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Fünf Fitness-Übungen für Demokratie 💪 (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wissen Sie was mit einem Muskel passiert, wenn er unter Belastung gerät?
Er wächst. 💪
Wissen Sie was mit der Demokratie passiert, wenn sie unter Belastung gerät?
Das hängt von Ihrer Reaktion ab.

Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.

Ich will mich nicht denjenigen anschließen, die aus den rechtspopulistischen Entwicklungen weltweit den Schluss ziehen, die Demokratie sei in Gefahr. Ich will nicht denen folgen, die – wie exemplarisch Gert Heidenreich in der Außenansicht in der SZ – zu Intoleranz auffordern, um die Demokratie zu schützen. Ich halte diese Aufrufe – auch wenn sie aus bester Absicht geschehen – für grundfalsch: Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.

Was wir gerade erleben, ist eine Herausforderung für die Demokratie: kein Anzeichen für den Untergang, sondern die Möglichkeit zu wachsen. Wer unter sportlicher Belastung zu schwitzen beginnt, ist dadurch ja auch nicht automatisch in Gefahr – womöglich ist es vor allem das: Training. (dass die trainierenden Menschen auf diesem Unsplash-Bild von Quino Al in einem Boot sitzen, ist übrigens ein Wink mit dem Zaunpfahl – siehe dazu „Aber“ von Eko Fresh)

Ich würde mir wünschen, dass wir mit einem Training für unsere demokratischen Fähigkeiten beginnen: Mit einem Prozess, der uns in die Lage versetzt, demokratisch fitter zu werden. So wie ein regelmäßiges Lauftraining die Ausdauer steigert, brauchen wir Übungen in Demokratie, die uns offener, toleranter und pluraler machen. Das ist anstrengend und fordernd, aber es ist nicht: der Untergang! Denn das beste Mittel um die Demokratie zu stäkren, ist demokratisches Verhalten: eine Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie und das Bekenntnis zu mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit!

Natürlich: Man muss das Training gut dosieren. Und so wie übermäßiges Lauftraining auch schädlich sein kann, muss man auch beim Demokratie-Training das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper im Hinterkopf haben. Es sollte aber niemanden daran hindern, überhaupt mit dem Training zu beginnen.

Deshalb habe ich fünf Übungen gesammelt, die mindestens ein guter Anfang sind. Denn: Damit kann jede und jeder bei sich beginnen:

💪 1. Es gibt mehr Meinungen als meine. Selbst wenn ich sie falsch finde: Es ist okay, dass es andere Meinungen gibt. Es ist nicht okay, wegen Meinungsdifferenzen persönlich angreifend zu werden. Streitkultur ist ein wichtiger Bestandteil demokratsicher Öffentlichkeiten. Wir müssen sie praktizieren und vielleicht sogar wie Aladin El-Mafaalani in diesem Interview als Teil der Leitkultur verstehen.

💪 2. Ich akzeptiere das Fremde und Andere, denn Demokratie lebt von Pluralität. Wir achten einander – und das Recht auf eine andere (auch falsche) Meinung. Egal wie dringlich das Thema ist, es gilt die Maxime: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ – auch in Bezug auf die eigene Meinung: Es ist stets auch die Freiheit ZUM Andersdenken

💪 3. Ich vermeide Verachtung. Egal wie doof die andere Meinung ist, ich erlaube mir nicht, deshalb die Anderen zu verachten. Man kann unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem die Gegenseite als Mensch akzeptieren – Arthur Brooks nennt dazu mehrere Ansätze („How To Disagree Better“), im Kern geht es ihm aber immer darum, Verachtung zu vermeiden.

💪 4. Ich versuche nicht zuerst die Andersdenken zu überzeugen, sondern sie zu verstehen. Selbst wenn ich ihre Argumente für falsch halte: Ich verlange von mir selber, dass ich diese Argumente kenne. Nur wenn ich die Meinungen der Gegenseite kenne, kann ich mich auch mit ihnen auseinander setzen. Gerade bei hoher Komplexität ist ein breites Meinungsspektrum wichtig, denn Diversität ist kein moralischer Maßstab, sondern die beste Methode komplexe Probleme zu lösen.

💪 5. Ich versuche, Menschen und Meinungen zu trennen – und suche einen sachlichen Austausch. Dabei leiten mich diese zehn Gebote der Logik. Denn der Versuch, alle Entwicklungen in einen Dualismus von Pro&Contra zu zwängen, führt manchmal zu eine so genannten „falsebalance“, was gerade bei wissenschaftlichen Fakten ein großes Problem sein kann.

Diese fünf Vorschläge sind ein Anfang. Ich freue mich auf Ergänzungen, die Übungen für die demokratische Fitness in diesem Land und in Europa sind. Denn ich glaube, dass das Fazit stimmt, das Naika Foroutan in diesem Interview mit dem Tagesspiegel zieht:

Die Menschen sind diesen Kulturpessimismus leid, sie sind es satt, agitiert zu werden. Die Hasswelle, die seit ein paar Jahren über uns hinwegrollt, durchschauen viele inzwischen. (…) Wir müssen Widerstand zeigen und ein klares Bekenntnis: Ja, wir wollen in einer pluralen Demokratie zusammenleben, die vom Gedanken der Einigkeit, des Rechts und der Gleichheit angetrieben wird. Ich denke, es gibt da gerade ein großes Momentum, man hört schon die ersten rufen: Auf, auf! Setzt euch in Bewegung! Es ist unser Land. Verteidigen wir es gemeinsam!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

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Shruggie des Monats: Die Özil-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext sowie das Stories-Format beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich bin Mesut Özil dankbar. Denn es gibt einen Aspekt an der gerade in aller Heftigkeit laufenden Debatte, den ich uneingeschränkt und ohne jegliche Abwägung und Einordnung dank Mesut Özil betonen kann: So einfach ist es nicht. Mit diesem Satz liegt man in nahezu jeglicher Debatte über den Nationalspieler nicht falsch. Und das ist schon ziemlich viel Wert: nicht völlig falsch zu liegen.

Denn die Özil-Debatte präsentiert in aller Anschaulichkeit eine der definierenden Grundeigenschaften zahlreicher gegenwärtiger Herausforderungen, die man ebenfalls mit dem Satz „So einfach ist das nicht“ zusammenfassen kann. Bei immer mehr Problemen sind die Abhängigkeiten und Verknüpfungen so unübersichtlich und komplex geworden, dass wir mit einfachen Antworten nicht mehr weiter kommen – auch und gerade nicht in der Özil-Debatte. Sie ist, wie der Kollege Friedemann Karig es sehr treffend auf den Punkt gebracht hat, eine (wie ich finde:) großangelegte Übung in „Ambiguitätstoleranz“

Wir müssen lernen, mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten umzugehen. Das drückt der Begriff Ambiguitätstoleranz aus – und die Özil-Debatte zwingt uns genau dazu. Denn sie ist voll von „Aber andererseits“-Argumenten, die es zu bedenken gilt, wenn man sich von den Verfechtern der einfachen Schuldzuweisungen distanzieren will. Das menschenfreundliche Schulterzucken des Shruggie ist für mich das perfekte Symbol für Ambiguitätstoleranz – und die aktuelle laufende Debatte um Mesut Özil eignet sich deshalb so gut für eine Übung genau darin, weil sie voll ist von Meinungen und Gewissheiten. Nahezu jeder Wortbeitrag zum Thema ist voll von festen Standpunkten und Ansichten. Aber fast kein Wortbeitrag bringt die Offenheit und die Toleranz auf, nachzufragen was ständiger Antrieb des Shruggie ist: Was, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Dieser Pluralismus ist Grundlage für ein weltoffenes, tolerantes Land und die Debatte um Mesut Özil erinnert uns alle daran, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als einfach nur recht zu haben: der Wettstreit der Ideen. Dafür einzutreten heißt eben auch, den Verdacht zuzulassen, dass die Gegenseite Recht haben könnte – oder schlimmer noch, dass mehrere Aspekte richtig sein könnte. (Foto: Unsplash/Ozan Safak)

Genau davon handelt die Haltung des Shruggie – und er hat sie diese Woche in einem Mehr Ratlosigkeit wagen überschriebenen Essay im Deutschlandfunk ausführlich dargelegt. Der Beitrag wurde an dem Tag veröffentlicht, an dem nachmittags viele tausend Menschen gegen Hetze und für eine menschenfreundliche Politik in München auf die Straße gegangen sind und an dem abends Mesut Özil seine III/III Stellungnahmen veröffentlichte.

Die CSU empfindet das Eintreten für eine menschliche Politik als Angriff auf ihre Vertreter*innen. Das klingt nicht nur entlarvend, es legt auch ein demokratisches Defizit offen: Die CSU hat sich ausführlich mit der #ausgehetzt-Demo befasst, sie hat dafür Plakate gedruckt und im Anschluss auch eine absonderliche #WirsindCSU-Kampagne gestartet, in der sie sich als Opfer von linker Hetze sieht. Ich frage mich, wieviel sinnvoller diese Energie investiert gewesen wäre, hätte ein CSU-Landtagsabgeordneter das getan, was die Vertreter*innen anderer Parteien bei der Demo am Sonntag auf dem Königsplatz getan haben: Fünf Minuten vor den Demonstranten zu sprechen. Für das demokratische Klima in diesem Land (und vermutlich sogar für die Wahlergebnisse der CSU) wäre ein solcher Auftritt sicher hilfreicher gewesen als die etwas merkwürdige Kampagne, die man jetzt zu starten versucht.

Denn Ambiguitätstoleranz zu praktizieren, heißt ja nicht nur festzustellen, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Es heißt auch, auszuhalten, dass es Widerspruch gibt – von der Bühne und vor der Bühne. Meiner Meinung nach müssen wir hier allesamt noch etwas üben. Mesut Özil hat das sehr eindrücklich offen gelegt.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

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„München – Stadt in Angst“ – was tun gegen die Panik?

Heute ist es zwei Jahre her, dass sich in München ein terroristischer Anschlag ereignete. Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun zumeist junge Menschen mit Migrationshintergrund. Zum Jahrestag des Verbrechens strahlt der Bayerische Rundfunk den Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“ von Stefan Eberlein aus (hier in der Mediathek ansehen).

Der Täter, aber vor allem die Opfer spielen in dem Film keine Rolle. „Stadt in Angst“ (was übrigens auch ein Filmtitel ist) dokumentiert vor allem die Panik, die sich im Anschluss an das Verbrechen in der Stadt ausbreitete: Wie kam es zu der Hysterie? Welche Wahrnehmungen lösten die Massenpanik aus? Welche Rolle spielen Polizei und Rettungskräfte?

Die Dokumentation, die daraus entstanden ist, ist extrem spannend. Sie lässt ein Bild entstehen, zoomt heraus und blickt mit Distanz auf das Geschehen. Leider spart der Film eine Frage aus, die sich nach dem Betrachten der Bild nahezu aufdrängt: Was kann man gegen die Panik tun? Wie kann man sich wappnen für einen neuen Hysterie-Fall? Welche Möglichkeiten hat jede/jeder Einzelne, um sich künftig einer Massenpanik zu widersetzen?

Ich habe darauf keine Antwort, ich sehe in dem Film allerdings mit Bewunderung einen älteren Mann, der davon berichtet wie er sich an dem Abend in aller Ruhe durch München bewegte. Er war im Kino und wollte im Anschluss mit seiner Frau, die in der Stadt beim Einkaufen war, zum Abendessen. Aufgrund der „Vollalarmierung“ in der Innenstadt war diese jedoch in einem Kaufhaus am Marienplatz eingesperrt. Er kam nicht rein, sie durfte nicht raus.
Der Mann schildert die Geschehnisse mit einer großen Gelassenheit (ca 55 Min). Ich habe mich lange gefragt, woher seine Ruhe kam – und habe nur eine Erklärung: Der Mann hat an dem Abend kaum Medien konsumiert. Offenbar hat er keine beängstigenden WhatsApp-Nachrichten erhalten und TV-Nachrichten hat er auch nicht anschauen können.

Denn: Das mediale Echo des Geschehens hat erst für den Nachhall der Panik gesorgt. Der BR-Reporter Martin Breitkopf, der an dem Tag vom Bierfest am Odeonsplatz zum Vor-Ort-Reporter am OEZ wurde, bringt es in der Sendung auf den Punkt (ca 62 Min): „Im Prinzip haben wir ja selber Terror gemacht. Alle miteinander haben wir Terror gemacht. Die Leute, die bei Facebook gepostet haben, wir die Medien, die Terror verbreitet haben. Die Polizei in gewisserweise auch, die nicht gesagt hat: Nein, es ist kein Terror. Aber klar, das Wort ist gefährlich und hat vielleicht die ganze Hysterie ausgelöst.“

Ich finde es ist an der Zeit, der Frage nachzugehen, wie die Gesellschaft mit diesen Situationen umgehen kann. Dazu zählt einerseits die Frage der klassischen medialen Berichterstattung, die nicht selten, im Sinne der Terroristen agiert (Braucht es eine Selbstverpflichtung gegen den Terror?). Es ist andererseits aber auch die Frage, wie man aufhört, auf soziale Medien zu schmipfen und beginnt, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Bis uns was Besseres einfällt, verweise ich auf das kleine Projekt, das Heiko und Manuel ins Netz gebracht haben: Der Hashtag und die sieben Regeln #gegendiepanik

Kann es (noch) besser werden? (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit einer kleinen Weile gibt es in den ICE-Zügen der Deutschen Bahn kabelloses Internet. WIFIonICE nennt die Bahn das. Das ist schön. Außer dem WLAN gibt es aber noch etwas, was unsichtbar in der Luft liegt, wenn man einen Zug betritt. Man findet diese besondere Stimmung nicht nur in den schnellen ICE-Zügen, auch Regional- und manchmal sogar U-Bahnen sind betroffen. Das ist nicht so schön wie das WLAN. Es handelt sich um ein grundlegendes Grummeln, ein nörgelndes Nicht-Einverstanden sein, das man als „Schlechte Laune auf Eis“ beschreiben könnte. Es geht um die Haltung vieler Reisender jedes Ereignis auf der Fahrt als Ausweis für die Unfähigkeit der Bahn zu interpretieren. Egal, was passiert, es gibt nur eine Reaktion: „Typisch!“ Und das ist nicht nett gemeint.

Natürlich sind unter den vielen tausenden Bahnreisenden jeden Tag auch welche, die fröhlich gestimmt sind, optimistisch den Blick auf die Dinge richten, die funktionieren und höflich und nett bleiben im Austausch mit dem Personal. Sie sind aber erstens entschiedend leiser als die Typisch-Fahrer*innen und zweitens ist ihre Meinung bei weitem nicht so anschlussfähig wie das breite Bahn-Nörgeln, das einem stets zustimmendes Nicken nicht nur im Abteil garantiert.

Es gibt eine zweite Sache in diesem Land, die mit einem vergleichbaren Vorurteil zu kämpfen hat wie die Bahn: die Zukunft. Genau wie der Zugverkehr ist auch bei der Zukunft niemand offensiv dagegen (wie auch), aber einverstanden ist man dennoch nicht. Zukunft ist zu einer reiner Sonntagsreden-Floskel geworden, deren Gestaltung kaum Alltags-Antrieb ist. Dass jemand lauthals sagt, dass er die Zukunft gut findet, weil er glaubt, dass die Welt dann besser sein wird, hört man in diesem Land genauso selten wie man im Zug ein Lob auf die Bahn hört.

Ich glaube diesem Zukunfts-Zaudern liegt ein Mangel an innovativem Denken zugrunde.
„Die Fähigkeit, die Welt, so wie sie ist, zu verbessern und vieles in ihr ,neu zu erfinden'“, schreibt Wolf Lotter in seinem Buch „Innovation“, „ist eine zentrale kulturelle Leistung, vielleicht die wichtigste von allen.“ Der Brandeins-Autor spricht in seinem lesenswerten Buch von „barrierfreiem Denken“ und definiert Innovation als, „den berechtigten Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Der Beweis, dass die Zukunft existiert.“

Anders formuliert: Wer innovatives Denken lernen möchte, muss die Fähigkeit trainieren, Zukunft als gestaltbaren Raum zu denken. Das Morgen und Übermorgen ist nicht schicksalhaft vorherbestimmt, es kann durch unser Zutun verändert, ja, verbessert werden.

Glauben Sie daran? Engagieren Sie sich dafür? Oder finden wir nicht allesamt immer wieder Entschuldigungen, warum es sich am Ende dann doch nicht lohnt? Warum erlauben wir uns so selten die Hoffnung darauf, dass unser Mit- und Zutun Einfluss auf die Zukunft hat?

Ich habe die Befürchtung, dass dies unter anderem daran liegt, dass der Referenzrahmen relevanter Entscheidungsträger*innen in diesem Land eben nicht das Heute oder Morgen ist, sondern das Gestern. Denn gestern waren die Dinge besser – so sehen sie es jedenfalls häufig. Hoffnung heißt für sie vor allem: den Status-Quo zu verteidigen. Das ist ein ehrenvoller Antrieb, aber eben ein anderer als jener, der Menschen vor einer Generation inspirierte, die sich auf das Ziel konzentrierten: Meine Kinder sollen es mal besser haben.

Ob man die kulturelle Leistung der Innovation erbringen kann, ist also weniger eine Frage der Übung als eine Frage der Perspektive, die man auf die Welt wirft. Wenn man so will, handelt „Das Pragmatismus-Prinzip“ von nichts anderem als von dem Versuch, innovatives Denken immer wieder und immer wieder neu anzuwenden. In dem Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie der Wechsel der Perspektive uns dabei helfen kann. Diesen Perspektiv-Wechsel haben Yannic Hannebohn und ich einzuleiten versucht, als wir vor ein paar Wochen das Crowdfunding für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ gestartet haben: Wir wollten ihn für zehn Jahre finanzieren!

Zehn Jahre!
Das klingt nach einer kleinen Ewigkeit, wenn man aber ins Jahr 2008 zurückdenkt, stellt man fest, wie nah zehn Jahre in Wahrheit sind. Das haben wir in dem Hashtag #10JahreZukunft zusammengefasst. Beides sollte den Blick öffnen auf die Zukunft als gestaltbaren Raum.

Ob das geklappt habe? Darüber kann man streiten: Yannic und ich haben das in der jüngsten Ausgabe des Podcasts getan. Wir haben gewettet, ob das Crowdfunding noch erfolgreich wird. Am Donnerstag dieser Woche endet es. Am Mittwoch nehmen wir eine Live-Folge in Berlin auf (20.6.,20:06 Uhr Gitschiner Straße 20 Berlin).

Vielleicht wird es die letzte Folge unseres kleinen Projekts.
Vielleicht aber auch nicht.

In jedem Fall ist das Projekt aktuell eine gute Übung in der positiven Antwort auf die Frage, die wie keine zweite innovatives Denken offenlegt:

Kann es (noch) besser werden?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Heimatverein Internet

Kann das weltumspannende Netz der Netze Heimat sein? Schon weit bevor die Bundesregierung ein Heimatministerium gründete, formulierte ich hier meine vorsichtige Antwort: Ja, man kann im Internet Zuhause sein!
Die vage Idee, einen Heimatverein zu gründen für Menschen, die Online als ihre Heimat finden, stieß auf erstaunlich positiven Zuspruch. Deshalb denke ich schon seit einer Weile mit eine paar Mitstreiter*innen darüber nach, wie man ein solches Projekt angehen kann, damit es mehr ist als eine schöne kleine Idee.

Das dauert alles etwas länger als geplant, aber es wird. Es wird ein ganz tolles Projekt. Das kann ich voller Überzeugung sagen, weil einige sehr tolle Leute weiter an der Idee mitdenken und wir schon ziemlich gute Ideen entwickelt haben. In der Umsetzung brauchen wir noch etwas Zeit und Geduld. Aber: Es wird!

Deshalb lohnt es sich, sich hier in den Newsletter für den Heimatverein Internet einzutragen. Und wer weitere Hintergründe erfahren möchte, kann dieses Essays aus der SZ lesen, in dem ich aufgeschrieben habe, „dass das Internet die Heimat einer Generation ist, die völlig selbstverständlich mit der Idee von Völkerverständigung und Verbindung aufwächst. Auf diese Weise aufs Internet und auf die dort entstandene Heimat zu schauen, eröffnet einen völlig neuen Blick auf die Debatte um eine vermeintlich so bedrohte Identität. Es macht den Kulturessentialisten die Deutungshoheit über die Begriffe Heimat und Identität streitig und dokumentiert eine Wertschätzung für die Ideen des freien Wissens, des Pluralismus und der Meinungsfreiheit.“

Wenn du diese Wertschätzung teilst, kannst Du Dich hier für den Newsletter zum Heimatverein Internet eintragen

loading: Grämsens „Requiem“ auf Vinyl

Grämsn kommt aus dem niederbayerischen Hengersberg – und das hört man auch. Er bezeichnet sich selber als Mundartrapper. Gerade ist sein Album „Requiem“ erschienen – dazu hat er jetzt auf Startnext ein Crowdfunding gestartet, um das Album auch auf Vinyl pressen zu lassen.

Grämsn (mit dem ich persönlich bekannt bin) hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machst du?
Ich betreibe ein kleines Independent-Label mit Veröffentlichungen aus dem Rap/HipHop-Bereich und Artverwandtes. Neben befreundeten Künstlern release ich dort auch meine eigene Musik und würde mein aktuelles Album neben der digitalen Veröffentlichung bei Spotify & Co. zusätzlich gerne auf Vinyl pressen lassen.

Warum machst du es (so)?
Weil sich mein Umfeld und ich jetzt so oft und ausgiebig über Crowdfunding und die Vor-, und Nachteile unterhalten haben, dass ich einfach neugierig bin, ob und wie das für mich als Künstler funktionieren kann. Nüchtern betrachtet könnte man natürlich sagen, dass es nichts anderes als eine Pre-Order ist – aber ich seh das etwas romantischer: Ich steh gerne mit meinen Fans und Freunden in Kontakt, bin in den sozialen Medien recht aktiv und jetzt haben wir für die nächsten 3 Monate eine gemeinsame Story. Ich denke, das wird spannend.

Wer soll sich dafür interessieren?
Das wird von Schritt zu Schritt spezieller: Musikfans im Allgemeinen, Fans von Rap-Musik im Besonderen, Interessierte an Dialekt-Rap im Speziellen und meine bisherigen Fans sowieso. Mit meinem Album „Requiem“ bin ich einen für mich ganz neuen Weg gegangen, hab viele neue Sachen probiert und wusste nicht, ob das alles überhaupt Sinn macht. Aber das bisherige Feedback von Freunden, alten Bekannten und neuen Fans ist sehr positiv und motivierend also kann’s so falsch nicht gewesen sein.

Wie geht es weiter?
Die Finanzierungsphase läuft bis Ende Juni und sollten die 3.000 Euro zusammen kommen, dann geht es danach direkt an’s Pressen der Vinyl. Wir haben uns drei verschiedene Pakete überlegt, das Deluxe-Bundle umfasst die Scheibe, Postkarten, Sticker und ein Shirt. Das alles muss natürlich mit vorbereitet werden, darauf und auf den Moment, wenn die Scheiben alle eintrudeln (würden) freue ich mich schon besonders.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass es Rap in so vielen verschiedenen Facetten gibt und die harte Variante, die jetzt überall in der Presse ist, nicht im geringsten die enorme Vielfalt wiedergibt, die unsere Szene und die HipHop-Kultur eigentlich ausmacht. Andere Genres teilen dieses Schicksal zwar hin und wieder, trotzdem würde ich mir für Rap im deutschsprachigen Raum oft etwas mehr Offenheit und Selbstverständlichkeit wünschen, ähnlich wie wir es in Frankreich und England sehen. Dann wäre man vielleicht auch als Dialektrapper irgendwann kein Exot mehr ;-)


>> Hier kann man Requiem auf Vinyl bestellen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Altland – eigentlich sollten wir online sein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Nur noch“ – zwei Worte stechen heraus aus dem angekündigten Abschied des Heftes Neon, der in diesem Monat beschlossen wurde. Am 18. Juni erscheint die letzte Ausgabe des Magazins, das vor 15 Jahren von Menschen gegründet wurde, mit denen ich persönlich gut bekannt bin. Erfahren habe ich das aus einem Text, der die beide Worte in der Überschrift trägt: „NEON erscheint ab Sommer nur noch digital“ steht über dem offenen Brief der Chefredakteurin, der auf der Website stern.de veröffentlicht wurde – im April 2018.

Ich habe dieses „nur noch“ selber schon einmal in einem sehr vergleichbaren Zusammenhang gehört. Die damals verantwortlichen Geschäftsführer der SZ sagten „nur noch“ als sie das gedruckte jetzt-Magazin einstellten und uns online weitermachen ließen. Ich vedanke dem „nur noch online“ meinen Job – und in der Folge meine Haltung zur digitalen Welt. Es war eine Zeit weit vor Facebook und Twitter, in der online vielen Menschen tatsächlich als wertlose, kleine Schwester galt. Ich habe das damals schon nicht richtig verstanden, aber es ist 16 Jahre her – und wir fingen anschließend erst an zu verstehen, was online möglich ist.

Sechszehn Jahre!

Dass 16 Jahre später ausgerechnet im Umfeld von Neon die beiden Worte wieder auftauchen, schockiert mich fast mehr als der Inhalt der Meldung und das damit verbundene Schicksal der zum Teil sehr guten Kolleg*innen, die dort gearbeitet haben (und denen ich alles Gute wünsche). Ich habe mich vor 16 Jahre in diese vermeintlich wertlose, kleine Schwester verliebt – ich bin also keinesfalls objektiv, wenn ich die Meldung so lese: Die Chefredakteurin begründet das Aus für das Heft mit dem Worten „Die heute 20-Jährigen haben neue Lebensbegleiter gefunden“ und überschreibt diese Erklärung mit „nur noch digital“.
Auf Twitter würde man vermutlich den Hashtag #merksteselbst ergänzen… (Foto: Austin Chan/Unsplash)

Ich will mir kein Urteil über die Lebenswelt der heute 20-Jährigen erlauben, ich ahne aber, dass man lange suchen muss, um jemanden in diesem Alter zu finden, der oder die denkt: „Spotify ist schon okay, aber die Musik dort ist leider nur noch digital.“ Auch diesen Satz hört man vermutlich kaum: „Instagram ist ja ganz schön, aber leider nur digital.“ Anders formuliert: Ich kann mir vieles vorstellen aber sicher nicht, dass die heute 20-Jährigen online als kleine, wertlose Schwester von einem undefinierten besseren Früher wahrnehmen.

Eben weil das Digitale derart selbstverständlicher Bestandteil der Welt geworden ist, sind die beiden Worte so verräterrisch – und zwar im doppelten Sinne. Sie beweisen einerseits, dass man online noch immer für klein und wertlos hält – und somit keinen Draht zu denen hat, die sich dort Zuhause fühlen. Und sie zeigen zum zweiten, dass man nicht daran glaubt, dass in dieser wertlosen, kleinen Welt irgendwas Gutes entstehen kann (was bei dem, was dort derzeit gemacht wird, auch verwundern würde). Das ist nicht nur mit Blick auf die ursprüngliche Idee von Neon schade, es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, warum hierzulande noch immer vom Neuland gesprochen wird – ganz so als sei Altland irgendwie interessanter.

Aber vielleicht muss man es genauso wenden. Denn wer sagt, dass etwas „nur noch digital“ stattfindet, legt damit ja ein erstaunliches Lebensgefühl offen, das vielleicht sogar als Blaupause für eine Art von Lebenswelt-Journalismus taugt, von dem man dachte, dass seine Zeit vorbei ist: Man könnte daraus ein Heft entwickeln für Menschen, die zwar ahnen, dass das mit dem Internet unausweichlich ist, aber trotzdem keine Lust drauf haben. Ich habe auch schon eine Idee für Titel und Slogan: „Altland – eigentlich sollten wir online sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

#journalistenschule gegen Fake-News

Nach der zweiten großen Pause wird aus der kleinen Idee eine unbestreitbar große Sache; zumindest für mich. Ich stehe vor einer neunten Klasse meiner ehemaligen Schule im Ruhrgebiet und beginne gerade die dritte Runde einer Medienkompetenz-Schulung im Rahmen des Projekts #journalistenschule der DJS als einer der Schüler mich erwischt: „Ich glaube“, sagt er kurz nach der Begrüßung, „Sie waren mit meinem Vater in einer Klasse.“ Den Vormittag über habe ich mit drei weiteren neunten Klassen über verlässliche Quellen, den Pressekodex, Qualitätsjournalismus und das Projekt #gegendiepanik gesprochen. Dabei habe ich mich – trotz zahlreicher anderslautender Zeichen – beständig dagegen gewehrt, wehmütig zu werden.

Doch dann stehen plötzlich seine Worte im Raum und ich versuche in seinem Gesicht eine Ähnlichkeit zu finden, zu den Gesichtern, die ich sah als ich zum letzten Mal in dieser Schule war. Das ist fast 25 Jahre her – allein diese Zahl würde ausreichen, um mir mein Alter und die Vergänglichkeit der Welt sichtbar zu machen. Doch jetzt sitzt da ein freundlicher Neuntklässler und bündelt all das in seinem fröhlichen Grinsen. Eine neue Generation, Schülerinnen und Schüler, für die das Internet nicht neu, sondern selbstverständlich ist. Junge Menschen, die (womöglich) lösen werden, was vielen Älteren heute unlösbar erscheint. Wir vergessen das manchmal, weil wir einzig unsere Sozialisation zum Maßstab erheben (und dann wehmütig werden) statt hoffnungsvoll auf die Zukunft zu schauen – in dem Sinn, in dem Rebecca Solnit von der Zukunft spricht.

Ich höre, wie ich ein paar fröhliche Bemerkungen mache, in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen – um vielleicht doch herauszufinden, welchem jungen Mann aus den 1990er Jahren dieser junge Mann aus der neunten Klasse 2018 ähnlich sieht. In meinem Kopf tauchen Bilder von Abifeiern und Klassenfahrten auf. Es wird gesungen und getrunken und ich sehe Mitschüler, in denen ich damals so wenig Familienväter erkannte wie die heutigen Neuntklässler in mir einen erkennen, der doch gerade noch selber auf diesen Stühlen hockte und sich fragte, wann er hier rauskommt.

Als er das Verwandtschaftsverhältnis auflöst, denke ich das erste Mal seit Jahren wieder an den Mitschüler. So wie ich in diesen sechs Stunden auf den Fluren, im Lehrerzimmer und auf dem Schulhof, das erste Mal seit Jahren wieder an meine Schulzeit denke. Dass ich das tue, liegt an Henriette Löwisch, der Schulleitern der Deutschen Journalistenschule (DJS). Als sie unlängst das Amt der Schulleiterin übernahm, brachte sie die Idee zum Projekt #journalistenschule auf. Absolvent*innen der DJS besuchen ihre alten Schulen und sprechen dort über ihren Beruf. Die meisten Kolleg*innen werden das am 3. Mai tun – dem Tag der Pressefreiheit. Sie werden dort tun, was ich (u.a. wegen #rp18-Terminproblemen) schon heute tat: Davon berichten, wie wichtig die freie Presse ist, Grundlagen des Berufs vorstellen und die Stimme erheben gegen Menschen, die Lügenpresse rufen und Fake-News verbreiten.

Wir haben dazu am Gymnasium Broich in Mülheim an der Ruhr ein WhatsApp-Spiel gespielt. Die Schüler*innen sollten mich ihrer Klassen-WhatsApp-Gruppe vorstellen – über biografische Details, die sie beurteilen mussten: Stimmt das oder stimmt es nicht? Und wie findet man heraus, ob Gerüchte wahr sind oder gefälscht? Wie findet man verlässliche Quellen?

Darauf aufbauend haben wir darüber gesprochen, dass im Netz auch die Frage immer wichtiger wird, welche Rolle wir als Nutzer einnehmen. Deshalb haben wir anschließend ausführlich über das Projekt #gegendiepanik gesprochen – in dem wir nach der Paniknacht vom OEZ in München Regeln formulierten, wie man sich gegen Social-Media-Panik wappnen kann. Zwischendurch haben wir ein Rap-Video angeschaut und über die verwirrenden Möglichkeiten der Bildbearbeitung gesprochen.

Das hat Spaß gemacht und hat nicht nur mein Bild auf „früher“ herausgefordert. Es hat mir vor allem gezeigt: Im Umgang mit dem, was wir manchmal „neue Medien“ nennen sind sich Schüler*innen und Schüler und die Generation ihrer Eltern ähnlicher als sie denken. Sie lernen gerade gemeinsam den richtigen Umgang (#smarterphone), das ist nicht immer einfach – aber alles andere als das Ende.

Shruggie des Monats: der Traditionshase

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash und den Broccoli-Tree beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. Nun mit etwas Sicherheitsabstand zu den Ostertagen: der Traditionshase

Der Kollege Oliver das Gupta hat bei SZ.de die Sache mit dem Hasen sehr gut zusammengefasst: „Pünktlich zum nachrichtenarmen Feiertagswochenende“, schreibt er, „initiiert die politische Rechte einen Tanz ums goldene Langohr. Es geht um Osterhasen, genauer: um Schokoladenhasen, die zur Osterzeit gekauft, verschenkt und manchmal zu spät vertilgt werden. Im Handel firmiert eine Schweizer Sorte unter der Bezeichnung „Traditionshase“, worüber sich AfD-Leute und deren Anhang empören.“ Ihr Verdacht, den sie mit ihrer Followerschaft teilen, die ihn daraufhin ebenfalls verbreitet: „Die „Osterhasen“ müssten nun „Traditionshasen“ heißen, weil man sich nach der nicht-christlichen und nicht bio-deutschen Kundschaft richtet. Es sei eine „Unterwerfung“ (O-Ton AfD-Chef Jörg Meuthen) unter die politische Korrektheit.“

Im Folgenden widmet sich Oliver das Gupta dann sehr lesenswert der Geschichte des Osterhasen und geht der Frage nach, „ob der Osterhase wirklich zum christlich-abendländischen Kulturgut taugt, das verteidigt werden muss.“ Das ist sehr lesenswert, mich interessiert an der Aufregung um den Hasen, der übrigens schon seit 1992 als Traditionshase geführt wird, ein anderer Aspekt, der auch den Shruggie im genannten Buch umtreibt: Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Ich habe mich in der Debatte kurz gefragt, was eigentlich wäre, wenn die Sorge der Menschen stimmt, die eine Unterwerfung derjenigen Traditionen zu erkennen meinen, die ihnen offenbar wichtig sind. Was wäre eigentlich, wenn ich ein Schulterzucken lang versuche herauszufinden, woher ihre Sorge rührt? Anders formuliert: Warum teilen Menschen diesen Unsinn?

Sie haben offenbar tatsächlich die Sorge, Dinge, die für sie wichtig sind, könnten an Bedeutung verlieren. In ihnen wächst scheinbar ernsthaft der Verdacht, sie selber könnten marginalisiert werden. Der Osterhase scheint ihnen wirklich zum Symbol ihrer eigenen Wichtigkeit zu werden. Sie haben das Gefühl, keine Rolle mehr zu spielen. Sie glauben, dass ihre Ansichten und Meinungen unterrepräsentiert sind, sie fühlen sich zurückgedrängt (wie absurd das z.B. im Fall von Jens Jessen sein kann, hat Margarete Stokowski sehr anschaulich beschrieben)

Viel wichtiger als die Frage, ob das alles auf Basis einer wirklichen Grundlage stattfindet oder nicht, ist die Beobachtung, dass und wie Populisten genau dieses Gefühl bedienen und in ihren Narrativen („darf man hierzulande ja nicht mehr sagen“) noch bestärken. Denn nur wenn man im Sinne des Shruggie aus dieser Perspektive auf das Thema blickt, wird man erkennen, dass man die Debatte mit Lustigmachen oder Gegenkampagnen in social-media nicht einfangen wird. Sie bestärken im Gegenteil sogar noch den Eindruck der gefühlt marginalisierten Masse.

Der Traditionshase ist deshalb ein gutes Symbol für den ständigen Appell an einen offenen, pluralistischen Diskurs, weil er so inhaltsleer ist. Genau deshalb beweist er aber, dass die demokratische Antwort auf diese inszenierten Aufregungs-Debatten nicht allein darin liegen kann, die Behauptung als inhaltlich falsch offenzulegen. Am Gefühl der Marginalisierung ändert das nichts – oder um es im Bild der beiden Menschen zu sagen, die von rechts und links auf eine am Boden liegende Ziffer blicken: Sie halten die 9 noch immer für eine 6.

Damit will ich keineswegs davon abraten, weiterhin zu sagen was ist. Es geht weiterhin darum, die Perspektiven von 6 und 9 zu benennen. Um aber die Grundlagen der pluralen, demokratischen Gesellschaft nicht in einem Facebook-Kampf von Rechthabern in Frage zu stellen, muss man mindestens ebenso sehr darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt. Und für alle, die – wie ich – diese angestachelte Sorge um den Untergang des Abendslandes für falsch halten, heißt das zunächst: zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich ernsthaft von dem Begriff Traditionshase oder Wintermarkt marginalisiert fühlen. Es gibt diese Perspektive!

Das heißt nicht im Seehofer-Sinn: die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Es heißt nicht, das Gefühl der Marginalisierung noch zu verstärken, indem man ständig von der Gefahr durch das Fremde spricht. Es heißt: Ihre Perspektive verstehen, nachvollziehen, warum sie auf die Tricks der Populisten reinfallen. Es heißt, das Narrativ der offenen, demokratischen Gesellschaft dem entgegenstellen, was die Populisten als Antwort anbieten. Es heißt den Perspektivwechsel vorzuleben.

Das beginnt damit, dass man dem Gefühl der vermeintlich Marginalisierten nachgeht – und ihm ebenfalls einen Perspektiv-Wechsel entgegenstellt. Das wird nicht bei den Antreibern dieser Debatten gelingen. Aber bei denen, die ihnen folgen, weil sie ernsthaft denken, durch den Verlust des Begriffs „Osterhase“ einen Wert zu verlieren. Kann es gelingen, ihnen die Perspektive derjenigen dazustellen, die wirklich etwas verlieren, weil sie ihr Land verlassen müssen? Weil ihre Unterkunft abgebrannt ist?

John Perry Barlow hat mal den Ratschlag für erwachsenes Handeln formuliert, den man vor dem Hintergrund des Traditionshasen neu lesen könnte: „Du solltest nicht davon ausgehen,“ schrieb er, „dass die Motive anderer ihnen weniger edel erscheinen als deine Motive dir selber.“

Wenn also diejenigen, die diese Traditionshasen-Aufregung weitergetragen haben, aus für sie ebenso edlen Motiven gehandelt haben, wie diejenigen, die versuchen die Luft aus dem Unsinn zu lassen, dann sollte es doch beiden Seiten möglich sein, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. „Bildung ist die Fähigkeit, eine Sache aus der Perspektive eines anderen zu betrachten“, hat Gadamer mal gesagt. In diesem Sinne würde der Shruggie in Sachen Traditionshasen mehr Bildung wünschen – für alle Seiten.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.