Alle Artikel mit dem Schlagwort “sueddeutsche

Was macht eigentlich ein Chefredakteur?

Chefredakteure sind meist nicht so einflussreich, wie dies ihre Untergebenen glauben, sie sind praktisch nie so wichtig, wie sie sich selbst nehmen und sie wollen selten die Welt oder auch nur die Zeitung so verändern, wie ihnen das gerne von Lesern oder Zuschauern unterstellt wird. Ihr symbolischer Wert allerdings ist hoch, zumal in Zeiten in denen die Neubesetzung oder Bestätigung einer Chefredaktion ansteht.

Ein Chefredakteur verkörpert „sein“ Medium, weswegen jene, die ihn (leider noch viel zu selten: sie) berufen können, sonderbare Kapriolen schlagen, wenn sie befürchten der Neue könne in Botmäßigkeit, Auftreten, Einstellung oder sonstigen schwer zu messenden Kriterien nicht dem entsprechen, was „man“ sich heimlich oder unheimlich von ihm erwartet.

Kurt Kister kommentiert in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung den Fall Brender – und erläutert lesenswert die Aufgaben eines Chefredakteurs.

… als habe die Wirtschaftskrise gar nichts zu tun mit der FDP und ihren Lehren

Guido Westerwelle ist ein Phänomen, ein personifiziertes Paradoxon. Er hat es geschafft, eine neoliberale Partei nach dem Zusammenbruch des Neoliberalismus zum großen Wahlsieger zu machen. Ausgerechnet nach der globalen Entlarvung des Marktradikalismus gelang ihm, was ihm vor dessen Entlarvung nicht gelungen ist. Dieser Wahlsieg ist Westerwelle mit einfachsten Mitteln geglückt. Er hat im Wahlkampf nur das gesagt, was er immer gesagt hat: „Mehr Markt“ und „weniger Steuern“. (…) Er hat sich nicht irritieren lassen vom Bankencrash; und er hat so getan, als habe die Wirtschaftskrise gar nichts zu tun mit der FDP und ihren Lehren. Westerwelle ist schlicht bei seinen Kernaussagen geblieben. Viele Wähler haben das offenbar als die freidemokratische Ausprägung der Nachhaltigkeit goutiert.

Gelb-Gelb-Schwarz ist der Kommentar von Heribert Prantl aus der heutigen SZ überschrieben. Diese Einordnung der gestrigen Ergebnisse und die Berichterstattung über die Wahl auf den ersten vier Seiten zeigen übrigens, warum es Zeitungen braucht. Absolut lesenswert!

„Ohne Ball sind wir ein Desaster“

Großzügig und in vielen Sprachen verteilte Pep Guardiola Komplimente und Dankesworte, vergab den Titel „Fußballer des Jahres“ schon mal an Messi und strich Balsam auf die Wunden der gastgebenden Zuschauer aus Italien. Er wolle diesen Sieg Paolo Maldini widmen, erklärte Pep zur allgemeinen Verblüffung. „Es ist mir eine Ehre, gegen ihn gespielt zu haben. Paolo ist der beste Spieler der vergangenen 20 Jahre.“

Die Widmung zeitigte Wirkung – Maldini war bei seinem letzten Heimspiel für den AC Mailand von einigen Fans ausgepfiffen worden und hatte später die Klubleitung wegen mangelnder Solidarität kritisiert. „Wenn er noch ein Jahr dranhängen möchte, kann er sofort bei mir anfangen“, schmeichelte Pep, der Champion des melancholischen Charmes. Weitere Kostproben: „Wenn wir den Ball haben, sind wir wirklich nicht schlecht. Aber ohne Ball sind wir ein Desaster.“ – „Es ist einfacher zu gewinnen, wenn man gut spielt. Nichts ist risikoreicher als nichts riskieren zu wollen.“

Birgit Schönau schreibt in Der Erde enthoben in der heutigen SZ über den Finalsieg des FC Barcelona in der Champions League.

Das Urheberrecht der Informationsgesellschaft anpassen

Es geht weder um eine Kapitulation des Rechtsstaates noch um eine Abschaffung des Urheberrechts. Es geht darum, das Urheberrecht an die Informationsgesellschaft anzupassen, und dabei Strukturen zu schaffen, die funktionieren und Einkünfte generieren, ohne Massenkriminalisierung der Bevölkerung. Was unser Urheberrecht zudem dringend braucht, ist ein neuer Interessensausgleich. Im Übrigen scheint es mir mittlerweile erwiesen zu sein, dass Massen-Drohungen und Strafanzeigen gegen Privatpersonen weder zum gewünschten Schutz noch zu einem gestärkten (Un-)Rechtsbewusstsein führen. So gibt es keinerlei Beleg dafür, dass solche Maßnahmen der Musikindustrie zu einem Rückgang der Aktivitäten in Tauschbörsen geführt hätten. Der Imageverlust der Branche ist hingegen gravierend.

Auf der Literaturseite der morgigen SZ kommt Till Kreutzer zu Wort, der Rechtsanwalt, Urheberrechts-Experte und iRights-Redakteur, dessen Dissertation mit dem Titel „Das Modell des deutschen Urheberrechts und Regelungsalternativen“ gerade erschienen ist.

Grünes Flittchen

SZ: In Hamburg koalieren Sie mit der CDU, in Hessen hätten Sie mit der Linkspartei kooperiert. Sind die Grünen als erste im Fünf-Parteien-System angekommen oder sind sie das Flittchen der Politik?

Trittin: „Flittchen“ zeugt von einem männerfixierten Weltbild aus der Adenauerzeit, aber davon abgesehen: In den Koalitionsvereinbarungen in Hessen und Hamburg finden Sie erstaunliche Übereinstimmungen: Mehr Energieeffizienz, Ausstieg aus der Atomenergie, erneuerbare Energien, gerechteres Schulwesen, Rechte für Minderheiten. Sie finden eine grüne Handschrift, die sich identifizieren lässt. Wir vertreten in unterschiedlichen Konstellationen die gleichen Inhalte.

Jürgen Trittin spricht in der aktuellen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung über Koalitionsaussagen und irgendwie auch über Männer in der Politik.

Ohne meinen Bruder

Zwei Monate vergehen, dann antwortet Griechenland: Petrus Rifaat ist den Behörden nicht bekannt. Deutschland ist für seinen Asylantrag zuständig. Die Anfrage für seinen Bruder Ziyad Rifaat bleibt unbeantwortet. Wenige Tage später wird Ziyad abgeholt und nach Athen gebracht. Petrus bleibt in Deutschland ‚Äì obwohl beide Brüder auf exakt demselben Wege nach Deutschland gekommen sind.

Ohne meinen Bruder heißt die Geschichte, die Kollege Philipp Mattheis auf jetzt.de und in der SZ erzählt. Lesenswert!