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Updatepflicht (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was passiert wenn man „Sachen mit digitalen Elementen“ kauft und diese nach einer Weile nicht mehr mit der jeweils aktuellsten Software kompatibel sind? In diesem Monat wurde dazu ein Referenten-Entwurf des Bundesjustizministeriums veröffentlicht, der Aktualisieurungen im BGB zum Thema Aktualisierung vornehmen soll. Der Begriff „Updatepflicht“ steht in dem Entwurf zwar nicht, für nicht Jurist:innen ist das aber die zentrale Antwort, die auf die Einstiegsfrage gegeben werden soll:

Die unterbliebene Bereitstellung von im Kaufvertrag vereinbarten Aktualisierungen begründet einen Sachmangel der Sache mit digitalen Elementen. Darüber hinaus stellen auch fehlerhafte oder unvollständige Aktualisierungen einen Mangel der Sache dar, da dies bedeutet, dass solche Aktualisierungen nicht so ausgeführt werden, wie es im Kaufvertrag festgelegt wurde.

Die Aktualisierungen im Kaufvertragsrecht haben ein Ziel: sie sollen Verbraucher:innen auf dem aktuellen Stand halten. Es soll ihnen künftig möglich sein, auch mit älteren Geräten neue Software nutzen zu können – ohne dass der Kauf eines aktuelleren Gerätes erzwungen wird. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der Verbraucher:innenschutzes ist das eine sehr gute Idee. Sie hat bei mir aber einen weiteren Gedanken ausgelöst: Was wäre eigentlich, wenn wir die Updatepflicht nicht nur für Sachen mit digitalen Elementen denken, sondern für die gesamte Gesellschaft?

Wir leben in einer Welt „mit digitalen Elementen“, wie wäre es, wenn für sie die gleichen Bedingungen gelten wie für „Sachen mit digitalen Elementen“? Das würde bedeuten, dass die fehlende Bereitschaft zum Update einen Sachmangel begründet.

Aus guten Gründen gibt es die Schulpflicht. Der Staat will damit sicherstellen, dass Kinder Zugang zu Bildung haben. Warum endet diese verpflichtende Form der Bildung eigentlich mit dem Schulabschluss? Müssen Menschen nach dem 18. Geburtstag nichts mehr lernen?

Es ist doch im Gegenteil so, dass wir überall hören, dass lebenslanges Lernen in einer komplexen Welt an Bedeutung gewinnt. Wo sind die Institutionen, die dies ermöglichen? Wäre eine Updatepflicht für die Gesellschaft nicht eine gute Möglichkeit, um Menschen jenseits des Schulbesuchs auf dem aktuellen Stand zu halten?

Ich mag die Idee, 15 Jahre nach dem Berufseinstieg ein verpflichtendes Fortbildungsjahr für alle Menschen in diesem Land einzuführen. Und mit dem Begriff „Updatepflicht*“ gäbe es jetzt sogar einen passenden Begriff dafür. Er würde die Tür zu einer verpflichtenden Form der Erwachsenenbildung öffnen. Medienkompetenz, der Umgang mit neuen Technologien, alles, was seit dem eigenen Schulbesuch relevant und wichtig geworden ist (zum Beispiel Sprache), gehört auf den Lehrplan der Updatepflicht. Es wäre nicht nur ein Update für jede:n Einzelne:n, es würde die gesamte Gesellschaft aufs nächste Level heben (Foto: Unsplash)

Und keine Sorge: durch das Erlernen neuer Fähigkeiten gehen die Dinge, die ältere Menschen in der Schule gelernt haben, nicht verloren. Sie werden nur vielleicht nicht mehr alle trainiert. Jason Feifer vom unbedingt empfehlenswerten Podcast „Pessimists Archive“ hat dazu gerade eine sehr interessante Podcast-Folge gemacht, in der er der Frage nachgeht, warum wir eigentlich immer glauben, Technologie würde bestimmte Fähigkeiten sterben lassen. Die Antwort: Wir brauchen eine andere Haltung dem Neuen und Unbekannten gegenüber!

Wann könnte man das besser üben als am Übergang von einem Jahr zum nächsten. Und was wäre besser geeignet um diesen Möglichkeitssinn zu trainieren als eine gesellschaftliches Updatepflicht?


* ich stelle updatepflicht.de übrigens gerne der Kulturminster:innen-Konferenz zur Verfügung ;-)


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem 2020 diese Folgen erschienen sind:
„Inspirierender Journalismus“ (Dezember 2020)
„Die Meinungsmodenschau“ (November 2020)
„Fünf Gründe, sich genau jetzt ernsthaft mit Memes zu befassen (Oktober 2020)
„Im Gegenteil! Drei Versuche über Vernunft (September 2020)
„Weniger schafft mehr – Das Prinzip Steigerung durch Begrenzung“ (August 2020)
„Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit“ (Juli 2020)
„Früher ist gar nicht so lange hier – die Sache mit der Nostalgie“ (Juni 2020)
„Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020)
„Glück auf – wir sind nicht allein“ (April 2020)
„Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020),
„Die Empörung der anderen“ (Februar 2020),
„Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020)

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Irgendwer will nicht, dass du das hier liest

Stell dir mal vor, es würde stimmen: Irgendwer würde nicht wollen, dass du das hier liest. Sofort würde dein Interesse an diesen Zeilen sprunghaft ansteigen. Du willst schließlich selbst entscheiden, was du liest und was nicht. Also klickst du nicht nur auf diesen Artikel, sondern du fühlst dich auch sofort ein bisschen überlegen, wenn du ihn liest. Du hast dich gegen die Unterdrücker zur Wehr gesetzt.

Ich möchte, dass du diesen Text liest. Ob jemand tatsächlich etwas dagegen hat, kann ich nicht sagen. Ich sage dir aber: Es ist höchste Vorsicht geboten bei Texten, die mit dieser Behauptung beginnen. Sie sind nämlich darauf angelegt, deine Aufmerksamkeit zu angeln. Da macht auch dieser Text keine Ausnahme. Ich möchte dir nämlich etwas anbieten. Dir und anderen Menschen, die man in diesem Jahr als Corona-Leugner bezeichnet hat. Ich bin sehr wütend auf euch und ich bin sehr anderer Meinung als ihr, aber ich weiß hoffe, dass du nicht doof bist. Deshalb will ich euch ein Angebot machen (Foto: unsplash):

Lasst uns die vorweihnachtliche Zeit zur Besinnung nutzen und diesen unsäglichen Streit beenden.

Dazu habe ich zwei konkrete Vorschläge: Lass dich auf den Verdacht ein, dass die anderen auch das Beste wollen – und komme zurück auf die Ebene der Vernunft.

Ich habe gerade die Geschichte von einem Mann gelesen, der in Leipzig auf einer Querdenker-Demo war und jetzt auf der Intensivstation liegt. Ich finde, das ist eine sehr traurige Geschichte. Der Mann tut mir leid. Ich hoffe, es geht ihm bald besser. Ich sage das ohne Häme oder Besserwisserei, denn ich bin davon überzeugt: Niemand will, dass wir gerade alle zusammen in dieser anstrengenden, beängstigenden Lage stecken. Kein Mensch und auch keine Organisation hat das so geplant, es ist viel schlimmer: Das Virus überfordert uns alle.

Wieviel einfacher wäre die Welt, wenn ich meine Überforderung auf eine geheime Macht zurückführen könnte, statt auf dieses unsichtbare Virus. Sofort hätte ich einen konkreten Feind, gegen den ich vorgehen könnte. Meine Angst und meine Überforderung könnte ich umdrehen, ich könnte sie in Wut wenden und in politischen Kampf: Die Dings-Lobby oder die Angstmacher-Kaste würde ich angehen, mit voller Wucht würde ich kämpfen. Vielleicht sogar auf die Straße gehen und all ihre Symbole angreifen.

Es ist aber viel schlimmer: Es gibt diese geheime Macht nicht. Die Politikerinnen und Politiker, die auf deinen Demos in Sträflingskleidung gezeigt werden, sind genauso überfordert wie du. Sie haben keinen geheimen Plan, keine perfide Absicht. Sie versuchen das Gesundheitssystem zu erhalten, das dafür sorgt, dass auch der Mann in Leipzig intensivmedizinisch versorgt werden konnte.

Das ist die eine Bitte, die ich habe: Lass den Verdacht zu, dass die anderen die gleichen Wünsche für eine gute Welt haben wie du. Alle, die du bekämpfst, wünschen sich am Ende das gleiche wie du: Gesundheit für ihre Kinder und für sich. Sie wollen diese schreckliche Situation überstehen und verhindern, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht.

Und die zweite Bitte lautet: Komm zurück ins Spektrum der freiheitlichen-demokratischen Grundordnung. Du solltest dich nicht mit Leuten gemein machen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden und du könntest dich daran erinnern, was den Kern von Humanismus und wissenschaftlicher Erkenntnis ausmacht: der Geist der Aufklärung. Es ist egal, ob der Querdenker aus Leipzig an das Virus glaubt oder nicht, das Virus existiert.

Die Bundeskanzlerin hat dies in dieser Woche im Bundestag in beeindruckender Klarheit auf den Punkt gebracht. Als sie die bedrückend hohen Todeszahlen nannte, gab es einen Zwischenruf aus den AfD-Reihen („alles nicht erwiesen“), auf den Merkel so reagierte:

Wissen Sie, das ist der Unterschied. Das ist schade, aber nicht so schlimm. Ich glaube an die Kraft der Aufklärung: dass Europa heute dort steht, wo es steht, hat es der Aufklärung zu verdanken und dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte. Ich habe mich in der DDR für das Physikstudium entschieden (…), weil ich ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft, die Lichtgeschwindigkeit und andere Fakten nicht. Und das wird auch weiter gelten.

Du glaubst, dass diejenigen, die eine andere Meinung haben als du, Teil einer großen Verschwörung sind. Die Lage ist gerade total unübersichtlich, da kann man sowas schon mal glauben. Aber am Ende dieses Jahres kann man sich kurz besinnen und sich fragen: Was wäre eigentlich, wenn „die anderen“ nicht an einer geheimen Verschwörung basteln? Was wäre, wenn sie schlicht versuchen, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Lösungen zu finden? Was wäre, wenn das alles deshalb so chaotisch und ungeplant ist, weil es eben keinen Plan gibt?

Deshalb wende ich gleich noch einen zweiten Trick an, den Aufmerksamkeits-Angler gerne nutzen. Ich fordere dich auf: Teile diesen Text, von dem irgendwer nicht will, dass du ihn liest! Denn: Bitte leite das unbedingt weiter! ist eine Aufforderung, die genau so hellhörig machen sollte wie die Behauptung, Medien würden irgendwas verschweigen oder die Dings-Lobby würde verhindern wollen, dass du irgendetwas erfährst. Das Netz ist voller Informationen, mit zwei Klicks kannst du alles erfahren, was deine Meinung bestätigt. Umso wichtiger ist es, auf Basis der Wissenschaft und Vernunft zu bleiben.

In der ersten Corona-Welle im Frühjahr haben sich zwei Texte, die ich hier im Blog geschrieben habe, sehr deutlich im Web verbreitet. An einem Tag im Mai hatte ich 140.000 Visits auf dieser Seite, weil diese „Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende“ ausführlich geteilt wurden. Das ist ganz schön viel – nicht nur für so ein Blog wie meins. Deshalb schreibe ich diese vorweihnachtliche Vernunftbitte, weil ich hoffe, dass sie Menschen erreicht, die vor lauter Stress und Angst in diesem Jahr einfach ein bisschen blöd abgebogen sind. Diese weihnachtlichen Tage sind ein guter Zeitpunkt zur Besinnung – im Wortsinn.

Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline

Die Empörung der Anderen. So startest du deine private Entpörungs-Welle (Digitale Februar-Notizen)