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Altland – eigentlich sollten wir online sein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Nur noch“ – zwei Worte stechen heraus aus dem angekündigten Abschied des Heftes Neon, der in diesem Monat beschlossen wurde. Am 18. Juni erscheint die letzte Ausgabe des Magazins, das vor 15 Jahren von Menschen gegründet wurde, mit denen ich persönlich gut bekannt bin. Erfahren habe ich das aus einem Text, der die beide Worte in der Überschrift trägt: „NEON erscheint ab Sommer nur noch digital“ steht über dem offenen Brief der Chefredakteurin, der auf der Website stern.de veröffentlicht wurde – im April 2018.

Ich habe dieses „nur noch“ selber schon einmal in einem sehr vergleichbaren Zusammenhang gehört. Die damals verantwortlichen Geschäftsführer der SZ sagten „nur noch“ als sie das gedruckte jetzt-Magazin einstellten und uns online weitermachen ließen. Ich vedanke dem „nur noch online“ meinen Job – und in der Folge meine Haltung zur digitalen Welt. Es war eine Zeit weit vor Facebook und Twitter, in der online vielen Menschen tatsächlich als wertlose, kleine Schwester galt. Ich habe das damals schon nicht richtig verstanden, aber es ist 16 Jahre her – und wir fingen anschließend erst an zu verstehen, was online möglich ist.

Sechszehn Jahre!

Dass 16 Jahre später ausgerechnet im Umfeld von Neon die beiden Worte wieder auftauchen, schockiert mich fast mehr als der Inhalt der Meldung und das damit verbundene Schicksal der zum Teil sehr guten Kolleg*innen, die dort gearbeitet haben (und denen ich alles Gute wünsche). Ich habe mich vor 16 Jahre in diese vermeintlich wertlose, kleine Schwester verliebt – ich bin also keinesfalls objektiv, wenn ich die Meldung so lese: Die Chefredakteurin begründet das Aus für das Heft mit dem Worten „Die heute 20-Jährigen haben neue Lebensbegleiter gefunden“ und überschreibt diese Erklärung mit „nur noch digital“.
Auf Twitter würde man vermutlich den Hashtag #merksteselbst ergänzen… (Foto: Austin Chan/Unsplash)

Ich will mir kein Urteil über die Lebenswelt der heute 20-Jährigen erlauben, ich ahne aber, dass man lange suchen muss, um jemanden in diesem Alter zu finden, der oder die denkt: „Spotify ist schon okay, aber die Musik dort ist leider nur noch digital.“ Auch diesen Satz hört man vermutlich kaum: „Instagram ist ja ganz schön, aber leider nur digital.“ Anders formuliert: Ich kann mir vieles vorstellen aber sicher nicht, dass die heute 20-Jährigen online als kleine, wertlose Schwester von einem undefinierten besseren Früher wahrnehmen.

Eben weil das Digitale derart selbstverständlicher Bestandteil der Welt geworden ist, sind die beiden Worte so verräterrisch – und zwar im doppelten Sinne. Sie beweisen einerseits, dass man online noch immer für klein und wertlos hält – und somit keinen Draht zu denen hat, die sich dort Zuhause fühlen. Und sie zeigen zum zweiten, dass man nicht daran glaubt, dass in dieser wertlosen, kleinen Welt irgendwas Gutes entstehen kann (was bei dem, was dort derzeit gemacht wird, auch verwundern würde). Das ist nicht nur mit Blick auf die ursprüngliche Idee von Neon schade, es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, warum hierzulande noch immer vom Neuland gesprochen wird – ganz so als sei Altland irgendwie interessanter.

Aber vielleicht muss man es genauso wenden. Denn wer sagt, dass etwas „nur noch digital“ stattfindet, legt damit ja ein erstaunliches Lebensgefühl offen, das vielleicht sogar als Blaupause für eine Art von Lebenswelt-Journalismus taugt, von dem man dachte, dass seine Zeit vorbei ist: Man könnte daraus ein Heft entwickeln für Menschen, die zwar ahnen, dass das mit dem Internet unausweichlich ist, aber trotzdem keine Lust drauf haben. Ich habe auch schon eine Idee für Titel und Slogan: „Altland – eigentlich sollten wir online sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Privates wird öffentlich: mediale Identitäten

Ich arbeite als Journalist. Ich mag das Internet und ich mag meinen Beruf. Ja, das geht zusammen. Auch, wenn ich mich immer wieder in Debatten über den Sinn des Netzes in Gänze und der Selbstdarstellungsformen (wie Twitter und Facebook) im Speziellen finde. Diese Debatten (keineswegs nur mit Kollegen) sind geprägt von einer distanzierten Skepsis gegenüber den Instrumenten des so genannten sozialen Web, das vielen ein im Kern verachtenswerter Ort ist, in dem sich geltungssüchtige Menschen tummeln, die zu viel Zeit haben. Das Argument mit der Zeit hat Clay Shirky im Einleitungskapitel seines wunderbaren Cognitive Surplus äußerst lesenswert entkräftet. Jenem mit dem Geltungssucht hingegen ist nur schwer beizukommen.

An der Tatsache, dass ein gepflegtes digitales Auftreten noch immer als Indiz für eine unsypmathische Darstellungssucht gelesen wird, lässt sich beispielhaft belegen, wie neu dieser digitale Raum noch immer für die Gesellschaft und ihre Moral- und Wertvorstellungen ist. Wer außerhalb des Netzes Wert darauf legt, wie er wahrgenommen wird, gilt als gepflegt oder sogar modebewusst. Im Netz ist der genau gleiche Antrieb jedoch plötzlich Beweis für eine narzistische Selbstbezogenheit.

Mir geht es nicht darum, Entwicklungen zu verteidigen oder gut zu heißen. Ich würde sie gerne verstehen, bevor ich sie beurteile. „Warum ist das so?“ halte ich für die spannendeste Frage an der digitalen Revolution (jedenfalls für interessanter als die Behauptung „Darum ist es schlecht“) und genau diese Frage habe ich mir gestellt, als ich in den vergangenen Wochen klassische Medien konsumiert habe: Zeitungen und Magazine. Dort ist mir eine Entwicklung aufgefallen, die man mit den Worten der digitalen Skepsis vermutlich als Selbstbezogenheit beschreiben müsste.

Es geht um veröffentlichte Texte, die mir mehr Privates (und auch Intimes) über unbekannte (und sogar befreundete) Kollegen verrieten als bierselige Gespräche nach Einbruch der Dunkelheit auf privaten Festen. Erstaunt hat mich diese Form des Ich-Journalismus jedoch vor allem bei denjenigen, die mir (entfernt) bekannt sind. So habe ich über die Lektüre erfahren, welches Verhältnis jemand zu seinem Vater hat, warum ein anderer kein oder nur ein Kind haben möchte oder wie ein Familienurlaub im Grünen verlief (mit Bildern).

All das, was ich in den vergangenen Monaten da auf Papier veröffentlicht sah, ähnelt doch sehr dem, was ich digital verbreitet vorfinde: Privates, das plötzlich öffentlich wird. Publikation, die unser Verständnis von Intimität und Öffentlichkeit herausfordert. Doch all das wurde nicht über Twitter oder Facebook transportiert. Ich las es auf Papier. Und zwar sehr gerne. Die meisten der genannten Geschichten habe ich mit Gewinn und Genuß gelesen. Ich will sie hier keineswegs kritisieren. Mir geht es vielmehr darum, eine Beobachtung zu notieren, die ich für den digitalen Raum unlängst anhand Steven Johnsons Analyse des Tals Vertrauter Fremder zu beschreiben versucht habe:

Die gelernte Unterscheidung zwischen Anonymität und Prominenz gerate ins Schwimmen. Wer beispielsweise die Bilder einer Geburtstagsparty der Freunde eines Freundes im Netz anschaue, überschreite die gelernte Grenze der Privatheit.

Das gilt, so mein Eindruck nach der Magazin-Lektüre der vergangenen Monate, nicht nur für Facebook. Es gilt auch für klassische Publikationen. Die Bilder eines Familienurlaubs in einem Magazin überschreiten die gelernte Grenze in der gleichen Art. Mit Blick auf die digitalen Verbreitungswege hatte Johnson die Forderung formuliert, diese Grenzüberschreitungen nicht zu verdammen, sondern zu akzeptieren und zu gestalten. Dies gilt ganz sicher auch außerhalb des Netzes:

Die Spielregeln für diese Art des Veröffentlichens, so Johnson, seien gerade in ihrem Entstehen. Diese zu lernen und zu gestalten, sei eine der wichtigsten Aufgaben des großen und ständig betonten Felds der Medienkompetenz.

Ein erster Schritt auf diesem Weg wäre es, das Spiel mit Identitäten im Netz nicht länger als Darstellungssucht zu bezeichnen. Dass in der Art wie wir uns inszenieren (und inszeniert werden), eine der großen Herausforderungen der Gegenwart liegt, zeigt übrigens der wunderbare (in dieser Woche in Deutschland gestartete) Film Exit Through The Gift Shop, in dem Banksy aus dem Identitätenspiel ein sehenswertes Kunstwerk macht:

Mehr über den Film (und das Inszenierungs- und Identitätenspiel) gibt es in der lesenswerten Besprechung von Tobias Kniebe aus der SZ.

Zielgruppenforschung im Netz

… Neon.de ist total wertvoll für Zielgruppenforschung und das Blattmachen. Wenn wir zum Beispiel Protagonisten brauchen für eine heikle Geschichte, dann machen wir das Casting weitgehend über Neon.de. Ganz viele Redaktionen fragen bei so was in ihrem Bekanntenkreis rum. Da sitzen dann bei den abgedruckten Roundtable-Interviews Art Direktorinnen, Redakteure und Stylistinnen, die die normale Leserschaft simulieren sollen. Und Neon.de ist ein direkter Feedback-Kanal in die Redaktion. Alle unsere Mitarbeiter sind den ganzen Tag eingeloggt auf Neon.de. Ein Distanzproblem zu unserer Leser- und Userschaft kennen wir daher gar nicht. Und außerdem verdient die Website dann auch noch Geld.

Bei Meedia gibt es ein Gespräch mit Timm Klotzek und Michael Ebert aus Anlass des siebten Geburtstag von Neon. Darin sagt Timm die obigen Sätze über die Website zum Magazin – dort startet Michalis Pantelouris in dieser Woche ein Format, das er Live-Reportage nennt.

FAZ über Nido

Hätten Spielplätze im Frankfurter Holzhausenviertel oder in Prenzlauer Berg – wo die „Nido“- Leserschaft wohnt – Türsteher, dann kämen derart gewandete Kinder da nicht rein. Gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal: Man wolle sich um die „vielfältigen Interessen moderner Eltern“ kümmern, und zwar solcher, die „vielleicht nicht jede Nacht durchschlafen, aber noch Träume haben“.

In der FAZ schreibt Sandra Kegel unter dem Titel Ihr seid ganz schön gaga über Nido. Dummerweise scheint sie für ihre Thesen im Heft keine Belege zu finden, deshalb muss sich ein „gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal“ einschieben.

Statt einer wirklichen Analyse des sich ändernden Elternbildes wenigstens zu versuchen, arbeitet der Text sich an den unterschwelligen Vorstellungen der Autorin ab, die mit der angenommenen Welt der ebenfalls imaginierten Nido-Leser nicht zusammen gehen wollen.

… deshalb gibt es als Literaturtipp auch nicht Anna Katharina Hahns lesenswerte Elterngroteske „Kürzere Tage“, sondern Hanna Lemkes Erzählband „Gesichertes“.

Skandal!

Interessant an dieser Beschreibung des neuen Elternmagazins ist zweierlei: Zum einen der Ansatzpunkt der Kritik (und die damit indirekt geäußerte eigene Warnehmung von richtiger Elternschaft) und zum zweiten das erkennbare Problem mit dem Konzept „Magazin“. Beispielhaft ist dies in dem folgenden Zitat zu fassen (das große I in „Ihre“ ist wie das große S in „Sie“ ein vermutlich bezeichnender FAZ-Tippfehler):

„Lebensgefühl-Journalismus“ nennen Ebert und Klotzek das Konzept, das sie bei „Neon“ erfolgreich umsetzen. Hier verlieren Sie Ihre panische Angst davor, zu verspießern und die hippen Freunde aus den Lofts zu verlieren. Denn, so lesen wir in „Nido“: Guter Sex geht auch, wenn man Kinder hat, und Achtung: Wenn man der Politik nur ein bisschen Beine macht, dann klappt’s auch mit dem Krippenplatz.

Bereits zur ersten Testnummer von Nido hatte der FAS-Autor Harald Staun über das neue Heft geschrieben. Die Geschichte trug den Untertitel: „Das Magazin „Nido“ will junge Eltern ernst nehmen – und macht alles noch schlimmer“. Der Text ist online nicht verfügbar. Staun hatte sich damals ebenfalls am Konzept des „Lebensgefühl-Journalismus“ abgearbeitet und war auf den – in seiner Plattheit selten erreichten – Schluß gekommen:

Mit kaum einer Lektüre jedenfalls ließe sich seine eigene Spießigkeit besser beweisen als mit der von „Nido“.

Mal angenommen diese Beobachtungen würden stimmen: Warum nutzen Kegel und Staun ihre Erkenntnis nicht zur Basis einer Analyse? Der Frage könnte man doch nachgehen: Was für eine Elternschaft muss das sein, für die solche Magazine gemacht werden? Und damit meine ich nicht den implizierten Spießigkeits-Vorwurf oder die Einschätzung, wann Sex gut ist, sondern die Frage: Warum gibt es Menschen, die sich eine derartige (für FAZ-Autoren offenbar unvorstellbare) Elternschaft zumindest zeigen lassen wollen? In welchen Kontexten leben die, mit welchen veränderten Ansprüchen und Zielen sind sie ausgestattet? Für all das liefert Nido eine herausragende Vorlage zur Medienkritik. Dass dies nicht genutzt wird, sondern stattdessen ein besserer Buchtipp empfohlen und Spießigkeit kritisiert wird, lässt ahnen: Das Konzept eines auf eine durch ein Lebensgefühl verbundende Magazin-Leserschaft bleibt unverstanden. Dabei würde genau darin eine Menge dessen stecken, was Publikation auch im Netz erfolgreich macht (siehe dazu den Eintrag Erfolgreiche Zeitungen verkaufen nicht nur Nachrichten).

„Ihre Testfragen sind ein großer Quatsch“

Der Schweizer Tagesanzeiger hat einen ganz eigenen Humor: Hier vermeldet man heute Vormittag mit der gleichen Überschrift wie gestern abend Meedia:

Das Jugendmagazin «Neon» hat sich nach Fälschungsvorwürfen von seinem Autor Ingo Mocek getrennt. Er hatte Interviews mit Musik-Stars wie Beyoncé Knowles frei erfunden.

Unerwähnt bleibt dabei jedoch, dass genau das Interview mit Beyonce noch im Netz nachzulesen ist – beim Tagesanzeiger, der das Neon-Gespräch offenbar übernommen hat. Dort erfährt man zum Beispiel, dass Beyonce angeblich folgendes gesagt haben soll:

Sie fragen mich, wie viel ein Päckchen Butter kostet. Gleich wollen Sie bestimmt wissen, was der Durchschnittsverdienst eines Amerikaners ist. Ich kenne diese Fragen. Seit ich sieben bin, mache ich Interviewtraining – das gehört zu meinem Beruf dazu wie Tanzunterricht. Wenn ich Ihre Testfragen beantworten kann, zeigt das angeblich, dass ich mitten im Leben stehe. Dabei ist Ihr Test ein grosser Quatsch.

UPDATE: Der Tagesanzeiger hat das vermeintliche Interview mit einer Warnung versehen: Dieses Interview ist eine – wenn auch gelungene – Fälschung. Das Gespräch hat in dieser Form nie stattgefunden. Wir entschuldigen uns für die Publikation.

Fragen im Titel? Verboten, aber gut!

Weil mir die aktuelle Ausgabe ein besonders gelungenes Beispiel zu sein scheint, muss ich jetzt doch mal zwei Worte zur Cover-Betextung von Neon verlieren: Gefällt mir!

neon-cover

An der Journalistenschule habe ich gelernt, Fragen in Überschriften seien verboten. Der Leser wisse die Antwort schließlich auch nicht und würde sich deshalb von fragenden Titeln abschrecken lassen. Die Neon-Cover (Auswahl) beweisen das Gegenteil:

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Gut gestellte Fragen wecken viel mehr Interesse und erzeugen mehr Nähe als vermeintlich „richtige“ Überschriften. Für ein Magazin, das seine Käufer über ein Lebensgefühl findet, ist das unerlässlich – und wichtiger als alle Regeln über korrekte Titel.

Das Erstaunliche daran: Der vermutlich geringste Teil der Käufer erwartet, dass das Heft auch wirklich eine Antwort auf die auf dem Cover gestellte Frage geben wird. Wie auch: Weder die Autoren noch die Macher kennen meine Eltern, wie sollen sie dann beurteilen können, ob diese zuviel fordern? Die Titel-Frage funktioniert eher wie ein guter Gesprächseinstieg, sie öffnet die Tür zu Geschichten und Assoziationen. Sie verlangt gar nicht nach einer Antwort, sondern sucht weitere Anschlussfragen – und vor allem, sie eröffnet einen Assoziationsrahmen, der für das steht, was Dirk Ippen das Solidarsystem Zeitung nennt. Wer auf diese Fragen anspringt, gehört zur Leserschaft.

Darin unterscheidet sich Neon dann erstaunlicherweise gar nicht von der tz – was lustig klingt, aber durchaus als Kompliment gemeint ist.

Die Wahrheit über StudiVZ

An einem Tisch sitzen auf der einen Seite Dariani im dicken Rollkragenpulli, Brehm in einer Kapuzenjacke, auf der anderen Seite drei Vertreter von Holtzbrinck. Während Dariani schon den Vertrag unterschreibt, klingelt plötzlich das Handy von Michael Brehm, der spricht kurz hinein, legt auf, „das war Oliver Samwer“, spricht er, „wir sollen nicht unterschreiben.“ Samwer ist Veteran der deutschen Gründerszene. Samwer hat bei StudiVZ investiert und berät die Gründer. Dariani starrt Brehm ratlos an, für diese Situation haben sie kein Drehbuch, irgendwann unterschreiben sie dann weiter.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Neon gibt es eine lesenwerte Geschichte namens Der Profil-Neurotiker über Ehssan Dariani und StudiVZ.

Kampf um jeden Leser

„Der Mix macht’s. Im Moment ist die größte Umsatzsäule im Internet die Werbung, aber die Verlage bauen eben sukzessiv andere Umsatzsäulen dazu, allen voran E-Commerce, so dass man mittlerweile vernünftige Umsätze erzielen kann und natürlich bei wesentlich geringeren Kosten, als das im Print der Fall ist, denn im Internet entfallen Kosten, Vertriebskosten, Papierkosten, die sonst eben einen hohen Anteil der Erlöse für sich in Anspruch nehmen.“

Das Deutschlandradio zitiert unter dem Titel Kampf um jeden Leser „Alexander von Reibnitz vom Verband der Zeitschriften“, der im Rahmen der Zeitschriftentage in Berlin über die Zukunft des Print im Internet spricht.

Langzeitadoleszenz

Also bleibt man lieber im Zustand der Langzeitadoleszenz hängen, was natürlicherweise nicht ganz ohne Redundanzen durchzuhalten ist – frei nach Heiner Müller: Gesucht wird das Neue in der Wiederkehr des ewig Gleichen, Neon müht sich in dieser Frage wacker und handwerklich sehr professionell. Neon trifft den Hammer mit regelmäßiger Präzision auf den wollbemützten, Pony-verhangenen Kopf.

Ein taz-Redakteur, der dort offenbar selber gerne arbeiten würde, macht Werbung für ein Buch, das er geschrieben hat und tarnt dies als (anlassloses) Porträt der Zeitschrift Neon. (via 6 vor 9)