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Irgendwer will nicht, dass du das hier liest

Stell dir mal vor, es würde stimmen: Irgendwer würde nicht wollen, dass du das hier liest. Sofort würde dein Interesse an diesen Zeilen sprunghaft ansteigen. Du willst schließlich selbst entscheiden, was du liest und was nicht. Also klickst du nicht nur auf diesen Artikel, sondern du fühlst dich auch sofort ein bisschen überlegen, wenn du ihn liest. Du hast dich gegen die Unterdrücker zur Wehr gesetzt.

Ich möchte, dass du diesen Text liest. Ob jemand tatsächlich etwas dagegen hat, kann ich nicht sagen. Ich sage dir aber: Es ist höchste Vorsicht geboten bei Texten, die mit dieser Behauptung beginnen. Sie sind nämlich darauf angelegt, deine Aufmerksamkeit zu angeln. Da macht auch dieser Text keine Ausnahme. Ich möchte dir nämlich etwas anbieten. Dir und anderen Menschen, die man in diesem Jahr als Corona-Leugner bezeichnet hat. Ich bin sehr wütend auf euch und ich bin sehr anderer Meinung als ihr, aber ich weiß hoffe, dass du nicht doof bist. Deshalb will ich euch ein Angebot machen (Foto: unsplash):

Lasst uns die vorweihnachtliche Zeit zur Besinnung nutzen und diesen unsäglichen Streit beenden.

Dazu habe ich zwei konkrete Vorschläge: Lass dich auf den Verdacht ein, dass die anderen auch das Beste wollen – und komme zurück auf die Ebene der Vernunft.

Ich habe gerade die Geschichte von einem Mann gelesen, der in Leipzig auf einer Querdenker-Demo war und jetzt auf der Intensivstation liegt. Ich finde, das ist eine sehr traurige Geschichte. Der Mann tut mir leid. Ich hoffe, es geht ihm bald besser. Ich sage das ohne Häme oder Besserwisserei, denn ich bin davon überzeugt: Niemand will, dass wir gerade alle zusammen in dieser anstrengenden, beängstigenden Lage stecken. Kein Mensch und auch keine Organisation hat das so geplant, es ist viel schlimmer: Das Virus überfordert uns alle.

Wieviel einfacher wäre die Welt, wenn ich meine Überforderung auf eine geheime Macht zurückführen könnte, statt auf dieses unsichtbare Virus. Sofort hätte ich einen konkreten Feind, gegen den ich vorgehen könnte. Meine Angst und meine Überforderung könnte ich umdrehen, ich könnte sie in Wut wenden und in politischen Kampf: Die Dings-Lobby oder die Angstmacher-Kaste würde ich angehen, mit voller Wucht würde ich kämpfen. Vielleicht sogar auf die Straße gehen und all ihre Symbole angreifen.

Es ist aber viel schlimmer: Es gibt diese geheime Macht nicht. Die Politikerinnen und Politiker, die auf deinen Demos in Sträflingskleidung gezeigt werden, sind genauso überfordert wie du. Sie haben keinen geheimen Plan, keine perfide Absicht. Sie versuchen das Gesundheitssystem zu erhalten, das dafür sorgt, dass auch der Mann in Leipzig intensivmedizinisch versorgt werden konnte.

Das ist die eine Bitte, die ich habe: Lass den Verdacht zu, dass die anderen die gleichen Wünsche für eine gute Welt haben wie du. Alle, die du bekämpfst, wünschen sich am Ende das gleiche wie du: Gesundheit für ihre Kinder und für sich. Sie wollen diese schreckliche Situation überstehen und verhindern, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht.

Und die zweite Bitte lautet: Komm zurück ins Spektrum der freiheitlichen-demokratischen Grundordnung. Du solltest dich nicht mit Leuten gemein machen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden und du könntest dich daran erinnern, was den Kern von Humanismus und wissenschaftlicher Erkenntnis ausmacht: der Geist der Aufklärung. Es ist egal, ob der Querdenker aus Leipzig an das Virus glaubt oder nicht, das Virus existiert.

Die Bundeskanzlerin hat dies in dieser Woche im Bundestag in beeindruckender Klarheit auf den Punkt gebracht. Als sie die bedrückend hohen Todeszahlen nannte, gab es einen Zwischenruf aus den AfD-Reihen („alles nicht erwiesen“), auf den Merkel so reagierte:

Wissen Sie, das ist der Unterschied. Das ist schade, aber nicht so schlimm. Ich glaube an die Kraft der Aufklärung: dass Europa heute dort steht, wo es steht, hat es der Aufklärung zu verdanken und dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte. Ich habe mich in der DDR für das Physikstudium entschieden (…), weil ich ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft, die Lichtgeschwindigkeit und andere Fakten nicht. Und das wird auch weiter gelten.

Du glaubst, dass diejenigen, die eine andere Meinung haben als du, Teil einer großen Verschwörung sind. Die Lage ist gerade total unübersichtlich, da kann man sowas schon mal glauben. Aber am Ende dieses Jahres kann man sich kurz besinnen und sich fragen: Was wäre eigentlich, wenn „die anderen“ nicht an einer geheimen Verschwörung basteln? Was wäre, wenn sie schlicht versuchen, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Lösungen zu finden? Was wäre, wenn das alles deshalb so chaotisch und ungeplant ist, weil es eben keinen Plan gibt?

Deshalb wende ich gleich noch einen zweiten Trick an, den Aufmerksamkeits-Angler gerne nutzen. Ich fordere dich auf: Teile diesen Text, von dem irgendwer nicht will, dass du ihn liest! Denn: Bitte leite das unbedingt weiter! ist eine Aufforderung, die genau so hellhörig machen sollte wie die Behauptung, Medien würden irgendwas verschweigen oder die Dings-Lobby würde verhindern wollen, dass du irgendetwas erfährst. Das Netz ist voller Informationen, mit zwei Klicks kannst du alles erfahren, was deine Meinung bestätigt. Umso wichtiger ist es, auf Basis der Wissenschaft und Vernunft zu bleiben.

In der ersten Corona-Welle im Frühjahr haben sich zwei Texte, die ich hier im Blog geschrieben habe, sehr deutlich im Web verbreitet. An einem Tag im Mai hatte ich 140.000 Visits auf dieser Seite, weil diese „Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende“ ausführlich geteilt wurden. Das ist ganz schön viel – nicht nur für so ein Blog wie meins. Deshalb schreibe ich diese vorweihnachtliche Vernunftbitte, weil ich hoffe, dass sie Menschen erreicht, die vor lauter Stress und Angst in diesem Jahr einfach ein bisschen blöd abgebogen sind. Diese weihnachtlichen Tage sind ein guter Zeitpunkt zur Besinnung – im Wortsinn.

Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline

Die Empörung der Anderen. So startest du deine private Entpörungs-Welle (Digitale Februar-Notizen)

Wie ist es für den Bundestag zu kandidieren? Interview mit dem Münchner SPD-Kandidaten Bernhard Goodwin

Wenn der Politiker, der von einem Wahlplakat blickt, ein Bekannter ist, schaut man mit anderen Augen auf den Wahlkampf: Zumal wenn es ein SPDler in Bayern ist. Ich kenne Dr. Bernhard Goodwin von der Uni und habe seinen Wahlkampf im Wahlkreis 220 München West/Mitte sehr genau verfolgt. Er hat in diesem Wahlkreis 23 Prozent der abgegebenen Erststimmen erhalten – und damit nicht gewonnen. Ich habe ihn dazu befragt, wie es ist, für den Bundestag zu kandidieren.

Fangen wir mit einer Offenlegung an: Du warst Bundestagskandidat in meinem Wahlkreis im Münchner Westen. Ich habe dir meine Stimme gegeben, du hast nicht gewonnen. Fühlst du dich als Verlierer?
Ich bin der Wahlverlierer. Da bin ich über anderthalb Jahre gerannt und am Ende hat ein anderer den Job. Aber mir haben auch fast 45.000 Leute ihre Stimme gegeben. Das ist der schönere Gedanke, ich versuche mich stärker daran zu halten.

Eine zweite Offenlegung: Ich habe deine Geschichte nach der Wahl einigen Grundschülern erzählt, die nach einer verlorenen Klassensprecherwahl deprimiert waren. Ich habe dich als Beispiel für eine funktionierende Demokratie angeführt, die eben nicht nur davon lebt, dass nur der- oder diejenige kandidiert, die am Ende auch gewählt wird. Sondern dass man die Wahl hat. Als Unbeteiligter kann man das aber natürlich auch leicht sagen. Hat sich die ganze Kandidatur auch mal so angefühlt für dich?
Das ist natürlich schon ein Aspekt, gerade am Ende der Wahl, wenn man alles gibt, auch wenn man sich ja die Chancen realistisch ausrechnen kann. Dann sprechen einen schon Leute an und sagen: Du weißt doch selbst, dass du es nicht schaffst. Dann habe ich geantwortet: Was wäre die Alternative? Nach Hause gehen und heulen? Nein: natürlich ziehe ich durch bis zum Ende und auch mit voller Kraft. Das hat mich übrigens auch an Martin Schulz beeindruckt, der das auch so gemacht hat. Ich habe übrigens selbst schon Klassensprecherwahlen verloren. Einmal war es dann so, dass unsere Klasse später im Schuljahr ein Problem mit unserer Englischlehrerin hatten und die gewählten Klassensprecher sich nicht getraut haben zu ihr gehen. Ich habe mich schon getraut. Dann hat unsere Klassenlehrerin Neuwahlen angesetzt und ich bin gewählt worden.

In der Zeit vor der Wahl warst du enorm präsent in meiner Nachbarschaft. Ich habe dich ständig gesehen: auf den Plakaten, auf Veranstaltungen, an Wahlkampfständen. Erzähl mal ein wenig vom Leben als Kandidat. Ist das so anstrengend wie es auf mich als Beobachter wirkt?
Ja, das ist schon sehr anstrengend. Von 6 Uhr morgens bei Frühverteilungen bis abends um 23 Uhr die Abendveranstaltung vorbei ist. Wobei der direkte Bürgerkontakt eher entspannend ist. Wenn du drei Stunden lang in der früh am S-Bahnhof stehst und Leute anlächelst, dann bist du irgendwann auch gut gelaunt. Meine Leute haben mir gesagt, dass ich manchmal zu lange mit Menschen geredet habe, die mich sowieso nicht wählen würden. Das ist ein taktischer Fehler, weil es ja Energieverschwendung ist. Aber mich interessiert halt, was die Menschen zu sagen haben. Pöbeleien steckt man weg, auch wenn man sich denkt: das ist schon ungerecht mir jetzt vorzuwerfen ich würde mir die Taschen voll machen. Anstrengend ist eher das Organisatorische. Da hatte ich aber glücklicherweise Leute, die mir sehr geholfen haben. Und man fragt sich immer: Ist es genug? Könnte ich nicht noch mehr machen? Das hat mir häufig auch den Schlaf geraubt – im Wortsinne. Zwischendrin habe ich ja noch in meinem sehr fordernden Beruf gearbeitet. In der Zeit war alles bei mir auf Kante genäht. Wenn dann privat etwas schmerzhaftes passiert, dann konnte ich das nicht mehr so gut ausgleichen, dann bin ich bei mir über meine Belastungsgrenze gegangen. So ist zum Beispiel vor einem Jahr ein lieber Freund und Kollege überraschend gestorben. Das hätte mich schon in normalen Zeiten aus der Bahn geworfen. Jetzt hat es mich niedergeschmettert. Ich habe vieles emotional auf nach der Wahl verschoben und bin jetzt dabei mich zu sortieren.

Und musstest du auch selber Geld zuschießen? Z.B. um Plakate zu drucken oder Helfer zu bezahlen?
Die SPD ist eine Arbeiterpartei. Da darf die Kandidatur nicht an Beiträge des Kandidaten gebunden sein. Ich habe trotzdem einen ordentlichen Betrag gespendet, weil ich es mir leisten konnte. Etwa einen Monatslohn von mir. Das Meiste hat die Partei bezahlt – also die Mitgliedsbeiträge meiner Genossinnen und Genossen hier vor Ort. Es gab auch Spenden. Insgesamt haben wir einen niedrigen fünfstelligen Betrag ausgegeben. Meine Helfer habe ich nicht bezahlt: das war die größte Spende: sicherlich 100.000-200.000 Euro in ehrenamtlicher Arbeit habe ich bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar und diese Unterstützung hat mich auch immer getragen, wenn es für mich hart war. Weil sie machen das ja wirklich selbstlos für die Partei und ein bisschen auch für mich.

Haben Leute dich auf der Straße erkannt? Hinter deinem Rücken getuschelt?
Ich habe nicht gemerkt, dass jemand über mich getuschelt hätte. Aber ich bin schon häufig erkannt worden. Das ist ja auch der Sinn von so Plakaten. Die hänge ich ja nicht auf, weil ich so ein hübscher Kerl bin. Die hänge ich auf, damit die Menschen mit mir ins Gespräch kommen. Häufig war es auch so, dass die Leute mich zwar erkannt haben, aber nicht genau wussten woher. Dann haben sie gefragt: Kennen wir uns aus dem Elternbeirat? Kennen wir uns von der Arbeit? Ich habe dann gesagt: Ich bin Ihr SPD-Bundestagskandidat. Ich habe auch häufig ein Namensschild getragen. Beim ersten Mal war mir das etwas peinlich in der U-Bahn. Ich habe mir dann aber gedacht: wenn dir das jetzt schon peinlich ist, dann warte erst bis dein Gesicht viele hundert Mal auf Plakaten im Stadtbild gedruckt ist.

Wie hat dein persönliches Umfeld reagiert als klar war, dass du für den Bundestag kandidierst?
Die meisten haben es kommen sehen und haben mich sehr unterstützt. In der Arbeit haben sie gesagt „Wir drücken dir die Daumen und du wirst das gut machen. Aber uns wirst du schon fehlen“ Einmal hat mir mein Neffe von einer Berlinreise ein Bild von der Reichstagskuppel geschickt mit dem Kommentar, da drunter ist dein Platz. Solche kleinen netten Gesten haben mir immer gut getan.

Und wie ist das Kandidatenleben in der Partei und der Bezug zur Bundespolitik? Hast du jetzt die Handy-Nummer von Martin Schulz?
Nein, die habe ich nicht. Aber ich wüsste, wie ich ihn erreichen kann. Es ist natürlich cool mit dem Kanzlerkandidat Miniatur-Windräder bei den Stadtwerken zusammenzulöten oder mit der Familienministerin auf der Auer Dult Kettenkarussell zu fahren. Wichtiger waren mir aber die langen Gespräche mit unserer Stadtspitze und anderen Vertretern unserer Stadtgesellschaft. Denn mir ging es immer darum, herauszukriegen, was München von Berlin braucht und nicht umgekehrt.

Ist das Image von Politikern tatsächlich so schlecht wie immer alle sagen? Hattest du mit Anfeindundungen zu kämpfen?
Ich hatte einmal folgendes Erlebnis bei einem Infostand in Laim. Ein Typ Mitte vierzig läuft an mir vorbei und raunt: Volksverräter! Ich frage: Was haben Sie gesagt? Er: Arschloch! Ich: Was ist ihr Problem? Er reckt nur noch einen Stinkefinger in die Höhe und ist davon. In den Moment nimmt eine ältere Bürgerin eine meiner Broschüren schaut sich mein Bild darauf an und sagt: ein schöner Mann. Ich werde mich an diese positiven Erinnerungen halten. Die Einstellung gegenüber den Politikern ist leider meist eher allgemein negativ – nicht auf mich als einzelnen Kandidaten bezogen. Ich finde das ungerecht, jetzt wo ich selbst erlebt habe, was es bedeutet sich so einer Wahl zu stellen. Klar gibt es auch unter den Politikern unangenehme Typen. Aber ich habe jetzt viele kennengelernt die wirklich dass Wohl ihrer Mitmenschen im Blick haben, die natürlich Macht wollen, aber eben um das Land besser zu machen. Ich habe in allen demokratischen Parteien solche Menschen kennengelernt. Es ist für mich ein Versagen unserer Medien, dass diese Realität als Normalfall nicht bei den Menschen ankommt. Ich plädiere nicht für Kuscheljournalismus, sondern für eine korrekte Vermittlung dieser Realität, dass unsere Politikerinnen und Politiker unter Einsatz von körperlicher und seelischer Gesundheit, unter Gefährdung ihrer Beziehungen, ihrer beruflichen Chancen und unter Verzicht auf mögliche lukrativere Angebote für die Gestaltung unserer Welt einsetzen.

Ab wann wusstest du, dass es nicht reichen wird?
Erst am Wahlabend – ich habe bis zuletzt gehofft. Aber ich habe es natürlich vorher geahnt. Bei aller berechtigten Kritik an Umfragen geben sie schon den wahrscheinlichsten Wahlausgang wieder und, dass ich in meinem Wahlkreis kein komplett anderes Ergebnis als im Rest des Landes haben werde, war mir auch klar. Ich denke nach dem versemmelten TV-Duell war das nicht mehr zu gewinnen.

Kannst du einen oder mehrere Gründe benennen, weshalb du jetzt nicht in Berlin bist?
Die Bundeskampagne war nicht gut. Sie war zu wirr und nicht mutig genug. Wir haben nicht verloren, weil wir etwas falsch gemacht hätten, sondern weil wir nichts falsch machen wollten. Martin Schulz war ein super Kandidat, hat sich aber nicht getraut mit den 100 Prozent im Rücken sich auch im Willy-Brandt-Haus durchzusetzen. Auch nicht gegen Hannelore Kraft in NRW, die gemeint hat sie könne im Schlafwagen die Wahlen gewinnen. In München hätte ich die Wahl nicht gewinnen können, aber ich hätte sie auch nicht so sehr verlieren müssen. Ich denke ich habe zwar mit Wohnen, Infrastruktur, Betreuung und Einkommen in dieser teuren wachsenden Stadt auf die richtigen Themen gesetzt, aber ich habe keine Lösungen angeboten, die die Leute leicht verstehen konnten. Es ist so in München: wenn du eine günstige Wohnung hast, dann freust du dich über dein Glück. Wenn du keine günstige Wohnung hast, dann ist es für viele die Schuld der SPD. Das liegt daran, weil wir schon so lange Verantwortung tragen hier. Die Wahrheit liegt dazwischen. Aber wir müssen das, was wir für diese Stadt durchsetzen besser kommunizieren und wir müssen grundsätzliche Antworten finden auf das Wohnraumproblem und die anderen von mir angesprochenen Probleme. Da habe ich schon Lösungen, aber die passen nicht so leicht auf ein Plakat.

Gibt es etwas, was du im Rückblick anders machen würdest?
Ganz viel. Aber wenn ich mir ehrlich in die Augen gucke, dann weiß ich, dass ich vermutlich auch kein substanziell anderes Ergebnis hätte erreichen können. Ich fand, dass ich zum Beispiel eine überraschend passive Pressearbeit gemacht habe. Das hätte ich besser machen können. Aber die Frage ist auch: was hätte ich dann stattdessen weggelassen?

Hattest du nach der Wahl nochmal Kontakt mit einem deiner Gegenkandidaten? Vielleicht sogar mit dem neuen MdB Stefan Pilsinger von der CSU?
Ich habe allen drei gewählten Kandidaten aus meinem Wahlkreis gratuliert und freue mich auch darauf in Kontakt zu bleiben. Stephan Pilsinger und ich hatten ein höfliches und distanziertes Verhältnis. Ich bin nicht wirklich mit ihm warm geworden. Mit Lukas Köhler von der FDP habe ich mich am besten verstanden – nicht politisch aber menschlich und intellektuell. Ich glaube er ist ein guter Abgeordneter für seine Partei.

Du hast erzählt, dass du weiter Politik machen wirst. Kannst du mal den Hauptgrund sagen, warum du in den Bundestag willst?
Ich glaube, ich wäre ein guter Abgeordneter für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und für meine Partei. Ich bin jemand der gut Probleme lösen kann, der seine eigenen Interessen hintan stellt, der gut mit Menschen umgehen kann. Viele in meiner Partei sagen mir, dass sie meinen Wahlkampf gut fanden, weil ich mich nicht ausgeruht habe, sondern mit vollem Engagement und voller Kraft – von Umfragen und Rückschlägen unbeirrt – das durchgezogen habe. Mit einem ehrlichen freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Gibt es so etwas wie eine wichtige Lehre, die du aus der Kandidatur gezogen hast?
Die soziale Spaltung dieser Stadt ist real und sie gefährdet unser aller Wohlstand. Eine ältere Dame hat mir erzählt: ich habe eine gute Rente und eigentlich keine Probleme – ich kann mir alles leisten. Aber jetzt merke ich, wie ich einsam werde, weil es meinen Freundinnen nicht so geht. Ich kann mit ihnen nicht in Urlaub fahren, weil sie sich das nicht leisten können. Wenn ich frage, ob wir in ein Kaffee gehen wollen, dann haben sie keine Zeit. Ich weiß, dass es eigentlich am Geld liegt. Ich würde sie ja einladen, aber dafür schämen sie sich. Diese Geschichte und ähnliche Geschichten zeigen mir, dass Armut unsere Gesellschaft zerstört. Es geht nicht nur um die Menschen, die keine Teilhabe an unserer Gesellschaft haben, sondern auch um die Gesellschaft, die von diesen Menschen abgetrennt wird. Ein Polizist hat das in einem Gespräch mit mir verschämte Armut genannt. Nur weil wir sie nicht offen sehen in München, heißt es nicht, dass sie nicht da ist.

Mehr über Dr. Bernhard Goodwin auf seiner Website goodwin.de

Die Welt im Bundestag; und die davor

Viel hatte ich erwartet, nur sicher kein Schild mit Twitter-Hashtag. Aber der Unterausschuss trägt die Angabe „Neue Medien“ im Namen und das scheint zu verpflichten. Zum Beispiel dazu, diesen Namen in Kurzform zu kondensieren und auf ein kleines Schild neben den Vorsitzenden Sebastian Blumenthal zu stellen: #UANM

Ich war am Montag in der Sitzung des Unterausschuss Neue Medien des Deutschen Bundestag zu Gast, als so genannter Sachverständiger. Das Thema „Vermarktung und Schutz kreativer Inhalte im Internet“.

Unter diesem Schlagwort kann man auf Twitter allerlei Spam nachlesen (ein Problem, das Twitter übrigens bald lösen sollte, dass beliebte Hashtags derart blockiert werden). Aber auch eine Livekommentierung der Einschätzungen, die die Sachverständigen zum Thema abgaben, kann man nachlesen. Schutz, so der Eindruck der vorab verschickten Fragen, scheint vor allem durch höhere Strafen möglich zu sein. Jedenfalls dominierte die Bewertung des von Prof. Schwartmann verfassten Gutachtens zum so genannten Warnhinweismodell den ersten Teil der Debatte. Dabei kamen – wie Spiegel Online wie ich finde sehr richtig bewertet – die rechtlichen und gesellschaftlichen Bedenken klar zum Ausdruck. Im zweiten Teil ging es dann um Geschäftsmodelle im digitalen Raum, was Florian Drücke (Bundesverband der Musikindustrie) zu der halb ernsten, halb spaßigen Feststellung brachte, dass derjenige, der dazu Ideen hat, doch Risikokapitalgeber suchen und es ausprobieren solle. Er traf damit einen von zwei Punkten an der aktuellen Debatte auffielen.

Punkt eins dreht sich um die Frage: Warum muss sich ein Bundestagsunterausschuss eigentlich mit Geschäftsmodellen befassen?

Klar, es geht um gesetzliche Rahmenbedingungen und um ein Verständnis dafür, wie Kunst und Kultur im Zeiten der Digitalisierung entstehen. Aber im Kern basiert die Fragestellung auf der Annahme, dass ein funktionierendes Urheberrecht zwingend dazu führen müsse, dass die gelernten Geschäftsmodelle weiterhin funktionieren bzw., dass es da eine kausale Verbindung gebe. Aber: Ist das so? Sollte der Gesetzgeber sich tatsächlich aus dieser Perspektive mit den Folgen der Digitalisierung befassen?

Meine Zweifel begründen sich an folgendem Gedankenspiel: Selbst wenn Veränderungen des Urheberrechts (durch Warnhinweis-Modelle, härtere Strafen oder auch pädagogische Kampagnen) tatsächlich dazu führen würden, dass niemand mehr P2P-Netzwerke nutzen und illegal kopieren würde, blieben trotzdem ein paar Probleme, die an den bisherigen Geschäftsmodellen nicht spurlos vorbeigehen, wie das Beispiel Musik zeigt: Menschen können trotzdem einzelne Songs statt ganzer Alben kaufen. Wenn man dies auf einen angenommenen Wert von zehn Einzelsongs statt zehn Zehnerpakete (also Musikalben) im Jahr hochrechnet, ist man bei Beträgen von zehn mal 99 Cent einerseits und zehn Mal 9.90 Euro (oder sogar noch mehr) vormals. Ein Unterschied um den Faktor zehn, der in keiner Weise mit dem illegalen Kopieren im Zusammenhang steht und von einem verschärften Urheberrecht auch nicht eingefangen werden könnte. Und von diesem ohnehin geschrumpften Umsatz muss dann auch noch ein Anteil an Apple, Amazon oder einen anderen Anbieter abgeführt werden, über dessen Plattform der Verkauf abgewickelt wurde.

Zudem stellt sich die Frage: Haben nicht Anbieter wie simfy oder Spotify das Interesse am Albumkauf zusätzlich gesenkt? Also müsste man nicht von der (ohnehin theoretischen) Zahl der zehn Alben im Jahr zwei weitere (oder mehr?) abziehen, weil die gar nicht so gut waren wie angenommen und den Streaming-Test nicht bestanden haben? Es wäre durchaus verständlich, wenn die Entscheidung zum Kauf von Musik eine höhere Hürde bewältigen muss als früher. Denn der Erwerb von cool aufgeladenen Abspielgeräten für Musik (und andere digitalisierte Kunst) schlägt im Haushaltsbudget eines Musikfans durchaus ebenfalls zu Buche. Denn die iPods, iPads und iPhones müssen ja auch bezahlt werden. Ein weiterer Faktor, der die möglichen Musikumsätze senkt, ohne dass dies in irgendeiner Verbindung zu einem restriktiven oder lockeren Urheberrecht stehen würde. Ich frage mich deshalb, ob es angemessen ist, mögliche Umsatzrückgänge so eng in eine Verbindung zu einer Veränderung des Urheberrechts zu stellen.

Die zweite Beobachtung basiert auf einer interessanten Differenz zwischen dem Inneren des Paul-Löbe-Hauses (wo die Sitzung statt fand) und der Welt davor. Denn die Welt außerhalb des Bundestages ist – wenn man die öffentlichen Meinungsäußerungen der vergangenen Wochen verfolgt – vor allem von der Frage aufgebracht, ob das Urheberrecht nun alsbald aufgeweicht oder gar abgeschafft wird. Alle Äußerungen von Sven Regeners Wutrede bis zum „Wir sind die Urheber“-Aufruf vergangene Woche gründen sich auf dieser Annahme. Im Inneren des Bundestags hingegen ist eine ganz andere Frage Thema: nämlich die Verschärfung des Urheberrechts. Das Warnhinweismodell, das heute debattiert wurde, ist jedenfalls nicht als Abbau der Urheberrechte zu sehen. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung vor dem Bundestag und im seinem Inneren ist durchaus erstaunlich.

Der mittlerweile ja schon fast berühmten „Versachlichung der Debatte“, die von allen Seiten gefordert wird, wäre es sicherlich dienlich, diese Diskrepanz im Sinne einer realistisichere Darstellung aufzulösen.

Berichte zu der Sitzung gibt es auch bei Spiegel Online, in der FAZ und auf stern.de

Die SPD und das Urheberrecht

„Wir haben starke Grundrechte in unserem Grundgesetz verankert, aber die hindern uns manchmal, einfache, klare Lösungen zu finden.“

Die SPD hat in ihrer Bundestagsfraktion eine filmpolitische Sprecherin. Sie heißt Angelika Krüger-Leißner und hat sich laut heise.de mit obigen Worten zum Thema „Internet-Piraterie“ geäußert. Jetzt könnte man meinen, sie lobe damit den Sinn der Grundrechte (Menschen, die so genannte einfache, klare Lösungen fordern, Einhalt zu bieten), doch Frau Krüger-Leißner hat anderes im Sinn. Sie ist offenbar genau auf der Suche nach einfachen Lösungen, deshalb findet sie auch Gefallen am französischen Oliviennes-Modell.

Gut, dass sie das vor der Wahl gesagt hat, die filmpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.