Die journalistische Familie

In den vergangenen Tagen ist viel über Journalisten und ihre Rolle gesprochen worden. Diese Woche nun erschien im Spiegel ein Text, den man früher (als das ahnungslose Abwerten von Blogs noch üblicher war) vielleicht als Blog bezeichnet hätte. Im Spiegel läuft er unter der Kategorie “Homestory” und der Spiegel-Autor Ralf Hoppe erzählt darin von daheim. Er steigert sozusagen den Ansatz von Laura Himmelreich: hier ist nicht mehr der Journalist allein wichtigster Beleg seiner Thesen, hier dient die Familie als Bezugsrahmen, konkret der Sohn von Ralf Hoppe. Dieser ist offenbar der einzige oder zumindest der mit dem geringsten Aufwand zu recherchierende Vertreter einer fremden Generation, über die Hoppe schreiben möchte. Im Untertitel des “Volksreporter” überschriebenen Textes wird diese Generation unter Verwendung eines merkwürdigen “uns” und mit grammatikalisch falscher Tempus-Setzung so beschrieben: “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen.”

Was dann folgt ist ein Text, der sehr gegenwärtig beschreibt, dass der Sohn des Autors bereits heute keine Zeitung (auf Papier) liest.

Dabei verfällt der Text dem klassischen Fehler, Zeitung nicht über den Wert des darin produzierten Journalismus, sondern einzig mit dem Verbreitungsweg Papier zu definieren (ich hatte dazu hier bereits ausführlich geschrieben). Wenn dieses Papier verschwindet, so die These des Blog-Textes im Spiegel, wird es nur noch Blogs geben. Darin zeigt sich eine verquere Logik, denn diese Blogs, so der Blog-Text, seien per se schlechter. Was man ja an Island sehen kann. Wer jetzt erwartet, dass Ralf Hoppes Sohn wenigstens einen Bezug zu Island habe … aber egal. (Alexander Svensson hat sich die Mühe gemacht, den Text in dieser Sache detaillierter zu analysieren)

Ich will viel lieber über einen anderen Aspekt in dem online nicht verfügbaren Text sprechen: über die Rolle des Journalisten. Darum scheint es dem Autor nämlich auch zu gehen. Er benennt die Demokratisierung des Berufs sehr konkret mit einem plötzlichen Perspektiv-Wechsel auf ein vorher nicht erwähntes Wir, das den folgenden Satz einleitet:

Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter : Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.

Das muss er so schreiben, weil er vorher behauptet hatte, die Informationen im digitalen Nachrichtenstrom, an dem sein Sohn teilhat, seien sozusagen ohne Quelle, ohne medialen Bezug:

Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.

Diese Behauptung ist einfach da, erklärungslos, meinungslastig, emotional. Sie deckt sich kaum mit dem, was Studien über die Verlinkung klassicher Medien im digitalen Raum zu Tage födern und noch viel weniger mit dem, was ich im sozialen Netz erlebe. Ich sehe dort Journalisten im angelsächsichen Raum, die sehr gebildet (und ausgebildet) ihre Quellen offenlegen, Bezüge herstellen, sachlich und zurückhaltend erklären.

Ich kann verstehen, dass es Journalisten gibt, die dieses Form der Autoritätsbegründung und Berufsausübung nicht mögen. Aber deshalb muss man sie ja nicht negieren. Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen. Von einem Artikel, der weniger “erklärungslos, meinungslastig und emotional” ein Thema bearbeitet, würde ich mir sogar erwarten, dass er diese Fakten in eine Analyse einfließen lässt. Denn hier liegt meiner Einschätzung nach der Hebel für eine digitale Ausgestaltung des Journalistenberufs einerseits und für Antworten auf die Frage, wie qualitativ hochwertiger Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann: in dem man seinen Wert benennt und nicht seinen Vertriebsweg. In dem man analysiert, wo er Menschen erreichen kann. In dem man nachschaut, wo er heute bereits praktiziert wird und nachfragt, warum das so ist.

Wer stattdessen lediglich seine Distanz und Verwunderung über die Digitalisierung festhält, beschreibt damit mehr die Entfernung von einer Lösung als die Suche danach. Ein Text, der sich aus dieser Ich-Perspektive der eigenen Familie bemächtigt, um daraus Schlüsse zu ziehen, ist viel weniger Zeitung als dem Autor vermutlich lieb ist. Ein solcher Text ist ein schlechtes Blog auf Papier, ohne dessen digitale Möglichkeiten auch nur zu erfragen.

Die Ausgaben des Jahres

Wer all die Rück- und Ausblicke*, all die “des Jahres”-Auszeichnungen und Fazit-Texte auf 2012 liest, kommt an dem Wort Zeitungskrise nicht vorbei. Es war auch hier im Blog Thema – damals versuchte ich mit einem Lob auf die Tageszeitung den Blick auf die Stärken des Mediums zu lenken. Der Text wurde breit rezipiert und diskutiert. Einige Male kam dabei die Frage auf, was denn ein solcher selbstbewusster Blick für konkrete Folgen haben könne? Als ich jetzt in den Rückblicks-Strudel geriet, bemerkte ich, dass in der Medienbranche zwar so allerhand ausgezeichnet wird, aber eines der Kernstücke der Tageszeitungsarbeit schlichtweg unter den Tisch fällt: die Ausgabe.

Und dabei zeigt sich in einem Detail, welche Folgen ein veränderter Blick haben kann.

Es gibt Journalisten des Jahres, Interviews des Jahres und Reportagen des Jahres. Wo aber sind die Ausgaben des Jahres? Wo ist die Auszeichnung für diejenige Zustammenstellung, die in den vergangenen Monaten herausgestochen ist – weil sie besonders zusammengesetzt war, weil einzelne ihrer Inhalte sich als prägend erwiesen haben oder weil sie sich einfach durch eine interessante Herangehensweise/Covergestaltung/Gesamtkomposition ausgezeichnet hat?


Ich habe nicht nur keine derartige Auszeichnung entdeckt, mir war es sogar nur mit Aufwand möglich, überhaupt der Ausgaben selber habhaft zu werden. Ich wollte überprüfen, ob diejenigen Ausgaben, die mir in Erinnerung geblieben sind, tatsächlich besonders waren. Ich machte mich auf die Suche nach der SZ-Wochenendausgabe vom 8. September (eine im neuen Layout), in der Hans Leyendecker und Ralf Wiegand über Bettina Wulff und ihr Aufbegehren gegen Google berichteten. Die exklusive Seite3-Geschichte war damals nicht mal Aufmacher der Ausgabe. Ich ergooglte die Titelseite der Ausgabe der Zeit vom 10. Mai, in der sich die Regeners und Kehlmanns dieses Landes ihrer Urheberschaft versicherten (das Feuilleton veröffentlichte damals den Wir sind die Urheber genannten Aufruf), was gar nicht auf dem Titel steht. Dafür wird dort das Merkel-Porträt angekündigt an das ich mich erinnern kann. Schließlich schaute ich (selbstverständlich) nach der FTD-Ausgabe vom 7. Dezember – der finalen, letzten Ausgabe des Blattes.

Drei Schlaglichter auf ein Jahr, in dem man sicher andere Schwerpunkte setzen könnte. Einzig: Wer setzt diese Schwerpunkte? Bei dieser Frage geht es mir nicht um Preise und um Auszeichnungen. Diese sind lediglich Symbol für die Haltung einer Branche. Mir geht es darum, dass wir einerseits beklagen, dass der Leser die Auswahlleistung in einer sich atomisierenden, digitalisierten Welt nicht mehr zu schätzen weiß. Dass wir andererseits genau diese Leistung aber kaum herausstellen. Dass es keinen Preis gibt, liegt ja zunächst mal daran, dass die Branche selber es nicht als preiswürdig ansieht, eine Ausgabe zusammenzustellen. Wobei die Doppeldeutigkeit im Wort “preiswürdig” durchaus auch auf den Paid-Content-Klang bezogen sein darf.

Jeden Tag gibt es schließlich eine neue Ausgabe und nichts ist älter als die von gestern (an dieser Stelle ein Lob auf die Titelgalerie bei Meedia) – wer mit dieser Haltung Zeitung macht, ist selber nicht davon überzeugt und wird andere nur schwer davon überzeugen können, dass der Wert einer Zeitung nicht nur in ihren Texten liegt. „All the news that’s fit to print“ steht ja nicht deshalb auf der Druckausgabe der New York Times, weil man den Platz nicht anders füllen könnte, sondern weil das “fit” ein Ausweis der journalistischen Kompetenz ihrer Macher ist. Was man bei der New York Times für printfähig hält, ist eben etwas anderes als bei anderen Blättern. Was man in einer Redaktion für “fit” hält, ist Grundlage für die langfristige Bindung eines Lesers an die Arbeit der Redaktion – unabhängig vom Verbreitungsweg. Mit etwas Jahresend-Pathos kann man hier von Haltung sprechen, von einem für diese Publikation bestimmenden Blick auf die Nachrichtenlage. Diese Haltung ist das verbindende Element zwischen Leser und Schreiber, dessen Texte lediglich eine Ausdrucksform der Haltung sind. Gestaltung, Titelei und der Kontext stellen ein Gesamtbild her, das vielleicht vergleichbar ist mit der Idee eines Musikalbums. Davon erscheinen das Jahr über auch unzählig viele, dennoch befassen sich Musikkritiker weltweit seit Ende November offenbar mit nichts anderem als Listen mit den “Alben des Jahres” zu erstellen.

Vielleicht wäre das auch ein für Zeitungsmacher heilsame Ratschlag: die eigenen Ausgaben wichtiger zu nehmen. Und dass sich dabei die zweite, die finanzielle Bedeutung des Begriffs schon den ganzen Text über aufdrängt, zeigt nur, dass wir vor lauter Ausgaben- und Kostenreduzierung viel zu wenig darüber nachdenken, dass es die Ausgaben sind, die den Wert einer Tageszeitung ausmachen.

* Wer sich tatsächlich für interessante Aus- und Rückblicke interessiert: bei Oreilly gibt es eine Erklärung für die Entwicklungen des Jahres 2012 und eine Prognose auf den sich verflüssigenden Journalismus des Jahres 2013

Über das Web in Webreportage

Gestern wurde in Berlin der Deutsche Reporterpreis verliehen (im Tagesspiegel gibt es einen Bericht von der Jurysitzung). Leider finde ich den Link nicht, mit dem man auf den Text mit allen Preisträgern verlinken kann deshalb hier lediglich der Hinweis auf die Startseite vom Reporter-Forum, wo man heute ganz oben nachlesen kann, wer in diesem Jahr von der “Initiative für besseren Journalismus” ausgezeichnet wurde. Ich gratuliere den Preisträgern und bin noch einen kurzen Nachtrag zu dem Blogpost aus dem November schuldig, auf den Jurymitglied Matthias Eberl hier reagiert hatte. Es ging um die Frage, was eigentlich im Bereich “Webreportage” ausgezeichnet werde.

Dabei hat sich ein Missverständnis eingeschlichen: Mir geht es keineswegs um Interaktivität. Das ist nur ein zum Schlagwort verkommener Aspekt der Digitalität. Mir geht es um die Frage: Wie verändert sich der Text, wenn er digitalisiert wird? Eine gute Webreportage muss hier Antworten geben. Der Ansatz, den ich mit “Eine neue Version ist verfügbar” verfolge (was ein Buch, keine Reportage ist), bezieht sich auf die Veränderungen des Aggregatzustands von digitalisierten Inhalten. Ich glaube, dass sie flüssig werden, dass der Entstehungsprozess dadurch darstellbar wird, dass Versionen dem reinen Endprodukt ergänzt werden. Das bleibt bewusst so unkonkret, weil ich in der Tat noch nicht weiß, wie man es umsetzen soll. Ich werde das Experiment ab 20. Dezember unternehmen.

Als ich den Eintrag nach der Vorjury-Arbeit verfasste, ging es mir vor allem darum: das Ausprobieren in den Blick zu nehmen. Beim Reporter-Preis wird das eher in den Kategorien Grand Prix und Freier Reporter ausgezeichnet – aber eben eher analog als digital.

Warum nicht in der Web-Reportage? Das Web macht mehr möglich als das Papier. Es lässt anders als früher angenommen durchaus Raum für Ruhe (wie die wachsenden Zahl der so genannten Longread-Anbieter auch in Deutschland zeigt), es schafft aber auch weitere Ebenen. Diese Ebenen zu ergründen, sollte Bestandteil des Web in Webreportage sein. Es können Bild- oder Ton-Ebenen sein, die hier ergänzt werden, es können aber auch digitale Ebenen sein. Diese zu ergründen, ist eine große journalistische Herausforderung – der wir uns annehmen können und sollten. Dazu braucht es keine Redaktionen und Verleger, es braucht dazu in erster Linie guter Ideen.



Dirk Kurbjuweit, der dieses Jahr zu den Preisträgern zählt, hat in einem kurzen Interview mit Journalistenschülern vor kurzem genau diesen Aspekt auf den Punkt gebracht. Auf die Frage nach einem Ratschlag für die Zukunft sagt er:

Ich würde dem journalistischen Nachwuchs in allen Zeiten erstmal Größenwahn raten. Ich glaube, dass das eine gute Eigenschaft ist, auch wenn das jetzt erstmal doof klingt. Kein kleines Denken. (…) Dass es auf jeden Fall gut ist, seine Vorbilder und seine Chefs immer wieder zu hinterfragen und zu sagen: ,Ich kann das vielleicht auch besser.’ Das heißt, dass man auch mit sich selbst auf eine sehr anstrengende Art umgehen muss. Sich nie begnügen. Das meine ich eben auch mit Größenwahn: Nicht sagen: ,Naja, das reicht mir jetzt erstmal. Jetzt habe ich das’. Sondern sagen: ,Nein, ich möchte ganz ganz viel.’

Mein Lob der Tageszeitung!

Was ist eigentlich los? Seit die Frankfurter Rundschau am Dienstag Insolvenz anmelden musste, hat eine Debatte in und über deutsche Medien begonnen, von der ich eigentlich gehofft hatte, sie führe endlich zum Kern dessen, was der Medienwandel von Journalisten und Marken verlangt: sich auf das zu besinnen, was ihren Wert ausmacht und basierend darauf, neue Wege zu gehen. Statt dessen werden wir im digitalen wie persönlichen Gespräch Zeuge einer deprimierenden (Selbst-)Bewusstseins-Erosion, die über zwei sehr unterschiedliche Wege zu dem sehr ähnlichen Ergebnis kommt: Es ist alles sehr sehr schlimm.

Der eine Weg nimmt seinen Anfang in der fast überall ungeleiteten Sorge klassisch sozialisierter Journalisten, das, was sie gelernt haben, könne nichts mehr Wert sein. Sie suchen ihr Heil im Angriff auf die Digitalisierung und dabei konkret auf die vermeintliche Kostenloskultur im Netz. Im Ausruf eines FAZ-Herausgebers ist diese Tendenz ebenso erkennbar wie in dem schon fast trotzigen Text aus der FR, der den Hauptgrund für die Krise des eigenen Blattes vor allem weit weg im Netz sucht.
Der zweite Weg kommt genau von dort und stellt wegen der Distributionsdefizite des Trägermediums Papier gleich eine ganze Gattung in Frage. Das mag naheliegend sein, ist aber deshalb nicht gleich richtig. Denn eine Tageszeitung ist, spätestens jetzt sollte das klar werden, mehr als das Papier, auf dem sie gedruckt wird. Eine Tageszeitung – wie ich sie im folgenden verstehe – besteht aus analogen (Papier) und digitalen Vertriebswegen (Web und Tablet-Versionen), eine Tageszeitung unterscheidet nicht zwischen Print- und Online-Redaktion, eine Tageszeitung ist der glaubwürdige Absender, der auf unterschiedlichen Kanälen seine Leser erreicht.

Beide oben genannten Reaktionsmuster kommen zu einem eher deprimierenden Ergebnis. Das ärgert mich. Denn ich glaube, dass die Tageszeitung ganz und gar nicht daran krankt, dass es jetzt das Internet gibt oder dass Märkte dort nach anderen Regeln funktionieren als man sich das vielleicht wünschen würde. Die Tageszeitung – so scheint es mir nach einer Woche Debatte in deutschen Medien – krankt zunächst am mangelnden Selbstbewusstsein ihrer Macher (print wie online): Die Idee Tageszeitung ist viel zu gut und viel zu stark als dass sie von ein wenig Medienwandel oder der Krise eines Vertreters in Zweifel gezogen werden sollte. Die Idee Tageszeitung kann und wird sich anpassen an die veränderten Lesegewohnheiten ihrer Community.

Was wir dabei erleben werden gleicht dem Umbau der Einrichtung und der Speisekarte in einem Restaurant. Kein alltäglicher, aber gewiss auch kein existenzieller Veränderungsprozess. Jeder gute Betrieb kennt so etwas. Diskutiert werden diese Anpassungen aber derzeit wie die Schließung des Lokals bzw. mit viel Pathos wie das Ende der Restaurant-Kultur in Gänze.

Ich glaube es ist an der Zeit, eine sachliche Debatte über die anstehenden Veränderungen zu beginnen. Dazu stelle ich mir fünf eher einfache Fragen, die zeigen, dass das Prinzip Tageszeitung sich anpassen kann (und wird), ohne so rum oder so rum zu sterben:

1. Wer sagt eigentlich, dass man eine Tageszeitung morgens lesen muss?
Das Internet von gestern auszudrucken, sei kein funktionales Prinzip, lese ich. Morgens, lese ich, würden Menschen sich anders informieren als über Papier.
Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt. Ich kann aber sagen, dass das nichts mit dem Prinzip der Tageszeitung zu tun hat. Denn wer sagt eigentlich, dass man diese morgens lesen muss? Seit die SZ (bei der ich – Transparenzhinweis – arbeite) als App bereits ab 19 Uhr überall auf der Welt verfügbar ist, lese ich sie sehr regelmäßig und sehr gern schon am Abend. Warum eigentlich denken wir, dass das die Ausnahme sei? Das Prinzip einer “Abendzeitung” ist keineswegs neu, es neu zu denken und auszugestalten, ist das Gegenteil des Endes einer Tageszeitung. Es ist der logische Entwicklungsschritt eines sehr vitalen Prinzips.
Warum glauben wir, dass man sich abends vor allem über das Fernsehen informieren lassen müsse? Warum kann man dieses Gerät nicht einfach ausschalten und die abendliche Information mit Hilfe eines anderen Geräts auf dem Sofa organisieren? Dann könnte man von 19 Uhr bis Mitternacht in einer Tageszeitung lesen, was man bisher im gleichen Zeitraum in TV-Nachrichten aufbereitet bekommt. Man könnte sich vorab über das Personal einer Talkshow informieren, die man anschließend im klassischen Fernsehen anschaut und parallel (im Netz, auf dem Tablet) mit Tageszeitungs-Redakteuren bespricht.
Wenn all das in Form einer Einzelausgabe oder einer monatlichen Pauschale bezahlt wird, ändert sich überhaupt nichts am Prinzip der Tageszeitung, sie wird lediglich zu einem anderen Zeitpunkt gelesen. Das wird sie, soviel kann man sicher sagen, nicht töten!

2. Wen interessiert eigentlich was vergangene Woche war?
Tagesaktuelle Information, lese ich, holen sich die Menschen im Netz. Für ausgeruhte Analysen und Hintergründe hingegen, so lese ich auch, zahlen sie auch auf Papier, aber nicht täglich, sondern eher im Wochenrhythmus.
Das klingt zunächst stimmig. Aber warum eigentlich ausgerechnet für Wochentitel?
(Manche) Menschen werden ein Gefäss brauchen, das aus dem ständig fließenden Strom der Informationen konsumierbare Einheiten formt. (Manche werden auch auf Gefässe verzichten, deshalb brauchen Tageszeitungen Webseiten, die nach dem Strom-Prinzip des Netzes organisiert sind). Wenn ich mir aber überlege, wie lang eine Woche geworden ist, erscheint mir eine Wochenzeitung oder ein Wochenmagazin dafür langfristig eher ungeeignet. Die Beschleunigung führt dazu, dass die Kriterien Information und Nachrichten aus dem Tagesrythmus in die Echtzeit-Geschwindigkeit rutschen (dafür gibt es die Netz-Version einer Tageszeitung: ihre Website) und die Kriterien Einordnungen, Zurücklehnen, Verstehen (die wir bisher bei einer Wochenzeitung vermuten) werden in den Tagesrhythmus rutschen – und zwar in Form abgeschlossener Einheiten, die einen Anfang und ein Ende haben. Google Currents arbeitet mit diesen Einheiten, zahlreiche Apps nutzen dieses gelernte Prinzip und auch die bereits zitierten Abendnachrichten in Fernsehen ziehen genau daraus ihren Wert. Man könnte so ein Format “Tageszeitung” nennen, eine tägliche Informations-Einheit, die mich begleitet, mir Heimat bietet und mich informiert.

Dabei handelt es sich um eine Dienstleistung, die ihre Bedeutung eben genau daraus generiert, dass im Prinzip jeder seine Nachrichten selber bündeln könnte. Will man aber nicht, ist viel zu anstrengend und zeitaufwändig. Das sollen lieber Profis machen: deshalb gibt es Bäckereien und z.B. auch Restaurants.

3. Wieso glauben wir eigentlich, dass alle nur auf unseren Inhalt gewartet haben?
Dass Verlage keine Bezahlschranke eingeführt haben, lese ich, ist der große Fehler der Vergangenheit. Das müsse man jetzt beheben, lese ich, und schon lösen sich alle Probleme.
Ich bin kein Verlagsexperte und auch keiner fürs Online-Shopping, ich weiß aber, dass Verlage die Inhalte nicht ins Netz stellen würden, wenn sie damit (über Display-Werbung) nicht auch Geld verdienen würden. Und von Fachleuten fürs Online-Shopping weiß ich, dass diese nicht einfach ein Produkt in Netz stellen und dann die Hand aufhalten. Ich weiß, dass das Verkaufen im Internet sehr eigenen Regeln folgt, die wir gerade erst lernen. So zu tun, als müsse man einfach nur die Inhalte, die für Print erstellt wurden, gegen Bezahlung ins Netz stellen und dann lediglich die Hand aufhalten, erscheint mir nicht zielführend. Wer diese Debatte führen will, sollte sich mit “Conversion im Netz” befassen und vor allem mit der Frage: Wofür eigentlich bezahlen meine Leser schon heute? Welche neue Leserschaften kann mit mit welchen Inhalten zum Bezahlen bewegen? Journalisten, die sich für Paid Content engagieren wollen, müssen sich zunächst damit befassen, wofür und warum im Netz bezahlt wird. Das hat – erste Annahme – nicht nur mit Euros, sondern auch mit Aufmerksamkeit und Display-Werbung zu tun. Und da wo es mit Euros zu tun hat, geht es um Inhalte, die “für mich gemacht” sind. Es hat aber – dritte Annahme – nicht nur mit Inhalten zu tun.

4. Wer sagt eigentlich, dass man nur für den Inhalt bezahlt?
Wenn alle Verlage eng zusammen stehen, lese ich, werden sich Bezahlinhalte auch im Netz durchsetzen. Wir müssen zusammen gegen die Kostenloskultur kämpfen, lese ich weiter, dann werden sich die aus Print bekannten Finanzierungsmodelle schon von alleine einstellen.
Ich bin kein Betriebswirt, ich will und kann das überhaupt nicht bewerten. Ich sehe aber, dass schon im Analogen die Bezahlung keineswegs zwingend an den Inhalt geknüpft ist. Wer ein Produkt kauft, kauft damit mehr als das Produkt. Damit meine ich gar nicht die durch Marketing stattfindende Aufwertung eines Produkts, die dazu führt, dass Menschen für einen Schuh nur deshalb sehr viel mehr Geld ausgeben weil er ein besonderes Zeichen trägt (ansonst aber dem billigen Modell sehr ähnlich ist). Ich meine damit das Eintreten in eine Gruppe, das man vollzieht, wenn man sich für dieses und nicht für jenes Produkt entscheidet. Bei Kleidung ist dies offensichtlich, ich denke, dass es auch für Medien gilt. Mit der Entscheidung, diese Zeitung zu lesen und nicht jene, schreibe ich mich in eine Gruppe ein. Diese Gruppe unterscheidet sich von der anderen – und im Netz wird sie jetzt auch abbildbar. Ich kann darstellen, welche Menschen gleichzeitig mit mir auf einer Website sind, welche Menschen gemeinsam mit mir genau jetzt genau diesen Text lesen. Bisher sprechen wir sehr allgemein von “Social Media”, ich glaube, wir sollten hier von Ansätzen zu einer Finanzierung von morgen sprechen.

5. Warum zum Teufel suchen wir eigentlich nach der einen Lösung für alles?
Klar gibt es da Umsätze, lese ich, klar bewegt sich da was, aber es reicht nicht aus. Man kann viele Dinge ausprobieren, lese ich weiter, aber sie bringen halt nur kleine Erträge, nicht den großen Wurf.
Vielleicht zeichnet genau das Phasen des Übergangs aus: dass sie (erstmal) ohne großen Wurf auskommen. Dass sie aus vielen kleinen Schritten bestehen, dass sie eine Addition von Entwürfen sind und kein einfacher neuer Sprung. Seit ich mit Crowdfunding experimentiere, wird mir immer wieder die eine Frage gestellt: ob das jetzt ein angemessener Ersatz für klassische Finanzierungsmodelle sei. Wieso eigentlich Ersatz? antworte ich dann. Wieso eigentlich nicht Ergänzung?

Ich glaube die Antwort liegt in dem zum Einstieg formulierten Grundkonflikt: In der allgemeinen Debatte wird nach einer einfachen Lösung gesucht: die Zeitung stirbt oder lebt genau so weiter wie bisher. Beides tritt – dessen bin ich mir sicher – nicht ein. Stattdessen werden wir uns daran machen, die obigen Fragen (und noch einige mehr) voller Selbstbewusstsein zu beantworten. Denn ich wüsste gerade keinen besseren Ort um am und mit dem Medienwandel zu arbeiten als eine Tageszeitung!

Schöpferische Zerstörung

Dass die Frankfurter Rundschau oder das Stadtmagazin Prinz mich dazu bringen würde, über das empfehlenswerte Buch “Internet – Fluch oder Segen” zu bloggen, hätte ich nicht gedacht als Kathrin Passig und Sascha Lobo es vor ein paar Wochen veröffentlichten. Jetzt schreien die Meldungen um die insolvente Tageszeitung aus Frankfurt und die Einstellung der Print-Version von Prinz aber quasi danach, aus dem Buch zu zitieren. Denn die Reaktionen (z.B. hier, hier oder hier) treffen genau so ein, wie sie in “Internet – Fluch oder Segen” beschrieben sind. Im “Disruption ist kein Kindergeburtstag” betitelten fünften Kapitel schreiben die beiden über Branchen in der Krise, wörtlich heißt es:

Wer sich also einredet, die Mitarbeiter der Musik-, Buch- oder Zeitungsbranche hätten sich ihre Probleme durch jahrelange Untätigkeit oder Begriffsstutzigkeit selbst eingebrockt, der versichert sich damit in erster Linie selbst, dass ihm nicht morgen dasselbe passieren kann. Denn wenn nicht das sich immer weiterdrehende Rad der Veränderung schuld ist, sondern die Fortschrittsfeindlichkeit anderer Menschen, dann hat man selbst als aufgewecktes, zukunftzugewandtes Geschöpf ja nichts zu befürchten.

Bei manchen Einlassungen, die man jetzt lesen kann, hat man den Eindruck, sie seien von genau den “aufgeweckten, zukunftszugewandten Geschöpfen” verfasst, die Kathrin Passig und Sascha Lobo beschreiben. Man muss im obigen Zitat lediglich die Mitarbeiter der genannten Branche durch die Verlagsführung der Rundschau ersetzen und landet prompt bei den Beiträgen, die jetzt erklären, was alles verschlafen wurde.

Internet – Fluch oder Segen ist bei Rowohlt erschienen. Ich finde es gut

Ich halte derartige Einlassungen für wenig hilfreich. Sie machen den Eindruck, der eher lustigen Rubrik “Eher nicht so gute Argumente” aus dem Buch zu entstammen als einer zielführenden Diskussion. Das gilt zweifelsohne nicht für alle Wortmeldungen (auf Facebook hat Wolfgang Blau, der gerade angekündigt hat zu einer Tageszeitung zu wechseln, dazu geschrieben), aber dann doch für erstaunlich viele.

Das Kapitel über die schöpferische Zerstörung endet übrigens mit diesem Ratschlag hier:

Häufen Sie kein schlechtes Karma durch Verhöhnung derer an, die ein paar Tage früher als Sie selbst herausgefunden haben, dass die schöpferische Zerstörung nicht nur das zerstört, was man sowieso nicht leiden kann.
(…)
Warten Sie nicht darauf, dass es von alleine wieder besser wird oder der Staat rettend eingreift. Wenn Sie über fünfzig sind, hält das wackelige Gebilde mit etwas Glück noch, bis Sie in Rente gehen. Sind Sie jünger, sollten Sie weiterziehen.

Wir haben doch keine Zeit!

Im WDR gibt es künftig eine Talkshow mit Helge Schneider. Sie heißt “Helge hat Zeit” und alleine dafür sollte man Schneider loben. Denn schon die Wahl des Titels zeigt, dass der Mülheimer etwas Besonderes ist. Wer hat heute schon Zeit? Und vor allem: Wer sagt das auch noch laut?

Wenn ich über Twitter spreche (und das mache ich – spätestens seit ich Anfang des Jahres bei der SZ die Aufgabe “Social Media/Innovation” übernommen habe – ziemlich häufig), höre ich jedenfalls immer das Gegenteil: dass man überhaupt gar keine Zeit hat; und schon gar nicht für Twitter und Facebook und all den anderen Kram. Das ist verständlich und vermutlich dem allgemeinen Hang zur Zeitlosigkeit geschuldet. Es ist aber auch erstaunlich falsch.

Neben der unterschwelligen Botschaft (“Ihr, die Ihr da auf Twitter rumturnt, scheint ja Helge Schneiders des Müßiggangs zu sein, ich hingegen bin eine Angela Merkel der Anforderung, ich kann mir das nicht leisten”) ist das Zeitargument nämlich vor allem zu kurz gedacht: Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren.

Es ist ein wenig so, einen Flug von Berlin nach München mit dem Argument auszuschlagen, dass man dafür nun wirklich keine Zeit habe, weil man ja gestern erst von Hamburg nach Berlin gelaufen sei und deshalb heute sehr viel abarbeiten müsse – bevor man dann morgen nach München laufen könne.

Was ich damit sagen will: Natürlich kostet es Zeit (aber vor allem und viel wichtiger Interesse!) sich auf neue Wege des Nachrichtenkonsums einzustellen. Wer allerdings dabei stehen bleibt, blendet aus, dass diese neuen Methoden auch unfassbar viel Zeit sparen können.

Deshalb spreche ich immer zuerst über Twitter, wenn ich von den Möglichkeiten und Chancen des Dialogjournalismus (sehr verallgemeinernd auch “Social Media) spreche. Twitter ist organisierter Small-Talk, der die kleinen Randbemerkungen und Hinweise, die helfen und erfreuen, sinnvoll und effizient aufbereitet. Twitter macht es möglich, eine längere Zugreise nicht mit dem zufällig zugestiegenen ehemaligen Judofreund zu verbringen, der viel redet und wenig zu sagen hat (das ist Facebook). Twitter versetzt uns in die Lage, auf der langen Zugreise zufällig nur genau mit den Leuten zu sprechen, deren Beobachtungen, Bemerkungen und Links uns das Leben einfacher und fröhlicher machen.

Twitter füllt die “leere Zeit” mit Inhalt, der deshalb wertvoll ist, weil man ihn selbst steuern und befördern kann – in dem man nur denjenigen Menschen folgt, die man für spannend, deren Bemerkungen man für geistreich und sinnvoll hält. Womit wir beim zweiten Missverständnis sind: Wer Twitter für eine Quatschbude hält, urteilt damit weniger über den Microblogging-Dienst als vielmehr über sich: Er folgt einfach den falschen Leuten. Der Wert des Telefons als segensreiche techniche Errungenschaft bemisst sich schließlich auch nicht an dem, was der Judofreund da gerade in sein Handy redet.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein jeder Journalist twittern muss. Ich bin aber sehr wohl der Meinung, dass sich jeder mit Twitter (und dialogischem Journalismus) auseinander setzen sollte – so wie mit dem Telefon. Ob und wie er (oder sie) das dann nutzt, muss jeder selber wissen. Das eigene Desinteresse aber mit mangelnder Zeit zu verschleiern, ist nicht hilfreich. Es legt nur offen, dass man sich noch nicht ausreichend mit der Frage befasst hat, wofür man Twitter eigentlich einsetzen sollte – unter anderem um Zeit zu sparen!

Transparenzhinweis: Ich habe über den Wert von Twitter ein Interview mit Raphael Honigstein geführt, ich habe nie Judo gemacht, aber aufgeschrieben, wie ich selber zum Twittern kam

Im wilden Raum!

Ein sehr glücklicher Zufall hat mich in dieser Woche mit Moritz Eggert zusammengebracht. Der Zufall heißt Andreas Bick, der uns für das das Projekt pasted interviewte, das am 13. Oktober 2012 im DeutschlandradioKultur ausgestrahlt wird. Diesen Termin sollte man sich notieren, weil Moritz Eggert sehr interessante und spannende Dinge zu erzählen hatte.

Wir sprachen über Verflüssigungs-Ideen, über Mashups, Shreds und die Möglichkeit von Kunst in Zeiten der Digitalisierung. Erstaunlich war an dem Gespräch, dass wir – obwohl aus unterschiedlichen Ecken der Kultur kommend – erstaunliche Überschneidungen festgestellt haben. Ich notiere das hier, weil Moritz bereits über unser Treffen geschrieben hat und die Idee des Auswählens und Kuratierens direkt in die Tat umgesetzt (dazu hier übrigens ein Interview) und den The Wire-Nachfolger “Tremé” ausgewählt und empfohlen hat!



Ich will das Gespräch aber auch deshalb festhalten, weil ich Moritz Eggert einen Begriff zu verdanken habe, der erstaunlich gut beschreibt, worum es mir beim Loben der Kopie geht. Moritz hat von einem “wilden Raum” gesprochen, in dem Referenz- und Bezugskultur möglich sein muss, um Kreativität zu fördern und Neues zu ermöglichen. Er beschreibt damit den Raum, in dem Warhol die Suppendose kopieren durfte, ohne dafür belangt zu werden. Er beschreibt damit den Raum, in dem Künstler Texte vertonen durften, ohne Lexikon-dicke Anträge bei Verwertern, Verwertungsgesellschaften und Urhebern abzugeben.

Kurzum: Mit dem Begriff des “wilden Raumes” beschreibt er die Keimzelle unserer Kreativität, die mithilft, aus dem, was wir erleben und wahrnehmen, Neues entstehen zu lassen. Technisch ist es in den vergangenen Jahren sehr einfach geworden, diesen Raum zu betreten. Juristisch hingegen ist es immer komplizierter geworden. Ein Dilemma, das wir endlich lösen sollten!

“Ins Netz stellen” im September 2012

In der Woche, in der der Chefredakteur der größten deutschen Boulevardzeitung in Amerika seinen ersten Tweet schrieb, diskutierte Deutschland aufgeregt über das Buch, das eine junge Frau über ihr Leben und das Internet geschrieben hatte. Das Gerücht eines hohen Vorschuss und die Emotionalität der Urheberrechtsdebatte (von der man fast hoffen durfte, sie würde nun endlich sachlicher geführt), reichten aus, um Julia Schramm zum wichtigsten Webthema dieser Woche zu machen.

In dieser Woche also lohnt es sich, daran zu erinnern, dass es mal eine Zeit gab, in der die Veröffentlichtung eines Inhalts im Netz als weniger wertvolle Zweitverwertung verstanden wurde: “Das kann man ja dann ins Netz stellen” sagte man dann und meinte damit: “Für eine wirkliche relevante Publikation auf Papier, im TV oder im Radio taugt es nicht.”

Seit einer Weile schon sage ich, dass wir mal unseren Kindern von der Zeit erzählen werden, in der man glaubte, es sei richtig, mehr Zeit und Geld in einen TV-Beitrag zu investieren, der einmal aber dafür im Fernsehen gezeigt würde als in den Beitrag, der auf der Website des Senders veröffentlicht wird – und dort für alle Zeit verfügbar ist.

Heute, also in der Woche mit Julia Schramm und Kai Diekmann, stellte ich fest, dass das mit dem Kinderzählen doch früher der Fall sein könnte als gedacht: Die Sache mit der Digitalisierung und der Veränderung geht nämlich doch schneller geht als man denkt.

Ich beobachtete nämlich mit einiger Freude, wie die beiden Journalisten Wolfgang Blau und Christoph Keese sich einen – sagen wir – Schlagabtausch zu der Frage lieferten, warum ein Text von Christoph Keese aus der gedruckten Ausgabe der Zeit nicht “ins Netz gestellt” werde.


Es ging um Keeses Pro-Beitrag zur Leistungsschutzrechts-Debatte (hier der Contra-Leistungsschutz-Text von Till Kreutzer aus der Zeit). Wolfgang Blau hat dazu eine andere Meinung als Christoph Keese, aber darum geht es nicht. Es geht um die Präsenz im Digitalen. Es geht um das, was man früher “ins Netz stellen” nannte.

Heute würde ich es digitale Relevanz nennen.

Um die scheint sich Christoph Keese zu sorgen. So ist vermutlich zu erklären, wie es zu dem Textangebot für Zeit Online kam, das er am Abend bloggte. Darin bietet er den in der Zeit (print) veröffentlichten Text pro Leistungsschutzrecht der Online-Ausgabe der Zeit zur Veröffentlichung an – kostenfrei.

Der Slate-Chef Jacob Weisberg twitterte in der Woche im September 2012, in der sich all das zutrug, übrigens das hier:

Aber vielleicht hat all das auch gar nichts miteinander zu tun.

Nachtrag: hier steht jetzt auch der Text von Christoph Keese online.

Die Sache mit den Inhalten, dem Digitalen und dem Geldverdienen im Internet

In Artikel 11 des deutschen Urheberrechtsgesetz liegt im zweiten Satz der Grund für die aktuelle Debatte über das Urheberrecht. Dort hat der Gesetzgeber festgelegt, dass der Urheber

in seinen geistigen und persönlichen Beziehungen zum Werk und in der Nutzung des Werkes

geschützt ist. Außerdem beschreibt Artikel 11 den monetären Sinn des Urheberrechts:

Es dient zugleich der Sicherung einer angemessenen Vergütung für die Nutzung des Werkes.

Spätestens hier treffen sich die grundlegenden Veränderungen der Geschäftsmodelle mit den Debatten um ein zeitgemäßes Urheberrecht. Die Wir sind die Urheber-Aufruf-Unterzeichner leiten daraus die Aussage ab: “Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können.”

Dieser Zusammenhang trägt natürlich nicht ganz. Denn kein Urheberrecht der Welt kann einem Künstler helfen, wenn sich niemand für dessen Kunst interessiert. Oder wie es die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries im Rahmen der Berlin Music Week sagte:

“Es ist nicht Aufgabe der Politik, Geschäftsmodelle zu entwickeln”

Dass diese Geschäftsmodelle von anderen Menschen entwickelt werden als von denen, die Lobby-Arbeit in der Urheberrechtsdebatte machen, ist nicht neu. Erstaunlich ist jedoch, dass diese Geschäftsmodelle offenbar mit entgegensetzten Ansichten entwickelt werden. Als Jeff Bezos im Rahmen der Kindle-Präsentation am Donnerstag erklärte, wie die neuen Geräte des mittlerweile schon lange nicht mehr nur Online-Buchhändlers in deren Geschäfte passen, kam ich doch ins Stutzen. Amazon, das nur zur Erinnerung, ist das teuflische Unternehmen, so hatten es erst vor kurzem Maximilian Probst und Kilian Trotier in der Zeit erklärt, das daran arbeitet, “die Buchkultur, wie wir sie seit Gutenbergs Erfindung der Druckpresse kennen” zu zerstören. Dieses gleiche Amazon querfinanziert nun also Endgeräte, damit die Kunden mit diesen Geräten bei Amazon einkaufen. Jeff Bezos erklärt das so:

“We want to make money when people use our devices, not when they buy our devices.”

Man kann das jetzt als Beginn eines Preiskriegs zwischen Amazon, Apple und Google werten. Man kann sich aber auch kurz die Augen reiben und bei Jeff Bezos nachfragen, ob er denn nicht wisse, dass man mit Inhalten im Digitalen doch gar nichts verdienen könne. Dass die Buchkultur genau wie die Popmusik ganz bald sterben müssen, weil diese ganze Kostenloskultur des Digitalen alle sinnvollen Geschäftsmodelle unmöglich mache. Ist das Lobby-Geklapper etwa nicht bis zu Bezos vorgedrungen? Der Mann, der immer so vorne dran sein will, hat tatsächlich nicht mitgekriegt, wie schlecht es um Inhalte im Digitalen steht?

Unfassbar!

Und vor lauter Ahnungslosigkeit baut dieser Jeff Bezos jetzt auch noch sein ganzes Geschäftsmodell darauf auf: Er zahlt drauf, damit die Leute seine Kindle-Endgeräte kaufen und wird dann ganz schnell Pleite gehen. Denn was soll er denn groß verkaufen auf diese Kindle-Geräte?

Genau: Bücher könnte er verkaufen, Zeitungen, Magazine, Filme oder Musik. Er könnte Computerspiele oder TV-Serien an den Mann bringen. Vielleicht auch kleine Computerprogramme so genannte Apps, die dem Nutzer helfen, weil sie wissen, wo der gerade ist und was er oder sie dort zum Beispiel sucht. Anders formuliert: Inhalte wird Jeff Bezos auf seine Kindle-Geräte verkaufen. Und er ist so überzeugt davon, dass Menschen sich für Inhalte begeistern und dafür zahlen, dass er sogar in Vorleistung geht.

Hier muss man eine Sekunde Pause machen um zu warten bis diejenigen sich gesammelt haben, die immer aufs Digitale schimpfen und die Unmöglichkeit beklagen, dort Geld zu verdienen. In dieser Sekunde gelingt es ihnen nämlich vom Schmipfen auf die Kostenloskultur umzuschwenken aufs Schimpfen auf Bezos und das teuflische Amazon. Denn natürlich will Bezos all die Vorleistung und Querfinanzierung jetzt wieder reinholen – auf Kosten der Künstler und Kreativen. Die müssen ihre Umsätze künftig mit Bezos teilen.

Ob das angemessen oder teuflisch ist, sollen andere beurteilen. Was ich beurteilen kann ist dies: Jeff Bezos und Amazon scheinen mehr an den Wert von Inhalten im Digitalen und an das Geldverdienen im Internet zu glauben als gar nicht mal wenige derjenigen Menschen, die diese Inhalte überhaupt schaffen.

Our future is on to social! Was bitte soll das denn heißen?

“We have people who understand print very well, the best in the business. We have people who understand advertising well, the best in the business. But our future is on to video, to social, to mobile. It doesn’t mirror what we’ve done. It broadens what we are going to do.”

Mit diesen Worten beschreibt Arthur Sulzberger Jr. seine Entscheidung, den ehemaligen BBC-Chef Mark Thompson zum Chef der Zeitung New York Times zu machen. Darin enthalten sind mehrere bedeutsame Aussagen zu der Frage, wie Medien in einer digitalisierten Welt funktionieren werden.

1. Zeitungen sind Medienhäuser
In der Ankündigung sucht man ein Wort vergebens. Weder Sulzberger noch Thompson selber sprechen von einer Zeitung, wenn sie von der Zukunft der New York Times sprechen. Sie skizzieren die Zukunft einer glaubwürdigen Quelle, die auf unterschiedlichen Kanälen kommuniziert. Sie sprechen von einem Medienhaus.
Das ist nicht neu, auf Podien wird diese Haltung seit Jahren erläutert. Aber wird sie auch umgesetzt? Werden Journalisten für die Arbeit in einem Medienhaus ausgebildet oder lernen sie nicht vielmehr, bei einem Radio- oder Fernsehsender zu arbeiten? Haben sie Vorbilder, die wenn auch nicht für unterschiedliche Kanäle produzieren, so doch zumindest in dieser neuen Medienrealität denken?
Die Entscheidung der New York Times, einen ehemaligen Fernsehjournalisten und Direktor eines Rundfunkhauses zum neuen Chef zu machen, setzt dies um. Thompson soll die New York Times in einer Welt platzieren, in der die Unterscheidung zwischen den Ausspielkanälen obsolet geworden ist. Relevant ist die Absendermarke, nicht der Verbreitungsweg.

2. Medienhäuser sind Sender
Zeitung und alle anderen Medien werden somit in erster Linie zu Sendern, die Inhalte verbreiten – auf unterschiedlichen Wegen. Dieser erste gedankliche Schritt scheint offensichtlich, ist aber bedeutsam. Daraus folgt nämlich, dass eine der wichtigeren journalistischen Funktionen die des Verbreitungsmanagers sein wird. Mit diesem (von mir gerade erfundenen) Begriff wird eine Tätigkeit zu beschreiben sein, die mir bisher noch nicht flächendeckend als Job-Profil bekannt ist: eine Kollegin oder vermutlich eher ein ganzes Team, das auf der Schnittstelle aller Ressorts arbeitet und die Entscheidung über die richtige Verbreitung eines Inhalts trifft. Welche Meldung muss textlich und schnell im Web verbreitet werden? Welcher Inhalt taugt für einen Videohintergrund? Zu welchem Ereignis bietet sich eine Info-Grafik an? Wo ist ein ausgeruhtes Essay angebracht? Und was posten wir wie auf Facebook?
Antworten auf diese Fragen werden künftig aus einem Distributionsteam stammen, das sich (wie ein CvD eines Printmagazins), sehr gut mit Verbreitungswege und deren Spezifika auskennt.
Lehrbeispiele für eine solche Einheit könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefern. Insofern ist die Entscheidung für Thompson durchaus nachvollziehbar. Die BBC verfügt über Inhalte und musste Wege finden, deren Verbreitung zu organisieren (siehe iPlayer). Gibt es entsprechende Beispiele auch in Deutschland? Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an herausgehobener Stelle, was es bedeuten kann, Sender in einem digitalen Umfeld zu sein?

3. Medienhäuser sind Empfänger
Die New York Times selber hat im vergangenen Jahr in einer Studie ihre neue Rolle mit dem Slogan “From Broadcaster to Sharecaster” überschrieben. Denn es geht in digitalen Räumen keineswegs einzig darum, trimediales Denken zu ermöglichen. Es geht darum, das digitale Ökosystem als einen Raum zu erkennen, in dem Sender gleichzeitig auch Empfänger sind (und auch umgekehrt). Wer glaubt, Trimedialität bereite Medienhäuser auf die Zukunft vor, bleibt nach dem ersten Schritt stehen. Nur über unterschiedliche Ausspielwege nachzudenken, unterschätzt die Möglichkeiten dessen, was Sulzberger als “social” in seiner Ankündigung beschreibt.
Und das ist ja das wirklich Erstaunliche an der Ankündigung, einer der weltweit wichtigsten Zeitungsmenschen erklärt: Die Zukunft der Zeitung liegt in Video, im Mobilen (das kann man sich irgendwie ja vorstellen) und im Sozialen. Was bitte soll das denn heißen?

4. Die Zukunft liegt im Sozialen
Das heißt, dass Publikation zu Kommunikation wird. Dass Medienhäuser (und vor allem auch deren Mitarbeiter) lernen müssen werden, nicht ausschließlich in Form von Megafon-Ansagen zu kommunizieren, sondern auch im Dialog. Dafür ist ein kultureller Wandel nötig, der tiefgreifender ist als die Ausrichtungsänderung einer Zeitung hin zu einem Anbieter, der auch Videos sendet. Dieser Wandel betrifft die Rolle des Journalisten, die Art, wie er seine Autorität herleitet und damit die Grundlage für die Entscheidung eines jeden Lesers/Zuschauers, ihm oder ihr Aufmerksamkeit oder sogar Geld zukommen zu lassen.

Wenn Sulzberger sagt “our future is on to social” heißt das nicht einzig, dass er Twitter oder Facebook wichtig findet. Es heißt vor allem: Journalismus im digitalen Raum muss kommunizieren lernen. Es heißt, wir müssen die Grundlagen unseres Berufs neu und anders denken. Und das ist vermutlich weitaus komplizierter als eine neue Technologie oder ein verändertes Redaktionssystem zu bedienen: ein neues Denken zu erlernen.

Die Entscheidung für Mark Thompson bei der New York Times zeigt, dass die Debatte über dieses andere Denken keine abstrakte Zukunftsversion ist, sondern konkret umgesetzt wird. Genau jetzt.