Digitale Notizen

Archive
Tag "faz"

… wie sehr die Inflation der Meinungen deren Bedeutung relativiert: dass eben dort, wo die Produktionskosten für Veröffentlichungen sinken, auch zwangsläufig der Wert abnimmt. Endlich darf jeder mal sagen, was alle anderen auch sagen. Dabei ist völlig unerheblich, ob die Beiträge der Amateure im Einzelnen qualitativ so hochwertig sind wie jene, die noch von professionellen Autoren unter den Bedingungen einer klassischen Medienökonomie geschaffen werden. Es handelt sich gewissermaßen um eine völlig andere Art von Text.

Während ich gestern die strategischen Ausführungen von Martin Nisenholtz von der New York Times las, erschien in der FAS ein Text, der sich mit dem Wert von Leserkommentaren im Internet befasste (Untertitel: “Millionen Meinungen ergießen sich täglich ins Internet. Aber was sind das eigentlich für Texte? Und wie ernst muss man sie nehmen?”). Darin wird die obige These aufgestellt: dass nämlich der Wert der veröffentlichten Meinung allein deshalb abnimmt, weil jeder veröffentlichen kann. Ist das so? Gelten für Meinungen die gleichen Marktmechanismen wie für beispielsweise Finanzen? Oder ist die Äußerung von Amateuren nicht vielmehr Bestandteil des Systems, das man Demokratie nennt? Anders formuliert: Sinkt tatsächlich der Wert eines Wiener Schnitzels, nur weil es nicht mehr im Restaurant, sondern auch von Amateuren in der heimischen Küche zubereitet werden kann?

Ich weiß es nicht, aber vor dem Hintergrund des aktiven Rezipienten, finde ich die unterschiedlichen Ansätze der Beantwortung dieser Frage durchaus spannend.

Hätten Spielplätze im Frankfurter Holzhausenviertel oder in Prenzlauer Berg – wo die „Nido“- Leserschaft wohnt – Türsteher, dann kämen derart gewandete Kinder da nicht rein. Gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal: Man wolle sich um die „vielfältigen Interessen moderner Eltern“ kümmern, und zwar solcher, die „vielleicht nicht jede Nacht durchschlafen, aber noch Träume haben“.

In der FAZ schreibt Sandra Kegel unter dem Titel Ihr seid ganz schön gaga über Nido. Dummerweise scheint sie für ihre Thesen im Heft keine Belege zu finden, deshalb muss sich ein “gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal” einschieben.

Statt einer wirklichen Analyse des sich ändernden Elternbildes wenigstens zu versuchen, arbeitet der Text sich an den unterschwelligen Vorstellungen der Autorin ab, die mit der angenommenen Welt der ebenfalls imaginierten Nido-Leser nicht zusammen gehen wollen.

… deshalb gibt es als Literaturtipp auch nicht Anna Katharina Hahns lesenswerte Elterngroteske „Kürzere Tage“, sondern Hanna Lemkes Erzählband „Gesichertes“.

Skandal!

Interessant an dieser Beschreibung des neuen Elternmagazins ist zweierlei: Zum einen der Ansatzpunkt der Kritik (und die damit indirekt geäußerte eigene Warnehmung von richtiger Elternschaft) und zum zweiten das erkennbare Problem mit dem Konzept “Magazin”. Beispielhaft ist dies in dem folgenden Zitat zu fassen (das große I in “Ihre” ist wie das große S in “Sie” ein vermutlich bezeichnender FAZ-Tippfehler):

„Lebensgefühl-Journalismus“ nennen Ebert und Klotzek das Konzept, das sie bei „Neon“ erfolgreich umsetzen. Hier verlieren Sie Ihre panische Angst davor, zu verspießern und die hippen Freunde aus den Lofts zu verlieren. Denn, so lesen wir in „Nido“: Guter Sex geht auch, wenn man Kinder hat, und Achtung: Wenn man der Politik nur ein bisschen Beine macht, dann klappt’s auch mit dem Krippenplatz.

Bereits zur ersten Testnummer von Nido hatte der FAS-Autor Harald Staun über das neue Heft geschrieben. Die Geschichte trug den Untertitel: “Das Magazin “Nido” will junge Eltern ernst nehmen – und macht alles noch schlimmer”. Der Text ist online nicht verfügbar. Staun hatte sich damals ebenfalls am Konzept des “Lebensgefühl-Journalismus” abgearbeitet und war auf den – in seiner Plattheit selten erreichten – Schluß gekommen:

Mit kaum einer Lektüre jedenfalls ließe sich seine eigene Spießigkeit besser beweisen als mit der von “Nido”.

Mal angenommen diese Beobachtungen würden stimmen: Warum nutzen Kegel und Staun ihre Erkenntnis nicht zur Basis einer Analyse? Der Frage könnte man doch nachgehen: Was für eine Elternschaft muss das sein, für die solche Magazine gemacht werden? Und damit meine ich nicht den implizierten Spießigkeits-Vorwurf oder die Einschätzung, wann Sex gut ist, sondern die Frage: Warum gibt es Menschen, die sich eine derartige (für FAZ-Autoren offenbar unvorstellbare) Elternschaft zumindest zeigen lassen wollen? In welchen Kontexten leben die, mit welchen veränderten Ansprüchen und Zielen sind sie ausgestattet? Für all das liefert Nido eine herausragende Vorlage zur Medienkritik. Dass dies nicht genutzt wird, sondern stattdessen ein besserer Buchtipp empfohlen und Spießigkeit kritisiert wird, lässt ahnen: Das Konzept eines auf eine durch ein Lebensgefühl verbundende Magazin-Leserschaft bleibt unverstanden. Dabei würde genau darin eine Menge dessen stecken, was Publikation auch im Netz erfolgreich macht (siehe dazu den Eintrag Erfolgreiche Zeitungen verkaufen nicht nur Nachrichten).

Diesem meinem Verhalten kommt man mit journalistischem Werkzeug nicht bei; nach der Theorie des Journalismus dürfte es das nicht geben, und wenn doch, dürfte es beim Leser nicht gut ankommen. Wenn es trotzdem gern gelesen wird, muss der Leser einen Fehler machen.

In seinem FAZ-Blog schreibt Don Alphonso einen Text, der mir gefällt. Er befasst sich darin auf eine sehr eigene, sehr lesenswerte Art und Weise mit der Debatte (die in den vergangenen Tagen an unterschiedlichen Stellen geführt wurde) über den vermeintlichen Gegensatz von Bloggern und Journalisten. Dazu ist vielleicht alles gesagt, aber nicht so abgehoben schön formuliert und vor allem nicht auf der Website der FAZ.

via

Spätestens mit Schirrmachers Buch “Payback” ist die FAZ ist zum “Zentralorgan der Nerds” geworden, ein Wiki für alle, die etwas über das Internet schreiben wollen.

Sebastian Dörfler versucht sich in der taz an einer Einordnung dessen, wie in der FAZ seit kurzem das Buch von Frank Schirrmacher beworben wird über das Internet geschrieben wird. Dass die FAZ weit davon entfernt ist, ein Wiki zu werden ist das eine. Das andere, was mich ist erstaunt, ist, wie bei der Frage, wie man die technische Neuerung “Internet” einzuschätzen habe, die alten Muster von links, rechts, von konservativ und modern ins Wanken geraten. Wann sonst schrieb die taz zu einem Thema

Wir werden der FAZ für ihre Hysterie noch dankbar sein.

?

Die Literatur ist auf einen doppelten Boden angewiesen, der Journalismus hingegen soll sich um diesen Boden überhaupt nicht bemühen, er darf ihn nicht haben.

Marcel Reich-Ranicki beantwortet in der FAS die Frage: Was ist der Unterschied zwischen Journalismus und Literatur?

Es ist eine Eile dabei, als könnte etwas verhungern. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die ich kenne, immer schneller erzählen, gerade so, als könnten sie nicht damit rechnen, dass genug Zeit bleibt, ihnen zuzuhören, weil die Informationskonkurrenz so gewaltig ist.

Diese Worte hat Frank Schirrmacher am Montag in den Spiegel geschrieben. Es geht um sein neues Buch Payback, es geht um das Gefühl des “Mein Kopf kommt nicht mehr mit” (Kapitel-Titel und Überschrift auf Spiegel-Online), um die Ich-Erschöpfung wie die heutige Besprechung des Buchs in der SZ betitelt ist. Vielleicht ist es ein Zufall, dass ich – als ich in jener heute früh vom digitalen Graben las – Jay-Zs Run this town hörte. Darin heißt es:

This is the life that everybody ask for
This is a fast life, we are on a crash course
What you think I rap for? To push a fuckin’ Rav 4?

Vielleicht war dies aber ein bedeutsamer Zufall. In dem Text las ich von der “digitalen Kluft, die sich durch Deutschland zieht” und von der Frage, ob sich diese überhaupt schließen lässt. “Widersprechen sich das lineare und das vernetzte Denken nicht so sehr, dass sie keine gemeinsame Ebene finden können? Ist der Spagat zwischen beiden nicht erst einmal der kleinste gemeinsame Nenner? Eine Brücke baut “Payback” zumindest, und die erweitert den engen Horizont der deutschen Streitigkeiten über den Atlantik. Dort ist die digitale Gesellschaft längst viel weiter. Und mit ihr die Debatten über eine digitale Zukunft.”

Von der anderen Seite des Atlantiks – und am Ende des Songs – rappte Kayne West dann quasi als zusammenfassende Antwort die Perspektive der meist nur zoologische besprochenen Digital Natives zurück:

You feelin’ like you run it, huh?
Now you know how we feel

Thierry Chervel weist im Perlentaucher auf Frank Schirrmachers neues Buch hin, das den Titel Payback trägt und – Achtung, jetzt wird es kontrovers – erklärt, Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Natürlich sorgt ein solcher Untertitel für Aufregung: Der Herausgeber der FAZ hatte offenbar die Kontrolle über sein Denken verloren und erzählt jetzt, wie er diese zurückgewonnen hat. Denn was auf der Website des Blessing-Verlags unter dem Punkt “Info” über das Buch geschrieben wird, klingt beunruhigend:

Was wollte ich gerade tun? Wieso haben die Dinge kein Ende mehr? Was geschieht mit meinem Gehirn? Fast jeder kennt die neue Vergesslichkeit und die fast pathologische Zunahme von Konzentrationsstörungen.

Aber so schlimm scheint es nicht zu stehen, wie man in dem durchaus spannenden “Talk with Frank Schirrmacher” auf edge.org nachlesen kann, den Chervel ebenfalls verlinkt . So medizinisch gefährlich wie das Buch verkauft wird, ist dessen Inhalt offenbar gar nicht. Es geht wohl er um das, was Schirrmacher auf englisch so erklärt:

Of course, everybody knows we have a revolution, but we are now really entering the cognitive revolution of it all. In Europe, and in America too ‚Äî and it’s not by chance ‚Äî we have a crisis of all the systems that somehow are linked to either thinking or to knowledge. It’s the publishing companies, it’s the newspapers, it’s the media, it’s TV. But it’s as well the university, and the whole school system, where it is not a normal crisis of too few teachers, too many pupils, or whatever; too small universities; too big universities.

Now, it’s totally different. When you follow the discussions, there’s the question of what to teach, what to learn, and how to learn. Even for universities and schools, suddenly they are confronted with the question how can we teach? What is the brain actually taking? Or the problems which we have with attention deficit and all that, which are reflections and, of course, results, in a way, of the technical revolution?

Was nun tatsächlich in Payback steht, weiß ich nicht. Erstaunlich finde ich aber, wie es verkauft wird. Dass Schirrmacher sich zum Thema technischer Wandel in Buchform äußern würde, hatten seine Leser bereits nach seiner Rede anlässlich der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises im Jahr 2007 angenommen. Kurz vor der Bundestagswahl in diesem Jahr hatte er dann den Aufstieg der Nerds beschrieben.

Deshalb stehen kleine Jungs auf Bagger und Eisenbahnen?
Früher waren es Panzer, heute sind es Feuerwehrautos, Monster und Dinos.

Sollten Eltern dem entgegenwirken, indem sie Söhnen Puppen schenken?
Das bringt nichts. Jungs brauchen weder Puppen noch Panzer, sondern stabile Bindungen und Aufgaben, an denen sie wachsen können. Und wir müssen sie vor ungünstigen Rahmenbedingungen schützen.

(…)

Und wie, bitte schön, geht das?
Zunächst müsste man sich mit sich selbst beschäftigen. Sich etwa die wunderbare Frage stellen: Warum bin ich eigentlich so geworden, wie ich bin? Welche Erfahrungen haben mich zu diesem Menschen gemacht? Dann würde man schnell darauf kommen, dass man als Erwachsener die Erfahrungsräume der nächsten Generation günstiger beeinflussen könnte, als das in der eigenen Entwicklung der Fall war. (…)

Was braucht ein kleiner Junge?
Das Wichtigste wären ein richtig guter Vater und noch ein paar andere Männer im Verwandten- und Freundeskreis, die selbst gern Männer sind, die mit diesem Jungen was unternehmen und ihn so mögen, wie er ist. Liebe heißt ja nicht, dass man den ganzen Tag schmust. Man muss den Kindern eine Chance geben, ihre Potentiale zu entfalten.

Bringen die sogenannten neuen Väter, die jetzt scharenweise in Elternzeit gehen, die Wende für die männliche Hirnentwicklung?
Ich finde es großartig, wenn es mittlerweile Väter gibt, die wirklich Verantwortung übernehmen für die Bindung und Führung ihrer Kinder im Sinne von supportive leadership. Aber das sind noch immer sehr, sehr wenige. Probleme haben wir bei den vielen Jungs, die ohne gute männliche Vorbilder heranwachsen.

Die FAS spricht mit Hirnforscher Gerald Hüther über Vorbilder für Jungs. (via)

Die Medienevolution macht gerade einen Tigersprung, dem mancher nicht wird folgen können. Immer mehr Inhalte werden, legal oder illegal, verfügbar, die Geräte leichter, lichter, in naher Zukunft badewannen- und strandtauglich ‚Äì es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Buchbranche mit den gleichen Problemen konfrontiert sein wird wie die praktisch schon untergegangene Musikindustrie. Meine komplette Plattensammlung steht übrigens schon neben Shakespeare auf dem Touchscreen, in ein paar Jahren werden Bücherregale etwas für Nostalgiker sein. Papier ist das Vinyl von übermorgen.

Papier ist Vinyl heißt der Feuilleton-Kommentar aus der FAZ. via via

Wir verkaufen der Werbewirtschaft Leser, die sich für Nachrichten interessieren, während die Suchmaschinen und die Themenportale Nutzer vermarkten, die sich für die Werbebotschaft oder zumindest das relevante Themenumfeld interessieren. Damit erreichen sie eine deutlich höhere Wertschöpfung pro Nutzer.

Bei persoenlich.com gibt es ein interessantees Interview mit dem Chef der FAZ Tobias Trevisan. Darin erklärt er unter anderem, dass Zeitungen beispielsweise vom Empfehlungssystem von Amazon lernen können. Er sagt:

Mit seinem Klickverhalten kommuniziert uns der Leser, für was er sich interessiert. Es ist nun unsere Aufgabe, ihm unter Millionen von Artikeln diejenigen anzubieten, die ihn aufgrund seines Nutzungsverhaltens interessieren dürften. Das bedeutet, dass wir die Site individualisieren, sie den persönlichen Bedürfnissen jeden Einzelnen anpassen müssen.