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Gegen den Hass, gegen die Panik!

Die Kolleg*innen der Sendung hr2 Der Tag haben mich eingeladen, über Social Media in Zeiten des Terrors zu sprechen, nachzuhören hier ab ca 30 Min (MP3-Download). Um meine Gedanken zu sortieren, habe ich es hier aufgeschrieben.

Es zählt zu den angenehmen Eigenschaften der social-media-vernetzten Welt, dass man auch in unangenehmen Momenten und emotionalen Ausnahme-Situationen nicht alleine sein muss. Man kann sein Unwohlsein teilen, was den Schmerz in den meisten Momenten etwas lindert. Deshalb neigen Menschen dazu, in Eilmeldungs-Situationen den Austausch zu suchen. Früher geschah dies im direkten persönlichen Umfeld oder maximal telefonisch, heute geschieht dies zumeist auf den Geräten, die früher mal einzig Telefone waren – und heute als Schnittstelle zur ganzen Welt dienen.

Wer sich an die Anschläge vom 11. September in New York erinnern kann, weiß vermutlich auch noch, wen er oder sie kurz danach kontaktierte. Dieser zutiefst menschliche Reflex greift auch heute, er benutzt dabei aber ein ungleich größeres Publikationsspektrum. Egal, ob man geschlossene Messenger-Gruppen, den Facebook-Freundeskreis oder gar die Hashtag-Öffentlichkeit bei Twitter in Echtzeit adressiert: die eigene Kommunikation ist sehr viel folgenreicher als damals beim Eins-zu-eins-Telefonat.

Die Ereignisse vom Berliner Breitscheid-Platz erinnern uns daran, dass wir uns diese Folgen bewusst machen müssen, wenn wir in emotionale Ausnahmesituationen geraten. Und wenn es eine Sache gibt, die man schon wenige Stunden nach dem Abend des 19. Dezember sagen kann, dann dies: Wir müssen lernen mit den neuen Publikationsmethoden umzugehen. Wir müssen uns bewusst machen, wie die Mechanismen der Angst wirken und dabei das reflektierte Nachdenken bremsen. Kurzum: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit in emotional-medialen Ausnahmesituationen trainieren!

Schon im September 2013 hat das amerikanische Medienmagazin „On The Media“ ein Handbuch für Terror-Fälle veröffentlicht. Darin sind zehn Regeln aufgelistet, an die man sich halten sollte, wenn Gerüchte, Falschmeldungen und Spekulationen die gesicherten Nachrichten überlagern. Die wichtigste Regel steht ganz am Ende, sie lautet: Be Patient! Bleib gelassen! und kann als Grundlage für alle anderen Aktivitäten in den Ausnahmesitationen gelesen werden:

Wie gesagt: Es hilft nicht, Menschen in angstvollen Situationen „Hab keine Angst“ zuzurufen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es helfen kann, sich auf diese Situationen vorzubereiten. Die Rekonstruktion der Angst-Nacht von München im Juli dieses Jahres zeigt, wie Gerüchte und ungeübte Social-Media-Nutzung Panik anfachten und die Probleme noch größer machten. Wenn das passiert, schlägt der soziale Austauschreflex ins Gegenteil um: Er lindert dann keine Schmerzen, sondern vergrößert sie. Genau das ist das Ziel von Terror: Angst und Schrecken zu verbreiten.

Deshalb sollte man sich gegen die mediale Verstärkung des Terrors wappnen und ein Regelwerk im Kopf haben, an das man sich in aller Panik erinnern kann. In Anlehnung an die On the Media-Regeln könnte sich Social-Media-Gelassenheit in diesen Handlungweisen ausdrücken:

1. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen.

2. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Besonders bei Accounts, die unverifiziert sind, keine Profilbilder haben und vorher noch nie etwas gepostet haben, frage ich mich: Und wenn das Gegenteil richtig ist?

3. Ich poste, retweete und verbreite keine Bilder und Filme, deren Herkunft ich nicht kenne. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten.

4. Informationen und Bilder, die im Zusammenhang mit der Tat stehen, übermittle ich der Polizei und mache sie nicht öffentlich. Besonders dann nicht, wenn sie die Menschenwürde der Opfer verletzen und den Tätern nützen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortimus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht.

6. Das gilt auch für Meinungen über die mediale Berichterstattung bzw. für die Kommentare von Politikern, die bereits fertige Lösungen präsentieren. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne.

7. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich stets gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt.

8. Egal wie schlimm die Situation sein mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass Angst sich verbreitet. Das ist das zentrale Ziel von Terror: Angst und Hass zu verbreiten. Dem widersetze ich mich! Durch mein eigenes Verhalten trage ich vielmehr dazu bei, Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

Mehr zum Thema:
>>> Der Kommentar Gegen den Hass von Heribert Prantl in der SZ
>>> Der erste Eintrag zum Thema Social-Media-Gelassenheit aus dem Januar diesen Jahres
>>> Warum wir uns den Mechanismen der Angst widersetzen sollten.

Update: Aus diesem Blogpost entstand im Nachgang die Seite gegen-die-panik.de

Mehr Humor!

In den Kommentaren unter dem Beitrag, in dem er auf seinen Text in der gestrigen Ausgabe der gedruckten Frankfurter Allgemeinen Zeitung verweist, schreibt donalphonso, laut FAZ (für die er bloggt, was da nicht steht) „einer der bekanntesten deutschen Blogger“ das hier:

Es gibt jeden Tag irgendwo einen Beitrag, der das Berliner Lebensmodell preist und bejubelt und alle auslacht, die es anders machen. Die Texte, die die alter Erwerbsarbeit begraben, sind Legion. Die treten an, meine Welt abzuschaffen, und ich muss mir anhören, das sei cool, das habe man jetzt so.


donalphonso
scheint diese Beiträge nicht zu mögen. Vermutlich deshalb hat Rainer Mayer einen Text geschrieben, in dem er seinem Unmut über Piraten, Berliner und Verfechter des Bedinungslosen Grundeinkommens (BGE) in einer Art Luft macht, dass man merkt wie sehr hier eine laute Debatte herbeigewünscht wird. Dabei schlägt er den Bogen von Michael Seemann und Jens Best über Christian Heller und Johannes Ponader bis zu Sascha Lobo und den Samwer Brüder. Sie alle sind Ausweis für die Schlechtigkeit Berlins:

Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Berlin sei die Stadt, in der man kreativ noch etwas in Deutschland bewegen könne. Blogs. Podcasts. Twitter. Websites. Labels. Platten. Buchverlage. Start-ups. Medien. Jeder kennt jemanden, der etwas aufgezogen hat. Sogar Suhrkamp ging nach Berlin.

Erstaunlich ist, dass dieser mittelgute Blogeintrag so banalen Kulturpessimismus gegens Netz bedient. Dass er das so humorlos tut und vor allem: dass er in einer Zeitung erschienen ist. Das könnte man ausführlich besprechen und mit Bezügen zu den Blogeinträgen des Kontrollverlust-Bloggers bei der FAZ versehen. Man könnte die journalistische Regel ansprechen, immer auch die zweite Seite zu hören (das gilt meiner Einschätzung nach auch dann wenn Personen ein Parteiamt bekleiden oder ihre Eigentumsverhältnisse bloggen).

Man kann aber auch ganz einfach fragen: Warum fehlt all dem der Humor?

Der in dem Text ebenfalls erwähnte Sascha Lobo hat nicht nur vor zwei Jahren in einem vergleichbaren Rant bewiesen, wie man so etwas mit Humor macht, er hat in seiner Spiegel Online Kolumne auch genau das gefordert: Eine bessere Beleidigungskultur.

Ich will solchen Texten einfach nicht mehr anmerken, dass da jemand seine eigene Welt verteidigt. Ich will, dass mit größerer Souveräntität geschimpft wird. Mit dem Stil, der im FAZ-Text im Schlussabschnitt anklingen soll, wenn Autor und anonymisierter Freund nach Italien fahren und übers Essen sprechen. Dabei erfährt man nicht mal, mit welchem Automobil sie reisen. Dabei wäre das doch das Mindeste.

„Ich rüge als Dummschwätzer des Jahres“

Der Bundesverteidigungsminister hat die Soldaten in Afghanistan besucht. Der Bild-Kolumnist Franz-Josef hat ihm daraufhin eine Post von Wagner geschrieben, in der er Karl-Theoder zu Guttenberg für diese Reise, die er mit seiner Gattin unternommen hat, lobt. Damit ist er anderer Meinung als der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der wie auch andere diese Form der inszenierten Politik scharf kritisierte. Gabriel soll gesagt haben: „Ich finde, Frau Katzenberger fehlte noch beim Guttenberg-Besuch, dann hätten wenigstens die Soldaten noch was.“ Das findet Wagner empörend.

Deshalb setzt er zu dem folgenden offenbar als Gabriel-Kritik gemeinten Satz an, der in seiner sprachlichen Schlampigkeit zu inhaltlicher Größe und Wahrheit reift:

Ich rüge ihn als Dummschwätzer des Jahres.

Hinweise und Aufforderungen

Die geschätzten Kollegen von fudder haben eine Redakteursstelle (Junior) zu besetzen. Die entsprechende Ausschreibung hat mich dieser Tage per Mail erreicht. Da ich sie online nicht gefunden habe, verweise ich hier nur drauf und biete jedem „Berufseinsteiger (w/m)“, der sich für diesen sicher spannenden Job in Freiburg interessiert, an, nach kurzer Mail die Informationen weiter zu reichen.

http://fudder.de/

Außerdem bin ich im kommenden Jahr Mitglied der Jury des Axel-Springer-Preises. Ich erwähne das hier, um alle netzaktiven Menschen zu animieren, spannende journalistischen Projekte dort vorzuschlagen.

Zu guter Letzt schließe ich diesen kleinen Hinweis- und Aufruf-Beitrag mit der Bitte, einen Blick auf ein kleines privates Nebenprojekt namens Erklär mir das gute Leben zu werfen. Jeder ist eingeladen, dort mitzumachen und die Idee weiterzuerzählen!

Sonne über Berlin

Dieses Vor-sich-hin-Krisen-Lösen passt zum Bild einer autistischen und alienhaften Regierung, einem Bild, das von den gesammelten Talkshowbewohnern inzwischen fraglos akzeptiert wird. Wenn jemand zwischen den Politikern und den Menschen unterscheidet, wird er gar nicht mehr korrigiert. Die dramatische Krise, der Burn-out, wie er Horst Köhler von Beobachtern attestiert wurde, ist das eine Erscheinungsbild der Depression – das freudlose, trauerlose Immerweitermachen ist das andere. Fragt ein Moderator den FDP-Politiker Jürgen Koppelin, ob Köhlers Rücktritt seiner Partei nicht „zu denken gebe“, kommt die Antwort vollautomatisch: „Nein, wie kommen Sie denn darauf?“ Als ob das Nachdenken, wie Dr. No in „Goldfinger“, die tödliche Falltür im Boden auslöste.

In der gestrigen Ausgabe der FAS schreibt Nils Minkmar unter dem Titel Es ist Sonne über Berlin über das Berliner Sommertheater rund um Bundespräsidenten, Kandidaten, Rücktritte und den Zustand der schwarz-gelben Regierung.

Profit vs. Bürgerrechte

Im Tagesspiegel schreibt Matthias Spielkamp unter dem Titel Legal, illegal, digital über das Urheberrecht und Bürgerrechte in der digitalen Welt

Aber muss der Staat dafür sorgen, dass ein Geschäftsmodell, das jahrzehntelang für Milliardeneinnahmen sorgte, erhalten bleibt, egal wie die Welt sich verändert? Es gibt kein Recht auf Profit. Vor allem kann es nicht sein, dass der Staat Bürgerrechte einschränkt, um einer Branche zu helfen.

Das wäre der Fall, wenn sich die Urheberrechtsindustrien – nicht die Kreativen – mit ihren Forderungen durchsetzen, dass Bürger überwacht, ihre Laptops an Flughäfen nach „illegalen“ Musikstücken durchsucht werden und ihnen bei Verstößen gegen das Urheberrecht der Zugang zum Internet gesperrt wird. Das ist kein theoretisches Horrorkabinett, sondern genau das, was sich einige Rechteverwerter von der Politik erhoffen und was in Ländern wie Frankreich und Großbritannien zum Teil bereits Wirklichkeit ist.

dctp trifft Blogger

Was hätte das für ein großartiges Format werden können: dctp stellt eine Kamera auf und setzt Blogger davor? Genauso wie Alexander Kluge Interviews fürs Fernsehen führt: langatmig, abschweifend, ohne Schnitte, aber mit merkwürdigen Einblendungen und immer dann doch großartig interessant. Leider ist in der empfehlenswerten Serie Meinungsmacher nur das Gespräch mit Jakob Augstein in der Form geführt worden. (Der im Interview übrigens den wichtigen Satz sagt: „Nachrichten sind wie Rohstoff, wir sind dagegen im Identitätsgeschäft.“)

Für die anderen Interviews hat sich Philip Banse vor die Kamera auf ein Sofa gesetzt und vier Berliner Blogger befragt. Das ist nicht nur wegen der Grundsituation langweiliger als die klassischen Kluge-Gespräche, es sind auch vier Menschen ausgewählt worden, die eher nicht darunter leiden, zu selten zum Thema Internet befragt worden zu sein. Erstaunlicherweise lohnen sich die Interviews dennoch.