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Statt eines Rückblicks: 10 Sätze aus dem Jahr 2012

1. Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren. >>

2. Die republica ist viel besser als es eine Schule je sein könnte. >>

3. Journalisten, die die Aufmerksamkeit ihrer Leser erlangen und erhalten wollen, müssen mehr als bisher begründen, warum sie arbeiten wie sie das tun. >>

4. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstler umgeht, ist nichts wert. >>

5. Die heutige Entscheidung des Europaparlaments gegen Acta muss in diesem Zusammenhang als Hoffnungszeichen gewertet werden >>

6. Ich war am Montag in der Sitzung des Unterausschuss Neue Medien des Deutschen Bundestag zu Gast, als so genannter Sachverständiger. >>

7. „Life is a time machine“ singt Vic Chesnutt und das ist der beste Satz, den ich für diesen bescheuerten Umstand kenne. >>

8. Die Realität ist für das Urheberrecht bedrohlicher als die Piraten >>

9. Hey, I just met you and this is crazy, but here’s my number, so call me, maybe? >>

10. Eine neue Version ist verfügbar >>

Von Dieben lernen

Auf der Seite eins der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit befasst sich ein „Von Dieben lernen“ betitelter Kommentar mit den Acta-Protesten der vergangenen Tage und Wochen. Ich habe den Text mit Ärger, Erstaunen und nachhaltiger Erschütterung gelesen und will das hier festhalten für den Fall, dass in Zukunft mal wieder das Thema digitaler Graben aufkommt oder Medien sich (wie bei den Acta-Protesten vergangene Woche) plötzlich erstaunt fragen: Wo kommen denn all diese Demonstranten plötzlich her?

Der Text (online bisher nicht verfügbar) ist verfasst von Thomas Fischermann, der vor kurzem (mit Götz Hamann) das Buch Zeitbombe Internet veröffentlicht hat.

1. Ärger
Der Begriff des Diebstahl wird in dem Text unreflektiert und breitflächig eingesetzt. Auch das moralische Argument wird ins Feld geführt um zu erläutert, warum die so genannte „Null-Euro-Fraktion“ (Menschen, die Musik aus Tauschbörsen laden statt sie wie z.B. der Zeit-Autor für 21 Euro „bei einer Internet-Musikvertriebsfirma aus Glasgow“ zu kaufen) falsch liegt. Geärgert hat mich das, weil ich glaube, dass die unreflektierte Verwendung des Begriffs Diebstahls nicht richtig und dass die darauf aufbauende moralische Diskussion nicht zielführend ist.

2. Erstaunen
Trotz dieser sprachlichen Ungenauigkeit in dem Text argumentiert dieser nicht realitätsfern. Er stellt fest, dass „ausgerechnet das Internet neuerdings vielversprechende Geschäftsmodelle“ eröffne und zieht aus der Diebstahl-Annahme nicht den Schluss, die Vertreter der Null-Euro-Fraktion zu verdammen oder zu beschimpfen. Das hat mich positiv erstaunt – weil ich es nach der merkwürdigen Überschrift nicht erwartet hätte.

3. Erschütterung

Beendet habe ich die Lektüre des Textes dennoch mit nachhaltiger Erschütterung, denn in seiner gewählten Sprache bleibt er dann doch verräterisch. Zwar benennt er Argumente für diejenigen, die da auf die Straße gegangen sind. Er sagt aber sehr klar: Das sind nicht wir, das sind nicht die Leser dieser Zeitung, das sind die anderen. Konkret steht in dem Text – mit Bezug auf die Acta-Demonstranten:

Man kann mit denen jetzt hin und her diskutieren, welche Seite moralisch und juristisch recht hat. Man kann sich aber auch den Ärger sparen.

Im Kontext folgt dann der Hinweis darauf, dass sie womöglich doch bereit sind für Inhalte zu zahlen. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir um den Tonfall, der aus dem „mit denen“ und dem „hin und her diskutieren“ klingt. Dieser Tonfall schließt aus. So wie es den Cover-Themen der Zeit immer häufiger gelingt, einzuschließen („dieses Problem betrifft mich auch, ich gehöre dazu“), zeigt dieser Tonfall, wer eben nicht dazu gehört: die da. (Mal abgesehen davon, dass der „Ärger“ des Rumdiskutierens vielleicht gerade das ausmacht, was jetzt dringend notwendig ist: eine Debatte um ein zukunftsfähiges Urheberrecht)

Vielleicht ist dies lediglich ein sprachliches Detail. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Hinweis auf einen großen Bruch. Ein Zeichen dafür, dass die zumeist jungen Acta-Demonstranten hier offenbar keine publizistische Heimat haben. Dass man hier ihre Sprache nicht spricht (Raubkopierer), dass man sich hier von ihnen distanziert und sie (noch?) nicht als relevanten, gleichwertigen Debattenteilnehmer akzeptiert.

Die FAZ hat dieser Tage eine ganze Generation ausgerufen und den Text mit den Worten geschlossen:

Diese Geschichte begann mit einem Gesetz. Sie endet mit einer Revolution: Gegen die Twitter-Generation geht künftig nichts mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Prognose nicht nur auf die politische Debatte zu beziehen, sondern auch auf die publizistische. Wenn das keine Herausforderung ist – nicht nur für die Zeit.

Who feeds the artist?

Achtung: es bewegt sich was. Die vergangenen Tage haben an unterschiedlicher Stelle gezeigt: Die Debatte ums Urheberrecht kommt in Fahrt (und das hat nichts mit den Piraten zu tun). Das ist erstaunlich denn die Debatte ist nicht nur – wie die taz feststellt – „neuerdings auf hohem Niveau“, sie wird auch an unterschiedlichen Ecken geführt.

Besonders erstaunlich finde ich die Auseinandersetzung auf europäischer Ebene, die heute in einem Blogpost der niederländischen EU-Kommissarin Neelie Kroes gipfelte, die zur Frage Is copyright working? schrieb.

Zunächst ein Blick auf die Auseinandersetzung in Deutschland, die von einem Die Leistungsschutzgelderpresser betitelten Beitrag in Konkret eingeleitet wurde. Darauf antwortet Mark Chung (Vorstandsvorsitzender des Verbandes unabhängiger Tonträgerunternehmer, VUT) in einem offenen Brief, der bei Spreeblick veröffentlicht wurde. Marcel Weiss wiederum hat dazu auf neunetz.com ein paar sehr kluge Anmerkungen verfasst. Dabei bringt er seine These wie folgt auf den Punkt:

Um tatsächlich das Urheberrecht, wie es im 19. Jahrhundert erdacht wurde, auch im 21. Jahrhundert durchzusetzen, müssen online Bürgerrechte beschnitten werden.


Und während ich das las, bzw. noch darüber nachdachte, was das bedeutet und welchen Konflikt dies in eine Gesellschaft legt, kam von Washington aus die Debatte um den Stop Online Piracy Act auf. Dieses US-amerikanische Gesetzesvorhaben empört aktuell digitale Bürgerrechtler und auch zahlreiche namhafte Netzfirmen weil es unangemessen genau das tut, was Marcel Weiss beschreibt: Es beschneidet Bürgerrechte – um Copyright durchzusetzen. Es gibt an dem Gesetzesvorhaben noch eine Menge mehr zu kritisieren, aber der beschriebene Konflikt zwischen Verwerterinteressen und Grundrechten liegt ihm genauso zugrunde wie auch dem ACTA betitelten Abkommen, das in diesem Winter im Europa-Parlament hinter verschlossenen Türen verhandelt wird.

Womit wir auf der europäischen Ebene angekommen sind. Dort brachte die für digitale Fragen zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes mit einer Rede im französischen Avignon am Samstag Fahrt in die Urheberrechtsdebatte. In der „Who feeds the artist?“ betitelten Ansprache bezeichnete sie das Copyright als Hasswort und beschrieb ein Durchsetzungs- und ein Akzeptanzproblem des Rechtsgebiets. Das sorgte für eine Menge Verweise am Wochenende auf Twitter.

Erstaunlich fand ich jedoch wie sie zu mehr Kreativität im Ausbau des Urheberrechts fürs digitale Zeitalter aufrief. Sie sagte:

There are many new ideas out there – ideas, for example, like extended collective licensing as practised in Scandinavia, or other ideas that seek to both legitimise and monetise certain uses of works. Are these ideas the right ones to achieve our goals? I don’t know. But too often we can’t even try them out because of some old set of rules made for a different age – whether it is the Berne Convention, the legislation exceptions and limitations on the VAT Directive or some other current law. So new ideas which could benefit artists are killed before they can show their merit, dead on arrival. This needs to change.

Untermauert hat sie dies mit ihrem Is copyright working? Blogpost von heute. Eine gute Frage, deren Antwort vielleicht eine Reform des Urheberrechts nach sich zieht, das Modelle mit der digitalen Kopie ermöglicht statt gegen sie.