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#journo2014: Welche Regeln sollte man befolgen um ein guter Journalist zu sein?

In der Reihe “Kommunikationsberufe” liefert das Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU München seinen Studierenden Praxisorientierung durch Gastvorträge von Menschen, die bereits in kommunikationswissenschaftlichen Berufen tätig sind. “Dabei sollen jeweils besondere Merkmale der einzelnen Berufsbilder angesprochen und mit den Studierenden diskutiert werden: Ausbildungsanforderungen, Möglichkeiten des Berufszugangs, besondere Tätigkeits- und Berufsmerkmale, Berufschancen, Arbeitsmarktlage.” Am Mittwoch werde ich am IfKW sprechen, wo ich übrigens auch selber mal studiert habe, und mit den Studierenden über Merkmale des Journalistenberufs im Jahr 2014 diskutieren.

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Zur Vorbereitung interessiert mich, welche Merkmale die Leserinnen und Leser dieses Blogs benennen würden. Deshalb hier ein Experiment: Sag mir deine Ratschläge für Journalismus im Jahr 2014! Welche Regeln sollte man befolgen, welche Ratschläge beherzigen um ein guter Journalist/gute Journalistin zu sein bzw. zu werden? Schreibe deine Tipps und Tricks in die Kommentare oder in den Hashtag #journo2014!*

Ich weiß nicht, ob irgendwer Interesse daran hat, Regeln und Ratschläge zu sammeln. Es würde mich aber freuen – und ich kann versprechen: Ich werde sie am Mittwoch am IfKW vorlesen!

UPDATE: Dank Hakan und Richard hat der Hashtag tatsächlich Fahrt aufgenommen – den beiden und allen, die sich beteiligen, vielen Dank.


*Ja, ich finde “journo” auch ein blöde pseudo-US-Abkürzung, mir ist aber keine besser eingefallen und womöglich ist das ja ein erster Ratschlag: Kompromissfähig sein …

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Wie Journalismus sich verändert (Oktober 2014)

Alles fließt – wer die dieser Tage gestarteten Webauftritte von Wired und Krautreporter anschaut kommt aus der Bewegung gar nicht mehr heraus. Krautreporter ist – nach dem Vorbild angelsächsischer Innovatoren wie i100 vom Independent oder Quartz – zunächst mal ein Schlauch. Kein allgemeinverbindlicher Anfang, keine Abschluss, sondern steter Fluss. Das ist konsequent, modern und flexibel im Layout. Wo früher eine ausführliche Navigation war, stehen heute drei Striche untereinander. Das kennt man von mobilen Ansichten – und genau dafür ist diese reduzierte Form der Navigation gedacht.

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Liquid Design nennt man das, eine Gestaltung, die sich dem Nutzungskontext der Leserinnen und Leser anpasst und je nach Bildschirmgröße skaliert. Und allein wegen dieser flüssigen, steten Bewegung lohnt es sich, Wired und Krautreporter in dieser kleinen Tagebuch-Rubrik festzuhalten, die sich ja eben dieser Bewegung in der Branche widmen will: Denn man vergisst ja wie flink die Digitalisierung durch den Journalismus eilt und nicht nur Gestaltung und Geschäftsmodelle – sondern vor allem auch Gewohnheiten ändert.

Deshalb hält die Oktober-Folge des Journalismus-Tagebuchs kurz inne, blickt auf Deutschlands neue Wochenendzeitung und die damit verbundenen Ausrichtung der Süddeutschen Zeitung (für die ich arbeite) auf Samstag und Sonntag und beobachtet die diese Woche gestarteten Mitglieder-Medien Wired und Krautreporter.

Wer dazu intensiver nachlesen will, was Blogs und Medien melden, sollte (in Bezug auf Krautreporter) Christoph Neuberger, turi2 oder Anne Fromm zuhören – oder bei Christian Jakubetz, Julian Heck oder Karsten Wenzlaff nachlesen. In Sachen Wired sagen Harald Staun, Christian Meier und Andreas Weck ihre Meinung.

Webseiten brauchen Cover!

Ich will mich hier auf die Frage der Übersicht und die Abschaffung der Startseite wie wir sie kennen, konzentrieren. Das alles ist nur konsquent, denn der Innovationsreport der New York Times (über den ich hier mal schrieb), hat durchaus korrekt festgestellt: der Wert der Startseite nimmt ab. Dass diese als Prinzip und Orientierung aber weiterhin einen Wert hat, beweisen Wired und Krautreporter – wenn auch indirekt. Es fehlt auf beiden Seiten an Übersicht – das ist deshalb lustig, weil es auf Krautreporter sogar einen Link namens “Übersicht einblenden” gibt. Was dann allerdings folgt, ist eine Auflistung nach Autoren und Themen, die eben genau das nicht bringt: Übersicht in Form von Gewichtung.

Wired versucht genau das über “Collections” zu erreichen. Das ist ebenfalls modern, weil Medium damit arbeitet. Es ist unnötiger Weise englisch (wie die ganze Navigation: Members!?) und bleibt verwirrend. Das ist deshalb merkwürdig, weil Wired ja in hoher Auflage besitzt, was der Website fehlt: Übersicht in Form eines Magazins. Die gedruckte Ausgabe (“Collection: “Magazine Articles”) ist in orientierender Weise gerade nicht liquid – sie besitzt in allgemeinverbindlicher Form Anfang und Ende und sie sagt mir: Das hier ist der Redaktion besonders wichtig, deshalb steht es auf dem Cover.

Beides vermisse ich bei Wired (im Netz) und bei Krautreporter. Dabei wäre die Lösung vergleichsweise einfach: Webseiten brauchen Cover! Die Idee einer Magazin-Titelseite darf meiner Meinung nach durchaus Verwendung im Web finden – als Übersichts- aber vor allem als Gewichtungsseite. Ich finde es zu schwierig herauszufinden, was die Redaktionen von Wired und Krautreporter wichtig finden. Mir erschließt sich nicht schnell genug, welche Inhalte sie hervorheben wollen und warum sie sie in dieser Kombination anbieten (Blattmacher). In diesen Metadaten rund um den reinen Inhalt liegt aber ein bedeutsamer Wert für Journalismus der Zukunft. Hier entsteht – wenn man es sehen kann – sowas wie Haltung, Identität und Leserbindung. Und um die geht es Krautreporter wie auch Wired. Man kann sich einloggen und in unterschiedlicher Form teilnehmen (warum eigentlich bei Wired gar nicht kommentieren?), weil beide Seiten erkannt haben, dass in der Bindung zum Leser ein Weg der Zukunft liegen kann.

Ich persönlich bin sehr gespannt, wie sie ihn gehen werden!

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WordPress Hack: was mir geholfen hat

Mein Blog ist angegriffen worden. Das ist nichts Besonderes, wenn man dann jedoch bemerkt, dass irgendwer von IP-Adressen aus Russland, Jakarta und der Türkei Zugriff auf mein Blog nehmen will, fühlt sich das schon komisch an. Aber man ist nicht der Erste mit dem Problem. Und das ist nicht nur tröstlich – sondern hilfreich. Weil mir die folgenden Hinweis (hoffentlich) geholfen haben, möchte ich sie hier festhalten und weitergeben – in der Hoffnung, dass Leser mit tiefergehendem Wissen mir weitere Hinweise geben:

1. Admin löschen: ein beliebter Weg in fremde Blogs führt über den Nutzer admin. Weil dieser standardmäßig in WordPress-Installationen vorhanden ist, nutzen Angreifer diesen Account und versuchen sein Passwort ausfindig zu machen. Matt Mullenweg rät deshalb dazu, den Nutzernamen in jedem Fall zu ändern. Hier steht wie das geht. Mittlerweile scheinen übrigens auch alle Abwandlungen von Admin (AdminAdmin, Administrator etc.) den Angreifern bekannt zu sein.

2. Passwörter ändern: Vielleicht sind aber auch andere Benutzer die Zugangswege für Angreifer. Deshalb sollte man alle Nutzerpasswörter ändern – das gilt auch für die Security Keys in der config-Datei. Martin Sauter weist zudem darauf hin, dass man alle Nutzer-Accounts kontrollieren soll.

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3. Blog reinigen: Der Angreifer hat vermutlich Spuren bzw. vor allem schadhafte Dateien hinterlassen, die Dinge tun, die man nicht möchte. Diese muss man finden und entfernen. In meinem Fall hat mein Provider mir dabei sehr geholfen.

4. Sicherheits-Plugins installieren: iThemes Security, Sucury Security und WP AntiVirus Protection werden an vielen Stellen empfohlen und bieten ein umfangreiches Sicherheitspaket vom Scan über Backup bis zur Sicherung an. Mit ihrer Hilfe kann man auch kontrollieren, wer mit welchem Benutzernamen versucht sich einzuloggen. So habe ich festgestellt, dass es etwa alle zwanzig Minuten Invalid Login Attempts gab, sich als admin (siehe 1.) auf meinem Blog einzuloggen.

5. Backups machen: Es wird zwar immer und überall erwähnt und jeder weiß es, da ich aber ganz höchstpersönlich die Erfahrung gemacht habe, dass es Menschen gibt, die nicht genau drauf achten: Man sollte Backups machen! Wer wichtige Dinge gelöscht hat, ärgert sich darüber – und braucht in jedem Fall Geld und Geduld um sie vielleicht wieder zu kriegen.

Weiterlesen:
Martin Sauter: WordPress Blogs gegen Brute Force Attacken schützen

tn3: Massive Angriffswelle

heise: Botnet attackiert WordPress-Installationen weltweit

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Lob der Kopie: Kutiman

Mit diesem Ankündigungsclip hat der israelische Künster Kutiman in dieser Woche sein neues YouTube-Album vorgestellt: Thru You Too ist die Fortsetzung von Thru You, mit dem Kutiman 2009 für Aufsehen sorgte. Damals zeigte er sich im Erklärclip noch selber:

Das Prinzip seiner Arbeit hat sich in den vergangenen fünf Jahren aber nicht geändert: Der Mann, der mit bürgerlichem Namen Ophir Kutiel heißt, nimmt Webvideos und bastelt diese neu zusammen. Das ist Mashup-Kunst auf hohem Niveau: “Erneut gelingt es Kutiel, aus teilweise obskuren Einzelvideos zusammenhängende Lieder zu komponieren”, schreibt Eike Kühl im Netzfilmblog bei Zeit-Online. “Kutimans Ansatz ist nicht neu, folgt er doch der Tradition des Samplings, das vor allem im Hip-Hop und der elektronischen Musik seit Jahrzehnten verbreitet ist. Doch mit Thru You gelang es ihm mithilfe von YouTube, den Samples ein Gesicht zu geben. Denn tatsächlich entfalten die Songs erst gemeinsam mit den Videos, im Zusammenspiel mit dem Ausgangsmaterial ihre Wirkung.”

Für die Tagesschau hat Stephanie Stauss den 32-Jährigen im Süden Israels besucht, der Beitrag gibt einen interessanten Einblick in die Arbeit des Musikers, der in der New York Times ebenso vorgstellt wird wie bei Nerdcore, LaughingSquid oder Slate.

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Kutiman nimmt zwar (ungefragt) Clips aus dem Netz, er dokumentiert aber eindrücklich aus welchen Quellen er sich bedient. Durchs diesen Rückgriff auf Bestehendes erstellt er Neues. Ein Prinzip, das nicht nur Leser von David Shiels “Reality Hunger” oder Hörer von Girl Talk erfreut.

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In eigener Sache: Harlem Shake im Lesesalon

Heute ist ein besonderer Tag. Das ist zwar Zufall, aber nicht weniger schön. Denn zwei Projekte, die mich in den vergangenen Monaten beschäftigt haben, werden öffentlich: Phänomeme kommen ins Fernsehen und in der SZ startet ein besonderes Schreibexperiment.

Heute erschien im Feuilleton der SZ der Aufruf zu einem kollaborativen Schreibprojekt: “Süddeutsche Zeitung Lesesalon” ist der Versuch, eine Rezension gemeinsam zu schreiben. Redakteur und Leser treffen sich an einem virtuellen Ort, lesen gemeinsam ein Buch und schreiben anschließend gemeinsam eine Kritik.

Das Experiment bezieht sich auf die Idee, Kultur als Software zu denken, knüpft an die Versuche an, die Walter Isaacson beim Verfassen seines aktuellen Buchs unternommen hat und ist natürlich auch ein neuer Ansatz im Konzept, Leserdialog anders zu denken. Ob das Experiment gelingt, werde ich in den nächsten Tagen gemeinsam mit dem Hanser-Verlag und den Berliner Software-Experten von Dbook.org herausfinden. Alle Details gibt es bei Süddeutsche.de – außerdem haben heute auch dpa, W&V und DeutschlandradioKultur drüber berichtet. Was mich natürlich sehr freut!

Wer an dem Experiment teilnehmen will, muss eine Mail an lesesalon@sueddeutsche.de schreiben!

Außerdem läuft heute nacht auf ZDFinfo die Pilotfolge zu der tollen Serie 15 Minutes of Fame, die sich mit den Themen befasst, die ich seit einer Weile im Phänomeme-Blog beschreibe: Netz-Trends, Internet-Memes, digitale Popkultur. Dieser Bereich liegt mir sehr am Herzen, weil er zu oft noch als Internet-Quatsch missverstanden wird. Am Beispiel des Harlem Shake beweist 15 Minutes of Fame, an denen ich als Interview-Partner und Berater mitwirken durfte, dass die Remix-Kultur des Netzes zu einem sehr aktiven Teil gegenwärtiger Popkultur geworden ist.

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Wer nicht bis 0:20 Uhr wach bleiben mag, kann die Sendung auch hier in der ZDF-Mediathek anschauen – und selbstverständlich gerne weiterreichen. Je mehr Menschen die Folge sehen, umso toller!

Was übrigens auch noch in eigener Sache zu erwähnen wäre: An den kommenden beiden Freitagen stehe ich München in Sachen Phänomeme und Neue Version auf Bühnen. Am 10.10. beim Zündfunk-Netzkongress mit dem tollen Meme-ory-Spiel und am 17.10. mit der wunderbaren Band A Forest, deren Album Grace heute erschienen ist, im Club Milla.

loading: WASD reloaded

Im Sommer 2013 hat Christian Schiffer den loading-Fragebogen zum ersten Mal beantwortet. Damals stand sein Computerspiel-Bookzine “WASD” gerade vor der dritten Ausgabe. Diese Woche taucht er erneut in dieser Rubrik auf: Weil WASD jetzt ein Crowdfunding gestartet hat – um die vergriffene erste Ausgabe nachzudrucken.

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Was ist seit dem letzten Mal passiert?
Wir haben noch vier weitere Ausgaben der WASD veröffentlicht! Und Poster! Und ein Quartettspiel „Videospielskandale“! Und gerade versuchen wir die allererste WASD-Ausgabe neu aufzulegen mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion bei Startnext.de. Außerdem haben wir noch Preise gewonnen, ein Abo-System eingeführt, die Rechtsform des Verlags geändert und die Zweilochmusterbeutelklammerversandtaschen kurzzeitig durch Einlochmusterbeutelklammerversandtaschen ersetzt.

Was hättest du damals schon gerne gewusst?
Es ist wichtig, beim Lektorieren auch die Überschriften zu checken.
Außerdem hätte ich damals gerne gewusst, wie man am besten einen Anzeigenkunden akquiriert. Die Antwort auf diese Frage würde mich auch heute noch brennend interessieren. Aus Gründen.

Wen willst du jetzt erreichen?
Eigentlich dieselben Leser, wie am Anfang. Leser, die an Games interessiert sind, aber mehr wollen als nur schnöden Stiftung-Waren-Test-Journalismus.
Bei der Crowdfunding-Kampagne, die gerade läuft, möchten wir Leser erreichen, denen die WASD Nr. 1 noch fehlt, die ist nämlich schon seit Längerem vergriffen. Aber vielleicht wird der ein oder andere durch die Kampagne erst auf die WASD aufmerksam. Das wäre dann ein schöner Kollateralnutzen.

Wie geht es weiter?
Gerade arbeiten wir unter Hochdruck an der WASD Nr. 6, die dann im November erscheinen soll. Wahrscheinlich werden wir auch neue Poster machen. Und Stofftaschen!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Man kann Briefe innerstädtisch kostenlos verschicken, wenn man Empfänger und Absender auf dem Umschlag vertauscht.

>>> Hier das WASD-Crowdfunding auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Die Sache mit dem Inhalt

Es liegen 902 Tage zwischen Bono und Sven Regener. Es sind 902 Tage, die eine Distanz markieren für das, was man digitalen Wandel nennt.

Am 21. März 2012 sagte Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime im Zündfunk u.a. das hier:

“Dass man uns in Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben. Die Gesellschaft, die so mit ihren Künstler umgeht, ist nichts wert. Das einzig wahre am Rock’n’Roll ist, dass wir jede Mark, die wir dafür bekommen, selber verdienen. Die bekommen wir von Leuten, die sagen, ja das ist es mir Wert. Das ist die Idee dabei, das macht den Rock’n’Roll groß, alles andere ist Subventionstheater, alles andere ist Straßenmusik. (…) Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist scheiße.”

Am 9.9. 2014 setzte Bono, Sänger der Band U2, ein Geschäftsmodell in die Tat um, das 902 Tage zuvor den Rock’n’Roll-Test vermutlich nicht bestanden hätte: Bono verschenkte das jüngste Album seiner Gruppe namens “Songs of Innocence” an alle Nutzer der Software iTunes*; ungefragt. Im Rahmen der großen PR-Veranstaltung von Apple, an deren Ende er auf die Bühne trat und seine Musik wie ein Straßenmusiker verschenkte, sagte er:

“The question is now, how do we get it to as many people as possible, because that’s what our band is all about.”

Regener (Jahrgang 1961) und Bono (Jahrgang 1960) trennt inhaltlich vielleicht weniger als die 902 Tage, die zwischen beiden Zitaten liegen. In dieser Zeit ist aber Realität geworden, was schon länger im Raum steht: ein veränderter Umgang mit Inhalt im digitalen Raum. Der Guardian-Redakteur Charles Arthur hat das in einem Tweet sehr schön auf den Punkt gebracht


Ist also eingetreten, was Regener angekündigt hat: Sind Künstler nichts mehr wert? Wenn man sich durchliest, wie iTunes-Nutzer auf das “Geschenk” reagierten (“Ich habe nicht mal genug Speicherplatz für ein Foto, wie kommt Apple darauf, dass ich das U2-Album brauche?”), könnte dies den Eindruck bestätigen.



Doch der Eindruck täuscht. U2 verschenken ja nicht ohne Grund ihr neuestes Album. Was Regener Nichts-Wert-Sein nennt, kann man im Fall von Bono in Zahlen ausdrücken: Mit ihrer letzten Tour stellte die Band von Bono einen Rekord der Rolling Stones ein. Sie verkauften sieben Millionen Eintrittskarten für 110 Shows berichtet Spiegel Online:

Am Ende der “360 Grad”-Tour (…) wird sich das Einspielergebnis den Angaben zufolge auf rund 700 Millionen Dollar belaufen.

700 Millionen Dollar, das sind 540 Millionen Euro. Davon kann man sich 16 neue ICE-Züge kaufen, über 20 Kilometer neue Autobahn oder jede Menge Subventionstheater bauen. Ganz sicher kann man damit erklären, warum Bono die Bühne von Apple sehr gerne genutzt hat: U2 bekamen damit auf einem Schlag das, was Vorrausetzung für jeden Umsatz mit Inhalten ist: Aufmerksamkeit! Diese Aufmerksamkeit führte dazu, dass nach der Verschenk-Aktion andere U2-Songs plöztlich in den Verkaufs-Charts auftauchten und die Band im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand.

Klar, hört man von der anderen Seite der 902 Tage: Das ist ja auch U2!

Ich will da gar nicht viel zurückrufen, nur kurz innehalten: Wenn sogar U2, die Band, die den Tour-Rekord der Rolling Stones eingestellt hat, anfängt ihre Musik zu verschenken, sollte man vielleicht endlich beginnen, darüber nachzudenken, wie die Digitalisierung unseren Umgang mit Inhalten verändert – und zwar unter unseren Füßen. 902 Tage sind nämlich in Wahrheit nicht viel. Angela Merkel hat sich in dieser Zeit vermutlich weniger verändert als die Kulturbranche im Netz.

Ich persönlich glaube, dass es lohnen könnte, den fixierten Blick vom Inhalt zu lösen und auf den Kontext zu schauen.

* Weil auf Twitter die Begrifflichkeit verschenken besprochen wird: Natürlich ist U2 für die Musik bezahlt worden, aber eben nicht vom Nutzer, der die Musik hört. Daher die etwas unsauber Verwendung des Begriffs.

UPDATE: Markus Beckedahl hat bei Netzpolitik einen erstaunlichen Unterschied in U2s eigener Perspektive auf ihre Musik ausgemacht:

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Buzzfeed Deutschland

Buzzfeed Deutschland ist heute gestartet.

Also nicht in dem Sinne, in dem klassischer Weise neue Medien starten: Es gibt keine Pressemitteilung, keine Berichterstattung in Mediendiensten, nicht mal eine Website oder Startseite gibt es zu dem Produkt. Aber es ist da – in den Kanälen, die für Buzzfeed wichtig sind:

Der offizielle Buzzfeed-Facebookaccount (3,6 Millionen Fans) hat heute Nachmittag einen deutschsprachigen Beitrag geteilt, meinem Gefühl nach erstmals in seiner Geschichte:


Sebastian Fiebrig
, den Twitter-Deutschland als @saumselig kennt, hat eine Liste mit russisch anmutenden Gifs gepostet. 14 Schritte wie du dich auf die russische Invasion vorbereitest steht in der Überschrift. Das kommt im Vergleich zu den anderen Zahlen des Buzzfeed-Accounts bisher so mittel an, aber Buzzfeed-Chef Jonah Peretti hat das auf Twitter geteilt – ebenfalls auf deutsch.

Auch ein französischer Beitrag wurde heute geteilt, im Nachbarland ist Buzzfeed aber schon einen Schritt weiter. Fast 15.000 Menschen sind dort Fan der französischen Buzzfeed-Seite. Ein “Buzzfeed Germany” gibt es auf Facebook allerdings noch nicht. Das gibt es vermutlich erst, wenn Buzzfeed dann auch wirklich startet – so mit Mediendienst und Pressemitteilung.

Ein wenig Hintergrund zu Buzzfeed gibt es auf Phänomeme.de, bei der SZ und hier im Blog.

Wie Journalismus sich verändert (August 2014)

“Stern, Spiegel, Focus” – das war jahrelang eine Art stehende Floskel für eine Form des Magazinjournalismus, der wöchentlich Platz für Hochglanz-Anzeigen lieferte. In diesem Sommer wurde die Aufzählung zu einem Problem-Dreiklang. Alle drei Magazine haben ein Anzeigen- und Auflagen-Problem, das (wenn es ein ganzes Segment trifft) womöglich struktureller Art ist, es scheint aber in allen drei Häusern personell bearbeitet zu werden. Immerhin wurde zunächst der stern-Chefredakteur Dominik Wichmann in einer eher merkwürdigen Art des Amtes enthoben, es folgte der Focus-Chef Jörg Quoos und beim Spiegel ein Personal-Theater, über das der Spiegel selber sich vermutlich sehr genüßlich lustig machen würde.


Alle drei Fälle gilt es in dem kleinen Journalismus-Tagebuch festzuhalten, das ich im Frühjahr mal begann, um hier den Medienwandel zu dokumentieren. Und wenn ich mich jetzt in die ersten beiden Folgen zurückklicke (Mai bzw. Juni), merkt man wie schnell der Medienwandel gerade unter unseren Füßen durchrauscht.

Diesem Wandel unterliegt aktuell auch ein Thema, das hier im Blog seit Jahren Thema ist: das Verhältnis zum Leser. Dieses ist – auch das hat der Sommer 2014 fürs Journalismus-Tagebuch zu Tage gefördert – gerade eher angespannt. Die Diskussion darüber, wie man mit Leserkommentaren umzugehen hat, hat die Branche in den vergangenen Monaten sehr nachhaltig beschäftigt: Es gab zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Häusern, die sich dem Thema theoretisch näherten. Auch der Online-Chef der SZ Stefan Plöchinger hat dazu ein ausführliches Stück geschrieben, das ich hier nochmal empfehlen will, weil es u.a. Grundlage für ein neues Konzept ist, das wir seit dieser Woche bei der Süddeutschen Zeitung testen*: ein neuer Umgang mit Lesern im Netz.

Die bisherigen Ansätze zum Umgang mit Leserdialog zeichnen sich derzeit zumeist durch eine Aufwands-Einschätzung aus, die Bettina Hammer auf telepolis so beschreibt:

Die Foren müssen gewartet, evtl. moderiert und zumindest überflogen, Anfragen beantwortet und nicht zuletzt Strafrechtliches gelöscht werden, bevor es zu nerven-, zeit- und geldaufwändigen Verfahren kommt.

Von einem Erkenntnis-Interesse oder einem inhaltlichen Ziel, das ein (Online-)Dialog verfolgen könnte, schreibt sie nicht. Stattdessen kritisiert sie an dem neuen SZ-Ansatz: “Die SZ hat damit ein weiteres Beispiel dafür geliefert, wie Onlinemedien Nutzer mehr und mehr als Störfaktor sehen.” Wie Heise die Nutzer sieht, kann man nur indirekt erschließen, wenn man die Kommentare unter dem Text liest: Denen scheint es relativ egal zu sein, ob sie im heise-Forum (sic!) stehen oder sonst wo im Netz. Sie bilden keinen wirklichen Dialog ab, sondern bieten Menschen die Möglichkeit, pauschal allen Medien Propaganda zu unterstellen. Diese Unterstellung verlangt keine Antwort aus der Redaktion, die den Text veröffentlicht – und bekommt offenbar auch keine, wie ein Leser unter dem Text kritisiert

telepolis

Nun wäre es wohlfeil Bettina Hammer oder die heise-Redaktion dafür zu kritisieren, denn es handelt sich (siehe oben) bei dem Thema um kein personelles, sondern um ein strukturelles Problem: Online-Debatten fehlen derzeit häufig Eigenschaften, die geglückte Gespräche zumeist auszeichnen:

> Sie haben einen Anfang und ein definiertes Ende
> Sie verfolgen ein inhaltliches Ziel, ein Erkenntnis-Interesse
> Sie verlaufen in zwei Richtungen: beide Seiten kommen zu Wort

Mindestens diese drei Eigenschaften wollen wir bei der SZ dem Leserdialog (zurück-)geben: “Lassen Sie uns diskutieren” hat der Kollege Daniel Wüllner den Beitrag überschrieben, mit dem wir bei der SZ eine andere Form des Dialogs im Netz beginnen wollen: eine Konzentration auf drei relevante Fragen des Tages, die eine Alternative zum ziellosen Plaudern bisheriger Art sein wollen. Es geht darum, einen strukturell neuen Ansatz im Leserdialog auszuprobieren. Stefan Plöchinger hat das in einem Interview, das er zu dem neuen Modell gegeben hat, so zusammengefasst:

Wobei uns klar ist, dass das ein Experiment ist und wir aus den Erfahrungen der ersten Tage lernen müssen. Aber mehr zu experimentieren, ist unsere Grundhaltung.

Ich finde diese neuen Modelle (der Kollege Johannes Boie beantwortet z.B. in einer Leserfrage, warum den Deutschen Datenschutz wichtig) viel spannender als die Frage, ob es Kommentare auf Facebook gibt oder nicht (gibt es schon immer). Deshalb schreibe ich das hier auf: weil ich glaube, dass das Thema in einer der nächsten Folgen des Journalismus-Tagebuchs auftauchen wird. Denn natürlich sollte man auch die Ideen der neuen Version als Leserdialog denken.

*Disclosure: ich arbeite bei der SZ

Kontexte brechen: Wie Internet-Meme die Remixkultur demokratisieren – und jetzt auch das Fernsehen verändern

Im Rahmen der Eröffnung des Remixmuseum Anfang Mai in Berlin wurde auch das Buch “Generation Remix” vorgestellt, das Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch zusammengstellt haben. Neben Beiträgen von Cornelia Sollfranck, Till Kreutzer und Lawrence Lessig enthält “Generation Remix” auch einen Text von mir, den ich hier dokumentiere – weil das Buch jetzt auch als Print-Version erhältlich ist.

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Es gab mal eine Zeit, da wurde Fernsehen, das frech sein wollte, vor allem mit Hilfe von ahnungslosen Passanten gemacht. Moderatoren, die von der Kritik anschließend als „respektlos“ bezeichnet wurden, lauerten ihnen auf und stellten merkwürdige Fragen. Dieses Prinzip hat sich weitgehend überlebt – Fernsehen, das wirklich als frech gelten kann, bedient sich heute bei Methoden des Web, genauer gesagt: bei Internet-Memen.

Respektlosigkeit gilt dabei nicht mehr dem ahnungslosen Passanten auf der Straße, sondern dem Kontext. Mit dem zu spielen, ihn zu verändern und zu zerstören ist oberste Pflicht und Freude der Remixkultur, deren populärste und drängendste Form sich aktuell im Netz findet. Unter dem von Richard Dawkins geprägten Begriff der Meme ist eine digitale Ausprägung der Volkskunst entstanden, die den Remix demokratisiert hat. Der Biologe Dawkins übertrug schon in den 1980er Jahren die Idee der Gene auf die Welt der Ideen und Trends. Als Internet-Meme beschreibt man deshalb Inhalte, die sich schnell und wie von alleine durch das Netz bewegen. Sie werden kopiert, verändert und so schnell weitergereicht, dass man nicht mehr sagen kann, wer sie eigentlich erfunden hat. So wie der Ostfriesenwitz in der analogen Welt in immer neuen Spielarten weitererzählt wurde, finden sich heute ständig neue Meme im Netz: Bilder, Sätze oder Töne, die in neue Zusammenhänge gestellt und von den zu Nutzern gewandelten Zuschauern weitergereicht werden. Jeder kann zum Sender werden – das ist der bedeutsame Antrieb für die virale Verbreitung von Memen. Wie mächtig diese für die jüngste Form der Popkultur sind, sieht man zum Beispiel daran, dass das Fernsehen sie nun entdeckt.

In Amerika nutzen Late-Night-Talker wie Jimmy Kimmel oder Jimmy Fallon das Prinzip des kalkulierten Kontext-Bruchs und seiner viralen Verbreitung schon länger für ihre Fernsehsendungen. Kimmel sorgte zum Beispiel 2013 mit einem inszenierten Twerking-Video für sehr große Aufmerksamkeit. Der Fernsehmoderator inszenierte dabei einen Unfall einer jungen Frau, die beim aufreizenden Po-Wackeln (Twerking) sehr kunstvoll stürzt und dabei Feuer fängt. Die Bilder des vermeintlichen Missgeschicks verbreiteten sich in hoher Geschwindigkeit durchs Netz. Menschen sahen die missglückte Tanzeinlage, adaptierten sie zum Teil und teilten sie in sozialen Netzwerken. Die Filmsequenz wurde zum animierten Gif kondensiert. In diesem Retro-Format werden bewegte Bilder leicht teilbar gemacht und so auf erstaunliche Art geadelt. Als der professionell erstellte, aber zufällig wirkende Youtube-Clip die Grenze von zehn Millionen Aufrufen überschritt, löste Fernsehmoderator Kimmel auf, dass er hinter dem Tanzfilmchen steckt. Er hatte die Stuntfrau Daphne Avalon beauftragt und mit ihr gemeinsam die Weböffentlichkeit an der Nase herumgeführt – man könnte sagen gehackt.

„Wir haben das Magische passieren lassen“, kommentierte Kimmel anschließend nicht ohne Selbstlob. Und in der Tat war ihm etwas Besonderes geglückt: Er hatte keine ahnungslosen Passanten in der Fußgängerzone in die Irre geführt, sondern mit den gängigen Mechanismen der Web-Öffentlichkeit gespielt. Das ist auch deshalb spannender, weil es das Risiko des Scheiterns in sich trägt. Es war aber erst der Anfang: Während der Winterspiele in Sotschi hackte Kimmel gemeinsam mit der US-amerikanischen Rennrodlerin Kate Hansen nicht nur das Web, sondern auch das Fernsehen selber. Hansen hatte in seinem Auftrag einen Film ins Netz gestellt, der vermeintlich ihren Hotelflur in Russland zeigt, auf dem ein freilaufender Wolf zu sehen ist. Nachdem zahlreiche Sender den Clip der Sportlerin gezeigt hatten, löste Kimmel auf: Die Szene wurde in seinem Studio mit dem dressierten Wolf Rugby gedreht. Allein der Auflösungsclip brachte es auf fast zwei Millionen Aufrufe im Netz.

Im deutschen Fernsehen adaptiert eine Sendung diese Prinzipien am besten, die Jan Böhmermann nicht durch Zufall gerne als „im zweiten deutschen Internet“ anmoderiert: Das von ihm gestaltete „Neo Magazin“ im ZDF-Spartenkanal „ZDF neo“ bedient sich kenntnis- und facettenreich der Mem- und Remixkultur. Böhmermann verwendet nicht nur oberflächlich durch einen wöchentlich wechselnden Hashtag zur Sendung die Mechanismen des Web, er hat vor allem deren Grundbedingungen verstanden: den Kontextbruch. Die beiden vermutlich populärsten Szenen der ersten Staffel des Neo-Magazins sind als direkte Referenz auf Jimmy Kimmel und als Hochamt der Remix- und Memkultur zu lesen. Zunächst versammelte Böhmermann für seine „Hymne auf die 90er“ bekannte Akteure des Jahrzehnts zu einem musikalischen und popkulturellen Remix auf vier Minuten Länge. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Songs verbunden und vermischt, der Clip ist selber so reich an Referenzen und Adaptionen auf die Popkultur der 1990er Jahre, dass er eine eigene wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigen würde. Noch bekannter wurde aber Böhmermanns Hack der Pro7-Sendung „TV Total“ von Stefan Raab. Hier gelang es den Machern des Neo-Magazins, eine vermeintliche Sequenz aus dem chinesischen Fernsehen in Raabs Sendung zu schmuggeln. Es handelt sich um eine Kopie des Formats „Blamieren oder Kassieren“, das in „TV Total“ von Elton moderiert wird. Die angebliche Kopie aus China moderiert ein asiatisch aussehender Mann, der von albernen Stofftieren unterstützt wird. Die erfundene Sequenz wurde im Programm von Pro7 gesendet und Raab und Elton spielten sie als „Blamielen odel kassielen“ nach. Dass Raab – der mit der Verwendung von Filmschnipseln, die er in neue Kontexte übertrug bekannt wurde – sich dabei selbst blamierte, machte den Fernseh-Hack nur noch lustiger. Böhmermann löste die Remixattacke eine Woche später in seiner Sendung auf.
Die Referenz zu Jimmy Kimmel ist klar erkennbar und sie steht für eine Tendenz, die Vertreter der reinen Lehre der Memkultur durchaus mit Sorge betrachten: Die Massenkultur des Fernsehens beugt sich mit großem Brennglas über die Remixkultur der Netznischen. Das mag entzündend wirken, kann aber zu einem Ausbrennen der ursprünglichen Ansätze führen. Zumal diese einen Teil ihrer Motivation stets auch daraus zogen, eben nicht von der Popkultur des Mainstream verstanden zu werden. Wie eine Geheimsprache wurden Formulierungen oder Begriffe zum Erkennungszeichen derjenigen, die Bescheid wissen. Das geheime Wissen um Katzenbilder oder Slang-Ausdrücke wird nun von der Massenkultur des Fernsehens aufgesogen, die lediglich die Idee von Straßenfegern des Schwarz-Weiß-Fernsehens auf die Kultur der Timelines übertragen wollen.

Dabei geht es bei der Remixkultur der Mem-Welt um viel mehr als um Reichweite. Wie in jeder Form der Populärkultur geht es um Identität, Teilhabe und Verstandenwerden. Distinktion funktioniert in dieser Form aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wird diese überschritten, muss man neue Nischen finden, die nur den Wissenden bekannt sind. Das führt zum Beispiel dazu, dass es in dem bekannten Webboard reddit mittlerweile eine „true reddit“-Abteilung gibt. Sozusagen ein „Früher war alles besser“ des Web.

Dass die Wege aber vermutlich kaum dorthin zurück führen, gilt fürs Web wie fürs TV. Die Aufgabe der Zukunft ist es vielmehr, die Demokratisierung der Remixkultur zu begleiten. Denn dadurch, dass allen gleichermaßen die Möglichkeiten zum Kontextbruch zur Verfügung stehen, befinden sie sich nun auch im Portfolio der Werbeindustrie. Diese folgt der Verlockung der Reichweite, die in der viralen Verbreitung steckt, und begibt sich damit auf spannendes Terrain. Denn außer der Chance, dass viele zu Sendern der eigenen Botschaft werden, bietet das Remix-Web für die Werbenden eben auch das Risiko des Kontrollverlusts: Wo viele zu Sendern werden, werden auch viele zu möglichen Remixern – die Botschaften rekombinieren und rekontextualisieren und Werbetreibende auch sehr ärgern können. Wenn man so will: Die Rache der Web-Passanten am frechen Fernsehen der Vergangenheit.

genremix Der Text stammt aus dem Buch “Generation Remix” von Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch (Hrsg.). Die Bezüge zur Netz-Kultur stammen aus dem Blog Phänomeme, das ich für die Süddeutsche Zeitung betreibe. Hintergründe zu der Idee Recht auf Remix und dem virtuellen Remix-Museum gibt es auf den Seiten. Im Phänomeme-Blog habe ich zudem einen Text geremixt, der sich mit der wachsenden Bedeutung der Meme befasst.