Alle Artikel in der Kategorie “Netz

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Was ist eigentlich ein Buch?

Amazon hat in der leider viel zu selten geführten Diskussion über diese Frage in diesem Monat einen interessanten Gedanken angestoßen. Der Kaufhaus-Verleger-Großkonzern hat angekündigt, ab 1. Juli sein Vergütungsmodell für Autoren im Pauschalmodell Kindle Unlimited zu verändern. Nicht mehr die Anzahl der Leihvorgänge, sondern die Anzahl der tatsächlich gelesenen Seiten soll künftig die Höhe der Ausschüttung an die Autoren bestimmen. Verkürzt wurde daraus: Autoren sollen nach gelesenen Seiten bezahlt werden, was anschließend vor allem von Leuten kommentiert wurde, die die Lesepauschale offenbar nicht nutzen.

Das tue ich auch nicht – ich habe aber zum Beispiel bei Johannes Haupt auf lesen.net nachvollzogen, warum diese Veränderung im Bezahlmodell in Kindle Unlimited – entgegen der ersten Annahme – eher Autoren von längeren Texten nutzen wird. Er berichtet von „einer Flut von relativ kurzen 99-Cent-Serial-Titeln, die bei der bisherigen Vergütungsstruktur gleich einen doppelten Vorteil hatten. Mit ihnen erreichten Autoren schneller die 10-Prozent-Marke (ab der vergütet wird), und durch das Serien-Prinzip kassierten sie bei der Lektüre des gleichen Buches durch den gleichen Leser gleich mehrfach. Lesern konnten die mehrfachen Downloads dank Flatrate egal sein; das Nachsehen hatten vor allem Autoren längerer Titel, die sich nicht auf das Splitting-Spiel einließen.“ Das will Amazon nun ändern – und eröffnete damit quasi nebenbei eine Kultur-Debatte über die Frage: Was ist überhaupt ein Buch? Die taz beklagt eine Schnipsel-Honorarmodell, die SZ sieht die Veränderung als nächsten Schritt „zum normierten Lesen“ und die NZZ fragt unkend, ob bei diesem Modell, „tatsächlich auch die beste Literatur die besten Chancen hat“.

Mich erinnerte diese Berichterstattung an die Szene, die der ehemalige FAZ-Autor Stefan Schulz Anfang Mai in seinem Vortrag Journalismus nach dem Text erzählte. Sie trägt sich in der Online-Redaktion der FAZ zu und handelt vom ehemaligen Herausgeber der Zeitung Frank Schirrmacher und von der Software Chartbeat, mit deren Hilfe man verfolgen kann, wie Webseiten genutzt werden – in Echtzeit. (Mehr über Chartbeat auch in der Arte-Dokumentation Die virtuelle Feder, in der die New Yorker Zentrale der Softwarefirma besucht wird) Chartbeat zeigt zum Beispiel an, an welcher Stelle im Text Leser aussteigen, Chartbeat macht sichtbar, wieviele Leser in einem Text sind, wohin zu klicken und woher sie kommen. „Dass es diese Software gibt und dass sie in der eigenen Onlineredaktionen den Alltag bestimmt„, erzählte Schulz, „überraschte Schirrmacher. Er rief daraufhin verantwortliche Feuilleton-Redakteure und diensthabende Online-Redakteure zu sich, um grundsätzlich zu klären, dass die Linie der Zeitung von ihren Herausgebern festgelegt wird und nicht von einer Software.

Ob und wie die Technologie genau dabei behilflich sein kann, wird in der lesenswerten Rede nicht weiter thematisiert. Wie auch in der Berichterstattung über Amazons Seiten-Vergütungsmodell kaum die Frage gestellt wurde, ob das nicht auch Verbesserungen für das Medium Text in sich tragen könnte. Stattdessen wird relativ viel Zeit darauf verwendet, eine Frisbee-Scheibe wie einen Ball zu werfen. Mit diesem Bild habe ich die Annahme versucht zu fassen, das Digitale stets so zu behandeln wie man es von analogen Medien kennt: eine Frisbeescheibe also nicht in aerodynamischer Kreiselbewegung zu drehen, sondern flach zu werfen wie einen Ball. Das eBook wird in dieser Vorstellung stets genau so behandelt wie eine gedrucktes Buch, das man nur anders distribuiert. Dabei könnte das eBook vielleicht viel besser fliegen, wenn man versuchte seine digitalen Flugeingeschaften zu nutzen – es also zum Beispiel in Versionen zu denken, es in seine Bestandteile (Seiten) zu zerlegen oder ganz allgemein den digitalen Klimabedingungen anzupassen.

Womöglich entwickelt sich über diese technischen Veränderungen eine Erzählkultur, die vergleichbar ist mit dem Prinzip der TV-Serien, das das filmische Erzählen des Kinos erweiterte und nun allüberall gefeiert wird. Vielleicht befördert eine Verknappung eine Kultur des pointierten Erzählens, das eine Dimensionen eröffnet, die an die Tradition der Aphorismen anknüpft. Ich glaube, es könnte sinnvoll sein, sich damit zu befassen – denn hinter der Ecke wartet schon die nächste Stufe der Verknappung. Mit Lesetechnologien wie Spritz ist es möglich, Bezahlmodelle nicht auf Seiten, sondern auf Satz- bzw. Wortbasis zu realisieren (Hintergrund dazu hier)

Und an der Stelle lohnt es sich, eine Sekunde innezuhalten und nicht dem Reflex nachzugeben, der eigenen Meinung zu dieser Veränderung Raum zu geben. Viel spannender als die Frage „Wer will das denn?“ ist die Frage: „Wie kann man diese Technologie nutzen, um zu bewahren was wichtig ist?“. Und diese Frage kann man nur beantworten, wenn man Klarheit darüber hat, was wichtig und bewahrenswert ist. Das muss – darauf hoffe ich – mehr sein als die bloße Gewohnheit, ein Spielgerät halt stets wie einen Ball zu werfen. Nur weil Bücher immer so und nicht anders gedacht und gemacht wurden, ist keine ausreichende Begründung dafür, dies im neuen Umfeld auch so zu denken und zu tun. Wenn Bücher die Gefäße für das Medium Text sind, lohnt es sich, diese in ihren Möglichkeiten genauer kennenzulernen – statt sich mit dem zufrieden zu geben, was schon immer so war.

Stefan Schulz lobt in seiner Rede das geschriebene Wort und sagt: „Wollte man tatsächlich über das demokratische, verlässlichste und zukunftsträchtigste Medium etwas sagen – muss man über Schrift sprechen.“ Damit Schrift auch im Digitalen heimisch werden kann, muss man ihr helfen, sich dort einzurichten. Sie muss sich an die klimatischen Bedingungen des neuen Umfeld anpassen können, um wachsen zu können. Nicht der schlechteste Ansporn, sich mit der Digitalisierung zu befassen.

Dieser Eintrag ist Teil der Juni-Ausgabe des Newsletters „Digitale Notizen“, für den Sie sich hier kostenfrei eintragen können

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Shut up and take my money

Kennt irgendjemand bei den Krautreportern das auf Futurama basierende Meme „Shut up and take my money“? Know your Meme erklärt in Bezug auf das Bildmotiv und den zugehörigen Satz:

The phrase is often used on web forums and image boards to express a desire to obtain a certain product or invention, or to show approval for a proposed idea.

Im Rahmen der aktuell laufenden Diskussion zu der Frage wie es mit den Krautreportern weitergeht, ist das Meme der einzige Satz, den man den Crowdfundern zurufen will: Es wird seit Tagen über ihr Projekt diskutiert, Stefan Niggemeier erklärt seinen Ausstieg, Menschen erläutern warum sie ihr Abo verlängern oder nicht verlängern werden, es werden Interviews gegeben und Meinungen ausgetauscht. Einzig, das worum es jetzt gehen sollte, passiert nicht: Jedenfalls finde ich keinen Knopf auf der Seite, der mir hilft jetzt sofort das Abo zu verlängern. Und mal unter uns: Wenn es diesen Knopf nicht gibt, dann wird einfach niemand Geld fürs zweite Jahr geben können – völlig unabhängig davon, ob man die Krautreporter nun für relevant hält oder nicht. Sie sind ohne diesen Knopf einfach nur … kaputt!


Mehr zum Thema Krautreporter auch bei Thomas Knüwer, Marcus Schuler und Felix Schwenzel. Zur Frage von Wartezeiten für Bezahlangebote auch hier im Blog.

UDPATE: Der Knopf ist da!

kraut

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Wie wir mit dem Internet umgehen …

frisbee

Zwei Männer stehen im sommerlichen Wasser am Strand und spielen Frisbee – zumindest kommt das zugehörige Sportgerät bei ihrem Spiel zum Einsatz. Sie stehen einander gegenüber und werfen sich die Scheibe zu – allerdings ohne, dass diese (wie Wikipedia definiert) „durch aerodynamischen Auftrieb und Kreiselbewegung in der Luft gehalten“ wird. Die beiden werfen halt irgendwie – und zwar so ausdauernd falsch, dass es sehr anstrengend aber auch sehr lustig ist, sie dabei zu beobachten.

Unter anderem für solche Clips habe ich bei der SZ das Phänomeme-Blog erfunden. Als ich gestern jedoch dieses angeblich aus Bosnien stammende Video sah, erkannte ich nicht nur einen viralen Clip: Ich sah vor allem uns selber – bei der Benutzung des Internet. Unsere Frisbee-Scheibe heißt Digitalisierung, sie liegt vor uns, wir haben aber noch nicht so richtig verstanden, wie man sie einsetzt. So wie die beiden Badegäste versuchen auch wir uns in Techniken, die wir von anderen Spielgeräten kennen. Die beiden werfen die Scheibe wie einen Ball, wir betrachten das Netz wie ein Medium, das klassisch verbreitet wird. Das geht schon irgendwie, so wie auch die Scheibe von einem zum anderen bewegt wird, ihre besonderen Fähigkeiten entfaltet sie allerdings kaum.

Ziemlich sicher werden kommende Generationen auf unseren Umgang mit dem Internet schauen wie wir auf die beiden Badegäste mit der Frisbee: amüsiert und ratlos. Beenden werden wir dieses Amüsement übrigens nur, wenn wir anfangen anders zu denken, daneben zu liegen und (immer wieder) Neues auszuprobieren. Vielleicht finden wir dann den Trick mit dem aerodynamischen Auftrieb und der Kreiselbewegung …

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loading: Correctiv-Mitglieder

An diesem Wochenende ist es ein Jahr her, dass die Krautreporter in Deutschlands bekanntester Crowdfunding-Aktion 15.000 Abonnenten für eine neue Form des Journalismus gewannen. In diesen Tagen geht nun das Recherchebüro Correctiv (das hier schon mal im loading-Newsletter vorgestellt wurde) mit einem Mitglieder-Crowdfunding an den Start: 5000 Mitglieder will Correctiv-Chef David Schraven bis Ende des Jahres gewinnen. Er hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir sind das erste gemeinnützige Recherchebüro im deutschsprachigen Raum. Wir machen intensive, aufwändige Geschichten, die unsere Gesellschaft betreffen. Und wir bilden aus, damit möglichst viele Menschen, unsere Methoden übernehmen können. Mit dem Crowdfunding wollen wir 5000 Mitglieder gewinnen, die einen finanziellen Schutzwall um uns herum aufbauen, damit unsere Unabhängigkeit langfristig gesichert werden kann.

Warum macht ihr es?
Weil wir an die Vierte Gewalt glauben. Nur durch Aufklärung, Transparenz und Diskussion kann sich die Gesellschaft zum besseren wandeln. Anders gesagt: Noch nie gab es eine große Hungersnot in einem Land mit freier Presse.

Wer soll sich dafür interessieren?
Jeder Mensch, der sich unabhängige Informationen wünscht; dem leidenschaftliche Recherche etwas bedeutet; der an Aufklärung über gesellschaftliche Missstände interessiert ist; Mit anderen Worten, Du sollst Dich dafür interessieren.

Wie geht es weiter? Was sollten mehr Menschen wissen?
Wir werden in nächster Zeit weitere Geschichten veröffentlichen, die zeigen, wie wichtig es ist, unabhängige aufwändige Recherchen zu betreiben. Wir sind nicht auf Scoops, auf Spektakel aus, sondern auf Geschichten, die Wirkung entfalten. Und den Menschen nutzen.

>>>> Hier bei Correctiv! Mitglied werden.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:
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Digitale Medien sind Kontext-Medien

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung singt der „Papier-Manic“ und Verleger Gerhard Steidl ein Loblied auf Print. Das Interview – neben einem Teller mit Apfelschnitzen geführt – ist schön zu lesen und gibt einen guten Einblick in den Medienwandel von Print zu Pixeln und in die Hoffnungen und Ängste, die damit verbunden sind.

An einer Stelle des Gesprächs beschreibt Steidl einen vermeintlichen Vorteil von Print. Er sagt …

Das Betrachten eines Bildes auf Papier ist etwas völlig anderes als das Betrachten am Bildschirm. Egal ob ich das iPad eines Freundes in Tokio benutze oder in Washington oder zu Hause mein eigenes, es ist immer die gleiche Wahrnehmung. Ob ich mir aber in Madrid eine Zeitung kaufe oder in London, das macht einen Unterschied.

… und legt damit – meiner Meinung nach – den Grundstein für etwas, was ich als Lob des Kontext beschreiben würde (allerdings aus einer genau gegenteiligen Interpretation des Wandels).

Ob er seine Zeitung in Madrid oder London kaufe, mache einen Unterschied, sagt Steidl und hält doch in England wie Italien eine identische Vervielfältigung in der Hand. Beide Zeitungen zeigen den gleichen Inhalt. Ein digitales Produkt – egal ob mehr geliebt oder gehasst – könnte in beiden Städten Kontexten tatsächlich unterschiedliche Produkte zeigen. Das muss man nicht mögen, man sollte es aber zur Kenntnis nehmen: Digitale Medien sind Kontext-Medien. Ein digitales Produkt kann einen Unterschied auf Konsumenten-Ebene machen – jeder Leserin in ihrem eigenen Nutzungskontext ein angepasstes Angebot liefern. Diese Betrachtung von Medien und Kultur geht über den Inhalt und dessen Duplikat hinaus und nimmt auch das Umfeld in den Blick, in dem dieser konsumiert wird. Unabhängig davon, ob man das mag oder nicht: Hier liegt das nachhaltige und grundlegende Veränderungspotenzial der Digitalisierung. Romane, die je nach Tageszeit und Leseort ihren Handlungsverlauf anpassen, sind nur die folgerichtige technische Entwicklung dessen, was Spotify mit seiner gerade angekündigten Jogging-Erweiterung ermöglicht. Dabei wird die Schrittfrequenz des joggenden Spotify-Nutzers mit Hilfe von Handy-Sensoren analysiert und mit einer Playlist kombiniert, deren Lieder einen Beat haben, der zur Lauf-Frequenz und zur Geschwindigkeit passt.

„In einer Welt der grenzenlosen Vielfalt ist der Kontext – nicht der Inhalt – König“, hat Rod Reid, der Gründer von Rhapsody, mal gesagt. Daran musste ich denken, als ich die Stelle mit den Zeitungen in Madrid und London las.

loading: Import Export München

Über das Import Export schreiben die Macher auf der Startnext-Seite, es sei ein Ort, „den es so ja eigentlich nur in Berlin oder Hamburg, aber nicht in München gibt. Nun ist er aufgrund von Umbauarbeiten massiv in seiner Existenz bedroht.“ Deshalb hat das Münchner Import Export ein Crowdfunding-Projekt gestartet.

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Dazu hat Michael Schild den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Für die Fakten: Wir bieten von Dienstag bis Freitag täglich einen Mittagstisch von 12 – 16 Uhr, welcher von Nami Taguchi organisiert wird, die die Küchenleitung bei uns übernommen hat. Darüber hinaus bieten wir abendfüllendes Kultur- Musik- und physisches Erbauungsprogramm. Die Tagesgastronomie, der Veranstaltungsbereich bilden zentrale Schnittstellen auf dem Kreativquartier. Für KünstlerInnen und AkteurInnen auf dem Kreativquartier dient diese Einrichtungen als Anlaufstelle und als Kommunikationsraum. Gleichzeitig öffnen sie das Kreativquartier nach außen.

Bei genauerem Hingucken kann folgendes erkannt werden: Das Import Export ist ein experimenteller Ort für kulturelle, künstlerische und gesellschaftliche Projekte und Initiativen. Ein Konzept, das von der spezifischen Qualität des Ortes ausgeht und das Potenzial der lokalen Bevölkerungsstruktur einbindet. Eine offene Plattform für die kreative und soziale Vielfalt der postmodernen Cosmopolis. Eine Schnittstelle für AkteurInnen und Gruppen in lokalen und transnationalen Netzwerken. Ein Ausgangspunkt für die Interaktion von Milieus und Generationen. Ein Raum für etablierte und neu entstehende Formen von Kunst und Kultur. Ein diskursiver Resonanzkörper für eine dynamische stadtgesellschaftliche Entwicklung. Ein wichtiger Faktor für die Interaktion von Wissenschaft, Kultur und sozialer Solidarität am Standort München. Ein Projekt, das der Gentrifizierung im Viertel entgegenwirken und stattdessen den urbanen Charakter des Viertels erhalten und unterstützen wird.

Warum macht ihr es (so)?
Wir denken, dass Bedarf für unser Konzept besteht.
Nicht nur die Stadtgesellschaft, sondern auch die Beschäftigung mit ihren Werten und Idealen braucht Raum. Zwischennutzungen sind im Moment zwar populär, können letztlich aber nur einen Teil der Bedürfnisse abdecken. Vor dem Hintergrund der urbanen Entwicklung werden stattdessen langfristige Strategien benötigt, um Diskursräume für Diversität, Kultur und Wissen zu schaffen und zu erhalten.

Wer soll sich dafür interessieren?
Im Programm soll Platz sein für möglichst viele verschiedene Inhalte, die möglichst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Interessen ansprechen. Grundsätzlich soll für alle Platz sein und es wird keine richtigen und falschen Inhalte geben, solange die Programmpunkte sich nicht gegenseitig den Raum nehmen.

Wie geht es weiter?
Wir arbeiten an einem dauerhafter Freiraum, losgelöst vom ökonomischen Druck der wachsenden Stadt.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das Import Export wird mit viel Herzblut und Engagement von den Betreibern und AkteurInnen geführt. Viele Münchner_innen, denen die kulturelle, künstlerische, aber auch gesellschaftliche und soziale Zukunft ihrer Stadt am Herzen liegt, begleiten das Import Export seit langem und identifizieren sich mit diesem einzigartigen Projekt. Die Betreiber konnten bis jetzt noch keine fianziellen Ausschüttung erhalten, da die Gelder die bis jetzt generiert wurden, in Umbaumaßnahmen und Infrastrukturelle Anschaffungen investiert wurde.
Das Ganze ist für die Betreiber mit einem sehr hohem finanziellen Risko verbunden, da der Nutzungsvertrag bis jetzt nur bis Ende 2016 ausgestellt ist und so eine Refinazierung der Invetitionen nicht gesichert ist. Das Import Export könnte nicht existieren ohne die Beteiligung von allen, die sich an diesem Ort einbringen wollen.

Weitere UnterstützerInnen und Interessierte können sich im Import Export einbringen. Es soll wieder ein offenes monatliches Treffen geben (im Import Export in der Goethestrasse hatten wir das) und den Interessierten dazu dienen, Ideen auszutauschen und inhaltliche Vorschläge zu unterbreiten. In das Projekt soll das Engagement unterschiedlicher AkteurInnen eingebunden und so die urbane Vielfalt des Stadtraums als Ressource aufgefasst werden: Wir wollen eine lebendige, flexible Atmosphäre, die einen offenen Umgang und demokratische Strukturen ermöglicht.
Damit das Import Export weiterhin bestehen kann, müssen einige Investitionen getätigt werden. Große Summen stehen aus, die beglichen werden müssen und wir wissen gerade nicht, wie wir das aus dem laufenden Betrieb anstellen sollen.

Die 10.400,- Euro, die wir auf der Startnext-Seite angegben haben werden nicht ausreichen um den Betrieb der Import Export Kantine dauerhaft fortsetzen zu können. Aber es ist ein Anfang und wir glauben daran das die Vision und unser Konzept durch ein gemeinschaftliches Agieren langfristig in der Stadt München ihren Platz finden wird.

>>>Hier das Import Export auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Jung, cool, lustig sein

Als Ende der 1990er Jahre die erste Sendung von TV Total ausgestrahlt wurde, war Stefan Raab jung, cool und lustig. Das ZDF war ein verschnarchter alter Sender. Beides gilt womöglich noch heute. In der gestrigen Folge von TV Total hat Stefan Raab aber bewiesen, dass es realistischer ist, dass das ZDF nicht mehr verschnarcht ist als dass Raab noch cool und lustig ist.

Raab nimmt die Erstausstrahlung des neuen Nachrichtenformats heuteplus vom ZDF zum Anlass (hier die Einschätzung von Stefan Niggemeier) um sich über etwas lustig zu machen, was gar nicht zu sehen ist. Er tut so als sei diese Nachrichtensendung in irgendeiner Weise anbiedernd, verkrampft jugendlich oder irgendwie gewollt oder gespielt und deshalb peinlich. heuteplus ist allerdings vor allem eins: gegenwärtig. Das führt dazu, dass die fünf Minuten Spott, die Raab über das ZDF, heuteplus-Moderator Bröckerhoff und den Namen der Sendung verbreitet vor allem zeigen, dass Raab offenbar ein Problem mit gegenwärtigem Fernsehen hat.

raabbroekerhoff

So bleibt der lustigste Witz, den Raab landen kann, einer über die Frisur der Moderators (sic!). Alle anderen Witzchen beziehen sich auf Projektionen, die Raab vorgibt und dann als peinlich „entlarvt“. Das ist quälend und man wird den Eindruck nicht los, dass er das irgendwie selber merkt – aber einfach drüber hinweg moderiert.

Vielleicht ist das aber auch nur eine stille Hoffnung, die aus der Zeit stammt als Raab noch gegen alte Herren ankämpfte, die zu lange den immer gleichen Kram auf den Bilderschirm brachten. Heute ist er selber einer davon – was Jan Böhmermann (übrigens auch ein ZDF-Moderator) Anfang 2014 schon eindrucksvoll bewiesen hat.

SUPERCOPY

Ab Donnerstag wird Mannheim zur Hauptstadt der Kopie. In der Alten Feuerwache findet bis Sonntag das hochkarätig besetzte Festival SUPERCOPY statt (zu dem ich auch eingeladen war, aus Termingründen aber absagen musste). Vier Tage lang feiern die Festivalmacher die Kopie – mit einem tollen Programm.

Ich habe den SUPERCOPY-Organisatoren Jan-Philipp Possmann und Sören Gerhold vorab ein paar Fragen gemailt.

Warum braucht man ein Festival übers Kopieren?
Für uns gab es eigentlich zwei Gründe, dieses Festival ins Leben zu rufen. Wenn man sich als Kreativstandort und als Kulturstadt versteht, wie Mannheim das immer stolz von sich behauptet, dann ist die Frage danach, was Kreativität und was Kulturgüter im digitalen Zeitalter eigentlich sind, schon wichtig zu stellen. Und wenn man mal anfängt darüber nachzudenken, dann lässt sich diese Frage nicht mehr so einfach beantworten. In Baden-Württemberg wurde ja vor wenigen Jahren ein neuer Kunstfonds mit großem Tamtam aufgelegt, und der heißt natürlich Innovationsfonds. Als Veranstalter oder Kulturschaffender fragt man sich dann natürlich, ist das jetzt innovativ, was man da macht und was soll das überhaupt bedeuten, innovative Kultur? Sollte so ein Fördertopf im Jahr 2012 nicht eher Rekreativfonds heißen? Deswegen finden wir es wichtig, die Leute mit dem Thema zu konfrontieren, und zwar mit allen Facetten des Themas, also mit der Politik der Kopien ebenso wie mit Technik oder Kunst.

Das andere was uns wichtig ist, ist auf das Erbe der Hip Hop Kultur zu verweisen. Wir sind beide mit Hip Hop aufgewachsen, Sören hat selbst erfolgreich als DJ gearbeitet und natürlich gesampled, aber für uns beide war diese Kultur prägend. Und wir sind der Meinung, dass die Musik im Hip Hop, die ja auf dem Prinzip des Sampling, auf dem Breakbeat, aufbaut eine extrem intelligente und komplexe Musik ist. Lange Zeit wurden aber Rap und die verschiedenen elektronischen Stile die sich drumherum entwickelt haben als eine Art Pesudomusik abgetan, oder man hat es nur als eine Art soziokulturelles Sprachrohr irgendwelcher Randgruppen ernst genommen. Aber die Technik des Samplings, also das Musikmachen mit bestehender Musik, ist die musikalische Innovation der letzten 50 Jahre. Das ist aus der Popmusik aber auch aus der Kunst insgesamt nicht mehr wegzudenken. Und darum ging es uns auch, diese Kultur und ihre Verdienste zu feiern.

Ihr schreibt „Sampling ist die zentrale Kulturtechnik des beginnenden 21. Jahrhunderts“. Nun gibt es auch Menschen, die das anders sehen. Gibt es auch Kritik/Widerstände an dem Festival
Erstmal nicht. Im Gegenteil: Es gab extrem viel Interesse und Bereitschaft, mitzumachen. Die Institutionen merken ja, dass sie von den technischen und rechtlichen Entwicklungen betroffen sind oder es früher oder später sein werden. Die Frage ist nur, hat man es dort mit Leuten zu tun, die so ein Projekt als Chance begreifen, mit der Herausforderung umzugehen, oder die lieber den Kopf in den Sand stecken. Zum Beispiel die Stadtbibliothek Mannheim: Bernd Schmidt-Ruhe, der Leiter der Stadtbibliothek, wusste auch schon bevor wir mit der Idee zu ihm kamen ganz genau, dass die öffentliche Bibliothek nur überlebt, wenn sie den Wandel aktiv mitgestaltet. Die öffentliche Bibliothek ist eine der größten Errungenschaften der französischen Revolution, es gibt wohl niemanden, der etwas gegen Büchereien hat. Und trotzdem laufen wir Gefahr, sie zu verlieren, und zwar nicht etwa weil die Leute nichts mehr ausleihen wollen, sondern im Gegenteil, weil sie digitale Bücher unbegrenzt und hundertfach gleichzeitig ausleihen könnten, aber die Rechtslage sie daran hindert. Aber selbst die BASF, also ein Unternehmen, das in einer ganz anderen Weise und Größenordnung von dem Thema betroffen ist, hat nicht gezögert. Die haben für ihr Firmenjubiläum Sounds von den Mitarbeitern sammeln lassen und dann vermutlich für sehr teures Geld Kompositionen auf der Basis dieser Samples in Auftrag gegeben. Für SUPRCOPY geben sie dieses Material wieder komplett frei und jeder kann damit Musik machen. Warten wir mal ab, wie die Reaktionen beim Festival selbst sind. Sicherlich werden einige Positionen nicht jedem gefallen. Die Frage ist ja immer, zieht man unangenehme Schlussfolgerungen aus dem was man hört oder sieht, oder tut man das einfach als Entertainment ab.

Wie habt Ihr das Programm kuratiert?
Für die erste Ausgabe des Festivals wollten wir eine möglichst breite Palette an Themen und Formen dabei haben. Wir wollten zeigen, in welchen Bereichen die Frage nach Original und Kopie überall auftaucht und relevant ist – von der Popmusik bis zur Wissenschaft. Dabei haben wir uns stark auf unsere Partner verlassen, jeder hat so einen Teilbereich kuratiert. Sören hat die Konzerte kuratiert, die Kollegen aus der peformativen Kunst die Performances, die VJs die Videokunst und so weiter. Jan-Philipp war dafür zuständig, die Teile alle aufeinander abzustimmen und die Workshops und Vorträge inhaltlich auszurichten. Wir haben außerdem bewusst Praxis und Theorie, Kunst, Wissenschaft und Politik gemischt – also zum Beispiel hält der Musikjournalist Falk Schacht erst einen Vortrag und spielt später ein DJ-Set, Oder der israelische Musiker Kutiman spricht erst über seine Youtube-Remixe und spielt anschließend ein Konzert mit seinem Kutiman Orchestra. Am letzten Tag zeigen wir zwei Filme, die jeweils von Vorträgen begleitet werden. Außerdem gibt es eine Arbeitsgruppe zum Urheberrecht, die an ganz konkreten ökonomischen und rechtlichen Fragen arbeitet, und die auch im Sommer in Köln fortgesetzt wird. So etwas bringt dir als Festivalmacher kein Publikum, aber es trägt die Debatte weiter, und die ist uns mindestens ebenso wichtig.

Worauf freut Ihr Euch besonders?
Ich glaube wir beide freuen uns schon sehr auf Kutiman, weil sein youtube-projekt „thru you“ zum eindrucksvollsten und poetischsten gehört, was in letzter Zeit mit Sampling gemacht wurde. Das interessante an seinem Auftritt bei uns ist, dass Kutiman, der ein gestandener Musiker und nicht bloß ein verrückter Computernerd ist, erst über seine youtube-samples spricht, dann aber mit seiner Funkband ein Konzert spielt, also handgemachte, analoge Musik, in dem er unteranderem diese thru-you-songs live spielt. Schöner kann man eigentlich nicht zeigen, dass das eine das anderen keinesfalls ausschließt und dass die Grenzen zwischen Remix, Sample und Original längst gefallen sind.

Habt Ihr eine Lieblings-Kopie? Und wenn ja: Welche?
Schwer zu sagen. Meine, Sörens, Lieblingskopie, wenn man es so nennen kann, ist und bleibt Kid Koala’s „Drunk Trumpet“, bestehend aus einem Trompetensolo aus LL Cool J’s „Going Back To Cali“. Mein Lieblings Sample ist eindeutig „aah, this stuff is really fresh“ von Fab Five Freddy, das meist genutzte Sample ever! Aber die wirkliche Super-Kopie, die ist eigentlich von der dänischen Künstlergruppe Superflex. Die haben gefälschte Lacoste-T-Shirts auf dem Markt gekauft, mit dem Wort Supercopy bedruckt, und als Originale wieder verkauft. Lustigerweise hat Lacoste ihnen das verboten. Dabei haben sie doch eigentlich so die Markenehre gerettet! Ausserhalb der Kunst geht der Preis vielleicht an das Gen. Die Fortpflanzung dürfte ja die großartigste Kopierleistung überhaupt sein.

Alles übers SUPERCOPY-Festival gibt es hier. In Mannheim tritt neben Kutimann unter anderem auch Professor Wolfgang Ullrich auf, den ich für „Eine neue Version ist verfügbar“ interviewt habe – weil er 2012 die Ausstellung „Deja Vu? – die Kunst der Wiederholung“ in Karlsruhe kuratiert hatte. Wer sich jetzt fürs Kopieren begeistert, dem sei mein Lob der Kopie empfohlen.

Wir sind Tocotronic

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album (das hier schon mal Thema war) – und drüben auf dem (SZ-)Hügel hat man sich in der Kulturredaktion gefragt, welchen Einfluss die Band auf Autorinnen und Autoren hat. Ich habe zusammenkopiert gedichtet, was mich mit Tocotronic verbindet – doch weil es bei der SZ nicht ganz in das Konzept der Sammelgeschichte passt, steht jetzt hier eine Geschichte (von Tocotronic) und mir.

No. 19 & 20 @tocotronic_official #tocotronic

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

In einer Freundschaft wie dieser geht es nicht um Glück. Ich glaub ich kann’s erst jetzt verstehen. Mit jedem Lied ein bisschen mehr.

Wir haben uns getroffen
Wir haben Platten gehört
Wir haben Bier getrunken
Wir saßen einfach rum zu zweit

Wir sind uns lange nicht begegnet
Wir waren ein Team
Weil wir eine Bewegung sind
Wir sind viele

Wir genießen unsere Freizeit
Und trinken warmes Bier im Park
Wir reden meistens über etwas
Das uns auf den Nägeln brennt
Alle Leute denken, dass wir viel zu viel verschenken

Wir sind wie Agenten
Wir müssen blenden
Wir müssen uns verschwenden
Wir werden das System durchschauen

Wir versuchen zu begreifen, dass hier alles möglich ist
Wir werden Beduinen sein!
Wir sind die Zukunft
Wir müssen kapitulieren

Wir kommen um uns zu beschweren
Wenn wir am Zauberwürfel drehen
Sie wollen uns erzählen:
Wir sollen uns nicht mehr quälen
Wir müssen durch den Spiegel gehen

Wir streunen durch die Wälder
und sehen unsere Spiegelung
Was wir sehen bedeutet nichts
Doch wir können davon lernen
Wie wir leben wollen

Wir haben gehalten
In der langweiligsten Landschaft der Welt
Jetzt müssen wir wieder in den Übungsraum
Denn wir wissen ganz bestimmt
Dass wir beide Schatten sind

Wir haben weiche Ziele
Wir sind Plüschophile
Wir sind so leicht, dass wir fliegen

Gib mir deine Hand: wir sind verwandt
Dabei kennen wir uns kaum
Wir leben hoch in unserem Niedergang

Welche Rolle Tocotronic für SZ-Mitarbeiter spielt? Hier die Geschichten nachlesen!

Tocotronic

Wir kommen nicht an: Leben im Übergang – ¯\_(ツ)_/¯

Eine Stellenanzeige des ZDF erfährt dieser Tage Aufmerksamkeit, weil sie eine papierschriftliche Bewerbung erfordert. Es geht um einen digitalen Job und Menschen, die meinen sich im Digitalen auszukennen, halten das für anachronistisch, für falsch, für empörenswert. Beim Branchendienst Meedia machen sie daraus eine Meldung – und man fragt sich, wer hier was vom Digitalen nicht verstanden hat. Denn gewonnen hat am Ende das ZDF, das auf diese Weise viel mehr Aufmerksamkeit für den freien Job bekommen hat.

Es scheint dennoch einen Reflex zu geben, laut zu sagen, wenn andere etwas vermeintlich falsch machen. Über die Gründe im aktuellen Fall kann ich nur spekulieren. Auf einer abstrakten Ebene scheint mir ein Grund darin zu liegen, dass sich Mechanismen quasi unter unseren Füßen so schnell ändern, dass aus dem Benennen vermeintlicher Fehler womöglich sowas wie Orientierung erwächst. Eine Art Gewissheit, dass man es wenigstens nicht so falsch macht wie der andere.

In einem sehr lesenswerten Gespräch mit dem SZ-Kollegen Johannes Kuhn (das man auch in SZ Langstrecke nachlesen kann), hat der Historiker Yuval Harari unlängst gesagt:

Es ist zum ersten Mal fast unmöglich zu sagen, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird. Wenn im Laufe der Geschichte ein Zehnjähriger gefragt hat, in welcher Welt er mit 40 leben wird, konnten ihm seine Eltern eine ziemlich gute Prognose geben. Natürlich könnte immer ein neuer König kommen, ein Krieg ausbrechen – aber die sozialen Umstände, die Familienstruktur, die Wirtschaft, war über solche Zeiträume immer recht stabil. Jetzt blicken wir 30 Jahre nach vorne und niemand weiß irgendwas. Das Einzige, was wir dem Zehnjährigen sagen können, ist: Die Welt wird komplett anders sein.

Seit ich vor genau zwanzig Jahren an der Deutschen Journalistenschule meine Ausbildung begann, begleitet mich dieses Narrativ der Veränderung. Nicht so fundamental wie Harari es ausdrückt, aber doch deutlich höre ich: Mein Beruf wird sich verändern, Journalismus wird sehr bald ein anderer sein. Und stets ist diese Aussage der Veränderung von der Annahme begleitet, dass die Veränderung irgendwann abgeschlossen sein wird, dass man ankommt im Neuen, wo man sich (wieder) einrichten und weiter machen kann.
Dazu ist es bisher nicht gekommen. Es hat nicht den einen großen Knall gegeben, nachdem alles anders wurde. Es ist ein schleichender Wandel, von dem man je nach Blickwinkel sieht, dass sich einige Bereiche gar nicht oder nur sehr langsam und andere sehr schnell und sehr grundlegend ändern. Das Problem dabei: Man kann diesen Wandel nicht festmachen, er hält nicht an, er schreitet fort. Immer weiter.

Der Kollege Richard Gutjahr hat in den vergangenen Wochen eine Rede in seinem Blog dokumentiert, die er vor jungen Journalisten gehalten hat. Er spricht darin von einer Täuschung, der er in den vergangenen Jahren unterlegen ist. Diese Zeit des Wandels sei nicht die beste Zeit für Journalismus, sagt er. Es sei eine lausige Zeit:

Worin ich mich am meisten getäuscht hatte, der Fakt, der mich schier verzweifeln lässt: Sie wird wohl noch lange, sehr lange andauern, diese Zeit des Umbruchs. Ich möchte sogar so weit gehen, zu sagen: Keiner von uns, die wir hier in diesem Saal versammelt sind, wird die Früchte, die wir heute sähen, noch selbst ernten können. Zumindest nicht mit dem, was wir unter klassischem Journalismus verstehen.

Wenn man beide Gedanken zusammenbringt, muss man sagen: Die Herausforderung besteht womöglich darin, keine Früchte zu ernten. Nichts abzuschließen, nicht anzukommen. Vielleicht geht es genau darum, sich mit dem Übergang zu arrangieren – im Zwischenraum zwischen der einen zu der anderen Welt. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren immer geglaubt, irgendwann in dieser anderer Welt anzukommen, in einer digitalen Zukunft, die so ist wie die Gegenwart nur eben etwas zukünftiger und moderner. Je länger ich darauf warte, umso klarer wird mir: Diese Zukunft wird es so nicht geben. Es gibt vielmehr eine Gegenwart, die so schnell geworden ist, dass sie ständig in Frage stellt, wovon ich gerade dachte es verstanden zu haben. Und das unterscheidet sich sehr von dem, was früher mal (Journalimus) war.

Martin Baron, Chefredakteur der Washington Post, hat in diesem Monat eine beeindruckende Rede über den Wandel des Journalismus (und der gesamten Gesellschaft) gehalten. Was mich an seinen Ausführungen besonders beeindruckt hat, war eine Einschätzung über die Personalpolitik seiner Redaktion:

Bisher haben Häuser wie unseres Menschen eingestellt, die von uns lernen konnten. Heute wollen wir Menschen einstellen, die uns beibringen, was wir wissen müssen.

Eine Erkenntnis, die sich so ähnlich auch im Innovationsreport der New York Times findet, und die ausdrückt, dass die Sache mit dem Wandel eben nicht so einfach abgeschlossen sein wird. Er hört schlicht nicht auf! Bei Google werden neue Mitarbeiter deshalb nicht nach Noten oder Abschlüssen eingestellt, sondern nach ihrer Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. Davon berichten Eric Schmidt und Jonathan Rosenberg in ihrem Buch „How Google Works“. Sie nennen die Mitarbeiter, nach denen sie suchen „Smart Creatives“…

… und betonen besonders deren Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen, in wechselnden Teams mit Kollegen aus fremden Bereichen zu arbeiten. Man kann ihre Haltung auch etwas weniger streberhaft ausdrücken – mit Hilfe des Shrugs:

¯\_(ツ)_/¯

Mat Honan (von dem ich gerade noch dachte er sei Wired-Autor) hat dieses tolle Schulterzucken-Zeichen in einem lesenswerten Buzzfeed-Text zum Symbol für das Zeitalter der kollektiven Ungewissheit ernannt:

The spirit of the age is a collective uncertainty. It’s a shrug. Nobody knows. It’s an unease about where we are going — and where the hell are we going? There used to be obvious, inevitable things we could point at and say: This is the future. Right here. This great inevitability will dominate our lives for the next two, three, five or ten years. Believe it.

Vielleicht ist es schon mal viel wert, wenn man nicht danach fragt, was in Zukunft sein wird, sondern wie: Es wird sich verändern. Ständig. Und wir sind vermutlich am besten dran, wenn wir uns auf den Wandel einstellen. ¯\_(ツ)_/¯

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