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Das neue Familienbild

In der heutigen Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung erscheint unter dem Titel Das ganze Web schaut zu ein Text von mir über Eltern auf Facebook und YouTube. Anlass sind Clips wie dieser hier von der damals vierjährigen Hannah …

… und die zahlreichen Fotos, Filme und Fußabdrücke von Kindern im Netz, die zum Teil nicht mal laufen können:

Es wäre zu leicht, diese Entwicklung mit der gleichen Geringschätzung zu beurteilen, die bisher viele jugendliche Netznutzer erfahren haben, weil sie dort angeblich nur ihrem übersteigerten Mitteilungsbedürfnis nachgehen. Denn die Tatsache, dass es eine Spur gibt, muss nicht bedeuten, dass diese derart tränenreich ist wie bei Hannah. (…) Die Zahlen der Studie zeigen zunächst, wie selbstverständlich die Möglichkeiten des Netzes mittlerweile eben nicht nur von Digital Natives genutzt werden – und sie zeigen, wie wenig die Gesellschaft bisher gelernt hat, damit umzugehen. (…) Die meisten Menschen und auch die jungen Eltern nutzen die Technik, um mit Freunden und der Familie zu kommunizieren. Sie bedenken nicht, dass diese neue Form der Kommunikation auch eine neue Form der Öffentlichkeit erreicht – eine, die über den angenommenen privaten Rahmen eines sozialen Netzwerks hinausgeht.

FAZ über Nido

Hätten Spielplätze im Frankfurter Holzhausenviertel oder in Prenzlauer Berg – wo die „Nido“- Leserschaft wohnt – Türsteher, dann kämen derart gewandete Kinder da nicht rein. Gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal: Man wolle sich um die „vielfältigen Interessen moderner Eltern“ kümmern, und zwar solcher, die „vielleicht nicht jede Nacht durchschlafen, aber noch Träume haben“.

In der FAZ schreibt Sandra Kegel unter dem Titel Ihr seid ganz schön gaga über Nido. Dummerweise scheint sie für ihre Thesen im Heft keine Belege zu finden, deshalb muss sich ein „gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal“ einschieben.

Statt einer wirklichen Analyse des sich ändernden Elternbildes wenigstens zu versuchen, arbeitet der Text sich an den unterschwelligen Vorstellungen der Autorin ab, die mit der angenommenen Welt der ebenfalls imaginierten Nido-Leser nicht zusammen gehen wollen.

… deshalb gibt es als Literaturtipp auch nicht Anna Katharina Hahns lesenswerte Elterngroteske „Kürzere Tage“, sondern Hanna Lemkes Erzählband „Gesichertes“.

Skandal!

Interessant an dieser Beschreibung des neuen Elternmagazins ist zweierlei: Zum einen der Ansatzpunkt der Kritik (und die damit indirekt geäußerte eigene Warnehmung von richtiger Elternschaft) und zum zweiten das erkennbare Problem mit dem Konzept „Magazin“. Beispielhaft ist dies in dem folgenden Zitat zu fassen (das große I in „Ihre“ ist wie das große S in „Sie“ ein vermutlich bezeichnender FAZ-Tippfehler):

„Lebensgefühl-Journalismus“ nennen Ebert und Klotzek das Konzept, das sie bei „Neon“ erfolgreich umsetzen. Hier verlieren Sie Ihre panische Angst davor, zu verspießern und die hippen Freunde aus den Lofts zu verlieren. Denn, so lesen wir in „Nido“: Guter Sex geht auch, wenn man Kinder hat, und Achtung: Wenn man der Politik nur ein bisschen Beine macht, dann klappt’s auch mit dem Krippenplatz.

Bereits zur ersten Testnummer von Nido hatte der FAS-Autor Harald Staun über das neue Heft geschrieben. Die Geschichte trug den Untertitel: „Das Magazin „Nido“ will junge Eltern ernst nehmen – und macht alles noch schlimmer“. Der Text ist online nicht verfügbar. Staun hatte sich damals ebenfalls am Konzept des „Lebensgefühl-Journalismus“ abgearbeitet und war auf den – in seiner Plattheit selten erreichten – Schluß gekommen:

Mit kaum einer Lektüre jedenfalls ließe sich seine eigene Spießigkeit besser beweisen als mit der von „Nido“.

Mal angenommen diese Beobachtungen würden stimmen: Warum nutzen Kegel und Staun ihre Erkenntnis nicht zur Basis einer Analyse? Der Frage könnte man doch nachgehen: Was für eine Elternschaft muss das sein, für die solche Magazine gemacht werden? Und damit meine ich nicht den implizierten Spießigkeits-Vorwurf oder die Einschätzung, wann Sex gut ist, sondern die Frage: Warum gibt es Menschen, die sich eine derartige (für FAZ-Autoren offenbar unvorstellbare) Elternschaft zumindest zeigen lassen wollen? In welchen Kontexten leben die, mit welchen veränderten Ansprüchen und Zielen sind sie ausgestattet? Für all das liefert Nido eine herausragende Vorlage zur Medienkritik. Dass dies nicht genutzt wird, sondern stattdessen ein besserer Buchtipp empfohlen und Spießigkeit kritisiert wird, lässt ahnen: Das Konzept eines auf eine durch ein Lebensgefühl verbundende Magazin-Leserschaft bleibt unverstanden. Dabei würde genau darin eine Menge dessen stecken, was Publikation auch im Netz erfolgreich macht (siehe dazu den Eintrag Erfolgreiche Zeitungen verkaufen nicht nur Nachrichten).

Die symbolischen Väter

Die symbolischen Väter sind tolerant und einfühlsam, sie denken mit und packen an, sie können kochen und wissen, wo das Waschmittel steht. Und das unterscheidet die meisten von ihnen von den meisten ihrer Väter. Alles gut, alles schön.

Aber reicht das? Oder anders gefragt: Wann werden die symbolischen Väter zu realen Vätern? Wann wird für sie der Entschluss, eine Familie zu gründen, auch einen realen Verzicht, Einschnitte und Kompromisse nach sich ziehen?

Jana Hensel widmet sich unter dem Titel Vater Morgana im aktuellen Zeit-Magazin den Problemen, die sich hinter all den beständig gelobten Elternzeit-Vätern auftun, wenn diese an den Arbeitsplatz zurückkehren und so tun, als sei alles wieder wie vorher. Sehr angenehm nach all den durchaus selbstgefälligen Wickel-Vätern mal eine andere, die weibliche, Perspektive auf dieses Thema zu lesen.

Hensel nennt diese Männer „symbolische Väter“ und breitet – um das Phänomen zu beschreiben – dem Leser ihre private Lebenssituation als Vollzeit arbeitende Mutter aus (laut Website ist sie: „freie Journalistin und Autorin in Berlin“). Ich bin unsicher, ob das tatsächlich nötig gewesen wäre. Denn die Lösung, dieser in der Tat komplizierten Situation ist ja – wie die Einführung des Elterngeldes gezeigt hat – nicht zuvorderst auf der privaten Ebene zu suchen. Damit sich einlösen kann, was Hensel anspricht, müssen dafür auch gesetzliche Rahmen geschaffen werden:

Wie aber wäre es, wenn auch er, sagen wir, an zwei Tagen der Woche die Kinder von der Kita abholte, wenn er mit den Älteren Schularbeiten machte? Wenn er nicht nur ein Einzelfall wäre, der die Regel bestätigt? Der reale Vater würde beginnen, die Familienarbeit nicht länger auf die Schultern der Frau abzuladen, er würde eine wirkliche und auch messbare Verantwortung übernehmen. Und er müsste seine Partnerin nicht länger mit symbolischen Gesten bei Laune halten.

Damit das gelingen kann, muss es Arbeitsmodelle geben, die Teilzeit nicht als Notlösung darstellen. Wie überfällig das ist, konnte man im Oktober in der ARD-Sendung Panorama sehen, in der die „Instyle“-Chefin Annette Weber über die Teilzeit-Modelle in ihrer Redaktion sprach. Sie sagte:

Das ist ja kein betreutes Wohnen, eine Redaktion. Das ist natürlich ein Unternehmen, was wirtschaftlich arbeiten muss und dem sind natürlich Grenzen gesetzt. Es ist natürlich so: in wirtschaftlich florierenden Zeiten kann man es sich eher mal erlauben, Mitarbeiter, in Anführungszeichen mitzuschleppen.

So etwas ist in Anführungszeichen ärgerlich – und sicher Anlass für eine Berichterstattung, die über die persönliche Befindlichkeit und Lebenssituation hinaus geht.

Grüne Kinder kriegen

Lohas-Autoren aufgepasst: Schreib doch mal ein Buch, das erklärt, wie man ein Kind „grün“ aufzieht, so eine Art „guide for new mothers in raising a „green“ family- and doing it simply and inexpensively“ vielleicht. Es könnte Green Babies, Sage Moms heißen oder Raising Baby Greenoder vielleicht Organic Baby: Simple Steps for Healthy Living. In jedem Fall müsste man den nachhaltig interessierten Eltern folgendes anbieten: „a range of options for organic foods and non-toxic products that promote a baby’s health while ensuring the overall health of the planet“. Man könnte auch einfach eins der drei Bücher übersetzen – und wenn man gerade dabei ist: auch dieses T-Shirt. (via)

Eltern unter Druck

Der normative Druck ist in dem Maße gewachsen, wie Eltern klar wird, dass von ihrem Kind etwas erwartet wird. Seit Pisa hat sich da etwas verändert bei den Eltern. Sie stellen sich mehr Fragen danach, wie sie ihr Kind besser fördern können, um ihm eine bessere Startposition zu ermöglichen?

Der Wettbewerb, den wir gesamtgesellschaftlich haben, ist bei den Eltern angekommen. Das sieht man besonders bei Mittelschichtseltern. Sie gehen davon aus, dass ihr Kind Abitur machen muss, wenn ihm gute Möglichkeiten offenstehen sollen.

telepolis spricht mit Christine Henry-Huthmacher über deren Studie „Eltern unter Druck“