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Die Sache mit dem Inhalt

Es liegen 902 Tage zwischen Bono und Sven Regener. Es sind 902 Tage, die eine Distanz markieren für das, was man digitalen Wandel nennt.

Am 21. März 2012 sagte Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime im Zündfunk u.a. das hier:

“Dass man uns in Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben. Die Gesellschaft, die so mit ihren Künstler umgeht, ist nichts wert. Das einzig wahre am Rock’n'Roll ist, dass wir jede Mark, die wir dafür bekommen, selber verdienen. Die bekommen wir von Leuten, die sagen, ja das ist es mir Wert. Das ist die Idee dabei, das macht den Rock’n'Roll groß, alles andere ist Subventionstheater, alles andere ist Straßenmusik. (…) Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist scheiße.”

Am 9.9. 2014 setzte Bono, Sänger der Band U2, ein Geschäftsmodell in die Tat um, das 902 Tage zuvor den Rock’n'Roll-Test vermutlich nicht bestanden hätte: Bono verschenkte das jüngste Album seiner Gruppe namens “Songs of Innocence” an alle Nutzer der Software iTunes*; ungefragt. Im Rahmen der großen PR-Veranstaltung von Apple, an deren Ende er auf die Bühne trat und seine Musik wie ein Straßenmusiker verschenkte, sagte er:

“The question is now, how do we get it to as many people as possible, because that’s what our band is all about.”

Regener (Jahrgang 1961) und Bono (Jahrgang 1960) trennt inhaltlich vielleicht weniger als die 902 Tage, die zwischen beiden Zitaten liegen. In dieser Zeit ist aber Realität geworden, was schon länger im Raum steht: ein veränderter Umgang mit Inhalt im digitalen Raum. Der Guardian-Redakteur Charles Arthur hat das in einem Tweet sehr schön auf den Punkt gebracht


Ist also eingetreten, was Regener angekündigt hat: Sind Künstler nichts mehr wert? Wenn man sich durchliest, wie iTunes-Nutzer auf das “Geschenk” reagierten (“Ich habe nicht mal genug Speicherplatz für ein Foto, wie kommt Apple darauf, dass ich das U2-Album brauche?”), könnte dies den Eindruck bestätigen.



Doch der Eindruck täuscht. U2 verschenken ja nicht ohne Grund ihr neuestes Album. Was Regener Nichts-Wert-Sein nennt, kann man im Fall von Bono in Zahlen ausdrücken: Mit ihrer letzten Tour stellte die Band von Bono einen Rekord der Rolling Stones ein. Sie verkauften sieben Millionen Eintrittskarten für 110 Shows berichtet Spiegel Online:

Am Ende der “360 Grad”-Tour (…) wird sich das Einspielergebnis den Angaben zufolge auf rund 700 Millionen Dollar belaufen.

700 Millionen Dollar, das sind 540 Millionen Euro. Davon kann man sich 16 neue ICE-Züge kaufen, über 20 Kilometer neue Autobahn oder jede Menge Subventionstheater bauen. Ganz sicher kann man damit erklären, warum Bono die Bühne von Apple sehr gerne genutzt hat: U2 bekamen damit auf einem Schlag das, was Vorrausetzung für jeden Umsatz mit Inhalten ist: Aufmerksamkeit! Diese Aufmerksamkeit führte dazu, dass nach der Verschenk-Aktion andere U2-Songs plöztlich in den Verkaufs-Charts auftauchten und die Band im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand.

Klar, hört man von der anderen Seite der 902 Tage: Das ist ja auch U2!

Ich will da gar nicht viel zurückrufen, nur kurz innehalten: Wenn sogar U2, die Band, die den Tour-Rekord der Rolling Stones eingestellt hat, anfängt ihre Musik zu verschenken, sollte man vielleicht endlich beginnen, darüber nachzudenken, wie die Digitalisierung unseren Umgang mit Inhalten verändert – und zwar unter unseren Füßen. 902 Tage sind nämlich in Wahrheit nicht viel. Angela Merkel hat sich in dieser Zeit vermutlich weniger verändert als die Kulturbranche im Netz.

Ich persönlich glaube, dass es lohnen könnte, den fixierten Blick vom Inhalt zu lösen und auf den Kontext zu schauen.

* Weil auf Twitter die Begrifflichkeit verschenken besprochen wird: Natürlich ist U2 für die Musik bezahlt worden, aber eben nicht vom Nutzer, der die Musik hört. Daher die etwas unsauber Verwendung des Begriffs.

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Buzzfeed Deutschland

Buzzfeed Deutschland ist heute gestartet.

Also nicht in dem Sinne, in dem klassischer Weise neue Medien starten: Es gibt keine Pressemitteilung, keine Berichterstattung in Mediendiensten, nicht mal eine Website oder Startseite gibt es zu dem Produkt. Aber es ist da – in den Kanälen, die für Buzzfeed wichtig sind:

Der offizielle Buzzfeed-Facebookaccount (3,6 Millionen Fans) hat heute Nachmittag einen deutschsprachigen Beitrag geteilt, meinem Gefühl nach erstmals in seiner Geschichte:


Sebastian Fiebrig
, den Twitter-Deutschland als @saumselig kennt, hat eine Liste mit russisch anmutenden Gifs gepostet. 14 Schritte wie du dich auf die russische Invasion vorbereitest steht in der Überschrift. Das kommt im Vergleich zu den anderen Zahlen des Buzzfeed-Accounts bisher so mittel an, aber Buzzfeed-Chef Jonah Peretti hat das auf Twitter geteilt – ebenfalls auf deutsch.

Auch ein französischer Beitrag wurde heute geteilt, im Nachbarland ist Buzzfeed aber schon einen Schritt weiter. Fast 15.000 Menschen sind dort Fan der französischen Buzzfeed-Seite. Ein “Buzzfeed Germany” gibt es auf Facebook allerdings noch nicht. Das gibt es vermutlich erst, wenn Buzzfeed dann auch wirklich startet – so mit Mediendienst und Pressemitteilung.

Ein wenig Hintergrund zu Buzzfeed gibt es auf Phänomeme.de, bei der SZ und hier im Blog.

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Wie Journalismus sich verändert (August 2014)

“Stern, Spiegel, Focus” – das war jahrelang eine Art stehende Floskel für eine Form des Magazinjournalismus, der wöchentlich Platz für Hochglanz-Anzeigen lieferte. In diesem Sommer wurde die Aufzählung zu einem Problem-Dreiklang. Alle drei Magazine haben ein Anzeigen- und Auflagen-Problem, das (wenn es ein ganzes Segment trifft) womöglich struktureller Art ist, es scheint aber in allen drei Häusern personell bearbeitet zu werden. Immerhin wurde zunächst der stern-Chefredakteur Dominik Wichmann in einer eher merkwürdigen Art des Amtes enthoben, es folgte der Focus-Chef Jörg Quoos und beim Spiegel ein Personal-Theater, über das der Spiegel selber sich vermutlich sehr genüßlich lustig machen würde.


Alle drei Fälle gilt es in dem kleinen Journalismus-Tagebuch festzuhalten, das ich im Frühjahr mal begann, um hier den Medienwandel zu dokumentieren. Und wenn ich mich jetzt in die ersten beiden Folgen zurückklicke (Mai bzw. Juni), merkt man wie schnell der Medienwandel gerade unter unseren Füßen durchrauscht.

Diesem Wandel unterliegt aktuell auch ein Thema, das hier im Blog seit Jahren Thema ist: das Verhältnis zum Leser. Dieses ist – auch das hat der Sommer 2014 fürs Journalismus-Tagebuch zu Tage gefördert – gerade eher angespannt. Die Diskussion darüber, wie man mit Leserkommentaren umzugehen hat, hat die Branche in den vergangenen Monaten sehr nachhaltig beschäftigt: Es gab zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Häusern, die sich dem Thema theoretisch näherten. Auch der Online-Chef der SZ Stefan Plöchinger hat dazu ein ausführliches Stück geschrieben, das ich hier nochmal empfehlen will, weil es u.a. Grundlage für ein neues Konzept ist, das wir seit dieser Woche bei der Süddeutschen Zeitung testen*: ein neuer Umgang mit Lesern im Netz.

Die bisherigen Ansätze zum Umgang mit Leserdialog zeichnen sich derzeit zumeist durch eine Aufwands-Einschätzung aus, die Bettina Hammer auf telepolis so beschreibt:

Die Foren müssen gewartet, evtl. moderiert und zumindest überflogen, Anfragen beantwortet und nicht zuletzt Strafrechtliches gelöscht werden, bevor es zu nerven-, zeit- und geldaufwändigen Verfahren kommt.

Von einem Erkenntnis-Interesse oder einem inhaltlichen Ziel, das ein (Online-)Dialog verfolgen könnte, schreibt sie nicht. Stattdessen kritisiert sie an dem neuen SZ-Ansatz: “Die SZ hat damit ein weiteres Beispiel dafür geliefert, wie Onlinemedien Nutzer mehr und mehr als Störfaktor sehen.” Wie Heise die Nutzer sieht, kann man nur indirekt erschließen, wenn man die Kommentare unter dem Text liest: Denen scheint es relativ egal zu sein, ob sie im heise-Forum (sic!) stehen oder sonst wo im Netz. Sie bilden keinen wirklichen Dialog ab, sondern bieten Menschen die Möglichkeit, pauschal allen Medien Propaganda zu unterstellen. Diese Unterstellung verlangt keine Antwort aus der Redaktion, die den Text veröffentlicht – und bekommt offenbar auch keine, wie ein Leser unter dem Text kritisiert

telepolis

Nun wäre es wohlfeil Bettina Hammer oder die heise-Redaktion dafür zu kritisieren, denn es handelt sich (siehe oben) bei dem Thema um kein personelles, sondern um ein strukturelles Problem: Online-Debatten fehlen derzeit häufig Eigenschaften, die geglückte Gespräche zumeist auszeichnen:

> Sie haben einen Anfang und ein definiertes Ende
> Sie verfolgen ein inhaltliches Ziel, ein Erkenntnis-Interesse
> Sie verlaufen in zwei Richtungen: beide Seiten kommen zu Wort

Mindestens diese drei Eigenschaften wollen wir bei der SZ dem Leserdialog (zurück-)geben: “Lassen Sie uns diskutieren” hat der Kollege Daniel Wüllner den Beitrag überschrieben, mit dem wir bei der SZ eine andere Form des Dialogs im Netz beginnen wollen: eine Konzentration auf drei relevante Fragen des Tages, die eine Alternative zum ziellosen Plaudern bisheriger Art sein wollen. Es geht darum, einen strukturell neuen Ansatz im Leserdialog auszuprobieren. Stefan Plöchinger hat das in einem Interview, das er zu dem neuen Modell gegeben hat, so zusammengefasst:

Wobei uns klar ist, dass das ein Experiment ist und wir aus den Erfahrungen der ersten Tage lernen müssen. Aber mehr zu experimentieren, ist unsere Grundhaltung.

Ich finde diese neuen Modelle (der Kollege Johannes Boie beantwortet z.B. in einer Leserfrage, warum den Deutschen Datenschutz wichtig) viel spannender als die Frage, ob es Kommentare auf Facebook gibt oder nicht (gibt es schon immer). Deshalb schreibe ich das hier auf: weil ich glaube, dass das Thema in einer der nächsten Folgen des Journalismus-Tagebuchs auftauchen wird. Denn natürlich sollte man auch die Ideen der neuen Version als Leserdialog denken.

*Disclosure: ich arbeite bei der SZ

Kontexte brechen: Wie Internet-Meme die Remixkultur demokratisieren – und jetzt auch das Fernsehen verändern

Im Rahmen der Eröffnung des Remixmuseum Anfang Mai in Berlin wurde auch das Buch “Generation Remix” vorgestellt, das Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch zusammengstellt haben. Neben Beiträgen von Cornelia Sollfranck, Till Kreutzer und Lawrence Lessig enthält “Generation Remix” auch einen Text von mir, den ich hier dokumentiere – weil das Buch jetzt auch als Print-Version erhältlich ist.

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Es gab mal eine Zeit, da wurde Fernsehen, das frech sein wollte, vor allem mit Hilfe von ahnungslosen Passanten gemacht. Moderatoren, die von der Kritik anschließend als „respektlos“ bezeichnet wurden, lauerten ihnen auf und stellten merkwürdige Fragen. Dieses Prinzip hat sich weitgehend überlebt – Fernsehen, das wirklich als frech gelten kann, bedient sich heute bei Methoden des Web, genauer gesagt: bei Internet-Memen.

Respektlosigkeit gilt dabei nicht mehr dem ahnungslosen Passanten auf der Straße, sondern dem Kontext. Mit dem zu spielen, ihn zu verändern und zu zerstören ist oberste Pflicht und Freude der Remixkultur, deren populärste und drängendste Form sich aktuell im Netz findet. Unter dem von Richard Dawkins geprägten Begriff der Meme ist eine digitale Ausprägung der Volkskunst entstanden, die den Remix demokratisiert hat. Der Biologe Dawkins übertrug schon in den 1980er Jahren die Idee der Gene auf die Welt der Ideen und Trends. Als Internet-Meme beschreibt man deshalb Inhalte, die sich schnell und wie von alleine durch das Netz bewegen. Sie werden kopiert, verändert und so schnell weitergereicht, dass man nicht mehr sagen kann, wer sie eigentlich erfunden hat. So wie der Ostfriesenwitz in der analogen Welt in immer neuen Spielarten weitererzählt wurde, finden sich heute ständig neue Meme im Netz: Bilder, Sätze oder Töne, die in neue Zusammenhänge gestellt und von den zu Nutzern gewandelten Zuschauern weitergereicht werden. Jeder kann zum Sender werden – das ist der bedeutsame Antrieb für die virale Verbreitung von Memen. Wie mächtig diese für die jüngste Form der Popkultur sind, sieht man zum Beispiel daran, dass das Fernsehen sie nun entdeckt.

In Amerika nutzen Late-Night-Talker wie Jimmy Kimmel oder Jimmy Fallon das Prinzip des kalkulierten Kontext-Bruchs und seiner viralen Verbreitung schon länger für ihre Fernsehsendungen. Kimmel sorgte zum Beispiel 2013 mit einem inszenierten Twerking-Video für sehr große Aufmerksamkeit. Der Fernsehmoderator inszenierte dabei einen Unfall einer jungen Frau, die beim aufreizenden Po-Wackeln (Twerking) sehr kunstvoll stürzt und dabei Feuer fängt. Die Bilder des vermeintlichen Missgeschicks verbreiteten sich in hoher Geschwindigkeit durchs Netz. Menschen sahen die missglückte Tanzeinlage, adaptierten sie zum Teil und teilten sie in sozialen Netzwerken. Die Filmsequenz wurde zum animierten Gif kondensiert. In diesem Retro-Format werden bewegte Bilder leicht teilbar gemacht und so auf erstaunliche Art geadelt. Als der professionell erstellte, aber zufällig wirkende Youtube-Clip die Grenze von zehn Millionen Aufrufen überschritt, löste Fernsehmoderator Kimmel auf, dass er hinter dem Tanzfilmchen steckt. Er hatte die Stuntfrau Daphne Avalon beauftragt und mit ihr gemeinsam die Weböffentlichkeit an der Nase herumgeführt – man könnte sagen gehackt.

„Wir haben das Magische passieren lassen“, kommentierte Kimmel anschließend nicht ohne Selbstlob. Und in der Tat war ihm etwas Besonderes geglückt: Er hatte keine ahnungslosen Passanten in der Fußgängerzone in die Irre geführt, sondern mit den gängigen Mechanismen der Web-Öffentlichkeit gespielt. Das ist auch deshalb spannender, weil es das Risiko des Scheiterns in sich trägt. Es war aber erst der Anfang: Während der Winterspiele in Sotschi hackte Kimmel gemeinsam mit der US-amerikanischen Rennrodlerin Kate Hansen nicht nur das Web, sondern auch das Fernsehen selber. Hansen hatte in seinem Auftrag einen Film ins Netz gestellt, der vermeintlich ihren Hotelflur in Russland zeigt, auf dem ein freilaufender Wolf zu sehen ist. Nachdem zahlreiche Sender den Clip der Sportlerin gezeigt hatten, löste Kimmel auf: Die Szene wurde in seinem Studio mit dem dressierten Wolf Rugby gedreht. Allein der Auflösungsclip brachte es auf fast zwei Millionen Aufrufe im Netz.

Im deutschen Fernsehen adaptiert eine Sendung diese Prinzipien am besten, die Jan Böhmermann nicht durch Zufall gerne als „im zweiten deutschen Internet“ anmoderiert: Das von ihm gestaltete „Neo Magazin“ im ZDF-Spartenkanal „ZDF neo“ bedient sich kenntnis- und facettenreich der Mem- und Remixkultur. Böhmermann verwendet nicht nur oberflächlich durch einen wöchentlich wechselnden Hashtag zur Sendung die Mechanismen des Web, er hat vor allem deren Grundbedingungen verstanden: den Kontextbruch. Die beiden vermutlich populärsten Szenen der ersten Staffel des Neo-Magazins sind als direkte Referenz auf Jimmy Kimmel und als Hochamt der Remix- und Memkultur zu lesen. Zunächst versammelte Böhmermann für seine „Hymne auf die 90er“ bekannte Akteure des Jahrzehnts zu einem musikalischen und popkulturellen Remix auf vier Minuten Länge. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Songs verbunden und vermischt, der Clip ist selber so reich an Referenzen und Adaptionen auf die Popkultur der 1990er Jahre, dass er eine eigene wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigen würde. Noch bekannter wurde aber Böhmermanns Hack der Pro7-Sendung „TV Total“ von Stefan Raab. Hier gelang es den Machern des Neo-Magazins, eine vermeintliche Sequenz aus dem chinesischen Fernsehen in Raabs Sendung zu schmuggeln. Es handelt sich um eine Kopie des Formats „Blamieren oder Kassieren“, das in „TV Total“ von Elton moderiert wird. Die angebliche Kopie aus China moderiert ein asiatisch aussehender Mann, der von albernen Stofftieren unterstützt wird. Die erfundene Sequenz wurde im Programm von Pro7 gesendet und Raab und Elton spielten sie als „Blamielen odel kassielen“ nach. Dass Raab – der mit der Verwendung von Filmschnipseln, die er in neue Kontexte übertrug bekannt wurde – sich dabei selbst blamierte, machte den Fernseh-Hack nur noch lustiger. Böhmermann löste die Remixattacke eine Woche später in seiner Sendung auf.
Die Referenz zu Jimmy Kimmel ist klar erkennbar und sie steht für eine Tendenz, die Vertreter der reinen Lehre der Memkultur durchaus mit Sorge betrachten: Die Massenkultur des Fernsehens beugt sich mit großem Brennglas über die Remixkultur der Netznischen. Das mag entzündend wirken, kann aber zu einem Ausbrennen der ursprünglichen Ansätze führen. Zumal diese einen Teil ihrer Motivation stets auch daraus zogen, eben nicht von der Popkultur des Mainstream verstanden zu werden. Wie eine Geheimsprache wurden Formulierungen oder Begriffe zum Erkennungszeichen derjenigen, die Bescheid wissen. Das geheime Wissen um Katzenbilder oder Slang-Ausdrücke wird nun von der Massenkultur des Fernsehens aufgesogen, die lediglich die Idee von Straßenfegern des Schwarz-Weiß-Fernsehens auf die Kultur der Timelines übertragen wollen.

Dabei geht es bei der Remixkultur der Mem-Welt um viel mehr als um Reichweite. Wie in jeder Form der Populärkultur geht es um Identität, Teilhabe und Verstandenwerden. Distinktion funktioniert in dieser Form aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wird diese überschritten, muss man neue Nischen finden, die nur den Wissenden bekannt sind. Das führt zum Beispiel dazu, dass es in dem bekannten Webboard reddit mittlerweile eine „true reddit“-Abteilung gibt. Sozusagen ein „Früher war alles besser“ des Web.

Dass die Wege aber vermutlich kaum dorthin zurück führen, gilt fürs Web wie fürs TV. Die Aufgabe der Zukunft ist es vielmehr, die Demokratisierung der Remixkultur zu begleiten. Denn dadurch, dass allen gleichermaßen die Möglichkeiten zum Kontextbruch zur Verfügung stehen, befinden sie sich nun auch im Portfolio der Werbeindustrie. Diese folgt der Verlockung der Reichweite, die in der viralen Verbreitung steckt, und begibt sich damit auf spannendes Terrain. Denn außer der Chance, dass viele zu Sendern der eigenen Botschaft werden, bietet das Remix-Web für die Werbenden eben auch das Risiko des Kontrollverlusts: Wo viele zu Sendern werden, werden auch viele zu möglichen Remixern – die Botschaften rekombinieren und rekontextualisieren und Werbetreibende auch sehr ärgern können. Wenn man so will: Die Rache der Web-Passanten am frechen Fernsehen der Vergangenheit.

genremix Der Text stammt aus dem Buch “Generation Remix” von Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch (Hrsg.). Die Bezüge zur Netz-Kultur stammen aus dem Blog Phänomeme, das ich für die Süddeutsche Zeitung betreibe. Hintergründe zu der Idee Recht auf Remix und dem virtuellen Remix-Museum gibt es auf den Seiten. Im Phänomeme-Blog habe ich zudem einen Text geremixt, der sich mit der wachsenden Bedeutung der Meme befasst.

Das mit dem Glücklichsein

Niels Frevert hat ein neues Album gemacht. Das weiß ich, weil ich irgendwann mal auf “gefällt mir” auf der Facebook-Seite des Mannes geklickt habe, der in einem anderen Jahrhundert das Lied von “Evelin” (und einige andere tolle) sang – was mir gefiel als man noch nicht “gefällt mir” klickte.

frevert
Über den Facebook-Stream wurde ich also auf die Neuveröffentlichung vorbereitet – und seit heute steht nun der Song “Das mit dem Glücklich sein ist relativ” auf YouTube. Er ist eine Art Vorbote für das Album “Paradies der gefälschten Dinge”, das am 22. August erscheint und von dem ich diese Woche auf Spiegel-Online gelesen habe, dass Andreas Borcholte es schon hat. Von den aktuell rund 300 Youtube-Aufrufen der “ersten Single” habe ich jetzt relativ viele selber getätigt, weil ich das Lied tatsächlich sehr schön finde und Borcholtes Urteil traue, der schreibt: “songschreiberisch bleiben nach dem viel zu frühen Tod Nils Koppruchs nur noch internationale Vergleiche: Ed Harcourt etwa, oder William Fitzsimmons, die wie er mit großer Lakonie und Melancholie nach Schönheit und Wahrhaftigkeit suchen in dem großen Heuhaufen, in dem sie selbst die Stecknadel sind.”

Leider finde ich diese Stecknadel aber gerade nirgendwo. Auf Spotify gibt es den Song (geschweige denn das Album) gar nicht, auf iTunes kann ich Album und Song vorbestellen (Erwartet am 22. August), aber jetzt sofort ist der Song nicht verfügbar. Was ja nicht stimmt, denn auf YouTube ist er ja. Es gibt ihn schon, er muss nicht gepresst, auf LKW geladen oder verschifft werden. Er wird mir künstlich vorenthalten – vermutlich weil man das früher mal so machte bei der Album-Promo. Weil man Aufmerksamkeit aufbauen, Vorfreude erzeugen wollte. Heute führt es zum Gegenteil: ich würde es Vorärger nennen.

Denn in Wahrheit haben mich Künstler und Plattenfirma schon: Ich bin interessiert, ich mag das Produkt, ich würde es kaufen. Was mehr kann man verlangen? Was mehr kann bis zum 22. August passieren als das: Ich werde das vermutlich tolle Album vergessen. Jetzt kann man sagen: “Selber schuld, wenn der sich nicht mal für eine Woche was merken kann, hat er es auch nicht verdient, das Album zu hören.” Man kann sich aber auch die Frage stellen, ob diese Form der Album-Promo nicht einfach aus einer anderen Zeit stammt. Warum nutzt Grönland-Records, wo das Album erscheint, nicht den Zauber der digitalen “Sofortness” (wie Sascha Lobo es in Referenz auf Peter Glaser nennt) im Sinne der Musik?

Denn die ist wirklich gut – kauft sie Euch, wenn man Euch lässt!

Lesetipps: Simanowski, Riffkin, Taureck

Drei Hinweise zu spannenden Themen: die Herren Simanowski, Riffkin und Taureck beschäftigen mich gerade. Und zwar jeweils mit aktuellen Buchveröffentlichungen, die vorab für (meine) Aufmerksamkeit sorgen.

Data Love heißt das empfehlenswerte Buch von Roberto Simanowski, das ich noch nicht ganz zuende gelesen habe – das Vera Linß aber bereits besprochen hat und im Deutschlandradio Kultur empfiehlt.

Noch nicht erschienen, aber allein wegen dieses Videos äußerst spannend: das neue Werk von Jeremy Riffkin. “Die Null-Grenkosten-Gesellschaft” befasst sich mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn die historische Ungeheuerlichkeit der Kopie in das gesamte Wirtschaftssystem einbricht. Er überträgt diese Entwicklung auf das Internet der Dinge und entwickelt die Idee einer “kollaborativen Commons”-Sphäre wie Arno Orzessek es in seiner Deutschlandradio-Besprechung nennt.

Über den Deutschlandfunk bin ich auf den Ansatz von Bernhard Taurek gestoßen: Er interpretiert die Aktivitäten der NSA als Religion:

Eine solche NSA-Religion muss jene zwei Bedingungen von Religion erfüllen, die seit der Romantik formuliert wurden. Zum einen ist es das Bewusstsein eines jeden, wenig Macht zu besitzen und letztlich von etwas viel Größerem und Mächtigeren als er selbst abzuhängen. Religion, so der Theologe Schleiermacher aus der deutschen Romantik, sei das Gefühl unbedingter Abhängigkeit des Menschen. Zum anderen ist Religion mit Vergesellschaftung verbunden. Religiöse Überzeugungen werden, wie der französische Soziologe Durkheim im 19. Jahrhundert festhielt, von Gemeinschaften geteilt, und sie verbinden die Gläubigen miteinander.

Sein Buch “Überwachungsdemokratie” erscheint im Oktober.

loading: godeepr

Wie kann sich Journalismus im digitalen Zeitalter finanzieren? Diese Frage taucht immer wieder in diesem Blog auf und beschäftigt die Branche seit langem. Ein Berliner Startup versucht sich jetzt an einer Antwort: godeepr will nach eigenen Angaben, “ein dem digitalen Medium angemessenes Geschäftsmodell für bezahlten Journalismus etablieren” – im Internet.

Armin Eichhorn von godeepr hat den loading-Fragebogen beantwortet.

deepr

Was macht Ihr?
Tiefgründigen, unabhängigen und leserfinanzierten Journalismus in digitalen Formaten. Jeder Artikel entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen freien Autoren und unseren Designern. Die Kombination von tiefgründigem Text und bereichernden digitalen Elementen macht jeden Artikel zu einem echten Leseerlebnis. Es werden nur die Artikel tatsächlich geschrieben, für die eine ausreichende Anzahl an Lesern mindestens einen Euro bezahlt hat.

Warum macht Ihr es (so)?
Wir lieben gut recherchierte und wunderschön aufbereitete Geschichten. Die Printausgabe der National Geographic sei lobend erwähnt: Hier wird man in Themen hineingezogen, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sie existierten. Im digitalen Raum sind wir mit den bisherigen Angeboten der etablierten Verlage leider überhaupt nicht zufrieden. Nervige Werbung, grundhässliche Websites und eine mediokre Themenwahl vermiesen uns als Lesern viel zu häufig den Journalismus. Kein Wunder, dass so viele unserer Zeitgenossen keine (Digital-)Abos haben!
Wir kommen aus der Welt des Digitalen und der Gründerszene. Wir wollen nicht den Journalismus an sich retten – Vieles ist ja gut. Vielmehr möchten wir diejenigen, denen diese Art Qualitätsjournalismus wichtig ist, zusammenbringen. Durch die Leserfinanzierung, die einhergeht mit der Auswahl der Artikel durch die Leser, bauen wir ein solides Geschäftsmodell mit wachsender Stammleserschaft auf.

Wer soll das lesen?
Thematisch sind wir völlig offen. Da schwingt auch ein stückweit Idealismus mit: Die Themenauswahl geschieht an uns vorbei zwischen Lesern und Autoren, jedes Thema ist möglich. Es gibt bei uns weder einen Chefredakteur, der einen Artikel noch kippen kann, noch “Werbepartner” die uns finanzieren und auf extravagante Abendessen einladen. Sowohl die Themenauswahl als auch die Finanzierung kommt bei uns von den Lesern, also denjenigen, für die der Journalismus eigentlich existiert. Je mehr Artikelvorschläge hinzukommen, umso mehr Leser werden ein Thema finden, das ihnen zusagt.

Wie geht es weiter?
Bald wird der erste Artikel veröffentlicht! Jeder, der für ihn bezahlt hat, wird sehen, wie wir uns den Journalismus des 21. Jahrhunderts vorstellen. Gleichzeitig werden weitere Artikelvorschläge online gehen. Interessierte Journalisten und Themenexperten können uns gerne kontaktieren.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Journalismus digital aufzubereiten, das kann so viel mehr sein als eine Fotostrecke einzubinden und ein Video zu verlinken! Wollen wir die Medienbranche umkrempeln? Vielleicht.


>>> Hier geht’s zur Startseite von godeepr


Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Keine Zeitungen am Kiosk

Ich bin schon länger nicht mehr an diesem Häuschen vorbeigekommen, das sich “Mars Kiosk” nennt und einen etwas merkwürdigen Witz am Dach trägt. Vielleicht sieht das Häuschen, das in Gehentfernung des Münchner Hauptbahnhofs steht, also schon länger so aus, aber um ein paar Tage oder sogar Monate geht es bei dem Blick nicht, den ich auf das Häuschen werfe. Es geht um Jahre, eher Jahrzehnte.

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Das ist die Zeitspanne, in der aus dem Häuschen Zeitungen und Magazine verkauft wurden. Die Anzeige über dem Verkaufsfenster behauptet das auch noch heute, einzig: Es gibt an und im Häuschen keine Printprodukte mehr. Das Angebot des Marskiosk umfasst: Zigaretten, kühle Getränke, Kaffee, Schnaps und allerlei Unterwegs-Kram, gedruckte Informationen gibt es nicht. Nicht mehr.

Früher – und das ist nicht historisch lang her – wurden hier sehr viele Zeitungen und vor allem Magazine verkauft; bzw. jedenfalls angeboten (wie Google Maps aus dem Jahr 2008 dokumentiert) Heute stehen keine Zeitungsständer mehr vor dem Häuschen, es stecken keine Magazine mehr in der Tür und auf der Theke liegt auch kein bedrucktes Papier mehr.

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Mir ist das aufgefallen als ich unlängst an dem Häuschen vorbei ging. Ich weiß nicht, ob das etwas bedeutet, aber es ist mir aufgefallen – weil mir etwas fehlte. Ich finde, dass zu einem Kiosk Zeitungen und Magazine gehören. Ich kenne es nicht anders und ich finde es (deshalb?) richtig.
Mir ist nicht bekannt, warum es im Marskiosk in München keine Printprodukte mehr gibt. Ich ahne aber, dass ich mich an das Bild, das das Häuschen abgibt, vielleicht gewöhnen muss. Ich ahne, dass Menschen, die früher an dem Häuschen bedrucktes Papier kauften, heute auf anderen Wegen an ihre Informationen kommen. Ich ahne, dass der Kioskbesitzer dabei kein Geld mehr verdient.

Was sagt das Bild eines papierlosen Kiosk den Magazinmachern und Zeitungsjournalisten in diesem Land? Muss es sie beunruhigen? Zu neuem Denken motivieren? Können sie auf den Medienwandel reagieren, als deren Bestandteil ich die zufällige Beobachtung am Straßenrand interpretiere?

Der Innovation-Report der New York Times, den tatsächlich jeder lesen sollte, der sich für digitalen Journalismus und den dadurch begründeten Medienwandel interessiert, gibt darauf eine je nach Perspektive offene wie ratlose Antwort. Die Autoren, zu denen u.a. Arthur Gregg Sulzberger zählt, der gerade zum Strategiemanager der New York Times ernannt wurde, ermutigen einerseits jeden Journalisten dazu, “offen zu sein für neue Ideen und bereit zu sein, mit Traditionen zu brechen” und mahnen gleichzeitig “geduldig auszuprobieren und von den Dingen zu lernen, die nicht funktionieren.” In der Zusammenfassung schreiben sie:

Individual reporters and editors can experiment with storytelling forms and learn best practices for promoting their work. We could all spend more time doing what the majority of our readers do: reading on phones, using social networks and paying attention to our newest competitors.

Neuer Journalismus zur #WM2014

babb

In den vergangenen Tagen wurde viel über Googles Experiment zur Berichterstattung zur Fußball-WM diskutiert (hier der FAZ-Text). Dabei ist ein wenig in den Hintergrund getreten, dass diese WM tatsächlich auch ein Beispiel dafür ist, wie der Sportjournalismus digitalisiert wird. Dabei meine ich weniger Tortechnik oder 3D-Grafiken, sondern das, was gemeinhin als Internet-Quatsch bezeichnet wird.

Genau diesem Quatsch rund um den Fußball widmet sich seit Mai ein beachtenswertes Projekt des Telegraphs in Großbritannien: das Fußballblog Babb (Football, Fun, Games … then a bit more football) ist der erstaunliche Versuch, klassischen Sportjournalismus mit den Regeln des Social-Web zu verbinden. Es gibt auf der responsiv gestalteten Seite klassische Buzzfeed-Traffictreiber wie das Quiz “Welcher WM-Trainer bist du?”, es gibt Webfundstücke und WM-bezogene Meme, es gibt aber auch solche Beiträge, die erstaunliche Analysen auf digitale Art liefern: Anatomy of a drubbing ist der Beweis, dass man mit sehr einfachen und nicht nur ernst gemeinten Mitteln sehr gut erklären kann, warum Brasilien im Spiel gegen Deutschland unterlag:

Der Beitrag arbeitet mit einfacher Sprache und Screenshots der Fernsehübertragung, die mit schlichter Bildbearbeitung marktiert wurden. Dabei sieht man, dass man keine sich drehenden Kreise oder 3D-Animationen benötigt um zu analysieren, was Passgenauigkeit, Laufwege oder Verschieben bedeutet. Man scrollt lange runter und freut sich über diese (für mich) neue Form der Spielberichterstattung, die durch animierte Gifs aufgelockert ist. Das braucht Platz, das geht nur digital.

Zum Start des Blogs erklärte Alex Watson (“Head of Product for mobile” beim Telegraph) die Beweggründe für dieses Experiment so:

“We’re interested in trying to appeal to a new audience, and social is a really good way to do that because it breaks down lots of barriers and is an inherently fluid way for people to discover content.”


Jason Seiken
, der Ende vergangenen Jahres als Chefredakteur und Chief Content Officer beim Telegraph begonnen hat, zog dieser Tage ein postives Fazit zu dem Blog:

“Babb is a template for the innovation we’re seeing across all of our operations.“

Echter Rauch ist besser als doofes Internet

Deutschlands Außenwerbungsflächen werden gerade für eine groß angelegte Kampagne zum Lob des Echten, Wahren und Schönen genutzt. Und das findet sich – daran lassen die unterschiedlichen Motive keinen Zweifel – ausschließlich im Analogen. Es handelt sich um Anzeigen, die darauf hinweisen, dass in diesem modernen “Facebook” auch das Wort “Buch” (Facebook) steckt oder in dem englischen “Wireless” auch das verbindende deutsche “Wir” (Wireless). Ausgedrückt wird dies durch eine schöne Spielerei, die ich erst durchs Digitale (nämlich in Blogs) kennelernte: die Durchstreichung. Wortteile werden durchgestrichen, sie sind so les- und auf schnellst mögliche Art auf eine zweite Ebene übertragbar. Wenn man bei der Freundeszahl 364 die ersten zwei Ziffern streicht, wird die Botschaft schnell klar: In einer Freundschaft zählt nicht die Anzahl, sondern die Intensität.

luckie4 Alle Motive der Kampagne, die ich bisher gesehen habe, funktionieren nach diesem Muster. Ein schönes Muster. Eine handwerklich gut gemachte Kampagne. Dass ich sie hier erwähne, liegt an zwei Dingen: Zunächst halte ich Werbekampagnen grundsätzlich für einen guten Maßstab für gesellschaftliche Stimmungen. Wer etwas groß auf Plakate schreibt, muss sich sicher sein, damit nicht völlig am Zeitgeist oder dem Lebensgefühl seiner adressierten Konsumentenschar (vulgo: Zielgruppe) vorbeizureden. Zum zweiten – und das habe ich bisher unterschlagen – ist diese Kampagne allein deshalb erstaunlich, weil sie keineswegs von einem der klassischen Akteure des Online/Offline-Streits stammt: Es ist Zigarettenwerbung.

Es lohnt sich also, einen Moment innezuhalten und kurz über die Stimmung in dem Land nachzudenken, das man mit diesen Botschaften zuplakatieren kann. Es ist dies offenbar kein Land, in dem das Digitale besonders viel gilt; kein Land, in dem man große Netzwerke schätzt – weder in der persönlichen Verbindung (vier sind besser als 364) noch institutionell (Buch ist besser als Facebook). Es ist dies vielmehr ein Land, in dem man im Jahr 2014 das Fehlen einer stabilen WLAN-Verbindung als Wert herausstellen kann; ein Land, in dem man eine ganze Kampagne auf dem Gegensatz von On- und Offline aufbauen kann. Mit dem eindeutigen Lob für Offline – als Ausdruck des Guten, Wahren und Schönen.

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Das Echte ist auf diesen Plakaten nicht nur zum Teil des Absenders geworden, es ist vor allem all das, was nichts mit dem Modernen, Neuen, Digitalen zu tun hat. Das Echte soll vielmehr allein das sein, was man schon kennt, was schon früher da war, als man noch überall rauchen durfte, und überhaupt alles besser war. Den Machern der Kampagne ist es geglückt, einen Zeitgeist einzufangen und zu bedienen, der konservativ und zukunftsskeptisch ist. Und sie sind sich seiner Strahlkraft in alle Bereiche der Gesellschaft so sicher, dass sie ihn laut ins Land rausrufen. Sie erreichen damit sowohl die Zukunftsskeptiker älterer Generationen als auch die Jungen, denen eingeredet wird, es sei besser mal wieder ein gutes Buch zu lesen als auf Facebook zu sein. Ich kann nicht letztgültig entscheiden, was besser ist, aber spätestens wenn eine Zigarettenmarke sich an das Buch als Wertvermittler hängt, werde ich skeptisch.

Die Digital-Skepsis scheint in diesem Land plakattauglich zu sein. Sie ist so ausgeprägt, dass sie als Transportmittel für ganz andere Botschaften dient: Was überall mit Abschreckbildern von Raucherbeinen und Lungenkrebs bedacht wird, kann in diesem Land noch als Ausweis des Guten und Wahren gelten – wenn es mit dem Digitalen kontrastiert wird. Es sei besser mit drei Freunden am Strand zu rauchen, will das Plakat mir erklären, als mit 361 anderen auf Facebook abzuhängen. Der mir bekannte Stand der Krebsforschung kommt zu anderen Ergebnissen, aber die treten zurück gegen das Grundgefühl, das die Kampagne bedient: Irgendwie ist das Digitale doch nicht ganz geheuer.

Wenn beim nächsten Mal irgendwer gegen die smarte neue Welt anschreibt, muss man sich das in Erinnerung rufen. Das Digital-Evangelistentum, das damit bekämpft werden soll, gibt es in Deutschland nicht nur fast gar nicht, es wird vor allem überlagert von einer Stimmung, die im Digitalen etwas Unwahres, Unschönes, Unechtes erkennt. Fast muss man der Kampagne dankbar sein, dass sie dies so offen zu Tage fördert. Aber nur fast.