Alle Artikel mit dem Schlagwort “irights

Das Snowden-Jahr im Rückblick: Buchtipps

Bei iRightsMedia ist in dieser Woche der Jahresrückblick Netzpolitik erschienen. In dem Jahr der Snowden-Enthüllungen ein bedeutsamer Titel, der die Entwicklungen in diesem in Wahrheit gar nicht mehr so neuen Politik-Feld bündeln. In dem Buch ist auch ein Text von mir erschienen, deshalb weise ich natürlich doppelt gern darauf hin.

Außerdem sind in diesem Buch auch Beiträge von folgenden Autorinnen und Autoren: Kai Biermann, Valie Djordjevic, Till Kreutzer, Constanze Kurz, Sascha Lobo, Stefan Niggemeier, Michael Seemann und eben auch von Edward Snowden enthalten. Dessen Gesicht ist auch auf einem Buch zu sehen, das genauso empfehlenswert ist: Der Sammelband „Überwachtes Netz“ von Netzpolitik.org. Darin schreiben u.a. Markus Beckedahl, Yochai Benkler, Richard Gutjahr, Glyn Moody, Anne Roth, Felix Stalder, Krystian Woznicki und Jillian C. York über die Entwicklungen, die in diesem Jahr bekannt wurden.

iRights-Lab: ein Interview mit Matthias Spielkamp

Mitte Oktober machte die Meldung die Runde: das Urheberrechtsportal iRights.info stellt sich neu auf. Die Gründung des iRights Lab wurde angekündigt: Matthias Spielkamp, Philipp Otto und Till Kreutzer (mit denen ich – Transparenzhinweis – persönlich bekannt bin) wollen mit diesem Think Tank den digitalen Wandel begleiten. Ich habe Matthias Spielkamp einige Fragen zum Start des Lab gemailt. Hier seine Antworten:

iRights.info ist seit Jahren eine bekannte Größe in urheberrechtlichen Fragen der digitalen Welt. Jetzt entsteht aus dem iRight-Umfeld ein Labor. Was wird in diesem Lab entwickelt?
Zentral sind drei Aufgabengebiete: angewandte Forschung, Beratung (inklusive Training) und Vermittlung. Das alles für Unternehmen, die öffentliche Hand, Wissenschaft, Politik, Verbände und nicht zuletzt die Kreativen selbst. Zu allen haben wir in den letzten Jahren sehr enge Kontakte aufbauen können.

Kern der iRights-Aktivitäten ist die Debatte ums Urheberrecht. Wird das auch im Bereich des Lab der zentrale Punkt bleiben?
Ja, es wird einer der Schwerpunkte bleiben. Es gibt derzeit so viel Bedarf an Dialog und Verständigung, vor allem zwischen Politik, Kreativen und Unternehmen, dass da ein sehr weites Feld zu beackern ist. So haben wir zum Beispiel auf der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Diskussion veranstaltet unter dem Titel „Verlag, Leser, Autor: Wer hat Angst wovor – und warum?“ Einige werden sich sicher gedacht haben: iRights und der Börsenverein? Wie passt das denn zusammen? Denn wir haben den Börsenverein ja tatsächlich oft hart kritisiert. Und wir werden das wahrscheinlich auch in Zukunft tun, da ich nicht annehme, dass er alle Forderungen aufgibt, die wir falsch finden, nur weil wir mal eine Podiumsdiskussion zusammen veranstaltet haben :-) Aber wir sind eben wirklich der Ansicht, dass mehr miteinander geredet werden muss, nicht immer nur gegeneinander, damit sich etwas zum Besseren ändern kann.

Aber es gibt natürlich auch konkreten Forschungs- und Beratungsbedarf, ebenfalls wieder bei allen Beteiligten: Welche Rechte muss ich haben, um als Fernsehsender, als Stiftung, als Ministerium Inhalte in Social Media nutzen zu können? Sollten Kunden das Recht haben, digitale Güter wie MP3s oder E-Books weiter zu verkaufen? Wie sollte ein Urhebervertragsrecht aussehen, das wirklich die Rechte der Urheber stärkt? Das ist nur ein winziger Ausschnitt der Fragen, die wir schon bearbeiten oder bearbeiten möchten, oder um die wir uns in der Vergangenheit als Individuen gekümmert haben, weil es unter dem Dach von iRights.info nicht ging. Beim Lab geht es.

Ich möchte aber ergänzen, dass wir bereits in den vergangenen Jahren den Fokus auch bei iRights.info ausgeweitet haben. Dort geht es zwar weiter in erster Linie ums Urheberrecht, aber auch immer öfter um Persönlichkeitsrechte, etwa in Social Networks, um Datenschutz und ähnliches. Zum Beispiel starten wir am 31. Oktober ein neues Portal, iRights CLOUD, das Bürgerinnen und Bürger dabei helfen soll, sich beim
Cloud-Computing zurecht zu finden. Das wird vom Verbraucherschutzministerium finanziert und getragen vom gemeinnützigen iRights e.V., wo auch iRights.info weiterhin angesiedelt ist. Aber es zeigt die Bandbreite dessen, was wir tun. Und die ist beim Lab noch erheblich größer.

In welchem Zusammenhang steht das iRights-Lab zur IGEL-Initiative?
Zwei der Partner des Labs, Philipp Otto und Till Kreutzer, haben IGEL aufgebaut und stark gemacht. Das ist sozusagen ihr gesellschaftliches Engagement, weil sie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage für eine ganz dumme Idee halten. (Ich übrigens auch.) Aber das Lab als Firma ist kein Unterstützer der IGEL.

Wer soll das iRights-Lab nutzen?
Wie oben beschrieben: Wir arbeiten mit allen Akteuren zusammen, die Bedarf haben. Das können Verbände sein, Parteien, Unternehmen, die beispielsweise prüfen möchten, ob eine bestimmte politische Forderung gesellschaftlich sinnvoll, ökonomisch tragfähig und rechtlich machbar ist. Es können aber auch Institutionen sein, die konkret wissen wollen, wie sie mit dem digitalen Wandel umgehen können. Vergangene Woche haben wir in Berlin eine internationale Konferenz veranstaltet zu der Frage, wie so genannte Gedächtnisorganisationen – also Museen, Archive, Bibliotheken – ihre Bestände in der digitalen Welt sichern, aber auch so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen können. Da waren unsere Partner das Jüdische Museum, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wikimedia, die Open Knowledge Foundation und das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory; Sponsoren waren drei kommerzielle Anbieter von Speicherlösungen. Ich denke, das zeigt die Bandbreite.

Digitales Change-Management gilt als eine der großen Herausforderungen der Zukunft – in zahlreichen Branchen. Werdet Ihr jetzt eine Beratungs-Agentur?
Das iRights.Lab ist eine Beratungs-Agentur! Im Ernst: Wir haben das Lab gegründet, weil wir Dinge tun möchten, die wir unter dem Dach von iRights.info nicht tun können. Die Frage ist womöglich so gemeint, ob sich iRights.info zu einer Beratungsagentur wandelt. Und das wird nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Wir haben das Lab ins Leben gerufen, weil wir die Tätigkeitsfelder nicht vermischen wollen. Denn iRights.info wird weiterhin eine unabhängige Informationsplattform zu Fragen des Urheberrechts – und vermehrt auch anderen Rechtsgebieten – in der digitalen Welt sein.

Aber um es nochmal deutlich zu machen: Wir sind viel mehr als eine Beratungsagentur. Wir haben uns für die Bezeichnung Think Tank entschieden, obwohl ich Bauchschmerzen damit habe. Ich bin erstens kein Freund von Anglizismen, zum anderen gibt es viele US-Think-Tanks mit dem Ruf, alles zu untermauern, was der Auftraggeber gerne will. Aber es gibt keinen treffenden deutschen Begriff, der unter einen Hut bringt, was wir tun: beraten, informieren und vermitteln, forschen (indem wir Whitepapers und Gutachten erstellen), weiterbilden. Daher passte weder Agentur noch Forschungsinstitut. Und dass wir eine Haltung haben und niemandem nach dem Mund reden, haben wir in der Vergangeheit oft genug unter Beweis gestellt, denke ich.

Eine der ersten Veranstaltungen findet Anfang Dezember in Dresden statt und beschäftigt sich mit der Zeitungskrise. Gemeinsam mit Lorenz Matzat stellst Du dabei Fragen wie: Wie verändert das Netz die Rolle der Printmedien? Welche Antwort werdet Ihr darauf geben?
Nur, damit kein Missverständnis entsteht: Das ist eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung, zu der Lorenz und ich eingeladen sind, keine Lab-Veranstaltung. Meine Antwort wird zum einen sein, dass man versuchen sollte, sich einmal mit Distanz anzuschauen, dass das Netz die Print-Welt bereits völlig auf den Kopf gestellt hat. Ich habe von 1993 bis 1994 an der University of Colorado in Boulder Journalismus studiert. Boulder ist zwar klein, aber da das Wetter dort immer so toll ist und die Rocky Mountains vor der Haustür liegen, haben viele Unternehmen dort ihre Forschungseinrichtungen. Eins davon war das Knight Ridder Information Design Laboratory. Knight Ridder war einer der Zeitungsverlags-Giganten in den USA, die Nummer zwei mit Titeln wie The Miami Herald, The Philadelphia Inquirer und den San Jose Mercury News. Der Leiter des Labs, Roger Fidler, hat uns damals bei einem Besuch die „Zeitung der Zukunft“ gezeigt. Das war ein Stück Holz mit einem aufgemalten Bildschirm, und wie das Ding funktionieren sollte, hat er uns dann an einem Computerbildschirm gezeigt – im Ernst! Aber was er uns vorgeführt und erklärt hat, war das Design für ein Tablet, das Apples iPad schon sehr nahe war, mit vielen der Funktionen, die für uns heute selbstverständlich sind.

Fidler selber hat gesagt, es würde nur noch zwei, drei Jahre dauern, bis das Ding auf den Markt kommt, vor allem die Entwicklungen der „elektronischen Tinte“-Bildschirme am MIT ließe hoffen. Nun ja – es hat dann doch noch mehr als 15 Jahre gedauert, bis es so weit war, wenn man das iPad als erstes tatsächlich erfolgreiches Tablet als Maßstab nimmt. Aber darauf will ich hinaus: Wir neigen bekanntlich dazu, die
Veränderungen, die in den kommenden Monaten bis drei Jahren passieren werden, sehr zu überschätzen, die Veränderungen in zehn Jahren dagegen zu unterschätzen. Genau das ist eingetreten. Tablets sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und die Huffington Post lässt in der Zahl der Interaktionen über Social Media die New York Times und die BBC abgeschlagen hinter sich – und Knight Ridder ist nur deshalb nicht pleite, weil die Zeitungsgruppe von einem anderen Konzern gekauft wurde. Was für eine unglaubliche, unvorstellbare Welt aus der Perspektive von 1993!

Meine Antwort wird also sein, dass es nötig ist sich vorzustellen, was Leser in der Zukunft unter Nachrichten und Journalismus verstehen werden, und wo sie ihn lesen, hören, anschauen, mit ihm interagieren, ihn weiter verbreiten wollen. Und dann zu versuchen, dafür Modelle zu entwickeln. Statt sich zu überlegen, was man als Verlag, Radio- oder Fernsehsender will. Denn das ist den Lesern ziemlich egal.

Ist das iRights-Lab selber womöglich eine Antwort auf die veränderte Rolle des Journalismus im digitalen Zeitalter? Immerhin bist Du selber als Journalist tätig und erweiterst nun hier Dein Betätigungsfeld. Ist das Zufall oder werden sich alle Journalisten künftig breite Tätigkeitsfelder suchen müssen?
Das iRights.Lab ist in verschiedene Labs aufgeteilt, um die Bandbreite unserer Aktivitäten deutlich zu machen. Eins davon ist das Lab Journalismus, das ich leite. Dort geht es um die Fragen, die ich eben gestellt habe. Aber dort wird kein Journalismus gemacht; der findet weiter bei iRights.info statt – und demnächst in unserem eigenen Verlag (Cliffhanger!).

Aber die Antwortet lautet trotzdem: Ja. Denn ich habe bereits in den vergangenen zehn Jahren meine Tätigkeitsfelder erweitert. Zusätzlich zum Journalismus arbeite ich seit 1999 als Dozent und Trainer in der Journalistenfortbildung, habe 2003 angefangen zu bloggen, 2004 dann iRights.info mitgegründet, halte Vorträge, moderiere Veranstaltungen und berate auch Unternehmen und Institutionen. Wenn ich heute als journalistisch arbeite, dann entweder für mein eigenes Unternehmen bzw. unsere eigene Plattform, oder weil ich gefragt werde – wie etwa bei meiner monatlichen Kolumne für DRadio Wissen.

Mit iRights.info machen wir im Grunde seit acht Jahren das, was heutzutage auf jeder zweiten Journalismus-Konferenzen als Zukunft der Branche gefeiert oder gefürchtet wird: unternehmerischen Journalismus (entrepreneurial journalism). Das heißt wir haben bei iRights.info von Anfang an auf einen Finanzierungsmix gesetzt: öffentliches Geld, Förderung durch Stiftungen und Sponsoren, Content Syndication, also Weiterverkauf von Inhalten, Konferenz-Organisation – und nicht zuletzt Quersubventionierung durch alle Beteiligten. Früher hätte man diesen letzten Aspekt Selbstausbeutung genannt, aber man kann es in der Tat und ohne Ironie auch als Markenbildung sehen – also als Positionierung des eigenen Angebots und der eigenen Person, so dass man eben als Experte wahrgenommen wird, andere Honorare verlangen kann und sich die Akquise spart. Oder eben gleich eigene Projekt entwickelt und verwirklicht.

Von der Ablehnung der Realität

Lesern dieses Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich vor einer Weile ein Buch veröffentlicht habe. Ich habe die Rezeption des Titels hier deshalb so ausführlich begleitet, weil ich selber die Reaktionen durchaus als spannend empfunden habe – und dies auch den Lesern eröffnen wollte.

Eine Reaktion, die ich nicht spannend, sondern eher ermüdend finde, ist der Vorwurf ich wolle das Urheberrecht abschaffen. An unterschiedlicher Stelle ist diese Annahme an mich herangetragen worden. Meist versuche ich meine Haltung (die digitale Kopie und ihre Folgen zu beschreiben, um sie zu verstehen und daraus Schlüsse für das gerade erodierende Urheberrecht zu ziehen), durch die Gegenfrage auf den Punkt zu bringen: Was wäre denn die Alternative? Soll heißen: Würde das Urheberrecht eine höhere Legitimation erfahren, wenn man einfach nichts täte bzw. die urheberrechtlichen Sanktionen verschärft?

Eine Antwort auf diese rhetorische Frage liefert jetzt (quasi über Bande) der Journalistenverband Freischreiber. Der „dritte Korb“ darf kein Maulkorb für Urheber werden ist ein Positionspapier des Verbands wortspielreich überschrieben. Darin wird der Beitrag der Freischreiber zur Initiative Urheberrecht dargelegt.

Ich möchte dieses Papier hier nicht kommentieren auch wenn mir die Betrachtung, „die großen Internet-Plattformen (wie Google oder Facebook)“ würden in der Urheberrechtsdebatte die Interessen der Nutzer vertreten, doch etwas kurz gegriffen scheint. Die Interessen der Nutzer vielleicht als Interessen der Bürger zu bezeichnen, wäre meiner Einschätzung nach einem Journalistenverband auch nicht unangemessen. Auch empfinde ich, die Formulierung mittels derer ein pauschales Vergütungssystem vorgeschlagen wird (das ich inhaltlich begrüße) etwas unglücklich („…die Ermöglichung der nicht-gewerblichen Privatkopie an die Einführung einer pauschalen Urheber-Abgabe zu binden. Die Erhebung und Verteilung einer solchen Abgabe muss unabhängig, nachvollziehbar, transparent und gesellschaftlich gerecht gestaltet werden.“).

Aber wie gesagt mir geht es nicht um das Papier, mir geht es um die Frage, wie man mit gesellschaftlichen Realitäten umgeht. In dem Freischreiber-Papier lässt sich das an dem folgenden Satz illustrieren, der sich dem oben erwähnten pauschalen Abgabesystem anschließt:

So genannte transformative Werknutzungen (Remix, Mashup, Appropriation Art, Plagiate) lehnen wir ab, insbesondere, wenn sie zu Gewinnerzielungszwecken bzw. auf Kosten anderer vorgenommen werden.

Natürlich ist mir bewusst, dass der Verband mit diesem Satz und der darin zentralen Formulierung (die auf Plagiat anzuwenden eher unredlich ist) Bezug auf das Gutachten „Verbraucherschutz im Urheberrecht“ aus dem Sommer 2011 nimmt. Darin hatte Till Kreutzer im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) ein Gutachten verfasst, in dem auch die transformative Werknutzung thematisiert wurde:

„Um die kreative Entfaltungskraft und neuartige Phänomene wie die Kreativität der Massen einerseits nicht mit einem zu engen Rechtsrahmen zu behindern und andererseits klar zu regeln, welche Befugnisse in diesem Zusammenhang existieren, besteht für eine gesetzliche Regelung dringender Bedarf. Denn es ist kreativen Prosumern nicht möglich, die für ihre Aktivitäten notwendigen Nutzungsrechte individuell einzuholen.“

Wenn die Freischreiber (dies nun transformativ nutzen und) formulieren, diese transformative Werknutzung lehnten sie ab, frage ich mich, welche Folgen das haben wird: Wird sie dadurch womöglich enden? Werden Menschen Abstand davon nehmen zu tun, was sie technisch können – nämlich Werke transformativ zu nutzen?

Der von Till Kreutzer verwendete Begriff des Prosumenten bringt auf den Punkt, dass die Betrachtung eines rein passiven Konsumenten zu kurz greift. Jeder kann zum Produzenten werden (daher die Wortneuschöpfung) und Werke referenzieren oder transformieren. Wird sich das ändern, wenn ein Journalistenverband dies ablehnt? Wird die digitale Kopie nicht mehr genutzt, wenn irgendjemand erklärt, er oder sie möge sie nicht oder lehne sie gar ab?

In Wahrheit sagt das Freischreiber-Papier: „eine gesetzliche Regelung der transformativen Werknutzung lehnen wir ab“. Anzunehmen, dass dies zu einer höheren Akzeptanz des Urheberrechts führen wird – und damit schließt sich der Kreis zu meinem Privat-Problem vom Einstieg – ist Unfug. Wer glaubt, die Folgen der digitalen Kopie durch Ablehnung oder Ignoranz einzufangen, erweist dem Urheberrecht damit in Wahrheit einen Bärendienst. Die digitale Kopie (die leider im Positionspapier gar nicht erst auftaucht) ist in der Welt, ihre Folgen abzulehnen, mag vielleicht schön klingen, ist aber so sinnvoll wie die Ablehnung von Regen. Weniger nass wird man dadurch nicht. Dafür ist es notwenig, einen Umgang mit dem Wetter zu finden.

Insofern bin ich dem Papier für die in Wahrheit vielleicht nur unglückliche Formulierung dankbar. Sie illustriert eine grundsätzliche Haltung zu der Frage, wie man mit der Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie umzugehen gedenkt. Ich würde sie gerne zunächst verstehen und dann Schlüsse daraus zu ziehen, wie ein reformiertes Urheberrecht aussehen kann, das die Interessen der Urheber, der Verwerter und ja auch der Bürger angemessen im Blick behält. Eine Abschaffung des Urheberrechts hat dieses Vorgehen nicht zur Folge. Anders als das Ausblenden der gesellschaftlichen Realität der digitalen Kopie.

P.S.: Natürlich kann man übrigens auch gesellschaftliche Realitäten politisch ablehnen. Dann wäre es aber schön zu erfahren, zu welchem Preis man das tun möchte.

ver.di und das Internet

Wie soll eine Gewerkschaft mit den Herausforderungen der Digitalisierung umgehen? Der Kollege Matthias Spielkamp hat in seiner dringend leseempfohlenen Antwort auf das Positionspapier des ver.di Bundesvorstands zum Thema Urheberrecht gezeigt, wie es nicht geht. Er beschreibt das Grundproblem …

Nun hat die Gewerkschaft seit Jahren ihre Schwierigkeiten mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf das Urheberrecht. Wo früher die Fronten klar gezogen waren (hier die Gewerkschaft, dort die Verlage), herrscht heute Verwirrung. Da gibt es auf einmal das Internet und Nutzer, die selber publizieren, ihre Musik veröffentlichen, Videos hochladen können. Und Mitglieder, die zugleich Nutzer und Urheber sind.

… und liefert eine treffende Analyse, warum das Positionspapier untauglich ist.

da mir weiterhin daran gelegen ist, dass die Gewerkschaft, in der ich Mitglied bin, in der Tat zukunftsfähige Positionen zum Urheberrecht entwickelt.

Profit vs. Bürgerrechte

Im Tagesspiegel schreibt Matthias Spielkamp unter dem Titel Legal, illegal, digital über das Urheberrecht und Bürgerrechte in der digitalen Welt

Aber muss der Staat dafür sorgen, dass ein Geschäftsmodell, das jahrzehntelang für Milliardeneinnahmen sorgte, erhalten bleibt, egal wie die Welt sich verändert? Es gibt kein Recht auf Profit. Vor allem kann es nicht sein, dass der Staat Bürgerrechte einschränkt, um einer Branche zu helfen.

Das wäre der Fall, wenn sich die Urheberrechtsindustrien – nicht die Kreativen – mit ihren Forderungen durchsetzen, dass Bürger überwacht, ihre Laptops an Flughäfen nach „illegalen“ Musikstücken durchsucht werden und ihnen bei Verstößen gegen das Urheberrecht der Zugang zum Internet gesperrt wird. Das ist kein theoretisches Horrorkabinett, sondern genau das, was sich einige Rechteverwerter von der Politik erhoffen und was in Ländern wie Frankreich und Großbritannien zum Teil bereits Wirklichkeit ist.

Leistungsschutzrechte – wie geht das?

Leistungsschutzrechte sind dem Urheberrecht in mancher Hinsicht ähnliche Rechte (weshalb sie auch ‚Äûverwandte Schutzrechte‚Äú genannt werden). Anders als das Urheberrecht, das ein grundsätzlich personenbezogenes Recht ist, haben die meisten Leistungsschutzrechte jedoch einen unternehmensbezogenen, wettbewerbs- und vor allem investitionsschutzrechtlichen Charakter.

Auf iRights.info erklärt Dr. Till Kreutzer was sich hinter den Plänen eines Leistungsschutzrechts der Presseverlage verbirgt. Er erläutert:

Das Leistungsschutzrecht soll ermöglichen, von Aggregatoren wie Google Geld verlangen zu können. Das Urheberrecht hilft hier in der Tat nicht weiter. Die Nutzung von Snippets kann hiernach nicht untersagt werden, weil das Urheberrecht derart kleine Textschnipsel mangels ‚ÄûSchöpfungshöhe‚Äú nicht schützt. (…)

Es ist durchaus verständlich und legitim, dass die Presseverlage nach neuen Modellen suchen, ihre Geschäftsmodelle zu finanzieren und vor allem auch mit ihren aufwendigen Online-Angeboten Geld zu verdienen. Nicht nur, dass es ihnen zu gönnen ist, auch besteht am Fortbestand einer ausgewogenen Presselandschaft ein allgemeines Interesse.

Die Idee allerdings, sich Geschäftsmodelle über ein Leistungsschutzrecht durch den Gesetzgeber schaffen oder absichern zu lassen, ist schon im Grundsatz abwegig. Sie begegnet ‚Äì auch abseits konkreter Ausgestaltungsvorschläge für ein solches Recht ‚Äì prinzipiellen Bedenken. Nicht nur, dass damit ein bürokratisches Monster geschaffen würde, das im Zweifel nur zum Erfolg führt, wenn Nutzungshandlungen flächendeckend kontrolliert und abgerechnet werden (können).

Abschließend warnt er in dem Text, der zunächst in epd-Medien erschienen ist, vor den Plänen. Er schreibt:

Man sollte sich auch darüber bewusst sein, dass es eine rückwärtsgerichtete Entscheidung wäre. Denn selbst wenn man erreichen könnte, dass über das Leistungsschutzrecht die Geschäftsmodelle der traditionellen Verlagsbranche abgesichert werden könnten, würde man im gleichen Zuge der gerade aufkeimenden neuen ‚ÄûInformationslandschaft‚Äú Freiheiten entziehen, die sie dringend benötigt. Selbst wenn das Recht auch Bloggern oder etwa der Wikipedia zugute käme (was spräche hiergegen?) würde es sie eher behindern als ihnen nützen. Umso mehr gilt dies für diejenigen Dienste, die das Web als Informationsquelle und Ort des Meinungsaustauschs erst nutzbar machen. Und schließlich würden auch die Autoren hiervon nicht profitieren.

via

Matthias Spielkamp und der Heidelberger Appell

Der Appell schließt mit den Worten: „Die Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft ist ein zentrales Verfassungsgut. Verlieren wir sie, verlieren wir unsere Zukunft.“ In Äsops Fabel ruft der Schäferjunge um Hilfe vor dem Wolf, obwohl keine Gefahr droht. Als der Wolf tatsächlich kommt, um die Schafe zu reißen, eilt dem Jungen niemand zu Hilfe. Ob die Unterzeichner diese Fabel kennen? Bei Google Booksearch kann man sie nachlesen.

Im Perlentaucher befasst sich Matthias Spielkamp sehr lesenswert mit dem so genannten Heidelberger Appell und der großen Ahnungslosigkeit in Sachen Urheberrecht in der digitalen Welt.

Downloadschlachten im Deutschlandradio

Der Umstand, dass zur Zeit viele Menschen Dinge tun, die das Urheberrecht nicht erlaubt, ist darauf zurückzuführen, dass zwischen der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung und der Rechtslage ein evidenter Widerspruch besteht. Für Teenager ist es völlig normal, sich aus dem Internet Musik runterzuladen und die da zu tauschen.

Im Deutschlandfunk hat der Urheberrechts-Experte und irights-Redakteur Till Kreutzer ein sehr interessantes Interview über die „Downloadschlachten der Zukunft“ gegeben. Es geht um eBooks und Urheberrecht in der digitalen Welt. Das Gespräch stammt aus der Sendung Kultur heute vom 10.1.. Die Fragen stellt Burkhard Müller-Ulrich, der im Herbst die Google-Buchsuche kommentierte.

Das Urheberrecht der Informationsgesellschaft anpassen

Es geht weder um eine Kapitulation des Rechtsstaates noch um eine Abschaffung des Urheberrechts. Es geht darum, das Urheberrecht an die Informationsgesellschaft anzupassen, und dabei Strukturen zu schaffen, die funktionieren und Einkünfte generieren, ohne Massenkriminalisierung der Bevölkerung. Was unser Urheberrecht zudem dringend braucht, ist ein neuer Interessensausgleich. Im Übrigen scheint es mir mittlerweile erwiesen zu sein, dass Massen-Drohungen und Strafanzeigen gegen Privatpersonen weder zum gewünschten Schutz noch zu einem gestärkten (Un-)Rechtsbewusstsein führen. So gibt es keinerlei Beleg dafür, dass solche Maßnahmen der Musikindustrie zu einem Rückgang der Aktivitäten in Tauschbörsen geführt hätten. Der Imageverlust der Branche ist hingegen gravierend.

Auf der Literaturseite der morgigen SZ kommt Till Kreutzer zu Wort, der Rechtsanwalt, Urheberrechts-Experte und iRights-Redakteur, dessen Dissertation mit dem Titel „Das Modell des deutschen Urheberrechts und Regelungsalternativen“ gerade erschienen ist.