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Heimat!

In der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung Die Welt erscheint heute ein Text (€-Blendle-Link) des SZ-Kollegen Heribert Prantl. Es ist dies ein Vorabdruck aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Populisten“.

In dem Text geht es um den physikalischen Ort „Heimat“. Was Prantl aber meint, kann man auch auf den virtuellen Ort „Heimat“ beziehen. Das Internet – davon bin ich weiterhin überzeugt – kann Menschen ebenfalls Heimat sein. Ihm kann deshalb die gleiche Brauchtumsförderung zustehen wie den Städten und Dörfern, die Menschen Heimat bieten.

Wir verfolgen die Idee, einen Heimatverein fürs Netz zu gründen weiter. Ende des Jahres wird es dazu weitere Informationen geben.

… als habe die Wirtschaftskrise gar nichts zu tun mit der FDP und ihren Lehren

Guido Westerwelle ist ein Phänomen, ein personifiziertes Paradoxon. Er hat es geschafft, eine neoliberale Partei nach dem Zusammenbruch des Neoliberalismus zum großen Wahlsieger zu machen. Ausgerechnet nach der globalen Entlarvung des Marktradikalismus gelang ihm, was ihm vor dessen Entlarvung nicht gelungen ist. Dieser Wahlsieg ist Westerwelle mit einfachsten Mitteln geglückt. Er hat im Wahlkampf nur das gesagt, was er immer gesagt hat: „Mehr Markt“ und „weniger Steuern“. (…) Er hat sich nicht irritieren lassen vom Bankencrash; und er hat so getan, als habe die Wirtschaftskrise gar nichts zu tun mit der FDP und ihren Lehren. Westerwelle ist schlicht bei seinen Kernaussagen geblieben. Viele Wähler haben das offenbar als die freidemokratische Ausprägung der Nachhaltigkeit goutiert.

Gelb-Gelb-Schwarz ist der Kommentar von Heribert Prantl aus der heutigen SZ überschrieben. Diese Einordnung der gestrigen Ergebnisse und die Berichterstattung über die Wahl auf den ersten vier Seiten zeigen übrigens, warum es Zeitungen braucht. Absolut lesenswert!

Prantl über Schuld und Schulden

Es ist ohnehin staunenswert ja verwunderlich, wie sehr die Menschen hierzulande noch die Nerven behalten, wie sie in der Krise jede weitere Zumutung ertragen und wie sie geduldig zusehen, wie die staatlichen Milliarden in die sogenannten Pakete gestopft werden, wie die torkelnden Landesbanken immer und immer wieder gestützt werden, wie eine „Hypo Real Estate“ sich als Fass ohne Boden erweist und wie der Staat, um die Finanzwirtschaft zu retten, sich in abenteuerliche Schulden und Risiken stürzt.

Das Merkwürdige dabei ist, und jetzt sind wir doch beim tieferen Sinn des Aschermittwochs, dass niemand sich Asche aufs Haupt streut – niemand in der Politik, niemand in der Wirtschaft. Niemand legt Rechenschaft ab, niemand übernimmt Verantwortung. Niemand will schuld daran sein, dass der Kapitalismus außer Rand und Band geriet. Am Beginn der großen Krise stehen womöglich Kapitalverbrechen im Wortsinn – aber die Fragen nach Verantwortung und Schuld stellt kaum jemand.

Der Vorteil des Podcastings ist, dass man zeitversetzt (vulgo: zeitsouverän) Beiträge hört, die man sonst gar nicht gehört hätte. So habe ich gerade den Kommentar „Derblecken“ in Wahlkampf-Zeiten entdeckt, den Heribert Prantl im Deutschlandradio anlässlich des Politischen Aschermittwochs gesprochen hat. Immer noch gut!

Heribert Prantl über die Zukunft der Zeitung

Die Tageszeitung muss sich, wird sich verändern – sehr viel mehr, als die Konkurrenz von Rundfunk und Fernsehen sie verändert hat. Der Inhalt der Zeitung wird ein anderer sein, als man es bisher gewohnt war, aber sie wird immer noch und erst recht Zeitung sein: Und die Texte, die dort stehen, werden Nachrichten im Ursinne sein – Texte zum Sich-danach-richten. Das gibt es nicht umsonst, das kostet. Mit einem Journalismus, der verdummt, kann man das nicht leisten. Ein Billigjournalismus ist ein Journalismus zum Wegwerfen, nicht zum Lesen. Wenn sich eine Zeitung an Anzeigenblättern orientiert, ist sie keine Zeitung mehr, sondern eben ein Anzeigenblatt.

Heribert Prantl befasst sich in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung mit Untergangs-Szenarien das Medium Zeitung betreffend, wiest daraufhin, dass die „bloße Beschwörung des Rieplschen Gesetzes“ nichts hilft. Stattdessen müsse sich die Zeitung neu ausrichten:

Die Zeit der Zeitungen als Generalanzeiger ist vorbei; es beginnt ihre Zeit als Generalschlüssel. Daran muss jeden Tag gefeilt werden, und dafür braucht es Leute, die das können und denen die Leser diese Fertigkeit zutrauen, gute Redakteure eben. Es kann dies eine neue, große Zeit der Zeitungen werden – weil sie befreit sind, weil sie nicht mehr ihre natürlichen Schwächen mit sich herumschleppen.

Notleidende Bürgerrechte

Ist Ihr unbeirrtes Festhalten am Wert der Freiheit nicht vergleichbar mit Schäubles Einsatz für die Sicherheit, nur am entgegengesetzten Pol?

Die Sicherheit ist in diesem Land nicht notleidend, sehr wohl aber sind es die Bürger- und Freiheitsrechte. Das Bundesverfassungsgericht ruft ja nicht ohne Grund ständig „Vorsicht“ und „Halt“ von Karlsruhe nach Berlin. Die herrschende Politik hat das Maß verloren.

Heribert Prantl muss sich in der Zeitschrift Das Parlament merkwürdige Fragen stellen lassen. Gibt aber sehr lesenswerte Antworten. (via)