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Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet

Ist die Aufregung um den Urheberrechtskompromiss, der gestern in Brüssel ausgehandelt wurde, eigentlich berechtigt? Ist das freie Internet wirklich in Gefahr? Darüber wird gerade heftig gestritten und der Grund hat weniger mit dem etwas komplizierten juristischen Fachgebiet zu tun (zu dem ich btw. eine klare Meinung bereits vor Jahren geäußert habe: Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie) als vielmehr mit der Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn man vom „freien Internet“ spricht.

Es gibt da nämlich einen sehr bedeutsamen Unterschied in der Wahrnehmung, den man am besten mit dem Bild von einem Pool illustrieren kann (Foto: Unsplash): Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Ich habe schon vor ein paar Jahren in einem SZ-Text über diesen digitalen Graben zwischen den aktiven und den passiven Internet-Nutzern geschrieben (hier kann man ihn nachlesen), doch jetzt droht dieser Unterschied zu einem Problem zu werden. Denn die Randsitzer haben ein Gesetz in Planung, das dazu führen könnte, dass das Wasser aus dem Pool verschwindet.

Simon Hurtz hat dazu gestern einen treffenden Kommentar geschrieben, der die zentralen Sorgen der Schwimmer*innen zusammenfasst, schon im Sommer hat Sascha Lobo auf den Punkt gebracht, dass der Glaube an „Erkennungsoftware“ den Verdacht nähert, dass hier jemand noch nie im Wasser war. Die Schwimmer*innen aller politischen Farben hingegen sind sich einig, dass Uploadfilter das Wasser im Pool bedrohen – und deshalb keine Lösung liefern.

Da sich im so genannten Trilog EU-Staaten, die Kommission und das Parlament gestern auf einen Kompromiss geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, dass das Parlament, das darüber noch abstimmen wird, den Entwurf noch ablehnt. Es ist aber nicht unmöglich, darauf weist eine der Schwimmerinnen im EU-Parlament hin: Julia Reda hat heute einen Blogeintrag online gestellt, in dem sie beschreibt, was andere Schwimmer*innen jetzt tun können:

Die endgültige Abstimmung im Parlament findet nur wenige Wochen vor der Europawahl statt. Die meisten Abgeordneten – und jedenfalls sämtliche Parteien – würden gerne wiedergewählt werden. Die Artikel 11 und 13 werden dann fallen, wenn genug Wähler*innen sie zum Wahlkampfthema machen

Vielleicht besteht ein Ansatz für eine Lösung ja darin, die Randsitzer*innen mal zum Aufstehen zu bewegen und sie wie auf dem Bild oben an die Leiter am Pool zu begleiten. Wer dort steht, stellt schnell selber fest, dass es einen Unterschied macht, ob Wasser im Pool ist oder nicht wenn man gleich reinspringt!

Viel Spaß beim Schwimmen – so lange es noch geht

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„Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original“ – Interview mit Florian Kuhlmann

Am Freitag lädt der Düsseldorfer Künstler Florian Kuhlmann zu einem metamodernen Ritual in die Galerie Falko Alexander nach Köln. Florian greift dabei auf Konzepte zurück, die mit der Idee von Kopie und Original in der digitalen Welt spielen. Deshalb habe ich ihm ein paar Fragen zu der Veranstaltung (1.2. 19 Uhr, Venloer Str. Köln ) gemailt.

Ihr plant ein metamodernes Ritual mit der Energie des Marktes. Erklär mal, was passieren wird: Was ist ein metamodernes Ritual?
Dirk, ich sag wie’s ist. Auch nach mehreren Jahren der intensiven Beschäftigung mit Metamoderne weiß ich nicht was das ist. Aber da ist eben nach wie vor das wirklich SEHR starke Gefühl, verbunden mit einer tiefen Ahnung, dass sie da ist und jetzt beginnt, die Metamoderne. Immer. Jetzt.
Und auch hier ganz ehrlich: ich mag das einfach, also den Glauben daran, dass etwas beginnt, etwas Neues und Großes anfängt, gerade jetzt und hier. Am besten eben eine neue Epoche. Das ist doch viel geiler als die dieser ganze reaktionär-depressive Post-Retro-Blick der mittlerweile so abgefeiert wird.

Um aber auf Deine Frage zurück zu kommen, ich weiß also nicht wirklich was ein metamodernes Ritual ist. Aber aus dem eben beschrieben schließe ich, dass das, was am Freitag passieren wird wohlzwangsläufig metamodern sein wird. Ich glaube da fest dran an dieses Bauchgefühl, weil fühlen ja auch einfach wieder viel wichtiger wird als wissen.
Wer sich dafür aber ernsthaft interessiert kann dazu gerne etwas mehr in meinem Buch ‚METAMODERNE WISSEN FÜHLEN SEIN‘ nach lesen.

Was den Ritual-Charakter angeht beziehe ich mich aber dann eben doch auf etabliertes Wissen und schlagen eine Brück in die Vergangenheit und moderne Gegenwart. In diesem Fall mit Hilfe von Walter Benjamin und sein bahnbrechenden Text ‚Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‘, den Du als Freund der Kopie natürlich kennst. Wer nicht, klickt hier bitte. Benjamin schreibt dort unter anderem „Mit anderen Worten: Der einzigartige Wert des »echten« Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte. Diese mag so vermittelt sein wie sie will.“
Bingo!

Und was hat das mit der Energie des Marktes zu tun?
Energie ist einfach überall und auf allen Ebenen relevant. Nicht nur mit Blick auf Strom, der sich über den Computer in Informationen, Daten, Bilder, Texte und wieder zurück verwandelt, der Sprache transportiert und zuweilen auch Gefühle, Stichwort Emojis.
Im Prinzip geht das aber natürlich weiter. Ökonomie ist ja im Grunde – George Bataille beschreibt das sehr schön in ‚Die Aufhebung der Ökonomie‘ – nichts anderes als ein permanente Transformation von Energienformen.

Nun ist der Markt, dieses mystisch metaphysische Wesen, dem wir mittlerweile übermenschliches Wissen und Weisheit zugestehen, derzeit die vorherrschende Metapher für ökonomische Prozesse. Und das wird auch so bleiben, solange Gesellschaft kapitalistisch organisierte ist und bleibt.

Aber dieser Kapitalismus ändert sich gerade mal wieder, Interwebs und Digitales spielen dabei eine zentrale Rolle, sie verändern die etablierten Energieströme, schaffen neue Verbindungen und neue Akteure betreten die globale Bühne. Zusätzlich sind wir, das Publikum, nun aber über das Netz und insbesondere die sozialen Netzwerke sowohl als Produzenten, als auch als Autoren und Distributoren viel stärker in diese Prozesse eingebunden.

Wodurch sich zwangsläufig auch die Nutzung von Bildern, Medien, Texten ändert und damit ganz selbstverständlich auch die Fragen und Antworten nach dem Umgang mit Original, Kopie und Unikat. Kontext und aktive Nutzung sind viel wichtiger geworden als die reine Betrachtung.

Kannst Du das Konzept von „Selling the“ mal im Detail erklären?
Es sind einige einfache Regeln, nach denen 16 gleiche Bilder die als 4×4 Tableau gehängt sind gehandelt werden. Das ganze basiert auf einem Projekt an dem ich die letzten Jahre gearbeitet habe, THE GIFT und dem daraus abgeleiteten Konzept sellingthe.net.

Während des Rituals wird die Edition aus 16 Bildern nach zwei festgelegten Regeln verkauft.
Regel Nr 1: der Preis für ein Bild verdoppelt sich jeweils zum vorherigen.
Regel Nr 2: der Käufer erhält sein Geld zurück erhält sobald ein weitere Käufer kauft.
Nach dem Kauf wird das Bild aus dem Rahmen entnommen, dem Käufer übergeben und zurück bleibt dort lediglich der Kaufbetrag und die Unterschrift von mir und dem Käufer.

Der Markt schreibt sich so über den Kaufprozess sukzessive in den Arbeit ein. Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original. Am Ende des Projekts bleibt ein transformiertes Tableau zurück, in dem sich einige Bilder in Zahlen transformiert haben. Das ganze verweist damit auf ein Zitat von Guy Debord in ‚Die Gesellschaft des Spektakels‘: „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird.“ Im Ritual machen wir dann quasi die Rückabwicklung des ganzen, also Bild wird Kapital, wird Zahl.
Und Zahlen sind bekanntlich das neue Kapital.

Was erwartest Du Dir von Freitag abend?
Eine gute Zeit. Bisschen gedanklichen Austauch mit anderen zu den Fragen der Ökonomie im Kontext von Kunst, Interwebs und Digital. Klar auch paar Scheine im Tausch für die Bilder. Mals ehen was passiert. Die ersten 7 bis 8 Bilder gehen erfahrungsgemäß ruckzuck weg. Danach wirds dann sehr schnell etwas teuer, mal sehen ob wir diesmal die Marke von 65.536 Euro knacken und alle Bilder in Zahl transfomiert bekommen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie eingangs gesagt, Nicht Wissen und vor allem Nix wissen müssen ist eh das neue Paradigma. Fühlen, ahnen und einfach Metamodern sein. Darum gehts doch. Der Rest erledigt sich eh von selbst. Liebe Grüße an den Shruggie!

Mehr über Florian Kuhlmanns Arbeit auf seiner Website. Mehr übers Kopieren in Zeiten der digitalen Vervielfältigung im Lob der Kopie

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„Wir haben keine Schweigespirale, wir haben eine Meinungsspirale“

Ich habe Alf Frommer bestohlen. Der Creative Director aus Berlin hat in diesem Monat einen Begriff erfunden (und auf Facebook gepostet), den ich als Domain registriert habe. Ich möchte www.meinungsfreizeit.de ab sofort nutzen, um etwas Ruhe in besonders wilde Diskussionen zu bringen. Alf und ich kennen uns schon eine Weile – digital. Deshalb hat er mir den Diebstahl nicht nur gestattet, sondern auch ein paar Fragen zu der Wortneuschöpfung und zur Diskussionskultur im Netz beantwortet. (Freizeit-Symbolbild: Unsplash)

Wie bist du auf den Begriff Meinungsfreizeit gekommen?
Stefan Kretzschmar äußerte kürzlich, dass man nicht alles sagen darf in unserem Land. Die BILD sprang ihm bei und meinte, dass die Jury aus Sprachwissenschaftlern, die „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum Unwort des Jahres wählte, im Grunde eine Sprachpolizei sei. Also eine Institution, die uns vorschreibt, was sagbar wäre oder nicht.

Aber eigentlich haben wir von allem zu viel Meinung. Es gibt keine Schweigespirale, sondern eine Meinungsspirale: zu jedem Thema werden auch die absonderlichsten Meinungen ausgedrückt. In letzter Zeit besonders von Journalisten: da ist dann „Nazis raus“ zum Beispiel grundgesetzwidrig oder man diskutiert das Pro & Contra der Menschenrettung im Mittelmeer.

Da dachte ich: Zeit für eine Auszeit von der Meinung. Jeder müsste das Recht haben, auch mal keine Meinung zu haben. Her mit der Meinungsfreizeit.

Du bist schon lange in sozialen Medien unterwegs. Welche Erfahrungen hast du da gemacht?
Es wird immer schwerer andere Meinungen zu respektieren. Ich merke das an mir selbst. Der Ton wird gleich rau oder man blockt Menschen mit anderen Ansichten. Wenn man mit denen an einem Tisch sitzen würde, könnte man da bestimmt ganz anders miteinander reden. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr bei „Deutschland spricht“ mitgemacht. Da konnte ich mit jemanden in Ruhe zwei Stunden sprechen, der teilweise vollkommen anderen Meinungen zu vielen Themen hatte. Die Akzeptanz ist da größer, als in den sozialen Medien. Das war richtig gut. Schließlich brauchen wir auch unterschiedliche Meinungen.

Unlängst hat Robert Habeck öffentlich seinen Abschied aus Twitter und Facebook verkündet. Kannst du das verstehen?
In seinem Fall ja. Schließlich ist Robert Habeck trotz seines Verzichtes ja nicht von Twitter und Facebook verschwunden. Der nutzt die Kanäle von Bündnis90/Die Grünen für seine Statements und Video-Botschaften. Er verliert also wenig und gewinnt noch die Filterfunktion seiner Berater. Ich denke zudem, dass er irgendwann zurückkehren wird.

Was könnte man tun, um die Debattenkultur auf FB und Twitter zu heben?
Debatten in sozialen Medien und gerade bei Twitter sind schwierig. Da haut man sich nur Slogans um die Ohren. Richtig diskutieren geht da nicht. Und wenn man mit manchen diskutiert, schalten sich deren Follower gleich ein: das können rechte Trolle sein, Netz-Feministinnen aber eben auch die Antifa. In dieser Kakophonie von Parolen wird jede Diskussion zu einem reinen Abwehrkampf.
Wahrscheinlich wäre daher ein Rückzug in den privaten Messenger bei Facebook oder in die DM-Funktion von Twitter sinnvoll. So kann man mit seinem Gegenüber reden und es schalten sich nicht gewollt oder ungewollt andere mit ein, die eine Debatte sofort zerstören. Wahrscheinlich schwierig umzusetzen.

Was würdest du jemanden raten, die oder der jetzt mit Social Media anfangen will?
Geh zu Instagram, da sind schöne Menschen und gude Laune. Scherz. Nichts bleibt so, wie es war. Was das heißt? Jetzt haben wir gerade eine angestrengte Stimmung auf Facebook und Twitter, aber das wird nicht so bleiben. Irgendwann ist die AfD-Erzählung, dass Geflüchtete unser schönes Deutschland zerstören auserzählt. Und eine immer noch größere Polarisierung mag ich mir nicht vorstellen. Selbst das nützt sich irgendwann ab.
Dann wird Twitter wieder zum neuen Instagram – mit guter Laune, aber weniger hübschen Menschen.

Hast du eine Follow-Empfehlung?
Mich. Noch ein Scherz. Aber mal zur Abwechslung ein guter von mir.
Ehrlich gesagt, gehört für mich der bekannte Netz-Denker und Journalist Dirk von Gehlen (kennst du den?) zu den absoluten Stimmen der Vernunft im Netz. Bestimmt steckt der auch in seiner Filterblase, aber die erscheint mir weniger polarisierend als viele andere. Und das ist doch heute schon wirklich viel wert.

Der Unterschied von Meinungsfreiheit zu Meinungsfreizeit besteht nur in einem Buchstaben. Das ist doch auch eine Twitter-Challenge, solche Wortpaare zu finden, oder? Hast du noch welche?
Globulisierung -> der Wunsch weltweite Probleme wie den Klimawandel durch Gegenmaßnahmen in homöopathischen Dosen zu lösen.

5% Würde, die -> scheitert die AfD trotz weit höherer Zustimmung bei Wahlen ständig dran

Müllenials -> die Generation Plastikmüll der um die 30-jährigen Deutschen, die ihren Müll trennt und dann nach Asien verschiffen lässt, damit es von dort im Meer landet.

Mehr über die Verwendung von Alfs Wortschöpfung unter meinungsfreizeit.de
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10 Dinge, die ich in „Chaos im Netz“ übers Internet gelernt habe

Es war im Jahr 1992 als die Autorin Jean Armour Polly für einen Artikel über das Internet nach einem Bild suchte. Sie entdeckte auf ihrem Mousepad das Motiv eines Surfers und nutzte es als Überschrift für ihren Text. Der „Information Surfer“ ist aber seit dem viel mehr: Surfen ist zu dem Symbol geworden für das, was man so schwer ins Bild setzen kann: im Internet sein.

Seit dieser Woche ist ein Film im Kino, dem das sehr gut gelingt. Er heißt „Chaos im Netz“ (im Original „Ralph Breaks the Internet“) und ist mehr als ein Disney-Kinderfilm. Denn dem Film gelingt es, das „Im Internet sein“ gut ins Bild zu setzen. Die Kolleg*innen der Kinderzeitung der SZ haben mich deshalb gebeten, über den Film und das Internet zu schreiben.

Die Bilder und Lehren, die man aus „Chaos im Netz“ ziehen kann, sind aber auch für Erwachsene äußerst interessant. Deshalb hier die zehn wichtigsten Erkenntnisse aus „Ralph Breaks The Internet“ – über das Internet:

1. Ohne Kabel geht gar nichts: Wie richtig dieser Satz ist, stellen gerade Menschen in Tonga fest. Ein Tiefseekabel ist zerstört worden und sie sind im Wortsinn vom Internet abgeschnitten. Im Film schlüpfen die Hauptfiguren Ralph und Vanellope durch die Kabel ins Internet. Die sehen aus wie Wasserrutschen und treiben sie in hohem Tempo immer tiefer rein ins Netzwerk. Wer sich dafür interessiert, wie diese Kabel außerhalb des Films aussehen, sollte sich das Buch Kabelsalat (von Andrew Blum) besorgen oder die Website wodasinternetlebt.de von Moritz Metz besuchen.

2. Das Zauberwort heißt Packet-Switching: Vanellope und Ralph werden bei der Reise durch die Kabel getrennt. Jeder reist für sich. Ich sehe darin ein (etwas weit hergeholtes) Bild für das grundlegende Prinzip des Packet-Switchings. Für die Datenübertragung übers Internet werden Informationen nämlich in kleine Teile zerlegt, die über unterschiedliche Wege versendet und erst am Ende wieder zusammengesetzt werden. Denn das Internet ist ein dezentrales Netzwerk, das auf eine zentrale Verteilstation verzichtet.

3. Das Internet ist nicht das Web:
Am Ende der Wasserrutschen Kabel landen Ralph und Vanellope in einer riesigen unübersichtlichen Stadt. Hier gibt es allerlei Firmen, die man so oder ähnlich auch aus dem echten Web kennt. Sie werden in dieser Stadt durch große Gebäude symbolisiert. Dieses Bild ist vermutlich ein wenig schief, richtig ist aber, dass das nicht das Internet ist. Diese unübersichtliche Stadt, in der kleine Figuren mit Schildern zwielichtige Angebote machen (JP Spamley), ist das Web. Dabei handelt es sich um eine Anwendung, die die Infrastruktur „Internet“ nutzt. Weitere Anwendung sind Mail oder FTP. Eine zentrale Rolle spielen dabei die so genannten Protokolle, die man sich ein wenig wie die Grammatik in der Sprache vorstellen kann. Sie regeln, dass die völlig unterschiedlichen Geräte und Systeme sich auch verstehen.

4. Links sind wie magische Züge: in der großen Web-Stadt gibt es einige tolle Besonderheiten. Am schönsten sind die magischen Züge, die plötzlich angerauscht kommen, wenn man irgendwo hinwill. Sie sind das Bild, das die „Chaos im Netz“-Erfinder für die wichtigste Grundlage des Web gefunden haben: den Link. Er verbindet Informationen, die vorher unverbunden waren. Das ist die Kernidee dessen, was Tim Berners-Lee in den 1990er Jahren das World Wide Web nannte.

5. Einen Algorithmus muss man sich wie eine sehr kluge Frau vorstellen: Das Web ist etwas anderes als das Internet und beides ist etwas anderes als Google oder Facebook oder eBay (das erstaunlich ausführlich beworben wird in dem Film). Dabei handelt es sich um Anwendungen, die im Web stattfinden. Die Google-Suche greift dabei auf Rechenanweisungen zurück, um festzustellen, welche Suchergebnisse wie wichtig sind. Man nennt diese Anweisungen Algorithmen. Im Film wird der Algorithmus im Bild einer sehr gewandten Chefin eines Unterhaltungskonzerns ausgedrückt. Die Figur Yesss berät Ralph und Vanellope als diese populäre Videos drehen wollen.

6. Autovervollständigung kann sehr lustig sein Wie ein Algorithmus arbeitet, zeigt der Film am Beispiel des Alleswissers, der in einer Bibliothek hockt und Fragen von Information Surfern beantwortet. Die Parallele zur Suchmaschine ist deutlich erkennbar – sie wird aber besonders dadurch betont, dass der Alleswisser wie die Autovervollständigung beim Tippen, stets versucht den Satz der Fragenden zu beenden. Das wirkt durch den Gesprächs-Charakter sehr lustig – und legt offen: das Ziel von Suchmaschinen ist nicht das Suchen. Sie wollen möglichst schnell und möglichst passend antworten. Manchmal sogar schneller als gefragt wurde.

7. Das Web schafft neue Geschäfsmodelle: Ralph und Vaneloppe nutzen die Viralkultur des Web (und die Hilfe von Yessss) um sehr schnell berühmt zu werden – und damit Geld zu verdienen. Wie aus der Popularität Geld wird, beschreibt der Film nicht. Dafür zeigt er, wie Popularität entsteht: Wenn viele Menschen auf einen Link klicken und ihn teilen. Mit Staubsaugern werden dann Like-Herzen eingesammelt, wenn Ralph wie eine Ziege singt. Das ist ein gutes Bild für die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Netzes.

8. Meide die Kommentare: diesen Ratschlag gibt Yesss als sie gegen Ende des Films Ralph sucht und ihn in den Kommentarspalten seiner Videos findet. Dort wird er zum Teil übel beschimpft. Ralph macht das aber nichts aus – er ist Nutzer-Unmut aus seinem Computerspiele aus dem ersten Teil gewohnt. Dennoch schafft der Film in Sachen Kommentarkultur ein erstaunlich gutes Bild für das, was man bisher Shitstorm nannte: Ich nenne es den Meinungsvirus.

9. Das Darknet ist einfach nur eine Etage tiefer: Auf der Suche nach einem Virus, den Ralph benötigt, begeben sich die Filmfiguren auch ins Darknet. Dafür fahren sie in einem nicht näher definierte Aufzug sehr lange nach unten. Das ist nicht ganz falsch. Denn das Darknet nutzt die gleiche Infrastruktur wie das so genannte Surface Web. In seinem Buch „Darknet“ unterscheidet Stefan Mey das gute, das böse und das kommerzielle Darknet. Im Fim treffen die Hauptfiguren im Darknet auf den doppelköpfigen Charakter Double Dan, desssen Cousin Gord (ein Internet-Wurm) die Verbindung von Spam-Werbung ins Darknet hergestellt hat.

10. Das Internet ist ein Wunder: Als Ralph und Vaneloppe im Web angekommen, schauen sie auf das Gewusel und Vandeloope sagt: „This is the most beautiful miracle I’ve ever seen“ In der deutschen Übersetzung ist von dem wunderschönen Wunder allerdings nichts mehr übrig. In der gleichen Szene hört man im deutschen Film stattdessen den Netz-Skeptiker Ralph sprechen. Er sagt: „Heilige Scheiße, gehts hier ab“. Das ist nur eine sehr entfernte Übersetzung des gleichen Inhalts, es ist vor allem ein sehr schönes Bild für die unterschiedliche Wahrnehmung des Internets in den USA und in Deutschland. Aus der Begeisterung über das „schönsten Wunder, das ich je gesehen habe“, wird in Deutschland „heilige Scheiße, gehts hier ab“ eine skeptische Überforderung. Das ist schade, denn eine zentrale Erkenntnis des Films ist auch: Das Internet ist schon ein ziemlich tolle Sache!

Gerade ist die Gebrauchsanweisung für das Internet erschienen, „die allgemeinverständlich erklärt wie das Netz funktioniert“ – urteilt Spiegel-Online. Wenn man so will: Das Buch zum Film

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Stellenausschreibung: Straßenbauer*in gesucht!

Ab sofort sucht die Aktionsgruppe Internetstraße Unterstützung bei dem Versuch, das Internet als menschheitshistorische Erfindung auf Straßenschildern zu würdigen (Foto: Unsplash)

Wir mögen das Internet als verbindendes Instrument der Völkerverständigung. Wir wollen nicht länger tatenlos zusehen wie das Image des Internet aus kommerziellen und politischen Interessen unterwandert wird. Wir wollen diesen Ort verteidigen und öffentlich seinen Wert sichtbar machen.

Dafür wollen wir das Internet auf Straßenschildern würdigen – in möglichst vielen Städten und Gemeinden soll es einen „Platz des Internet“, eine „Internet-Allee“ oder „Internet-Straße“ geben.

Diese Idee hat bereits erste Erfolge gezeigt, so dass wir sie jetzt weiter ausbauen wollen. Dafür suchen wir ehrenamtliche Unterstützung im Bereich Marketing und Kommunikation.

Hier das PDF der Stellenausschreibung runterladen – Hintergründe zum Projekt gibt es in dem Text Warum gibt es in Ihrer Stadt eigentlich keine Internetstrasse?

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Dark Social Beratung

Dark ist englisch und heißt unbeleuchtet, dunkel. Als „Dark Social“ bezeichnet man seit dem Jahr 2012 jene Form von Social Media, die im Unsichbaren stattfindet: Alexix Madrigal schenkte der Welt damals den Begriff für die Interaktion in Newslettern und Messengern. Er wies damals darauf hin, dass die Verlinkung, die man in Facebook und Twitter macht, nur die Spitze des Eisbergs der sozialen Interaktion sei.

In den vergangenen Jahren widmete man dieser Spitze viel Aufmerksamkeit. Social Media galt vielen Menschen einzig als der Bereich, der sich in öffentlichen Netzwerken zuträgt. Dabei ist der weitaus größere Teil schon seit 2012 im Dunklen (Symbolbild: Unsplash). Damit ist keine Wertung gemeint, sondern lediglich die Tatsache, dass man in WhatsApp-Gruppen nicht reinschauen kann.

Dieser Teil der Social-Media-Kommunikation ist in den vergangenen Monaten nochmal angestiegen, sagen jüngste Studien. Was mich zu der Annahme verleitet, dass Dark Social ein wichtiger Trend des Jahres 2019 werden wird. Ich habe darüber unlängst in der SZ geschrieben und wurde zu dem Thema in den Zündfunk eingeladen. Der betreuende SZ-Kollege Jannis Brühl wies anschließend darauf hin, dass der meiste Traffic auf diesen Artikel über „dark social“ kam.

Ich glaube, dass wir uns auf zwei Ebenen mehr mit diesem Thema befassen müssen. Das bedeutet einerseits, dass wir Bewusstsein darüber schaffen, dass der vermeintlich private Austausch in Gruppen auch politische Wirkung haben kann. Und zum zweiten steckt auch für alle, die Öffentlichkeit suchen, in diesem Bereich eine große Chance. Denn der direkte Austausch zwischen Menschen (auf dem das Web ja im Kern basiert) ist ein bedeutsamer Faktor. Das kann man in Newsletter sehen (hier meinen zum Thema bestellen), aber eben auch in Gruppen in Telegram, WhatsApp, Threema oder Signal.

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Ich mag Social-Media, Ihr kennt mich von meinen #GreatestHits „Das Land hat vielleicht eher ein Nazi- als ein Internet-Problem“

Das Jahr begann mit einer großen Debatte über all die negativen Seiten dessen, was man Social-Media nennt. Die Debatte über HateSpeech und schlechte Diskussionskultur bekommt viel mediale Aufmerksamkeit. Dass Social-Media auch sehr schöne Momente bereithält, merken die „Kritiker“ von außen häufig nicht.

Deshalb hänge ich mich heute kurz an das Meme #GreatestHits, das gerade durch Twitter läuft. Ausgehend vom angelsächsischen Sprachraum posten Nutzer*innen hier selbstironisch berufstypische Sätze (GreatestHits-Symbolbild: unsplash)

Das ist – ich sage das unironisch erfreut – ein großer Spaß. Denn auch prominentere Nutzer*innen springen auf das Meme auf und zeigen, dass sie durchaus Humor haben. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt, liefert zum Beispiel einen selbstironischen Beitrag (mit Spitze gegen ihren Parteikollegen Andreas Scheuer), auch Medien wie Deutschlandfunk Kultur melden sich auf humorvolle Weise zu Wort.

Ich finde das sehr lustig – und ich mag jeden weiteren Beitrag, der dazu kommt. Ja, auch dann wenn er „zu spät“ kommt und auch wenn er nicht mehr so cool ist, wie die Beiträge, die in den ersten Minuten kamen. Denn als Meme-Freund, der Social-Media mag, kommt man nicht umhin zu derartigen Wellen ebenfalls #GreatestHits zu sagen – sogar im Internet. Diese klingen dann so: „Nein, das wird nicht blöd, nur weil mehr Menschen mitmachen“ oder „Doch ich finde das lustig“ oder „Ja, das ist eigentlich bedeutungslos, aber eben deshalb toll“

Außerhalb des Internets klingen die #GreatestHits eines Internetfreundes eher so: „Das Land hat vielleicht eher ein Nazi- als ein Internet-Problem“ oder „Vielleicht werden gesellschaftliche Probleme durchs Netz eher sichtbar“ oder „Ja, ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was Facebook/Twitter macht“ und „Du weißt aber schon, dass das Internet mehr ist als Google, oder?“

Ich markier mir das jetzt mal – und verweise die Menschen darauf, wenn sie das nächste Mal darüber schimpfen wie schlimm alles ist im Internet. Bis dahin können sie ihre Zeit damit verbringen, sich an Quatsch-Memes wie den #GreatestHits zu erfreuen – oder zu verstehen, was der Unterschied zwischen Web und Internet ist….

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Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Der Typ, der nie übt

Ich habe diese Woche etwas Neues gelernt: Unter den Menschen, die Robert Habeck mögen, gibt es erstaunlich viele, die Twitter und Facebook nicht mögen. Jedenfalls habe ich in den vergangenen Tage zahlreiche Leserbriefe von Menschen bekommen, die genau aus der genannten Präferenzlage heraus super finden, dass Habeck sich bei Twitter und Facebook abgemeldet hat. Denn sie selber verzichten ja schon immer auf diese Dienste, lassen sie mich wissen. Seine Entscheidung ist ihnen Bestätigung ihrer Ablehnung. Sie weckt die Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Option ist, nicht mitzumachen. Dass Habeck weiterhin auf Instagram (aktiv?) ist, bemerken sie dabei nicht.

Sie kritisieren mich, weil ich Anfang der Woche bei der SZ kommentierte, dass Habecks Schritt persönlich vielleicht nachvollziehbar, politisch aber ein sehr falsches Zeichen ist.

Nun kann man völlig zurecht argumentieren, dass diese Entscheidung des Grünen-Chefs ohnehin schon zuviel Aufmerksamkeit bekommt und man sich doch endlich wieder relevanteren Themen zuwenden sollte. Doch das ist eine zweite Erkenntnis dieser Woche: Es gibt erstaunlich viele Menschen, bei denen diese Debatte rund um Social-Media etwas auslöst. Es gibt Gesprächsbedarf in diesem Land.

Diese allgemeine Aufmerksamkeit nutzte Schlecky Silberstein, der Habecks Schritt lobte und ein Twitter-Verbot für Abgeordnete forderte. Deutschlandfunk-Kultur verfiel auf diese Provokation und rief mich heute Mittag an, um den Vorschlag zu sprechen.

Das ist deshalb erwähnenswert, weil entweder die Musikredaktion oder ein sehr schlauer Algorithmus nach dem Gespräch einen Song spielt, der meiner Einschätzung nach das Problem perfekt auf den Punkt bringt: „Der Typ, der nicht übt“ von Niels Frevert handelt zwar inhaltlich nicht von Twitter oder Facebook. Der Titel fasst aber zusammen, was mich stört: dass Habeck nicht lernt und weitermacht, sondern ernsthaft glaubt, dass Löschen eine Lösung sein. Denn: „Es gibt an den sozialen Netzwerken Dinge zu kritisieren, die man auf politischer Ebene dringend angehen sollte“, habe ich heute Mittag im Gespräch mit Max Oppel geantwortet: „Die Frage, wie mit Hasskommentaren dort umgegangen wird. Die Frage, wie man reguliert, dass sie sich der Steuerpflicht entziehen, dass sie den Datenschutz unterwandern. Das sind wichtige politische Fragen. Die werden wir aber nicht lösen, indem wir sagen: „Sehr gut, Herr Habeck hat seinen Account gelöscht.“ Damit wird das Problem ja nicht gelöst. Damit suggeriert man, es gebe eine einfache Lösung für die sehr komplizierte Regulierung von Social-Media-Plattformen.“ (Symbolbild fürs Wegschauen: unsplash)

Das Lied ist aber auch deshalb toll, weil es im vollständigen Titel in Klammern etwas ergänzt, was man auch zu dieser etwas länglichen Debatte ergänzen sollte

Worum es wirklich geht

Es geht darum, dass Social Media eine Herausforderung ist. Keiner hat gesagt, dass es leicht wird mit diesen vielen neuen Dingen. Aber ich glaube, wir müssen uns dem stellen und hinzulernen, wie man die neuen Medien gut nutzt. „Wir kommen nicht umhin“, schrieb ich Anfang der Woche, „uns den Problemen zu stellen – und den immer neuen Versuch zu unternehmen, sie zu lösen. Dabei werden Fehler passieren, wie sie Habeck passiert sind. Lösungen findet aber nur derjenige, der bereit ist, auch weiterhin Fehler zu machen. Diese Bereitschaft scheint Habeck verloren zu haben.“

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

Vielleicht ein ganz gutes Ergebnis der ganzen Debatte: Wir sollten allesamt mehr üben und bereit sein aus Fehlern zu lernen!

Tipps des Jahres 2018 (von Leser*innen des Digitale-Notizen-Newsletters)

In der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann, habe ich die Leserinnen und Leser gefragt: Wie war 2018? Einige haben die konkreten Fragen zum Jahr beantwortet – ihre Einschätzungen und Wertung dokumentiere ich hier (bereinigt um Doppelnennungen) direkt nach meinen eigenen Antworten. Wer sich für Rückblicke interessiert, kann übrigens auch die Digitalen-November-Notizen lesen

Mein Buch des Jahres: Aus der Bücherperspektive war 2018 ein spannendes Jahr für mich. Sowohl "Das Pragmatismus-Prinzip" als auch die "Gebrauchsanweisung für das Internet" sind erschienen. Am liebsten gelesen habe ich aber ein Buch, das schon etwas älter ist. "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" von Haruki Murakami ist mein Buchtipp des Jahres – als Läufer aber auch als Menschen, der vom Laufen etwas für Medien lernen will (Und Rolands großartiges Buch „So sterben wir“ habe ich ja schon im Oktober-Newsletter vorgestellt)
Meine Lieblings-Website: Ich mag diejenigen Seiten, die wirklich noch im offenen Web und nicht in eingemauerten Gärten wachsen.
Meine App des Jahres: Ich mag die Idee von Stoop – eine Art RSS-Reader für Newsletter.
Meine Lieblingskonferenz: Nicht nur weil ich selber in dem tollen Theater in Münster über den Shruggie sprechen durfte, war die TEDx Münster im November meine Konferenz des Jahres. Ich habe dort tolle Vorträge gehört und werde diese sicher hier verlinken, sobald sie online stehen.
Mein Vorsatz 2019: Weil ich es gerade gebloggt habe: ins Handy starren! – aber eigentlich: Weniger mehr

Buchtipp des Jahres 2018

📚 Riad Sattouf: Der Araber von morgen
📚 Andreas Rödder: 21.0
📚 Celeste Ng: Little Fires Everywhere
📚 Mark Manson: The subtle art of not giving a f*ck
📚 Auch wenn es schon etwas älter ist: „89/90“ von Peter Richter, weil es auf beinahe jeder Seite einen Zusammenprall mit meiner Kindheit/ Jugend gab, manchmal unfassbar komisch, manchmal bitter, manchmal traurig.
📚 Natascha Wegelin: „Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen“ (funktioniert für Männer übrigens genauso)
📚 Moritz Fürste: Nebenbei Weltklasse: Aus Liebe zum Sport
📚 Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich
📚 Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe
📚 Das Pragmatismus-Prinzip (nicht schleimend gemeint)
📚 Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
📚 Es ist ein Manga – Lady Snowblod von Kazuo Koike/Kazuo Kamimura. Ein Meisterwerk von 1973, das uns viel über japanische Geschichte des 19. Jahrhunderts lehrt.

Lieblings-Website 2018

ℹ️ Sagt hübsch danke (Der Freitag)
ℹ️ This is 18 (New York Times)
ℹ️ Reddit
ℹ️ Edition F
ℹ️ Nur der FCM
ℹ️ Frag den Staat
ℹ️ AirBnB
ℹ️ Elementarfragen
ℹ️ Tagesschau
ℹ️ Instagram
ℹ️ RadioEins
ℹ️ Groschenphilosophin

Lieblings-App des Jahres 2018

📱 Spielerplus
📱 Bring!
📱 Castro
📱 Finanzguru
📱 Splitwise
📱 1 Second everyday
📱 Wire
📱 Card Crawl
📱 Bahn-Navigator

Lieblingskonferenz 2018

📛 Zündfunk Netzkongress
📛 CCC
📛 Wie jedes Jahr die Konferenz für städtische Pressearbeit und Kommunikation
📛 Agenturcamp Düsseldorf / München
📛 Gautinger Internettreffen
📛 #rp18
📛 Nicht die Republica 18 – der DGB Bundeskongress, weil das mein Job ist.

Vorsatz für 2019

💯 Bessere Laune
💯 Politisch werden. Mitmachen statt Maulen. Nicht Fliegen.
💯 Better done than perfect
💯 Atmen.
💯 Mir noch klarer darüber zu werden, wie ich meine Ressourcen zum einen schonen + nachhaltig nutzen und zum anderen so effektiv wie möglich einsetzen kann.
💯 Mehr kommunizieren
💯 Endlich gelassener werden.
💯 Mehr nein sagen
💯 Mehr online sein ;-)
💯 Mehr analog lesen
💯 Wieder 5 Tage gesetzlichen Bildungsurlaub nehmen und in einer knuffigen Bildungsstätte mit Gleichgesinnten den Kopf qualmen lassen.
💯 Weniger Recht haben!

Mein Newsletter-Vorsatz für 2019: Mehr zuhören!

Deshalb habe ich direkt noch eine Umfrage gestartet. Dabei geht es ums Hören von guten Podcasts (Hashtag #klangstrecke). Wenn Sie dazu Tipps haben (oder gar selber einen Podcast machen) dann bitte hier entlang