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iRights-Lab: ein Interview mit Matthias Spielkamp

Mitte Oktober machte die Meldung die Runde: das Urheberrechtsportal iRights.info stellt sich neu auf. Die Gründung des iRights Lab wurde angekündigt: Matthias Spielkamp, Philipp Otto und Till Kreutzer (mit denen ich – Transparenzhinweis – persönlich bekannt bin) wollen mit diesem Think Tank den digitalen Wandel begleiten. Ich habe Matthias Spielkamp einige Fragen zum Start des Lab gemailt. Hier seine Antworten:

iRights.info ist seit Jahren eine bekannte Größe in urheberrechtlichen Fragen der digitalen Welt. Jetzt entsteht aus dem iRight-Umfeld ein Labor. Was wird in diesem Lab entwickelt?
Zentral sind drei Aufgabengebiete: angewandte Forschung, Beratung (inklusive Training) und Vermittlung. Das alles für Unternehmen, die öffentliche Hand, Wissenschaft, Politik, Verbände und nicht zuletzt die Kreativen selbst. Zu allen haben wir in den letzten Jahren sehr enge Kontakte aufbauen können.

Kern der iRights-Aktivitäten ist die Debatte ums Urheberrecht. Wird das auch im Bereich des Lab der zentrale Punkt bleiben?
Ja, es wird einer der Schwerpunkte bleiben. Es gibt derzeit so viel Bedarf an Dialog und Verständigung, vor allem zwischen Politik, Kreativen und Unternehmen, dass da ein sehr weites Feld zu beackern ist. So haben wir zum Beispiel auf der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Diskussion veranstaltet unter dem Titel „Verlag, Leser, Autor: Wer hat Angst wovor – und warum?“ Einige werden sich sicher gedacht haben: iRights und der Börsenverein? Wie passt das denn zusammen? Denn wir haben den Börsenverein ja tatsächlich oft hart kritisiert. Und wir werden das wahrscheinlich auch in Zukunft tun, da ich nicht annehme, dass er alle Forderungen aufgibt, die wir falsch finden, nur weil wir mal eine Podiumsdiskussion zusammen veranstaltet haben :-) Aber wir sind eben wirklich der Ansicht, dass mehr miteinander geredet werden muss, nicht immer nur gegeneinander, damit sich etwas zum Besseren ändern kann.

Aber es gibt natürlich auch konkreten Forschungs- und Beratungsbedarf, ebenfalls wieder bei allen Beteiligten: Welche Rechte muss ich haben, um als Fernsehsender, als Stiftung, als Ministerium Inhalte in Social Media nutzen zu können? Sollten Kunden das Recht haben, digitale Güter wie MP3s oder E-Books weiter zu verkaufen? Wie sollte ein Urhebervertragsrecht aussehen, das wirklich die Rechte der Urheber stärkt? Das ist nur ein winziger Ausschnitt der Fragen, die wir schon bearbeiten oder bearbeiten möchten, oder um die wir uns in der Vergangenheit als Individuen gekümmert haben, weil es unter dem Dach von iRights.info nicht ging. Beim Lab geht es.

Ich möchte aber ergänzen, dass wir bereits in den vergangenen Jahren den Fokus auch bei iRights.info ausgeweitet haben. Dort geht es zwar weiter in erster Linie ums Urheberrecht, aber auch immer öfter um Persönlichkeitsrechte, etwa in Social Networks, um Datenschutz und ähnliches. Zum Beispiel starten wir am 31. Oktober ein neues Portal, iRights CLOUD, das Bürgerinnen und Bürger dabei helfen soll, sich beim
Cloud-Computing zurecht zu finden. Das wird vom Verbraucherschutzministerium finanziert und getragen vom gemeinnützigen iRights e.V., wo auch iRights.info weiterhin angesiedelt ist. Aber es zeigt die Bandbreite dessen, was wir tun. Und die ist beim Lab noch erheblich größer.

In welchem Zusammenhang steht das iRights-Lab zur IGEL-Initiative?
Zwei der Partner des Labs, Philipp Otto und Till Kreutzer, haben IGEL aufgebaut und stark gemacht. Das ist sozusagen ihr gesellschaftliches Engagement, weil sie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage für eine ganz dumme Idee halten. (Ich übrigens auch.) Aber das Lab als Firma ist kein Unterstützer der IGEL.

Wer soll das iRights-Lab nutzen?
Wie oben beschrieben: Wir arbeiten mit allen Akteuren zusammen, die Bedarf haben. Das können Verbände sein, Parteien, Unternehmen, die beispielsweise prüfen möchten, ob eine bestimmte politische Forderung gesellschaftlich sinnvoll, ökonomisch tragfähig und rechtlich machbar ist. Es können aber auch Institutionen sein, die konkret wissen wollen, wie sie mit dem digitalen Wandel umgehen können. Vergangene Woche haben wir in Berlin eine internationale Konferenz veranstaltet zu der Frage, wie so genannte Gedächtnisorganisationen – also Museen, Archive, Bibliotheken – ihre Bestände in der digitalen Welt sichern, aber auch so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen können. Da waren unsere Partner das Jüdische Museum, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wikimedia, die Open Knowledge Foundation und das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory; Sponsoren waren drei kommerzielle Anbieter von Speicherlösungen. Ich denke, das zeigt die Bandbreite.

Digitales Change-Management gilt als eine der großen Herausforderungen der Zukunft – in zahlreichen Branchen. Werdet Ihr jetzt eine Beratungs-Agentur?
Das iRights.Lab ist eine Beratungs-Agentur! Im Ernst: Wir haben das Lab gegründet, weil wir Dinge tun möchten, die wir unter dem Dach von iRights.info nicht tun können. Die Frage ist womöglich so gemeint, ob sich iRights.info zu einer Beratungsagentur wandelt. Und das wird nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Wir haben das Lab ins Leben gerufen, weil wir die Tätigkeitsfelder nicht vermischen wollen. Denn iRights.info wird weiterhin eine unabhängige Informationsplattform zu Fragen des Urheberrechts – und vermehrt auch anderen Rechtsgebieten – in der digitalen Welt sein.

Aber um es nochmal deutlich zu machen: Wir sind viel mehr als eine Beratungsagentur. Wir haben uns für die Bezeichnung Think Tank entschieden, obwohl ich Bauchschmerzen damit habe. Ich bin erstens kein Freund von Anglizismen, zum anderen gibt es viele US-Think-Tanks mit dem Ruf, alles zu untermauern, was der Auftraggeber gerne will. Aber es gibt keinen treffenden deutschen Begriff, der unter einen Hut bringt, was wir tun: beraten, informieren und vermitteln, forschen (indem wir Whitepapers und Gutachten erstellen), weiterbilden. Daher passte weder Agentur noch Forschungsinstitut. Und dass wir eine Haltung haben und niemandem nach dem Mund reden, haben wir in der Vergangeheit oft genug unter Beweis gestellt, denke ich.

Eine der ersten Veranstaltungen findet Anfang Dezember in Dresden statt und beschäftigt sich mit der Zeitungskrise. Gemeinsam mit Lorenz Matzat stellst Du dabei Fragen wie: Wie verändert das Netz die Rolle der Printmedien? Welche Antwort werdet Ihr darauf geben?
Nur, damit kein Missverständnis entsteht: Das ist eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung, zu der Lorenz und ich eingeladen sind, keine Lab-Veranstaltung. Meine Antwort wird zum einen sein, dass man versuchen sollte, sich einmal mit Distanz anzuschauen, dass das Netz die Print-Welt bereits völlig auf den Kopf gestellt hat. Ich habe von 1993 bis 1994 an der University of Colorado in Boulder Journalismus studiert. Boulder ist zwar klein, aber da das Wetter dort immer so toll ist und die Rocky Mountains vor der Haustür liegen, haben viele Unternehmen dort ihre Forschungseinrichtungen. Eins davon war das Knight Ridder Information Design Laboratory. Knight Ridder war einer der Zeitungsverlags-Giganten in den USA, die Nummer zwei mit Titeln wie The Miami Herald, The Philadelphia Inquirer und den San Jose Mercury News. Der Leiter des Labs, Roger Fidler, hat uns damals bei einem Besuch die „Zeitung der Zukunft“ gezeigt. Das war ein Stück Holz mit einem aufgemalten Bildschirm, und wie das Ding funktionieren sollte, hat er uns dann an einem Computerbildschirm gezeigt – im Ernst! Aber was er uns vorgeführt und erklärt hat, war das Design für ein Tablet, das Apples iPad schon sehr nahe war, mit vielen der Funktionen, die für uns heute selbstverständlich sind.

Fidler selber hat gesagt, es würde nur noch zwei, drei Jahre dauern, bis das Ding auf den Markt kommt, vor allem die Entwicklungen der „elektronischen Tinte“-Bildschirme am MIT ließe hoffen. Nun ja – es hat dann doch noch mehr als 15 Jahre gedauert, bis es so weit war, wenn man das iPad als erstes tatsächlich erfolgreiches Tablet als Maßstab nimmt. Aber darauf will ich hinaus: Wir neigen bekanntlich dazu, die
Veränderungen, die in den kommenden Monaten bis drei Jahren passieren werden, sehr zu überschätzen, die Veränderungen in zehn Jahren dagegen zu unterschätzen. Genau das ist eingetreten. Tablets sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und die Huffington Post lässt in der Zahl der Interaktionen über Social Media die New York Times und die BBC abgeschlagen hinter sich – und Knight Ridder ist nur deshalb nicht pleite, weil die Zeitungsgruppe von einem anderen Konzern gekauft wurde. Was für eine unglaubliche, unvorstellbare Welt aus der Perspektive von 1993!

Meine Antwort wird also sein, dass es nötig ist sich vorzustellen, was Leser in der Zukunft unter Nachrichten und Journalismus verstehen werden, und wo sie ihn lesen, hören, anschauen, mit ihm interagieren, ihn weiter verbreiten wollen. Und dann zu versuchen, dafür Modelle zu entwickeln. Statt sich zu überlegen, was man als Verlag, Radio- oder Fernsehsender will. Denn das ist den Lesern ziemlich egal.

Ist das iRights-Lab selber womöglich eine Antwort auf die veränderte Rolle des Journalismus im digitalen Zeitalter? Immerhin bist Du selber als Journalist tätig und erweiterst nun hier Dein Betätigungsfeld. Ist das Zufall oder werden sich alle Journalisten künftig breite Tätigkeitsfelder suchen müssen?
Das iRights.Lab ist in verschiedene Labs aufgeteilt, um die Bandbreite unserer Aktivitäten deutlich zu machen. Eins davon ist das Lab Journalismus, das ich leite. Dort geht es um die Fragen, die ich eben gestellt habe. Aber dort wird kein Journalismus gemacht; der findet weiter bei iRights.info statt – und demnächst in unserem eigenen Verlag (Cliffhanger!).

Aber die Antwortet lautet trotzdem: Ja. Denn ich habe bereits in den vergangenen zehn Jahren meine Tätigkeitsfelder erweitert. Zusätzlich zum Journalismus arbeite ich seit 1999 als Dozent und Trainer in der Journalistenfortbildung, habe 2003 angefangen zu bloggen, 2004 dann iRights.info mitgegründet, halte Vorträge, moderiere Veranstaltungen und berate auch Unternehmen und Institutionen. Wenn ich heute als journalistisch arbeite, dann entweder für mein eigenes Unternehmen bzw. unsere eigene Plattform, oder weil ich gefragt werde – wie etwa bei meiner monatlichen Kolumne für DRadio Wissen.

Mit iRights.info machen wir im Grunde seit acht Jahren das, was heutzutage auf jeder zweiten Journalismus-Konferenzen als Zukunft der Branche gefeiert oder gefürchtet wird: unternehmerischen Journalismus (entrepreneurial journalism). Das heißt wir haben bei iRights.info von Anfang an auf einen Finanzierungsmix gesetzt: öffentliches Geld, Förderung durch Stiftungen und Sponsoren, Content Syndication, also Weiterverkauf von Inhalten, Konferenz-Organisation – und nicht zuletzt Quersubventionierung durch alle Beteiligten. Früher hätte man diesen letzten Aspekt Selbstausbeutung genannt, aber man kann es in der Tat und ohne Ironie auch als Markenbildung sehen – also als Positionierung des eigenen Angebots und der eigenen Person, so dass man eben als Experte wahrgenommen wird, andere Honorare verlangen kann und sich die Akquise spart. Oder eben gleich eigene Projekt entwickelt und verwirklicht.

Gewerkschaft und Urheberrecht

Zu der Frage wie eine Gewerkschaft mit den Veränderungen der Digitalisierung umgehen kann, soll und muss, kann man viel sagen. In den vergangenen Wochen ist auch eine Menge dazu veröffentlicht worden (ich selber habe dazu hier einen Beitrag in der SZ verfasst). Der Kollege Matthias Spielkamp veröffentlicht heute einen sehr langen aber lesenswerten Gastbeitrag von Andrea Kamphuis, die erläutert, warum sie zum 30. Oktober ihren Austritt aus der Gewerkschaft erklärt hat. Dabei gibt sie nebenbei einen Einblick in die erstaunliche Debatten-Kultur innerhalb der Gewerkschaft – und benennt als zentrale inhaltliche Schwäche des Positionspapiers:

Die Interessen und das Verhalten der sogenannten Nutzer werden behandelt, ohne dass auch nur ansatzweise die Erkenntnis aufscheint, dass jeder Urheber seinerseits Nutzer ist. Kein Werk entsteht im luftleeren Raum. „Jeder Schöpfer nutzt die Werke anderer, und insofern schadet jede Ausgestaltung des Urheberrechts oder der aus diesem abgeleiteten Schutzrechte, die den Zugriff auf Werke über das notwendige Mindestmaß hinaus beschneidet, potenziell der Erschaffung neuer Werke und dem Dialog zwischen den Werken bzw. ihren Autoren, gemeinhin Kultur genannt. Mir fällt auf, dass der Ausdruck ‚copy and paste’ fast immer negativ besetzt ist – auch im Positionspapier-Entwurf … Dabei ist ‚copy and paste’ auch ein unentbehrliches Werkzeug zur Qualitätssicherung/Fehlervermeidung, ohne das ich meine Übersetzungen und Lektorate nicht im Sinne meiner Auftraggeber erledigen könnte … Ein Urheber, der in diesem Sinne kopiert, trägt nicht zum Untergang des Abendlandes bei und bringt weder seine Geringschätzung anderer Urheber noch eine Freibiermentalität zum Ausdruck, er verrät auch nicht die Werte der Aufklärung, sondern nimmt seinen – auch gesellschaftlichen – Auftrag ernst.“

Erstaunlich daran ist nicht nur die Art und Weise wie verdi das Papier durchgesetzt hat. Erstaunlich ist vor allem, wie schnell der Zug an der Gewerkschaft vorbei gefahren ist. Es ist ja nicht so, dass andere parteipolitische Gruppierungen die Fragen genauso an sich vorbeiziehen lassen wie verdi das tut. Auch wenn Spiegel Online sie gerade beim Kentern beobachtet, es gibt die Piratenpartei, die Digitale Linke, umtriebige Liberale, Sozialdemokraten und Grüne. Überhaupt scheinen mir Bündnis90/Die Grünen in Sachen Netzpolitik am besten aufgestellt zu sein. Vielleicht kann sich Frank Bsirske dort ja mal inspirieren lassen, bevor sich noch mehr Menschen entscheiden wie Andrea Kamphuis.

ver.di und das Internet

Wie soll eine Gewerkschaft mit den Herausforderungen der Digitalisierung umgehen? Der Kollege Matthias Spielkamp hat in seiner dringend leseempfohlenen Antwort auf das Positionspapier des ver.di Bundesvorstands zum Thema Urheberrecht gezeigt, wie es nicht geht. Er beschreibt das Grundproblem …

Nun hat die Gewerkschaft seit Jahren ihre Schwierigkeiten mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf das Urheberrecht. Wo früher die Fronten klar gezogen waren (hier die Gewerkschaft, dort die Verlage), herrscht heute Verwirrung. Da gibt es auf einmal das Internet und Nutzer, die selber publizieren, ihre Musik veröffentlichen, Videos hochladen können. Und Mitglieder, die zugleich Nutzer und Urheber sind.

… und liefert eine treffende Analyse, warum das Positionspapier untauglich ist.

da mir weiterhin daran gelegen ist, dass die Gewerkschaft, in der ich Mitglied bin, in der Tat zukunftsfähige Positionen zum Urheberrecht entwickelt.

Vertreibung aus dem papierenen Paradies – der Augsburger Appell

Was uns aus der Reuß-Tirade gegen digitale Publikationsmedien entgegenschlägt, ist kaum verhüllte Technophobie. Stimmt es also, was die deutsche Branchenorganisation Bitkom sagt? Der digitale „generation gap“ verlaufe etwa entlang des 50sten Lebensjahres. Wer älter ist, durchlebte keine elektronische Sozialisierung, begreift Internet und Virtualität als Risiko und potenzielle Bedrohung akzeptierter Werte. (…)
Der Umbruch, vor dem Reuß und die anderen 1500 Unterzeichner solche panische Angst verspüren, ist tatsächlich tiefgreifender, als sich das die meisten von uns vorstellen können und wollen. Gerade beim „Wollen“ tun sich die neuen Maschinenstürmer um Roland Reuß (die alten warfen ihre Holzschuhe in Webstühle, um die industrielle Revolution aufzuhalten) beim Akzeptieren der digitalen Gegenwart schwer. Da draußen im Welt Weiten Web schwimmen alle Bücher, Musikstücke, Filme, Bilder herum, und niemand, auch kein Gesetzgeber, kann etwas dagegen tun. Die Vertreibung aus dem papierenen Paradies ist bereits in vollem Gang, die Idylle des elfenbeinernen Gebäudes aus Autor, Verlag und Rezipient liegt in Trümmern.

Fritz Effenberger setzt sich bei telepolis mit dem Heidelberger Appell auseinander und setzt dem einen Augsburger Appell entgegen:

Ich fordere daher die politischen Kräfte in unserem Land auf, nicht weiter über naive, da technisch unwirksame Verbote nachzudenken, sondern über die aktive Gestaltung des Urheberrechts in einer Zeit des technischen Umbruchs: Jeder Bürger kann sich heute via digitaler Weitergabe jedes Buch, jeden Film, jedes Musikstück besorgen, ohne dass dies technisch verhindert oder mitverfolgt werden kann. Die Gesetze müssen dieser Realität entsprechend reformiert werden, der Urheber muss die ihm zustehende Vergütung erhalten. Diese wird tatsächlich heute schon teilweise erhoben und ausgeschüttet: Geräte und Medien zur Herstellung von Kopien sind mit einer Abgabe belegt, die von den zuständigen Verwertungsgesellschaften an die Autoren, Komponisten, geistigen Schöpfer ausgeschüttet werden.

Drückerkolone und Bibliothek

Ihre Auffassungen zu Open Access, die ich in keinem Punkt teile, habe ich als einen mißglückten Appendix angesehen; zumal die Google-Problematik und Open Access kaum etwas miteinander zu tun haben. Ich hatte die naive Hoffnung, dass die Debatte vom ersten Teil des Aufrufs getragen würde.

Spätestens nachdem ich die Einlassungen von Uwe Jochum gelesen habe steht für mich fest, dass es sich um keinen läßlichen Anhang handelt. Diese zum Teil haarsträubenden, ‚ÄúIm Namen der Freiheit‚Äù vorgetragenen Vorstellungen kontaminieren den Heidelberger Appell insgesamt.

Der Hochmut, den Jochum als Freiheit der Wissenschaft zu verkaufen versucht, ist feudalistisch. Ich werde mich dazu noch ausführlicher äußern.

Matthias Spielkamp dokumentiert Peter Glasers Rückzug aus der Unterzeichnerliste des Heidelberger Appells. Außerdem hat er (Spielkamp) gemeinsam mit Florian Cramer eine Einordnung zu den Hintergründen und Missverständnissen hinter dem Appell veröffentlicht:

Entgegen den Darstellungen von Reuß und Jochum wurde die Bewegung hin zu Open Access nicht von anonymen Wissenschaftsorganisationen ins Leben gerufen, um ihnen vorzuschreiben, wie und wo sie zu publizieren haben. Im Gegenteil: die Wissenschaftler selber haben zu Beginn bei ihren Organisationen für Open Access werben müssen, darunter Spitzenvertreter ihres Fachs wie der Mathematiker Donald Knuth, der Medizin-Nobelpreisträger Harold Varmus und der Linguist Stevan Harnad. Nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der Zugang zu – vor allem: naturwissenschaftlichen – Informationen immer weniger von Verlagskonzernen wie ReedElsevier oder Springer Wissenschaft abhängig ist.

In den Geisteswissenschaften herrscht eine andere Publikationstradition. Wenn Verleger wie KD Wolff mit großem persönlichen und finanziellen Einsatz Projekte wie Reuß‘ Kafka-Edition möglich machen, hat das mit dem Schröpfen der öffentlichen Hand nichts zu tun. In manchen Fällen ist es eher Mäzenatentum. Aber im „Heidelberger Appell“ werfen Wolff und viele andere Verleger Open Access in einen Topf mit Google Books, einem Projekt, bei dem ohne Zustimmung der Autoren Millionen Bücher gescannt und verwertet werden. Google Books hat aber mit Open Access etwa so viel zu tun wie eine Buchclub-Drückerkolonne mit einer öffentlichen Bibliothek.

Urheberrecht und Gratis-Kultur

Heidelberger Appell, Open-Access-Mißverständnisse und die Gratis-Kultur im Netz – es scheint an der Zeit, ein paar Bemerkungen zum Thema Gratis-Mentalität und Urheberrecht festzuhalten: Es begann mit dem so genannten Heidelberger Appell, in dem so renommierten Institutionen wie dem Wissenschaftsrat, der Leibniz-Gesellschaft und der DFG vorgeworfen wurde, „weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit“ zu propagieren. Matthias Spielkamp hat sehr lesenswert festgehalten, warum dieser Appell an der Sache vorbeigeht (und welche persönlichen Intentionen dahinter zu stecken scheinen). Dennoch bleiben – wie Kathrin Passig sehr richtig fragt – mindestens zwei Fragen: Einerseits die Verwunderung, warum derart viele eigentlich kluge Menschen, diesen Appell dennoch unterzeichneten und andererseits die Frage, wo man eigentlich auf Papier eine entsprechende Einordnung der appellierenden Ahnungslosigkeit lesen konnte?

Auf Papier konnte man am Wochenende unter dem Titel Das wollt ihr nicht wirklich einen Text von Marek Lieberberg lesen, der darin (vermutlich aus Wut über das böse und gemeine Internet) ein paar Begriffe durcheinander wirft. Auch er nimmt Bezug auf den Heidelberger Appell und wettert gegen eine vermeintliche „Open Access-Ideologie“. Infobib rät daraufhin: „Herr Lieberberg, benutzen Sie doch bitte nur Begriffe, deren Bedeutung Sie kennen. Durch solch hanebüchenen Blödsinn verliert eine Zeitung insgesamt an Glaubwürdigkeit.“ Robin Meyer-Lucht ergänzt: „Um gleich noch alle im Netz zu beleidigen, die nicht eindeutig zur klassischen Kulturindustrie gehören, bezeichnet Lieberberg anschließend Blogger als ‚ÄúHeerscharen von Narzissen‚Äù (er meint natürlich Narzissten) und ‚ÄúWeb-Zombies‚Äù, die ‚Äúmit Intoleranz, Borniertheit und Vorurteilen eine Hausmeistershow mit ganz schneller Meinung‚Äù verbreiten.“

Zum dritten gibt es in der ORF-Futurezone heute ein Interview mit Geert Lovink, das dieser erstaunlicherweise bereits am Freitag auf seiner Website veröffentlicht hat. Darin schimpft dieser auf Creative Commons und versucht seine Kritik mit „ideologischen Gründen“ zu untermauern: „Der Punkt ist, dass Creative Commons von Leuten, die sich professionalisieren und mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen, nichts wissen will. Es geht in den kreativen Industrien auch um die Erschaffung von neuen Berufen. Creative Commons nimmt das nicht wahr, und das hat bestimmte ideologische Gründe.“ Dabei macht er eine gesichtslose „Programmiererklasse“ verantwortlich dafür, dass Inhalte im Netz frei sind.

Lovink glaubt nicht daran, dass man Inhalte im Netz technisch sichern könne. Er sieht aber doch Möglichkeiten, wie das Netz – trotz freier Inhalte – positive Ergebnisse hervorbringen kann:

Es geht mir keinesfalls um die Verteidigung der Unterhaltungsindustrie. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es dezentrale Modelle gibt, in denen die Leute, die etwas herstellen, dafür bezahlt werden. Wenn wir uns die Komplexität und die Genialität des Netzes ansehen und die Entwicklung, die das Netz in den vergangenen 20 Jahren genommen hat, halte ich es für machbar, dem einen wirtschaftlichen Faktor hinzuzufügen. Ich weiß aber auch, dass noch nicht viel in diese Richtung hinweist.

Lovink macht die Computerindustrie dafür verantwortlich, dass Diskussionen über solche neuen Modelle nicht geführt werden. Schaut man sich die Veröffentlichunen der letzten Tage an, muss man jedoch feststellen, dass offenbar auch die Urheber und Medien dabei keine besonders innovativen Ideen formulieren. In seinem lesenswerten Artikel gegen die Mär von der Generation kostenlos unterstreicht Marcel Weiss dies mit Blick auf einen anderen Umstand:

Journalisten, die nichts vom Internet oder ihrer eigenen Situation darin (oder ökonomischen Grundlagen allgemein) verstehen, beeinflussen den öffentlichen Diskurs, auf dessen Grundlage Politiker mit genauso wenig Sachverstand und unter zusätzlicher Bearbeitung von Lobbyisten eine immer weltfremdere, von der eigenen Bevölkerung entfernte Gesetzgebung betreiben. (…) Es erscheint kurzfristig einfacher, gegen die eigenen Kunden zu wettern und so laut zu lamentieren, dass man hofft, die Politiker mögen mit schärferen Gesetzen zu Hilfe kommen, damit alles so bleibt wie es ist .

Mit dieser Haltung werde, so Weiss, langfristig der (digitale) Graben noch vertieft. Deshalb kritisiert er die vorherrschende Form der Schuldzuweisung:

Statt darüber nachzudenken, warum die kostenpflichtigen Archive und Nachrichtenangebote aufgegeben wurden, statt darüber nachzudenken, was man anbieten kann, wofür Menschen bezahlen wollen , statt die neue Welt zu betrachten und zu schauen, wo man seinen Platz darin finden kann, wird eine diffuse Schuldzuweisung formuliert.

Matthias Spielkamp und der Heidelberger Appell

Der Appell schließt mit den Worten: „Die Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft ist ein zentrales Verfassungsgut. Verlieren wir sie, verlieren wir unsere Zukunft.“ In Äsops Fabel ruft der Schäferjunge um Hilfe vor dem Wolf, obwohl keine Gefahr droht. Als der Wolf tatsächlich kommt, um die Schafe zu reißen, eilt dem Jungen niemand zu Hilfe. Ob die Unterzeichner diese Fabel kennen? Bei Google Booksearch kann man sie nachlesen.

Im Perlentaucher befasst sich Matthias Spielkamp sehr lesenswert mit dem so genannten Heidelberger Appell und der großen Ahnungslosigkeit in Sachen Urheberrecht in der digitalen Welt.