Alle Artikel in der Kategorie “Netz

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Ich verstehe Xing – zur Zeit – nicht mehr!

Seit ein paar Tagen schickt mir „das soziale Netzwerk für berufliche Kontakte“ (wie Xing sich in seiner Selbstbeschreibung nennt) in unschöner Regelmäßigkeit Mails, in denen mir mitgeteilt wird, dass in dem Netzwerk offenbar Mitteilungen auf mich warten. Xing selber nennt diese Mitteilungen „Kontaktanfragen“ und wenn man auf den Link, mit dem mir eine Premium-Mitgliedschaft verkauft werden soll, klickt, landet man tatsächlich bei den Kontaktanfragen

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83 dieser Anfragen warten dort auf mich. Xing spekuliert nun darauf, dass ich so neugierig bin, was sich hinter diesen Anfragen verbirgt, dass ich sofort eine Premium-Mitgliedschaft abschließe. Da ich das nicht mache, schickt mir Xing nun immer wieder Hinweise darauf, dass da doch noch was voll Spannendes auf mich wartet.

Das Problem: bis vor einer Weile konnte ich diese Anfragen noch ohne Bezahlfunktion einsehen – und habe sie mit Absicht nicht beantwortet. Denn viele dieser Anfragen waren gar nicht so spannend wie Xing denkt, sondern reine Pressemitteilungen, Verkaufsanbahnungen oder Akquise-Post, die mir mit Hilfe einer Xing Kontaktanfrage übermittelt werden sollten. Ich habe sie freundlich ignoriert. Nun zwingt Xing mich dazu, darauf zu reagieren (und sei es ablehnend) Denn als Basis-Mitglied steht mir die Funktion „Vernetzen“ nur noch sehr eingeschränkt zur Verfügung:

Als Basis-Mitglied können Sie nur eine Kontaktanfrage zur Zeit sehen. Sobald Sie diese annehmen oder ablehnen, können Sie eine neue Kontaktanfrage sehen

Mal abgesehen davon, dass mich die Angabe „zur Zeit“ sehr ratlos hinterlässt, frage ich mich: Wie bitte!? Ist der Verkaufsdruck so hoch, dass man die Kernfunktion eines Netzwerks grundlegend verkomplizieren muss? Oder anders formuliert: Als Basis-Mitglied verstehe ich das Netzwerk Xing – zur Zeit – nicht.

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The Age of Trotzdem – Wir sind unbeugsam

trotzdem_

Sascha Lobo hält gerade seine Rede an die Nation re:publica. Sie trägt den Titel „The Age of Trotzdem“ und er hat gerade tatsächlich die Anwesenden mehrfach Trotzdem rufen lassen.

Als Fan von Sascha Lobo und als Fan des VfL Bochum MUSS ich in diesem Moment darauf hinweisen, dass der Verein für Leibesübungen aus Bochum schon vor ein paar Jahren in seinem Leitbild (das erste im Profifussball) unter dem Punkt Unbeugsam Folgendes notierte:

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel
der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen
bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und
Niederlagen – aber immer noch da!

Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den
Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und
bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb,
„immer wieder aufstehen“ unser Prinzip,
„trotzdem“ unser Motto!

Ich glaube, es gibt nur eine Schlussfolgerung aus dieser Dopplung: die Nation re:publica sollte Mitglied des VfL Bochum werden!

vflBochum_trotzdem

Trotzdem!
¯\_(ツ)_/¯

Weiterlesen auf Digitale Notizen:
VfL-Trainer Verbeek und die Angst
Das Shruggie-Prinzip
Der Abschluss mit Obamas Gif

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Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

Es gehört zum Wesen der Medien getriebenen Politik, dass sie sich schon immer auf die einprägsamen Sätze, die leicht teilbaren Zitate konzentriert hat. Was dem Zeitalter des Kalten Kriegs das „Ich bin ein Berliner“ Kennedys war, wird im Zeitalter des Gifs (mehr dazu im aktuellen Digitale-Notizen-Newsletter) vermutlich diese Drop-The-Mic-Szene von Barack Obama. Sie ist die greif- und vor allem teilbare Essenz seines Auftritts beim White House Correspondents‘ Dinner, seinem letzten als amtierender US-Präsident.

Wie sehr Barack Obama das Internet und seine Kultur verstanden (und genutzt) hat, kann man in der Analyse seiner Twitter-Nutzung oder in seinem „Ende des Durchschnitts“-Wahlkampf sehen. Bebildert wird all dies mit einer Gif-Sequenz, die nicht durch Zufall als Gif exitiert. Hier hat jemand genau verstanden, wie er im digitalen Gedächtnis bleibt: als animierte Szene, die in der Welt der Reactionsgifs schon jetzt ein instant classic ist. Das Sinnbild für einen gelungenen Abgang, eine souveräne Verabschiedung. Wir werden sie noch oft sehen, ehe Obama das Weiße Haus verlässt – und erst recht danach.

Dieses Gif wird in der Welt der Phänomeme zum Fazit von Obamas-Präsidentschaft: cool, souverän und digital verankert. Und das alles trotz NSA, Snowden und Whistleblower-Verfolgung. Im Wesen der medial getriebenen Politik ging es schon immer nicht nur um Inhalte.

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Alles, was ich über Social Media weiß (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

reichweite Eine Million Menschen. Mit dieser unfassbar großen Anzahl an Zuschauern weckt Facebook mein Interesse. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Tagen diesen Beitrag auf der Phänomeme-Facebookseite gesehen, die ich für die Süddeutsche Zeitung beitreibe, um über Internetquatsch zu schreiben. Es ist ein kleines Blog, das ich u.a. aus Begeisterung z.B. für Gifs betreibe und in dem ich lerne, wie sich Aufmerksamkeit z.B. auf Facebook verbreitet.

Im aktuellen Fall handelt es sich um ein kleines Gif, das einen Jungen im gestreiften Schlafanzug zeigt, der kleine Luftballons auf den Haaren eines Säuglings elektrostatisch auflädt, um sie an die Wand zu kleben. Die Phänomeme-Facebookseite hat rund 18.000 Fans, der Ballonjunge hat ihre Reichweite in den vergangenen Tagen verfünfzigfacht. Wie ist das möglich?

Um diesen Erfolg zu ergründen, muss man zwischen den technischen und den inhaltlichen Implikationen unterscheiden: Technisch sprechen wir von einem Gif, einem kleinen Bewegtbild, das sich in der Welt der Phänomeme großer Beliebtheit erfreut, historisch aber erst seit kurzer Zeit von Facebook direkt in der Timeline angezeigt wird. Im Mai 2015 führte Facebook diese Funktion ein und es lohnt sich, dieses kleine Jubiläum angemessen zu begehen. Denn es ist keinesfalls klar, dass die genannte Funktion auf ewig in Facebook so bleiben wird. Derzeit ist es aber möglich, Gifs in der Timeline wie so genannte Autoplay-Clips abzuspielen: Die Bildsequenz spielt ohne Aufforderung und stumm los.

Inhaltlich gründet sich der Reichweiten-Erfolg des Ballon-Beispiels auf das, was hier unter dem Stichwort „Du bist, was du twitterst“ schon mal Thema war. Denn die Nutzung von Social Media ist ein Spiel der Identitäten, es geht dabei um den gleichen Antrieb, der Menschen eine bestimmte Frisur, Kleidung oder Tasche tragen lässt. Man muss das nicht gut finden, es lohnt sich aber die Mühe aufzuwenden, es zu verstehen bevor man der Welt seine Meinung über dieses Prinzip kundtut. Wenn man auf diese Mühe verzichtet, kommt dabei etwas heraus wie jener Twitter-Text (Blendle-Link) unlängst in der FAS.

Ich glaube – und der Ballon ist mir dafür Beleg – dass Postings in sozialen Netzwerken immer mehr zu einem digitalen Modestatement werden. Die Tatsache, dass Facebook einen Mangel an wirklich privaten Posts beklagt (und in Folge dessen vielleicht auch nicht mehr als klassisches Soziales Netz zu verstehen ist), bestätigt diese These. Man schmückt sich mit bestimmten Marken, mit bestimmten Thesen und darauf aufbauend mit bestimmten Identitäten. Und eine sehr einfache, sehr naheliegende Identität entsteht aus Verwandtschaftsverhältnissen. Deshalb markieren Nutzer unter dem Ballon-Bild ihre Geschwister. Weil das Ballon-Bild einen Aspekt ihrer Identität bedient.

Magazin- und Boulevard-Journalismus haben dieses Spiel der Identitäten schon immer gespielt. Es ging dabei schon immer darum, mit Inhalten Haltungen, Stimmungen, Identitäten Raum zu geben. Soziale Netzwerke haben dieses Prinzip kleinteiliger gemacht. Ein Beitrag über die Stadt Siegen kann zu einem Buzzfeed-Erfolg werden, obwohl der Durchschnitt der im klassischen Magazin- und Boulevard-Journalismus immer mit adressiert werden musste, sich überhaupt nicht für die Stadt Siegen interessiert. Diejenigen, die aber einen Bezug zu Siegen haben, finden sich in diesem Siegen-Beitrag wieder und interagieren damit – weil er ihr eigenes Modestatement ist. (Ich nenne dies „Das Ende des Durchschnitts“)

Dieses Identitätsprinzip ist ein Muster, das in zahlreichen Diensten erkennbar ist – am anschaulichsten natürlich in Facebook. Von hier aus lässt sich eine spannende Debatte darüber beginnen, wie diese Identitätsprinzipien die Reichweitenmechanismen klassischer Werbevermarktung prägen (vielleicht schreibe ich in einer der nächsten Folgen dazu), noch spannender scheinen mir aber gerade die Folgen für den klassischen Journalismus zu sein.

Technisch und inhaltlich schlagen sich die genannten Entwicklungen in dem nieder, was in Medienhäusern produziert wird. Dabei geht es einerseits darum, dass sich diese Inhalte technisch in den Timeline-Fluss einfügen, dass sie mit den Mustern des Bewegtbilds spielen und dass sie schließlich inhaltlich zur Identitätsprägung beitragen. Was das bedeutet lässt sich wunderbar an den Rappenings von Dendemann im Neo Magazin ablesen, wenn man diese nicht als musikalische Einlagen, sondern als digitale Fassung eines Leitartikels versteht.

Ein weiteres Beispiel lieferte dieser Tage der Guardian, der einen Leitartikel unter Mithilfe zahlreicher Schauspieler (u.a. Patrick Stewart) und mit Referenz auf Monty Python inszenieren lies (Hintergrund dazu): Der kurze Clip zur Brexit-Debatte ist nicht nur eine wunderbare Kopie der Vorlage aus dem Film „Das Leben des Brian“, es handelt sich dabei auch um die Umsetzung all dessen in einem Leitartikel, was ich über im April 2016 über Social Media gelernt habe.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

Ratgeber der Ratlosigkeit: Der Shruggie

Der Shruggie ist ein japanisches Emoji, das aus Zeichen aus dem Katakana-Alphabet zusammengesetzt wurde. Wenn Sie einen Shruggie nutzen wollen, kopieren Sie ihn hier ¯\_(ツ)_/¯

Auf dieser Seite sammle ich Links und Hinweise zum Shruggie, den ich sehr mag, weil er für eine besondere, digitale Lebenshaltung steht. Hier kann man der Idee auf Facebook folgen.

Am 22. April 2016 habe ich den Shruggie auf der Direttissima-Konferenz in München im Rahmen einer Präsentation vorgestellt:

Darin sind diese Texte und Bücher erwähnt:

The Life and Times of ¯\_(ツ)_/¯

Der Kanye-Shrug

Confused Travolta

– Die Herkunft von Emojis

– Eric Ries: The Lean Startup

Denke kleiner

– Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

– Sarah Knight: The Life Changing Magic of Not Giving a Fuck

Social Media Gelassenheit

PS: Hier ist das Shruggie-Prinzip auf Facebook

PPS: Ich spreche nicht nur gerne über den Shruggie – und hier können Sie kostenslos den Digitale-Notizen-Newsletter abonnieren.

Über Pressefreiheit und Social-Media-Gelassenheit

Aus aktuellem Anlass zwei kleine Erinnerungen:

1. Es lohnt sich, Social-Media-Gelassenheit zu üben!
Ronnie Grob hat eine Liste von professionellen Kolleg*innen veröffentlicht, die reflexhaft ein Fake-Interview von Kai Diekmann mit Jan Böhmermann geteilt haben – obwohl keine der Aussagen von Böhmermann stammte. Wie dieses Interview zu bewerten ist, hat Friedemann Karig bei jetzt notiert. Davon abgesehen, zeigt der Fall aber nochmal, dass selbst Medienprofis in Social-Media-Hitze vom Post-Reflex befallen werden können. Im Januar-Newsletter schrieb ich dazu:

Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

2. Man sollte sich an den Kern von Pressefreiheit erinnern: In der hochkochenden Böhmermann-Debatte (die übrigens am besten auf einer nicht professionellen Seite gebündelt ist) lohnt es sich daran zu erinnern, dass Geschmack, Anstand oder Moral in Bezug auf Pressefreiheit keine Kategorien sind. Denn „Pressefreiheit gründet eben nicht darauf, die Offenheit zu haben, seine eigene Meinung und Moral veröffentlicht zu sehen. Dieses Verständnis bringen sogar Diktaturen auf“, bloggte ich im Januar 2015. „Pressefreiheit gründet vielmehr darauf, dass man die öffentliche Meinung und Moral derjenigen aushält, die eine völlig andere Meinung haben. Eine Meinung, die man unangemessen, dumm oder schlicht falsch findet.“ Es ist gerade ein guter Zeitpunkt sich selber (und dann erst Herrn Erdogan) daran zu erinnern, dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.“

Etwas mehr Shruggie könnte uns dabei helfen! ¯\_(ツ)_/¯

Hintergrund zum Clip bei Phaenomeme.de

Internet-Inspiration: 10 Ideen, die ich bei den Webbyawards entdeckt habe

Honoring the best of the internet – das ist der Slogan der WebbyAwards, die in unfassbar vielen Unterkategorien Preise für tolle Webprojekte vergeben. Das Besondere an den Awards: sie sind eine tolle Internet-Inspirationsquelle. Ich habe mir die Nominierten (über die man noch 15 Tage abstimmen kann) angeschaut und beim Durchsehen viel interessante (und mir zum Teil unbekannte) Angebote entdeckt. Hier eine Auswahl von zehn Ideen:

10. Emoji Ordering: Pizza bestellen durch Senden eines Emojis

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9. Walking New York: ein Cover fürs New York Times Magazine – und sehr viel mehr.

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8. Greatist – eine Ratgeberseite, auf andere Art

7. Quartz for iPhone: eine Nachrichtenseite, die ein Chat ist

6. Pridestream: ein Telekommunikationsanbieter, der sich für Freiheit einsetzt

5. What 3 Words: ein Angebot, das die Welt in drei-mal-drei-Meter große Quadrate einteilt, damit jede und jeder eine Adresse bekommt. „what3words is a unique combination of just 3 words that identifies a 3mx3m square, anywhere on the planet.“

4. Webucation: Ordinary people who have learned extraordinary skills by just using the internet as their teacher.

3. 36 Questions: Können sich völlig fremde Menschen ineinander verlieben – nur indem sie sich 36 Fragen stellen?

2. Inside Abbey Road: Google zeigt am Beispiel der Abbey Road wie man Navigation auch denken kann

abbey

1. Links I would gchat you if we were friends – meine Newsletter-Entdeckung des Jahres (danke Simon für den Hinweis). Caitlin Dewey durchforstet die dunklen und lustigen Seiten des Netzes und bündelt ihre Fundstücke in einer tollen Mail.

Falls Du auch tolle Entdeckungen machst, schlage ich den Hashtag #internetinspiration vor!

Du bist was du twitterst: In Social-Media geht es um Identität

Es ist Frühjahr 2016, die Zehn-Jahres-Feierlichkeiten um Twitter sind gerade vorbei gezogen. Ein guter Zeitpunkt, um an etwas (vermeintlich) sehr Einfaches zu erinnern: Du bist was du twitterst! Andreas Bock hat das bei 11 Freunde gerade am Beispiel von Philipp Lahm auf anschauliche Weise offen gelegt, „denn Philipp Lahms Twitter-Einträge lesen sich, als hätte sie ein Textroboter generiert, der vorher von Heribert Faßbender mit ein paar Fußballfloskeln gefüttert wurde.“

Der Fall Philipp Lahm liegt dabei inhaltlich etwas anders als die Tweets von Harry-Potter-Erfinderin JK Rowling, über die Heather Schwedel unlängst aber in gleicher Ausrichtung bei Slate schrieb:

Reading Rowling’s Twitter updates, it’s dispiriting to be faced with daily reminders that one of your former heroes is still tinkering with a world they thought you left behind perfectly preserved in childhood.

Es scheint vielen Menschen, die in Social Media für sich und ihre Produkte Aufmerksamkeit generieren wollen, nicht klar zu sein: Die Beiträge auf Twitter/Facebook/Instagram sind mehr als Werbepostings, sie formen ein Bild von der Person, unter deren Namen der Account läuft. Und dieses Bild kann schon bei einem dummen Beitrag Schaden nehmen – bei fortgesetzter Plattheit wird es nicht besser.

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Das gilt übrigens nicht nur für Prominente, Chefredakteure oder Shopbetreiber. Das „Du bist was du twitterst“-Prinzip gilt für jeden, der Timelines (aktuell zum Beispiel) mit Böhmermann-Lob, Widerspruch für überdimensioniertes Böhmermann-Lob oder April-Scherze befüllt. In Social-Media geht es um Identität. Wir posten Inhalte wie wir Markenkleidung tragen. Beiträge oder Sneakers, Videos oder Pullis – es geht stets um Teilhabe und Abgrenzung, es geht darum möglichst beiläufig darüber zu informieren, wo man steht. Es ist hilfreich, stets daran zu denken, dass alle Jubel- oder Hass-Posts immer auch einen Meta-Klang in sich tragen, den man bei angemessener Social-Media-Gelassenheit heraushören kann und der sagt: Ich bin wie ihr oder (besonders gern genommen) Ich bin nicht wie ihr. (Dieses Prinzip gilt übrigens völlig unabhängig von politischer Ausrichtung oder vermeintlicher Eloquenz)

In den manchmal hitzigen Diskussionen derjenigen Social-Media-Nutzer, die in den Netzwerken sind, weil sie Spaß daran haben, merkt man dies manchmal nicht. In den Beiträgen derjenigen jedoch, die Social Media nutzen, weil es ihnen ein Berater, ein Ausrüster oder Sponsor nahegelegt hat, fällt dieser Meta-Klang viel häufiger auf. Was dann zu so absurden Accounts wie dem von Philipp Lahm führt. Andreas Bock kommt in seinem 11-Freunde-Text jedenfalls zu diesem richtigen Fazit:

Wenn man sich versehentlich alle 163 Tweets (Stand: 31. März 2016) von Philipp Lahm durchliest, (…) kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, wie Philipp Lahm in der anstehenden Sommerpause aus dem Urlaub postet. Sätze wie: »Ich bin hoch motiviert in den Schwarzwald gefahren und werde alles dafür tun, meiner Mutter eine schöne Kuckucksuhr mitzubringen.«

Die Zeitung nach dem Papier (Digitale März Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

„Die Druckmaschinen stehen still, die Tinte ist getrocknet, das Papier wird nicht mehr zerknittern.“ Mit diesen Worten endet das Editorial der letzten Papierausgabe der britischen Tageszeitung The Independent. Am 26. März 2016 wurde diese verkauft, 29,5 Jahre nach der ersten Ausgabe der Zeitung, die im Englischen Newspaper heißt, jetzt aber ohne Papier auskommen muss.

Nicht nur weil ich bei einer Tageszeitung arbeite – und schon 2012 schrieb, dass ich keinen besseren Ort für den Medienwandel kenne – halte ich dieses Datum für bedeutsam. Es fügt sich ein in das Bild, das wir noch nicht vollständig sehen, seine Grundzüge aber schon erkennen: Eine Tageszeitung ist mehr als das Papier, auf dem sie erscheint. Das weiß man beim Independent, beim Guardian (wo der damalige Chefredakteur Alan Rusbridger schon 2006 sagte, man werde keine neuen Druckmaschinen mehr brauchen) und z.B. auch bei der spanischen ElPais (wo sich in diesem Monat der Chefredakteur sehr ähnlich äußerte). Und damit wirft dieses Datum automatisch auch die Frage auf: Wie sieht denn eine Tageszeitung nach dem Papier aus?

Eine Antwort findet man dort, wo auch noch Papier bedruckt wird: „Wir wollen ein digitales Unternehmen sein, das auch eine Zeitung herausgibt“, sagte ebenfalls in diesem Monat Michael Golden. „Nicht eine Zeitung, die auch eine Website betreibt und eine mobile App.“ Golden ist Vice Chairman in einem Haus, das sowas wie Mutter und Vorbild von Tageszeitungen überall auf der Welt ist. Michael Golden arbeitet bei der New York Times und hat diese Neuausrichtung seines Papers im Rahmen einer Veranstaltung der World Association of Newspapers and News Publishers erläutert. Dabei hat er acht sehr spannende Prinzipien benannt, die den Wandel bei der New York Times begleiten:

Was diese Prinzipien in der täglichen Arbeit bei der New York Times bedeuten, kann man in der neunten Etage des ZeitungsMedienhauses beobachten. Dort arbeiten rund 50 Mitarbeiter im so genannten Beta-Team und dorthin führt dieser äußerst lesenswerte Poynter-Text, der den stellvertretenden Beta-Chef Ben French mit den Worten zitiert: „Nachrichten sind und bleiben der Kern unseres Angebots. Aber als Organisation, die jeden Tag 350 Geschichten veröffentlicht – soviel wie ein Harry Potter Band täglich – machen wir viel mehr als lediglich zu sagen, was gerade wichtig ist. Wir sagen unseren Lesern wie sie ihr Leben besser machen können.“

Mit diesem Ansatz eines veränderten „readers-service“ arbeitet das Beta-Team nicht nur daran, die Idee einer Tageszeitung auf digitale Wege übertragen und eine direktere Verbindung zur Leserschaft herzustellen. Das Beta-Team verändert vor allem auch die Arbeitsweise klassischer Tageszeitungs-Redaktionen. „Die Beta-Mitarbeiter arbeiten in interdisziplinären Teams, in denen Redakteure gemeinsam mit Produktmanangern, Gestaltern, Entwicklern und Datenanalysten versuchen, den Times Journalismus an die Bedürfnisse der Leser anzupassen“, erläutert der Text und schlussfolgert: „Dieser Prozess ist ungewohnt für zahlreiche alteingesessene Reporter und Redakteure der Times, aber er wird zum Standard in Unternehmen, in denen Produktentwicklung und journalistische Produktion eng verschlungen sind – wie zum Beispiel auch bei Vox Media.“ (wer sich für diese Arbeitsweise interessiert, kann hier bei Konrad Weber weiterlesen)

Wie sehr diese Entwicklungen auch die Arbeit in der Redaktion beeinflußt, zeigte Anfang Februar ein Memo des New York Times-Chefredakteurs Dean Baquet, in dem er sehr offen zahlreiche redaktionelle Gewohnheiten in Frage stellte und eine gemeinsame Vision dessen einforderte, wie der Newsroom der Zeitung in den nächsten Jahren auszusehen haben.

Wie er in den vergangenen Jahren aussah, hat Gabriel Dance unlängst in einer Rede im Rahmen des Marshall-Projects beschrieben. Der Multimedia-Journalist benannte vier Typen, die ihm im Rahmen seiner Arbeit bei der New York Times begegneten: Zunächst Journalisten, die für ihn eine Art digitale Urbevölkerung darstellen (Natives) und die Implikationen des technischen Wandels bereits verinnerlicht hatten. Die zweite Gruppe bestand aus jenen, die das Potenzial der Veränderungen sahen – obwohl ihnen der Wandel selber nicht sofort klar war (Naturals). Die dritte Gruppe bezeichnet Dance als Kollaborateure und betont, dass er mit ihnen am liebsten zusammen gearbeitet habe: Experten auf ihrem Gebiet, die keine Angst entwickelten, wenn jemand auf sie zukam, um mit ihnen gemeinsam digitale Projekte umzusetzen. Die vierte und schwierigste Gruppe im Newsroom sind für Garbriel Dance die Angstgetriebenen (Fearful). „Es ist gefährlich in dieser Gruppe zu sein“, sagt er. Sie wissen nicht, was passiert, sie wissen nicht, wie sie ihren Job behalten sollen und sie verstehen nicht, was die neue Technologie bringt.

Gabriel Dance geht in seiner lesenswerten Rede nicht weiter auf diese vier Typen ein. Es scheint aber klar, dass der Wandel zur Zeitung nach dem Papier auch vor der großen Herausforderung steht, die Angst im Newsroom zu reduzieren – und womöglich in Begeisterung zu verwandeln. Deshalb sehe ich im Medienwandel im März nicht nur die Meldung von der letzten Papierausgabe in London, sondern auch den ansteckenden Virus der Arbeit des Beta-Teams in New York.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.