Alle Artikel mit dem Schlagwort “Gegen die Panik

Die Menschen, die unsere unlösbaren Probleme lösen, leben heute schon

Manchmal passieren merkwürdige Zufälle. Heute zum Beispiel war ich im Rahmen des Lehrermedientages der Bayerischen Zeitungen in einer Schule (wo ich das Projekt Gegen die Panik vorgestellt habe) und kurz danach habe ich ein lustiges Bild im Internet entdeckt. Letzteres passiert mir häufiger. Ersteres eher selten.

Dass beides dann aber auch noch so toll zusammenfällt, ist eine notierenswerte Ausnahme. Denn das Bild, dessen ersten Fundstelle wohl ein Reddit-Forum im Jahr 2013 zu sein scheint, ist die perfekte Illustration für unser Verhältnis zur Schule (In einer Abwandlung hat auch der Künstler Javier Perez das Motiv schon genutzt, man kann es auf einem T-Shirt kaufen und unglaublich viele Pinterest-Seiten zeigen es. Aber den einen Urheber kann man nicht ausmachen.).

Für alle Cloud-sozialisierten Menschen: Das links ist die 3D-gedruckte Form des „Speichern“-Symbols und war vor gar nicht so weit entfernter Vorzeit die populärste Form der Datensicherung: Auf dem obige Bild ist eine so genannte High Density-Diskette abgebildet, die bis zu 2.000 KB-Speicherplatz bot. Die rechts abgebildete Speicherform ist im weitesten Sinn noch zur gleichen Familie zu zählen, man nennt sie SD-Karte und die Speicherkapazität der aktuellen Exemplare liegt bei rund 2 Terrabyte. Mit Bezug auf die große Diskette links formuliert: der Speicherplatz der Nachwuchskarte ist um den Faktor zwei Millionen erhöht worden.

Mit Blick auf die Schule formuliert: die Generation der kleinen Karten ist zu Leistungen im Stande, die der Vorgängergeneration unmöglich und unerreichbar erschienen.

In meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ habe ich diesen Verdacht, dass die kommenden Generationen speicherstärker schlauer sein könnten als diejenige, die gerade das Sagen hat, so formuliert:

„Egal, wie ausweglos du ein Problem findest, erlaube dir den Gedanken: Vielleicht findet die nächste Generation die Lösung.“

Damit die nächste Generation dazu in der Lage ist, sollte man vielleicht erstens aufhören, es ihr unnötig zu erschweren (Stichwort Klimawandel) und zum zweiten an Rahmenbedingungen arbeiten, die diesen Fortschritt auch ermöglichen: Das beginnt damit, dass wir aufhören, in das immer gleiche Muster des kulturellen Niedergangs zu verfallen. Nein, die nächste Generation ist nicht per se dümmer (oder gar digital dement), nur weil sie das Pech hatte nach uns – dem egozentrischen Maßstab unserer Weltsicht – geboren worden zu sein. Und ja, man kann etwas dafür tun, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, die Schülerinnen und Schüler für die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu wappnen (auch zu dem 4k-Modell steht etwas im Shruggie-Buch)

Das Wichtigste aber scheint mir zu sein, dass wir akzeptieren, dass unsere Speicherkapazität nicht der Maßstab für alle Zeit sein muss. Dass wir das Reflektionsvermögen besitzen, unsere eigene Weltsicht nicht ständig zum Maßstab zu erheben, sondern z.B. mal mit dem Gestaltungswillen, der Neugier und vielleicht auch der Naivität eines Grundschülers auf die Welt zu schauen: Kann es (noch) besser werden? ist dann nur noch eine rhetorische Frage – und das ist manchmal ganz erfrischend.

Denn das Bild der beiden Speichermedien ist ja kein blinder Fortschrittglaube, es ist ein schönes Symbol für einen gelasseneren Umgang mit dem Neuen – und ein gutes Gegenmittel gegen den schleichenden Kulturpessimismus der Etablierten und Satten.

In Kategorie: DVG

„München – Stadt in Angst“ – was tun gegen die Panik?

Heute ist es zwei Jahre her, dass sich in München ein terroristischer Anschlag ereignete. Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun zumeist junge Menschen mit Migrationshintergrund. Zum Jahrestag des Verbrechens strahlt der Bayerische Rundfunk den Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“ von Stefan Eberlein aus (hier in der Mediathek ansehen).

Der Täter, aber vor allem die Opfer spielen in dem Film keine Rolle. „Stadt in Angst“ (was übrigens auch ein Filmtitel ist) dokumentiert vor allem die Panik, die sich im Anschluss an das Verbrechen in der Stadt ausbreitete: Wie kam es zu der Hysterie? Welche Wahrnehmungen lösten die Massenpanik aus? Welche Rolle spielen Polizei und Rettungskräfte?

Die Dokumentation, die daraus entstanden ist, ist extrem spannend. Sie lässt ein Bild entstehen, zoomt heraus und blickt mit Distanz auf das Geschehen. Leider spart der Film eine Frage aus, die sich nach dem Betrachten der Bild nahezu aufdrängt: Was kann man gegen die Panik tun? Wie kann man sich wappnen für einen neuen Hysterie-Fall? Welche Möglichkeiten hat jede/jeder Einzelne, um sich künftig einer Massenpanik zu widersetzen?

Ich habe darauf keine Antwort, ich sehe in dem Film allerdings mit Bewunderung einen älteren Mann, der davon berichtet wie er sich an dem Abend in aller Ruhe durch München bewegte. Er war im Kino und wollte im Anschluss mit seiner Frau, die in der Stadt beim Einkaufen war, zum Abendessen. Aufgrund der „Vollalarmierung“ in der Innenstadt war diese jedoch in einem Kaufhaus am Marienplatz eingesperrt. Er kam nicht rein, sie durfte nicht raus.
Der Mann schildert die Geschehnisse mit einer großen Gelassenheit (ca 55 Min). Ich habe mich lange gefragt, woher seine Ruhe kam – und habe nur eine Erklärung: Der Mann hat an dem Abend kaum Medien konsumiert. Offenbar hat er keine beängstigenden WhatsApp-Nachrichten erhalten und TV-Nachrichten hat er auch nicht anschauen können.

Denn: Das mediale Echo des Geschehens hat erst für den Nachhall der Panik gesorgt. Der BR-Reporter Martin Breitkopf, der an dem Tag vom Bierfest am Odeonsplatz zum Vor-Ort-Reporter am OEZ wurde, bringt es in der Sendung auf den Punkt (ca 62 Min): „Im Prinzip haben wir ja selber Terror gemacht. Alle miteinander haben wir Terror gemacht. Die Leute, die bei Facebook gepostet haben, wir die Medien, die Terror verbreitet haben. Die Polizei in gewisserweise auch, die nicht gesagt hat: Nein, es ist kein Terror. Aber klar, das Wort ist gefährlich und hat vielleicht die ganze Hysterie ausgelöst.“

Ich finde es ist an der Zeit, der Frage nachzugehen, wie die Gesellschaft mit diesen Situationen umgehen kann. Dazu zählt einerseits die Frage der klassischen medialen Berichterstattung, die nicht selten, im Sinne der Terroristen agiert (Braucht es eine Selbstverpflichtung gegen den Terror?). Es ist andererseits aber auch die Frage, wie man aufhört, auf soziale Medien zu schmipfen und beginnt, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Bis uns was Besseres einfällt, verweise ich auf das kleine Projekt, das Heiko und Manuel ins Netz gebracht haben: Der Hashtag und die sieben Regeln #gegendiepanik