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Böse: Nido macht die Welt schöner als sie ist!

„Nido“ ist Pop, gerade dort, wo man sich dem Alltag annähern will, verselbstständigen sich die Images. In der Popwelt ist die Scheinhaftigkeit kein Problem, klar, dass es hinter der Bühne anders zugeht. Bei der Familie ist das anders. Entweder man durchschaut angenervt die Hochglanzlüge. Oder man leidet unter der eigenen Uncoolheit, dem unretuschierten Leben, der Dreimonats-Cholik, dem Dreijahres-Trotz, der immerwährenden Dreisamkeit. Der Nido-Pop wird daher keine Zukunft haben, er ist eine künstliche Synthese, eine instabile Verbindung aus Rebellion und Routine, ein Übergangszustand, in dem die Generationengrenzen zu verschwimmen scheinen.

Es gibt mal wieder eine Nido-Besprechung in einer deutschen Zeitung. Diesmal deckt Richard Kämmerlings in der Welt Die große Coolness-Lüge für pseudo-hippe Eltern auf. Sein Hauptargument lautet dabei – ähnlich wie unlängst in der FAZ: Das Leben (mit Kindern) ist viel schlimmer als Nido sagt! Die Schlussfolgerung: Deshalb ist Nido schlecht.

Ich bin schon gespannt auf die Nachfolge-Texte aus der Reihe: Der Einrichtungs-Schummel der Schöner-Wohner (normale Häuser sind viel hässlicher!), Der Betrug der Fit-for-Fun-Männer (Sport macht gar keinen Spaß und außerdem sind die meisten Jogger in Wahrheit viel dicker) oder auch Die Lüge der Pseudo-Mobilen (viele fahren viel schlechtere Autos als in Auto-Bild gezeigt)

P.S.: Der Text ist deshalb so ärgerlich, weil die Pop-Beobachtung ja stimmt. Nido will tatsächlich Pop sein. Was heißt das für unsere Vorstellung von Pop? Diese Frage hätte man beantworten können, das hätte ich spannend gefunden und nicht bloß anti pseudo-hip …

Privates wird öffentlich: mediale Identitäten

Ich arbeite als Journalist. Ich mag das Internet und ich mag meinen Beruf. Ja, das geht zusammen. Auch, wenn ich mich immer wieder in Debatten über den Sinn des Netzes in Gänze und der Selbstdarstellungsformen (wie Twitter und Facebook) im Speziellen finde. Diese Debatten (keineswegs nur mit Kollegen) sind geprägt von einer distanzierten Skepsis gegenüber den Instrumenten des so genannten sozialen Web, das vielen ein im Kern verachtenswerter Ort ist, in dem sich geltungssüchtige Menschen tummeln, die zu viel Zeit haben. Das Argument mit der Zeit hat Clay Shirky im Einleitungskapitel seines wunderbaren Cognitive Surplus äußerst lesenswert entkräftet. Jenem mit dem Geltungssucht hingegen ist nur schwer beizukommen.

An der Tatsache, dass ein gepflegtes digitales Auftreten noch immer als Indiz für eine unsypmathische Darstellungssucht gelesen wird, lässt sich beispielhaft belegen, wie neu dieser digitale Raum noch immer für die Gesellschaft und ihre Moral- und Wertvorstellungen ist. Wer außerhalb des Netzes Wert darauf legt, wie er wahrgenommen wird, gilt als gepflegt oder sogar modebewusst. Im Netz ist der genau gleiche Antrieb jedoch plötzlich Beweis für eine narzistische Selbstbezogenheit.

Mir geht es nicht darum, Entwicklungen zu verteidigen oder gut zu heißen. Ich würde sie gerne verstehen, bevor ich sie beurteile. „Warum ist das so?“ halte ich für die spannendeste Frage an der digitalen Revolution (jedenfalls für interessanter als die Behauptung „Darum ist es schlecht“) und genau diese Frage habe ich mir gestellt, als ich in den vergangenen Wochen klassische Medien konsumiert habe: Zeitungen und Magazine. Dort ist mir eine Entwicklung aufgefallen, die man mit den Worten der digitalen Skepsis vermutlich als Selbstbezogenheit beschreiben müsste.

Es geht um veröffentlichte Texte, die mir mehr Privates (und auch Intimes) über unbekannte (und sogar befreundete) Kollegen verrieten als bierselige Gespräche nach Einbruch der Dunkelheit auf privaten Festen. Erstaunt hat mich diese Form des Ich-Journalismus jedoch vor allem bei denjenigen, die mir (entfernt) bekannt sind. So habe ich über die Lektüre erfahren, welches Verhältnis jemand zu seinem Vater hat, warum ein anderer kein oder nur ein Kind haben möchte oder wie ein Familienurlaub im Grünen verlief (mit Bildern).

All das, was ich in den vergangenen Monaten da auf Papier veröffentlicht sah, ähnelt doch sehr dem, was ich digital verbreitet vorfinde: Privates, das plötzlich öffentlich wird. Publikation, die unser Verständnis von Intimität und Öffentlichkeit herausfordert. Doch all das wurde nicht über Twitter oder Facebook transportiert. Ich las es auf Papier. Und zwar sehr gerne. Die meisten der genannten Geschichten habe ich mit Gewinn und Genuß gelesen. Ich will sie hier keineswegs kritisieren. Mir geht es vielmehr darum, eine Beobachtung zu notieren, die ich für den digitalen Raum unlängst anhand Steven Johnsons Analyse des Tals Vertrauter Fremder zu beschreiben versucht habe:

Die gelernte Unterscheidung zwischen Anonymität und Prominenz gerate ins Schwimmen. Wer beispielsweise die Bilder einer Geburtstagsparty der Freunde eines Freundes im Netz anschaue, überschreite die gelernte Grenze der Privatheit.

Das gilt, so mein Eindruck nach der Magazin-Lektüre der vergangenen Monate, nicht nur für Facebook. Es gilt auch für klassische Publikationen. Die Bilder eines Familienurlaubs in einem Magazin überschreiten die gelernte Grenze in der gleichen Art. Mit Blick auf die digitalen Verbreitungswege hatte Johnson die Forderung formuliert, diese Grenzüberschreitungen nicht zu verdammen, sondern zu akzeptieren und zu gestalten. Dies gilt ganz sicher auch außerhalb des Netzes:

Die Spielregeln für diese Art des Veröffentlichens, so Johnson, seien gerade in ihrem Entstehen. Diese zu lernen und zu gestalten, sei eine der wichtigsten Aufgaben des großen und ständig betonten Felds der Medienkompetenz.

Ein erster Schritt auf diesem Weg wäre es, das Spiel mit Identitäten im Netz nicht länger als Darstellungssucht zu bezeichnen. Dass in der Art wie wir uns inszenieren (und inszeniert werden), eine der großen Herausforderungen der Gegenwart liegt, zeigt übrigens der wunderbare (in dieser Woche in Deutschland gestartete) Film Exit Through The Gift Shop, in dem Banksy aus dem Identitätenspiel ein sehenswertes Kunstwerk macht:

Mehr über den Film (und das Inszenierungs- und Identitätenspiel) gibt es in der lesenswerten Besprechung von Tobias Kniebe aus der SZ.

FAZ über Nido

Hätten Spielplätze im Frankfurter Holzhausenviertel oder in Prenzlauer Berg – wo die „Nido“- Leserschaft wohnt – Türsteher, dann kämen derart gewandete Kinder da nicht rein. Gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal: Man wolle sich um die „vielfältigen Interessen moderner Eltern“ kümmern, und zwar solcher, die „vielleicht nicht jede Nacht durchschlafen, aber noch Träume haben“.

In der FAZ schreibt Sandra Kegel unter dem Titel Ihr seid ganz schön gaga über Nido. Dummerweise scheint sie für ihre Thesen im Heft keine Belege zu finden, deshalb muss sich ein „gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal“ einschieben.

Statt einer wirklichen Analyse des sich ändernden Elternbildes wenigstens zu versuchen, arbeitet der Text sich an den unterschwelligen Vorstellungen der Autorin ab, die mit der angenommenen Welt der ebenfalls imaginierten Nido-Leser nicht zusammen gehen wollen.

… deshalb gibt es als Literaturtipp auch nicht Anna Katharina Hahns lesenswerte Elterngroteske „Kürzere Tage“, sondern Hanna Lemkes Erzählband „Gesichertes“.

Skandal!

Interessant an dieser Beschreibung des neuen Elternmagazins ist zweierlei: Zum einen der Ansatzpunkt der Kritik (und die damit indirekt geäußerte eigene Warnehmung von richtiger Elternschaft) und zum zweiten das erkennbare Problem mit dem Konzept „Magazin“. Beispielhaft ist dies in dem folgenden Zitat zu fassen (das große I in „Ihre“ ist wie das große S in „Sie“ ein vermutlich bezeichnender FAZ-Tippfehler):

„Lebensgefühl-Journalismus“ nennen Ebert und Klotzek das Konzept, das sie bei „Neon“ erfolgreich umsetzen. Hier verlieren Sie Ihre panische Angst davor, zu verspießern und die hippen Freunde aus den Lofts zu verlieren. Denn, so lesen wir in „Nido“: Guter Sex geht auch, wenn man Kinder hat, und Achtung: Wenn man der Politik nur ein bisschen Beine macht, dann klappt’s auch mit dem Krippenplatz.

Bereits zur ersten Testnummer von Nido hatte der FAS-Autor Harald Staun über das neue Heft geschrieben. Die Geschichte trug den Untertitel: „Das Magazin „Nido“ will junge Eltern ernst nehmen – und macht alles noch schlimmer“. Der Text ist online nicht verfügbar. Staun hatte sich damals ebenfalls am Konzept des „Lebensgefühl-Journalismus“ abgearbeitet und war auf den – in seiner Plattheit selten erreichten – Schluß gekommen:

Mit kaum einer Lektüre jedenfalls ließe sich seine eigene Spießigkeit besser beweisen als mit der von „Nido“.

Mal angenommen diese Beobachtungen würden stimmen: Warum nutzen Kegel und Staun ihre Erkenntnis nicht zur Basis einer Analyse? Der Frage könnte man doch nachgehen: Was für eine Elternschaft muss das sein, für die solche Magazine gemacht werden? Und damit meine ich nicht den implizierten Spießigkeits-Vorwurf oder die Einschätzung, wann Sex gut ist, sondern die Frage: Warum gibt es Menschen, die sich eine derartige (für FAZ-Autoren offenbar unvorstellbare) Elternschaft zumindest zeigen lassen wollen? In welchen Kontexten leben die, mit welchen veränderten Ansprüchen und Zielen sind sie ausgestattet? Für all das liefert Nido eine herausragende Vorlage zur Medienkritik. Dass dies nicht genutzt wird, sondern stattdessen ein besserer Buchtipp empfohlen und Spießigkeit kritisiert wird, lässt ahnen: Das Konzept eines auf eine durch ein Lebensgefühl verbundende Magazin-Leserschaft bleibt unverstanden. Dabei würde genau darin eine Menge dessen stecken, was Publikation auch im Netz erfolgreich macht (siehe dazu den Eintrag Erfolgreiche Zeitungen verkaufen nicht nur Nachrichten).