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Social Media Gelassenheit (Digitale Januar Notizen)

Der folgende Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“. In der vollständigen Version ist auch die Herkunft des unten stehenden Bildes erläutert. Hier kostenlos abonnieren!

Dieser Januar 2016 reichte von der Terrorwarnung in der Silvesternacht in München über das, was zu gleicher Zeit am Kölner Hauptbahnhof geschah bis vor das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Bei allen drei Folge-Debatten spürte ich die Sehnsucht nach dem Shruggie
¯\_(ツ)_/¯

Regelmäßige Leser der Digitalen Notizen kennen meine Sympathie für das Schulterzucken. In diesem Monat aber wünschte ich mir den Shruggie wegen seiner Distanziertheit. Wegen einer Haltung, die ich als (Social-Media-)Gelassenheit beschreiben würde – und die wir allesamt erst lernen müssen.

Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen Wochen darüber, wie man mit dem heißlaufenden Meinungsmotor auf Facebook, Twitter und in klassischen Medien umgehen könne – gelegentlich auch Gutes. Stets rieten die Autor*innen dann auf die eine oder andere Weise zu Mäßigung, zu Distanz und zu Gelassenheit.

Das klingt sehr banal, wenn es liest, ohne dass der Meinungsmotor läuft. Wenn er aber anspringt, wird es enorm schwierig, sich daran zu halten. Deshalb lohnt es sich, sich in ruhigen Zeiten einen Kühlungsmechanismus vorzubereiten. In den Social-Media-Seminaren, die ich gelegentlich gebe, rate ich Community-Managern gerne, ihre Antwortposts auf ärgerliche Foreneinträge oder Leserbriefe vor dem Abschicken laut dem Zimmernachbarn vorzulesen: laut, langsam und deutlich.

Denn das laute Lesen hilft nicht nur, Rechtschreibfehler zu entdecken, es ist auch eine wunderbare Distanzierungs- und Mäßigungsmaschine. Auch Aufstehen, Toilettenbesuche oder Seilspringen sind taugliche Mittel, um sich dem Sog der Debatte zu entziehen und den eigenen Ton zu mäßigen. In einem Jahr (vermutlich sogar schon in einer Woche) wird sich keiner mehr richtig dafür interessieren, was sich in dieser Sekunde anfühlt wie das wichtigste, ärgerlichste oder erfreulichste Thema der (Web-)Welt.

Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen nennt den Reflex, der in derartigen Situationen einsetzt "kommentierenden Sofortismus" und erklärt "Damit meine ich – im Angesicht oft unsicherer, aber sofort verfügbarer Informationen – die Ad-hoc-Interpretation mit maximalem Wahrheitsfuror." Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

Der Shruggie (in mir) rät deshalb:
Es ist nie falsch, erstmal digital gelassen zu bleiben, wenn….

… man emotional berührt ist und dringend etwas veröffentlichen will.
… man was Doofes im Internet liest.
… jemand Links aufs etwas unfassbar Doofes postet.
… ein Nazi Nazisachen postet.
… jemand, den man vorher nicht als Nazi kannte, Nazisachen postet.
… ein Tier in einem blöden Witzfilmchen nicht 100 Prozent artgerecht behandelt wird.
… man etwas liest, was super richtig ist und endlich mal gesagt werden musste.
… Till Schweiger oder ein anderer Facebook-Prominenter sich zu Wort meldet (ja, das gilt auch für Jan Böhmermann)
.
… die Freundin eines Bekannten einem entfernten Facebook-Freund eine Schauergeschichte erzählt hat, die dieser wiederum als Wahrheit postet.
… es jetzt aber echt mal sein muss.

Das heißt alles nicht, dass man diejenigen Punkte, die man in dieser Liste für Fehlverhalten hält, unkommentiert hinnehmen muss. Man kann sich an die Seitenbetreiber wenden, Beiträge melden, Nutzer sperren lassen und sogar bei der Polizei Anzeige erstattet, wenn dies angebracht ist. Und selbstverständlich kann man und soll man auch online diskutieren, Links posten und teilen. Nach diesem Monat bin ich jedoch davon überzeugt: Die Diskussion wäre in keiner einzigen Kommentarspalte und in keinem einzigen Facebookthread schlechter gewesen, wenn sie gelassener geführt worden wäre!
 

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen

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Was wir meinen wenn wir voreilig über Infoflut sprechen

In der Dezember-Ausgabe von Brand eins gibt es ein Interview mit dem italienischen Physiker Carlo Rovelli. Darin wird er auch zur so genannten Info-Flut befragt. Ich finde bedenkswert, was er antwortet:

Die Menge an Informationen, die der Einzelne üblicherweise zu verarbeiten hat, ist größer geworden – vielleicht bringt uns das so in Atemnot?
Mag sein. Aber die Folge ist, dass die jungen Menschen heute viel mehr wissen als meine Generation damals. Sie überraschen mich mit ihren Kenntnissen, ihrem schnellen Denken, ihren Vorhaben und ihrer Offenheit. Sie haben mehr Mittel als wir damals, sie leben in einer größeren Welt. Das scheint mir sehr schön zu sein. Ich glaube auch nicht, dass das Internet die Fähigkeit vermindert, sich zu konzentrieren. Fernsehen und Zeitungen sind meiner Meinung nach schlimmer: Sie fördern eine passive Haltung – aber dafür ist der Mensch nicht gemacht, er will interagieren.

Sie denken also nicht, dass Twitter, Facebook und die anderen sozialen Netzwerke das Leben beschleunigen?
Das weiß ich nicht.

„Gute Geschichten entdecken, die wirklich wertvoll sind“ – Interview mit Michaël Jarjour von Blendle

Sollte ich mich auf die Suche nach den Journalisten des Jahres 2015 machen, ich müsste auch mal im Team von Michaël Jarjour nachfragen. Der Redaktionsleiter von Blendle-Deutschland verschickt seit vergangenem Jahr einen täglichen Newsletter, der Werbung für den Bezahldienst Blendle (itunes für Journalismus) ist, aber auch eine gut kuratierte Presseschau derjenigen Medien, die man über Blendle lesen kann. Eine besondere journalistische Stilform, die meiner Einschätzung nach an Bedeutung gewinnen wird, als Arbeitsgebiet für Journalisten aber manchmal vergessen wird.

Nicht nur weil ich diese Auswahl mit Freude lese (hier mein Blendle-Account), habe ich mich mit Michaël in den vergangenen Monaten immer wieder ausgetauscht und ihm ein paar Fragen zu seinem Job gemailt. Hier sind seine Antworten zum Kuratieren im Journalismus

Ein Gespräch übers Fischen und Finden: Kuratieren als journalistische Tätigkeit, Foto: Brian Erickson (Unsplash)

Seit Blendle in Deutschland gestartet ist, liest Du mit deinem Team täglich was in Deutschland publiziert wird und wählst gute Geschichten aus. Wie lang braucht ihr um jeden Tag alles zu lesen?
Wir sind ein Team von fünf Leuten und wir arbeiten an sieben Tagen der Woche. Lesen ist natürlich nicht das einzige, was wir tun, aber der Großteil unserer Arbeit.

Und: ist das mehr Spaß oder mehr Qual?
Ach das ist großartig! Es ist ein richtig gutes Gefühl, für unsere Nutzer ein Problem zu lösen. Nämlich ihnen zu helfen, in der Informationsflut gute Geschichten zu entdecken, die wirklich wertvoll sind. Es gibt kein besseres Gefühl, als über ein Stück zu stolpern, das so richtig gut ist. So eins, das du nicht mehr vergisst. Weil du nach dem Lesen etwas verstanden hast, das du schon immer wissen wolltest, oder eines, das etwas in Worte fasst, die du nie gefunden hast. Oder halt eines, das richtig Spaß macht. Es gibt nichts Schöneres!

Ich persönlich mag Eure täglich Auswahl sehr, sie hilft mir, mehr Texte zu lesen als vorher. Aber es gibt auch Leute, die das reine Auswählen nicht als Journalismus verstehen. Seht Ihr Euch als Journalisten?
Das freut mich echt sehr, dass wir von dir und von sehr vielen unserer anderen, weniger prominenten Nutzer*innen, geschätzt werden. Mein Team und ich sehen uns absolut als Journalisten. Wie jeder andere unserer Kollegen, sortieren wir Informationen — in unserem Fall Artikel — gewichten sie und geben sie an unsere Leser*innen weiter, so dass diese sie nutzen können. Die Flughöhe ist anders als am Newsdesk oder auf Reportage, aber der Vorgang ist ähnlich. Ich sehe uns aber auch als Dienstleister. Journalisten haben es in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt, nützlich zu sein oder den Nutzen ihrer Arbeit zu erklären. Das tun wir jeden Tag und lernen dabei selbst sehr viel über guten Journalismus.

Und vermisst du das selber Schreiben manchmal?
Ja. Vor allem das Radio machen. Aber dafür gibt’s bei Blendle manchmal Ferien.

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Wo lernt man Kuratieren/Auswählen?
Wir lernen sehr viel von den Zahlen. Die zeigen uns genau, was wie oft gelesen wird. Aber die spannendste Zahl ist für mich die Rückgaberate. Auf Blendle kann man Artikel zurück geben, wenn sie nicht gefallen und erhält dann sein Geld zurück. Diese Zahl schaue ich so genau an wie keine andere. Wenn also ein Artikel stark geklickt und kaum zurückgegeben wird, haben wir unsere Arbeit gut gemacht. Wenn sie stark geklickt wird, aber oft zurückgegeben, haben wir das richtige Thema gewählt. Aber vielleicht den falschen Artikel. Oder wir haben den richtigen Artikel nicht gut genug angeteasert, zu unklar formuliert. In dieser Zahl steckt die ganze Enttäuschung, die in den vergangenen Jahren im “Online-Journalismus” entstanden ist. Dass man genötigt wird, zu klicken, weil Informationen zurückgehalten werden. Wir arbeiten genau am Gegenteil. Unsere Leser*innen sollen ganz genau wissen, was sie kriegen. Denn sie bezahlen Geld dafür. Und sie haben die volle Kontrolle, es wieder zurück zu verlangen. Das, glaube ich, macht unsere Arbeit besser, aber künftig hoffentlich auch die Arbeit von schreibenden Journalisten und Journalistinnen.

Worauf muss man achten?
Wir wollen unseren Leser*innen die Möglichkeit geben, nicht nur mitreden zu können, sondern zu den aktuellen Themen auch wirklich etwas zu sagen zu haben. Das Wichtigste ist für uns, für unsere Leser*innen nützlich zu sein. Ich liebe kuratierte Produkte wie Techmeme oder Mediagazer. Auf die kann ich mich verlassen, sie sind effizient und sie sind ehrlich.

Euer Chef hat unlängst angekündigt, dass Blendle im Bereich Discovery einiges im neuen Jahr plant. Werdet Ihr als auswählende Journalisten dann überflüssig?
Natürlich nicht. Ich liebe dieses Projekt, an dem ich selbst mitarbeite. Wir haben bei Blendle einzigartige Einblicke dazu, welchen Journalismus Leser*innen mögen und für welchen sie bereit sind, Geld auszugeben. Ein Beispiel ist die Rückgaberate, von der ich vorher erzählt habe. Es wäre irrwitzig diese wertvolle Information nicht strukturiert zu nutzen. Das Redaktionsteam wird aber weiterhin für die Auswahl der Artikel zuständig sein. Wir werden dann nur dafür sorgen, dass unser Algorithmus die Artikel den richtigen Menschen zeigt. So bekommen wir die Möglichkeit, auch Nischenthemen zu behandeln und nicht nur massentaugliches. Das ist ein riesiger Vorteil und das können nur wir. Diese Angst davor, unnütz zu sein ist viel zu verbreitet im Journalismus. Davon müssen wir wegkommen und die Technologien so mitgestalten, dass sie unsere Arbeit als Journalisten besser machen.

Welches war deine Lieblings-Geschichte, die du 2015 empfohlen hast?
Ach, es gab so viele gute Geschichten. Zwei, die mich besonders beeindruckt haben: Eine aus dem Cicero, ein Magazin, das ich vorher nie gelesen habe, weil es einfach zu schwer war, ran zu kommen. Ich war da noch im Ausland. Die Geschichte heißt “War ich zu hart, Edmund?” und rekonstruiert die Tage vor und nach der Rede von Putin an der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Sehr informativ, so gut recherchiert und geschrieben. Wenn er da schreibt, dass der ganze Saal erstarrte, und John McCain säuerlich grinst, und Putin mehr oder weniger seine ganzen Pläne offenlegte — super stark. Gibt’s hier auf Blendle. Eine andere, die mich sehr beeindruckt hat, und die ich so schnell nicht vergessen werde, war aus der Zeit: “Die Hölle, das ist der andere” hieß die. Da geht es um zwei Al-Kaida-Geiseln, die in der gleichen Zelle eingesperrt waren, und sich dort zu hassen lernten. Geschrieben hat die Bastian Berbner. Er lässt die beiden einfach erzählen. Die hatten vorher noch nie zusammen ein Interview gegeben. Er hat mit beiden einzeln gesprochen, und ihre Erzählungen dann hochdramatisch zusammengestellt. So! unglaublich! gut! (Gibt’s hier mittlerweile kostenlos.)

Mehr zum Thema Kuratieren als Journalismus: ein Interview mit Ronnie Grob, der jahrelang die Rubrik „6 vor 9″ beim Bildblog betreut – und für den gerade dieser Tage ein Nach-Nachfolger gesucht wird.

Deine blöden Kommentare

Menschen in großen Massen – Fotgrafiert von Jose Martin für unsplash

Der Autor und Cartoonist Oli Hilbring hat dieser Tage eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Sohn seinem zeitunglesenden Vater sagt: „Och Papa, das steht doch alles im Internet“. Der Vater blickt gar nicht auf von seiner Lektüre, antwortet nur: „Aber mit deinen blöden Kommentaren.“

Die Zeichnung wird gerade ausgiebig auf Facebook geteilt. Sie ist lustig und irgendwie traurig zugleich. Denn nach den Kommentar-Katastrophen des vergangenen Jahres startet auch das neue Jahr mit dem Eindruck: Kommentare im Netz sind nichts anderes als Mob und Quatsch und Ärger. Hilbrings Zeichnung bestätigt dies einerseits – zeigt aber andererseits auf wunderbare Weise: Die blöden Kommentare des Sohnes sind am Küchentisch, an dem der Vater liest, ja nicht verschwunden.

Im Sommer 2014 habe ich dazu mal einen Text für die Süddeutsche Zeitung geschrieben – und kommentiert:

Es ist wohlfeil, sich nun darüber zu wundern, dass fremdenfeindliche und dumme Kommentare im Netz auftauchen. Das Netz ist nicht Auslöser der Provokationsdebatten der vergangenen Jahre – es macht aber deren Folgen sichtbar. Weil es als Medium eben anders funktioniert als die Distributionskanäle der Vergangenheit: Medien sind heute keine Straßenverkaufsstellen mehr, an denen Essen zum Mitnehmen über die Theke gereicht wurde. Medien im Netz sind heute Restaurants, deren Qualität sich nicht nur daran bemisst, was verkauft wird, sondern auch daran, wer im Lokal sitzt und sich wie verhält.

Auf all die aktuellen, hässlichen Formen der so genannten Hatespeech bezogen, kann man es mit dem Kanadier Seb FoxAllen bei Vice so formulieren:

The internet of 2015, like the internet you’re reading this on today, carried all the same awfulness and injustice that persists offline, except instantly searchable and pinging you 24/7. But you need to use it. To work, to communicate, to lulz, to connect.

Der lesenswerte Text endet mit einer – wie ich finde – guten Schlussfolgerung:

Maybe all you can really do to wade through it are the same things you’ve learned to do offline: keep networks that you trust, pick fights that are worth your time and try to sidestep those that aren’t. Do what you have to do to feel safe, support others when they don’t, and keep chipping away at the structures that make any of this necessary at all.


Dazu ebenfalls lesenswert:
Hass und Pöbelein im Netz – so geht es nicht weiter! von Nico Lumma – und nochmal: vielleicht brauchen wir ein Lichterketten-Emoticon

Ein paar Ideen fürs neue Jahr!

Im Digitale Notizen-Newsletter sammeln wir gerade Ratschläge für 2016 – hier ein paar Tipps zur Inspiration!

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1. Daten trauen
Erst war ich geschockt, dann aber habe ich gemerkt, dass es gut ist, dass der Computer, der mir Woche für Woche in Spotify Musik empfiehlt, mich gut kennt. Discover Weekly ist ein tolles Format, das mir sehr gefällt. Ebenfalls eine Entdeckung, die auf Daten basiert: selfnation.de

2. Mehr Dendemann schauen!
Vor lauter (berechtigter) Begeisterung für Böhmer- ging der Dendemann in diesem Jahr fast ein wenig unter. Der musikalische Sidekick aus dem Neo Magazine Royal liefert Woche für Woche #TheRappening genannte Kurzkommentare, die für mich mindestens die TV-Entdeckung des Jahres sind. Dass ich sie nicht ein einziges Mal im klassischen Fernsehen angeschaut habe, sagt mehr über das klassische TV als über die gerappten Leitartikel des ehemaligen EinsZwo-Rappers. Denn das sind sie zum Teil tatsächlich: tagesaktuelle Kommentierungen, die im Digitalen leben. Unterhaltsam und teilbar.
Dass er dabei im letzten Beitrag des Jahres („Das Leben ist ein Remix“) die Mashup-Kultur feiert (wie auch in den tollen Logo-Remixen auf seiner Website), macht es besonders sympathisch.

3. Longreads lesen
Nicht nur aufgrund eigener Prägung: Ich glaube, dass die lange Strecke Zukunft hat. Lange Lesestücke (die vielleicht sogar länger sind als übliche Magazin-Texte und kürzer als klassische Bücher) finden im Digitalen zunehmend ihre Leser – und Seiten wie Reportagen.fm oder Liesmich bedienen dieses Interesse wunderbar. Besonders möchte ich hier für Longreads-Freunde Das Buch als Magazin empfehlen, das nicht nur eine tolle Idee sehr lesenswert in die Tat umsetzt, sondern auch immer wieder Lesefreude verbreitet.

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4. Kontext beachten
Im abgelaufenen Jahr habe ich die Vorteile von Nuzzle schätzen gelernt. Das Besondere dabei: der Aggregator nutzt das Kontext- und Netzwerkwissen um Inhalte zu empfehlen. Wer zum Beispiel auf meine Nuzzle-Seite geht, erhält Hinweise auf Basis meines Netzwerks. Nuzzle ist damit einer der Dienste, der die Idee der Verbindung im Web konsequent in die Tat umsetzt: Vom Werk zum Netzwerk heißt dabei eben auch die Kontexte zu beachten.
Da ich selber viele gute Hinweise durch Nuzzle erhalten habe, lautet eine weitere Idee für 2016: Nuzzle ausprobieren – aber auch Piqd ein Dienst, der aus Deutschland stammt und das ganze etwas redaktioneller angeht.

5. Medien Inside!
Das Verhältnis zwischen Medien und denjenigen, die früher mal als Publikum bezeichnet wurden, verändert sich gerade grundlegend. Nicht nur, dass wir die von Lawrence Lessig beschriebene Read-Write-Society in allen ihren (auch unschönen) Ausprägungen kennen lernen. 2015 bemerkten wir zudem: Es gibt Technik-Anbieter, die gerade sehr viel dafür tun, sich zwischen den Produzenten und Konsumenten klassischer Medieninhalte zu schieben: Apple News oder Facebooks Instant Article sind ein süßes Reichweitenversprechen, sie sind aber vor allem der Versuch, Kontextwissen zu produzieren und zu nutzen (das gilt übrigens nicht nur für Journalisten, sondern auch für Pizzabäcker).
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Ich glaube, eine zentrale Idee (nicht nur für 2016) könnte darin liegen, dass Medien sich darauf konzentrieren, einen direkten Kontakt zu ihren Kunden (gilt für Leser wie Anzeigenkunden) aufzubauen (Stichwort: Adblocker). Und dort, wo das nicht gelingt, sollten sich Medien von dem inspirieren lassen, was die Firma vormacht, in der Bob Gore 1957 auf die Idee kam, ein Polytetrafluorethylen-Band zur Isolierung von Drähten zu nutzen. Heute ist die Firma Gore-Tex u.a. dafür bekannt, Gewebe herzustellen, die wasserabweisend und atmungsaktiv sind. Diese Technologie wird aber keineswegs nur in eigenen Produkten eingesetzt, sondern auch in Kleidung von anderen Herstellern – allerdings mit einem klaren Hinweis auf den Absender. Auch der Chip- und Prozessorhersteller Intel setzt auf diese „Inside“-Kommunikation: Man kann Produkte der Firma in anderen Produkten kaufen. Medien werden das in ihrem Verhältnis zu den großen Netzwerken nicht eins zu eins nachahmen – sich aber in jedem Fall davon inspirieren lassen können.

6. Auf den Kalender schauen
Wenn 2015 das Jahr des Newsletters war, dann wird 2016 das Jahr der Push-Notification, sagt Melody Kramer – und ich glaube, das könnte stimmen. Deshalb sollte man auf Kalender achten. Denn meiner Meinung nach gibt es bereits tolle Push-Notifications: digitale Kalender. Für das Projekt Langstrecke aber auch für meine eigenen Veröffentlichungen möchte ich deshalb 2016 einen öffentlichen Kalender führen. Den öffentlichen DVG-Kalender können Sie hier im iCal-Format (Link kopieren) und hier im HTML-Format (Link kopieren) abonnieren.

ebook_Diese Liste stammt aus dem Digitale Notizen-Newsletter (für den Sie sich hier kostenfrei eintragen können). Leser*innen des Newsletters (die übrigens ein kostenloses eBook bekommen haben) teilen für die nächste Folge Tipps und Ratschläge untereinander. Wenn Sie auch teilnehmen wollen: hier geht es zur Umfrage.

loading: Der Kontext

Regelmäßige Leser*innen des Blogs wissen: ich habe große Sympathie für Kontext. Allein deshalb habe ich mit Interesse zugehört als ich vor ein paar Wochen Julia Köberlein und Bernhard Scholz traf, die für die Seite Der Kontext verantwortlich sind. Seit dieser Woche sind sie mit ihrem besonderen Projekt auf Startnext. Grund genug, ihnen den loading-Fragebogen zu schicken. Bernhard hat ihn beantwortet.

Was macht ihr?
Das interaktive Hintergrundmagazin „Der Kontext“. Es ist ein digitales Magazin für Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen. Für dieses Magazin haben wir eine Plattform entwickelt, die dem Leser Fakten und Zusammenhänge an der Oberfläche und tiefer im Magazin Hintergründe und Experteninterviews bietet. Das Magazin ist wie ein digitales Navigationssystem bedienbar – jeder kann seinen eigenen Zugang finden.

Warum macht ihr es (so)?
Die Motivation für das Magazin kommt aus dem eigenen Gefühl, die großen Themen des aktuellen Zeitgeschehens nicht mehr zu verstehen. Zwar werden wir ständig mit immer noch aktuelleren Informationen bombardiert, aber die Zusammenhänge und Hintergründe kann ich mir daraus nur schwer erschließen. Dazu muss man sein eigener Redakteur sein – das ist schwierig und zeitaufwändig. Die Ausgangsfrage für das Projekt war daher: Welche Inhalte und welche Vermittlungsarten optimal geeignet sind, um solche Informationskomplexe verständlich zu vermitteln.
Unser Ansatz fußt auf zwei Erkenntnissen: Zum einen haben wir große, komplexe Themen betrachtet und gesehen, dass sie über einen längeren Zeitraum gewachsen sind, sich Handlungsstränge verwoben haben und daher vieles miteinander in Beziehung steht. Diese vernetzte Struktur haben wir als Ausgangspunkt genommen und bedienbar gemacht. Und zum zweiten sind wir von Anfang an mit potentiellen Lesern im Kontakt und haben das Magazin sehr eng mit ihnen entwickelt, viel getestet, Feedback geholt und alles auf den Prüfstand gestellt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Wir sprechen Leser von digitalen Nachrichten an. Unseren Leserkreis konnten wir schon sehr weit einschränken, indem wir mit Tests geklärt haben, wer sich überhaupt für aktuelle Themen interessiert und hier ein Defizit in der Nachrichtenlandschaft spürt. In erster Linie sind das eher junge Menschen, die einen Hochschulhintergrund haben, sich eine fundierte Meinung bilden wollen und sich mehr Hintergrund sowie Perspektiven zu den großen Themen wünschen.

Wie geht es weiter?
Zunächst läuft jetzt das Crowdfunding. Anschließend legen wir mit der Themenproduktion los und können schon sehr bald die ersten Themen anbieten. Parallel verbessern und erweitern wir die Technik, eine feste Kern-Redaktion wird nach und nach aufgebaut. Außerdem können wir später die dem Magazin zugrunde liegende Plattform als Whitelabel Version anbieten und damit das Magazin quer finanzieren, falls wir anfangs nicht genug Abonnenten finden.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Komplexe Themen sind oft sperrig und schwer zu begreifen – es kann aber unglaublich spannend sein, sich mit ihnen zu beschäftigen. Deshalb bieten wir einen neuen Zugang und werden unterschiedlichste Inhalte anbieten. Vom Faktenartikel über Hintergrundwissen bis hin zu Romanausschnitten und Songtexten. Damit soll es Spaß machen, sich tiefgründig über Themen zu informieren.

>>>> Hier Der Kontext auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Love-Game: Süddeutsche Zeitung Langstrecke

In der 15ten Ausgabe des „Press Publish“-Podcast vom Nieman Lab spricht Matt Thompson vom Atlantic über ein Begriffspaar, das das Publizieren im digitalen Zeitalter sehr stark prägen wird. Medien, erzählt er etwa ab Minute 32, sollten beim Blick aufs Publikum auf den Unterschied zwischen Reach und Love achten (ich hab das mal sehr grob übersetzt):

Einerseits gibt es die reine Masse oder Reichweite und auf der anderen Seite gibt es Liebe. Beide sind bedeutsam für Medien. Ich spreche über das Verhältnis zwischen Reichweite und Liebe die ganze Zeit, fragen Sie mal meine Kollegen. Aber ich glaube, dass man als Medium beides bedienen muss: Man hat das Spiel um Reichweite und jenes um Liebe. Es geht um das große Megafon, mit dem man möglichst viele Menschen ansprechen kann. Es geht aber auch um Liebe. Kurzfristig kann man das vielleicht eher ausblenden, langfristig ist die Loyalität aber sowas wie das Ersparte auf der hohen Kante. Ein enges Verhältnis zwischen Medium und Leser aufzubauen ist eines der stärksten Prinzipien im Internet. Man kann das an zahlreichen Beispielen illustrieren – von Patreon bis Kickstarter. Ich glaube, dass das Love-Game wirklich interessant ist.

Ich teile Thompsons Einschätzung – und glaube, dass eine wichtige Herausforderung fürs Publizieren in der vernetzten Welt darin liegt, die Verbindung zwischen Kunden und Produzenten, zwischen Lesern und ihren (Lieblings-)Medien nicht zu übersehen. Wer sich einzig auf die Reichweiten-Versprechen der großen Netzwerke verlässt, wird vermutlich nicht in die Lage kommen, das zu spielen, was Thompson „Love-Game“ nennt.

Ich musste an Thompsons Analyse und seine Begrifflichkeiten denken, als ich dieser Tage die jüngste Ausgabe von Süddeutsche Zeitung Langstrecke in den Händen hielt, das Longreads-Magazin, das ein kleines Team bei der SZ Anfang des Jahres auf Startnext in den Markttest führte und das ab morgen an allen Bahnhöfe und Flughäfen des Landes am Kiosk liegt. Ein Herzensprojekt* (kann man diesen Aspekt auch als Love-Game übersetzen), das auf eine loyale Leserschaft setzt, auf eine enge Bindung – und das genau dadurch spannend wird, nicht wegen der reinen Reichweite, nicht wegen der Masse.

Was ich sagen will: Ich glaube, dass tatsächlich eine Herausforderung darin liegt, abseits der reinen Reichweite über Loyalität nachzudenken (um den Begriff Liebe hier mal zu vermeiden) und womöglich auch über die Frage wie diese mess- und greifbar wird. Der reine Klick hilft da als Kriterium jedenfalls nicht weiter…

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*weils mir wirklich am Herzen liegt: Wer die Ausgaben des Jahres 2016 bestellen will, kann das hier tun!

Ausgewählter Journalismus: piqd

beta_piqd„Wir wollen zu einer informierten Öffentlichkeit im Netz beitragen“, schreiben die Macher von piqd im (geschlossenen) Beta-Bereich ihres Angebot. „piqd ist der Gegenentwurf zu den reichweitenoptimierten Algorithmen sozialer Netzwerke. Was relevant ist, bestimmen bei uns ausschließlich unsere Experten und Mitglieder.“

Im Laufe dieser Woche geht die Seite online, die von Medien-Investor Konrad Schwingenstein (torial.com, writethatdown.de und logos.vision) ins Leben gerufen wurde und von den Gründern Marcus von Jordan und Frederik Fischer betrieben wird*. Ein spannender Versuch, auf die Medienfülle im Web zu reagieren. Menschen kuratieren Inhalte und streiten über ihre Auswahl. Ein Versuch, an dem sich zahlreiche tolle Leute beteiligen. Allein deshalb lohnt es sich, einen Account bei piqd anzulegen. Marcus hat mir dazu einige Invites zur Verfügung gestellt – wer eine Einladung haben möchte: bitte kurz in den Kommentaren zu Wort melden!**

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Die Macher beschreiben piqd als „Programmzeitung für das gute Netz“. Sie bitten Experten, Ordnung und Übersicht zu schaffen. Dafür zahlen Unterstützer drei Euro pro Monat – und bekommen die Möglichkeit, exklusiv zu kommentieren, zu bewerten und selber in den Community-Kanälen zu piqen, also Inhalte zu filtern.

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Besonderen Wert legen Marcus und Frederik dabei auf den Respekt für die Quelle: „Wir wollen, dass die bei uns verwendeten Autoren und Publikationen nicht über Leistungschutzrecht nachdenken, sondern sich freuen, dass wir ihnen qualifizierten Traffic schicken, dass wir ihre Inhalte in den richtigen Kontext stellen und dass wir ihre Beiträge mit unseren Mitteln bewerben und inszenieren.“

Mehr zu piqd auf Facebook und Twitter.

*Ich bin mit den Herren persönlich bekannt
** Es gibt keine Codes mehr

Bin ich jetzt im Fernsehen?

Pädagogen überall auf der Welt versuchen es ihren Schülerinnen und Schülern beizubringen: das Internet ist ein öffentlicher Ort. „Was du hier postest, kann weite Kreise ziehen.“ Das weiß man natürlich und doch ist man einigermaßen überrascht, wenn das eigene Sonntagnachmittag-Foto plötzlich im TV zu sehen ist.

Es geht um dieses Bild, das ich am Sonntag auf Instagram mit dem Hashtag #herbst postete. So kam das Bild auf 24 „Gefällt mir“-Herzen, aber auch ins Sichtfeld des Morgenmagazins. Dort konnte man es am Montag um kurz vor neun Uhr bundesweit in ARD und ZDF sehen – als Bebilderung für einen kleinen Schwatz zum Ende der Sendung:

Im Bild sieht man ein Instagram-Logo und durch das, was die Moderatorin sagt, entsteht der Eindruck, ich habe das Bild eingeschickt. Das ist nicht der Fall. Ich habe es öffentlich ins Netz gepostet und dabei den Nutzungsbedingungen von Instagram zugestimmt, damit „gewährst du Instagram hiermit eine nicht-exklusive, vollständig bezahlte und gebührenfreie, übertragbare, unterlizenzierbare, weltweite Lizenz für die Nutzung der Inhalte, die du auf dem oder durch den Dienst postest.“

Deshalb habe ich auch kein Problem damit, dass das Foto plötzlich im Fernsehen auftaucht. Ein Problem habe ich damit, dass sie den kleinen See im Nymphenburger Schlosspark als Teich bezeichnen – und dass ich eher durch Zufall von meinem Fotografen-Ruhm erfahren habe. Sie hätten ja mal vorher Bescheid sagen können…

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