Alle Artikel in der Kategorie “kinder

Shruggie des Monats: Wechselunterricht

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Die Frage wie eine Schule sein soll, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen, ist in den vergangenen Monaten etwas überlagert worden. Wie eine Schule sein soll, damit sie die schlimmsten Möglichkeiten für die Gegenwart verhindert, bildet aktuell den Kern der Debatte um die beste Bildung in diesem Land. Wird es nach den Sommerferien wieder Wechselunterricht geben? ist nicht bloß eine Frage, sondern ein emotionales Schreckgespenst für alle an Bildung Beteiligten: Eltern, Kinder, Lehrer:innen – alle leiden an den wechselhaften Erfahrungen aus der Pandemie-Bekämpfung (Symbolbild: unsplash)

Bitte nie mehr sowas, scheint zum einzigen Leitmotiv für die häufig emotionalen Beiträge zum Thema geworden zu sein. Dabei wäre der historische Bruch, den die Pandemie bilden wird, doch eine große Chance die Perspektive umzudrehen und gestaltend zu fragen: Wie soll Schule sein, um die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen?

Wer sich konstruktiv auf die Suche nach Antworten auf die Frage aus dieser Perspektive macht, landet bald bei Paul Reville, der als Bildungsforscher an der Harvard Universität arbeitet. Seit Jahren schon mahnt er Reformen am „one size fits all“-Bildungssystem an, das auch den Unterricht in Deutschland prägt. Aus dem Jahr 2017 stammt ein Gastbeitrag in der Washington Post, in dem Reville ein Bildungssytem fordert, das stärker an den individuellen Interessen und Fähigkeiten der Schüler:innen orientiert ist:

Es stellt sich heraus, dass ein Schulsystem nach dem Fabrikmodell des 20. Jahrhunderts einfach nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügt, um alle Kinder auf hochqualifizierte, wissensintensive Berufe vorzubereiten.

Deshalb sei es wichtig, personalisierten Unterricht anzubieten, der mehr auf die einzelnen Schüler:innen eingehe – und nicht mehr zwingend immer im Klassenverbund und im Schulgebäude stattfindet. Auch Einzelgespräche über Videokonferenzen seien ein notwendiger Bestandteil dessen, was Reville im Gegensatz zum Fabrikmodell das medizinische Modell nennt – also ein Ansatz, der sich an der individuellen Anamnese des und der einzelnen Patient:innen Schüler:innen orientiert.

Wer mit diesem Wissen auf das Modell Wechselunterricht schaut, erkennt darin plötzlich nicht mehr nur Schrecken und ausgedruckte Arbeitsblätter. Wer Schüler:innen individuell fördern will, wird feststellen, dass remote Unterricht über Videokonferenzen dafür äußerst gut geeignet sein kann. Was an besseren Schulen mit gut ausgestattetem Lehrpersonal schon während der Pandemie-Bekämpfung sichtbar wurde, kann auch nach den Sommerferien Anwendung finden: eine andere Betreuung von Schüler:innen im Wechselmodell.

Kleinere Klassen, bessere Betreuung und individuelle Lernförderung sind ja Ziele, die auch völlig unabhängig von der Inzidenz besser sind als die überfüllten Klassenräume des Fabrik-Schul-Modells der Vor-Corona-Zeit. Der Economist hat diesem Ziel unlängst einen ganzen Schwerpunkt gewidmet, der zeigt wie konstruktiv überall bereits an der Schule der Zukunft gearbeitet wird. In den vergangenen Monaten haben Schüler:innen und Lehrer:innen gelernt, dass Unterricht auch digital möglich ist. Wer es sich leisten kann, greift schon heute auf individuelle Einzelförderung zurück, die mancherorts noch Nachhilfe heißt, aber in Wahrheit nichts anderes als Einzelcoaching im Videocall ist.

Damit so etwas auch im klassischen schulischen Kontext möglich wird, braucht es eine Reform des Schulsystem im Sinn des medizinischen Modells, mehr und besser bezahlte Lehrkräfte, die auch vor digitalen Instrumenten nicht zurückschrecken und vor allem einen Wechsel der Perspektive auf Wechselunterricht.

Schulen sind – egal bei welcher Inzidenz – keine Kinder-Verwahranstalten, sondern Orte des Lernens. Es wäre sicher kein Schritt in die falsche Richtung, den Fokus mal wieder auf die Frage zu legen, wie Lernen nicht nur in sondern mit der Schule Spaß machen kann.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Updatepflicht (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was passiert wenn man „Sachen mit digitalen Elementen“ kauft und diese nach einer Weile nicht mehr mit der jeweils aktuellsten Software kompatibel sind? In diesem Monat wurde dazu ein Referenten-Entwurf des Bundesjustizministeriums veröffentlicht, der Aktualisieurungen im BGB zum Thema Aktualisierung vornehmen soll. Der Begriff „Updatepflicht“ steht in dem Entwurf zwar nicht, für nicht Jurist:innen ist das aber die zentrale Antwort, die auf die Einstiegsfrage gegeben werden soll:

Die unterbliebene Bereitstellung von im Kaufvertrag vereinbarten Aktualisierungen begründet einen Sachmangel der Sache mit digitalen Elementen. Darüber hinaus stellen auch fehlerhafte oder unvollständige Aktualisierungen einen Mangel der Sache dar, da dies bedeutet, dass solche Aktualisierungen nicht so ausgeführt werden, wie es im Kaufvertrag festgelegt wurde.

Die Aktualisierungen im Kaufvertragsrecht haben ein Ziel: sie sollen Verbraucher:innen auf dem aktuellen Stand halten. Es soll ihnen künftig möglich sein, auch mit älteren Geräten neue Software nutzen zu können – ohne dass der Kauf eines aktuelleren Gerätes erzwungen wird. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der Verbraucher:innenschutzes ist das eine sehr gute Idee. Sie hat bei mir aber einen weiteren Gedanken ausgelöst: Was wäre eigentlich, wenn wir die Updatepflicht nicht nur für Sachen mit digitalen Elementen denken, sondern für die gesamte Gesellschaft?

Wir leben in einer Welt „mit digitalen Elementen“, wie wäre es, wenn für sie die gleichen Bedingungen gelten wie für „Sachen mit digitalen Elementen“? Das würde bedeuten, dass die fehlende Bereitschaft zum Update einen Sachmangel begründet.

Aus guten Gründen gibt es die Schulpflicht. Der Staat will damit sicherstellen, dass Kinder Zugang zu Bildung haben. Warum endet diese verpflichtende Form der Bildung eigentlich mit dem Schulabschluss? Müssen Menschen nach dem 18. Geburtstag nichts mehr lernen?

Es ist doch im Gegenteil so, dass wir überall hören, dass lebenslanges Lernen in einer komplexen Welt an Bedeutung gewinnt. Wo sind die Institutionen, die dies ermöglichen? Wäre eine Updatepflicht für die Gesellschaft nicht eine gute Möglichkeit, um Menschen jenseits des Schulbesuchs auf dem aktuellen Stand zu halten?

Ich mag die Idee, 15 Jahre nach dem Berufseinstieg ein verpflichtendes Fortbildungsjahr für alle Menschen in diesem Land einzuführen. Und mit dem Begriff „Updatepflicht*“ gäbe es jetzt sogar einen passenden Begriff dafür. Er würde die Tür zu einer verpflichtenden Form der Erwachsenenbildung öffnen. Medienkompetenz, der Umgang mit neuen Technologien, alles, was seit dem eigenen Schulbesuch relevant und wichtig geworden ist (zum Beispiel Sprache), gehört auf den Lehrplan der Updatepflicht. Es wäre nicht nur ein Update für jede:n Einzelne:n, es würde die gesamte Gesellschaft aufs nächste Level heben (Foto: Unsplash)

Und keine Sorge: durch das Erlernen neuer Fähigkeiten gehen die Dinge, die ältere Menschen in der Schule gelernt haben, nicht verloren. Sie werden nur vielleicht nicht mehr alle trainiert. Jason Feifer vom unbedingt empfehlenswerten Podcast „Pessimists Archive“ hat dazu gerade eine sehr interessante Podcast-Folge gemacht, in der er der Frage nachgeht, warum wir eigentlich immer glauben, Technologie würde bestimmte Fähigkeiten sterben lassen. Die Antwort: Wir brauchen eine andere Haltung dem Neuen und Unbekannten gegenüber!

Wann könnte man das besser üben als am Übergang von einem Jahr zum nächsten. Und was wäre besser geeignet um diesen Möglichkeitssinn zu trainieren als eine gesellschaftliches Updatepflicht?


* ich stelle updatepflicht.de übrigens gerne der Kulturminster:innen-Konferenz zur Verfügung ;-)


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem 2020 diese Folgen erschienen sind:
„Inspirierender Journalismus“ (Dezember 2020)
„Die Meinungsmodenschau“ (November 2020)
„Fünf Gründe, sich genau jetzt ernsthaft mit Memes zu befassen (Oktober 2020)
„Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (September 2020)
„Weniger schafft mehr – Das Prinzip Steigerung durch Begrenzung“ (August 2020)
„Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ (Juli 2020)
„Früher ist gar nicht so lange hier – die Sache mit der Nostalgie“ (Juni 2020)
„Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020)
„Glück auf – wir sind nicht allein“ (April 2020)
„Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020),
„Die Empörung der anderen“ (Februar 2020),
„Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020)

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Ich chille mit der Crew, Digga!

Kann es wirklich sein, dass ich nichts finde zu einem der schönsten Ohrwürmer der vergangenen Monate? Klar, ich hab den Song auf Spotify entdeckt. Er heißt „Mafia“ und der rappende Künstler heißt „Lil M.“ Er hat eine Facebook-Seite, auf der ich sehen kann, dass der Song im Oktober 2019 veröffentlicht wurde – und man damals dachte die Zeile „Ich chille mit der Mafia-jaja“ so toll sei, dass man sie als Trailer in einen Clip packte.

Ein Jahr später wissen wir, dass es eine andere Line ist, die Lil M. webbekannt gemacht hat:

ich chille mit der crew digga
wir sind fresher than you digga
wir wollen keinen stress ohne grund
wir haben nur angst vor dein hund

lauten die beiden Paar-Reime, die sich seit einigen Monaten als Runnig Gag duch Tiktok bewegen. Der Satz „ich chille mit der crew digga“ ist dabei so stark geworden, dass er SEO-optimiert sogar im Titel des Clips auf YouTube steht, den Song-Titel erfährt man dort nicht.

Im Clip (Screeshot oben) sieht man den Künstler mit seiner Crew durch die Straßen ziehen und Fußball spielen: „Alle sehen aus wie Ronaldo. Wenn wir ein Tor schießen, machen wir ein Salto“

Auf Tiktok wurde der Song zu einer beliebten Kopiervorlage. Menschen imitieren die crew-digga-Sequenz und stellen sie in neue Kontexte: Über 70.000 neue Clips sind nach Tiktok-Angaben so entstanden und der Satz „ich chille mit der crew digga“ hat sich aus dem Web auf die Schulhöfe bewegt.

Ich glaube, dass man auf deutschen Schulhöfen und Klassenchats mehr Fundstellen zu der Zeile findet als bei Google. Das ist auf unterschiedliche Weise erstaunlich. Man kann es als schwindende Macht von Google lesen, man kann die Kraft der Weiter-Erzähl-Meme und von Tiktok darin erkennen oder die Spaltung zwischen seriösen Medien und der digitalen Jugend.

Oder ich habe einfach nur nicht verstanden, wo ich mehr über Lil M. und seine Crew finden kann.

Ich mag solche Geschichten oder auch jene vom M to the B-Sound, weil sie den Zauber dessen zeigen, was mich zu diesem Buch brachte. Sie zeigen in jedem Fall, welcher Zauber durch die Kraft der digitalen Kopie entstehen kann – und dass es immer noch und immer wieder zufällige Hits gibt, an denen sich Menschen erfreuen können. Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Was sind das für Menschen, die im Auto rauchen? Das sind wir – im Umgang mit der Klimakrise

Was sind das für Menschen, die im Auto in Anwesenheit von Kindern und Schwangeren rauchen? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich diese Woche von der Bundesrats-Initiative gelesen habe, diese passivrauchenden Personengruppen besser zu schützen (Foto: Unsplash). Der von fünf Bundesländern eingebrachte Vorschlag sieht vor, dass das Rauchen „in geschlossenen Fahrzeugen in Anwesenheit von Minderjährigen oder Schwangeren“ verboten sein und mit einem Bußgeld von bis zu 3000 Euro belegt werden soll.

Aber: Was sind das für Menschen, denen ein solches Bußgeld droht? Menschen, die ihre Gewohnheiten nicht mal zum Schutz künftiger Generationen ändern wollen. Menschen, denen die eigenen Interessen in der Gegenwart wichtiger sind als das Wohlergehen der Kinder in Zukunft. Es sind gar nicht so wenige, kann man im Artikel meiner SZ-Kollegen Anna Fischhaber und Oliver Klasen nachlesen. Sie zitieren aus dem so genannten Tabakatlas, den Karin Schaller beim Deutschen Krebsforschungszentrum erstellt. „Aus dem Tabakatlas ergibt sich auch, dass Kinder außer in der Wohnung vor allem im privaten Pkw Qualm ausgesetzt sind. Zwar rauchen demzufolge etwa zwei Drittel der Raucher, die Kinder haben, im Auto nicht, das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass „hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland schätzungsweise etwa 800 000 Kinder und Jugendliche im Auto ihrer Eltern passiv rauchen“, sagt Schaller.“

Ich bin kein Raucher, aber ich kann nicht nachvollziehen, wie man in Anwesenheit von Kindern im Auto ein Zigarette anzünden kann. Für ein Drittel aller Raucher in Deutschland scheint das aber offenbar kein Problem zu sein. Das hat mich in den vergangenen Tagen sehr beschäftigt – dann ging ich zur Klimastreik-Demo am Freitag auf dem Münchner Königsplatz (auf dem Weg hörte ich übrigens das neue Album von Thees Uhlmann) und habe dort Schülerinnen und Schüler beobachtet, die empört auf das Klimapaket der Großen Koalition reagierten und plötzlich fragte ich mich: Was sind das für Menschen, die ihre Gewohnheiten nicht mal zum Schutz künftiger Generationen ändern wollen? Menschen, denen die eigenen Interessen in der Gegenwart wichtiger sind als das Wohlergehen der Kinder in Zukunft? Die Menschen, die im Auto in Anwesenheit von Kindern rauchen, das sind wir. Sie sind eine Metapher für den Zustand der Gesellschaft, der in der Klimadebatte ein fundamentaler Generationenkonflikt droht. Denn in der Klimakrise regt sich lauter Widerstand von der Rückbank. Die kommende Generation begehrt auf und kämpft gegen die Abgase, die vor allem von und durch jene produziert werden, die sich nicht ändern wollen. Darin zeigt sich die Konfliktlinie in der Auseinandersetzung der Generationen, über den ich unlängst in der SZ schrieb:

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, rufen die Schülerinnen und Schüler seit einer Weile jeden Freitag auf den Demos, die von Greta Thunberg begonnen wurden. Die Proteste der Jüngsten in diesem Land richten sich natürlich zunächst gegen die verkorkste Klimapolitik aller Merkel-Regierungen der vergangenen Jahre. Aber in den Protesten drückt sich auch ein Widerstand gegen die Zukunftsverweigerung und Gegenwartsleugnung dieser Gesellschaft aus. Es ist ein Aufbegehren für einen offenen Umgang mit dem Neuen, fürs Gestalten. Der Schulstreik ist ein klarer Protest gegen die Bewahrer und Mahner in diesem Land, die von ihrer eigenen Erinnerung leben und dabei vergessen, an der Antwort auf die Frage zu arbeiten: Was wollt Ihr eigentlich mal hinterlassen?

Hoffentlich mehr als Zigarettenstummel im Auto-Aschenbecher.

Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Blogstöckchen: Wie nutzt du dein #smarterphone?

Der Streit um Handys hört nicht auf: Machen sie abhängig? Müssen wir unsere Kinder vor ihnen schützen? Weil mich diese immer gleiche Debatte nervt, möchte ich einen Schritt vorwärts versuchen – ich möchte Antworten auf die Frage sammeln: Wie geht man anständig mit dem Smartphones um?

Denn ich glaube, dass wir diesen Umgang lernen müssen. Am besten gelingt dies, wenn wir uns gegenseitig daran teilhaben lassen, was gut funktioniert und was nicht. Denn vielleicht sind es nur kleine Einstellungen (z.B. alle Notification ausschalten), die die Nutzung erleichtern (Foto: James McKinven Unsplash)

In der New York Times hat gerade Nellie Bowles davon berichtet, warum sie ihr Smartphone nur noch in grau nutzt. Mit Freude habe ich gelesen, wie Joi Ito seinen digitalen Alltag gestaltet (auch wenn es dabei kaum ums Handy geht) und auch diese Interview-Reihe beim Gmailgenius mag ich, in der Menschen von ihrer Mail-Praxis berichten. Wer es gerne etwas pädagogischer hat: Hier erklären Wissenschaftler, wieviel Bildschirmzeit sie ihren Kindern gestatten. Denn es gibt nicht nur die panischen Wissenschaftler, die in deutschen Medien prominente Plätze bekommen. Es gibt auch Studien wie jene von Samuel Veissière, der zu dem Ergebnis gekommen ist: „Wir sind abhängig von sozialem Austausch, nicht von Smartphones“

Ich möchte deshalb eine Idee aus guten alten Blogzeiten reaktivieren: die Blogstöckchen genannte Umfrage. Ich habe einen kleinen Fragebogen zusammengestellt, den ich auch an Menschen ohne Blog schicke um in der nächsten Folge meines Newsletters einige praktische Beispiele für die Handy-Nutzung zeigen zu können.

Bis es soweit ist, lade ich aber jede und jeden ein, das Stöckchen aufzufangen und unter dem Hashtag #smarterphone mitzumachen: Wie nutzt du dein Smartphone? (Ich verlinke die Antworten weiter unten kontinuierlich in diesem Eintrag)

Name: Dirk von Gehlen
verbringt seinen Tag als… Autor und Journalist bei der SZ
nutzt ein: iPhone 6

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Das perfekte Werkzeug für immer mehr Dinge. Eine große Hilfe, die ich nicht mehr missen möchte. Müsste ich von heute auf morgen auf mein Smartphone verzichten, wäre ich sehr traurig. Das ist übrigens kein Beweis für eine Abhängigkeit, sondern der Beleg dafür was für eine großartige Erfindung das Smartphone ist.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Laut Batterie-Nutzung der letzten Tage: Instagram, Twitter, Mail und Feedly

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Telefonieren

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Am schwierigsten finde ich hier Anrufe. Sie kommen immer ungebeten und stören stets das Gespräch, das man gerade führt. Mails, Slack oder andere Botschaften können asynchron dann beantwortet werden, wenn man Zeit hat. Deshalb empfinde ich es manchmal als äußerst angenehm, auch abends Mails beantworten zu können. Kurzum: Keine feste Regelung.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
iMessage, Signal und WhatsApp – von Leuten, die mir sehr wichtig sind.

Warum?
Weil ich glaube, dass 90 Prozent der Aufreger-Debatten über Smartphones sich auf eine falsche Notification-Politik beziehen: Wer sich von jedem Dienst jederzeit stören lässt, verwendet das Instrument nicht richtig. Daran ist aber das Instrument nicht schuld…

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Beim gemeinsamen Essen keine Medien. Leider auch keine Zeitungen.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Ich dachte mal eine Weile, smartphonefreie Tage wären sinnvoll. Habe es wiederholt ausprobiert, aber keinen tieferen Sinn darin gefunden. Deshalb, nur die wichtigste aller Regeln: Handy aus am Steuer!

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
„Mobiltelefone sind keine Drogen, die per se abhängig machen, sondern Werkzeuge, deren Handhabung die Gesellschaft noch nicht gelernt hat.“ (via)

Ich werfe dieses Stöckchen Sara Weber, Johannes Kuhn und Heiko Bielinski zu.

SmarterPhone-Beiträge gibt es z.B. von:
* Johannes Kuhn
* Sebastian Meineck
* Heiko Bielinski
* Hakan Tanriverdi
* Benjamin Birkenhake
* Birte von Gedeih und Verderb
* Nico Brünjes
* Thomas Puppe
* Marcus von Jordan
* Caspar C. Mierau
* Dirk Hansen
* Fabian Neidhart

Webdesign-Sommercamp in München

In den Ferien ins Internet: das ist die Ziel des Webdesign-Sommercamps, das Alexander Hoffmann und Philip Frank Anfang September in München anbieten. Das Besondere dabei: die beiden wollen Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren Wege ins Netz zeigen. Ich habe Alexander dazu ein paar Fragen gestellt.

Zur Zeit sind in Bayern Sommerferien. Ihr bietet trotzdem einen Kurs für Jugendliche von 10 bis 15 Jahre an. Warum?
Der Kurs findet in der letzten Woche der Sommerferien statt, wenn die meisten Jugendlichen wieder aus dem „Urlaub“ zurück sind. Wenn ich mich an die wenigen Tage vor Schulbeginn zurückerinnere, habe ich sie zum Zocken von Computerspielen genutzt.

Wir möchten daher die Zeit nutzen und den Jugendlichen ohne Ablenkungen aus dem Schulalltag ein qualitativ hochwertiges Programm bieten, um einerseits Berührungsängste abzubauen und natürlich um zu zeigen, wie spannend die Welt der Programmierung sein kann.

Das ganze heißt „Webdesign Sommercamp“. Es gibt Leute, die behaupten, dass Jugendliche eh zuviel Zeit im Internet verbringen. Warum sollen sie jetzt auch noch Webdesign lernen?
Gerade deshalb glauben wir daran, dass Jugendliche zumindest die Grundlagen des Internets verstehen sollten, da sie es tagtäglich nutzen: Was passiert eigentlich, wenn man eine Website aufruft? Was sind Cookies, IP-Adressen oder Webserver? Wo liegen eigentlich die Daten, wenn man eine Website im Internet veröffentlichen will? Denn nur wer die Grundlagen versteht, kann sich besser vor Gefahren und Sicherheitsrisiken schützen.
Zudem eignet sich Webdesign hervorragend, um schnelle Erfolgserlebnisse bei der Programmierung zu erzielen und um ein langfristiges Interesse zu wecken. Zwar ist jetzt HTML streng genommen keine Programmiersprache, aber hier bekommen die Jugendlichen bereits ein Gefühl dafür, was es eigentlich bedeutet, wenn sie sich nur in ein paar Zeichen vertippen oder mal ein Zeichen vergessen. Das Ergebnis sehen sie sofort im Browser.

Und was sagst Du denjenigen, die finden, dass Kinder und Jugendliche möglichst wenig Zeit im Netz verbringen sollen?
Theoretisch brauchen die Jugendlichen kein Internet, um Programmieren zu lernen. Wir unterrichten z. B. an einer Schule bei der wir (leider) ohne Wlan auskommen müssen, weil externe Partner keinen Zugriff darauf haben dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Es kommt natürlich immer darauf an, was die Kinder und Jugendlichen im Netz machen. Ich kenne z. B. einen geflüchteten Jugendlichen, der das Internet wortwörtlich aufsaugt und sich Webdesign und Grafikdesign selbst beibringt, weil er dort die Lerninhalte in seiner Sprache findet.
Oder ein anderer Fall: ein 12-Jähriger, der bereits mehrere Open Source Projekte unterstützt hat und damit so viel IT-Wissen angesammelt hat, dass er locker die Prüfung zum IHK Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung bestehen könnte. All das mithilfe des Internets.

Kannst Du ein bisschen was zu den Kurs-Inhalten sagen? Was zum Beispiel ist ein Twitter-Bootstrap?
Das ist ein Framework, mit dem man viel schneller und einfacher eine Website umsetzen kann, die sich auch auf mobile Endgeräte anpasst. Also responsive ist.


Ein Punkt heißt „Wie funktioniert das Internet?“…

Du öffnest deinen Browser und besuchst eine Website. Klingt simpel, aber was steckt eigentlich dahinter und woraus besteht dieses weltweite Netzwerk? Wir vermitteln den Jugendlichen einen Überblick über die Technologie, Geschichte und Politik des Internets und wie es uns in Echtzeit mit Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Hier erfährst du woraus sich dieses fast schon magische Phänomen in den letzten 25 Jahren entwickelt hat.

Und die anderen Inhalte?
HTML Grundlagen
Die Teilnehmer lernen, wie man Inhalte in einer Website definiert, die Website damit strukturiert und sie von Anfang an suchmaschinenfreundlich gestaltet.

CSS Grundlagen
In dem Abschnitt lernen die Jugendlichen, wie einfach es ist, die Schriftfarben oder Hintergrundbilder auszutauschen oder der Website ein schönes Layout zu verpassen.

JavaScript / Scratch
Die Jugendlichen erlernen hier die typischen Elemente einer Programmiersprache am Beispiel von JavaScript oder Scratch. Das ist besonders interessant für ihre Zukunft, da sich die Programmierkonzepte (Bedingungen, Schleifen, Variablen) in fast allen Programmiersprachen sehr ähneln.
Kennen sie eine Programmiersprache, erlernen sie damit sehr schnell eine weitere. Und sind die Konzepte einmal verinnerlicht, ändert sich auch die Denkweise hinsichtlich der Konzeption und Entwicklung von Algorithmen.
Die Jugendlichen bauen mit den gelernten JavaScript-Grundlagen ihren eigenen Vokabel-Test, um danach noch besser ihre Vokabeln aus der Schule üben zu können und um eigene Gamification-Ansätze auszuprobieren. Z. B. Vokabel-Test auf Zeit, Multiplayer-Modus, usw. Die Jugendlichen können selbst entscheiden, wie sie ihren Vokabel-Test anpassen.

Was ist das übergeordnete Ziel eurer Kurse: Was wollt ihr damit erreichen?
Wir wollen Berührungsängste abbauen und Menschen für IT-Themen begeistern.

Das Webdesign-Sommercamp vom 4. bis 9. September ist kostenlos. Es wird gemeinsam von Alexander Hoffmann, Gründer von COOK and CODE (Programmierkurse) und CHECK24 veranstaltet. Der Kreisjugendring München-Stadt stellt das Café Netzwerk als Location zur Verfügung. Hier kann man sich anmelden!

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Ein Interview mit den Machern des Hamburg App Camps

Warum der Spiegel in allen Generationen mehr Smartphone-Gelassenheit üben sollte

Eine ganze Woche ohne Handy?„, fragte die Spiegel-Hausmitteilung in der aktuellen Ausgabe „Schon Erwachsenen würde das schwerfallen, aber Kinder und Heranwachsende sind von ihrem Smartphone noch stärker abhängig – glauben jedenfalls viele Erwachsene.“ Mit diesen Worten wird die aktuelle Ausgabe des Kindermagazins „Dein Spiegel“ angekündigt, in der eine 13jährige Autorin eine Woche lang auf ihr Smartphone verzichtet.

Auf dem Titelbild des Magazins, das gestern erschienen ist, wurde der Kopf eines Karohemd-Trägers durch das Flushed-Face-Emoji ersetzt. Dessen gerötete Wangen beziehen sich laut Emojipedia auf einen Fehler bzw. eine peinliche Situation. Aber nicht die Macher*innen des Heftes schauen wegen der Titelzeile auf diese Weise aus der Wäsche. Die Leser*innen sind gemeint. Ihnen soll ein schlechtes Gewissen gemacht werden: „Bin ich handysüchtig?“ steht über dem Emoji-Kopf.

Und es ist klar welches Ergebnis das als „Der grosse Test“ angekündigte Coverthema zu Tage fördert: Du, junger Leser machst, einen Fehler. Du, junge Leserin musst erröten, „Dein Spiegel“ hat dich bei einem Fehler oder einer peinlichen Situation ertappt. Mal abgesehen davon, dass dies die vermutlich unsympathischste Haltung ist, die ein Magazin seiner Leserschaft gegenüber einnehmen kann: Was soll das?

Im Heft folgt ein gemeinsam mit Klicksafe entwickelter Fragebogen zur Smartphone-Nutzung, den ich gar nicht im Detail kommentieren will.

Was ich aber kommentieren will, ist die wenig konstruktive Panikmache die in dieser Ansprache sichtbar wird. Ein solches Titelbild trägt überhaupt nicht dazu bei, einen im Wortsinn gesunden Umgang mit Smartphones einzuüben. Durch die Verwendung des Suchtbegriffs wird ein Krankheitszusammenhang suggeriert, der mindestens diskutabel ist. Durch die Wahl des Emojis wird ein schlechtes Gewissen ob eines Fehlverhaltens angedeutet. Und in der Gesamtschau fügt sich damit ein rein angstgetriebener Blick auf Smartphones, der keinen Platz lässt für Gestaltungsfreude, Kreativität oder eigene Lösungen.

Dieses Titelbild fügt sich im besten Sinne in die Abhängigkeits-Berichterstattung, die der Spiegel im vergangenen Sommer in seiner Ausgabe für Nicht-Kinder gewählt hat. Beide sind aus zahlreichen Gründen ärgerlich und wecken in mir den Wunsch, den Macher*innen das Emoji „Person Shrugging“ vorzustellen. Denn darin steckt eine Haltung, die weniger angstgetrieben, kulturpragmatisch auf die Welt schaut und Ausdruck einer beim Spiegel in allen Generationen dringend überfälligen Perspektive ist: der Smartphone-Gelassenheit.


Mehr zum Thema:
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>> Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung
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>>> Smartphones in die Schule – ein Interview
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>>> Die Idee Kulturpragmatismus
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>>> Das Shruggie-Prinzip

Das könnte ich sein! Warum die lustigen Kinder, die den Vater im Interview stören, eine politische Forderung illustrieren

Es ist über zehn Jahre her, dass der Begriff „Rush Hour des Lebens“ über Fachkreise hinaus bekannt wurde. Im Siebten Familienbericht der Bundesregierung im Jahr 2006 wurde jene Phase im Leben junger Erwachsener so beschrieben, in der sich zahlreiche wichtige Lebensentscheidungen ballen – und gleichzeitig die Anforderungen wachsen, Familie, Partnerschaft und Beruf miteinander in Einklang zu bringen.

Es ist erst wenige Stunden her, da sorgten Marion und James Kelly für die bestmögliche Bebilderung dieser Rush Hour des Lebens. Die beiden vier Jahre und neun Monate alten Kindern des Politik-Wissenschaftlers Robert Kelly sprengten ein Live-Interview, das ihr Vater der BBC gab. Während der Experte für koreanische Politik über die Amtsenthebung der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye sprach, tanzte erst Marion in einem leuchtend gelben Pullover ins Bild und wenig später folgte ihr kleiner Bruder. Ihr Auftritt wurde zu einem echten Phänomem!

Ein paar sehr sehr lustige Momente vergehen bis Kellys Frau Jung-a Kim ins Zimmer stürzt und die Kinder hektisch aus dem Home-Office-Raum und damit auch aus dem Bild zerrt. Auch das ist – bei aller Panik in ihrem Gesicht – sehr lustig. Robert Kelly entschuldigt sich und vielleicht muss er auch ein wenig schmunzeln, immerhin hört man im Hintergrund Kinderprotest. Marion und James wären offenbar lieber noch beim Papa geblieben.

Man kann diese Fernseh-Szene als Beweis für das Dilemma des Home-Office genannten Phänomens betrachten, dass immer mehr Menschen dort arbeiten wo sie auch wohnen (ist das vorne rechts eigentlich das Bett der Familie Kelly?). Ich finde aber, dass dieses Viral-Video vor allem die herausragend humorvolle Bebilderung der Situation ist, in der fast alle meine Freunde und Bekannte sind, die laut Familienbericht in der Rush Hour des Lebens stecken: Marion und James Kelly ist heute etwas geglückt, womit sich Parteien und Medien derzeit etwas schwer tun: Sie haben ein Bild geschaffen, mit dem sich eine ganze Generation identifizieren kann.

„Das könnte ich sein“, haben sich Menschen in sehr unterschiedlichen Kontinenten heute offenbar gedacht als sie die Szenen der gestressten Eltern sahen. Und ich habe in meiner Timeline von zahlreichen Bekannten gelesen, dass sie es nicht nur gedacht, sondern auch geschrieben haben.

Das ist einerseits sehr schön, weil die humorvolle Reflektion sicher hilfreich ist, besser mit Stress umzugehen. Es steckt andererseits aber in diesen Bildern und ihrer Timeline-Kommentierung auch eine politische Chance: Gifs können – das hat unlängst erst Barack Obama bewiesen – Politik bestimmen. Und die Gifs und Bilder, die Marion und James heute geliefert haben, sind die Grundlage für die Forderung, an der Situation der gestressten Rush-Hour-Elterngeneration politisch etwas zu ändern.

Denn die Szene ist deshalb so toll, weil keiner der Beteiligten alleine etwas ändern kann. Es ist ein strukturelles Dilemma, das hier illustriert wird (bezeichnenderweise in der als klassisch beschriebenen Geschlechter-Arbeits-Verteilung) – und nur wir als Zuschauer Gesellschaft können eine Lösung erarbeiten: Ich habe keinen einzigen Kommentar im Netz gefunden, der die Kinder als Störung beschrieben hat. In keiner Sprache, die ich verstehe, habe ich einen Vorwurf an die Eltern gelesen. Und nahezu niemand beschwerte sich darüber, dass hier doch die Arbeit (also die politische Kommentierung) nachhaltig Schaden nehme. Alle drei Punkte bekommen Eltern aber zu spüren (und manchmal sogar zu hören), wenn sie in der Rush Hour des Lebens in die wenig modernen Gassen klassischer Arbeitsstruktur einbiegen.

Wenn man die Straßen für die hohen Belastungen des Berufsverkehrs umgestalten will (und das sollte die Forderung sein, die man aus der Metapher ableitet), dann braucht man dafür ein höheres gesellschaftliches Problembewusstsein. Als bei der letzten Bundestagswahl der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück dazu einen Anlauf unternahm, scheiterte er nicht nur damit. Robert Franken konstatierte Ende vergangenen Jahres:

Eine progressive, gegen alle Widerstände zielorientierte und kämpferische Personalabteilung muss man ebenso mit der Lupe suchen wie einen CEO, der Diversity und Gender Equality zu (seiner) Chefsache erklärt – und zwar jenseits bloßer Lippenbekenntnisse.

Vielleicht geht von den Bildern von Marion und James ja ein Signal für die kommende Bundestagswahl aus!

loading: b-cared

„Das ist die Crowdfunding-Kampagne, die Leben retten wird“, beginnt der Pitchfilm von b-Cared auf Visionbakery. Denn es geht um einen selbsttätigen Notruf für Menschen, die Hilfe brauchen. Gergely Teglasy hat den loading-Fragebogen dazu beantwortet.

Was macht ihr?
Wir haben das Notfall-System b-cared entwickelt, das sich speziell an ältere Menschen und ihre Angehörigen richtet. Der Benutzer braucht dafür nur das, was er ohnehin hat und kennt – sein Handy. Im Unterschied zu anderen Systemen (z.B. Notruf-Armbändern) erkennt b-cared Notfälle und alarmiert ausgewählte Kontakte (z.B. den Nachbarn), Betreuungsorganisationen oder Rettungsdienste selbsttätig. Der Clou dabei ist, dass diese Alarmierung nicht vom Nutzer erolgen muss, sondern bei Ausbleiben einer vorgegebenen Reaktion erfolgt.

Warum macht ihr es so?
Viele ältere Personen finden das Tragen von Hausnotruf-Armbändern und ähnlichen Alarmierungshilfen stigmatisierend und fühlen sich durch fixe Basisstationen in ihrer Mobilität massiv eingeschränkt. Ein Nachteil gängiger Systeme ist zudem, dass die Person selbst in der Lage sein muss, einen Notruf auszulösen. Mit b-cared schaffen wir gemeinsam eine zeitgemäße, die Mobilität nicht einschränkende Alternative zum Hausnotruf und zu Notfall-Armbändern.

Wer soll ich dafür interessieren?
Unsere Hauptzielgruppen sind allein lebende, ältere Menschen bzw. ihre Angehörigen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es bereits mehr als 16 Millionen Menschen über 65 Jahren, die alleine leben. Diese leben beständig in der Gefahr, dass ein Notfall nicht oder viel zu spät von möglichen Helfern wahrgenommen wird. Wir alle kennen Fälle, in denen jemand tagelang hilflos in seiner Wohnung lag und zu spät entdeckt wurde. Mit b-cared wollen wir hier eine Lösung anbieten. Im Rahmen der aktuellen Crowdfunding-Kampagne arbeiten wir zudem mit Sozialvereinen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, die 100 Jahres-Abos erhalten, WENN wir die Zielsumme erreichen.

Wie geht es weiter?
Wir haben bereits einen stabilen funktionierenden Prototyp entwickelt und ausführliche Usertests erfolgreich abgeschlossen. All das haben wir bisher zu zweit finanziert und wir arbeiten mit voller Kraft daran, dass b-cared immer besser wird. Was uns noch fehlt ist die serverseitige Implementierung. Mit dieser können die Helfer (Kinder, Enkel, Nachbarn, Rettungsdienste u. a.) auf aktuelle Notfalldaten (wie z. B. die letzte bekannte Position etc.) zugreifen, um rasch helfen zu können.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Erhält das Projekt bis zum 02.08.2015 14:35 mindestens 28.800,00 € wird es finanziert. Nur wenn das Crowdfunding-Ziel erreicht wird, wird es b-cared geben. Und kann vielen Menschen in Notsituationen helfen, sogar Leben retten.

>>> b-cared hier unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: