne vorstellen würde, was dort oder in anderen Privathäusern los wäre, würde man eine halbfertige Neu-Ausgabe der Zeitung auf den Markt bringen. Eine “Süddeutsche Beta” beispielsweise. Mit dem Hinweis, es könne noch ein wenig dauern, bis die Zeitung so aussähe, wie man sie gerne hätte. Niemand käme analog auf eine solche groteske Idee, im Netz interessiert es keinen.

Im Rahmen seiner Argumentation ist das sicher richtig. Ich glaube aber, wir haben unterschiedliche Vorstellungen von einer Beta-Phase. Den Gedanken einer perpetual Beta jedenfalls finde ich gar nicht so falsch, wie Christian sie darstellt. In Zeiten der Web2.0-Euphorie kam der Begriff auf, um die ständige Fortentwicklung von Webangeboten zu beschreiben. Daraus ist dann das Umbau-Mantra von “Relaunch ist immer” entstanden, mit dem erklärt werden soll, dass digitale Produkte eigentlich nie fertig sind, dass sie stets weiterentwickelt, verändert werden müssen.

Nehmen wir an, dass das stimmt. Und nehmen wir weiter an, dass es die Unterscheidung zwischen digitalen und analogen Produkte eigentlich nicht mehr gibt (weil Leser/Hörer/Rezipienten die gleichen Erwartungen an analoge wie digitale Verbreitungswege entwickelt haben), dann folgt daraus: Christian liegt mit seinem Beta-Bashing falsch. Bzw. konkreter: Seine Annahme, die Beta-Perspektive auf Online erwachse aus Desinteresse, ist nicht ganz richtig. Der Schuh entsteht vielmehr anders rum: Vielleicht müssen wir auch die analogen Produkte als unfertig betrachten. Vielleicht müssen wir die Metaphorik vom Nachrichtenfluss auch auf die Medien selber und nicht nur auf ihre Inhalte anlegen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber mir kam der Gedanke, als ich den Blog-Eintrag las. Sozusagen als Beta-Idee.

Zum Ende des Münchner Oktoberfests darf man ausnahmsweise über die Trinkkultur in Bayern philosophieren – und diese in Verbindung zum digitalen Wandel bringen. Vor allem nach einem solch sonnigen Wochenende, das auch abseits der Festwiese viele Münchner im Biergarten verbrachten. Wer dort mit ortsfremden Menschen Bier aus großen Krügen trinkt, muss dann und wann die Besonderheit erklären, die mich an diesem Wochenende an die vermeintliche Umsonst-Kultur im Internet erinnerte.

Wenn wir das Internet nicht als Verbreitungsweg, sondern als Raum verstehen, verändert das unsere Perspektive auf mögliche Bezahlmodelle an diesem Ort. Danah Boyd hat dazu einige interessante Gedanken aufgeschrieben – die ich vor fast einem Jahr schon verlinkte. Sie schlägt vor, den Gedanken des sozialen Raumes in den Vordergrund zu rücken, um zu verstehen, wie digitale Bezahlmodell funktionieren können:

Think about how we monetize sociality in physical spaces. The most common model involves second-order consumption of calories. Venues provide a space for social interaction to occur, and we are expected to consume to pay rent. Restaurants, bars, cafes—they all survive on this model. But we have yet to find the digital equivalent of alcohol.

Womit wir wieder im Biergarten sind. Dessen Prinzip stellt das Bier derart zentral, dass Speisen dort lediglich optional vom Betreiber bezogen werden können – man kann sie auch selber mitbringen. Einzig die Getränke muss man im Biergarten kaufen. Speisen gibt es auch, man kann sie aber auch selber an den Ort des Verzehrs tragen. Das ist gute bayerische Tradition, erklären Schilder z.B. im Münchner Hirschgarten. Aus der Perspektive, die mancherorts aufs Netz geworfen wird, ist das keine Tradition, sondern Unsinn. Warum sollte man auf diesen möglichen Umsatz verzichten? Warum sollte man etwas verschenken? Warum sollte man dem Kunden erlauben, selber etwas herzustellen und mitzubringen, was er professionell erstellt, erwerben soll?

Ich bin kein Betriebswirt, ich weiß auch nicht ob diese für ein solches Vorgehen eine Begründung haben. Ich weiß aber, dass das Prinzip des Biergartens dem wirtschaftlichen Wohlergehen der bayerischen Brauereien nicht schadet. Im Gegenteil: Viele Menschen treffen sich bei gutem Wetter dort und sorgen für Umsatz. Womöglich für weniger als würde man sie auch zum Speisen-Erwerb nötigen. Aber sicher sind es sehr viel mehr Menschen, die unter unter diesen Umständen in den Biergarten kommen. Sie empfinden den Abtransport der Krüge auf großen Wagen, die auch in der Straßenreinigung eingesetzt werden könnten, nicht als störend, sondern als Bestandteil der Inszenierung. Der Wirt spart sich die Bedienungen, der Gast erfreut sich an der Tradition.

Vielleicht brauchen wir für den digitalen sozialen Raum eine ähnliche Inszenierung wie die des Biergartens – auch und gerade wegen des vermeintlichen Verschenkens. Vielleicht müssen wir den Blick vom Produkt heben und den sozialen Raum drumherum betrachten. Vielleicht müssen wir digitale Kastanien pflanzen.

P.S.: Wer die Metapher jetzt fortspinnen möchte und auf den Sucht-Aspekt von Alkohol kommen will, dem sei dieser Text von Stefan Niggemeier über angebliche Internet-Sucht empfohlen.

Unter dem Titel Schreibst du noch oder kuratierst du schon? hat Daniel Weber einen wütenden Text verfasst. Rant würde man im Web wohl sagen. Weber, Chef des NZZ-Folio, würde den Begriff wohl eher vermeiden. Denn mit Mode-Worten hat er es nicht so. Das Kuratieren ist für ihn ein solcher Mode-Begriff, den er schon in Museen ungern hört, in den Medien aber gar nicht mag:

Dass Ausstellungen zunehmend kuratiert statt gemacht wurden, kam mir dann schon etwas affig vor, aber der Kunstbetrieb macht sich rhetorisch ja gern ein bisschen wichtig. Und weil das Sich-wichtig-Machen nicht ein Privileg des Kunstbetriebs ist, treibt das Wort jetzt auch in unserer Branche sein Unwesen.

Er hat ein anderes Bild als das des kuratierenden Journalisten. Für ihn wichtig: Schreiben!

Da wüsste ich ein paar noch wichtigere Aufgaben, zum Beispiel recherchieren, reflektieren und formulieren. (…) Journalisten sollen schreiben, und zwar so, dass mich ihre Geschichten packen. Denn das Problem ist ja nicht, dass zu wenig geschrieben, sondern dass zu wenig gelesen wird.

Man ahnt, woher die Wut auf den Begriff des kuratierenden Journalisten kommen mag. Was ich jedoch nicht verstehe: Wie man darüber den Blick derart verengen und einzig schreiben (mit den Zusatzkategorien recherchieren, reflektieren und formulieren) als journalistische Tätigkeit ansehen kann. Ist es also kein Journalismus, was in Fernsehen und im Hörfunk gesendet wird?

Es geht hier vermutlich um etwas anderes. Hier will sich jemand nicht länger sagen lassen, dass sein Beruf sich ändert. Hier will jemand gegen Mode-Worte aufbegehren. Doch dabei verrutschen die Begriffe. Er zielt auf die Mode, trifft aber die Kleidung. Denn selbstverständlich ist das Auswählen und Gewichten eine journalistische Tätigkeit. Aus nichts anderem leitet sich das Bild des Gatekeepers her – nicht aus dem Schreiben. Es geht ums Filtern und Gewichten – und wer es gerne künstlerisch mag, kann auch sagen: ums Kuratieren.

Man kann darüber streiten, ob diese gewichtende Funktion im Zeitalter der Digitalisierung bedeutsamer geworden ist. Ich denke aber, dass die Argumente dafür offensichtlich sind. In dem merkwürdigen Dreh mit dem nicht zu wenigen Schreiben und zu wenigem Lesen, steckt es in Wahrheit ja drin: Im Netz gibt es ein Zuviel an Informationen und ein Zuwenig an Orientierung. Da ist journalistisches Gewichten bedeutsamer denn je. Deshalb sollte man nicht auf das Prinzip des Beinkleides schimpfen, nur weil einem eine spezielle Hose nicht gefällt – sonst steht man ganz schnell nackt da.

Für das jetzt.de-Jubiläumsheft zum Thema “Es müsste immer Internet da sein” habe ich mich an der Beantwortung der Frage Was ist jetzt? versucht. Dabei geht es natürlich weniger um das gleichnamige Magazin als vielmehr um die Frage, wie wir Gegenwart in Zeiten von Echtzeit-Druck definieren (vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich dazu schon mal was geschrieben).

Die Zeitspanne, die wir als alltägliche Gegenwart empfinden, scheint stetig kürzer zu werden. Ein S-Bahn-Waggon ist vielleicht Jahrzehnte im Einsatz, ein Handymodell überdauert nicht mal die Laufzeit des Telefonvertrags, und eine Website verliert schon nach wenigen Monaten ihren Charme. Obwohl das Jetzt selten so dominant und präsent war wie heute, in einer auf Aktualität und Live-Erlebnisse fixierten Medienrealität, scheint es gleichzeitig extrem flüchtig geworden zu sein. Kein Medium zuvor ist der Gegenwart so zu Leibe gerückt wie das Internet. Es dauert nur einen Wimpernschlag, bis die als Twitter-Statusmeldung geschriebene Antwort auf die Frage „Was gibt’s Neues?” den Zeitstempel „gerade eben” bekommt und somit als vergangen einsortiert wird.

Dabei ging es mir einerseits um die genannte Frage, andererseits aber auch darum einen Blick auf die Art zu werfen, wie wir aktuelle Webdebatten führen. Denn:

schneller, als uns lieb ist, wird die Zeit vorbei sein, in der wir wirklich noch aktiv Einfluss nehmen können, was aus diesem Jetzt wird. Wir sollten endlich bestimmen, was das Netz für uns bedeuten soll. Jetzt.

Wie sieht die Zukunft der Zeitung im Netz aus? Wir wissen es nicht, aber wir können mithelfen, diese zu gestalten. Die New York Times hat auf der Suche nach Lösungen fürs digitale Publizieren jetzt einen interessanten Weg eingeschlagen:

Unter dem Titel beta620 werden “Experimental Projects From The New York Times” ausprobiert und getestet. In der Beschreibung heißt es:

The New York Times is committed to constant development and innovation. beta620 is the latest example of that commitment.

Dazu passt die Meldung von vergangener Woche: die Times will ihre Community auffrischen. Wie man das in New York macht, zeigt beta360 und das kann man auch bei Nick Bilton nachlesen.

Eine Nummer größer denkt man offenbar in Chicago. Laut dieser CNN-Meldung will The Tribune Co. Apple und dem iPad Konkurrenz machen:

The Tribune Co., one of the largest U.S. news enterprises, is working on a touchscreen tablet that it plans to offer to newspaper subscribers, according to people briefed on the plans.

via

Sascha Lobo ist immer ein toller Gesprächsanlass. In diesem Fall vor allem weil er diese Woche erklärt hat, wem Google wirklich Konkurrenz macht und dabei auf einen herausragenden Text von Kathrin Passig über Gemeinschaften im Netz verwiesen hat. Weil der aufgrund der mir unklaren Netz-Strategie des Merkur vermutlich bald wieder verschwindet, muss man eher eilig auf ihn verweisen. Er handelt von der Frage, woher sehr kluge Autoren nur sehr kluge Leser kriegen. Anders formuliert:

Wenn Autoren die Qualität der Kommentare unter ihren Texten beklagen, ist das in der Sache nicht falsch, die Vermutungen über Ursachen und Abhilfe sind aber oft unterkomplex. Im Zusammenhang mit den Kommentarforen von Printveröffentlichungen, aber auch vieler Onlinemedien herrscht die hinderliche Vorstellung, es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode. In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich. Dass Ausnahmen von der Misere existieren, deutet aber darauf hin, dass niedrige Beitragsqualität ein selbstgemachtes Problem ist. Konstruktive Beiträge entstehen nicht von allein, und auch nicht nur, weil ein Anbieter sie sich wünscht.

Der Text ist so klug und detailliert, dass ich mir bei der Lektüre mehrfach die Frage stellen musste, ob der gemeine Merkur-Leser überhaupt versteht, worauf Kathrin Passig hinaus will. Sie liefert nämlich nicht nur einen guten Überblick über die Geschichte der Community, sondern kommt auch zu einem eher ernüchternden Schluss:

Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept, um Nutzern brauchbare Beiträge zu entlocken. Vielleicht verhält es sich wie mit dem Händewaschgebot in Kliniken, und es geht nicht ohne ständige Ermahnung, ständigen sozialen Druck, ständiges Einbeziehen aller Beteiligten. Jede Gemeinschaft wird ihren eigenen Satz an Werkzeugen finden müssen, wenn nicht technische Gegebenheiten oder der Betreiberwille von vornherein eine Behebung des Problems verhindern.

Vielleicht muss ich mein Bild vom gemeinen Merkur-Leser revidieren und vielleicht habe ich selber nur die Hälfte des Texte verstanden, aber einen Punkt würde ich viel stärker betonen: den der Gemeinschaft. Der Gruppe also, die sich zusammenfinden, um sich auszutauschen. Ich würde die Filter Bubble von Eli Pariser quasi umdrehen und die Frage nach den Debatten im Netz mit der Frage verbinden, die Sascha Lobo (siehe oben) für diejenige hält, die Google+ künftig beantworten wird: Was interessiert dich?

Und ich glaube, das sind Debatten aus meiner Community (was auch immer das ist, wird gerade von Google und Facebook auf unterschiedliche Art zu beantworten versucht), also aus meinem Freundeskreis oder Circle – aber eben auch aus Gemeinschaften, die einen Kreis mit einem etwas größeren Radius betreffen. Vielleicht ist es – wieder mit Pariser gesprochen – eine publizistische Aufgabe, diese Kreise zu formen.

Ich kann mich daran erinnern, dass nicht gerade wenige Menschen in meinem Umfeld die These vertreten haben “Lange Texte liest man nicht am Bildschirm”. An diesen Satz musste ich jetzt denken als ich den Guardian-Text What digital readers mean for business – natürlich am Bildschirm – las. Er fasst eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen zusammen. Denn offenbar scheint nicht nur die obige Annahme überholt, offenbar stimmt auch die These nicht mehr, dass Menschen mehr in Zeitungen/Magazine (auf Papier) schauen als in Bildschirme.

Nun sollte man dafür zunächst klären, was als Bildschirm zu gelten hat. Es ist dies nämlich nicht nur der Monitor des Computers oder Laptops, es sind Tablet-Bildschirme genauso wie jene der Smartphones. Auf all die schauen die Befragten jedenfalls im täglichen Durchschnitt fünfzehn Minuten länger als auf Papier-Medien. Allerdings sehen sie auf den Schirmen dann nicht nur klassischen Nachrichten, sondern vor allem Mails, Netzinhalte und Videos. Auf Platz vier erst kommen “branded media”.

Daraus (und aus einigen anderen Zahlen) schließt der Guardian:

1 There is still a long way to go for applications to match browser adoption; it is mostly a question of interface quality.
2 People expect real-time news, including in applications, or the added value needs to be outstanding.
3 Digital editions carry more of the brand attributes; but as long as they are not supported by better applications, and able to provide real time news updates, they will remain a relatively small market.
4 The advertising model needs a bigger dose of creativity: a large chunk of readers would agree to more ads as long as their publication remains free – which paves the way to reinventing the sponsoring model for digital editions or for encapsulated contents.