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Das Clinton-Gruppen-Selfie als Symbol für „Das Ende des Durchschnitts“

„Ich versteh es nicht“, sagt der Kollege als ich sein Büro betrete. Vor ihm auf dem Bildschirm seine Facebook-Timeline mit überproportionaler Präsenz eines Bildmotivs aus dem US-Bundesstaat Florida. Fotografiert von Barbara Kinney während der Wahlkampftour der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton am vergangenen Mittwoch. Zu sehen sind ausgestrecke Selfiearme, deren Besitzer der Kandidatin den Rücken zeigen. „Was ist daran so besonders?“, fragt der Kollege. „Sie hat doch gesagt ,Und jetzt macht alle mal ein Selfie‚…“.

Der Kollege versteht nicht, warum dieses Bild dennoch so große virale Verbreitung findet. Es sei doch vor allem die Dokumentation einer Interaktion von Clinton mit ihrem Publikum.

Das ist es, aber ein anderer Kollege bringt später am Tag mit einer Collage auf den Punkt, weshalb die Rücken an diesem Tag vor dem ersten TV-Duell zwischen Clinton und Trump so häufig geteilt wurden: Sie werden als Zeichen einer Veränderung gelesen.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, was das Foto tatsächlich dokumentiert. Mindestens ebenso wichtig ist, was man auf dem Foto sehen kann wenn man es denn will: Man sieht Menschen, die sich von der vermeintlichen Bühne abwenden, ihr den Rücken zudrehen um ein Selbstporträt mit prominentem Hintergrund anzufertigen. Ein taugliches Symbol für die selbstbezogene Smartphone-Gesellschaft, die eher ein Selfie macht als zur Kandidatin zu schauen.

Für mich ist dieses Bild – abseits jeglicher Beurteilung – ein Zeichen für das, was ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne. Ein Zeichen für die Entwicklung zu einer digitalen Gesellschaft, in der nicht mehr das für alle gleiche Standardbild als Erinnerung dient, sondern die unzähligen Einzelfotos, die nicht nur durch das Publikum entstehen, sondern mit dem Publikum: Jedes Selfie zeigt Clinton – aber vor allem ein anderes Gesicht im Vordergrund.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Mir persönlich ist dabei völlig egal, ob irgendwer das nun gut oder schlecht findet. Mir persönlich ist es Zeichen einer Entwicklung, mit der wir so oder so konfrontiert sind. Und da ich mich in den vergangenen Monaten etwas intensiver mit ihr befasst habe, kann ich klar sagen: Sie wird spannend!

Mehr zum Ende des Durchschnitts:

>>> Der Digitale-Notizen-Newsletter zur Frage: Soll mein Buch auf Facebook?
>>> Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch
>>> Meta- Das Ende des Durchschnitts

Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

Ein journalistisches Format zu etablieren, hat mal irgendwer gesagt, ist mindestens so kompliziert wie ein Restaurant zu betreiben. Ich weiß nicht mehr von wem dieser Vergleich stammt. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich ihn hier an dieser Ecke in der Münchner Innenstadt zum ersten Mal gehört habe. An den Tischen des Bar-Restaurants mit den großen Fenstern habe ich jedenfalls über unzählige journalistische Formate, Projekte und Ideen gesprochen. Und vielleicht ging es dabei auch mal um das Eröffnen von virtuellen und greifbaren Räumen.

Über Jahre lag das Bon Valeur nämlich nicht nur gegenüber der vermutlich zentralsten Münchner Innenstadt-Tankstelle, es war vor allem nur wenige Schritte von der Redaktion entfernt, in der bis Mitte der Nuller Jahre das jetzt- und das SZ-Magazin gemacht wurden. Wir gingen nach Feierabend nicht selten in das Restaurant, das durch Fenster (riesig), Lage (irre zentral), Haltung (ein Hauch von Bar) und Speisen (anfangs nur vegetarisch) auf eine unaufgeregte Art ausstrahlte, was München damals nur mit großer Anstrengung erreichte: Urbanität.

Lieblingskneipe

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

Ich saß hier mit Kolleginnen und Kollegen, die heute zu den besten Journalist*innen des Landes zählen. Wir tranken Bier aus Flaschen und taten, was mich bis heute nicht loslässt: Wir sprachen über Journalismus und wie man ihn verändern müsse, damit er unterhaltsam, sinnstiftend, begeisternd oder zumindest profitabel bleibt. Hier erfuhr ist von Jobwechseln und Buchideen, hörte die ersten Ideen zum Bezahlmodell der SZ und konzipierte den Pitch-Film für die neue Version. Wir erfanden Kolumnen und ganze Magazine, diskutierten über Blogs und Bildsprache und erlebten im Schein der gelb beleuchteten Tankstelle den Zauber dessen, was Journalismus für mich immer noch ausmacht: die Überraschung, das Neue und die schlichte Begeisterung für eine gute Idee.

Es gab eine Zeit vor etwas mehr als zehn Jahren, da saß ich so häufig an dieser Ecke, dass mir der Kellner wortlos ein Bier hinstellte, wenn ich mich setzte. Doch bevor ich bemerkte, dass das Bon Valeur mir auf die charmanteste Art zur Stammkneipe geworden war, war der freundliche Kellner irgendwann nicht mehr da, die Redaktion zog um und ich saß nur noch selten hinter den großen Fenstern.

Ich erinnere mich an all das, weil das Bon Valeur dieser Tage schließt und damit den Impuls bei mir auslöst, darüber zu bloggen. Denn genau für solche Texte hat man doch ein Weblog. Texte, in denen man schreibt, weil man persönlich betroffen und verbunden ist. Das gilt (Disclosure!) weit weniger für das Bon Valeur als für die beiden journalistischen Formate, deren Ende erstaunlicherweise auch in diesen Sommer fällt:

elrep

Der Elektrische Reporter hat unlängst seine letzte Folge (in dieser Form) gesendet. Aus dem tollen Videoformat, das Mario Sixtus 2006 quasi auf eigene Faust erfand, wurde im Laufe der Jahre für mich ein beständiger Begleiter, der eine ähnliche Besonderheit war wie das Bon Valeur in der Münchner Innenstadt: der ElRep – wie Experten-Zuschauer ihn nannten – ist neben Breitband im Deutschland Radio einer der Orte gewesen, an dem man sicher davon ausgehen konnte, dass kein Quatsch über die Digitalisierung verbreitet wurde. Das war – zumindest vor zehn Jahren – ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Digital-Journalismus. Was einiges über die deutsche Debatte zum Thema sagt – und die Qualität von ElRep und Breitband keineswegs schmälert.

Im ElRep lief 2011 zum Beispiel ein Bruce Stering-Interview, das mir persönlich Inspiration war für das, was ich dann später Kulturpragmatismus nannte. Aber nicht nur die angelsächsischen Vordenker*innen kamen neben dem orangefarbenen Hemd von Mario Sixtus zu Wort, der Elektrische Reporter stellte auch deutschsprachige Projekte vor (2012 durfte ich sogar selber mal das stilprägende Pappschild in die Kamera des Elektrischen Reporters halten). Und ganz nebenbei wurde der Elektrische Reporter dann auch die Heimat des wunderbaren Tweet-Video-Projekts „140 Sekunden“, das ich nicht nur sehr schätze, weil ich mit seinem Erfinder Tim Klimes auch schon an Bon Valeur Tischen saß (seine Produktionsfirma verantwortet auch das Format 15 Minutes of Fame, an dem ich mitwirken darf)

ElRep und die 140 Sekunden wird es – wie das Bon Valeur – in dieser Form nicht mehr geben. Das ist schade, aber – wer weiß – vielleicht eröffnet dies auch die Möglichkeit für Überraschungen, Inspirationen und gute neue Ideen. Bevor diese zünden, halte ich kurz inne und würdige die journalistischen Formate und das Bar-Restaurant.

Beides über Jahre so erfolgreich zu führen – hat mal jemand gesagt – ist ein beachtliche Leistung!

Soll mein Buch auf Facebook? (Digitale-August-Notizen)

Dieser Text ist Teil die August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Ich arbeite gerade an einem neuen Buch. Es wird „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ heißen und im Herbst bei Matthes&Seitz in unterschiedlichen Versionen erscheinen. Denn ich will in Meta nicht nur beschreiben, wie die Digitalisierung das Durchschnittsprodukt ablöst – ich will es auch in den Fassungen zeigen, die es von dem Buch gibt.

In der Planung des Buches habe ich mir u.a. auch die Frage gestellt: Soll mein Buch auf Facebook? Braucht ein Buch eigene Social-Media-Accounts? „Meta – das Ende des Durchschnitts“ verzichtet darauf – und das hat auch damit zu tun, dass ich mir diese Fragen nicht nur selber gestellt haben, sondern befreundeten Autorinnen und Experten. Hier sind ihre Antworten:

Kathrin Passig, Autorin:
Ich habe früher zu jedem Buch eine eigene Website angelegt, zu „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ außerdem auch noch einen Twitteraccount, und dann vorhersehbarerweise nach kurzer Zeit alles vernachlässigt. Deshalb gibt es zu den späteren Büchern bestenfalls noch je ein Googledoc zum Sammeln von Fehlern und Verbesserungsvorschlägen. Wenn mir jetzt Ergänzungen, Updates, Korrekturen einfallen, verwende ich dafür meinen normalen Twitteraccount. Ob sich daraus Empfehlungen für andere, besser organisierte Leute als mich ableiten lassen, weiß ich nicht. Bei anderen Leuten folge ich dem Autoren-Account und keinen speziellen, zusätzlichen Buchaccounts. Ich weiß auch nicht, ob sie so was haben; falls ja, habe ich es nicht mitbekommen.

Nilz Bokelberg, Autor
Ich würde eher meinen eigenen Accounts benutzen, um mein neues Buch zu bewerben und zu besprechen. Wenn man noch extra Accounts für das Buch anlegt, habe ich immer das Gefühl, es gibt einen Streuverlust unter den Lesern, die einem erstmal als Person folgen (oder die erstmal nur dem Buch folgen). Weitaus praktischer ist es da, alles aus einem Guss zu haben. Ausserdem scheint mir der zusätzliche Aufwand, noch eine Seite zu pflegen, zu überflüssig hoch. Der Leser mag eigentlich am liebsten den direkten Kontakt zum Autor. Eine Buchseite fühlt sich immer so an, wie vom Verlag gemacht. Deswegen mein Rat: Alles auf die eigenen Profile holen – da fühlt sich der Leser am ernstesten genommen.

Leander Wattig, Publisher, Speaker, Berater
In den allermeisten Fällen lohnt es sich nicht, Extra-Seiten für ein Buch anzulegen. Bis dort Reichweite aufgebaut ist – so es überhaupt klappt -, ist das Buch „durch“. Ausnahmen sind hier am ehesten größere Reihen und Serien, bei denen sich das Thema über mehrere Publikationen erstreckt. Außerdem ist es eh zu empfehlen, dass die Leute solche Bücher schreiben, die positiv auf ihre persönlichen Plattformen einzahlen.

Sophie Servaes, Social Media Redakteurin
Ich werde das ab und zu von Journalistenfreunden gefragt , die ihr Buch bewerben wollen. Ich empfehle dann immer, eine extra Facebookseite anzulegen, von Twitter rate ich ab. Die FB-Seite kann man vorab super mit Inhalten befüllen und dann Freunde einzuladen, Fan zu werden. Parallel sollte man alle Inhalte auch mit seinem privaten Profil verlinken und sich auch nicht scheuen, da ein bisschen mehr Werbung zu machen als es gefühlt richtig erscheint. Da müssen die Freunde dann eben durch. Engere Freunde würde ich zusätzlich bitten, die Seite zu empfehlen, Dinge zu sharen und zu liken, um die Reichweite zu pushen und natürlich sollte die Seite auch gesponsert werden. Auf der FB-Seite können alle Interviews, Rezensionen, Lesestücke etc gepostet werden. Nach und nach würde ich alles auf die Seite auslagern, bis dahin aber auch privat gut Werbung dafür machen.

Nina Reddemann, Managerin Audience Development (Hanser-Verlag)
Ich empfehle immer, keinen eigenen Account für ein Buch anzulegen, egal ob auf Facebook, Twitter, Instagram & Co. Die Arbeit, die man dort reinsteckt, um Reichweite zu generieren, wird meist nur kurzfristig genutzt und dann liegt der Account mit Fans und Followern brach. Kurz gesagt: Statt eines Accounts für ein einzelnes Buch ist der persönliche Account eines Autors nachhaltiger. Der Autor kann ihn als Informationskanal für weitere Projekte und so z.B. auch für zukünftige Bücher nutzen.

Eva Schulz, Journalistin
Ich würde alles immer in meinen persönlichen Accounts bündeln. Zum Einen, weil ich sonst kirre würde. Und zum Anderen, weil so ein Sachbuch ja nicht aus dem Nichts kommt. In der Regel hat die Autorin das Thema schon lange vorher beschäftigt und dies in Form von Tweets, Blogposts, Facebook-Gedankenkrümeln mit ihren Followern geteilt (womöglich auch: getestet?). Das wird sie auch nach Erscheinen des Buches machen, und sehr wahrscheinlich führt das dann wiederum zum Thema ihres nächsten Buches… Als Leserin und Autoren-Fangirl finde ich es schön, solche Entwicklungen über persönliche Accounts verfolgen zu können.
Ein Beispiel ist der kanadische Journalist Doug Saunders, dem ich folge, seit ich sein Buch „Arrival City“ fürs Studium gelesen habe. Damals hatten wir sogar eine kurze Diskussion via Twitter, die mir bei einer Hausarbeit geholfen hat. Würde ich nicht seinem persönlichen Account folgen, hätte ich gar nicht mitbekommen, dass er inzwischen zur europäischen Flüchtlingskrise forscht und gerade den deutschen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig mitgestaltet hat. Zwischendurch deutet er übrigens immer mal wieder an, dass dazu auch ein neues Buch in der Pipeline ist.

Simone Dalbert, Buchhändlerin und Bloggerin papiergefluester.com
Wenn man als Autor des Buches schon über ein Netzwerk verfügt, sollte man lieber das nutzen als neue Fan-Seiten speziell für jeden einzelnen Titel anzulegen. So nimmt man die Fans vom letzten Buch mit und die neuen von diesem Buch wiederum mit zu dem danach folgenden. Wer ein Buch von einem Autor mochte, liest wahrscheinlich auch noch ein weiteres von ihm. Wo kann er das besser erfahren, als über die Accounts des Autors selbst? Folgt er nur dem einen Buch, wird es dort irgendwann ruhig und der Kontakt zum Leser schläft ein. Außerdem machen die inzwischen bald allgegenwärtigen Algorithmen es schwer, mit einer neuen Seite schnell genug eine Followerschaft aufzubauen, deren Größe auch wirksam ist. Das funktioniert nur über Reposten der Beiträge der neuen Kanäle über bereits bestehende. Seine Inhalte zu sehr auf vielen Accounts zu verteilen ist aber nur sinnvoll, wenn man befürchtet, seinen eigentlichen Account damit spamartig zu überfüllen. Deshalb würde ich für ein neues Sachbuch eher meine bestehenden Accounts nutzen. Wer mir folgt, interessiert sich im Normalfall auch für meine Themen und fühlt sich durch Informationen zu einem Buch dazu eher informiert als genervt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).


Hier geht es direkt zum Buch, das über den Webshop von Matthes&Seitz vertrieben wird!

Smartphones in die Schule – Interview zu App Camps

Nur wenige Texte in diesem Blog sorgten für soviel Aufregung und Diskussion wie die kleine Replik, die ich unlängst auf die Smartphone-Geschichte im Spiegel schrieb. Vielleicht stimmt, was Johannes Kuhn befürchtet: „„Das Smartphone“ ist das neue „Das Internet“, ein Raum für Projektionen rund um Verhaltensänderung und Technologiehoffnungen/-sorgen, inklusive der alten Gegensätze.“ Ganz sicher gibt es hier großen Diskussionsbedarf. Deshalb habe ich Theresa Grotendorst nach der Debatte ein paar Fragen zum Thema Smartphone gemailt. Sie diskutiert nicht über das Thema, sondern engagiert sich dafür, insbesondere Jugendliche und junge Frauen für digitale Technologien zu begeistern. Sie unterstützt so genannte App Camps (wie jenes, das kommende Woche in Hamburg stattfindet) als Projektleiterin und Trainerin bei App Workshops.

appcamps

Über das Thema Smartphone-Nutzung kann man sich mit Eltern und Lehrern lang und breit streiten. Ihr bringt Smartphones in die Schule. Warum das denn?
In unseren Workshops lernen Schüler*innen eigene Apps für Smartphones oder Tablets zu entwickeln. Dabei wollen wir mit App Camps Interesse wecken und zeigen, wie viel Spaß programmieren macht, wie kreativ es ist. Wir können digitale Medien und Geräte verteufeln oder die Medienaffinität der Jugendlichen als Chance sehen. Die Jugendlichen sollen Smartphones und Co. nicht nur aus der Anwenderperspektive kennen lernen. Es geht darum den Jugendlichen zu zeigen, was man damit alles machen kann und wie sie ihre eigenen Ideen umsetzen können – weg vom reinen Konsumieren, hin zum Produzieren und Selbergestalten.
Programmierung ist anwendungsorientiert und kann wunderbar mit anderen Disziplinen kombiniert werden. So können sich die Schüler*innen z.B. eine Quiz-App bauen, um sich auf eine Biologieklausur vorzubereiten. Zudem ist Programmieren weit mehr als „nur” Code zu schreiben: Es fördert vor allem analytisches und logisches Denken, Problemlösefähigkeit und verbessert die Zukunftschancen. Leider spielt Informatik an vielen Schulen in Deutschland oftmals noch eine geringe Rolle und viele Jugendliche haben keine Möglichkeit diesen Bereich kennenzulernen. Wir wollen allen Schüler*innen den Zugang zu diesem Wissen ermöglichen.

Und das macht ihr alles, weil die Firmen aus dem Silicon Valley, die im Rahmen der Smartphone-Kritik auch immer erwähnt werden, Euch bezahlen? Oder wie finanziert Ihr Euch?
App Camps ist eine gemeinnützige Organisation. Neben Veranstaltungen wie dem App Summer Camp erstellen wir Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte zum Thema Programmieren. Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind diese Unterlagen kostenlos. Daneben organisieren wir aber auch Fortbildungen und Workshops für Firmen, die ihre Mitarbeiter zu Themen rund um Digitalisierung weiterbilden wollen. Damit können wir das Angebot für Schulen querfinanzieren.
Zudem haben wir tolle Partner an der Seite, die uns unterstützen. So wird z.B. das diesjährige App Summer Camp von einem Bündnis aus Stiftungen, Unternehmen der Digitalbranche und der Stadt Hamburg gefördert.

Was lernen die Schüler*innen denn genau bei euch?
Die Jugendlichen entwickeln selber Apps für Android Geräte und lernen dabei spielerisch die Grundlagen der Programmierung und Konzepte der Informatik kennen. Für die App-Entwicklung nutzen die Schüler*innen den vom MIT frei zur Verfügung gestellten App Inventor.
Dabei lernen sie nicht nur wie man die Sensorik eines Telefons ansteuert, sondern auch Fähigkeiten, die weit über das Programmieren hinausgehen. Denn sie bekommen auch ein besseres Verständnis für die Apps, die sie tagtäglich auf ihren Smartphones nutzen. So können sie fertige Medienprodukte kritischer betrachten und z.B. Themen wie unzureichenden Datenschutz bei Apps hinterfragen. Dadurch entwickeln sie einen bewussten und kreativen Umgang mit neuen Technologien und Medien.

Kritiker sagen, Kinder und Jugendliche sollten möglichst gar keinen Kontakt mit Smartphones haben und diese erst ab 18 nutzen. Ihr bietet Kurse für Jugendliche ab 13 Jahre an…
Kinder und Jugendliche wachsen in einer zunehmend digitalen Welt auf und diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die meisten Viertklässler haben inzwischen ein internetfähiges Handy. Dabei ist ein Großteil der 13-Jährigen am PC und Handy schon richtig fit, aber in den meisten Fällen wird nur konsumiert. Das ist schade. Wir möchten, dass Kinder und Jugendliche die digitale Welt nicht nur konsumieren und aus “Anwender”-Sicht kennenlernen, sondern dass sie diese aktiv mitgestalten. Wir möchten den Kindern zeigen, welche Möglichkeiten es gibt kreativ zu werden und wie sie mit Hilfe digitaler Technologien und Programmierung eigene Ideen entwickeln und umsetzen können. So lernen die Jugendlichen früh neue Technologien zu verstehen und auch reflektiert zu bewerten, zu hinterfragen und einzusetzen.

Wie steht Ihr zu der weit verbreiteten Annahme, man solle die Geräte doch mal weglegen?
Natürlich sollte man “das Gerät” auch mal weglegen, jedoch ist diese Empfehlung in der Diskussion um eine angemessene Nutzung wenig zielführend. Ich denke, nicht die Technologien oder die Geräte sind das Problem. Es geht vielmehr um Selbstkontrolle, Disziplin und einen reflektierten und sinnvollen Einsatz. Ein pauschales Verbannen digitaler Technologien wird auf jeden Fall keine angemessenen Umgangsformen trainieren. Für eine vernünftiges Nutzungsverhalten brauchen Kinder und Jugendliche vor allem Vorbilder und Training. Computer und Smartphones sind Teil unsere Welt – wir müssen den angemessenen Einsatz und Umgang üben.


Zum Hintergrund auf den Digitalen Notizen:
Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Dieser Text ist eine kulturpragmatische Antwort auf die um sich greifende Smartphone-Angst.

Stellen wir uns kurz vor, der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren nicht die Technologie des Smartphones geschenkt worden, sondern – sagen wir – ein Fahrrad. Mit dem Bild eines immer wieder scheiterenden Fahrrad-Schülers, der sich in Schlangenlinien unsicher vorwärts bewegt, lässt sich vermutlich am besten fassen, wie die Gesellschaft (übrigens natürlich nicht nur in Deutschland) gerade versucht, ohne Stürze mit dem neuen Gefährt Gerät umzugehen. Dabei sollte uns die Tatsache, dass viele Menschen in der Lage sind, den kleinen Computer ohne fremde Hilfe einzuschalten, nicht täuschen: Wir können diese in Wahrheit noch sehr neuen Geräte bedienen, aber umgehen können wir mit ihnen noch nicht. Wir müssen als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erst lernen!

legweg_blendleOb die aktuelle Debatte über das ausführlich dämonisierte Smartphone dabei allerdings hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil: Nach der Lektüre der aktuellen Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema (€-Link zu Blendle) bin ich mir sicher, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Denn zu einem vernünftigen Umgang zählt zuvorderst der sachliche Zugang zum Thema – frei von Drogenvergleichen und Dämonisierung.

Auf dem Weg dahin stellen sich mir diese fünf Fragen, die von der Spiegel-Lektüre ausgelöst wurden, sich (in abgewandelter Form) aber auf zahlreiche Varianten der Debatte „Wie gehts du eigentlich mit dem Smartphone um?“ anwenden lassen:

1. Seit wann ist „einfach mal weglegen“ eigentlich ein sinnvoller Ratschlag für Lernende? Glaubt irgendjemand ernsthaft, der unsicher schlenkernde Radfahrschüler würde besser, wenn ihm von außen jemand zuruft: „Vielleicht einfach mal weglegen, das Ding.“ Mit diesem Satz endet die Spiegel-Geschichte – und dieser Satz wird auch auf dem Cover als Lösung verkauft. Uwe Buse, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Christine Luz, Dialika Neufeld und Martin Schlak (die Autor*innen der Geschichte) raten den ratlosen Smartphone-Nutzer, die Vorbilder im vernünftigen Umgang mit dem Gerät suchen, ernsthaft „dass wir uns erst mal weniger mit Maschinen beschäftigen sollten und mehr mit dem Menschen.“ Wie dadurch der Umgang mit dem Smartphone besser werden soll, sagen sie nicht. Und so bleibt ihr Fazit in etwa so hilfreich wie der Ratschlag an die unsicher fiedelnde Geigenschülerin, doch häufiger einen Ball zur Hand zu nehmen. Schließlich seien Menschen, die Ball spielen allesamt recht sportlich, viel an der frischen Luft und im Sommer mit gesunder Gesichtsfarbe beschenkt. Ob ihr Geigenspiel sich dadurch irgendwie verändert? Vermutlich wird es höchstens schlechter!

2. Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Drogenvergleich gekommen? Die Gesundheit ist ein hohes Gut und in der Debatte um Smartphones kommt ihr eine zentrale Rolle zu. Manfred Spitzer sagt „das Smartphone“ sei „heute das, was vor 70 Jahren die Zigarette war“ und im aktuellen Spiegel kommt eine Fachfrau mit ähnlicher Expertise zu dem Schluss: „Die Geräte sind wie Heroin, sie machen sofort abhängig.“ Die Frau, die das sagt ist Mutter zweier Kinder und Vertriebsreferentin bei der Lufthansa. Trotzdem bleibt ihr Zitat unkommentiert. Es dient mehr noch, um den emotionalen Rahmen zu setzen. Hier geht es nicht um ein technisches Gerät (das nebenbei bemerkt ohne Netzzugang für die meisten wertlos ist), hier geht es um den „Feind in meiner Hand“ (Titel), hier geht es um „Abhängige“, um einen „schädlichen Lebensstil“ und um „Verhaltensstörungen mit sozialen und psychischen Folgeproblemen“. Dieses Hochgebirge an Problemen macht sofort klar: jeglicher gar humorvoller Ansatz zu einer konstruktiven Lösung muss als ahnungsloser Flachlandspaziergang verstanden werden! Anders formuliert: Wer diese Probleme auftürmt, sucht vielleicht gar keine Lösung.

3. Wieso muss eigentlich stets die Jugend als Schreckensszenario herhalten? Die Sache mit der Sucht lässt sich übrigens noch steigern – wenn Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen. Die Jugend war schon immer verdorben. In einer Zeit, in der die Generation der Eltern Punkrock hört und kifft, erkennen diese den Niedergang der Nachkommen aber nicht mehr in schlimmer Musik oder langen Haaren. Der heutigen Elterngeneration, die in Autos ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen ist, treibt die Tatsache, dass ihre Kinder auf kleinen Computern tippen, tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Voller ehrlicher Angst lesen sie Texte über Abhängigkeit und Sucht – statt sich sehr banal auf die Suche nach dem zu machen, was Erziehung schon immer ausgemacht hat: Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Aber wo sind die Vorbilder für die angemessene Handy-Nutzung in der Generation der Eltern, die Ramones-Shirts (die Echten, von früher!) tragen und mehr über die Vergangenheit sprechen als nach Lösungen für die Zukunft suchen? Wo sind die Eltern und Lehrer, die vormachen, wie man ohne Dämonisierung mit Handys umgeht?
Wer mit den wenigen spricht, die es davon zweifelsohne gibt, findet übrigens schnell raus: Sie wissen sehr genau, dass es Kern des Problems und nicht der Lösung ist, wenn man aus der Tatsache, dass man das Gerät mal unvernünftig oder übertrieben genutzt hat, gleich eine Entzugsklinik-Debatte macht.

4. Seit wann ist eigentlich alles, was man auf dem Smartphone macht gleich? Pokemons fangen, mit mehreren Menschen gleichzeitig chatten oder hochkonzentriert „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen – all das kann ich auf dem Smartphone tun. Und all das führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man kommt sich fast wie ein Smartphone-Fanatiker vor, wenn man darauf hinweist, dass es kaum zielführend ist, alles, was man mit dem kleinen Computer tun kann, über einen kulturpessimistischen Kamm zu scheren. Hier zu differenzieren, scheint mir ein erster vorsichtiger Schritt in Richtung einer Lösung. Denn: Natürlich gibt es smartphone-verbundene Freizeitbeschäftigungen, die sprunghaft, verwirrend und unstet sind. Es gibt aber auch eine kontemplative, eine versinkende Lektüre Nutzung des Geräts. Wer sich also im gesundheitspolitischen Hochgebirge der Gefahren und Probleme zu verlaufen droht, sollte bedenken: Smartphones sind auch Bücher – und über Bücher würde der Spiegel niemals so respektlos schreiben.

5. Können wir uns vielleicht alle ein wenig locker machen? Dass Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder mit der Art und Weise hadern, wie diese ihr Leben gestalten wollen, ist ja nun nicht wirklich neu. Und gäbe es keine Smartphones, würde sich die Debatte womöglich an anderen Gepflogenheiten entzünden. Vielleicht liegt ein erster Ansatz einer Lösung also darin, sich locker zu machen – oder zumindest das Verteufeln und die Weglegen-Debatte zu beenden. Kevin Kelly schreibt in seinem lobens- wie lesenswerten „The Inevitable“: „Unser erster Impuls scheint es zu sein, auf die wogende Veränderung der digitalen Technologie zu reagieren, indem wir zurückrudern. Es zu bremsen, zu verbieten, zu leugnen oder mindestens den Zugang zu erschweren. Aber das rächt sich. Prohibition ist höchstens kurzfristig gut, langfristig ist sie kontraproduktiv.“
Etwas mehr Anregung und viel weniger Aufregung könnten dazu führen, dass wir ganz bald viel mehr Vorbilder haben, wie man denn ein Smartphone angemessen nutzt. Dazu zählt – keine Frage – auch die Tatsache, dass man es (wie schon Peter Lustig wusste) auch mal ausmacht. Dazu zählt aber vor allem, dass man anerkennt, dass das Smartphone in sehr vielen Fällen zunächst ein Instrument des sozialen Austauschs ist. Wer es oft und ausgiebig nutzt, tut das also selten allein wegen des Geräts, sondern recht häufig wegen der Personen, mit denen er und sie darüber verbunden ist. Auch deshalb gibt es hier übrigens keine einfache Lösung.


Mehr zum Thema unter dem Schlagwort Kulturpragmatismus!

Update: Aufgrund der meinungsstarken Debatte habe ich ein Interview zum Thema geführt

Der Grüffelo in Social Media-Diensten (Digitiale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil die Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Kein Tier kommt in dem sehr schönen Kinderbuch „Der Grüffelo“ zu Schaden. Und doch sind der Fuchs, die Eule und die Schlange in so großer Sorge, dass sie von ihren Plänen ablassen, die viel kleinere Maus anzugreifen – denn: „weil die Maus den Grüffelo als fuchterregendes großes Tier beschreibt, flüchten ihre Fressfeinde und lassen sie lieber in Ruhe.“

Das Kinderbuch von Julia Donaldson und Axel Scheffler ist ein schönes Beispiel für den Umgang mit Furcht und Angst. Es zeigt, dass die kleine und schwache Maus auch Tiere in Angst und Schrecken versetzen kann, die viel größer und kräftiger sind als sie selber. Und sogar als auftaucht, was sie sich als Schreckensszenario ausmalt (der Grüffelo nämlich) nutzt die Maus wiederum die Dynamik der Sorge, um sich aus der Situation zu retten. Sie wandert gemeinsam mit dem Grüffelo (Bild rechts: Beltz-Verlag) durch den Wald und lässt die Furcht der Tiere, die die beiden gemeinsam sehen, so wirken als ängstigten sich diese vor ihr: Vor der kleinen Maus, die niemandem etwas tut. Das wiederum beunruhigt den Grüffelo so sehr, dass er von der kleinen Maus ablässt, die ja gefährlich sein muss, wenn die anderen sich vor ihr fürchten.

Im Kinderbuch ist das ein für die kleine Maus beruhigendes Bild. Überträgt man es auf das Leben der Erwachsenen legt es die Dynamik von Schrecken und Terror offen: Angst zu verbreiten (Fear mongering) ist ein sehr tauglicher Mechanismus um Aufmerksamkeit zu binden – und zu nutzen.

Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan„, zitiert Martin Tschechne im Deutschlandradio Kultur den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und ergänzt: „einer, den man ausnutzen kann. (…) Denn durch Angst lässt das Denken sich fernsteuern, Angst beherrscht die Wahrnehmung und überlagert jede andere Emotion. (…) Angst macht blind und dumm. Gefährlich ist: die Schlauen wissen das.

Der Beitrag lief vor dem Amoklauf von München im Radio. Und doch lassen sich diese Angst-Analyse ebenso wie die Terror-Dynamik des Grüffelo auf die Panik übertragen, die sich nach den ersten Meldungen vom Olympia-Einkaufzentrum in der Stadt wie in sozialen Medien verbreitete. Angesichts der Szenen in der Stadt und der Posts auf Twitter und Facebook erscheint es fast banal, an den Appell vom Beginn des Jahres zu erinnern: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit einüben!

Denn anders als bei den bisherigen Social-Media-Großlagen (Böhmermann oder Kölner Silvernacht) wurde unter dem Hashtag #oez und #muenchen eine ordentliche Portion direkte Angst beigemischt. Diese wirkt als Brandbeschleuniger für die Falschmeldungen und Gerüchte, die Menschen aus böser Absicht oder eigener Angst verbreiten. Dabei ist es egal, ob Massenmedien (wie hier Skyp News) mit Angst Quote machen wollen oder ob eine Privatperson in einer Whats-App-Gruppe Bilder mit Blut und Leichen postet (die in Wahrheit aus Südafrika stammen und fast zum Standard-Repertroire der Angstmachen zählen). Stets greift der Grüffelo-Mechanismus: Es muss gefährlich sein muss, wenn die anderen sich so fürchten.

Es ist einer der untauglichsten Ratschläge, in furchterregenden Situationen „Keine Angst“ zu fordern. Wer je mit Flugangst in ein Flugzeug gestiegen ist, kennt das. Und so wird es vermutlich auch nichts helfen, im Rahmen der Social-Media-Gelassenheit „Keine Angst“ zu fordern. Gleichwohl erscheint es sinnvoll an das Reflektionsvermögen zu appellieren. Twitter, Facebook und unser Agieren auf diesen Plattformen ist historisch gesehen noch sehr jung – und kaum eingeübt. Ereignisse wie die Amoknacht von München zeigen, dass es dringend und wichtig ist, hier neue Techniken einzuüben. Es wurde auch erst das Auto und dann erst der Sicherheitsgurt erfunden…

Reflektion und Vernunft zu zeigen, wenn sich alle dem Grüffelo-Mechanismus hinzugehen scheinen, scheint in jedem Fall nicht falsch. „Es ist die wohl meistversprechende Strategie gegen ein archaisches, überwältigendes Gefühl, das wie ein Virus von einem Menschen auf den nächsten überspringen kann“, schreibt Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung. Das gilt aber nicht nur im persönlichen Umgang mit der Angst – sondern auch und vor allem in ängstlichen Zeiten auf Twitter und Facebook.

Denn so schön die Grüffelo-Metapher auch ist: Social-Media-Nutzer sind nicht die Maus, die sich gegen Fressfeinde erwehren muss. Man sollte sich von den Angstmachern (von welcher Seite auch immer) niemals in diese Rolle drängen lassen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Was ist eigentlich Online-Journalismus?

Jochen Wegner hat einen klugen Text über die Rolle von Live-Medien in Zeiten der Angst geschrieben. Von vielen Seiten werde ich darauf hingewiesen. Und auch ich mag den Text (nicht nur, weil ich eh glaube, dass wir mehr über Livejournalismus reden sollten), aber eine Frage lässt mich seit der Lektüre nicht los und treibt mich dazu, ungefragt meine Meinung in die Welt zu tragen zu bloggen. Die Frage lautet: Was ist eigentlich Online-Journalismus?

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Dabei geht es mir gar nicht um das Meta-Thema, das der Text behandelt (und über das ich womöglich auch noch was schreiben möchte), ich bleibe an dem Begriff Onlinejournalismus hängen. Schon im Vorspann suggeriert der Text, es gebe einen Unterschied zwischen Online- und irgendwie anderem Journalismus. Onlinejournalisten müssten, heißt es dort, „das sich überschlagende Weltgeschehen erklären – während es geschieht“. Das ist richtig, war es aber auch schon als es noch gar kein Online gab. Journalismus macht dies seit jeher: die Gegenwart beschreiben, einordnen und erklären – während sie geschieht. Neu ist also nicht der Anspruch an Journalismus, neu sind die Techniken und das Ökosystem, in dem dies heute geschehen kann und muss – für alle Journalistinnen und Journalisten.

Das journalistische Tätigkeitsfeld wird gerade enorm erweitert. Allerdings auf allen Kanälen. Nach der obigen Definition waren die beiden bekanntesten Online-Journalisten Freitagabend und Samstagnacht, die „das sich überschlagende Weltgeschehen“ erklärten, Claus Kleber und Thomas Roth. Sie taten das im Fernsehen, das irgendwie auch online ist. Wie alles heute online ist. Denn: Es gibt keinen Nicht-Onlinejournalismus mehr.

So zu tun, als könne man im Jahr 2016 noch zwischen Online- und anderem Journalismus unterscheiden, ist keine sprachliche Nebensache, sondern Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Missverständnisses. Es ist dies der Irrglaube, all das, was im Internet passiert, sei das Problem der „Online-Kollegen“. Dieses Missverständnis zeigt sich nicht nur im Journalismus, sondern zum Beispiel auch darin, dass man Nazikommentare auf Facebook zuvorderst für ein Problem von Facebook hält. Dabei sind diese Nazis, die dort an der Grenze des Legalen kommentieren, vermutlich auch ohne Internet und ohne Facebook Nazis. Das soll nicht heißen, dass Facebook sich aus der Pflicht stehlen kann. Es soll heißen, dass wir aufhören sollten, einen künstlichen Unterschied zwischen Online und Offline zu bedienen.

Das macht Jochens Text übrigens inhaltlich nicht schlechter und ich schreibe dies auch nicht als inhaltliche Kritik, sondern als Hinweis darauf wie groß der digitale Graben in diesem Land noch ist, wenn selbst so ein kluger Text noch mit diesem Unterschied hantiert.

Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Die Sache mit der Kopie: 10 Dinge, die wir von Melania Trump und Michelle Obama lernen können

Für einen Fan der völlig unterschätzten Kulturtechnik des Kopierens war heute ein interessanter Tag: Melania Trump hat in ihrer Rede beim Parteitag der Republikaner in Cleveland Passagen einer Rede wiederholt, die die aktuelle Präsidentengattin Michelle Obama 2008 in einer Rede genutzt hat (und ja, sie hat auch Rick Astley kopiert). Dieser Umstand hat nicht nur für einige Social-Media-Aufregung gesorgt, sondern legt auch die Notwendigkeit einer Klarstellung dar. Deshalb hier – anknüpfend an ein kurzes Gespräch in Deutschlandradio Kultur – zehn Dinge, die man von dem Fall „Melania Trump kopiert Michelle Obama“ lernen kann:

1. Ja, es ist eine Kopie. Die Behauptung, dass Politiker-Reden doch eh voll von Floskeln sind, ist erstens nicht richtig und im konkreten Fall zweitens nicht hilfreich.

2. Nein, es war keine gute Kopie. Trump hätte dafür mindestens ihre Quellen offenlegen müssen. Denn das machen gute Remixer und Mashup-Künstler: Sie benennen ihre Referenzen.

3. Für mich zeichnet sich eine lobenswerte Kopie übrigens durch zwei weitere Kriterien aus: Neben der Benennung der Quellen darf sie nicht eine bloße Wiederholung sein, sie muss eine neue Form finden und eine gewisse Schöpfungshöhe überschreiten.

4. Denn natürlich schaffen wir alle etwas indem wir Bezüge herstellen. Wir stehen – wenn man ein berühmtes Zitat benutzen will – auf den Schultern von Riesen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, gutes Kopieren einzuüben.

5. Dafür ist es meiner Meinung nach wichtig, die binäre Unterscheidung zwischen Kopie (böse) und Original (gut) durch eine skalierte Differenzierung zu ersetzen. Es gibt originellere und weniger originelle Werke. Schließlich ist auch Originalität keine entweder-oder-Fähigkeit. Warum beurteilen wir eigentlich die Werke, die aus Originalität entstehen, so eindimensional?

6. Wie originelle Referenzen entstehen können, kann man übrigens unter dem Hashtag #FamousMelaniaTrumpQuotes nachlesen:


7.
Im Rahmen der Web-Witze zum Thema tauchte übrigens auch eine Kopie eines Bildes von Michelle Obama auf, das die First Lady in Rahmen ihres Engagements in der BringBackOurGirls-Aktion gemacht hatte – und darauf ein weißes Blatt Papier hochhält. Dieses wurde – Kopiermaschine Internet – nun für neue Zwecke genutzt: Um der Forderung „Bring Back My Speech“ Ausdruck zu verleihen.

8. Aber natürlich ist Michelle Obama weit davon entfernt, die Kopisten jetzt auch noch mit einer Reaktion zu adeln. Stattdessen kursiert heute ein Video, das Obama beim Kopieren zeigt: Im Laufe der Woche wird ein Clip veröffentlicht, der sie beim Carpool-Karaoke zeigen wird.

9. Zusätzlich zu der Frage, wie man die Kopie zu bewerten haben, muss man einen Aspekt der Aufmerksamkeits-Ökonomie bedenken: Ergebnis dieser (unguten) Kopie ist für Melania Trump, dass plötzlich allüberall Bilder zu sehen sind, die die Frau, die gerne First Lady werden will im Gegenschnitt mit Bildern der Frau zeigt, die aktuell First Lady ist.

10. Anders formuliert: Es genügt nicht, sich mit dem Bedingungen des Kopierens zu befassen. Wir müssen auch in den Blick nehmen, wie Werbung Politik heute funktioniert. Dafür ist diese Kopie ein Lehrbeispiel, das allerdings selber wieder zehn Punkte rechtfertigen würde.

mashup

Zum Weiterlesen:
Vor fünf Jahren erschien bei Suhrkamp mein Buch „Mashup – Lob der Kopie“, über das ich am 23. September im NRW-Forum in Düsseldorf sprechen werde.

loading: SENtypha

Entwicklungshilfe, die greift – das ist das Ziel von Heidi Schiller. Deshalb hat sie jetzt ein Crowdfunding-Projekt auf Startnext begonnen, das den Titel „Ökobaustoff sucht Erntehelfer“ trägt. Dazu beantwortet sie hier den loading-Fragebogen

Was macht Ihr?
Aus Schilf im Senegal einen Ökobaustoff. Das Projekt SENtypha will Wege finden, Schilfrohr im Senegal als Rohstoff zu gewinnen, von dem wir schon wissen, dass es ein ökologisches Multitalent ist – nur gibt es noch keinen Weg, es wirtschaftlich zu ernten. Das wollen wir ändern.
Entlang des Senegal-Flusses wachsen riesige Mengen des Schilfrohrs „Typha Australis“. Dieses Rohr ist ein Wunderding – aber auch eine Last. Einerseits nämlich wissen wir, dass es ein hervorragender Rohstoff für qualitativ hochwertige, ökologische Baumaterialen und vieles weitere ist. Andererseits aber wuchert es im Senegal-Fluss Schifffahrtswege zu und bedroht die Trinkwasserversorgung der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Das Problem: Bislang gibt es keine Möglichkeit, Typha im großen Stil zu ernten. Lokale Wertschöpfung, Arbeitsplätze vor Ort, ökologisches Bauen – all das ist bislang nur eine theoretische Option.
KAITO will einen Weg finden, die Ernte effizient und nachhaltig zu organisieren und Produktionseinheiten aufzubauen. So wollen wir den Menschen vor Ort eine Perspektive bieten. Den Anfang macht eine Crowdfunding-Kampagne, die bis zum 5. August auf Startnext läuft.

Warum macht Ihr es (so)?
– Wir sind vom Potenzial des Baustoffs überzeugt.
– Wir wollen hunderte Arbeitsplätze schaffen! Denn Typha ist eine Jobmaschine für eine ziemlich arme Region. Die Ergebnisse aus den Vorarbeiten einfach abzuheften und in Ordner ins Regal zu räumen, wäre eine vertane Chance – für die Menschen vor Ort, aber auch für Investoren, die neben der Rendite auch auf den Social Impact schauen.
– Wir kennen den Senegal, die Verhältnisse und Strukturen seit 10 Jahren aus der Unternehmer-Perspektive.
– Für Banken ist das Vorhaben zu riskant, für Investoren liegen noch zu wenig Zahlen vor (die erstellen wir mit dem Geld aus dem CF), für öffentliche Förderungen fallen wir durchs Raster: zu klein, zu lange im Senegal, zu viele Vorarbeiten schon geleistet, passt nicht unter die Überschrift des Programms … Das können wir durchaus nachvollziehen, den Leuten vor Ort bringt das aber alles nix. Ergo neuer Weg: Crowdfunding!
– Was die Kampagne „spannend“ macht, um mal Markus Sauerhammer zu zitieren: Wir gehen eigentlich mit einem B-to-B-Thema ins klassischerweise B-C-Crowdfunding. Anschließend kommt schon eine Investment-Phase, die Projektentwicklung über CF zu finanzieren, ist aber ein Novum.

Wer soll sich dafür interessieren?
– Alle, die aktiv Fluchtursachen bekämpfen wollen: Niemand flieht ohne Grund. Kein Job ist ein Grund. Mit 100 EUR ist ein Job geschaffen!
– Menschen, die einem neuen Ökobaustoff zum ersten Schritt auf der Karriereleiter verhelfen wollen.
– Leute, die Entwicklungsländer und deren Menschen als Partner auf Augenhöhe betrachten, und dabei mithelfen, vorhandenes Potenzial wirtschaftlich nachhaltig zu nutzen
– Alle, die angefangene Projekte gern zu Ende denken und tun. Was nützen die schönsten Studien, wenn sie hinterher keiner umsetzt?!
– Naturliebhaber (Der Vogelpark Djoudj im Norden Senegals ist unmittelbar von Typha Australis bedroht, weil die Pflanze immer weiter wuchert und die Wasserflächen zu klein für die Vögel werden. Und ein Vogelpark ohne Vögel … Der WWF hat schon Alarm geschlagen).

Wie geht es weiter?
– Nach erfolgreichem CF ermitteln wir auf Probe-Erntefeldern in unterschiedlichen Umgebungen (Flussufer, Sumpfgebiet davor, Bewässerungskanäle) geeignete Erntemethoden, suchen passende Maschinen und ermitteln die Zahlen für ein wirtschaftliches Mengengerüst. Daraus erstellen wir einen Bildband (für unsere Unterstützer) + Zahlenwerk (für Investoren).
– Es folgt dann die Gründung einer lokalen Firma, die den Prozess Ernte – Trocknung – Faseraufbereitung professionell umsetzt. Hierfür suchen wir dann Investoren als Gesellschafter oder Darlehensgeber.
– Eine erste Produktionseinheit für Fertighausplatten könnte zB pro Tag ein Low-Cost-Haus für den lokalen Markt produzieren. Der Bedarf ist enorm!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Was mich am meisten antreibt bei dem Projekt, ist der Wille, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, sondern vorliegende Kenntnisse „super Material!“ auch in die Tat umzusetzen. Wenn wir es schaffen, unsere Idee auf viele Unterstützer zu übertragen, sie mitzunehmen und zu begeistern, können wir konkret hunderte lokale Jobs schaffen – und damit eine Perspektive vor Ort schaffen, die für einige die so sehnsüchtig gesuchte Alternative ist zur Flucht nach Europa. Ich glaube fest daran, dass konkrete Projekte – bei allem Risiko, das dabei ist – den Menschen vor Ort das meiste bringen. All die aufwändig recherchierten Studien sind eine wichtige Basis, die aber nur dann etwas nützen, wenn sie das Licht der praktischen Umsetzung erblicken und nicht im Regal stehen bleiben!


SENtypha hier auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: