Lieber Sven Regener!

Ich konnte Ihnen heute nicht entkommen. Auf Twitter, in den Status-Meldungen auf Facebook, in Blogs (wie hier oder hier) und sogar in einer Presseaussendung des Bayerischen Rundfunks – überall tauchten Sie auf. Weil Sie sich in einem Telefoninterview mit dem Zündfunk zum Thema Urheberrecht geäußert haben. Derartige Präsenz bei diesem Thema ist selten. Das spricht für Sie. Und deshalb spreche ich jetzt Sie an – weil Sie diese Präsenz nutzen sollten: für einen konstruktiven Vorschlag in dieser extrem verfahrenen Debatte, in der Menschen seit Jahren einzig emotional reagieren (wem sage ich das), statt sich endlich mal an einen rationalen Vorschlag zu machen.

Ich kann Ihre Wut verstehen. Ich befürchte nur, dass Ihr Schmipfen einzig kurzfristig Ihren Ärger lindert, aber langfristig unser aller Problem nicht löst. Daran wäre mir aus Eigennutz (auch ich will ein legitimiertes und funktionierendes Urheberrecht), aber auch aus politischen Gründen gelegen – oder um es in der Sprache des Rock’n’Roll zu sagen: Ich fänds einfach cool, nicht ewig Debatten folgen zu müssen, die auf falschen Annahmen und einseitigen moralischen Verurteilungen basieren.

Denn es gibt bereits eine Lösung, von der Sie selber vermutlich in Ihrer eigenen musikalischen Sozialisation profitiert haben: Sie haben Kassetten aufgenommen, Musik von Platte oder aus dem Radio gestohlen kopiert und kein Anwalt hat Sie deshalb belangt und kein Künstler hat Sie deshalb beschimpft. Weil es Ihnen rechtlich erlaubt war und weil der Gesetzgeber für einen fairen Ausgleich ein pauschales Abgabesystem eingeführt hat. Sie haben für den Erwerb des Tapes eine so genannte Leermedienabgabe gezahlt, die anschließend über die Verwertungsgesellschaften auf die Künstler verteilt wurde und wird. Diese Seite des Modells ist Ihnen vermutlich bekannt.

Beim sehr komplizierten Kopieren mit Tapes gibt es also eine rechtlich saubere Lösung, die auf einem fairen Vergütungsmodell basiert. Beim sehr einfachen digitalen Kopieren soll es diese Möglichkeit nicht geben? Das ist nicht nur für diejenigen ein Hohn, die so mit den Möglichkeiten der digitalen Kopie sozialisiert wurden wie Sie mit der Kassetten-Kopie. Es ist auch für die Gesellschaft in Gänze ein Armutszeugnis.

Statt daran zu arbeiten, pauschale Vergütungssysteme auch für das digitale Zeitalter zu suchen, ergeht sich die gesellschaftliche Debatte in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Sie selber berichten davon, dass Sie dies offenbar auch nicht kalt lässt, schlagen dann aber in gleicher Form zurück. Ist Ihnen mal in den Sinn gekommen, dass diejenigen, die Sie da beschimpfen genauso moralisch verkommen sind wie Sie damals beim Kassettenkopieren (nämlich in meisten Fällen eher kaum)? Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass eine derart fundamentale Neuerung wie das Internet (und dabei vor allem die digitale Kopie) auch neue gesetzliche Regelungen braucht – und nicht einfach nur härtere Strafen zur Durchsetzung der alten?

Sie schlussfolgern in Ihrem wütenden Ausruf: „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“ Deshalb appelliere ich an Sie als gesellschaftlichen Akteur: Helfen Sie mit, eine gesellschaftliche Lösung zu finden, die Wutreden und Beschimpfungen überflüssig macht! Denn mit moralischem Schmipfen werden Sie selbst mit weniger fäkalem Stil das Problem der digitalen Kopie nicht in den Griff kriegen. Oder hätten Sie damals aufgehört, Songs auf eine Kassette aufzunehmen, nur weil Ihnen ein älterer Herr erklärt, dass sei „im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt“?

Wie kann eine Gesellschaft anders mit ihren Künstler umgehen? Indem sie eine politische Lösung für die technischen Herausforderungen sucht. Setzen Sie Ihre aktuelle Popularität bei dem Thema ein, um dies jetzt zu tun: Fördern Sie pauschale Abgabesysteme auch fürs digitale Kopieren! Unterstützten Sie die Kulturflatrate! Suchen Sie den Kontakt zum Chaos Computer Club und arbeiten Sie an deren Konzept zur Kulturwertmark mit!

Mit freundlichem Gruß

Dirk von Gehlen

  • Lieber Dirk,

    Du hast ja recht – es sollte sine ira et studio verhandelt werden, wie das Urheberrecht der Zukunft aussehen sollte. Nur – und das erklärt die (auch meine) Begeisterung für den Ausbruch Sven Regeners – wir Kreativen haben schlicht und ergreifend ANGST, dass die etablierten Parteien, angefangen von den Grünen bis hin zur CDU, aus ANGST, die Piraten könnten sie, wenn nicht rechts und links, dann oben und unten überholen, einfach so Quatsch unterstützen wie „5 Jahre nach Veröffentlichung gibt es Urheberrecht und dann ist’s gut“. Und dass die ACTA-Gegner sich mit ihrer ÜberwachungsANGST nicht davon absetzen, ist deren Problem. Die Debatte ist also an allen Ecken ANGSTbesetzt. Und ANGST fressen Seele und Hirn auf. (Das mit dem Hirn habe ich nur reingeschrieben, damit es eine Variation ist und kein Klau …)

    Herzlich
    Dein
    Marc

  • Manuela Baldauf

    Lieber Marc Ritter,
    Angst? Ja, klar, das verstehe ich. Die Frage ist nur: Was entsteht aus Angst? Eine Gesellschaft, deren Gesetze und Spielregeln rein angstgetrieben sind – die möchte ich mir lieber nicht genauer ausmalen…
    Ich fand Regeners Geschimpfe peinlich. Wem nützt sein öffentliches Dampfablassen? Er ist doch kein Fussballtrainer. Wenn unsere Künstler nicht mehr dazu zu stammeln haben als so etwas – dann Gute Nacht!
    Manuela Baldauf

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  • Lieber Marc,
    ich glaube, dass deine Angst aus mehreren Gründen unbegründet ist:
    1. Du überschätzt den Einfluss der Piraten. Ich halte es für unrealistisch, dass sich die etablierten Parteien beim Thema Urheberrecht von den Piraten vor sich hertreiben lassen.
    2. Die Gleichung Piraten = Urheberrechtsabschaffer ist falsch. Ja, es gibt blauäugige Piraten, die Filesharing legalisieren wollen, ohne einen entsprechenden Ausgleich für die Künstler zu schaffen. Aber soweit ich das beurteilen kann, sind sie deutlich in der Minderheit. Der tonangebende Teil der Partei macht sich für eine Reform des Urheberrechts stark – etwa so, wie sie Dirk hier anregt.
    3. Du unterschätzt den Einfluss der Musik-Lobby – ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Verkürzung der Schutzfristen auf fünf Jahre in Deutschland jemals Realität werden könnte.
    4. Selbst innerhalb der Grünen, die ich in dieser Frage noch am ehesten in Piratennähe sehen würde, stößt eine fünf-Jahres-Schutzfrist auf heftigen Widerstand. Konstantin von Notz hatte vor Kurzem einen entsprechenden Vorschlag gemacht . Inzwischen hat er ihn wieder zurückgenommen und bekannt, über das Ziel hinaus geschossen zu sein – der Gegenwind aus der eigenen Partei (bspw. von Tabea Rößner) war zu stark. Und von der CDU will ich erst gar nicht reden …

    Und danke Dirk, dass du das aufgeschrieben hast, was mir seit gestern morgen im Kopf herumgegangen ist. Allerdings habe ich eine kleine Anmerkung: Ich glaube, dass deine Analogie – Kassettenkopierer von früher = Filesharer von heute – hinkt
    Der Unterschied ist doch: Die Leermedienabgabe für Kassetten gab es von Anfang an, das Aufnehmen von Musik war also immer legal, für einen Ausgleich für die Künstler war gesorgt. Wer heute Musik kopiert, verstößt de facto gegen geltendes Recht (so sehr man an dessen Sinnhaftigkeit zweifeln kann). Außerdem, und das halte ich für den wichtigeren Punkt, erhalten die Künstler keinen Cent (okay, 36 Euro Leermedienabgabe für Smartphones, aber wie oft kauft man sich ein Smartphone?). Oder bin ich da falsch informiert: Wurde die Leermedienabgabe auf Kassetten auch erst nachträglich eingeführt?

  • Honk

    @Mark Ritter:
    Bei allem nötigen Respekt, aber das Szenario einer Verkürzung auf fünf Jahre aus Angst erscheint mir doch arg unwahrscheinlich.
    Angesichts der EU-Vorgaben für die Verlängerung der Schutzfristen sieht es wohl eher nach dem Gegenteil aus: http://www.zeit.de/kultur/2011-09/urheberrecht-70-jahre

    Natürlich muss man zugeben, dass solche Schutzfristen bis vor einigen Jahren kaum Bestandteil öffentlicher Diskussionen waren, aber abgesehen davon, dass es einfach gesellschaftlich akzeptiert war, dass z.B. „große Stars“ irrational hohe Einnahmen auch aus ihren Frühwerken erhalten, steht man bald erstmals vor der Situation, dass Schutzfristen für Songs, die man im weitesten Sinne als zeitgenössisch bezeichnen würde, ablaufen.
    Bislang waren wir nur „Neuaufnahmen“ von Bach und Beethoven gewohnt, aber was spricht dagegen, auch bald Elvis-, Dylan- und Beatlessongs als Teil eines öffentlichen Kulturgutes anzusehen?
    Vergleiche mit der Realwirtschaft hinken häufig („Ich habe das Haus nur ein mal gebaut, daher bekomme ich auch nur ein mal Geld dafür.“), aber Alimentierungen, die über die normale Lebenserwartung eines Menschen hinausgehen und eine Erbengeneration belohnen, die nun wirklich nichts zum Oeuvre beigetragen hat, sind einfach nicht angemessen.

  • @Simon: Als die Kasette erfunden wurde war das etwas ähnlich neues wie die Erfindung von Filesharing. Nämlich etwas das vorher technisch nicht möglich war und deshalb auch von keinem Gesetz der Welt gefasst werden konnte. Die Musiklobby hat dann Versucht druck auf die Politik auszuüben, Kasetten komplett zu verbieten. Da dies allerdings als nicht durchsetzbar eingestuft wurde hat man als Kompromiss die Leermedienabgabe erfunden.

    Kassetteaufnehemen war also eine Rechtliche Grauzone, genauso wie man Filesharing auch als rechtliche Grauzone sehen konnte, bis die Gesetze hin in die Illegalität geändert wurden.

  • Beate Barrein

    Über die Argumente der doch offenbar fachlich sensiblen Runde bin ich entsetzt. Mögt ihr mal auf das „App-Beispiel“ von Sven Regener eingehen? Wo bspw. IT-Freaks mit dem Verkauf an ihrer Arbeit verdienen möchten. Aber nein, das Horn ist so schön groß getutet. Es ist uncool, Verständnis und Bewusstsein für das geistige Schaffen anderer zu haben und zwar BEVOR man an Vergütungsmodelle denkt.
    Sicher, der Ton war der eines Fussballtrainers und manchmal peinlich derb. Aber, wo und wie sollen Künstler denn „stammeln“ @ Manuela Baldauf, wenn sie niemand von Anfang an für respektierenswert empfindet.
    Pauschale, staatliche Vergütungssysteme, ein Riesenapparat, der den mangelnden Respekt gutmachen soll? Das ist auch peinlich. Was gebt ihr euren Kindern weiter? Wo wir es selbst nicht drauf haben, springt der Staat ein, „es wird schon einer Regeln“? Auch peinlich. Wer noch nie ein Pferd aufgezäumt hat, kann dies natürlich auch von hinten tun.
    Der ACTA-Verfolgungswahn hat übrigens nichts mit dem Recht, dem Respekt für Urheber zu tun und wird immer wieder und unerquicklich hier rein gemischt.

  • Im Grunde stimme ich Dir zu, auch wenn ich Regeners Wutausbruch für einen sehr launigen Debattenbeitrag halte.

    Aber ich finde nicht, dass man Terrabytes illegaler MP3s, wie sie auf manchen PCs rumliegen, mit Kassettenkopien vergleichen kann: Digitalkopien sind halt so perfekt wie das Original (Audiophile werden was anderes sagen, aber für den Normalhörer halt schon), die Kassette war von Anfang an nicht so gut wie die LP, nach hundert Mal Abspielen erst recht nicht mehr. Und es ist einfach was anderes, ob man sich vom Nachbarn Bob Dylan aufnimmt und ihm dafür die Stones überspielt, oder seine ganze Musiksammlung gesaugt hat. Ich bin mir sicher, früher gab es keine ernsthaften Musikhörer, die keine einzige Platte legal erworben haben, heute schon.

  • Sören

    @Lukas: und deswegen müssen 80 Millionen Menschen abgestraft werden? Ich mache Musik, ich besitze viel Musik. Man kann alle Leute über einen Kamm scheren, aber nichts desto trotz sollte eine Lösung her die nicht die Konsumenten als Kriminelle hinstellt. Und das tun sie zurzeit. YouTube ist kostenlose Werbung. Wie oft schon hab ich mir Songs bei YouTube aneghört und dann auf Grund dessen die komplette Diskografie GEKAUFT! Aber klar, es gibt nur böse und Kriminelle auf YouTube und Co.

  • Danke, Christian, für die Erklärung. Interessant, ich dachte bisher, die Leermedienabgabe sei quasi gleichzeitig mit der Kassette eingeführt worden. Aber immerhin scheint man aus dem realen Nutzungsverhalten die richtigen Konsequenzen gezogen zu haben – ich hoffe, dass bei der digitalen Kopie bald Ähnliches passiert.

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  • Die pauschalen Abgaben im Computerzeitalter gibt’s doch schon längst. Die GEMA will für jedes Handy zwischen 12 und 36 Euro (so haben sie es Ende letzten Jahres im Bundesgesetzblatt veröffentlicht, soll rückwirkend bis 2008 gelten – als ob die Händler überhaupt so viel Gewinn pro Handy gemacht hätten); auch für Festplatten, Computer und so weiter wollen die Geld. Die GEMA macht fast eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr, und die Abmahnanwälte, die einen für etwas abmahnen, wofür man der GEMA schon reichlich gezahlt hat, noch mehr.

    Der ganze Denkfehler am Urheberrecht ist, dass man dem Urheber ein Recht gewährt, anderen Vorschriften zu machen, *nachdem* er sein Zeugs verkauft hat. Wo gibt’s das sonst? Wenn mir ein Bäcker ein paar Semmeln verkauft, kann er auch nicht bestimmen, was ich da draufschmiere, oder ob ich sie zu Knödeln verarbeite oder den Vögeln füttere, oder mir das Rezept aneigne und sie mir morgen selber backe. Sein Recht an dem Ding ist mit dem Verkauf erschöpft. Und das ist auch gut so. Vor einigen Jahrhunderten gab es noch eine Bäckerinnung, die hatte genau solche Rechte wie sie Urheber heute haben.

    Wir leben heute in einer Marktwirtschaft, in der sich fast jeder sein Geschäftsmodell suchen muss, und ein funktionierendes Geschäftsmodell ist eines, bei dem man zufriedenen Kunden etwas kauft, was deren Preisvorstellung entspricht. So einfach ist das, der Kunde ist König, und das ist auch gut so. Und der Kunde will keineswegs alles umsonst, sonst wäre Kim Schmitz mit Megaupload pleite gegangen, statt sich eine goldene Nase zu verdienen.

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  • Regener versus Bohlen
    hier mal eine Antwort mit Bild und Ton

    http://waschtrommler.org/2012/03/25/regener-versus-bohlen/

  • @Bernd Paysan:
    „Wenn mir ein Bäcker ein paar Semmeln verkauft, kann er auch nicht bestimmen, was ich da draufschmiere, oder ob ich sie zu Knödeln verarbeite oder den Vögeln füttere, oder mir das Rezept aneigne und sie mir morgen selber backe.“

    Das stimmt – aaaber: Im Unterschied zur Semmel lässt sich ein Musikstück ohne Unkosten, Qualitätsverluste und mit nur marginalem Aufwand unendlich oft vervielfältigen. Mir gefallen Wörter wie Raubkopie oder Diebstahl geistigen Eigentums nicht, weil sie versuchen, analoge Begrifflichkeiten auf die digitale Welt zu übertragen. Was wir von den Urheberrechtsverschärfern einfordern (achtsamen Umgang mit Sprache und Verzicht auf schiefe Vergleiche) sollten wir auch selber einhalten.

    Natürlich ist das derzeitige Urheberrecht nicht zeitgemäß, aber solange kein entsprechender finanzieller Ausgleich für die Künstler gefunden, hielte ich es für fahrlässig, die uneingeschränkte Verbreitung und Vervielfältigung von Musik per se zu legalisieren.

  • –Frank.

    @Simon:
    Der Vergleich mit einem Diebstahl oder einem Raub ist bei Downloads wirklich fehl am Platz.

    Juristisch gesehen geht es um sogenannte „Lizenzen“ (um „ausschließliches“ und „einfaches“ Nutzungsrecht), um die Erlaubnis, etwas in gesetzlich bestimmten Umfang zu nutzen.

    Eine weitaus passendere Analogie wäre das z.B. Schwarzfahren mit der Bahn:
    die Bahn ist NACH der Schwarzfahrt genau dieselbe wie VOR der Schwarzfahrt, „gestohlen“ wird hier nichts.

    In jedem Haushalt steht heute ein Scanner und ein Drucker; für Endverbraucher wäre es ein Leichtes, Fahrscheine (sprich: Lizenzen zur Fahrt) in unbegrenzten Mengen selbst zu drucken.

    Gesetzt den Fall, es gäbe genügend Mitbürger, die diese „modernen Möglichkeiten“ nutzen, würde dann ernsthaft erwogen, den Tatbestand der Leistungserschleichung abzuschaffen?
    Würde den Bahnunternehmen ernsthaft dazu geraten werden, sich „andere, zeitgemäßere Vertriebsmöglichkeiten“ zu überlegen?

    Für die Urheber (die in der Regel KEINE Konzerne, sondern Einzelpersonen sind) klingt es wie Hohn, wenn ihnen geraten wird, sich andere Verwertungsmöglichkeiten zu überlegen, sprich: sich statt der „alten“ Verwerter den „neuen Verwertern“ (den „Distributoren“ wie Google, Amazon, Apple, etc.) zuzuwenden, zumal diese nicht einmal mehr die Freiheit für individuelle Vertragsverhandlungen zulassen.
    Deren AGB sind unverhandelbar und sie behalten sich das Recht vor, die AGB –einseitig! und ohne Zustimmung des Vertragspartners!– jederzeit zu ändern.

    Für die Urheber ist das ein Sprung vom Regen in die Traufe, und nicht wenige Professionelle (ich kenne recht viele) werden dann ganz einfach das Handtuch werfen.

    Was übrig bleibt:
    avanti dilettanti!

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  • @Frank:
    Ich finde deinen Bahn-Vergleich eigentlich ganz schön (zumindest zutreffender als die Semmeln), glaube aber trotzdem, dass es einen entscheidenden Unterschied gibt: Auch mit Scanner und Drucker lassen sich Tickets eben *nicht* problemlos vervielfältigen. Der Aufwand ist immer noch um ein Vielfaches größer als bei der digitalen Kopie eines Musikstückes und ich glaube auch nicht, dass man auch nur einen einzigen Kontrolleur mit einem selbst ausgedruckten Fahrschein würde täuschen können.

    Jetzt magst du sagen: Na und, aber das Prinzip bleibt doch das gleiche! Moralisch gesehen hast du recht – aber genau das ist doch das Problem: Wir führen eine Diskussion über Moral und verlieren die Wirklichkeit aus den Augen. Fakt ist, dass täglich millionenfach gegen das Urheberrecht verstoßen wird. Da können sich Urheber und Verwerter noch so drüber aufregen, mit härteren Strafen drohen und Filesharer als Raubkopierer kriminalisieren – am Verhalten der Nutzer wird das nichts ändern.

    Anstatt mir den Mund fusselig zu reden (bzw. die Finger wund zu schreiben) verweise ich auf Dirks vorhergehenden Blogeintrag: http://www.dirkvongehlen.de/index.php/netz/realitat-und-gesetze/

    Zitat Axel Metzger:
    „Ist es weise, wenn wir weiter versuchen, die Daumenschrauben anzuziehen und Urheberrechtsregelungen zu verschärfen? Oder ist es nicht eher so, dass man pragmatisch sagen muss: Bevor die Akzeptanz des Urheberrechts völlig verloren geht bei der Generation der 15- bis 30-Jährigen, lasst uns Druck aus dem System rauslassen, das Ventil muss geöffnet werden, es müssen eben Pauschalvergütungssysteme her!“

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  • An dieser Urheberrechtsdebatte und so, wie sie hier und auf anderen Foren geführt wird, wird m. E. deutlich, dass es sich um eine Stellvertreter Debatte handelt, stellvertretend diskutiert wird – hier am Beispiel der Gruppe ‘Künstler_innen’ – die Frage, der ökonomischen Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum. Das eigentlich Interessante an der hier geführten Diskussion ist, sie könnte sich genau so gut auch um Mindestlöhne, um Urlaubszeiten, um Elternzeiten, um Sozialabgaben, um Renten oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse drehen. Warum verlagern sich eigentlich „gesellschaftlich“ wichtige Fragestellungen auf eine Gruppe wie die der Künsterler_innen?
    Letzten Endes müssen wir unsere Interessen als Musiker_innen halt selbst wahrnehmen und nicht an die GEMA, Plattenfirmen, Konzertveranstalter etc. delegieren. Ich habe das mit meinem CD Release Lovesongs for Great Yarmouth gemacht (CC-Lizenz), könnt ihr hier kaufen:
    http://www.musicload.de/aendy/lovesongs-for-great-yarmouth/musik/album/11982455_2 und sicher sein, nach Steuern bleiben über 50 % der Kohle bei mir. ;-)

  • Otto O’Mallee

    @-Frank:
    Downloads ohne zu zahlen _sind_ Diebstahl, es ist wie Semmel mitnehmem im Supermarkt ohne zu zahlen: Jemand hat’s gemacht, jemand steht dafür Geld zu.
    „Das Urheberrecht ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist eine Errungenschaft – wie die Demokratie. “
    Das, z. B., sagt oder zitiert Sven Regener und er hat recht damit.
    oder:
    „Man wirkt uncool, wenn man auf Urheberrecht pocht.“ Das „Rumgetrampele“ darauf, dass Menschen wie er auf Urhe- berrecht pochten, „ist nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt!“ Nichts wert sei, so Regener, „eine Gesellschaft die so mit ihren Künstlern umgeht“.
    Und wieder hat er Recht! Jemand, der/die meint, für Musik einfach nichts bezahlen zu müssen, der sollte sich fragen, wie denn diejenigen, die die Musik machen, zu Geld kommen sollen.
    Lesenswert ist der Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 31.03/01.04, man sollte einfach mal drüber nachdenken, wovon z. B. auch meine Familie leben kann, wenn es kein Urheberrecht gäbe.

  • –Frank.

    @Ändy:
    Du denkst zu kurz:
    es gibt noch andere Urheber als nur Musiker: Fotografen, Illustratoren, Texter, (Drehbuch-)Autoren, Schauspieler, Designer, etc. pp.

    Diese lizensieren ihre Werke an Verwerter, die ihre Arbeiten (zumeist in einem Kontext mit anderen Urhebern) verwerten.
    Diese Urheber sind auf Verwerter angewiesen, und somit geht’s definitiv um mehr als Elternzeiten, Mindestlöhne, Sozialabgaben.

    Was mich bei dieser Diskussion um die „Freiheit des Informationszugangs“ amüsiert, ist, dass es diese Freiheit längst gibt: die örtlichen Stadt- & Unibibliotheken freuen sich über jeden Besucher!
    Und die Urheber gehen damit auch nicht leer aus.

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  • Udo Hartmann

    @-Frank:
    Der Bahnvergleich gefällt mir auch auf den ersten Blick. Auf den zweiten tauchen dann aber doch die Hinkefüße auf: 1. Es entsteht sehr wohl ein materieller Schaden beim Schwarzfahren, denn jedes Kilogramm zusätzliches Gewicht bedeutet auch zusätzlich benötigte Energie. 2. Falls die Bahn komplett voll ist, kann eventuell jemand nicht mehr mitfahren, obwohl er bezahlt hat. 3. Die Leistung Bahnfahrt wird tatsächlich jedesmal neu erbracht, es ist quasi eine Band, die jedesmal anrückt und ihr Werk live aufführt.
    In der anderen Richtung wird aber auch die Absurdität einiger Details des Urheberrechts deutlich, wenn z.B. die Urenkel des Schaffners von jedem verkauften Ticket der Bahn einen Anteil bekämen, oder der Fahrkartenverkäufer sich die Exclusivrechte sichert und fortan den Löwenanteil einstreicht, nur weil er einen (meinetwegen auch ordentlichen) Vorschuss auf die zu erwartenden Einnahmen geleistet hat.

    Eine sachliche Diskussion ist momentan schwer vorstellbar, weil beide Seiten Fakten geschaffen haben, über die sich die jeweils andere Seite – zurecht – aufregt. Allerdings sollte genau aus diesem Grund jetzt keine weitere Verschärfung der Situation stattfinden, schon gar nicht mit Gesetzen, die für andere Zwecke missbraucht werden können.

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