Tatsächlich mehr 8 geben

Vielleicht darf man Denis Scheck gar nicht böse sein. Da kommt jemand mit Kamera und Mikro auf ihn zu und will von ihm wissen, wie er zum Urheberrecht steht. Also läuft der Fernsehmoderator los und redet in Kamera und Mikro. Weil er gebildet und gewitzt rüberkommen will, sagt er nicht einfach nur “Urheberrecht find ich gut”, sondern bemüht das Lateinische und erklärt, schon Cicero habe mit der Piratenpartei Piraten zu tun gehabt und – ist ja klar – diese zum Feind aller Menschen erklärt: “communis hostis omnium” sagt Scheck und im Überschwang der Überlegenheit ergänzt er mit Blick auf “neue Piraten”: “Gegen alte Feinde helfen altbewährte Mittel.”

Schecks Auftritt wurde im Rahmen des Welttags des Geistigen Eigentums in dieser Woche auf der Website wir-geben-8.net veröffentlicht, die im Auftrag der VG Wort erstellt wurde. Auf YouTube, das zum Konzern Google gehört, wird das Video kostenfrei zugänglich gemacht. Ein Angebot, von dem bisher noch keine 500 Zuseher Gebrauch gemacht haben.

Google ist übrigens auch hilfreich, wenn man rausfinden möchte, welche “altbewährten Mittel” Denis Scheck meinen könnte. Wer nach Schecks Zitat sucht, landet z.B. auf dieser Fundstelle in Google-Books, die von einer Gefangnahme Julius Caesars berichtet, die nur durch eine Lösegeldzahlung an die Piraten beendet wurde:

Kaum in Freiheit, schaffte Caesar es, mittels gemieteter Schiffe, die Piraten zu fangen. Er ließ sie, wie in Gefangenschaft angekündigt, kreuzigen.

Vielleicht muss man Denis Scheck also sehr wohl böse sein. Von Beiträgen zur Urheberrechtsdebatte sollten wir – nach Regeners Wutanfall und Acta-Protesten – etwas mehr Tiefgang erwarten dürfen als unfallfreies Laufen vor der Kamera. Seit zu Beginn des Jahres 2012 die Auseinandersetzung um die digitale Kopie und ihre Folgen hochkochte, haben sich nicht wenige Menschen bemüht, in anstrengenden Gesprächen, Diskussionen und Debatten den Boden für einen angemessenen Umgang – miteinander und mit den Herausforderungen der Digitalisierung – zu bereiten. Die Bemühungen sind auf beiden Seiten zu beobachten. Downloader wie Verwerter mühen sich und Downloader wie Verwerter müssen sich ins Gesicht geschlagen fühlen von eloquent vorgetragener Ahungslosigkeit wie Denis Scheck sie in der genannten Kampagne zur Aufführung bringt.

Wie genau lautet der Vorschlag, den Scheck unterbreiten möchte? Welche altbewährten Mittel will er nutzen um mit der digitalen Kopie umzugehen? Selbst wenn man zu seinem Besten unterstellt, dass die Kreuzigungsfundstelle nur einen unglücklichen Kontext herstellt, bleiben dennoch zwei gravierende Probleme mit Schecks Statement und der Kampagne, in die es eingebettet ist:

Zunächst ignoriert der Beitrag die vergangenen Monate. Er hat die Anschlussfähigkeit eines Brunftschreis in einem artfremden Gehege. Hier will jemand ein Revier markieren, ohne zu bemerken, dass diese Markierung alle Grenzen überschreitet. Selbst wenn die Aussage – weniger gewitzt – einfach nur gelautet hätte “Urheberrecht find ich gut” (von dem Format sind andere Beiträge auf der Seite), krankt sie aber noch an einem zweiten Problem: Sie ist keine Antwort auf die Herausforderung. Denn natürlich ist das Urheberrecht wichtig, darüber streitet in Wahrheit niemand. Die Auseinandersetzung muss im Sinne einer offenen Gesellschaft über die Frage geführt werden, welche Durchsetzungsmaßnahmen die Gesellschaft für angemessen hält – und wie man die Akzeptanz des Urheberrechts steigert. Und hier wird das ganze Dilemma der 8-geben-Kamapagne (übrigens auch eine Website für Kleintierpflege) offensichtlich: Die Wortmeldungen auf der Seite legen nahe, der Herausforderung der digitalen Kopie sei allein und zuvorderst durch moralische Kampagnen zu begegnen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller betonen, dass ihre Arbeit etwas wert sei, dass sie bezahlt werden müsse. Sie sagen aber nicht, warum das jetzt zur Debatte stehen könnte. Sie weisen nicht darauf hin, dass die digitale Kopie den Vertrieb von Inhalten revolutioniert. Sie blenden aus, dass wir erstmals in der Geschichte der Menschheit identische Duplikate herstellen können. Sie sagen einfach nur, dass man das Wert schätzen solle, weil sie sonst kein Geld verdienen. Im Statement des Übersetzers Hinrich Schmidt-Henkel kann man raushören, dass diese angemessene Bezahlung nicht unbedingt mit dem Publikum, sondern vielleicht auch mit dem Verhalten der Rechteverwerter zu tun hat. Trotzdem suggeriert die Kampagne genau das: Wenn sich nur einfach alle moralisch gut verhalten, gibt es gar keine Probleme. Dass man über die Frage von Moral in dem Zusammenhang durchaus streiten kann, taucht dabei gar nicht auf (siehe dazu das Dilemma des Teilens), weil ja eben auch die Realität der digitalen Kopie nicht wirklich thematisiert wird.

Das ist deshalb schade, weil genau hier sich ja das Prinzip einer Verwertungsgesellschaft begründet: Wo individuelle Moralappelle nicht greifen, gibt es das Modell der Pauschalabgaben. Eine Verwertungsgesellschaft hat ihre Begründung genau darin, Vergütung für Werknutzung sicherzustellen, die nicht durch direkte Bezahlung erfolgt. Genau darauf sollte eine Kampagne einer Verwertungsgesellschaft ausgerichtet sein. Sie sollte das in den Vordergrund stellen, was Thomas Brusig auf der Kampagnenseite schreibt:

Die VG Wort bringt das Kunststück fertig, das Urheberrecht zu stärken, indem es die ungehinderte Verbreitung geistigen Eigentums ermöglicht und die Honorierung der Urheber im Blick hat. Wenn es die VG Wort nicht gäbe – man müsste sie erfinden.

Vielleicht muss genau das passieren: die Verwertungsgesellschaft muss sich (neu) erfinden. Dabei können übrigens sogar die Thesen dienlich sein, die dem 8-geben zum Titel verhalfen. Es gibt derer eben genau acht und die zweite so genannte Position wirbt für pauschale Abgabesysteme und nimmt dabei sogar das böse Wort Kulturflatrate in den Mund:

Die gesetzlich erlaubte Privatkopie ist eine Art „Kulturflatrate“ im geltenden Urheberrecht. Sie ermöglicht Vervielfältigungen für private Zwecke, sieht aber gleichzeitig eine angemessene Vergütung der Urheber durch die pauschale Gerätevergütung vor. Erlaubt sind analoge und digitale (!) Privatkopien. Allerdings muss für die Privatkopie eine angemessene Vergütung gezahlt werden. Diese wird durch die pauschale Geräte- und Speichermedienvergütung sichergestellt.

Darauf könnte Denis Scheck ja mal 8 geben, das ist im weitesten Sinn sogar ein altbewährtes Mittel.

Das Don-Draper-Dilemma: Vorärger!

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Am Sonntag startet die sechste Staffel der TV-Serie Mad Men. Die Frage zu stellen, woher ich das weiß, mutet merkwürdig an, man muss sie aber stellen um zu verstehen, warum ich das zwar wissen, die Serie aber nicht gucken darf bzw. noch nicht gucken darf.

Die Macher der Serie von AMC sprechen schon seit Wochen von nichts anderem als von dem kommenden Sonntag. Auf Facebook verfolgen sie mich mit der neuen Staffel und auf ihrer Website bieten sie mir – wie passend – sechs Wege an, meine Vorfreude zu kanalisieren. Mir gefällt all das, die Marketing-Maßnahmen treffen mich ziemlich genau, sie lösen jedoch das exakt umgekehrte Gefühl bei mir aus: statt Vorfreude empfinde ich wachsenden Vorärger.

Das Wort gibt es so nicht, aber neue Zeiten verlangen vielleicht auch neue Begriffe. Und Vorärger ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn einem zwar etwas in Internet-Geschwindigkeit (Sofort!) angeboten wird, man dies aber nur in Postkutschen-Geschwindigkeit erwerben kann.

Denn natürlich würde ich für Mad Men bezahlen, sogar sofort! Und alle, die sich Mad Men auf mittel-legalen Wegen trotzdem besorgen, erzählen mir, dass diese Wege keineswegs kostenfrei sind. Auch sie bezahlen, aber eben mittellegal. Der Auslöser für den Vorärger ist aber: Ich darf ja gar nicht zahlen. Mir ist kein Weg bekannt, wie ich erlaubter als mittellegal in die Lage versetzt werde, am Sonntag an dem globalen Pop-Erlebnis Mad Men S06E01 teilzunehmen. So lautet der Code für die erste Folge der sechsten Staffel – und Menschen werden (weil ich ihn jetzt erwähnt habe) auf der Suche nach diesem Stück Kultur auch auf diesem Blog landen und das Gefühl teilen, das ich hier beschreibe: Vorärger!

Sascha Lobo hat dieses Problem in seiner Spiegel-Kolumne mal so beschrieben:

In der Tat erscheint vielen Nutzern nicht einsichtig, wieso ein digitales Produkt nicht per Klick legal heruntergeladen werden kann. Zu den häufigst genannten Gründen für illegale Downloads gehört die mangelhafte legale Verfügbarkeit, will sagen: die Unmöglichkeit, etwas sofort zu bekommen, gefälligst in Echtzeit. Wenn man die Beobachtung des eigenen Verhaltens zumindest als Anhaltspunkt akzeptiert, dann scheint eine Nebenwirkung des Internet eine zunehmende Ungeduld mit den Dingen zu sein. Vorsichtig gesagt. Das süße Gift der Beschleunigung macht nicht nur süchtig, es lässt einem auch heute als langsame Zumutung erscheinen, was man gestern noch als flott empfand. Schneller als Echtzeit – jetzt, hier, sofort – geht nicht.

Daraus könnte man den sonntäglich klingenden, aber völlig unsinnigen Schluss ziehen, mal lieber nicht so ungeduldig zu sein. Über den Umgang mit Echtzeit (siehe dazu den Text “Terror des Jetzt” aus dem Jahr 2008) sollte man nicht nur wegen Douglas Rushkoffs Present Shock nachdenken, moralische Forderungen werden das Problem aber nicht lösen. Die Ursache dafür liegt nämlich woanders: in den Verwertungszyklen der Verwerter. Es erscheint noch immer lukrativer, die Serie Mad Men nicht in kleinen Folgen-Paketen an ungeduldige Einzelnutzer (wie z.B. mich!!) zu verkaufen, sondern im Staffel-Paket an einen anderen Verwerter, der dafür viel mehr bezahlt und dieses Geld durch eine weitere Schlaufe im Verwertungszyklus wieder reinholt.

Denn natürlich kann ich dieser Tage Mad Men auch ganz legal auf klassischem Weg anschauen. Das ZDF hat mich über den Twitter-Account von ZDFneo gerade letzte Woche erst drauf hingewiesen: Vor ein paar Wochen ist dort nämlich die vierte Staffel der Serie gestartet. Der Code dazu lautet Mad Men S04E01, was gerade vermutlich niemand sucht.

Wie also löst man dieses moralische Don-Draper-Dilemma? Ich weiß es nicht und ich halte auch wenig davon, diese Fragen moralisch anzugehen. Wenn man das aber tut, drängt sich das alte Konsumenten-König-Diktat auf. Überall sagt man uns: Der Verbraucher bestimmt durch sein Verhalten, wie Geschäfte sich entwickeln. Beim Amazon-Problem legte man dem Verbraucher deshalb sehr bald nahe, dort doch einfach nicht mehr zu bestellen. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn man das aber zuende denkt, heißt das doch, dass man – um den Voräger langfristig abzustellen – einfach nicht mehr beim ZDF gucken darf um den gelernten Verwertungszyklus zu durchbrechen und darauf zu hoffen, dass man künftig selber und ganz legal eine Folge bezahlen darf, oder?


Dieser Text erscheint als Crosspost auch im TV-Blog von Süddeutsche.de

loading: Jung und naiv

Tilo Jung stellt Politikern Fragen. Einfache, aber klare Fragen. Er selbst nennt das Jung&Naiv und liefert damit erstaunliche Interviews. Der Kollege Christian Helten schrieb über die Interview-Serie auf jetzt.de: “Die Gespräche wirken zum Teil, als wäre man sich gerade zufällig begegnet, wäre ins Plaudern gekommen und irgendjemand hätte die iPhone-Kamera und ein Mikro eingeschaltet. Das Faszinierende daran ist, wie konsequent Tilo vollkommen naiv bleibt.”

jungnaiv

Das will Tilo jetzt fortsetzen. Auf der Pitch-Seite bei Krautreporter erklärt er: “Postproduction ist bisher nicht möglich. Deshalb wende ich mich an euch. Helft mir “Jung & Naiv” weiterzumachen, auszubauen und es auf ein produktionstechnisches Niveau zu bringen, dass heutzutage locker möglich ist. Käme das Geld zusammen, verspreche ich 50 Folgen zu drehen und es auch als Audiopodcast zu veröffentlichen.”

Von den 2500 Euro, die als Fundingziel gesteckt wurde, hat das Projekt 13 Tage vor Ende bereits über 2000 Euro eingesammelt. Tilo Jung hat den loading-Fragenbogen beantwortet:

Warum “Jung & Naiv”?
Die Idee ist so ein bisschen aus der Not heraus geboren. Zum einen wollte ich anfangen, Interviews vor der Kamera zu üben. Dafür braucht ich einen Rahmen. Und da ich gerne spiele, wollte ich nicht die klassische Rolle des Journalisten einnehmen. Zum anderen bin ich mittlerweile gewohnt, wie ätzend es ist, mit Politikern öffentlich zu reden. Das meist Nichtssagende, Vorhersehbare und Abgestumpfte hat mich mehr und mehr angekotzt. Nicht nur bei eigenen Interviews, sondern auch bei der Vielzahl der Kollegen: Die Politiker wissen, welche Fragen sie zu erwarten haben, welche Antworten sie geben wollen, was sie sagen können. Der deutsche Journalist weiß ebenfalls, was er zu fragen hat. Was er hören will (Pressemitteilung wartet schon!). Und wann er mit dem Interview fertig ist. Das Hinterfragen ist für beide Seiten scheinbar obsolet geworden. Daher die Idee: Ich spiele einen interessierten, leicht begeistbaren, aber jungen und naiven Fragesteller, der von Interview zu Interview verschiedene Ahnungslosigkeiten pflegt.

Wer soll das anschauen?
Das ist mir egal.

Wie geht es weiter?
Da ich ein Ziel erklären musste, habe ich versprochen 50 Folgen zu drehen. Mit dem Crowdfunding will ich ein, zwei weitere Kameraeinstellungen und endlich eine Postproduction ermöglichen. Es kommt aber ganz drauf an, wie viel herauskommt. Mit dem Minimalziel von €2500 wäre zB eine GoPro und ein Rechner drin. Ich weiß allerdings nicht, wo das Ding hingehen soll und kann. Das liegt alles nur begrenzt in meiner Hand. Ich habe mir aber vorgenommen, wenn bis Folge 100 kein Weg gefunden ist, mit diesen Interviews, diesem Format Geld zu verdienen, ich “Jung & Naiv” als gescheitert ansehen werde. Dann habe ich 100 Folgen meinen Spaß gehabt und kann meinen Kindern irgendwann erzählen, womit ich mir die Freizeit um die Ohren gehauen habe. Und das war’s am Ende auch.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Sharing is caring.

>>>> Hier Jung und Naiv unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


loading: Fotos für die Pressefreiheit

Seit fünfzehn Jahren veröffentlicht der gemeinnützige Verein Reporter ohne Grenzen das Fotobuch “Fotos für die Pressefreiheit”. In diesem Jahr hat Mathias Wahler dabei ein Experiment gestartet: Um die Druckkosten des Buches zu finanzieren, hat er ein Projekt bei startnext angelegt: Unter startnext.de/fotos-fuer-die-pressefreiheit kann man die Arbeit des Vereins unterstützen.

Für loading hat Mathias Wahler die Fragen des Fragebogens beantwortet.

Was machst du?
Ich bin Referent für Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit bei Reporter ohne Grenzen.

Warum (machst du es so)?
“Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung”. Ich kann mit meinem Beruf dazu beitragen. Das motiviert!

Wer soll das lesen?
Menschen, die eindrucksvolle Bilder von international renommierter Fotografen sehen und Texte von erfahrender Auslandskorrespondenten lesen möchten.
Die Verbindung von Bildern und Texten macht “Fotos für die Pressefreiheit” zu etwas Besonderem.

Wie geht es weiter?
Am 31. März endet unsere Kampagne auf Startnext. Die Hälfte unseres Ziels haben wir dank vieler Menschen bereits erreicht. Jetzt bleibt nicht mehr viel Zeit, aber ich bin sicher wir erreichen unser Ziel und freuen uns auf jeden Unterstützung! Das Buch erscheint am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das Presse- und Meinungsfreiheit in vielen Ländern keine Selbstverständlichkeit ist. Journalisten und Blogger riskieren teilweise sogar ihr Leben, um für ihr Recht auf Meinungsfreiheit zu kämpfen.

>>>> Hier kann man Fotos für die Pressefreiheit unterstützen!

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Sascha Lobo schreibt in der FAZ an Christopher Lauer

Oh, da dachte man die Debatte um Christopher Lauers Abschied von Twitter sei beendet, da biegt die FAZ um die Ecke und fährt Sascha Lobo auf, der einen Brief an Christopher Lauer schreiben darf (nicht online). Darin enthalten: eine treffene Beschreibung von dessen Möglichkeiten und ein paar Anmerkungen über die Macht der Dialog-Medien. Das Fazit:

Die konkreten Argumente aber, die Christopher Lauer zur Begründung seines Abschieds vorgebracht hat, müssen jedem seltsam bekannt vorkommen, der die Internetdebatten der vergangenen Jahre verfolgt hat. Die angebliche Irrelevanz Twitters, die scheinbar vertane Zeit, die Irritation darüber, dass dort jeder ohne redaktionelle oder andere Filter publizieren kann – Lauer verwendet bis in die einzelnen Formulierungen hinein exakt die klassischen Standardargumente der Internetskeptiker. Und diese Erkenntnis birgt Sprengkraft. Denn das bedeutet, dass die emotionale Ablehnung sozialer Medien keine Frage mangelnden Wissens sein muss, sondern eine Frage des Gefühls, mit dem man der digitalen Welt und den Menschen darin gegenübertritt.

Das ist jetzt in der Tat nicht so neu, dass es aber ausgerechnet in der FAZ steht, ist dann doch wieder eine schöne Wendung dieser Diskussion.

Autoren-Inszenierung und Feuilleton-Kommentierung

“Auf Drängen des Dichters wurde eine Mülltonne aufgestellt” – mit Erkenntnissen wie diesen geht der Leser aus einem Text von Hubert Spiegel über Botho Strauss, den die FAZ am Wochenende veröffentlichte. Auf faz.net wird der Text mit einem von Spiegel fotografierten Bild illustriert, das mit der Unterschrift versehen ist: “Botho Strauß mit seinem Wanderstock, den er sich vor dreißig Jahren in Portugal machen ließ.”

Wenn man den dazugehörigen Text liest, erfährt man viel über Autoreninszenierung und Personenkult im Literaturbetrieb. Moritz Eggert hat den Text gelesen – und sich produktiv geärgert. Er schreibt über seinen Ärger und hat diesen in einem Film festgehalten – dabei sehen wir ihn, wie er den Text liest und so eine eigene Version des Artikels schafft. Eine kommentierte:

Dynamisch und ohne Twitter

Zum Glück habe ich heute nicht so viel getwittert. Ich hatte also Zeit, die Kommentare unter dem Text zu lesen, den Christopher Lauer in die FAZ getwittert hat, wie Stefan Niggemeier diesen Beitrag beschreibt, der in der Zeitung erscheint, die “dahinter” immer einen klugen Kopf vermutet.

Darin erklärt Christopher Lauer, Twitter sei für ihn gestorben. Die Begründung liegt irgendwo zwischen Mimimi, merkwürdigem Effizienz-Verständnis und dem Wunsch in der FAZ etwas zu schreiben, das Kommentare hervorruft wie:

Für mich wurde Twitter erst gar nicht geboren ebenso wie facebook, SMS und andere „Soziale Netzwerke“. Und die Bilanz nach Jahren? Ich habe viel mehr Zeit gewonnen

Oder

Ich kenne keinen, der twittert. Schreibe lieber Leserkommentare :-) … Twittern schien mir immer eine Beschäftigung von B-Promis oder B-Politikern zu sein.

Mal abgesehen davon, dass es in Sachen Lauer-Effizienz unerhört lange dauert, diese Kommentarierung auf faz.net überhaupt aufzuklappen (in der Zeit hätte man im Fernsehen ganze Zeitungsseiten aufklappen können und Millionen Menschen hätten es bemerkt), zeigt diese Zustimmung vor allem eins: Es scheint wichtiger sein, eine Meldung zu produzieren (“Pirat verlässt Twitter”) als sich die Frage zu stellen, von wem man dafür Zustimmung erntet. Der im Kern ja nun wirklich belanglose Beitrag heute (ein Landtagsabgeordneter erklärt öffentlich sein Unvermögen, eine Kulturtechnik anzuwenden), ist vor diesem Hintergrund als unerfreulicher Rückschritt in Sachen digitale Spaltung zu lesen: Christopher Lauer bedient ungebeten und ohne Notwendigkeit die Skepsis und die Arrogranz derjenigen, die keine Lust haben, sich intensiver mit den Folgen der digitalen Veränderung zu befassen. Twitter ist dabei nur ein Symbol für ,facebook, SMS und andere „Soziale Netzwerke“’ wie es im oben zitierten Leserkommentar bei der FAZ heißt. Wäre die Metaphorik des eine Idee “an die Wand fahren” nicht schon hinlänglich bedient worden, man könnte sie hier zitieren.

Dass dieser Reflex dann auch noch mit kapitalistischen Ertragskriterien begründet wird, ist doppelt schade. Denn wenn derjenige, der gerade noch als Troll des Jahres ausgezeichnet wurde, sich wenige Wochen später beschwert, das koste ja alles soviel Zeit, dann muss die Frage erlaubt sein, ob das denn wirklich an Twitter liegt. Zudem gilt noch immer: Wer behauptet Twitter koste Zeit, hat da was falsch verstanden.

Eine Folge des getwitterten FAZ-Beitrags kann man übrigens in der morgigen Abendzeitung nachlesen – auf deren Titelzeite wird Christopher Lauer neben der Biene Maja zu seinem Twitter-Ausstieg beglückwünscht. Die Biene hingegen bekommt Mitleid weil sie künftig nicht mehr “süß-pummelig” sein darf, sondern “dynamisch-schlank”.

loading: LobbyPlag

Wer schreibt eigentlich unsere Gesetze? Mit der Antwort auf diese ja vermeintlich sehr einfachen Frage befasst sich das gerade gestartete Projekt LobbyPlag. Am Beispiel der EU-Datenschutzreform können der Rundshow-Erfinder Richard Gutjahr, der Open-Data-Journalist Marco Maas und der Wiener Student Max Schrems zeigen: es sind nicht immer die Abgeordenten und deren Mitarbeiter die Gesetze schreiben. Oft stammen ganze Textpassagen aus Papieren von Lobbyisten. Richard Gutjahr fasst das so zusammen: “Allein der Abschluss-Bericht zur ersten Datenschutz-Ausschuss-Sitzung im vergangenen Dezember ist geradezu durchsetzt von Lobby-Texten. Das Ausmaß: mehr Guttenberg als Schavan.”



Der Start von LobbyPlag sorgte für großes Aufsehen in der vergangenen Woche. Deshalb entschieden die Macher: Sie wollen weiter machen. Auf der Plattfrom Krautreporter (hier ein Interview mit dem Macher Sebastian Esser) starteten sie ein ungewöhnliches Crowdfunding-Projekt. Supporter können bisher lediglich zwischen der Unterstützer-Summe 5 und 50 Euro wählen – trotzdem sind heute schon über 2.500 Euro zusammen gekommen.

Marco Maas von OpenDataCity hat den kleinen Loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Wir wollen ein Tool entwickeln, mit dem wir die Gesetzgebung in Brüssel begleiten können. Wir sammeln Lobbypapiere und vergleichen diese mit Gesetzesentwürfen – und können zeigen, welche Abgeorneten sich nderungen in die Feder diktieren lassen. Dazu zeigen wir Lobbypapier auf der einen, Gesetzestext auf der zweiten und markieren Streichungen und Ergänzungen farblich. Die Anzahl der Übernahmen aus Lobbypapieren sind z. T. echt erschreckend.

Warum (macht Ihr es so)?
Es gibt noch keine vergleichbare Plattform – eines unserer Ziele ist es, den Prozess der Gesetzentwicklung transparenter zu machen – und eine Art digitalen Beipackzettel zu schaffen, in dem nachzuvollziehen ist, welche Gruppierungen sich wie stark eingemischt und ggf. durchgesetzt haben (“Dieses Gesetz könnte Spuren von Lobbyismus enthalten”)

Wer soll das anschauen?
Im Grunde genommen: Jeder. Denn jeder Mensch, der in der EU lebt, ist von den Gesetzen, die gerade in Brüssel erarbeitet werden, betroffen. Es kann nicht schaden zu wissen, woran die Abgeordneten arbeiten, und wer sie wie zu beeinflussen versucht.

Wie geht es weiter?
Wir sind gerade dabei, unseren “Werkzeugkasten” zu erweitern, noch haben wir keine echten Crowdsourcing-Funktionen und beschränken uns auf die Darstellung – das soll sich ändern. Als erstes Tool haben wir einen Fundstellen-Finder gebaut, User können Textschnipsel aus Lobbypapieren in einen Suchschlitz eingeben und unser System zeigt, welcher Abgeordneter in welchem Ausschuss hier etwas übernommen hat. Auch mit einem Tool für die automatische Erkennung von Übernahmen haben wir angefangen – und das soll dann aufgebohrt werden, sodass jeder Dokumente hochladen, Fundstellen markieren, vertaggen und Interessantes vermelden kann.
Ebenfalls in der Mache sind verschiedene Visualisierungen – welche Lobbygruppen sind erfolgreich, wie sieht der Gesetzgebungsprozess aus etc. Wir haben seit Start bisher 3000 neue Seiten Dokumente zugespielt bekommen – und die müssen auch noch alle aufbereitet werden.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Lobbyismus ist an sich nichts Schlimmes, bei der aktuellen Datenschutz-Gesetzerstellung war das Ausmaß allerdings auf einem bisher noch unbekannten Niveau. Auf wenige hundert Abgeordnete kommen knapp 20.000 Lobbyisten – hier Transparenz zu erzeugen, kann eigentlich nur positives bewirken.

>>> LobbyPlag bei Krautreporter unterstützen!!!

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