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Von Dieben lernen

Auf der Seite eins der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit befasst sich ein “Von Dieben lernen” betitelter Kommentar mit den Acta-Protesten der vergangenen Tage und Wochen. Ich habe den Text mit Ärger, Erstaunen und nachhaltiger Erschütterung gelesen und will das hier festhalten für den Fall, dass in Zukunft mal wieder das Thema digitaler Graben aufkommt oder Medien sich (wie bei den Acta-Protesten vergangene Woche) plötzlich erstaunt fragen: Wo kommen denn all diese Demonstranten plötzlich her?

Der Text (online bisher nicht verfügbar) ist verfasst von Thomas Fischermann, der vor kurzem (mit Götz Hamann) das Buch Zeitbombe Internet veröffentlicht hat.

1. Ärger
Der Begriff des Diebstahl wird in dem Text unreflektiert und breitflächig eingesetzt. Auch das moralische Argument wird ins Feld geführt um zu erläutert, warum die so genannte “Null-Euro-Fraktion” (Menschen, die Musik aus Tauschbörsen laden statt sie wie z.B. der Zeit-Autor für 21 Euro “bei einer Internet-Musikvertriebsfirma aus Glasgow” zu kaufen) falsch liegt. Geärgert hat mich das, weil ich glaube, dass die unreflektierte Verwendung des Begriffs Diebstahls nicht richtig und dass die darauf aufbauende moralische Diskussion nicht zielführend ist.

2. Erstaunen
Trotz dieser sprachlichen Ungenauigkeit in dem Text argumentiert dieser nicht realitätsfern. Er stellt fest, dass “ausgerechnet das Internet neuerdings vielversprechende Geschäftsmodelle” eröffne und zieht aus der Diebstahl-Annahme nicht den Schluss, die Vertreter der Null-Euro-Fraktion zu verdammen oder zu beschimpfen. Das hat mich positiv erstaunt – weil ich es nach der merkwürdigen Überschrift nicht erwartet hätte.

3. Erschütterung

Beendet habe ich die Lektüre des Textes dennoch mit nachhaltiger Erschütterung, denn in seiner gewählten Sprache bleibt er dann doch verräterisch. Zwar benennt er Argumente für diejenigen, die da auf die Straße gegangen sind. Er sagt aber sehr klar: Das sind nicht wir, das sind nicht die Leser dieser Zeitung, das sind die anderen. Konkret steht in dem Text – mit Bezug auf die Acta-Demonstranten:

Man kann mit denen jetzt hin und her diskutieren, welche Seite moralisch und juristisch recht hat. Man kann sich aber auch den Ärger sparen.

Im Kontext folgt dann der Hinweis darauf, dass sie womöglich doch bereit sind für Inhalte zu zahlen. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir um den Tonfall, der aus dem “mit denen” und dem “hin und her diskutieren” klingt. Dieser Tonfall schließt aus. So wie es den Cover-Themen der Zeit immer häufiger gelingt, einzuschließen (“dieses Problem betrifft mich auch, ich gehöre dazu”), zeigt dieser Tonfall, wer eben nicht dazu gehört: die da. (Mal abgesehen davon, dass der “Ärger” des Rumdiskutierens vielleicht gerade das ausmacht, was jetzt dringend notwendig ist: eine Debatte um ein zukunftsfähiges Urheberrecht)

Vielleicht ist dies lediglich ein sprachliches Detail. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Hinweis auf einen großen Bruch. Ein Zeichen dafür, dass die zumeist jungen Acta-Demonstranten hier offenbar keine publizistische Heimat haben. Dass man hier ihre Sprache nicht spricht (Raubkopierer), dass man sich hier von ihnen distanziert und sie (noch?) nicht als relevanten, gleichwertigen Debattenteilnehmer akzeptiert.

Die FAZ hat dieser Tage eine ganze Generation ausgerufen und den Text mit den Worten geschlossen:

Diese Geschichte begann mit einem Gesetz. Sie endet mit einer Revolution: Gegen die Twitter-Generation geht künftig nichts mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Prognose nicht nur auf die politische Debatte zu beziehen, sondern auch auf die publizistische. Wenn das keine Herausforderung ist – nicht nur für die Zeit.

Das Dilemma des Teilens

Für das empfehlenswerte Online-Magazin Vocer habe ich einen Artikel mit dem Titel Die Welt besteht aus Teilen geschrieben. Der Text, der sich mit dem moralischen Bewertungsrahmen der digitalen Kopie befasst, leitet dort das Dossier Die Binärgesellschaft ein, das Alexander von Streit den Bruchstellen in unserem Leben widmet, “die sich durch den Übergang von der analogen in die digitale Welt ergeben. Ganze Wertesysteme müssen sich mit neuen Koordinaten auseinandersetzen, wir stehen vor unzähligen Fragen, die sich noch nicht abschließend beantworten lassen.”

Eine dieser Fragen ist das hier schon häufiger thematisierte Diebstahl-Dilemma, das sich aus der digitalen Kopie ergibt:

Hier wird nicht das Anfertigen einer digitalen Kopie das moralische Problem, sondern gerade das Unterlassen dessen. Denn: Wer negativ auf die Bitte reagiert, eine Datei zu verdoppeln, unterlässt eine Tätigkeit, die für ihn ohne Aufwand möglich wäre. Fast so als weigere man sich, einen unbesetzten Platz in der Bahn freizugeben, auf dem man lediglich die eigene Tasche deponiert hat. Das gilt als unhöflich, unfreundlich und im Zweifel als moralisch falsch.

P.S.: Das obige Motiv, auf das ich mich in meinem Text bezieht, stammt übrigens von Brot für die Welt

Über die Unwirksamkeit des Urheberrechts

Ich hatte einen Traum. In dem Traum war Sascha Lobo Fraktionsvorsitzender der Piraten im Deutschen Bundestag. Er trug – mit Verlaub, Herr Präsident – einen roten Iro, stützte sich aufs Parlaments-Pult und knöpfte sich den Vorsitzenden des Rechtsausschusses vor. Lobo schimpfte – in der Attitüde des frühen Fischer – ins weite Rund des Parlaments:

Für mich führt an einem Rücktritt vom Vorsitz des Rechtssausschusses des Bundestags nach eingestandenem mehrfachem Bruch geltender Urheberrechtsgesetze kein Weg vorbei.

Applaus aus seiner Fraktion, aber auch aus Reihen der SPD, der Grünen und der Linkspartei. Lobo nickte, genoß die Zustimmung und setzte sich an seinen Platz.

Doch die Worte stammen aus keinem Parlament, sie stehen in einem lesenswerten Blog-Eintrag Lobos und außerdem passt das ja auch gar nicht zusammen: der Mann mit dem roten Iro und die Piraten (die übrigens – noch – gar nicht im Bundestag sitzen)

Anders als das Wired-Team, das sich damit rühmte, nicht mit Sascha Lobo zusammengearbeitet zu haben, halte ich ihn nicht erst seit seinen wirklich guten Spiegel-Kolumnen für einen der klügeren (digitalen) Denker in diesem Land. Doch auch er ist nicht perfekt: er hat mein Buch nicht gelesen (dazu später mehr).

Ich glaube, dass den in den vergangenen Tagen ausführlich debattierten Piraten (und der dahinter stehenden Bewegung) eine Figur wie Lobo fehlt. Den Beweis liefert die eher amüsante Geschichte um Siegfried Kauder, seine absurde Forderung und sein peinliches Scheitern. Kauder bringt – anders als die Piraten – das zentrale Thema des digitalen Raums auf die Agenda: das Urheberrecht. Sowohl im Piraten-Presseclub als auch in der Anne Will-Debatte fiel nicht mal der Begriff. Geschweige denn wurden Forderungen für diesen zentralen Bereich formuliert. Ich hatte mir auf diesem Gebiet mehr erwartet von den Piraten.

Aber für Enttäuschung gibt es keinen Grund: Sascha Lobo hat den Kern der Debatte erkannt – und heute übers Urheberrecht gebloggt (das übrigens nicht 46 Jahre, sondern in Wahrheit viel älter ist). Er beschreibt das Immaterialgüterrecht (den Begriff nutzt er nicht) als “das wichtigste Gesetz der zukünftigen Kulturlandschaft”, er fordert einen “Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen” und folgert: “ich möchte bei aller Liebe nicht, dass Menschenrechte, auch digitale, weniger Wert sind als das Urheberrecht und seine Durchsetzung.” Das alles fand meinen Gefallen, ich verlinkte es auf Twitter – auch den folgenden Abschnitt. Da wusste ich noch nicht, dass er damit offenbar auch mich meint:

Es gibt Kräfte, die das Urheberrecht abschaffen oder in die Unwirksamkeit treiben wollen. Dieses Vorhaben ist politisch auch ihr gutes Recht, die Begründungen dafür sind nicht mehr so hanebüchen wie vor ein paar Jahren, sondern kommen zunehmend intelligent und durchdacht daher. Wie beschrieben, halte ich diese Überzeugung für unrichtig, selbst wenn ich sie ernst nehme.

In den Kommentaren unter dem Text erklärt Sascha am Abend: Er meint damit – auch – Marcel Weiss und mich. Dazu muss man wissen: Sascha, Marcel und ich hatten im Sommer 2010 eine kleine Auseinandersetzung über den Begriff des Diebstahls im digitalen Raum. Marcel und ich wiesen ihn damals darauf hin, dass der Begriff nicht ganz korrekt ist. Darauf bezieht sich Sascha heute und leitet daraus ab, ich wolle das Urheberrecht abschaffen.

Ich hatte mich darauf vorbereitet, dass dieser Vorwurf nach Veröffentlichung des Buches kommen würde. Aber von Sascha Lobo hatte ich ihn ehrlich gesagt nicht erwartet (eher von der anderen Seite des digitalen Grabens). Dass er jetzt aber kommt, zeigt mir: Die Debatte steckt fest. Denn wenn allein der Hinweis auf den Wert der Kopie schon als Absage ans Urheberrecht gelesen wird, läuft etwas grundfalsch.

Eines der zentralen Anliegen des Buches ist es, das Urheberrecht (wieder) auf eine gesellschaftlich breit legitimierte Grundlage zu stellen. Gerade weil ich das Immaterialgüterrecht für bedeutsam für die digitale Gesellschaft halte (wer hat es als Magna Carta fürs Internetzeitalter bezeichnet? Sie oder er hatte Recht), halte ich eine Reform für überfällig. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass das Urheberrecht nicht von Marcel Weiss oder gar mir in die Unwirksamkeit getrieben wird, sondern von der Realität – wenn es nicht an die Veränderungen der digitalen Kopie angepasst wird.

So ähnlich steht das auch in dem zitierten Blog-Eintrag. Sascha schreibt:

Denn das Netz und auch der gesellschaftliche Wandel bedingen ohne jeden Zweifel ein neues, der digitalen Welt angemessenes und würdiges Urheberrecht. Wie das genau aussieht, kann ich nicht sagen, ich glaube, niemand könnte das derzeit, ich wäre aber gern bereit, daran in einem mir möglichen Rahmen mitzuarbeiten.

Damit schließt sich der Kreis zu meinem Traum: Ich glaube, dass es in der Tat hilfreich sein könnte, wenn Sascha mithelfen würde, die Debatte über eine Reform des Urheberrechts auf den Weg zu bringen. Doch anders als er, denke ich, dass es sehr wohl Menschen gibt, die eine Vorstellung davon haben, wie das aussehen könnte. Anfang des Monats hat Telepolis zum Beispiel ein langes Interview mit Till Kreutzer veröffentlicht, in dem er Grundzüge seiner Vorstellungen darlegt. Um solche Ideen einordnen zu können, sollten wir die revolutionäre Kraft, die von der Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ausgeht, in den Blick nehmen und ihren Wert verstehen. Zum Beispiel durch die Lektüre meines Buches – das würde dann auch das Missverständnis klären, dass ich die Kopie nicht lobe, um das Urheberrecht abzuschaffen, sondern um es im Gegenteil zu stärken.

P.S.: Nach Lektüre seines Impressums habe ich von der Idee Abstand genommen, Sascha mit einem Link zu diesem Eintrag ein Exemplar des Buches zu schicken. Er kann es sich ja kaufen!

Möglichkeiten und Moral in Zeiten der Ungeduld

Im vergangenen Sommer trug sich ein kleiner Austausch über den angeblichen Diebstahl in der digitalen Welt zwischen Sascha Lobo, Marcel Weiss und zu Teilen auch mir zu. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich in der aktuellen Folge der in der Tat absolut lobenswerten Lobo-Kolumne folgendes las:

In einer der wenigen nicht lobbyvergifteten Studien zum Thema illegale Downloads hat sich gezeigt, dass Ungeduld der wichtigste Faktor beim nicht rechtmäßigen Herunterladen von Software ist. Für Musik dürfte Ähnliches gelten. Aus dem eigenen Erleben dürften viele die Ernüchterung kennen, wenn ein phantastisches Musikstück oder eine spannende neue TV-Serie nirgends legal zum sofortigen Download angeboten wird. Sogar moralisch gefestigte Charaktere geraten dann in die Versuchung, mit einem Klick ihrer Ungeduld nachzugeben. Als Kompromiss mit dem eigenen Gewissen wird dann der spätere Kauf der DVD ausgehandelt. Oder sich zumindest ganz fest vorgenommen. Jedenfalls, wenn der Film gut ist.

Der Abschnitt ist herausgelöst aus einem Text, der sich mit digitaler Ungeduld befasst. Er zeigt, wie kompliziert es ist, im digitalen Raum Möglichkeiten und Moral miteinander zu vereinbaren – zumal wenn die beschriebene Kultur der Ungeduld (die zurecht gelobt wird) hinzutritt. Diese gilt es ebenso zu akzeptieren wie das Diebstahl-Dilemma, um herauszufinden, wie man Lösungen für dieses in erster Linie eben nicht moralische Problem findet.

Sie einfach zu umgehen, führt zu keiner Lösung, sondern zu Windungen und Wendungen, die das Zitat sehr anschaulich vor Augen führt.

Mehr Respekt: Brand eins übers Kopieren

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift brand eins hat sich das Thema “Respekt” gegeben und behandelt unter diesem Dach auch die Frage des geistigen Eigentums. Der Text “Geklaut bleibt geklaut” von Thomas Ramge ist online nicht verfügbar. Im Heft trägt er den Untertitel “Musik, Filme – und jetzt Bücher: Im Internet gilt geistiges Eigentum wenig. Autoren und Verlage beginnen sich zu wehren. Mit guten juristischen und ökonomischen Argumenten”

In dem Text, der sich selbst als “kurze Geschichte der Online-Piraterie” beschreibt, kommen Verlagsvertreter ebenso zu Wort wie zum Beispiel Philipp Otto von iRights.info und Robin Meyer-Lucht von carta.info.

Trotzdem hinterlässt er mich ratlos. Das liegt zum einen an der Konnotation, die allein schon von Titel und Untertitel des Textes (siehe dazu das Thema Diebstahl-Dilemma) ausgehen, es liegt zum anderen an der Grundhaltung, die ihren Ausdruck in dem Zitat findet, mit dem der Text endet. Es stammt von Dr. Annette Anton, die als Verlagsleiterin bei Campus arbeitet und mit den Worten zitiert wird:

Respekt drücke ich aus, indem ich für eine Leistung zahle. Alles andere ist dämliches Geschwätz.

Ratlos hinterlässt mich das, weil das Zitat in seiner Ausschließlichkeit natürlich falsch ist (was man auch im bei Campus erschienen Free von Chris Anderson nachlesen kann), aber vor allem, weil der Text am Ende leider doch nur die bestehenden Fronten wiederholt und verhärtet. Wenn es in einem ausgeruhten Magazin wie Brand eins, mit einem nachgewiesen großartigen Autoren wie Thomas Ramge (z.B. Marke Eigenbau bei Campus) schon nicht gelingt, die zugrunde liegenden Linien der Digitalisierung zu benennen, frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, abseits der interessengeleiteten Debatte, zu benennen, wie die digitale Kopie die Medienbranche verändert – und wie hier neue Modelle entstehen können und werden.

Die These, dass Menschen Bücher, Filme, Musik im Netz kopieren und man daran Respektlosigkeit ablesen könne, ist dabei das grundlegende Problem des Textes, der mit aller Mühe das Respekt-Oberthema des Hefts bedienen möchte. Dafür nimmt er zahlreiche eher hektische Wendungen von RapidShare über Fußball-Streams und den Paid-Content-Ideen von Times und New York Times sowie dem Treiben der Huffington Post bis zu Flattr und Pirate Bay. Dabei wird stets recht unscharf der Begriff des Kopisten für all jene verwendet, die vermeintlich respektlos sind, weil sie Urheberrechtsverstöße im Internet begehen.

Dass man dies durchaus anders interpretieren kann, beweist dieser Tage UARRR in seinem Blog-Eintrag Raubkopieren ist eigentlich total okay, in dem er sich mit der Frage befasst, warum dieses unverschämt einfache Kopieren so unverschämt beständig genutzt wird:

Niemand will wirklich zehn Minuten auf kino.to verbringen, fünf gefakete Play-Buttons umschiffen, dreizehn Pop-Ups und Overlays wegklicken müssen, um irgendwann auf eine Seite zu kommen, die einen 60 Sekunden Countdown bis zum Stream hat, nur damit man dann wieder fünf Overlays und drei Fakeplaybuttons bekommt, bevor man sieht, dass der Stream kaputt ist und man wieder auf kino.to anfangen kann. Das macht niemandem Spaß, aber man nimmt es in Kauf, weil die Alternative zwar leicht, aber weniger aktuell (Filmauswahl) und erheblich teurer wäre.

Dabei geht es übrigens meiner Einschätzung nach nicht nur um die Bequemlichkeit. Es geht auch darum, die normative Kraft der digitalen Kopie zu akzeptieren und auf dieser Basis Modelle zu entwickeln. Dies ist hier in den vergangenen Tagen schon mal angeklungen – in Fragen von gasförmigen Bezahldebatten und vor allem im Vorschlag der Kulturwertmark.

Alles in allem hätte ich dem Respekt-Heft mehr Respekt entgegen bringen können, hätte es sich die Mühe gemacht, diese Varianten aufzuspüren und die Frage aufzuwerfen, ob in einem Raum, in dem der Vertrieb nahezu kostenfrei möglich ist, sich Respekt nicht doch auch andes ausdrücken kann als über gelernte Bezahlmodelle.

Disclosure: Mein Interesse an dem Thema begründet sich unter anderem in einer eigenen Veröffentlichung. Im Sommer erscheint mein Buch Mashup bei Suhrkamp.

Vorübergehend plagi- und irritiert

“Ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf die Führung des Titels verzichten.”

Diese Erklärung hat der Bundesverteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg heute früh abgegeben. Es geht um die Plagiatsvorwürfe, denen er sich in Bezug auf seine Promotion ausgesetzt sieht.

Wie schon im Fall von Helene Hegemann im vergangenen Jahr entspannen sich an dieser Debatte einige Begriffsverwirrungen. Die (von mir interviewte) Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff schreibt unter dem (entlehnten) Titel Freiherr zu Copy and Paste über das plötzliche mediale Interesse, das dem Thema nun entgegen schlägt.

Schöne Überschrift aus der FAZ:

http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EA1B8EED8FBD14B9383967079DB05C6DE~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Einen Text habe ich dabei mit besonderer Verwunderung gelesen. Es handelt sich um den (im Netz mittlerweile gelöschten) Beitrag Der unvermeidliche Rücktritt aus dem Handelsblatt. Darin bezichtigt Dr. Rüdiger Scheidges den Bundesminister des Diebstahls geistigen Eigentums, er schreibt in den USA werde das Abkupfern gar als Todsünde angesehen. Gerne hätte ich den Text genauer zitiert, er ist aber eben leider nicht mehr zu finden.

Meine Verwunderung leitet sich aus den gleichen Gründen her, die auch schon in der Debatte um den vermeintlichen Diebstahl bei der Nutzung von Tauschbörsen für Unklarheiten sorgten. Vielleicht (einiges spricht dafür) hat der Bundesminister sich mit fremden Federn geschmückt (manche sagen betrogen), ganz sicher hat er aber nichts gestohlen. Diese falsche Rede vom Diebstahl (war hier schon an unterschiedlichen Stellen Thema) ist irreführend und hilft nicht weiter. Guttenberg hat offenbar die wissenschaftlichen Regeln gebrochen, das führt zu einem massiven Vertrauensverlust und man muss gar nicht die Vorbildfunktion der Politik anführen, um festzustellen, dass es zu einem Erdrutsch an Universitäten und in Lehrveranstaltungen führen würde, würde man dem Bundesminister etwas durchgehen lassen, was Studierenden verboten bleibt.

Dennoch müssen wir uns darüber bewusst werden, dass die Diebes-Begrifflichkeit untauglich ist. Michael Hutter schrieb im März 2010:

Geistige Inhalte sind öffentliche Güter, das heißt, sie können von vielen gleichzeitig genutzt und sie können leicht erschlichen werden. Darin liegt ein Problem. Aber dieses Problem lässt sich erst lösen, wenn die falsche Rede vom Diebstahl einer Sache aufhört.

Es wäre also gut, wenn man statt der blanken Beschimpfung auf eine sachlichere Ebene zurückkehrt. Es geht nicht darum, zu Guttenberg zu verteidigen. Es geht darum, das richtiges Kopieren zu lernen!

P.S.: Hier nochmal zur Erinnerung:

Update: In der SZ kommentiert Heribert Prantl die halbgare Entschuldigung des Ministers, die die inhaltlichen Fehler der Promotion noch verschlimmert:

Das Plagiat ist ein Schatten, der so tut, als handele es sich um den Körper. Das kann funktionieren, solange die Sonne passend steht. Das tut sie nicht mehr. Guttenberg hat nicht nur in seiner Doktorarbeit Fehler gemacht, sondern auch mit der selbstherrlichen Art, wie er damit umgeht.

Going over that cliff

Bestimmt ist es Zufall. Aber das hier ist ein Weblog und da ist es erlaubt, diesen Zufall zu nutzen und die Lektüre zweier Texte zu protokollieren, die vordergründig keinen Bezug haben, mir aber heute aufgefallen sind.

Es geht einerseits um die Aussagen der neuen ARD-Vorsitzenden Monika Piel (hier schon notiert) und andererseits um den Epilog des Buches “I live in the future an here’s how it works” von Nick Bilton (hier schon mal erwähnt). Bilton ist Autor bei der New York Times, Piel ist Chefin von 20.000 festangestellten Mitarbeitern, die 11 Fernseh- und 55 Hörfunk-Programme erstellen.

In ihren zahlreichen Interviews hat Monika Piel heute unter anderem mit Gabor Steingart über die Kostenlos-Kultur des Netzes gesprochen (was es mit dieser tatsächlich auf sich hat, erklärt Stefan Münker in diesem Gespräch). Darin antwortet die Frau, die wohlgemerkt die neue ARD-Vorsitzende ist, auf die Frage, ob Google eine Bedrohung sei für die gebührenfinanzierte ARD:

Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.

Warum das so ist, wird nicht nachgefragt und auch nicht erklärt. Stattdessen spricht Monika Piel davon, den Geburtsfehler des Internet (nämlich kostenlose Inhalte) beseitigen zu wollen. Wieso ausgerechnet die Chefin der gebührenfinanzierten ARD Inhalte, für die nicht direkt bezahlt wird, für falsch hält, wird ebenfalls nicht nachgefragt oder erklärt, stattdessen erläutert Frau Piel, wie sie diesen Geburtsfehler rückgängig machen will:

Ich kann mir zudem mit den Verlagen eine gemeinsame Internetplattform vorstellen. Dort könnten die Verlage und die Anstalten dann ihre kostenpflichtigen Qualitätsinhalte vertreiben. Es ist vieles denkbar, wenn wir uns mit den Verlegern auf diesem Gebiet endlich zusammenschließen.

Die Frage, wieso die bereits finanzierten Anstalten kostenpflichtige Inhalte verbreiten wollen, stellten die Interviewer Frau Piel nicht.

Später las ich dann das Schlusskapitel des grandiosen Buchs I live in the future & here’s how it works von Nick Bilton. Es ist als offener Brief an “CEO, Publisher, Producer, Editor, Author, Journalist, Advertising Director, Filmmaker” formuliert und richtet sich an “the entire business of storytelling—music, movies, television, newspapers, books, public relations, advertising, teaching“. Die zentrale Botschaft lautet: Die klassischen Konsumenten kehren nicht zurück. Gleiches gilt für die Zeiten vor der Digitalisierung.

Dieser Text – weiter unten ist er als Leseprobe eingebunden – gehört mit zu dem Besten, was ich bisher über die Digitalisierung und ihre Folgen gelesen habe. Bilton beschreibt auf den rund 260 vorhergehenden Seiten, wie die Digitalisierung unsere Vorstellung vom Storytelling verändert, weil sie Inhalte von Datenträgern löst, weil sie unkomplizierte und günstige Verbreitungswege gefunden hat. Er beschreibt, wie sich darüber die Gesellschaft vor unseren Augen verändert. Bei all dem spricht der Journalist jedoch nicht von Inhalten, sondern vom Storytelling. Er sagt, genau hier liege der Schlüssel für Verlage, Anstalten und Zeitungen, den Blick vom reinen Content-Vertrieb zu heben und auf das Storytelling zu richten:

As unsettling as it may sound, we need to accept that we are not simply selling content. We’re not selling the words on the page or the images on the screen; instead we’re selling an entire experience. The content we create and sell is just one segment of a thousand- piece jigsaw puzzle.

Natürlich ist Biltons Prognose weniger komfortabel als die Aussicht, die Welt wieder so zu gestalten wie sie vor dem vermeintlichen Geburtsfehler war. Ich glaube aber, dass sie unter anderem auch deshalb realistischer ist.

Before you panic any further, be assured that first and foremost we’re all driving off this cliff together. The entire business of storytelling—music, movies, television, newspapers, books, public relations, advertising, teaching—every business will be affected. We are all going through the same involuntary mutation. Some of us have already left solid ground, and others are heading toward the impending ledge. But one thing is for sure: We’re all going over that cliff. What happens at the bottom of the ravine is what we get to decide, and for some of the luckier ones the lessons of others will help us prepare.

Welche Lektionen können das sein? Anders als Nick Bilton lebe ich nicht in der Zukunft, deshalb kann ich auch nicht so sicher sagen, welche Schlüsse es sind. Ich bin mir aber fast sicher, dass der Kampf gegen die vermeintliche Kostenlos-Kultur nicht dazu gehört. Biltons Fazit jedenfalls lautet:

It’s time to reorganize, rethink, and get back to the business of storytelling.


Update 1: Marcel Weiss widmet sich bei Neunetz den Wirre Aussagen zum Medienwandel von der neuen ARD-Vorsitzenden und Christian Ciemalla schreibt: “Die Person, über deren Aussagen die meisten vermutlich gerade oberflächlich den Kopf schütteln, steht an der Spitze eines über 6 Milliarden Euro starken Imperiums. Eines gebührenfinanzierten Imperiums.

Update 2: Unter dem Titel Frau Piel, wir müssen reden schreibt Stefan Niggemeier einen langen aber sehr lesenswerten Brief an die ARD-Vorsitzende.

Update 3: Richard Gutjahr weist in den Kommentaren auf ein spannendes Interview mit Nick Bilton hin, dass er bereits im vergangenen Frühjahr mit ihm führte

Update 4: Stefan Niggemeier weist auf den Kommentar der ARD-Generalsekretärin Dr. Verena Wiedemann in seinem Blog. Sie schreibt: “Es wird wichtig bleiben, öffentlich wieder und wieder deutlich zu machen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein gesamtgesellschaftliches Anliegen ist. Denn er gehört uns allen.”

Nicht bezahlte Zeitungen lesen

In Wahrheit haben die Mathias Döpfners dieses Landes trotz des ganzen Geheules, dass Leistung honoriert werden müsse, kein Problem mit Menschen, die ihre Medien nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Sie verdienen auch an diesen Menschen, weil sie deren Aufmerksamkeit an die Werbekunden weiterverkaufen können.

Die Mathias Döpfners dieses Landes haben nur im Internet ein Problem mit nicht-zahlenden Lesern, weil die Werbeerlöse dort so niedrig sind, dass sich höhere Leserzahlen nicht entsprechend lohnen. Deshalb sollen an vielen Stellen die Bezahlschranken heruntergelassen werden: Die Leser sollen mit Vertriebserlösen das ausgleichen, was an Werbeerlösen fehlt.

Unter dem Titel Gratiskultur Print leitet Stefan Niggemeier aus dem Unterschied verkaufte Auflage und Leserschaft der Bild-Zeitung ab, wie selbstverständlich das Phänomen der unentgeltlichen Nutzung von Inhalten im Offline-Bereich zu sein scheint. Ein Diebstahl-Dilemma eben.

Experimente des Schenkens

„Wir reden von Medienkrise, und in Wahrheit erreichen alle Traditionstitel von ,Bild’ über ,Spiegel’ bis zum ,Handelsblatt’ doppelt so viele Menschen wie vor Einführung des Internets.“

Der Satz stammt von Gabor Steingart, dem Chef des Handelsblatt. Er plädiert dafür, die Chance des Netzes in den Vordergrund zu stellen, nicht die Risiken. Vor ein paar Monaten hatte Herr Steingart in einem Interview noch die Kostenlos-Kultur des Netzes kritsiert und gemahnt, Inhalte zu nicht zu verschenken.

Im Sommer hatte ich bereits hier notiert, dass ich das Bild des Verschenkens für falsch halte. Denn es ist ein Spezifikum des digitalen Raums, dass Inhalte hier zwar ohne Bezahlung zugänglich gemacht, aber deshalb trotzdem nicht verschenkt werden. Sie werden über Anzeigen finanziert – vielleicht nicht in dem Maße, das sich manch einer wünscht, aber auch nicht so beiläufig, dass man es nicht sehen könnte. In diesen Tagen feiert das Anzeigenmodell Google Adwords zehnten Geburtstag. Diese Idee der Online-Werbung ist nicht gerade unerfolgreich, sie basiert auf dem Prinzip des Verschenkens. Bezahlt wird hier mit Aufmerksamkeit.

Es mag wie eine Detailfrage klingen, ich glaube aber, dass wir so lange Probleme damit haben werden, die Besonderheiten des digitalen Raums zu verstehen und anschließend auch zu gestalten, wie es uns nicht gelingt, diese sprachlich zu fassen. So lange wir das Verschenken kritisieren, werden wir enorme Schwierigkeiten haben, Modelle im Netz zu finden, die helfen, einen hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Und die Verschenk-Annahme ist so tief verwurzelt, dass sie selbst ausgewiesene Experten wie unlängst Stephan Weichert und heute auch Christian Jakubetz verwenden. Er schreibt mit Blick auf Murdochs Paywall:

Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

Ich glaube das Problem stellt sich anders da, wenn man nicht vom Verschenken spricht und auch die möglichen Lösungen sehen dann anders aus. Gleiches gilt übrigens für das (von Christian ebenfalls angesprochene) Problem des Überangebots an Informationen. Was wäre, wenn das so gar nicht stimmt? Vielleicht hat ja Michael O’Malley recht, der in seinem lesenswerten Text Attention and Information sagt:

Peo­ple often argue that we have too much infor­ma­tion and too lit­tle atten­tion; that this is a con­di­tion of being “mod­ern.” But the oppo­site may be true: that atten­tion is a human con­stant and that it con­stantly seeks new forms.

Ich glaube, dass wir um den digitalen Raum zu verstehen, auch unsere Sprache und Bilder überprüfen müssen. Wir dürfen – wie das Beispiel des Diebstahl-Dilemmas zeigt – nicht den naheliegenden Metaphern vertrauen, wir müssen akzeptieren, dass in einem Raum, in dem die Kosten für den Vertrieb auf Frost-Temperatur fallen andere Bedingungen herrschen als in einem, in dem diese Kosten sommerliche Grad-Zahlen erreichen. Peter Glaser hat seinen großartigen Text Der ganze Planet eine Technosphäre in LeMonde diplomatique unlängst mit der Feststellung begonnen:

Wer online ist, nimmt teil an dem größten kulturellen, ökonomischen und sozialen Experiment des 21. Jahrhunderts.

Ich glaube, dass diese Diagnose stimmt – sogar für diejenigen, die nicht online sind (bzw. glauben, dass sie das nicht sind) Dieses Experiment stellt viele gelernte Dinge in Frage, es fordert uns heraus und neue Ideen. Diese werden wir nur formulieren können, wenn wir die Sprache dafür finden. Das klingt so banal, dass man “geschenkt” sagen möchte. Ist es aber nicht.

Die US-Version der Diebstahl-Debatte

Sascha Lobo ist in guter Gesellschaft: Wie ich gerade auf Twitter lese, nutzt auch US-Vizepräsident Joe Biden die Diebstahl-Metapher um gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. Amlan Mohanty von Spicy IP begründet in einem lesenswerten Beitrag jedoch, warum Copyright Infringement is Not Theft. Dies belegt er nicht nur mittels dieses Bildes

http://memset.files.wordpress.com/2010/10/piracy-vs-theft.jpg

… sondern auch anhand einiger rechtlicher Fälle in den USA. Darüberhinaus belegt er durch seinen gut verlinkten Text: die Diebstahl-Debatte gibt es nicht nur in Deutschland.