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Möglichkeiten und Moral in Zeiten der Ungeduld

Im vergangenen Sommer trug sich ein kleiner Austausch über den angeblichen Diebstahl in der digitalen Welt zwischen Sascha Lobo, Marcel Weiss und zu Teilen auch mir zu. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich in der aktuellen Folge der in der Tat absolut lobenswerten Lobo-Kolumne folgendes las:

In einer der wenigen nicht lobbyvergifteten Studien zum Thema illegale Downloads hat sich gezeigt, dass Ungeduld der wichtigste Faktor beim nicht rechtmäßigen Herunterladen von Software ist. Für Musik dürfte Ähnliches gelten. Aus dem eigenen Erleben dürften viele die Ernüchterung kennen, wenn ein phantastisches Musikstück oder eine spannende neue TV-Serie nirgends legal zum sofortigen Download angeboten wird. Sogar moralisch gefestigte Charaktere geraten dann in die Versuchung, mit einem Klick ihrer Ungeduld nachzugeben. Als Kompromiss mit dem eigenen Gewissen wird dann der spätere Kauf der DVD ausgehandelt. Oder sich zumindest ganz fest vorgenommen. Jedenfalls, wenn der Film gut ist.

Der Abschnitt ist herausgelöst aus einem Text, der sich mit digitaler Ungeduld befasst. Er zeigt, wie kompliziert es ist, im digitalen Raum Möglichkeiten und Moral miteinander zu vereinbaren – zumal wenn die beschriebene Kultur der Ungeduld (die zurecht gelobt wird) hinzutritt. Diese gilt es ebenso zu akzeptieren wie das Diebstahl-Dilemma, um herauszufinden, wie man Lösungen für dieses in erster Linie eben nicht moralische Problem findet.

Sie einfach zu umgehen, führt zu keiner Lösung, sondern zu Windungen und Wendungen, die das Zitat sehr anschaulich vor Augen führt.

Mehr Respekt: Brand eins übers Kopieren

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift brand eins hat sich das Thema „Respekt“ gegeben und behandelt unter diesem Dach auch die Frage des geistigen Eigentums. Der Text „Geklaut bleibt geklaut“ von Thomas Ramge ist online nicht verfügbar. Im Heft trägt er den Untertitel „Musik, Filme – und jetzt Bücher: Im Internet gilt geistiges Eigentum wenig. Autoren und Verlage beginnen sich zu wehren. Mit guten juristischen und ökonomischen Argumenten“

In dem Text, der sich selbst als „kurze Geschichte der Online-Piraterie“ beschreibt, kommen Verlagsvertreter ebenso zu Wort wie zum Beispiel Philipp Otto von iRights.info und Robin Meyer-Lucht von carta.info.

Trotzdem hinterlässt er mich ratlos. Das liegt zum einen an der Konnotation, die allein schon von Titel und Untertitel des Textes (siehe dazu das Thema Diebstahl-Dilemma) ausgehen, es liegt zum anderen an der Grundhaltung, die ihren Ausdruck in dem Zitat findet, mit dem der Text endet. Es stammt von Dr. Annette Anton, die als Verlagsleiterin bei Campus arbeitet und mit den Worten zitiert wird:

Respekt drücke ich aus, indem ich für eine Leistung zahle. Alles andere ist dämliches Geschwätz.

Ratlos hinterlässt mich das, weil das Zitat in seiner Ausschließlichkeit natürlich falsch ist (was man auch im bei Campus erschienen Free von Chris Anderson nachlesen kann), aber vor allem, weil der Text am Ende leider doch nur die bestehenden Fronten wiederholt und verhärtet. Wenn es in einem ausgeruhten Magazin wie Brand eins, mit einem nachgewiesen großartigen Autoren wie Thomas Ramge (z.B. Marke Eigenbau bei Campus) schon nicht gelingt, die zugrunde liegenden Linien der Digitalisierung zu benennen, frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, abseits der interessengeleiteten Debatte, zu benennen, wie die digitale Kopie die Medienbranche verändert – und wie hier neue Modelle entstehen können und werden.

Die These, dass Menschen Bücher, Filme, Musik im Netz kopieren und man daran Respektlosigkeit ablesen könne, ist dabei das grundlegende Problem des Textes, der mit aller Mühe das Respekt-Oberthema des Hefts bedienen möchte. Dafür nimmt er zahlreiche eher hektische Wendungen von RapidShare über Fußball-Streams und den Paid-Content-Ideen von Times und New York Times sowie dem Treiben der Huffington Post bis zu Flattr und Pirate Bay. Dabei wird stets recht unscharf der Begriff des Kopisten für all jene verwendet, die vermeintlich respektlos sind, weil sie Urheberrechtsverstöße im Internet begehen.

Dass man dies durchaus anders interpretieren kann, beweist dieser Tage UARRR in seinem Blog-Eintrag Raubkopieren ist eigentlich total okay, in dem er sich mit der Frage befasst, warum dieses unverschämt einfache Kopieren so unverschämt beständig genutzt wird:

Niemand will wirklich zehn Minuten auf kino.to verbringen, fünf gefakete Play-Buttons umschiffen, dreizehn Pop-Ups und Overlays wegklicken müssen, um irgendwann auf eine Seite zu kommen, die einen 60 Sekunden Countdown bis zum Stream hat, nur damit man dann wieder fünf Overlays und drei Fakeplaybuttons bekommt, bevor man sieht, dass der Stream kaputt ist und man wieder auf kino.to anfangen kann. Das macht niemandem Spaß, aber man nimmt es in Kauf, weil die Alternative zwar leicht, aber weniger aktuell (Filmauswahl) und erheblich teurer wäre.

Dabei geht es übrigens meiner Einschätzung nach nicht nur um die Bequemlichkeit. Es geht auch darum, die normative Kraft der digitalen Kopie zu akzeptieren und auf dieser Basis Modelle zu entwickeln. Dies ist hier in den vergangenen Tagen schon mal angeklungen – in Fragen von gasförmigen Bezahldebatten und vor allem im Vorschlag der Kulturwertmark.

Alles in allem hätte ich dem Respekt-Heft mehr Respekt entgegen bringen können, hätte es sich die Mühe gemacht, diese Varianten aufzuspüren und die Frage aufzuwerfen, ob in einem Raum, in dem der Vertrieb nahezu kostenfrei möglich ist, sich Respekt nicht doch auch andes ausdrücken kann als über gelernte Bezahlmodelle.

Disclosure: Mein Interesse an dem Thema begründet sich unter anderem in einer eigenen Veröffentlichung. Im Sommer erscheint mein Buch Mashup bei Suhrkamp.

Vorübergehend plagi- und irritiert

„Ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf die Führung des Titels verzichten.“

Diese Erklärung hat der Bundesverteidigungsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg heute früh abgegeben. Es geht um die Plagiatsvorwürfe, denen er sich in Bezug auf seine Promotion ausgesetzt sieht.

Wie schon im Fall von Helene Hegemann im vergangenen Jahr entspannen sich an dieser Debatte einige Begriffsverwirrungen. Die (von mir interviewte) Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff schreibt unter dem (entlehnten) Titel Freiherr zu Copy and Paste über das plötzliche mediale Interesse, das dem Thema nun entgegen schlägt.

Schöne Überschrift aus der FAZ:

http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EA1B8EED8FBD14B9383967079DB05C6DE~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Einen Text habe ich dabei mit besonderer Verwunderung gelesen. Es handelt sich um den (im Netz mittlerweile gelöschten) Beitrag Der unvermeidliche Rücktritt aus dem Handelsblatt. Darin bezichtigt Dr. Rüdiger Scheidges den Bundesminister des Diebstahls geistigen Eigentums, er schreibt in den USA werde das Abkupfern gar als Todsünde angesehen. Gerne hätte ich den Text genauer zitiert, er ist aber eben leider nicht mehr zu finden.

Meine Verwunderung leitet sich aus den gleichen Gründen her, die auch schon in der Debatte um den vermeintlichen Diebstahl bei der Nutzung von Tauschbörsen für Unklarheiten sorgten. Vielleicht (einiges spricht dafür) hat der Bundesminister sich mit fremden Federn geschmückt (manche sagen betrogen), ganz sicher hat er aber nichts gestohlen. Diese falsche Rede vom Diebstahl (war hier schon an unterschiedlichen Stellen Thema) ist irreführend und hilft nicht weiter. Guttenberg hat offenbar die wissenschaftlichen Regeln gebrochen, das führt zu einem massiven Vertrauensverlust und man muss gar nicht die Vorbildfunktion der Politik anführen, um festzustellen, dass es zu einem Erdrutsch an Universitäten und in Lehrveranstaltungen führen würde, würde man dem Bundesminister etwas durchgehen lassen, was Studierenden verboten bleibt.

Dennoch müssen wir uns darüber bewusst werden, dass die Diebes-Begrifflichkeit untauglich ist. Michael Hutter schrieb im März 2010:

Geistige Inhalte sind öffentliche Güter, das heißt, sie können von vielen gleichzeitig genutzt und sie können leicht erschlichen werden. Darin liegt ein Problem. Aber dieses Problem lässt sich erst lösen, wenn die falsche Rede vom Diebstahl einer Sache aufhört.

Es wäre also gut, wenn man statt der blanken Beschimpfung auf eine sachlichere Ebene zurückkehrt. Es geht nicht darum, zu Guttenberg zu verteidigen. Es geht darum, das richtiges Kopieren zu lernen!

P.S.: Hier nochmal zur Erinnerung:

Update: In der SZ kommentiert Heribert Prantl die halbgare Entschuldigung des Ministers, die die inhaltlichen Fehler der Promotion noch verschlimmert:

Das Plagiat ist ein Schatten, der so tut, als handele es sich um den Körper. Das kann funktionieren, solange die Sonne passend steht. Das tut sie nicht mehr. Guttenberg hat nicht nur in seiner Doktorarbeit Fehler gemacht, sondern auch mit der selbstherrlichen Art, wie er damit umgeht.

Nicht bezahlte Zeitungen lesen

In Wahrheit haben die Mathias Döpfners dieses Landes trotz des ganzen Geheules, dass Leistung honoriert werden müsse, kein Problem mit Menschen, die ihre Medien nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Sie verdienen auch an diesen Menschen, weil sie deren Aufmerksamkeit an die Werbekunden weiterverkaufen können.

Die Mathias Döpfners dieses Landes haben nur im Internet ein Problem mit nicht-zahlenden Lesern, weil die Werbeerlöse dort so niedrig sind, dass sich höhere Leserzahlen nicht entsprechend lohnen. Deshalb sollen an vielen Stellen die Bezahlschranken heruntergelassen werden: Die Leser sollen mit Vertriebserlösen das ausgleichen, was an Werbeerlösen fehlt.

Unter dem Titel Gratiskultur Print leitet Stefan Niggemeier aus dem Unterschied verkaufte Auflage und Leserschaft der Bild-Zeitung ab, wie selbstverständlich das Phänomen der unentgeltlichen Nutzung von Inhalten im Offline-Bereich zu sein scheint. Ein Diebstahl-Dilemma eben.

Die US-Version der Diebstahl-Debatte

Sascha Lobo ist in guter Gesellschaft: Wie ich gerade auf Twitter lese, nutzt auch US-Vizepräsident Joe Biden die Diebstahl-Metapher um gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. Amlan Mohanty von Spicy IP begründet in einem lesenswerten Beitrag jedoch, warum Copyright Infringement is Not Theft. Dies belegt er nicht nur mittels dieses Bildes

http://memset.files.wordpress.com/2010/10/piracy-vs-theft.jpg

… sondern auch anhand einiger rechtlicher Fälle in den USA. Darüberhinaus belegt er durch seinen gut verlinkten Text: die Diebstahl-Debatte gibt es nicht nur in Deutschland.

Nochmal Diebstahl

Wir müssen nochmal über den Diebstahl in der digitalen Welt reden. Denn dieses Beispiel aus dem angelsächsischen Sprachraum zeigt, dass die Debatte nicht einzig zwischen Sascha Lobo und Marcel Weiss läuft, sondern von grundlegender Bedeutung ist. Es geht um eine Auseinandersetzung zwischen Matt Asay und Glyn Moody, die sich an diesem Beitrag von Asay für TheRegister entzündete. Darin schrieb er:

I don’t mean to diminish the wrong nature of stealing software. Theft is theft and should be punished.

Moody reagierte darauf mit den benannten Argumenten und schrieb in einer Mail an Asay:

Calling copyright infringement „theft“ really plays into the hands of organisations like the BSA that put out these deliberately misleading studies. „Theft“ is an emotive word that biases the reader against the people involved. If you call it „copyright infringement“, and note that copyright is a time-limited, state-granted *monopoly* – and I think everyone accepts that monopolies are generally bad things – then copyright infringement simply means infringing on a monopoly.

Asay reagierte mit einer Mail, woraufhin Moody ein Blogpost mit dem Titel „Sharing: Theft or Duty?“ veröffentlichte, das lesenswert ist und zu diesem Schluss kommt:

After all, this is not some abstract issue. Currently, billions of people in developing countries cannot access huge swathes of transformative, liberating knowledge because of copyright laws, or are denied life-saving medicines because of drug patents. Being able to share is literally a matter of life and death.

Zuspruch für diese These gibt es übrigens aus erstaunlicher Richtung: vom 80-jährigen Filmemacher Jean-Luc Godard!

Filesharing oder Filestehling?

Markus Heidmeier hat heute früh unter dem Titel Digitale Diebstähle in DRadio Wissen einen Beitrag zu der Filesharing-Debatte gesendet, die in den vergangenen Tagen auch hier und hier geführt wurde. Er nennt sie einen „Kulturkampf unter Bloggern“, bescheinigt Sascha eine „Popper-Frisur“ und beklagt „großes Getöse“ und kommt zu dem Schluss: „Viel Geschrei, aber keine brauchbare Strategie für die Zukunft.“ Deshalb fordert er ein „Diskursreset“.

Unterlegt ist der Beitrag übrigens mit Musik aus dem hier bereits erwähnten Projekt von Nina Paley.

Das sagt der Beitrag aber nicht.

Mein Fazit zu der besprochenen Debatte zwischen Marcel und Sascha steht übrigens hier.

via

Die Herausforderungen für den Online-Journalismus

We didn’t became journalists to sit back and relax, didn’t we?

Zu diesem Fazit kommt Mercedes Bunz in ihrem Beitrag zum „state of online journalism today“. Sie nimmt darin u.a. Bezug auf die Guardian-Meldung, die darlegt, dass die Paid-Content-Strategie der Times vor allem zu einem Rückgang des Leser-Interesses geführt hat. Ich finde das nicht verwunderlich. Denn die Menschen verlieren das Interesse an Inhalten, wenn diese hinter einer Bezahlwand liegen. Das liegt zum einen daran, dass es immer jemanden gibt, der ein vergleichbares Angebot kostenfrei liefert (wird man nicht ändern) und zum anderen daran, dass die Leser nicht wissen, was sie kaufen werden. Selbst wenn also die Texte, Bilder, Videos, die hinter der Wand sind, besser sind, erfährt der Nutzer es nicht.

Ich schreibe das hier auf, weil es ein schönes Beispiel dafür ist, wie wichtig sprachliche Genauigkeit ist, wenn man sich den Herausforderungen der digitalisierten Welt stellt. Wenn wir das Gegenteil von „sit back and relax“ tun wollen, sollten wir das Feld sehr genau kennen, das wir bearbeiten. Das gilt für die Rede vom Diebstahl genauso wie für jene vom Verschenken. Die Times-Paywall zeigt, dass wir Inhalte nicht dann verschenken, wenn wir sie online stellen und dort vermarkten, sondern dann, wenn wir sie hinter einer Bezahlschranke parken. Dort werden sie nämlich kaum mehr wahrgenommen. Und ohne Aufmerksamkeit ist die ganze Mühe – verschenkt.

Es lohnt sich, die Sprache für diese veränderten Bedingungen zu schulen. Nur so wird man neue Ideen entwicklen, die dem digitalen Raum angemessen sind. In Massachusetts ist man jetzt zum Beispiel auf die Idee gekommen, Leser für fürs Kommentieren zahlen zu lassen. Dabei geht es zunächst um eine rein pragmatische Klarnamen-Abwicklung. Dahinter steckt aber mehr: Man nimmt den Gedanken ernst, dass das Web unsere Vorstellung vom journalistischen Produkt verändert. Dieses ist kein abgeschlossenes Gut mehr, das unverändert existiert und wie ein Brot verkauft werden muss. Es ist ein Prozess (und in diesem einen Zusammenhang akzeptiere ich die Buzz-Bezeichnung „Prozessjournalismus“) geworden, ein sich änderndes Verlaufsprodukt. Damit geht jede Menge Veränderung im Herstellungsprozess einher – und vielleicht auch im Verwertungsprozess.

Wie das konkret aussehen wird, finden wir nur heraus, wenn wir Begriffe finden für diese veränderten Bezugswelten. Das gilt nicht nur für die Musik und das Urheberrecht, sondern auch für die Zukunft des Online-Journalismus. Aber genau deshalb sind wir ja Journalisten geworden …

Die Moral von der digitalen Kopie

Hey, da läuft ja gerade tatsächlich eine äußerst interessante und lebhafte Debatte über die Frage von Filesharing und Moral. Ausgelöst von der scheinbar nur begrifflichen Wortspalterei um die Bezeichnung „Contentdiebstahlhilfe“ haben Sascha und Marcel ein paar schöne Ballwechsel gespielt. Da will ich mich gar nicht weiter einmischen, weil Marcels wirtschaftliche Argumente von Sascha nur schwer zu retounieren sind – und selbst wenn: die Debatte über Sinn oder Schaden von Filesharing und den angenommenen Umsatzverlust, der in so genannten Brennerstudien dokumentiert wird, hat bereits gezeigt, dass am Ende Marcel den Punkt machen wird.

Ich würde aber gerne einen Aspekt ergänzen, den mspro bereits treffend getwittert hat: Sascha klammert die digitale Kopie und ihre Folgen aus. Das sehe ich genauso und würde die Frage gerne von dem etwas verkürzenden Begriff des Filesharings (der ja vor allem auf die Nutzung von Tauschbörsen angewendet wird) auf die allgemeinere Ebene der digitalen Kopie heben. Denn natürlich geht es nicht nur darum, ob der „metaphorische 15-Jährige“ (wie Sascha ihn nennt) Musik in P2P-Netzwerken tauscht (mal abgesehen davon, dass die Debatte sich ja offenbar auf den Bereich der One-Click-Hoster zu verschieben scheint). Denn diese Netzwerke gibt es ja auch ganz analog auf Schulhöfen, in Uni-Seminaren und vermutlich sogar Betriebskantinen, wo externe Festplatten getauscht werden. Menschen tun dort etwas, was unfassbar einfach geworden ist: Sie erstellen digitale Kopien. Und diese sind (das Blumenbeispiel zeigt es) eine geschichtliche Unverschämtheit, sie erstellen identische Duplikate. Sie schaden dem Original nicht und sind als Vervielfältigungsstück (wie das UrhG Kopien nennt) nicht mehr zu unterscheiden.

Aus dieser historisch neuen Situation erwächst mein Wunsch, die Begriffe sauber auseinander zu halten. Denn mit der Bezeichnung Diebstahl für diesen Vorgang wird eine moralische Komponente in die Debatte gebracht, die juristisch nicht haltbar ist – und die zudem unsere Vorstellung von sozialem Austausch auf den Kopf stellt.

Nehmen wir an, Sascha und Marcel treffen sich im echten Leben und Marcel würde Sascha dessen Bitte, ihm einen Zeitungsartikel per Mail weiterzuleiten, mit dem Verweis abschlagen, dies sei Diebstahl. Sascha würde Marcel für wunderlich halten. Eine Leistung, die für Marcel ohne Kosten und Aufwand möglich ist, zu verweigern, erscheint uns als unsozial. Das wäre so, als würde Marcel den Sitzplatz in der U-Bahn erst dann für Sascha freiräumen, wenn er auch sicher ist, dass dieser einen gültigen Fahrschein besitzt. (Wer weitere Beispiele von zufällig mitgehörter Musik oder unerlaubt gelesener Schlagzeilen sucht, soll bitte bei David Weinberger nachlesen). Es mag Menschen geben, die so agieren. Deren Prinzipien zum Maßstab gesellschaftlichen Handelns zu machen, erscheint mir allerdings absurd.

Genau das tun wir aber, wenn wir von Diebstahl sprechen. Wir übertragen Begriffe und Metaphern, die wir aus der analogen Welt kennen, auf den digitalen Raum. Und blenden dabei aus, dass dort andere Gegebenheiten herrschen – nämlich die digitale Kopie. Um deren Folgen für die Gesellschaft, den freien Meinungsaustausch und die Kulturproduktion einschätzen zu können, müssen wir sie aber verstehen. Wir müssen verstehen, dass die Kriterien der Verknappung nicht gelten, wenn eine Datei, ein Song, ein Film ohne Kosten vervielfältigt werden kann – und zwar identisch, so dass Vorlage und Kopie nicht mehr zu unterscheiden sind.

Der Jurist Urs Gasser hat im Interview, das ich mit ihm für jetzt.de führte, darauf hingewiesen, dass sich dadurch ein nicht unproblematischer moralischer Graben auftut:

Das Internet hat in der Art, wie es genutzt wird, eine Norm des Teilens entfacht, die gesellschaftlich auch sanktioniert ist. Wir lehren unseren Kindern ja auch, dass sie teilen sollen. Denn das Teilen gilt als etwas Gutes. Und im Internet ist es technisch sogar noch sehr viel einfacher. Wenn ich einem Freund einen Song kopiere, hat er ihn und ich habe ihn auch. Das stärkt also die Form des Teilens und das ist zunächst erstmal etwas Gutes.

Wenn man jetzt dieses Teilen von urheberrechtlich geschützten Werken pauschal (und juristisch falsch) als Diebstahl bezeichnet, erweist man dem ja richtigen Ziel, ein Modell gegen vergütungsfreie Nutzung zu finden, einen Bärendienst. Denn zum einen befördert man damit eine Legitimationskrise des Urheberrechts und zum anderen hilft man dabei, den digitalen Graben in der Gesellschaft weiter auszuheben. Denn diejenigen, die im digitalen Raum leben, wundern sich über die, die die Rede vom Diebstahl führen – und nehmen sie langfristig nicht mehr ernst.

Man könnte darüberhinaus noch jede Menge mehr über das Konzept des geistigen Eigentums sagen, dazu sei aber an dieser Stelle auf Thomas Stadler verwiesen, der interessante Anmerkungen notiert hat. Und wie so oft gilt auch hier: am besten lässt sich der Verlauf der Debatte über Rivva verfolgen.

So lange wir von Diebstahl sprechen …

Kurzer Nachtrag zur Diebstahl-Debatte der vergangenen Tage. Sascha Lobo hatte in einem Text von The Pirate Bay als „Contentdiebstahlhilfe“ geschrieben. Irritierender Weise wie ich finde. Marcel Weiss weist jetzt darauf hin, dass er auch in seinen Kommentaren auf diese begriffliche Ungenauigkeit reagiert.

Die Volljährigen, die in schöner Newspeak-Tradition nicht wollen, dass die illegale Nutzung fremder Leute Inhalte “Diebstahl” heisst, müssen sich noch etwas gedulden: ich schreibe demnächst einen Artikel, weshalb ich die Musikindustrie (in großen Teilen) ebenso bescheuert finde wie die egoistischen illegalen Downloader.

Das finde ich deshalb bemerkens- und notierenswert, weil in der Reaktion ein erstaunliches Muster offenkundig wird, das mir häufig bei vergleichbaren Diskussionen begegnet: Erstens wird unterstellt, mit dem Hinweis darauf, dass Diebstahl der falsche Begriff ist, wolle man die vergütungsfreie Nutzung rechtfertigen. Das ist nicht der Fall. Ich halte die vergütungsfreie Nutzung aus unterschiedlichen Gründen für ungut. Ich glaube aber, dass man ihr nur konstruktiv begegnen wird, wenn man Begriffe findet, die sie angemessen zu beschreiben. Dass Diebstahl dafür nicht geeignet ist, wurde bereits an unterschiedlichen Stellen dargelegt.

Zweitens wird quasi im gleichen Atemzug die Musikindustrie als Feind (hier in der Ausprägung „bescheuert“) benannt. Ich finde die Musikindustrie nicht bescheuert. Sie ist auch nicht mein Feind (so lange sie mich nicht in meinen Grundrechten beschneiden möchte). Was ich aber merkwürdig finde, ist die Unfähigkeit, die Veränderungen der Digitalisierung zu akzeptieren – und stattdessen in ein ebenso wenig konstruktives Freund-Feind-Denken zu verfallen.

Ein dritter Teil des Musters ist in den Kommentaren unter Marcel Weiss‘ Text nachzulesen. Dort wird das Eintreten für begriffliche Genauigkeit als Wortspalterei abgetan, die nichts daran ändert,

dass die Person, die am Ende des Fließbands sitzt, um ihren verdienten Lohn gebracht wird.

Dabei handelt es sich um eine Abwandlung der ersten Unterstellung. Allerdings mit dem interessanten Dreh, denjenigen, die für begriffliche Genauigkeit eintreten quasi indirekt eine Mitschuld daran zu geben, dass „verdienter Lohn“ nicht gezahlt wird.

Ich glaube, dass die aktuelle Debatte nicht wirklich zu einem Ziel führt. Man wird sie auch nicht fortführen müssen. Man kann aber ein interessantes Muster daran ablesen. Deshalb habe ich es hier notiert. (Erstaunlich ist übrigens, dass sich die Debatte ausgerechnet an einem Artikel über Flattr entzündete, einem Dienst, der zumindest den Versuch unternimmt, ein dem digitalen Raum angepasstes Modell zu entwickeln. Dazu empfiehlt sich übrigens die Lektüre von Ronnie Grobs Entgegnung Mein Hut, der hat drei Cents)

Zum Abschluss noch die inhaltliche Einordnung der Diebstahl-Frage: Eben weil ich die vergütungsfreie Nutzung von Inhalten im Netz nicht gut finde, lehne ich die Rede vom Diebstahl ab. Eben weil ich will, dass die Person am Ende des Fließbands ihren verdienten Lohn erhält, halte ich es für notwendig, die Realität im digitalen Raum angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Denn das dringend erforderlich Ziel muss es sein, neue Modelle zu entwickeln und das Urheberrecht nutzerfreundlicher zu gestalten. So lange wir von Diebstahl sprechen, werden wir die Folgen der Digitalisierung nicht verstehen, geschweige denn gestalten können.

Update 8. Juli 15 Uhr: Sascha hat jetzt seinerseits wieder einen Text zum Thema verfasst, den ich direkt dort kommentiert habe.

Update: 8. Juli 18 Uhr: Marcel hat nach Äußerungen in den Kommentaren auf neunetz.com eine lesenswerte Replik geschrieben.

Update: 9. Juli 10.30 Uhr: Meine Antwort zur moralischen Frage