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In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung erzählt der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer, wie er ohne Verwendung von Computer und Internet arbeitet. Das will der 66-Jährige tun bis in Rente geht, “dann muss ich mich wohl umstellen und doch noch an einen Computer wagen”. Der Grund dafür ist nicht, dass er als Pensionist einem höheren Realitätsdruck ausgesetzt ist, sondern dass er dann seine Sekretärinnen und die studentischen Hilfskräfte verliert, die ihm jetzt helfen.

Erstaunlich ist das Interview aber aus einem anderen Grund. Heitmeyer erläutert, wie er ganz analog arbeitet:

Ich schreibe mit einem Füllfederhalter oder diktiere, so beantworte ich auch E-Mails. In meinem Arbeitszimmer zu Hause arbeite ich an vier rohen Türplatten aus dem Baumarkt. Dort breite ich die ausgedruckten Texte aus und zeichne mit Marker Argumentationslinien nach. Dann rücke ich mit Schere und Pritt-Stift zu Werke. Ich denke nicht, dass ich mit dieser Methode erfolglos bin.

Schöner ist das Prinzip des Referenzierens selten beschreiben worden.

Gestern war ich in der NDR-Redezeit eingeladen. Das Thema der Call-in-Sendung auf NDR-Info waren die Acta-Pläne und die Proteste dagegen. Neben dem Hamburger Rechtsanwalt Jens Schippmann war auch der Jura-Professor Axel Metzger Gast in der Sendung (die man hier als Podcast nachhören kann). Professor Metzger hat dabei etwas auf den Punkt gebracht, was ich für die Grundlage der vorliegenden Debatte halte, deshalb möchte ich es hier zitieren.

Der Vorwurf, die Reform des Urheberrechts (die ich fordere) würde dieses abschaffen, ist falsch. Im Gegenteil, wer glaubt, dem Urheberrecht durch härtere Sanktionen zur Durchsetzung zu verhelfen, erweist ihm einen Bärendienst. Professor Metzger fasst dies (etwa ab 18.10 Min in dem Podcast) so zusammen:

Man kann natürlich immer sagen, wenn Rechtsnormen von den Adressaten nicht eingehalten werden – Schwarzarbeit, Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln – dann heißt das noch nicht, dass die Norm damit automatisch außer Kraft getreten ist. Wenn es aber so ist, dass nicht nur die Adressaten die Norm nicht mehr akzeptieren, sondern die Rechtsinhaber sie faktisch nicht mehr durchsetzen können (in den meisten Fällen, weil man an die Leute nicht rankommt) und wir jetzt sogar eine soziale Bewegung haben, die sich entwickelt hat, muss man sich schon fragen: Ist es weise, wenn wir weiter versuchen, die Daumenschrauben anzuziehen und Urheberrechtsregelungen zu verschärfen? Oder ist es nicht eher so, dass man pragmatisch sagen muss: Bevor die Akzeptanz des Urheberrechts völlig verloren geht bei der Generation der 15- bis 30-Jährigen, lasst uns Druck aus dem System rauslassen, das Ventil muss geöffnet werden, es müssen eben Pauschalvergütungssysteme her!

Ähnlich hatten vor ein paar Tagen auch die beiden Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Guy Kirsch und Volker Grossmann in der FAZ argumentiert, wo sie zu dem Schluss kamen:

Gesetze aber, die dem Rechtsempfinden zuwiderlaufen, sind auf die Dauer nicht durchzusetzen; mehr noch: Sie zerstören den Glauben an die Gesetzlichkeit. Somit besteht die Gefahr, dass das ohnehin schon problematische Verhältnis der Bürger zum Staat weiteren Schaden nimmt.

Das zu benennen heißt eben nicht, das Urheberrecht abschaffen zu wollen. Im Gegenteil: Das Urheberrecht muss auf eine neue Grundlage gestellt werden, die den Akzeptanzverlust stoppt, die wir derzeit erleben. Denn – so Professor Metzger weiter:

Das geistige Eigentum ist besonders darauf angewiesen, dass es von der Bevölkerung akzeptiert wird. Es ist immer so, dass rechtliche Regeln nicht nur vor Gerichten durchgesetzt werden, sondern vor allen Dingen dadurch Realität sind, dass die Menschen, die Regelungen akzeptieren. Die Durchsetzungspolitik, die wir in den letzten 15, 20 Jahren erlebt haben, erodiert die Akzeptanz des Urheberrechts – insbesondere bei der jüngeren Bevölkerung. Das ist der größte Schaden, den die Kreativen am Ende davontragen werden.

Nachtrag: Der NDR meldet einen Spam-Angriff auf seine Facebook-Seite im Nachgang zu der Debatte: “Kämpferisch zeigten sich im Anschluss an diesen Themenabend ACTA-Gegner, die in einer offensichtlich konzertierten Aktion die Facebook-Seite von NDR Info innerhalb weniger Stunden mit rund 1.000 Kommentaren versahen. Kernaussage dieser identischen Postings: “STOP ACTA!”"

Mit leichter Verspätung habe ich heute erst ein Interview mit dem Schweizer Medientheoretiker Felix Stalder gelesen, in dem dieser über Acta, Piraten und die Kultur des Teilens spricht. Das Interview ist in Gänze spannend und lesenswert, besonders hat mich aber der Aspekt der Solidarität fasziniert, den Stalder anspricht:

Insofern ist das Feld der solidarischen Netzpolitik nach wie vor für linke Parteien offen. Sie müssten einfach verstehen, dass Solidarität heute auf einer anderen Erfahrung beruht als im 20. Jahrhundert. Sie beruht auf dem Austausch von Kultur und Wissen und nicht mehr auf der gemeinsamen Erfahrung im Arbeitsprozess. Deshalb ist auch die oft beklagte Individualisierung gerade nicht das Gegenstück zur Solidarität, wie uns die neoliberale Ideologie glauben lässt.

via

http://diskurs.dradio.de/2012/03/01/plotzlich-sind-wir-alle-urheber/

Die Macher des neuen Debatten-Portals Diskurs@Deutschlandfunk haben mich gebeten, einen Text zur Urheberrechtsdebatte beizusteuern, die dort aktuell läuft. Unter dem Titel Plötzlich sind wir alle Urheber versuche ich dabei die Entwicklung des aktiven Rezipienten mit der digitalen Kopie zusammenzubringen.

Auf der Seite eins der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit befasst sich ein “Von Dieben lernen” betitelter Kommentar mit den Acta-Protesten der vergangenen Tage und Wochen. Ich habe den Text mit Ärger, Erstaunen und nachhaltiger Erschütterung gelesen und will das hier festhalten für den Fall, dass in Zukunft mal wieder das Thema digitaler Graben aufkommt oder Medien sich (wie bei den Acta-Protesten vergangene Woche) plötzlich erstaunt fragen: Wo kommen denn all diese Demonstranten plötzlich her?

Der Text (online bisher nicht verfügbar) ist verfasst von Thomas Fischermann, der vor kurzem (mit Götz Hamann) das Buch Zeitbombe Internet veröffentlicht hat.

1. Ärger
Der Begriff des Diebstahl wird in dem Text unreflektiert und breitflächig eingesetzt. Auch das moralische Argument wird ins Feld geführt um zu erläutert, warum die so genannte “Null-Euro-Fraktion” (Menschen, die Musik aus Tauschbörsen laden statt sie wie z.B. der Zeit-Autor für 21 Euro “bei einer Internet-Musikvertriebsfirma aus Glasgow” zu kaufen) falsch liegt. Geärgert hat mich das, weil ich glaube, dass die unreflektierte Verwendung des Begriffs Diebstahls nicht richtig und dass die darauf aufbauende moralische Diskussion nicht zielführend ist.

2. Erstaunen
Trotz dieser sprachlichen Ungenauigkeit in dem Text argumentiert dieser nicht realitätsfern. Er stellt fest, dass “ausgerechnet das Internet neuerdings vielversprechende Geschäftsmodelle” eröffne und zieht aus der Diebstahl-Annahme nicht den Schluss, die Vertreter der Null-Euro-Fraktion zu verdammen oder zu beschimpfen. Das hat mich positiv erstaunt – weil ich es nach der merkwürdigen Überschrift nicht erwartet hätte.

3. Erschütterung

Beendet habe ich die Lektüre des Textes dennoch mit nachhaltiger Erschütterung, denn in seiner gewählten Sprache bleibt er dann doch verräterisch. Zwar benennt er Argumente für diejenigen, die da auf die Straße gegangen sind. Er sagt aber sehr klar: Das sind nicht wir, das sind nicht die Leser dieser Zeitung, das sind die anderen. Konkret steht in dem Text – mit Bezug auf die Acta-Demonstranten:

Man kann mit denen jetzt hin und her diskutieren, welche Seite moralisch und juristisch recht hat. Man kann sich aber auch den Ärger sparen.

Im Kontext folgt dann der Hinweis darauf, dass sie womöglich doch bereit sind für Inhalte zu zahlen. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir um den Tonfall, der aus dem “mit denen” und dem “hin und her diskutieren” klingt. Dieser Tonfall schließt aus. So wie es den Cover-Themen der Zeit immer häufiger gelingt, einzuschließen (“dieses Problem betrifft mich auch, ich gehöre dazu”), zeigt dieser Tonfall, wer eben nicht dazu gehört: die da. (Mal abgesehen davon, dass der “Ärger” des Rumdiskutierens vielleicht gerade das ausmacht, was jetzt dringend notwendig ist: eine Debatte um ein zukunftsfähiges Urheberrecht)

Vielleicht ist dies lediglich ein sprachliches Detail. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Hinweis auf einen großen Bruch. Ein Zeichen dafür, dass die zumeist jungen Acta-Demonstranten hier offenbar keine publizistische Heimat haben. Dass man hier ihre Sprache nicht spricht (Raubkopierer), dass man sich hier von ihnen distanziert und sie (noch?) nicht als relevanten, gleichwertigen Debattenteilnehmer akzeptiert.

Die FAZ hat dieser Tage eine ganze Generation ausgerufen und den Text mit den Worten geschlossen:

Diese Geschichte begann mit einem Gesetz. Sie endet mit einer Revolution: Gegen die Twitter-Generation geht künftig nichts mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Prognose nicht nur auf die politische Debatte zu beziehen, sondern auch auf die publizistische. Wenn das keine Herausforderung ist – nicht nur für die Zeit.

An der ein oder andere Stelle war hier schon die Rede davon, dass die Kopie (in Zeiten der Digitalisierung) zum Mittel der politischen Meinungsäußerung geworden ist. Am Tag des Rücktritts von Christian Wulff findet man dafür schöne Beweise. Der erstaunlichste ist sicher das obige Video (via), das aus der Rücktrittsrede einen Remix macht.

http://aufdemwegzumemir.tumblr.com/

Auch die schon vor ein paar Wochen aufgetauchten Looking-at-things-Kopien wie zum Beispiel das Fotoblog “auf dem Weg zum Emir” nutzen die Kopie, in dem sie Inhalte aus Kontexte nehmen und rekombinieren. Das gilt auch für die heute von den Kollegen vom SZ-Magazin erfundene Fotocollage, die wiederum eine Kopie des Netz-Memes ist, das vor ein paar Tagen auf Facebook erfunden wurde.

Update: Auf Twitter werde ich auf diese Musikversion hingewiesen



Gestern ist eine neue Folge der tollen Serie Everything ist a remix online gegangen. Kirby Ferguson befasst sich darin mit dem System Failure dessen, was das Urheberrecht mal wollte und dem, was es heute ist.

Damit endet die vierteilige Serie, die sich sehr detailliert mit Fragen des Immaterialgüterrechts in Zeiten der Digitalisierung befasst. Mich hat diese Arbeit sehr beeindruckt, sie hat mir in einigen Punkten neue Perspektiven aufgezeigt und ich habe mit Freude von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Kirbys Arbeit mit einer Spende zu unterstützen.

Da sich die USA in einem Wahljahr befinden, startet Kirby Ferguson jetzt ein Projekt zum Präsidentschaftswahlkampf, das er über Kickstarter finanzieren will und das den Titel This is not Conspiracy trägt:

Wer hätte das gedacht: Urheberrecht ist ein Thema für die Hauptsendezeit. Acta machts möglich. Das ist gut, denn die Debatte ist überfällig. Das schreibt auch Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne:

Wenn das Urheberrecht und seine Umsetzung nicht schnell der digitalen Realität angepasst werden, könnte es zu spät sein.

Der Text ist lesenswert – gerade wenn man die Vorgeschichte dazu kennt.

Vom Philosophen Hans-Georg Gadamer stammt der Satz:

Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.

Es lohnt sich, an diese Einschätzung zu erinnern, wenn man die Einlassungen liest, die in den vergangenen Tage über das Netz in Gänze bzw. über die zu aktiven Rezipienten “amateurisierten” Leser und Nutzer veröffentlicht wurden. Die Blogger und kommentierenden Nutzer kommen dabei nicht besonders gut weg – auch nicht auf Nachfrage.

Woran das liegen könnte habe ich mich gefragt? Daran, dass tatsächlich alle Leser dumm sind? Und alle Wähler nervig? Dann wäre doch der Schluss, den man nahezu ziehen muss, einen anderen Beruf zu wählen: Wie kann man als Journalist veröffentlichen, wenn man sein Publikum für blöd hält oder als Politiker arbeiten, wenn man in der Wählerschaft einzig Idioten erkennt? Da macht doch am Ende nicht mal mehr das Recht haben und ausgebucht sein Spaß, oder?

Ich glaube, eine solche Haltung ist nur mit Selbstüberschätzung und Zynismus auszuhalten. Da ich aber für Selbstüberschätzung zu gut bin, habe ich daran kein Interesse und war deshalb sehr froh, als ich im Nieman Journalism Lab eine weniger selbstgerechte Lösung las: The Washington Post tries a new weapon to fight the trolls: humans

Dort wählt man also einen neuen Weg: Statt die zu Nutzern aufgestiegenen Leser zu beschimpfen, redet man mit ihnen. Man verändert die Atmosphäre, indem man auf Lesermeinungen eingeht und diese öffentlich beantwortet. Man sucht – Achtung, Gadamer-Bezug – das Gespräch.

Ich glaube, dass es dazu in Wahrheit keine wirkliche Alternative gibt. Das Web2.0 wird nicht wieder weggehen, die Möglichkeiten des Dialogs werden nicht eingestampft. Journalisten und Politiker (und darüberhinaus zahlreiche andere Berufsgruppen) werden damit leben müssen, dass die vielen ach so dummen Menschen da draußen nicht nur eine Meinung haben, sondern diese auch veröffentlichen können. Dass also aus der Theorie des Grundgesetzes (Artikel 5) eine anstrengende Praxis wird. Dies abzuwerten, zu beschimpfen oder im Wortsinn zu bekriegen, wird nicht zum Erfolg führen.

Im Spiegel steht diese Woche eine Geschichte über die Facebook-Aktivitäten von Sigmar Gabriel. Etwas abschätzig wird dort darüber berichtet, dass der SPD-Chef einen Bäcker besucht hat, der ihn in einem Facebook-Kommentar angesprochen hatte. Der Text (der nicht online steht) äußert den Verdacht, dass man Gabriels ungefilterte Kommunikation in der Parteizentrale für gefährlich halte. Gabriel schreibt dazu auf Facebook:

Mir sind in der SPD-Parteizentrale allerdings noch keine Mitarbeiter aufgefallen, die schlotternde Knie haben – vor Angst, dass ich auf Facebook Blödsinn schreiben könnte. Im Übrigen kann ich alle beruhigen: Nein, ich bin keine Marionette, die von irgendwelchen PR-Profis gesteuert wird. Ich sage was ich meine. Auf Pressekonferenzen, bei Betriebsbesuchen, und manchmal eben auch bei Facebook.

Nicht nur weil er mir einfiel als ich das Gadamer-Zitat von oben las, sondern weil der Aphorismus von Kurt Tucholsky hier sogar auf Sigmar Gabriel passt, wünsche ich mir ein wenig mehr Experten-Toleranz für die angeblichen Amateure da draußen:

Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat