Alle Artikel in der Kategorie “Netz

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Kulturpragmatismus

Dieser Text ist Teil die Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Die Welt“, sagt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon, „ist unendlich viel interessanter als irgendeine meiner Ansichten darüber.“ Nixon beschreibt damit die Haltung, aus der heraus er seine fotografischen Arbeiten angeht, die Art und Weise wie er die Wirklichkeit bannen und abbilden will. In diesem Satz steckt aber etwas, was ich weit über das künstlerische Schaffen des Fotografen hinaus bedeutsam halte. In diesem Zitat manifestiert sich eine Haltung zur Welt, die ich Kulturpragmatismus nennen möchte. In Abgrenzung zu begeisterter Zukunftsgläubigkeit und resignierter Vergangenheitsverklärung zeichnet sich der Kulturpragmatismus durch die Fähigkeit aus, die eigene Bewertung der Welt und ihrer Entwicklung nicht so wichtig zu nehmen. Kulturpragmatiker sind neugierig, wo Pessimisten und Optimisten (so oder so) meinungsstark sind. Sie stellen die Frage nach einem grundlegenden Verstehen von Entwicklungen vor die eigene Einschätzung über deren Folgen. Denn sie glauben, dass die Welt (und das Verstehen ihrer Entwicklung) interessanter ist als die eigenen Meinungen und Bewertungen.

Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.

Diese Haltung wird nicht nur wegen der vermeintlichen oder tatsächlichen Beschleunigung technischer Entwicklungen und Veränderungen immer bedeutsamer. Auch der größere politische Rahmen – die Brexit-Entscheidung des vergangenen Monats hat dies deutlich gemacht – verlangt nach einem kulturpragmatischen Blick auf die Welt, der erkennt: Das Bewahrende, Rückwärtsgewandte liegt im Trend. Denn die Menschen der westlichen Welt werden immer älter – und niemand hat uns beigebracht, wie man bei diesem Älterwerden Anschluss hält an das, was sich unter den eigenen Füßen verändert. Und da dieses Wissen fehlt, ist es nur verständlich, dass Orientierung einzig im Blick zurück (Take back control) erkennbar zu sein scheint.

Der FAZ-Journalist Volker Zastrow hat das im Herbst 2015 (zu einer Zeit, die fälschlicherweise oft als Flüchtlingskrise bezeichnet wurde) in einem langen und sehr guten Text so beschrieben:

„Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.
(…)
Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen.“

Ich finde den Text, der übrigens als Newsletter verschickt wurde, deshalb so stark weil dieser Beschreibung eben keine direkte Beurteilung folgt. Der Text selber ist aus einer kulturpragmatischen Haltung heraus geschrieben. Er analysiert eine Entwicklung, die man verstehen muss um zum Beispiel zu erkennen, woher das Hadern an der Gegenwart kommt – und damit auch, wie man z.B. den digitalen Graben in dieser Gesellschaft schließen kann. Zastrow folgert:

„Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben.“

Es ist an der Zeit, einen Raum zwischen den Progressisten und den Reaktionären zu öffnen. Einen Raum, der frei ist von Angst und geprägt von einer Haltung zur Zukunft wie sie ein Historiker einnehmen würde. Bruce Sterling hat das in einer sehr frühen Folge des Elektrischen Reporters mal nahegelegt. Darin rät er, weder optimistisch noch pessimistisch über die Zukunft zu sprechen. Schließlich wähle man diese Begriffe auch nicht, wenn man übers 19. Jahrhundert spricht. Stattdessen rät Sterling zum Engagement, zur Teilhabe, zum Einlassen (im Film etwa ab Minute 8)

Meiner Meinung nach ist das beste Symbol für eine solch kulturpragmatische Haltung zur Welt übrigens der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

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Roland Schulz: Bis zum letzten Augenblick

Bert Brecht beginnt seine Kinderhymne, an die man sich aus zahlreichen Gründen derzeit mal wieder erinnern könnte, mit einer vierfachen Aufforderung: „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand“ rät er den Kindern und es ist ganz sicher nicht nur in Bezug aufs Vaterland eine gute Idee, Anmut, Mühe, Leidenschaft und Verstand walten zu lassen.

Ich musste an diesen Ratschlag denken als ich die Titelgeschichte aus dem aktuellen SZ-Magazin (heute digital, Freitag auf Papier in der Süddeutschen Zeitung) las. Ein Text, der für sich genommen so stark und so groß ist, dass die Empfehlung ihn zu lesen eine Hymne verdient. Denn Roland Schulz gelingt mit „Bis zum letzten Augenblick“ (€-Link) ein Longread, der fast schon Literatur ist. Ein Text, der über den Tag (in dem Fall sogar über das Leben) hinaus reicht. Ein Text, den man sich aufbewahren will.

„Ganz am Ende“ ist einer der Texte, für die wir Anfang 2015 die Idee Süddeutsche Zeitung Langstrecke* ins Leben riefen.

„Was passiert in uns wenn wir sterben?“ hat der Autor sich gefragt und auf sechs Seiten eine Antwort gegeben, die so sprachmächtig geschrieben (Anmut) und detailliert recherchiert ist (Mühe), dass man allein an diesem Text illustrieren kann, was herausragenden Journalismus von gutem unterscheidet. Hier hatte jemand die Neugier, einer Frage ausdauernd nachzugehen, die so einfach und in Wahrheit doch so unglaublich kompliziert und schmerzhaft ist. Und trotz dieser Leidenschaft verliert der Text nie den Verstand, wird nicht pathetisch oder gefühlsduselig.

Ich bin mit dem Autor befreundet, arbeite im gleichen Haus wie die Redaktion, die den Mut hatte das Thema aufs Cover zu heben. Trotzdem bzw. gerade des wegen eine dringende #langstrecke-Leseempfehlung für diesen Text!

*Süddeutsche Zeitung Langstrecke ist das Longreads-Magazin der SZ, das vier mal im Jahr die besten langen Lesestücke aus der SZ versammelt. Für empfehlenswerte Texte auch außerhalb des SZ-Kosmos gibt es übrigens den Hashtag #langstrecke.

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loading: #incommunicado – das Hörbuch

Fabian Neidhardt beschreibt sich selber als Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf Startnext ist er aktuell als Podcaster aktiv. Für das Projekt #incommunicado bittet er um Unterstützung – deshalb hat er den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was machst du?
Ich will den Roman #incommunicado von Michel Reimon als professionelles Hörbuch produzieren. Michel Reimon hat 2012 seinen Roman, der neben einer spannenden Geschichte quasi nebenher die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis hin zu seinem Problemen mit unserer aktuellen digitalen Welt beschreibt, unter Creative Commons online gestellt. Ich bin Sprecher und möchte dazu beitragen, das Thema noch bekannter zu machen. Also sammele ich Geld, damit ich das Studio für die Aufnahme, den Schnitt und das Mastern bezahlen kann. Danach wird das Hörbuch als kostenloses Creative Commons Hörbuch (CC­BY-SA­NC 3.0) in Podcastform veröffentlicht.

Warum machst du es (so)?
Ich habe genau diesen Podcast schon vor vier Jahren gestartet, aber mir fehlt einerseits die Zeit, andererseits das Equipment, dieses Hörbuch in der Qualität zu produzieren, die ich gern hätte. Deshalb die Crowdfundingaktion.

Wer soll sich dafür interessieren?
Grundsätzlich sollte sich dafür jeder interessieren. Es geht ja darum, wie wir heutzutage mit Kunst und Kreativität umgehen und wie das Copyright damit nicht mehr zusammenpasst. Deshalb brauchen wir ein paar Leute, damit sich noch mehr Leute mit diesem Thema auseinandersetzen können.

Wie geht es weiter?
Aufmerksamkeit generieren. Für die Kampagne und damit auch für das Thema Copyright. Damit solche Fälle wie Kraftwerk vs. Moses Pelham nicht mehr 17 Jahre vor Gericht stehen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Heutzutage wird das Copyright kaum mehr benutzt, um Künstler und ihre Arbeiten zu schützen. Im Gegenteil schränkt es Kunst ein und lässt ganze Kanzleitrauben mit kuriosen Copyrightverletzungen Geld verdienen. Der ganz aktuelle Fall Kraftwerk vs. Moses Pelham zeigt ganz gut, wo das Problem liegt: Das Copyright, wie es offiziell existiert, kann nicht mit der Art, wie wir Kunst konsumieren und produzieren. Daran sollten wir etwas ändern.

>>> Das Projekt #incommunicado auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


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Shruggie wird Emoji: 10 Dinge über Unicode 9.0

1. Das Unicode-Consortium hat entschieden, dass mit Unicode 9.0 am 21. Juni 72 neue Emojis veröffentlicht werden. Mit dabei endlich auch: der Shruggie.

2. Seine offizielle Kennung lautet dann: U+1F937.

3. Das heißt allerdings nicht, dass man den Shruggie dann ab 21. Juni auch auf der Tastatur findet. Das Unicode-Consoritum stellt ihn (mit 71 weiteren) ab dem Datum mit Unicode 9.0 zur Verfügung. Betriebssystemanbieter wie Apple, Google oder Microsoft können dann darauf zugreifen – und sie mit dem nächsten Update ausspielen.

4. Wie der Prozess genau abläuft beschreibt Max Zierer bei BR Puls.

5. Denn Puls&Max haben entscheidenden Anteil daran, dass „Stuffed Flatbread“ – also der Döner – ab Unicode 9.0 auch ein Emoji wird.

6.
Die ganze Döner-Geschichte steht hier.

7. Auch Steven Colbert wird gewürdigt: mit dem FACE WITH ONE EYEBROW RAISED-Emoji.

8. Emojipedia hat einen kurzen Clip zusammengestellt, in dem Entwürfe der kleinen Bildchen zu sehen sind, die das Consortium für gut befunden hat.

9. Wer mehr über die Hintergründe der Emojis und des Unicode-Consortiums wissen will: Time hat mit Consortiums-Präsident Mark Davis (62) gesprochen, Buzzfeed berichtet über den Emojigeddon, der sich rund um die kleinen Bildchen entwickelt hat.


10.
Mehr über den Shruggie auf der Facebookseite vom Shruggie-Prinzip und demnächst in einem gleichnamigen Seminar in Berlin.

loading: Around the world in 100 bookshops

Torsten Woywod mag Buchhandlungen. So sehr, dass er eine „Entdeckungsreise zu den schönsten und außergewöhnlichsten Literaturorten dieser Welt“ plant. So beschreibt er sein Startnext-Projekt Around the world in 100 bookshops, das am Wochenende online ging und seine Fundingsumme bereits mehr als verdoppelt hat. Trotzdem hat er Zeit gefunden, den loading-Fragebogen zu beantworten.

Was machst du?
Drei Tage vor meinem 35. Geburtstag habe ich – per Ende Juni – meinen Job und meine Wohnung gekündigt und werde anschließend „in Buchhandlungen“ um die Welt reisen. Meine Erlebnisse und Eindrücke werde ich fortlaufend via Facebook teilen; außerdem entstehen im Anschluss ein Buch sowie eine Mini-Doku. Da die Reise möglichst umfangreich dokumentiert und nacherlebbar gemacht werden soll, lasse ich einen Teil der notwendigen Technik via Startnext-Crowdfunding finanzieren (z.B. Drohne, 360°-Kamera).

Warum machst du es (so)?
Der Prolog zu dieser Reise fand bereits im vergangenen Sommer statt: Während meines Jahresurlaubs bin ich quer durch Europa gereist und habe 63 Buchhandlungen in zwölf Ländern besucht. Das Ganze ist hat sich damals quasi verselbstständigt und wurde schnell zu einem echten Communityprojekt, so dass das Crowdfunding nun naheliegend war.

Wer soll sich dafür interessieren?
Das Projekt richtet sich an alle, die Bücher sowie Buchhandlungen lieben bzw. zu schätzen wissen. – Und natürlich an alle, die einem chronischen Fernweh erlegen sind. ;-)

Wie geht es weiter?
Nach Abschluss des Crowdfundings werde ich mich ab circa Mitte Juli auf Weltreise begeben und Buchhandlungen in Asien, Nordamerika und Südamerika besuchen.
Anschließend gehe ich mit dem Buch zur ersten Reise, das im Oktober bei Eden Books erscheint, sowie den frischen Eindrücken der zweiten Reise auf eine Veranstaltungsreihe quer durch Deutschland.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Buchhandlungen viel mehr als nur „Geschäfte“ sind. Buchhandlungen sind Wohlfühlorte und Lieblingsplätze, in denen man stundenlang verweilen kann.
Und: Dass es nicht zwangsläufig Digital ODER Print heißen muss. Beides lässt sich wunderbar miteinander verbinden (wie auch dieses Projekt zeigt).

>>> Hier das Projekt 100 Bookshop auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Die Zukunft der Medien: meine Handy-Nummer (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

„Danke!“ Wenn es ein Wort gibt, das die Idee zusammenfasst, wie Ryan Leslie Musik macht und vertreibt, dann ist es vermutlich „Danke“. Der Wunsch, sich direkt bei seinen Fans zu bedanken sei es gewesen, die den Rapper dazu gebracht hat, eine Technologie zu entwickeln, die ich für so stimmig halte, dass ich ihr die obige Überschrift zugedacht habe. Denn bei der Superphone genannten Anwendung geht es zunächst gar nicht um die technischen Aspekte, es geht vor allem um die Haltung, die Leslie damit transportiert. Diese ist vergleichbar mit dem, was Amanda Palmer (auf die sich der Rapper konkret bezieht) in ihrem Buchtitel „The Art of Asking“ auf den Punkt gebracht hat. Leslie, der bereits mit 19 Jahren Harvard absolvierte und schon für einen Grammy nominiert war, wählt einen technischeren Weg: To Go Direct hat er den in einem Interview mal genannt und für mich steckt darin tatsächlich ein sehr zukunftsweisender Weg für Musik und Medien.

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Ryan Leslie kommuniziert mit seinen Fans, die für ihn im Wortsinn Supporter (Unterstützer) sind, direkt und ohne Umwege – übers Telefon. Leslie nimmt das Versprechen der Verbindung aus der Frühphase des Netzes ernst und macht die Zwischenhändler arbeitslos (Kill the middlemen). In diesem Fall sind damit aber nicht Verlage oder Labels gemeint, in diesem Fall geht es um Twitter, Instagram oder Facebook. Zwar betreibt er dort Accounts (anders als bei iTunes, wo man seine Musik nicht mehr kaufen kann), sein wichtigster Weg der Kommunikation mit seinen Fans läuft aber auf den Wegen, die er selber ausmessen und auswerten kann. Dafür hat er eine Technologie entwickelt, die Superphone heißt und ihn in die Lage versetzt, die 38.000 Menschen, die ihn derzeit unterstützen, direkt zu erreichen.

„Turn Social Media Followers in Real People“ steht auf der Produktseite von Superphone, das sich derzeit im Beta-Modus* befindet. Und darum gehts: Aus der großen Summe der Social-Media-Accounts diejenigen herauszufinden, hinter denen sich echte Menschen mit einem echten Interesse befinden. Forbes nennt den Ansatz, den Wandel vom „Customer Relationship Management (CRM) model zum Personal Relationship Management (PRM) model“. Es ist dies ein Wandel weg vom süßen Gift der Reichweite, das Facebook versprüht (siehe dazu die April-Folge), hin zu einem engen Austausch mit denen, die etwas verbindet – in dem Fall, die Begeisterung für Ryan Leslies Musik.

Diese Verbindung wird in Leslies Fall mit Hilfe der Handynummer und dem Austausch über SMS gehalten. Superphone wertete diesen Austausch aus und gewichtet die Kontakte – auch die privaten Kontakte. Im Dezember hat Leslie in Helsinki erzählt, dass dies gar das Verhältnis zu seiner Mutter verbessert habe (im Clip ab ca 6:31 min). Technisch ist all das vermutlich sogar vergleichbar mit dem Angebot von Facebook, der große Unterschied: Der Künstler Ryan Leslie kann sein Publikum direkt erreichen – und das Publikum kommt direkt zu ihm durch.

Die Telefon-Nummer (er betont immer wieder, tatsächlich kein anderers Telefon zu benutzen) ist dabei das Symbol für den unverfälschten, direkten Austausch. Dieses Versprechen stand auch mal hinter Twitter und Facebook, bevor Social-Media-Verantwortliche dort das Marketing für diejenigen übernahmen, die man dort angeblich direkt erreichen sollte. Vielleicht ist Superphone nun einfach nur die nächste Stufe dieser Entwicklung. Ganz sicher aber steht Superphone für ein anderes Verhältnis zum Publikum. Leslie will seine Fans direkt erreichen können – auch weil er von diesem direkten Kontakt lebt.

Im Producthunt-Podcast erzählt er, dass er es nicht fassen konnte als seine Plattenfirma ihm nach seinem ersten Album eröffnete, sie könne für die Bewerbung des zweiten Albums nicht einfach eine Mail an die Käufer des ersten schicken – weil sie diese schlicht nicht kenne. Stattdessen wurde eine Marketing-Maschine angeworfen, mit deren Hilfe möglichst viele potenzielle Käufer erreicht werden sollten. Mit schlechterem Erfolg als beim ersten Album. Leslie löste sich von seiner Plattenfirma, setzte alles daran für ein folgendes Album die Daten der Käufer seiner Musik zu erhalten und verschickte zur Veröffentlichung der Platte eine Mail – dabei lernte er dann ernüchternde Details über Öffnungsquoten von Newslettern und versuchte den nächsten Schritt.

Ab sofort macht er keine Alben mehr, stattdessen veröffentlicht er monatlich einen neuen Song, den er – schlimmes, uncooles Wort – im Abo vertreibt. Seine Supporter bezahlen ihn dafür, dass er bis zum Ende seiner Musikerkarriere nun jeden Monat einen Song veröffentlicht. Sie abonnieren ihn – direkt. Und sie reagieren direkt, wenn er Hilfe benötigt. Die Protz-Autos aus einem seiner aktuellen Clips organisierte ihm beispielsweise ein Fan aus Belgien – erzählt er in diesem Video.

Die Lehre, die ich aus der Idee Superphone ziehe, lautet: Es gibt mehr als reine Reichweite. Vielleicht ist die direkte Verbindung zu Supportern viel nachhaltiger. Vielleicht entstehen auf dieser Basis langfristigere Geschäftsmodelle, die irgendwann vielleicht nicht mehr Crowdfunding heißen, aber weiterhin auf die Idee der direkten Verbindung von Produzent und Konsument setzen. Die zentrale Fähigkeit scheint mir dabei in dem Wort zu liegen, das Ryan Leslie antreibt. Man muss als Produzent lernen, sich direkt bedanken zu können. Nicht nur technisch!

Mehr zum Thema Crowdfunding und direkte Geschäftsmodelle in den Digitalen Notizen:
>>> das Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
>>> der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
>>> der Text Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
>>> die Hintergründe zum Projekt Langstrecke
>>> die Hinweise im loading-Newsletter

*Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter – und wenn ich zum Superphone-Test zugelassen bin, werde ich dort womöglich auch meine Handy-Nummer veröffentlichen.

Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

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Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

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PDF-Download

Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist

The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

via
Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“

loading: VfL Bochum Fotobuch

Regelmäßige Leser des Blogs wissen: Ich bin Fan des VfL Bochum – und ich interessiere mich für Crowdfunding. Entsprechend begeistert habe ich das Startnext-Projekt VfL Bochum Fotobuch des Fotografen Tim Kramer unterstützt – und ihm direkt danach den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst du?
Ein Crowdfunding bei Startnext zur Teilfinanzierung eines Fotobuchs zum VfL Bochum 1848. In dem möchte ich verschiedene Sichtweisen auf Spieler und Verein präsentieren.

Warum machst du es (so)?
Um einen Teil der Produktionskosten decken zu können.

Wer soll sich dafür interessieren?
Angesprochen sind VfL-Fans, die einen Einblick in den Welt der Spieler und den Verein erhalten wollen. Auch darf sich derjenige angesprochen fühlen, der Interesse an der Fotografie hat.

Wie geht es weiter?
Nach Abschluss des Crowdfunding wird im September/Oktober mit der Produktion begonnen. Das finale Werk wird ab Oktober/November über vflbochumfotobuch.de vertrieben.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Was für tolle Menschen wir in der Mannschaft des VfL Bochum 1848 haben und was wir eigentlich für ein großes Glück haben, dass der gesamte Verein und ein Stadionbesuch so ist, wie er ist. Es sollten viel mehr dort mal vorbei schauen an den Spieltagen:-)

>>> Hier das Fotobuch auf Startnext bestellen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Ich verstehe Xing – zur Zeit – nicht mehr!

Seit ein paar Tagen schickt mir „das soziale Netzwerk für berufliche Kontakte“ (wie Xing sich in seiner Selbstbeschreibung nennt) in unschöner Regelmäßigkeit Mails, in denen mir mitgeteilt wird, dass in dem Netzwerk offenbar Mitteilungen auf mich warten. Xing selber nennt diese Mitteilungen „Kontaktanfragen“ und wenn man auf den Link, mit dem mir eine Premium-Mitgliedschaft verkauft werden soll, klickt, landet man tatsächlich bei den Kontaktanfragen

xing_nervt

83 dieser Anfragen warten dort auf mich. Xing spekuliert nun darauf, dass ich so neugierig bin, was sich hinter diesen Anfragen verbirgt, dass ich sofort eine Premium-Mitgliedschaft abschließe. Da ich das nicht mache, schickt mir Xing nun immer wieder Hinweise darauf, dass da doch noch was voll Spannendes auf mich wartet.

Das Problem: bis vor einer Weile konnte ich diese Anfragen noch ohne Bezahlfunktion einsehen – und habe sie mit Absicht nicht beantwortet. Denn viele dieser Anfragen waren gar nicht so spannend wie Xing denkt, sondern reine Pressemitteilungen, Verkaufsanbahnungen oder Akquise-Post, die mir mit Hilfe einer Xing Kontaktanfrage übermittelt werden sollten. Ich habe sie freundlich ignoriert. Nun zwingt Xing mich dazu, darauf zu reagieren (und sei es ablehnend) Denn als Basis-Mitglied steht mir die Funktion „Vernetzen“ nur noch sehr eingeschränkt zur Verfügung:

Als Basis-Mitglied können Sie nur eine Kontaktanfrage zur Zeit sehen. Sobald Sie diese annehmen oder ablehnen, können Sie eine neue Kontaktanfrage sehen

Mal abgesehen davon, dass mich die Angabe „zur Zeit“ sehr ratlos hinterlässt, frage ich mich: Wie bitte!? Ist der Verkaufsdruck so hoch, dass man die Kernfunktion eines Netzwerks grundlegend verkomplizieren muss? Oder anders formuliert: Als Basis-Mitglied verstehe ich das Netzwerk Xing – zur Zeit – nicht.