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Urheberrecht 2.0: Diek- und Böhmermann gehen voran

Die kleine Debatte um das Bild aus Rostock, dessen unrechtmäßig Verwendung, die folgende Abmahnung und den Remix bekommt eine weitere Episode. Auf Twitter hat Kai Diekmann heute früh offen gelegt, dass auch er abgemaht wurde, für die Nutzung des Fotos:

Das ist deshalb erstaunlich, weil ich es als Beweis für die vergangene Woche aufgestellt These lese, dass die Möglichkeiten dessen, was man digital machen kann und die Kenntnis darüber was das Urheberrecht erlaubt, zuweit auseinander liegen: Die gesellschaftliche Debatte über eine Neuausgestaltung des Urheberrechts muss diesen Graben überwinden und alle Bereich der Gesellschaft einbeziehen. Insofern gehen Diek- und Böhmermann (der sich übrigens gerade nochmal auf FB geäußert hat) hier mit gutem Beispiel voran, in dem sie ihre eigene Unfähigkeit Unkenntnis im Umgang mit dem Urheberrecht offenlegen.

Bei Netzpolitik gibt es einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Debatte – mit Links auf den Gastbeitrag von Martin Langer, auf Felix Schwenzel, Robert Basic und irights.


PS: Es scheint übrigens geboten, darauf hinzuweisen, dass eine Auseinandersetzung über eine Reform des Urheberrechts nicht auf dem Rücken des Fotografen Martin Langer geführt werden sollte. Ihn anzugehen oder zu bedrohen, ist Schwachsinn!

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Nachtrag zur Urheberrechts-Debatte: Böhmermann und die Bilder

Dieser Post ist ein Nachtrag zu diesem Eintrag vom Samstag

Seit Jan Böhmermann in der vergangenen Woche öffentlich machte, dass er wegen eines Urheberrechtsbruchs abgemahnt wurde, ist eine kleine Debatte um die Verwendung urheberrechtlich geschützer Bilder im Netz entstanden. Das freut mich, weil ich davon überzeugt bin, dass wir übers Urheberrecht und seine Anwendung reden müssen, damit Menschen Einsicht nehmen in dieses Gesetz. Denn das Urheberrecht ist immer nur so gut, wie seine Akzeptanz in der Bevölkerung.

Ich betone das hier nochmal, weil ich von unterschiedlicher Seite auf die Debatte angesprochen wurde und weil sich einige Blogeinträge darauf beziehen. Mir geht es nicht darum, die Ansprüche von Martin Langer in Frage zu stellen. Auch ist mir bewusst, dass wir ein Urheberrecht haben, an das sich auch Jan Böhmermann halten muss. Dass er abgemahnt wurde, beweist ja genau dies. Mir geht es um eine Frage, die über den konkreten Fall hinausweist. Mir geht es darum, dass im Netz plötzlich jeder urheberrechtlich geschützte Werke verbreiten kann – und das auch tut. Mir geht es darum, dass wir mit einer technischen Veränderung konfrontiert sind, auf die das Gesetz reagieren muss. Und nein: Mir reicht es nicht zu sagen: Böhmermann muss sich an das Urheberrecht halten. Das stellt niemand in Frage.

Ich frage mich: Warum halten sich so wenige Menschen dran? Vielleicht weil das Gesetz sich immer weiter von der Lebensrealität der Menschen entfernt hat. Wenn das Gesetz darauf nicht reagiert, wird seine Legitimation immer weiter schwinden – sehr zum Schaden der Urheber und Verwerter. Wenn wir diesen abwenden wollen, müssen wir also über eine Reform des Urheberrechts sprechen. In den Kommentaren bei netzpolitik hat Till Frank das so formuliert:

(…) ein (zugegebenermaßen etwas schiefer) Vergleich: Im Straßenverkehr gibt es klare Regeln. Trotzdem halten sich die meisten nicht (exakt) daran, sondern passen ihr Verhalten den Umständen an. Auch, weil sie wissen, daß nicht überall kontrolliert werden kann – und “die anderen es doch auch machen”. Es ist dann aber auch gesellschaftlich akzeptiert, bei einem Vergehen je nach Schwere sanktioniert zu werden – von den 5€ Bußgeld für falsches Parken bis zu mehreren hundert € + Fahrverbot für schwere Verstöße. Analog dazu könnten vermutlich viele auch damit leben, wenn Nutzungsverstöße ähnlich geahndet werden würden (bsp. 20€ für ein Twitter-Foto, 40 für FB etc. bis zu schwereren Strafen bei gewerblicher Nutzung). Aber für eine Abmahnung über 1000€ für einen Tweet hat keiner Verständnis. (…)

Und bei all dem geht es übrigens gar nicht um Jan Böhmermann – und auch nicht darum, dass ich Belehrungen von Hobby-Juristen brauche. Es geht darum, dass ein zukunftsfähiges Urheberrecht nur ein solches ist, das die Menschen auch verstehen und für einsichtig halten. Das habe ich wiederholt an anderer Stelle (u.a. sogar hier) gesagt.

Vielleicht bringt uns diese Debatte einen Schritt näher dorthin!

Update: Jan Böhmermann hat mit Hilfe von William Cohen übrigens auch einen Nachtrag zur Debatte produziert. Da ich mich für Referenzen und Kopien begeistern kann, gefällt mir das natürlich


Mehr auch bei Nerdcore

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loading: mikrotext 2015

Das Jahresprogramm eines Verlags im Abo – das ist die Idee des Mikrotext-Crowdfundings, das noch wenige Stunden auf Startnext läuft.

Nikola Richter hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht du?
Ich verlege kurze, zeitgemäße, literarische, politische E-Books mit meinem Digitalverlag mikrotext. Aktuell biete ich über eine Crowdfunding-Kampagne ein Abo für unser Jahresprogramm an, für schlappe 15 Euro: etwa 7 E-Books bekommt man dafür das gesamte Jahr lang bequem per Email zugeschickt – Kündigung nicht nötig. Dazu gibts ein wunderbares E-Book-Literatur-Paket, gestiftet von den Indie-Verlagen binooki, Edit, kladdebuch und mairisch. Das ideale Einsteigerprogramm fürs elektrische Lesen.
Wer will, kann auch exklusive Dinge wie libanesische Drehblättchen, Anisschnaps, ein tanzbares Mixtape “Das Schreiben” oder einen Platz bei einem Kartoffel-Dinner erstehen. Oder einfach was spenden! Wir haben es ja fast geschafft, brauchen aber noch Unterstützung für die Zielgerade.

Warum machst du es (so)?
Weil ich selbst als Leserin kurze digitale Lektüren auf Reisen, beim Warten, (abends) im Bett vermisst habe. Ist doch schöner, etwas in Ruhe zu lesen, als ständig Facebook zu checken. Und weil viele spannende Texte nicht verlegt werden, weil sie zum Drucken zu kurz sind – beim E-Book spielt ja die Länge oder Kürze keine Rolle. Und weil ich so die Autoren und Themen verlegen kann, die mich begeistern: aktuell etwa eine literarische Reportage aus dem Krieg in der Ukraine und ein Bericht eines ugandischen Flüchtlings aus unserem Asylsystem.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle! Ist für jeden etwas dabei, auch Science Fiction, Horrorgeschichte, Liebesnovelle, Alexander Kluge oder syrischer Facebook-Star. Haben wir alles im Programm.

Wie geht es weiter?
Ich wünsche mir sehr, dass wir das Crowdfunding-Ziel erreichen und damit das erste digitale Verlagsabo schaffen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
E-Books sind eine Ergänzung zum Lesen von Print, keine Konkurrenz. Sie ermöglichen die lineare, konzentrierte Lektüre im Daten-Strom – und man braucht dabei kein Netz, nur zum Herunterladen. Auch auf dem Computer kann man sie lesen (als PDF oder mit bestimmten Leseprogrammen) – bequemer ist es auf dem Smartphone, dem Tablet, dem E-Reader. Schließlich: neben meinem Verlag mikrotext gibt es bereits viele weitere spannende Digitalverlage, etwa Culturbooks, den Frohmann Verlag, shelff.

/// Hier das digitale Verlags-Abo auf Startnext abschließen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:
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Speaker-Liste auf Twitter

speaker Ich glaube, Profilagentin Kixka ist schuld. Sie twitterte vergangene Woche eine Twitter-Liste, die ich schon im vergangene Jahr anlegte: Unter twitter.com/dvg/lists/speaker/members versammle ich Twitter-Accounts von Digitalexpertinnen. Gedacht ist diese Liste als Inspirationsquelle für Veranstalterinnen und Veranstalter, die für ihre Podien keine weiblichen Gäste finde. Wenn ich für Veranstaltungen angefragt werde, gebe ich die Liste gerne weiter. Dass sie öffentlich wurde, ist mir natürlich nicht unrecht – es war aber nicht so geplant.

Wer Vorschläge und Empfehlungen für weibliche Podiengäste hat, die auf diese Liste gehören: einfach @dvg antwittern!

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Reden wir übers Urheberrecht

Wer hätte gedacht, dass das Bild des urinierten Jogginghosen-Trägers, den Martin Langer 1992 in Rostock beim Hitlergruss fotografierte, mal zum Anlass für eine neue Debatte übers Urheberrecht werden könnte. Die Chance sehe ich jedenfalls in der kleinen Auseinandersetzung, die sich gerade um die Verwendung des Fotos entzündet hat.

Jan Böhmermann hatte es getwittert und wurde anschließend von einer Kanzlei im Auftrag des Fotografen abgemahnt. Das jedenfalls erzählt er in einem ausführlichen Facebook-Post.

Halb-, Voll- und Hobby-Juristen fühlen sich seitdem berufen, Jan Böhmermann öffentliche Nachhilfestunden in Sachen Urheberrecht zu geben: “Gerade ein Medienmensch wie Böhmermann sollte doch wissen, dass das Urheberrecht auch im Internet gilt“, doziert ein Abendblatt-Autor. Das ist fein gesagt, hilft aber natürlich überhaupt nicht. Denn die Chance, die sich durch diese Debatte ergibt, liegt ja gerade darin, dass Jan Böhmermann sein Unverständnis und Nicht-Verstehen um Urheberrechts-Gesetzestext und Realität im Netz offenlegt.

Um es im Duktus des Abendblatts zu sagen: Wenn sogar ein Medienmensch wie Böhmermann nicht mehr richtig durchsteigt, was geht und was erlaubt ist, sollten wir vielleicht mal über die Ausgestaltung des Urheberrechts sprechen – statt einfach nur darauf hinzuweisen, dass es existiert.

Vielleicht lädt Böhmermann demnächst einfach mal Julia Reda ein – und womöglich kommt dann auch Sven Regener, der hat ja seit 2012 noch sein Engagement für eine konstruktive Lösung offen.


Update:
bei Netzpolitik hat sich Leonhard Dobusch die Mühe gemacht, auszuformulieren, was ich mit dem Link auf den Regener-Brief nur angedeutet habe. Er hat ausformuliert, wie eine urheberrechtliche Lösung für den Böhmermann-Fall aussehen könnte:

Für derartige Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken in sozialen Netzwerken braucht es eine spezifischere – und zweifellos pauschalvergütete – Ausnahmebestimmung in Form einer Bagatellschranke. Anbieter von sozialen Netzwerken würden dadurch zur Zahlung einer pauschalen Vergütung dafür verpflichtet, dass es im Rahmen der gewöhnlichen Nutzung ihrer Dienste ständig – und unvermeidbar – zur nicht-autorisierten Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte kommt. Die Verteilung dieser Vergütung würde wie in solchen Fällen üblich durch Verwertungsgesellschaften erfolgen.

Update 2: Ich habe einen Nachtrag gebloggt.

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“Die Art wie wir Journalismus machen hat sich verändert”

Im Rahmen des DLD sprachen am Sonntag in München der französische TV-Journalist Bruno Patino, Jeff Jarvis und Focus-Chef Ulrich Reitz (moderiert von Jochen Wegner) unter dem Titel “Post Paris Journalism” über die Folgen des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Die Frage, welche Schlüsse man aus den Ereignissen vom 7. Januar 2015 in Sachen Pressefreiheit oder Umgang mit Sicherheitsgesetzen ziehen muss, wird uns noch lange beschäftigen: Darüberhinaus hat das nachrichtliche Ausnahme-Situation #CharlieHebdo aber auch Erkenntnisse über die sich wandelnde Medienbranche zu Tage gefördert.

Der französischen TV-Journalist Bruno Patino hat dazu (ab ca 4.30 Min im Video) eine sehr bemerkenswerte Analyse in drei Unterpunkten geliefert, die ich hier (zusammenfassend, nicht Wort für Wort) übersetzt festhalten möchte:

1. Die Dinge, die wir mussten, deren Ausmaß wir aber noch nicht wirklich übersehen: Wir stellen fest, dass es schwierig ist mit Druckwerken wirklich viele Menschen zu erreichen. Die Probleme beim Vertrieb der ersten “Charlie Hebdo”-Printausgabe nach den Anschlägen zeigen, dass es schwierig ist, mit Print 100 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. (…) Zum zweiten ist uns die enorme Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Verbreitung von Nachrichten vor Augen geführt worden. Ich habe bereits erzählt, dass François Hollande von den Anschlägen via SMS erfahren hat. Vielleicht wissen Sie, dass einige der Terroristen GoPro-Kameras bei sich hatten und ihr Attentat filmten. Das Video von den Schüssen wurde über Facebook in die ganze Welt verbreitet, bevor es bei den traditionellen Medien ankam. Uns war das alles vorher klar, aber es kam in diesem Fall mit so einer Wucht, dass uns dabei das Ausmaß der Veränderung bewusst wurde.

2. Die Dinge, die die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben: Die Kraft der Sozialen Netzwerke als Mehrheits-Echokammer war uns vorher nicht klar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war in einer digitalen Redaktion als der 11. September 2001 passierte. Der Tag änderte digitalen Journalismus für immer. Ich war in einer Redaktion als die Anschläge in London und Madrid passierten und auch das veränderte den digitalen Journalismus, weil wir dabei die Beiträge, Bilder und Reaktionen der Bevölkerung beobachten und einbauen mussten. Aber in diesem Fall wurde auch die Arbeit ganz klassischer Redaktionen verändert. Es war das erste Mal, dass wir vierzig, fünfzig, sechzig Stunden Live-Berichte von den Geschehnissen im französischen Fernsehen zeigten. Und es war das erste Mal, dass ich beobachtete, wie ganz klassische Redaktionen nicht nur aufnahmen was über Twitter und Facebook kam, sondern tatsächlich auch auf das Publikum reagiert haben – im Live-Programm, nicht auf der Website oder in Apps, sondern im Live-Programm. Meiner Meinung nach war das das erste Mal, dass das Publikum so eine Rolle gespielt hat. Irgendwer hat das “augmented real time coverage” genannt, aber es stimmt. Hier hat sich was verändert.

3. Die Fragen, die sich jetzt stellen: Eine solche Veränderung wirft Fragen der Verantwortung auf. Wir wissen, dass wir als Journalisten nicht immer alles zeigen. und dabei geht es nicht um die Zeichnungen, sondern um die Videos der Angriffe. Wir haben entschieden, dass wir die nicht zeigen wollen, aber sie sind auf Facebook. Wie zeigt man redaktionelle Verantwortung wenn man seinem Publikum Bilder nicht zeigt, die das Publikum aber schon kennt? Hier verändert sich ein journalistisches Paradigma – nicht in Bezug auf die Entscheidung, was man thematisiert, sondern auch in Bezug auf das, was man nicht thematisiert. Und die letzte Frage ergibt sich aus der Erkenntnis, dass wir nicht mehr über den Kontext bestimmen, in dem unser Inhalt (Content) wahrgenommen wird. Wir gehen in das Zeitalter des “out of Kontext”-Journalismus. Um es zusammenzufassen: ich bin mir nicht sicher, ob sich Frankreich nach den Anschlägen verändert hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Art wie wir Journalismus machen verändert hat.

Hier die Diskussion in Gänze anschauen:

Mehr zum #DLD15: Im Blog von Julius Endert, bei Daniel Fiene, Gründerszene und Heise.

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Wohl wahr! Lügen- und Wahrheitspresse

Was für ein (mehr oder weniger) schöner Satz:

Heute geht es jedoch immer weniger darum, mehr zu wissen.

Er steht unter der Bilderstrecke, in der Spiegel Online die Motive der neuen Werbekampagne des Spiegel vorstellt. Ihm folgt die Erklärung dafür, warum der bisherige Slogan (“Spiegel-Leser wissen mehr”) ersetzt wird. “Heute geht es viel mehr darum, schnell zu wissen, wie die Geschehnisse der Welt einzuordnen sind. Was ist wichtig, was nicht? Was bedeutet es? Der SPIEGEL hat deswegen von jetzt an eine neue Markenbotschaft.

Die Fortentwicklung von “mehr wissen” ist für Deutschlands großes Nachrichtenmagazin “die Wahrheit”. Denn die neue Markenbotschaft lautet: “Keine Angst vor der Wahrheit“.

keineangst

In eigener Sache erklären die beiden Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Florian Harms was sie damit meinen: “In Zeiten allgegenwärtiger Information im Internet kommt es heute aber nicht allein darauf an, mehr zu wissen – sondern vor allem darauf, mehr zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen, die Bedeutung von Geschehnissen einschätzen zu können.

Ob das dann schon “die Wahrheit” ist, von der Spiegel und Spiegel Online sprechen, ist nicht ganz klar. Sicher ist jedoch, sie haben keine Angst vor ihr. Deshalb “scheiden sie das Wichtige vom Unwichtigen, sie machen Kompliziertes überschaubar, und sie erklären und ordnen die relevanten Geschehnisse ein“. So steht es in der Ankündigung der Chefredakteure, in der sie den (Werbe-)Weg vom Wissen zur Wahrheit beschreiben.

Statt dem Leser also mehr Wissen zuzumuten, wollen sie das Komplizierte überschaubar machen und entscheiden, was wichtig ist. Das mag nach einem netten Service klingen, mit dem Begründungsrahmen “Wahrheit” wohnt diesem Service aber auch etwas Unangenehmes gar Bevormundenes inne. Auf russisch heißt Wahrheit zum Beispiel Prawda.

Es ist anzunehmen, dass den Markenverantwortlichen und der betreuenden Agentur bewusst war, dass das Unwort des Jahres in direktem Gegensatz zum neuen Slogan steht. “Keine Angst vor der Wahrheit” liest sich wie ein trotziges “wohl wahr”, das der Spiegel als kritisierte “Lügenpresse” seinen Kritikern entgegnet.

Ob das eine sinnvolle Replik ist, sollen andere entscheiden. Ich selber glaube, dass der Lügenpresse-Vorwurf einen Vertrauensverlust politisch gegen die Meinungsfreiheit zu instrumentalisieren versucht. Vertrauen wiederum entsteht eher da, wo Transparenz vorhanden ist, wo “mehr Wissen” zugänglich gemacht wird – als dort, wo ein “wohl wahr” als Begründung bemüht wird. Was ich meine: “Wahrheit” erscheint mir – im Gegensatz zu Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit – als untaugliche Kategorie für Medien in einer freien Gesellschaft. Im Wettstreit der Ideen zerstört der Anspruch auf Wahrheit einen gleichberechtigten Diskurs, der Lügenpresse-Vorwurf beweist dies ex negativo.

Doch der Wahrheits-Anspruch ist nicht nur merkwürdig, wenn man sich überlegt wer sich sonst auf diese Kategorie beruft. Der Wahrheits-Anspruch in der neuen Markenbotschaft des Spiegel zeigt zudem: Sie ist nicht digital gedacht. Um das zu erkennen, muss man nachlesen, wie David Weinberger erläutert, wie sich Vertrauen in den neuen medialen Umfeldern aufbaut. Er hat die Encyclopaedia Britannica und die Wikipedia und vor allem die Art und Weise verglichen, mit der Leserinnen ihnen vertrauen. “Das Vertrauen, das wir der Encyclopaedia Britannica entgegenbringen, ermöglicht es uns, passiv Wissen aufzunehmen“, schreibt Weinberger, “Wikipedia liefert uns jedoch die Metadaten zu den Artikeln – Bearbeitungen, Diskussionen, Hinweise, Links zu anderen Bearbeitungen, die von derselben Person stammen –, weil sie vom Leser erwartet, dass er sich aktiv beteiligt und auf die Zeichen achtet.” Wikipedia erscheint in Versionen, die man einordnen und bewerten kann. Metadaten sind verfügbar. Ein Mehr an Wissen wird also dem Wahrheits-Anspruch entgegengesetzt. “Jetzt müssen wir selbst entscheiden, was wir glauben wollen. Das war zwar im Grunde schon immer so, doch in der Welt der Papierordnung, wo das Publizieren so teuer war, dass wir Leute brauchten, die das Filtern übernahmen, war es leichter, unsere Passivität als unvermeidlichen Bestandteil des Lernens zu betrachten; wir dachten, dass Wissen eben so funktionieren würde.“

Es ist äußerst interessant Weinbergers Theorie über Wissen und Wahrheit auch abseits von der neuen Spiegel-Markenbotschaft zu lesen. Mit Blick auf diese hätte ich mir vom “Sturmgeschütz der Demokratie” (auch ohne Weinberger) etwas erwartet wie: “Keine Angst vor denen, die sich auf die Wahrheit berufen.

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Die Sache mit der Pressefreiheit

Ein Satz, der in den aktuellen Veröffentlichungen zu den Terroranschlägen von Paris, immer wieder zitiert wird, stammt von Rosa Luxemburg und lautet: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden”. Es ist ein wichtiger Satz. Es ist ein Satz, der verdeutlicht, worauf die Idee von Pressefreiheit gründet, die in diesen Tagen hochgehalten und gelobt wird. Pressefreiheit gründet eben nicht darauf, die Offenheit zu haben, seine eigene Meinung und Moral veröffentlicht zu sehen. Dieses Verständnis bringen sogar Diktaturen auf. Pressefreiheit gründet vielmehr darauf, dass man die öffentliche Meinung und Moral derjenigen aushält, die eine völlig andere Meinung haben. Eine Meinung, die man unangemessen, dumm oder schlicht falsch findet. Solche Meinungen vertritt – nach meiner Einschätzung – mit bemerkenswerter Kontinuität Erika Steinbach. Ich erinnere mich an keine einzige Aussage der CDU-Politikerin, die ich richtig finden würde.

Trotzdem sehe ich mich im Sinne der Pressefreiheit gezwungen, die Anzeige, die gerade gegen Erika Steinbach gestellt wurde, für grundweg falsch zu halten. Es geht um einen geschmacklosen Tweet der CDU-Politikern – gegen den nun ausgerechnet ein Funktionär der Satire-Partei “Die Partei” juristisch vorgehen will:

Bei den Ruhrbaronen wird Jens Bolm mit den Worten zitiert: “Ich fand das unangemessen und widerwärtig. Und einfach nur dagegen zu twittern, war mir zu wenig.”

Man kann mit Hilfe des Streisand-Effekts herleiten, warum dem Tweet, den ich genau wie Bolm geschmacklos finde, so nun zusätzlich Aufmerksamkeit zuteil wird. Man kann auf den Fall Ratzinger verweisen, bei dem der damalige Papst gegen ein Titelbild eines Satire-Magazins vorging. Man kann aber auch ganz einfach Erika Steinbach mit Hilfe ausgerechnet von Rosa Luxemburg verteidigen.

So verstehe ich die Idee von Pressefreiheit – und so verstehe ich diesen Text von Glenn Greenwald, in dem er seine Solidarität zur Idee der Pressefreiheit ausdrückt, indem er weitere blasphemische Zeichnungen veröffentlicht. Eine Provokation – gerade im US-amerikanischen Kontext – die vor allem ein Ziel hat: Greenwald zeigt, dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält.

Das ist so viel schwieriger als es klingt. Das ist die große Herausforderung der Pressefreiheit und die wichtigste Aufgabe der kommenden Tage und Jahre. Wenn das gelingt, sollte man stolz darauf sein – wie Bernd Ulrich es in der Zeit nennt. Aber nicht nur als festangestellter Journalist, sondern als Bürger einer offenen, toleranten Gesellschaft, die auf den Prinzipien der Pressefreiheit gründet. Denn in einer solchen gilt im Sinne von #JeSuisCharlie: “Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.” Oder einfacher: Jeder ist Journalist.

Mehr zum Thema bei David Brooks bei der New York Times und im weitesten Sinn auch in diesem Beitrag von Stefan Niggemeier.

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“Das kann man nur im Kino erleben”

In der Filmkritik des Films “Wild Tales – jeder dreht mal durch”, der diese Woche ins Kino kommt, lässt die BR-Kritikerin Kirsten Martins den Regisseur zu Wort kommen. Damián Szifron beschreibt darin die soziale Dimension von Kultur am Beispiel des Mediums Film:

Wir haben im Kino einen Augenblick der Gemeinschaft erlebt. Wir haben dasselbe gefühlt, haben gelacht. Das ist die Magie des Kinos. Das kann man nur dort erleben. Nicht bei Netflix.

Ich teile diese Einschätzung, ich glaube, dass diese Magie, die Szifron beschreibt, ein bedeutsamer Bestandteil dessen ist, was die Faszination für Kultur in Gänze (nicht nur Kino) ausmacht: dass wir sie gemeinsam mit anderen erleben.

Ich frage mich jedoch: Gilt das tatsächlich nur für den physischen Ort, den man gemeinsam besucht? Muss es in der Tat ein Kinosaal mit Leinwand sein, der diese Magie entstehen lässt? Kann sie vielleicht auch entstehen, wenn Menschen gemeinsam einen virtuellen Ort besuchen – wenn sie in Echtzeit an besonderen Momenten teilnehmen?

Wenn man diese Fragen stellt, ist man mittendrin in der Debatte um tragfähige Modelle für Kultur im digitalen Raum. Sie muss sich der Magie erinnern, von der Szifron spricht. Und sie muss herausfinden, wie und wo diese Magie entsteht. Und ausgerechnet Netflix kann dabei eine Antwort sein.

Ausgerechnet der Ort, den Sizfron für so ungeeignet hält für das Entstehen von Magie, hat diese Woche gezeigt, dass Magie auch abseits des Massenpublikums entstehen kann. In dieser Analyse auf vox.com kommt Tod vander Werff jedenfalls zu dem Ergebnis:

The world of TV is just a stark reminder of the pop cultural world of 2015. There is no mass audience anymore, just a series of niches, some larger than others.

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Internet-Filme auf ZDFinfo

Am 11. Januar jährt sich der Todestag von Aaron Swartz zum zweiten Mal. ZDFinfo zeigt aus diesem Anlass die deutsche Fassung des Films The Internets Own Boy, den ich sehr empfehlen kann. “Tod eines Internet-Aktivisten” heißt der Film auf deutsch – und steht hier in der Mediathek.

Im Jahr 2013 hat der Kollege Johannes Boie in der SZ diesen Nachruf auf Swartz geschrieben. David Pachali hat den Film für irights.info besprochen.

internetsownboy

Ebenfalls in der ZDF-Mediathek steht übrigens gerade auch der Pirate Bay Film “TPB-AFK” – ebenfalls in einer deutschen Fassung. Hier zum Anschauen.

Auf ZDFinfo läuft übrigens auch das Format “15 Minutes of Fame”, an dem ich mitwirke