Lieber Sven Regener!

Ich konnte Ihnen heute nicht entkommen. Auf Twitter, in den Status-Meldungen auf Facebook, in Blogs (wie hier oder hier) und sogar in einer Presseaussendung des Bayerischen Rundfunks – überall tauchten Sie auf. Weil Sie sich in einem Telefoninterview mit dem Zündfunk zum Thema Urheberrecht geäußert haben. Derartige Präsenz bei diesem Thema ist selten. Das spricht für Sie. Und deshalb spreche ich jetzt Sie an – weil Sie diese Präsenz nutzen sollten: für einen konstruktiven Vorschlag in dieser extrem verfahrenen Debatte, in der Menschen seit Jahren einzig emotional reagieren (wem sage ich das), statt sich endlich mal an einen rationalen Vorschlag zu machen.

Ich kann Ihre Wut verstehen. Ich befürchte nur, dass Ihr Schmipfen einzig kurzfristig Ihren Ärger lindert, aber langfristig unser aller Problem nicht löst. Daran wäre mir aus Eigennutz (auch ich will ein legitimiertes und funktionierendes Urheberrecht), aber auch aus politischen Gründen gelegen – oder um es in der Sprache des Rock’n’Roll zu sagen: Ich fänds einfach cool, nicht ewig Debatten folgen zu müssen, die auf falschen Annahmen und einseitigen moralischen Verurteilungen basieren.

Denn es gibt bereits eine Lösung, von der Sie selber vermutlich in Ihrer eigenen musikalischen Sozialisation profitiert haben: Sie haben Kassetten aufgenommen, Musik von Platte oder aus dem Radio gestohlen kopiert und kein Anwalt hat Sie deshalb belangt und kein Künstler hat Sie deshalb beschimpft. Weil es Ihnen rechtlich erlaubt war und weil der Gesetzgeber für einen fairen Ausgleich ein pauschales Abgabesystem eingeführt hat. Sie haben für den Erwerb des Tapes eine so genannte Leermedienabgabe gezahlt, die anschließend über die Verwertungsgesellschaften auf die Künstler verteilt wurde und wird. Diese Seite des Modells ist Ihnen vermutlich bekannt.

Beim sehr komplizierten Kopieren mit Tapes gibt es also eine rechtlich saubere Lösung, die auf einem fairen Vergütungsmodell basiert. Beim sehr einfachen digitalen Kopieren soll es diese Möglichkeit nicht geben? Das ist nicht nur für diejenigen ein Hohn, die so mit den Möglichkeiten der digitalen Kopie sozialisiert wurden wie Sie mit der Kassetten-Kopie. Es ist auch für die Gesellschaft in Gänze ein Armutszeugnis.

Statt daran zu arbeiten, pauschale Vergütungssysteme auch für das digitale Zeitalter zu suchen, ergeht sich die gesellschaftliche Debatte in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Sie selber berichten davon, dass Sie dies offenbar auch nicht kalt lässt, schlagen dann aber in gleicher Form zurück. Ist Ihnen mal in den Sinn gekommen, dass diejenigen, die Sie da beschimpfen genauso moralisch verkommen sind wie Sie damals beim Kassettenkopieren (nämlich in meisten Fällen eher kaum)? Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass eine derart fundamentale Neuerung wie das Internet (und dabei vor allem die digitale Kopie) auch neue gesetzliche Regelungen braucht – und nicht einfach nur härtere Strafen zur Durchsetzung der alten?

Sie schlussfolgern in Ihrem wütenden Ausruf: „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“ Deshalb appelliere ich an Sie als gesellschaftlichen Akteur: Helfen Sie mit, eine gesellschaftliche Lösung zu finden, die Wutreden und Beschimpfungen überflüssig macht! Denn mit moralischem Schmipfen werden Sie selbst mit weniger fäkalem Stil das Problem der digitalen Kopie nicht in den Griff kriegen. Oder hätten Sie damals aufgehört, Songs auf eine Kassette aufzunehmen, nur weil Ihnen ein älterer Herr erklärt, dass sei „im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt“?

Wie kann eine Gesellschaft anders mit ihren Künstler umgehen? Indem sie eine politische Lösung für die technischen Herausforderungen sucht. Setzen Sie Ihre aktuelle Popularität bei dem Thema ein, um dies jetzt zu tun: Fördern Sie pauschale Abgabesysteme auch fürs digitale Kopieren! Unterstützten Sie die Kulturflatrate! Suchen Sie den Kontakt zum Chaos Computer Club und arbeiten Sie an deren Konzept zur Kulturwertmark mit!

Mit freundlichem Gruß

Dirk von Gehlen

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