Alle Artikel mit dem Schlagwort “diebstahl-dilemma

Nochmal Diebstahl

Wir müssen nochmal über den Diebstahl in der digitalen Welt reden. Denn dieses Beispiel aus dem angelsächsischen Sprachraum zeigt, dass die Debatte nicht einzig zwischen Sascha Lobo und Marcel Weiss läuft, sondern von grundlegender Bedeutung ist. Es geht um eine Auseinandersetzung zwischen Matt Asay und Glyn Moody, die sich an diesem Beitrag von Asay für TheRegister entzündete. Darin schrieb er:

I don’t mean to diminish the wrong nature of stealing software. Theft is theft and should be punished.

Moody reagierte darauf mit den benannten Argumenten und schrieb in einer Mail an Asay:

Calling copyright infringement „theft“ really plays into the hands of organisations like the BSA that put out these deliberately misleading studies. „Theft“ is an emotive word that biases the reader against the people involved. If you call it „copyright infringement“, and note that copyright is a time-limited, state-granted *monopoly* – and I think everyone accepts that monopolies are generally bad things – then copyright infringement simply means infringing on a monopoly.

Asay reagierte mit einer Mail, woraufhin Moody ein Blogpost mit dem Titel „Sharing: Theft or Duty?“ veröffentlichte, das lesenswert ist und zu diesem Schluss kommt:

After all, this is not some abstract issue. Currently, billions of people in developing countries cannot access huge swathes of transformative, liberating knowledge because of copyright laws, or are denied life-saving medicines because of drug patents. Being able to share is literally a matter of life and death.

Zuspruch für diese These gibt es übrigens aus erstaunlicher Richtung: vom 80-jährigen Filmemacher Jean-Luc Godard!

Filesharing oder Filestehling?

Markus Heidmeier hat heute früh unter dem Titel Digitale Diebstähle in DRadio Wissen einen Beitrag zu der Filesharing-Debatte gesendet, die in den vergangenen Tagen auch hier und hier geführt wurde. Er nennt sie einen „Kulturkampf unter Bloggern“, bescheinigt Sascha eine „Popper-Frisur“ und beklagt „großes Getöse“ und kommt zu dem Schluss: „Viel Geschrei, aber keine brauchbare Strategie für die Zukunft.“ Deshalb fordert er ein „Diskursreset“.

Unterlegt ist der Beitrag übrigens mit Musik aus dem hier bereits erwähnten Projekt von Nina Paley.

Das sagt der Beitrag aber nicht.

Mein Fazit zu der besprochenen Debatte zwischen Marcel und Sascha steht übrigens hier.

via

Digital Surplus

Unter dem Titel Filesharing, Flattr und Bezahlschranken: Die Auflösung historischer Unfälle liefert Marcel Weiss nicht nur eine lesenswerte Besprechung des Buchs Cognitive Surplus von Clay Shirky

… sondern vor allem einen interessanten Beitrag zur Frage rund um vermeintliche Kostenlos-Kultur, um Diebstahl und Filesharing und um die Zukunft des Publizierens im Netz. Er führt aus, wie die Demokratisierung der Publikationsmittel zu einer Veränderung unseres Bildes von Preis und Wert des Publizierens führen:

Wer vor dem Internet Inhalte veröffentlichen wollte – also vervielfältigen und verbreiten -, sah sich enormen Kosten gegenüber. Diese Kosten haben das Publizieren teuer gemacht, folglich musste man sich vorher genau überlegen, was überhaupt publizierenswert ist.

Heute ist dieser Vorgang aber „mit Grenzkosten von Null“ verbunden, d.h. das Publizieren ans sich ist

nur aus Versehen teuer und damit als wertvoll betrachtet

Marcel führt daraufhin sehr lesenswert aus, warum Bezahlschranken im Netz weniger gut funktionieren als Dienste wie flattr und überträgt den genannten „historischen Unfall“ auf das Phänomen Filesharing. Das alleine ist schon spannend, mich interessiert daran aber aus journalistischer Perspektive folgende inhaltliche Frage: Kann man dem – nur zufällig wertvollen – Publizieren wieder einen eigenen (inhaltlichen) Wert verleihen? Gibt es ein Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Publizieren von Profis und jenem von Amateuren, das man inhaltlich herleiten kann?

Diese Frage zu stellen finde ich sehr viel spannender als die ewige Debatte über die strategische Fehlentscheidung des Netzes. Der Neunetz-Beitrag ist dazu vielleicht ein erster Schritt.

Berliner Termine

Berlin, du hast es besser. Berlin, du hast Zeit zum Diskutieren. Deshalb hier zwei Berliner Termin-Hinweise für Anfang September:

Im Rahmen des spannenden Symposiums Verbotene Filme (8. bis 10. September) gibt es einen interessanten Mash-Up-Themenabend.

Und im Rahmen der all2gether now gibt es in der Woche zuvor (6. September) ein spannendes Streitgespräch zwischen Sascho Lobo und Marcel Weiss – das wohl ausgelöst wurde von einer Debatte Anfang Juni, an der ich mich auch beteiligt habe. Es ging um das (hier schon häufiger thematisierte) Diebstahl-Dilemma und die Frage, ob man digitale Inhalte stehlen kann.

Im Ankündigungs-Text tritt diese Frage allerdings etwas zurück hinter die (sehr simple) Zuspitzung

Sind Filesharer Egoisten oder die Vorhut der Zukunft? Was genau bedeutet Filesharing für die Musikindustrie? Kann man es unterbinden und zum Tagesgeschäft zurückkehren oder verändert sich das Musikgeschäft grundlegend?

So lange wir von Diebstahl sprechen …

Kurzer Nachtrag zur Diebstahl-Debatte der vergangenen Tage. Sascha Lobo hatte in einem Text von The Pirate Bay als „Contentdiebstahlhilfe“ geschrieben. Irritierender Weise wie ich finde. Marcel Weiss weist jetzt darauf hin, dass er auch in seinen Kommentaren auf diese begriffliche Ungenauigkeit reagiert.

Die Volljährigen, die in schöner Newspeak-Tradition nicht wollen, dass die illegale Nutzung fremder Leute Inhalte “Diebstahl” heisst, müssen sich noch etwas gedulden: ich schreibe demnächst einen Artikel, weshalb ich die Musikindustrie (in großen Teilen) ebenso bescheuert finde wie die egoistischen illegalen Downloader.

Das finde ich deshalb bemerkens- und notierenswert, weil in der Reaktion ein erstaunliches Muster offenkundig wird, das mir häufig bei vergleichbaren Diskussionen begegnet: Erstens wird unterstellt, mit dem Hinweis darauf, dass Diebstahl der falsche Begriff ist, wolle man die vergütungsfreie Nutzung rechtfertigen. Das ist nicht der Fall. Ich halte die vergütungsfreie Nutzung aus unterschiedlichen Gründen für ungut. Ich glaube aber, dass man ihr nur konstruktiv begegnen wird, wenn man Begriffe findet, die sie angemessen zu beschreiben. Dass Diebstahl dafür nicht geeignet ist, wurde bereits an unterschiedlichen Stellen dargelegt.

Zweitens wird quasi im gleichen Atemzug die Musikindustrie als Feind (hier in der Ausprägung „bescheuert“) benannt. Ich finde die Musikindustrie nicht bescheuert. Sie ist auch nicht mein Feind (so lange sie mich nicht in meinen Grundrechten beschneiden möchte). Was ich aber merkwürdig finde, ist die Unfähigkeit, die Veränderungen der Digitalisierung zu akzeptieren – und stattdessen in ein ebenso wenig konstruktives Freund-Feind-Denken zu verfallen.

Ein dritter Teil des Musters ist in den Kommentaren unter Marcel Weiss‘ Text nachzulesen. Dort wird das Eintreten für begriffliche Genauigkeit als Wortspalterei abgetan, die nichts daran ändert,

dass die Person, die am Ende des Fließbands sitzt, um ihren verdienten Lohn gebracht wird.

Dabei handelt es sich um eine Abwandlung der ersten Unterstellung. Allerdings mit dem interessanten Dreh, denjenigen, die für begriffliche Genauigkeit eintreten quasi indirekt eine Mitschuld daran zu geben, dass „verdienter Lohn“ nicht gezahlt wird.

Ich glaube, dass die aktuelle Debatte nicht wirklich zu einem Ziel führt. Man wird sie auch nicht fortführen müssen. Man kann aber ein interessantes Muster daran ablesen. Deshalb habe ich es hier notiert. (Erstaunlich ist übrigens, dass sich die Debatte ausgerechnet an einem Artikel über Flattr entzündete, einem Dienst, der zumindest den Versuch unternimmt, ein dem digitalen Raum angepasstes Modell zu entwickeln. Dazu empfiehlt sich übrigens die Lektüre von Ronnie Grobs Entgegnung Mein Hut, der hat drei Cents)

Zum Abschluss noch die inhaltliche Einordnung der Diebstahl-Frage: Eben weil ich die vergütungsfreie Nutzung von Inhalten im Netz nicht gut finde, lehne ich die Rede vom Diebstahl ab. Eben weil ich will, dass die Person am Ende des Fließbands ihren verdienten Lohn erhält, halte ich es für notwendig, die Realität im digitalen Raum angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Denn das dringend erforderlich Ziel muss es sein, neue Modelle zu entwickeln und das Urheberrecht nutzerfreundlicher zu gestalten. So lange wir von Diebstahl sprechen, werden wir die Folgen der Digitalisierung nicht verstehen, geschweige denn gestalten können.

Update 8. Juli 15 Uhr: Sascha hat jetzt seinerseits wieder einen Text zum Thema verfasst, den ich direkt dort kommentiert habe.

Update: 8. Juli 18 Uhr: Marcel hat nach Äußerungen in den Kommentaren auf neunetz.com eine lesenswerte Replik geschrieben.

Update: 9. Juli 10.30 Uhr: Meine Antwort zur moralischen Frage

Wenn wir von Diebstahl sprechen …

Sascha Lobo hat heute in seinem Blog dargelegt, warum ich nicht flattre. Ein interessanter Text ist das geworden, der spannende Fragen rund um die Geschenkökonomie und die Idee von Peter Sunde behandelt. Zu den fünf Gründen, die Sascha gegen Flattr auflistet, zählt auch der Punkt „Gründer“. Darin kritisiert er …

… die arrogante, pubertäre, selbstgerechte Art, wie The Pirate Bay und damit auch Flattr-Gründer Peter Sunde sich einen Dreck um alle anderen inklusive der Musiker und Filmschaffenden geschert hat und damit mutmaßlich auch noch selbst Geld verdient hat, die stösst mir übel auf (selbst, wenn sie ein bisschen lustig ist).

… und kommt deshalb zu folgender Einschätzung:

Flattr erscheint mir unter anderem als Feigenblättchen eines Menschen, dem seine Rolle der Contentdiebstahlbeihilfe etwas unangenehm geworden ist.

An diesem Satz finde ich zwei Punkte bemerkenswert: Zum einen wäre doch, wenn man das Feigenblatt-Argument akzeptiert, die Wandlung des Peter Sunde begrüßens- und unterstützenswert. Und zum anderen – und das verwundert mich dann doch – schreibt der Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation tatsächlich von „Diebstahl“. Verwundert bin ich darüber nicht, weil ich Sundes Schaffen bei The Pirate Bay rechtfertigen wollen würde. Ich finde erstaunlich, dass selbst Sascha Lobo offenbar die bereits erwähnten sprachlichen Probleme mit der Digitalisierung teilt und in die falsche Rede vom Diebstahl einstimmt.

Nein, das heißt nicht, dass ich es richtig finde, wenn im digitalen Raum vergütungsfrei geistige Schöpfungen konsumiert werden. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die Digitalisierung das Urheberrecht vor große Herausforderungen stellt. Diesen wird man aber solange nicht angemessen begegnen können, wie man sie sprachlich nicht greifen kann. Und die Rede vom Diebstahl ist aus vielen Gründen nicht zielführend.

Eine der lesenswerteren Begründungen dafür stammt von David Weinberger. Auf seine 20 things I’ve stolen möchte ich aus aktuellem Anlass nochmal verweisen. Besonders schön ist Punkt 14. Dabei geht es um Fahrkarten-Diebstahl:

I placed a bag on the seat next to me on the subway.

P.S.: Beim Thema Flattr bin ich übrigens ganz nah an Saschas Argumentation. Habe meinen kleinen Flattr-Versuch hier auch abgebrochen.

Update: Hier kann man übrigens verfolgen, wie die Debatte weitergeht.

Everybody Steals

I and many other contemporary writers, musicians, visual artists, and copyleft lawyers are trying to think in new and different and (we believe) exciting ways about quotation, citation, appropriation, and plagiarism. We’re trying to regain the freedoms that writers for millennia took for granted but that we have lost.

David Shields, Autor des wunderbaren Reality Hunger, schreibt in der Huffington Post über die Hintergründe für sein Buch.

via

(Meine) Wahrheit im SZ-Magazin

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/

In der Reihe von Texten, die ich bisher veröffentlicht (und hier zum Teil auch verlinkt) habe, nimmt der aus dem heutigen SZ-Magazin (jetzt am Kiosk!!) eine besondere Stellung ein. Er läuft nämlich unter der Überschrift Wahrheit. Das geht allerdings nicht auf einen hybris-gesteuerten Vorschlag von mir zurück, sondern auf das dem sehr lesenswerten Heft zugrunde liegende Konzept, das Internet aus einer lobenden und einer ablehnenden Perspektive zu beurteilen. Mein Text handelt von dem schon angesprochenen Diebstahl-Dilemma und der Frage, wie ein die Bedingungen der Digitalisierung angepasstest Urheberrecht aussehen könnte:

Aber diese Wege wird man nicht finden, wenn man die Herausforderung umgeht, die mit der digitalen Kopie verbunden ist: die an unsere Sprache. Für den Prozess der identischen Vervielfältigung haben wir keinen Begriff. Sicher ist nur: Diebstahl ist nicht das richtige Wort. Erst wenn man akzeptiert, dass man mit der Rede vom Diebstahl in die Irre läuft, löst man den Vorgang aus dem moralisch ungenauen Kontext des Stehlens – und schafft so den Rahmen für eine mögliche Lösung.

P.S.: So ganz vertrauen die Kollegen vom SZ-Magazin meiner Wahrheit übrigens nicht. Sie haben ein Wiki eingerichtet, in dem man bis zum 6. Mai „alle Beiträge ergänzen, korrigieren oder umschreiben“ kann. Keine Ahnung, warum sie glauben, dass das nötig sei …

Diebstahl geistigen Eigentums

Unter dem sprachlich etwas eigenartig eingeleiteten Titel „Diebstahl geistigen Eigentums im Netz: 5 vor 12 für die Kreativwirtschaft“ lädt die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di am Montag zu einer Pressekonferenz. Diese Veranstaltung wird gemeinsam mit den „Spitzenorganisationen der Buch-, Film-, Musik- und TV-Branche“ abgehalten – so beschreibt es die oben verlinkte Einladung vom Bundesverband Musikindustrie. Auf der verdi-Webseite findet man keinen Hinweis auf die Veranstaltung.

Die Koalition der größten deutschen Gewerkschaft mit den Lobby-Verbänden der so genannten Kreativwirtschaft sorgt im Netz für Unverständnis. Philipp Otto hat deshalb einen Offenen Brief an Frank Werneke geschrieben, in dem er fragt:

Wie kommt man als Gewerkschaft im Jahr 2010 dazu, die propagandistische Aussage vom “Diebstahl geistigen Eigentums im Netz” als Titel für seine Pressekonferenz zu wählen? Wer hat hier wem was in die Blöcke diktiert? Denkt ver.di ernsthaft, alles sei so einfach und man könne mal draufhauen und schauen was dabei rauskommt? Wie muss das Urheberrecht aus Sicht von ver.di ausgestaltet sein, dass sowohl die Urheber als auch die Nutzer zu ihrem Recht kommen?

John F. Nebel geht noch einen Schritt weiter und erklärt seinen Austritt auf der Gewerkschaft – mit der Begründung:

Ihre neuen Bündnispartner wollen das Internet zu einem Platz machen, in dem Freiheit nichts mehr zählt. Ihre neuen Bündnispartner sprechen sich nicht nur für Internetsperren bei Copyrightverstößen aus, sondern fordern ein Strafsystem, bei dem Urheberrechtsverletzer schrittweise aus der digitalen Welt ausgeschlossen werden. Man kann das digitale Todesstrafe nennen, 3-Strikes oder euphemistisch „abgestufte Erwiderung“. Ihre neuen Bündnispartner befördern eine weitere Kontrolle des Netzes, sie befürworten Deep Packet Inspection und nehmen in Kauf, dass die Errungenschaften des Internets, wie freie Kommunikation und eine Kultur des kreativen Austausches, der Zusammenarbeit und Kooperation für schnöde Konzerngewinne geopfert werden.

Und Markus Beckedahl kommt auf netzpolitik.org zum dem Schluss:

ver.di hat eine Werbekampagne gestartet, um sich bei Internet-Nutzer nachhaltig unbeliebt zu machen

Dass man sich auch anders mit dem ja in der Tat bedeutsamen Thema Urheberrecht im digitalen Zeitalter befassen kann, zeigt übrigens aktuell die Böll-Stiftung. In der vergangenen Woche ist der lesenswerte Reader Copy.Right.Now! Plädoyer für ein zukunftstaugliches Urheberrecht erschienen. Darin sind zahlreiche gute Ansätze zu der Frage zu finden, wie man auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagiert, ohne die Grundlagen der freien Gesellschaft in Zweifel zu ziehen. Und außerdem weiß man nach der Lektürer des Buches auch, warum die Rede vom Diebstahl nicht zielführend ist.

Mehr zum Thema auch im Blog Digitale Linke