Tatsächlich mehr 8 geben

Vielleicht darf man Denis Scheck gar nicht böse sein. Da kommt jemand mit Kamera und Mikro auf ihn zu und will von ihm wissen, wie er zum Urheberrecht steht. Also läuft der Fernsehmoderator los und redet in Kamera und Mikro. Weil er gebildet und gewitzt rüberkommen will, sagt er nicht einfach nur „Urheberrecht find ich gut“, sondern bemüht das Lateinische und erklärt, schon Cicero habe mit der Piratenpartei Piraten zu tun gehabt und – ist ja klar – diese zum Feind aller Menschen erklärt: „communis hostis omnium“ sagt Scheck und im Überschwang der Überlegenheit ergänzt er mit Blick auf „neue Piraten“: „Gegen alte Feinde helfen altbewährte Mittel.“

Schecks Auftritt wurde im Rahmen des Welttags des Geistigen Eigentums in dieser Woche auf der Website wir-geben-8.net veröffentlicht, die im Auftrag der VG Wort erstellt wurde. Auf YouTube, das zum Konzern Google gehört, wird das Video kostenfrei zugänglich gemacht. Ein Angebot, von dem bisher noch keine 500 Zuseher Gebrauch gemacht haben.

Google ist übrigens auch hilfreich, wenn man rausfinden möchte, welche „altbewährten Mittel“ Denis Scheck meinen könnte. Wer nach Schecks Zitat sucht, landet z.B. auf dieser Fundstelle in Google-Books, die von einer Gefangnahme Julius Caesars berichtet, die nur durch eine Lösegeldzahlung an die Piraten beendet wurde:

Kaum in Freiheit, schaffte Caesar es, mittels gemieteter Schiffe, die Piraten zu fangen. Er ließ sie, wie in Gefangenschaft angekündigt, kreuzigen.

Vielleicht muss man Denis Scheck also sehr wohl böse sein. Von Beiträgen zur Urheberrechtsdebatte sollten wir – nach Regeners Wutanfall und Acta-Protesten – etwas mehr Tiefgang erwarten dürfen als unfallfreies Laufen vor der Kamera. Seit zu Beginn des Jahres 2012 die Auseinandersetzung um die digitale Kopie und ihre Folgen hochkochte, haben sich nicht wenige Menschen bemüht, in anstrengenden Gesprächen, Diskussionen und Debatten den Boden für einen angemessenen Umgang – miteinander und mit den Herausforderungen der Digitalisierung – zu bereiten. Die Bemühungen sind auf beiden Seiten zu beobachten. Downloader wie Verwerter mühen sich und Downloader wie Verwerter müssen sich ins Gesicht geschlagen fühlen von eloquent vorgetragener Ahungslosigkeit wie Denis Scheck sie in der genannten Kampagne zur Aufführung bringt.

Wie genau lautet der Vorschlag, den Scheck unterbreiten möchte? Welche altbewährten Mittel will er nutzen um mit der digitalen Kopie umzugehen? Selbst wenn man zu seinem Besten unterstellt, dass die Kreuzigungsfundstelle nur einen unglücklichen Kontext herstellt, bleiben dennoch zwei gravierende Probleme mit Schecks Statement und der Kampagne, in die es eingebettet ist:

Zunächst ignoriert der Beitrag die vergangenen Monate. Er hat die Anschlussfähigkeit eines Brunftschreis in einem artfremden Gehege. Hier will jemand ein Revier markieren, ohne zu bemerken, dass diese Markierung alle Grenzen überschreitet. Selbst wenn die Aussage – weniger gewitzt – einfach nur gelautet hätte „Urheberrecht find ich gut“ (von dem Format sind andere Beiträge auf der Seite), krankt sie aber noch an einem zweiten Problem: Sie ist keine Antwort auf die Herausforderung. Denn natürlich ist das Urheberrecht wichtig, darüber streitet in Wahrheit niemand. Die Auseinandersetzung muss im Sinne einer offenen Gesellschaft über die Frage geführt werden, welche Durchsetzungsmaßnahmen die Gesellschaft für angemessen hält – und wie man die Akzeptanz des Urheberrechts steigert. Und hier wird das ganze Dilemma der 8-geben-Kamapagne (übrigens auch eine Website für Kleintierpflege) offensichtlich: Die Wortmeldungen auf der Seite legen nahe, der Herausforderung der digitalen Kopie sei allein und zuvorderst durch moralische Kampagnen zu begegnen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller betonen, dass ihre Arbeit etwas wert sei, dass sie bezahlt werden müsse. Sie sagen aber nicht, warum das jetzt zur Debatte stehen könnte. Sie weisen nicht darauf hin, dass die digitale Kopie den Vertrieb von Inhalten revolutioniert. Sie blenden aus, dass wir erstmals in der Geschichte der Menschheit identische Duplikate herstellen können. Sie sagen einfach nur, dass man das Wert schätzen solle, weil sie sonst kein Geld verdienen. Im Statement des Übersetzers Hinrich Schmidt-Henkel kann man raushören, dass diese angemessene Bezahlung nicht unbedingt mit dem Publikum, sondern vielleicht auch mit dem Verhalten der Rechteverwerter zu tun hat. Trotzdem suggeriert die Kampagne genau das: Wenn sich nur einfach alle moralisch gut verhalten, gibt es gar keine Probleme. Dass man über die Frage von Moral in dem Zusammenhang durchaus streiten kann, taucht dabei gar nicht auf (siehe dazu das Dilemma des Teilens), weil ja eben auch die Realität der digitalen Kopie nicht wirklich thematisiert wird.

Das ist deshalb schade, weil genau hier sich ja das Prinzip einer Verwertungsgesellschaft begründet: Wo individuelle Moralappelle nicht greifen, gibt es das Modell der Pauschalabgaben. Eine Verwertungsgesellschaft hat ihre Begründung genau darin, Vergütung für Werknutzung sicherzustellen, die nicht durch direkte Bezahlung erfolgt. Genau darauf sollte eine Kampagne einer Verwertungsgesellschaft ausgerichtet sein. Sie sollte das in den Vordergrund stellen, was Thomas Brusig auf der Kampagnenseite schreibt:

Die VG Wort bringt das Kunststück fertig, das Urheberrecht zu stärken, indem es die ungehinderte Verbreitung geistigen Eigentums ermöglicht und die Honorierung der Urheber im Blick hat. Wenn es die VG Wort nicht gäbe – man müsste sie erfinden.

Vielleicht muss genau das passieren: die Verwertungsgesellschaft muss sich (neu) erfinden. Dabei können übrigens sogar die Thesen dienlich sein, die dem 8-geben zum Titel verhalfen. Es gibt derer eben genau acht und die zweite so genannte Position wirbt für pauschale Abgabesysteme und nimmt dabei sogar das böse Wort Kulturflatrate in den Mund:

Die gesetzlich erlaubte Privatkopie ist eine Art „Kulturflatrate“ im geltenden Urheberrecht. Sie ermöglicht Vervielfältigungen für private Zwecke, sieht aber gleichzeitig eine angemessene Vergütung der Urheber durch die pauschale Gerätevergütung vor. Erlaubt sind analoge und digitale (!) Privatkopien. Allerdings muss für die Privatkopie eine angemessene Vergütung gezahlt werden. Diese wird durch die pauschale Geräte- und Speichermedienvergütung sichergestellt.

Darauf könnte Denis Scheck ja mal 8 geben, das ist im weitesten Sinn sogar ein altbewährtes Mittel.

  • Fun fact: Caesars Piratengeschichte, samt Lösegeld und Kreuzigung, gibt’s auch als Xena-Episode.

  • Pingback: Kulturmonopolisierung wird ausgeweitet: Bundestag verlängert Schutzfrist für Tonaufnahmen — neunetz.com()

  • Pingback: Too much information - Papierkorb - Lesezeichen vom 26. April 2013()

  • Pingback: Die VG Wort gibt 8, bräuchte aber was auf die 12 « Stefan Niggemeier()

  • Alex Strippel

    Ein sehr sachlicher Artikel. Vielen Dank, besonders für den Hinweis, dass die VG Wort selber nur deshalb existiert, weil Moralappelle nichts bringen und deshalb nicht die Kopierer und USB-Sticks verboten werden, sondern eben eine VG zwischengeschaltet wird. War mir so gar nicht bewusst. Nur warum schwemmen gleiche Probleme in einer Debatte die eigene Logik der VG nicht wieder hinter die Stirn. Stattdessen bleibt sie im Labyrinth der Erinnerung verschwunden… Ach schade!

  • Dominik

    Vielleicht tut man Denis Scheck auch Unrecht, und er wollte in Wirklichkeit auf eine ganz andere historische Begebenheit hinweisen. Das Piratenproblem zu Ciceros Zeiten wurde nämlich endgültig von Pompeius bekämpft; durch eine Mischung aus konsequenter Ausräucherung von Piratennestern im Mittelmeer und der Schaffung einer neuen Lebensgrundlage für die Piraten durch Ansiedlung in fruchtbaren Landstrichen (So zumindest die offizielle Version). Da könnte man jetzt schon glücklichere Parallelen ziehen.

  • jansalterego

    @ Dominik: Hat Denis Scheck angesichts der Blackface-Episode nicht viel eher jede Auslegung zu seinen Gunsten verwirkt?