Kulturwertmark

Der Chaos Computer Club hat in dieser Woche ein Modell vorgestellt, das eine Antwort liefern will auf das digitale Dilemma der Lösung des Inhalts vom Träger, der günstigen Verbreitung und der vergütungsfreien Nutzung. Es geht um ein Bezahlmodell, das gelernte Varianten dessen, was man als Bezahlen kennt, auf den Kopf stellt. Es geht um die Kulturwertmark. Dabei handelt es sich (hier meine Wortschatztruhe bei jetzt.de) um eine Veränderung/Weiterentwicklung der Kulturflatrate. Bei den Kollegen von irights.info und beim CCC selber kann man die Details der Idee nachlesen.

Mit Interesse habe ich darüber hinaus gelesen, wie die Reaktionen auf diese Idee ausfielen (und dabei einmal mehr gemerkt, wie dringend nötig ein Aggregator für den deutschsprachigen Raum wäre). Dabei sind mir einige interessante Meinungen aufgefallen, die womöglich mehr über denjenigen sagen, der die Idee kritisiert als über die Idee selber. Das schönste Beispiel dafür liefert Andreas Rosenfelder in der Welt (mit einem Foto aus dem Film Social Network bebilderten Text), der einen Offenen Brief an die Nerds schreibt, in dem er zunächst sein Klischee-Bild vom CCC ausbreitet …

Liebe Hacker, was ist denn da passiert? Oder, in Eurer Sprache: WTF? Sind die Koffeindrinks ausgegangen? Hat Euch die Word-Rechtschreibprüfung einen Streich gespielt?

… und dann den vermeintlichen Zwangscharakter der Kulturwertmark mit dem GEZ-Vergleich ins Blickfeld rückt:

Oder hat da nur jemand die Kettenmail eines verarmten Dichterfürsten weitergeleitet, der höflich darum bittet, ihm schnell ein paar Kulturwertmark auf sein Liechtensteiner Nummernkonto zu überweisen, als Gegenleistung gebe es seine vergriffenen Lyrikbände frei Haus? Sollte demnächst statt dem GEZ-Mann der Kulturwertmarkeintreiber klingeln, gehen wir jedenfalls nicht an die Tür.

Erstaunlich ähnlich klingt (inhaltlich) die Kritik aus ganz anderer Richtung. Der Pirat Andi Popp kritisiert in seinem Blog

Die Kulturwertmark ist im Prinzip ein staatlich zwangsverkaufter Kulturgutschein. Damit wird – wie vom CCC vollkommen richtig beschrieben – ein staatlich garantierter Mindestmarkt für Werke geschaffen. Die Leute können ihre Kulturwertmark für nichts anderes ausgeben. Es ist aber ein fundamental falscher Gedanke, dass irgendjemand das Anrecht hätte, dass der Staat ihm ein Mindestmarktvolumen sichert.

Anne Wizorek hingegen lobt die Idee bei Spreeblick

als ersten groben Vorschlag, der zwar in eine gute Richtung verweist (gerechte Bezahlung für Kreative, Reform des Urheberrechts, keine Kriminalisierung der Nutzer) dem es aber noch an diversen Details mangelt (Flattr als in Deutschland erfolgreiches Vorbild ist dennoch ein Nischenphänomen, Übersetzung vom bereits schwer zu vereinenden nationalen Markt auf den internationalen, die digitale Allmende zwischen Wunsch und Wirklichkeit).

Und Mathias Richel verweist darauf, dass der Vorschlag auf wenig Gegenliebe bei der Musik- und Verwerter-Industrie stoßen wird. Er kritisiert die

die Tatsache, dass auch dieser Vorschlag die großen und kleinen Verwertungsmaschinen (Majors, aber auch ganz klar kommerzielle Indielabels) aussen vorlässt. Anders als viele von euch, glaube ich nämlich nicht, dass die digitale Realität, diese Institutionen zwangsläufig überflüssig macht.

Die Frage nach möglichen alternativen Bezahlmodellen im digitalen Raum wird übrigens auch in dem Buch Mashup gestellt, das im Sommer bei Suhrkamp erscheint.

Das ist jeweils mehr oder weniger richtig. Es lenkt jedoch von dem wirklich wichtigen Impuls ab, der von dem Vorschlag ausgehen könnte: nämlich die festgefahrenen Fronten aufzuweichen und den Blick zu weiten für neue Denkansätze. Genau hier sieht man übrigens, wo die Stärke der Digitale Gesellschaft liegen könnte – Themen, die unbestritten Dringlichkeit besitzen, auf die Tagesordnung zu bringen. Neue Ansätze zu entwickeln und diesen Öffentlichkeit zu verschaffen.

Egal, welche Lösung für diese Herausforderungen gefunden wird (und ja, ich bin mir sicher, dass wir in naher oder fernere Zukunft eine solche Lösung sehen werden), sie wird uns aus heutiger Perspektive als unverständlich erscheinen. Wir werden sie für einen Zwangsgebühr halten, obwohl wir eine solche seit Jahren als Leermedienabgabe selbstverständlich zahlen, wir werden sie mit der GEZ in Zusammenhang bringen, obwohl der Wert des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks unbestritten woanders liegt als in der Organisation, die Gebühren einzieht oder wir werden sie für unrealistisch halten, ganz einfach, weil wir es uns nicht vorstellen können. Das aber ist eben eine Folge der digitalen Kopie, dass man es sich eigentlich nicht vorstellen kann, dass Inhalte gleichzeitig hier und da sein können. Um also zu verstehen, wie Bezahlmodelle im Digitalen aussehen, muss man verstehen, was die digitale Kopie anrichtet und ermöglicht.