Alle Artikel in der Kategorie “Politik

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loading: #incommunicado – das Hörbuch

Fabian Neidhardt beschreibt sich selber als Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf Startnext ist er aktuell als Podcaster aktiv. Für das Projekt #incommunicado bittet er um Unterstützung – deshalb hat er den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was machst du?
Ich will den Roman #incommunicado von Michel Reimon als professionelles Hörbuch produzieren. Michel Reimon hat 2012 seinen Roman, der neben einer spannenden Geschichte quasi nebenher die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis hin zu seinem Problemen mit unserer aktuellen digitalen Welt beschreibt, unter Creative Commons online gestellt. Ich bin Sprecher und möchte dazu beitragen, das Thema noch bekannter zu machen. Also sammele ich Geld, damit ich das Studio für die Aufnahme, den Schnitt und das Mastern bezahlen kann. Danach wird das Hörbuch als kostenloses Creative Commons Hörbuch (CC­BY-SA­NC 3.0) in Podcastform veröffentlicht.

Warum machst du es (so)?
Ich habe genau diesen Podcast schon vor vier Jahren gestartet, aber mir fehlt einerseits die Zeit, andererseits das Equipment, dieses Hörbuch in der Qualität zu produzieren, die ich gern hätte. Deshalb die Crowdfundingaktion.

Wer soll sich dafür interessieren?
Grundsätzlich sollte sich dafür jeder interessieren. Es geht ja darum, wie wir heutzutage mit Kunst und Kreativität umgehen und wie das Copyright damit nicht mehr zusammenpasst. Deshalb brauchen wir ein paar Leute, damit sich noch mehr Leute mit diesem Thema auseinandersetzen können.

Wie geht es weiter?
Aufmerksamkeit generieren. Für die Kampagne und damit auch für das Thema Copyright. Damit solche Fälle wie Kraftwerk vs. Moses Pelham nicht mehr 17 Jahre vor Gericht stehen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Heutzutage wird das Copyright kaum mehr benutzt, um Künstler und ihre Arbeiten zu schützen. Im Gegenteil schränkt es Kunst ein und lässt ganze Kanzleitrauben mit kuriosen Copyrightverletzungen Geld verdienen. Der ganz aktuelle Fall Kraftwerk vs. Moses Pelham zeigt ganz gut, wo das Problem liegt: Das Copyright, wie es offiziell existiert, kann nicht mit der Art, wie wir Kunst konsumieren und produzieren. Daran sollten wir etwas ändern.

>>> Das Projekt #incommunicado auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


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Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

tincon_screen

Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

Bildschirmfoto 2016-05-27 um 15.31.22
PDF-Download

Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist

Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

Es gehört zum Wesen der Medien getriebenen Politik, dass sie sich schon immer auf die einprägsamen Sätze, die leicht teilbaren Zitate konzentriert hat. Was dem Zeitalter des Kalten Kriegs das „Ich bin ein Berliner“ Kennedys war, wird im Zeitalter des Gifs (mehr dazu im aktuellen Digitale-Notizen-Newsletter) vermutlich diese Drop-The-Mic-Szene von Barack Obama. Sie ist die greif- und vor allem teilbare Essenz seines Auftritts beim White House Correspondents‘ Dinner, seinem letzten als amtierender US-Präsident.

Wie sehr Barack Obama das Internet und seine Kultur verstanden (und genutzt) hat, kann man in der Analyse seiner Twitter-Nutzung oder in seinem „Ende des Durchschnitts“-Wahlkampf sehen. Bebildert wird all dies mit einer Gif-Sequenz, die nicht durch Zufall als Gif exitiert. Hier hat jemand genau verstanden, wie er im digitalen Gedächtnis bleibt: als animierte Szene, die in der Welt der Reactionsgifs schon jetzt ein instant classic ist. Das Sinnbild für einen gelungenen Abgang, eine souveräne Verabschiedung. Wir werden sie noch oft sehen, ehe Obama das Weiße Haus verlässt – und erst recht danach.

Dieses Gif wird in der Welt der Phänomeme zum Fazit von Obamas-Präsidentschaft: cool, souverän und digital verankert. Und das alles trotz NSA, Snowden und Whistleblower-Verfolgung. Im Wesen der medial getriebenen Politik ging es schon immer nicht nur um Inhalte.

Alles, was ich über Social Media weiß (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

reichweite Eine Million Menschen. Mit dieser unfassbar großen Anzahl an Zuschauern weckt Facebook mein Interesse. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Tagen diesen Beitrag auf der Phänomeme-Facebookseite gesehen, die ich für die Süddeutsche Zeitung beitreibe, um über Internetquatsch zu schreiben. Es ist ein kleines Blog, das ich u.a. aus Begeisterung z.B. für Gifs betreibe und in dem ich lerne, wie sich Aufmerksamkeit z.B. auf Facebook verbreitet.

Im aktuellen Fall handelt es sich um ein kleines Gif, das einen Jungen im gestreiften Schlafanzug zeigt, der kleine Luftballons auf den Haaren eines Säuglings elektrostatisch auflädt, um sie an die Wand zu kleben. Die Phänomeme-Facebookseite hat rund 18.000 Fans, der Ballonjunge hat ihre Reichweite in den vergangenen Tagen verfünfzigfacht. Wie ist das möglich?

Um diesen Erfolg zu ergründen, muss man zwischen den technischen und den inhaltlichen Implikationen unterscheiden: Technisch sprechen wir von einem Gif, einem kleinen Bewegtbild, das sich in der Welt der Phänomeme großer Beliebtheit erfreut, historisch aber erst seit kurzer Zeit von Facebook direkt in der Timeline angezeigt wird. Im Mai 2015 führte Facebook diese Funktion ein und es lohnt sich, dieses kleine Jubiläum angemessen zu begehen. Denn es ist keinesfalls klar, dass die genannte Funktion auf ewig in Facebook so bleiben wird. Derzeit ist es aber möglich, Gifs in der Timeline wie so genannte Autoplay-Clips abzuspielen: Die Bildsequenz spielt ohne Aufforderung und stumm los.

Inhaltlich gründet sich der Reichweiten-Erfolg des Ballon-Beispiels auf das, was hier unter dem Stichwort „Du bist, was du twitterst“ schon mal Thema war. Denn die Nutzung von Social Media ist ein Spiel der Identitäten, es geht dabei um den gleichen Antrieb, der Menschen eine bestimmte Frisur, Kleidung oder Tasche tragen lässt. Man muss das nicht gut finden, es lohnt sich aber die Mühe aufzuwenden, es zu verstehen bevor man der Welt seine Meinung über dieses Prinzip kundtut. Wenn man auf diese Mühe verzichtet, kommt dabei etwas heraus wie jener Twitter-Text (Blendle-Link) unlängst in der FAS.

Ich glaube – und der Ballon ist mir dafür Beleg – dass Postings in sozialen Netzwerken immer mehr zu einem digitalen Modestatement werden. Die Tatsache, dass Facebook einen Mangel an wirklich privaten Posts beklagt (und in Folge dessen vielleicht auch nicht mehr als klassisches Soziales Netz zu verstehen ist), bestätigt diese These. Man schmückt sich mit bestimmten Marken, mit bestimmten Thesen und darauf aufbauend mit bestimmten Identitäten. Und eine sehr einfache, sehr naheliegende Identität entsteht aus Verwandtschaftsverhältnissen. Deshalb markieren Nutzer unter dem Ballon-Bild ihre Geschwister. Weil das Ballon-Bild einen Aspekt ihrer Identität bedient.

Magazin- und Boulevard-Journalismus haben dieses Spiel der Identitäten schon immer gespielt. Es ging dabei schon immer darum, mit Inhalten Haltungen, Stimmungen, Identitäten Raum zu geben. Soziale Netzwerke haben dieses Prinzip kleinteiliger gemacht. Ein Beitrag über die Stadt Siegen kann zu einem Buzzfeed-Erfolg werden, obwohl der Durchschnitt der im klassischen Magazin- und Boulevard-Journalismus immer mit adressiert werden musste, sich überhaupt nicht für die Stadt Siegen interessiert. Diejenigen, die aber einen Bezug zu Siegen haben, finden sich in diesem Siegen-Beitrag wieder und interagieren damit – weil er ihr eigenes Modestatement ist. (Ich nenne dies „Das Ende des Durchschnitts“)

Dieses Identitätsprinzip ist ein Muster, das in zahlreichen Diensten erkennbar ist – am anschaulichsten natürlich in Facebook. Von hier aus lässt sich eine spannende Debatte darüber beginnen, wie diese Identitätsprinzipien die Reichweitenmechanismen klassischer Werbevermarktung prägen (vielleicht schreibe ich in einer der nächsten Folgen dazu), noch spannender scheinen mir aber gerade die Folgen für den klassischen Journalismus zu sein.

Technisch und inhaltlich schlagen sich die genannten Entwicklungen in dem nieder, was in Medienhäusern produziert wird. Dabei geht es einerseits darum, dass sich diese Inhalte technisch in den Timeline-Fluss einfügen, dass sie mit den Mustern des Bewegtbilds spielen und dass sie schließlich inhaltlich zur Identitätsprägung beitragen. Was das bedeutet lässt sich wunderbar an den Rappenings von Dendemann im Neo Magazin ablesen, wenn man diese nicht als musikalische Einlagen, sondern als digitale Fassung eines Leitartikels versteht.

Ein weiteres Beispiel lieferte dieser Tage der Guardian, der einen Leitartikel unter Mithilfe zahlreicher Schauspieler (u.a. Patrick Stewart) und mit Referenz auf Monty Python inszenieren lies (Hintergrund dazu): Der kurze Clip zur Brexit-Debatte ist nicht nur eine wunderbare Kopie der Vorlage aus dem Film „Das Leben des Brian“, es handelt sich dabei auch um die Umsetzung all dessen in einem Leitartikel, was ich über im April 2016 über Social Media gelernt habe.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

Über Pressefreiheit und Social-Media-Gelassenheit

Aus aktuellem Anlass zwei kleine Erinnerungen:

1. Es lohnt sich, Social-Media-Gelassenheit zu üben!
Ronnie Grob hat eine Liste von professionellen Kolleg*innen veröffentlicht, die reflexhaft ein Fake-Interview von Kai Diekmann mit Jan Böhmermann geteilt haben – obwohl keine der Aussagen von Böhmermann stammte. Wie dieses Interview zu bewerten ist, hat Friedemann Karig bei jetzt notiert. Davon abgesehen, zeigt der Fall aber nochmal, dass selbst Medienprofis in Social-Media-Hitze vom Post-Reflex befallen werden können. Im Januar-Newsletter schrieb ich dazu:

Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

2. Man sollte sich an den Kern von Pressefreiheit erinnern: In der hochkochenden Böhmermann-Debatte (die übrigens am besten auf einer nicht professionellen Seite gebündelt ist) lohnt es sich daran zu erinnern, dass Geschmack, Anstand oder Moral in Bezug auf Pressefreiheit keine Kategorien sind. Denn „Pressefreiheit gründet eben nicht darauf, die Offenheit zu haben, seine eigene Meinung und Moral veröffentlicht zu sehen. Dieses Verständnis bringen sogar Diktaturen auf“, bloggte ich im Januar 2015. „Pressefreiheit gründet vielmehr darauf, dass man die öffentliche Meinung und Moral derjenigen aushält, die eine völlig andere Meinung haben. Eine Meinung, die man unangemessen, dumm oder schlicht falsch findet.“ Es ist gerade ein guter Zeitpunkt sich selber (und dann erst Herrn Erdogan) daran zu erinnern, dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.“

Etwas mehr Shruggie könnte uns dabei helfen! ¯\_(ツ)_/¯

Hintergrund zum Clip bei Phaenomeme.de

Du bist was du twitterst: In Social-Media geht es um Identität

Es ist Frühjahr 2016, die Zehn-Jahres-Feierlichkeiten um Twitter sind gerade vorbei gezogen. Ein guter Zeitpunkt, um an etwas (vermeintlich) sehr Einfaches zu erinnern: Du bist was du twitterst! Andreas Bock hat das bei 11 Freunde gerade am Beispiel von Philipp Lahm auf anschauliche Weise offen gelegt, „denn Philipp Lahms Twitter-Einträge lesen sich, als hätte sie ein Textroboter generiert, der vorher von Heribert Faßbender mit ein paar Fußballfloskeln gefüttert wurde.“

Der Fall Philipp Lahm liegt dabei inhaltlich etwas anders als die Tweets von Harry-Potter-Erfinderin JK Rowling, über die Heather Schwedel unlängst aber in gleicher Ausrichtung bei Slate schrieb:

Reading Rowling’s Twitter updates, it’s dispiriting to be faced with daily reminders that one of your former heroes is still tinkering with a world they thought you left behind perfectly preserved in childhood.

Es scheint vielen Menschen, die in Social Media für sich und ihre Produkte Aufmerksamkeit generieren wollen, nicht klar zu sein: Die Beiträge auf Twitter/Facebook/Instagram sind mehr als Werbepostings, sie formen ein Bild von der Person, unter deren Namen der Account läuft. Und dieses Bild kann schon bei einem dummen Beitrag Schaden nehmen – bei fortgesetzter Plattheit wird es nicht besser.

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Das gilt übrigens nicht nur für Prominente, Chefredakteure oder Shopbetreiber. Das „Du bist was du twitterst“-Prinzip gilt für jeden, der Timelines (aktuell zum Beispiel) mit Böhmermann-Lob, Widerspruch für überdimensioniertes Böhmermann-Lob oder April-Scherze befüllt. In Social-Media geht es um Identität. Wir posten Inhalte wie wir Markenkleidung tragen. Beiträge oder Sneakers, Videos oder Pullis – es geht stets um Teilhabe und Abgrenzung, es geht darum möglichst beiläufig darüber zu informieren, wo man steht. Es ist hilfreich, stets daran zu denken, dass alle Jubel- oder Hass-Posts immer auch einen Meta-Klang in sich tragen, den man bei angemessener Social-Media-Gelassenheit heraushören kann und der sagt: Ich bin wie ihr oder (besonders gern genommen) Ich bin nicht wie ihr. (Dieses Prinzip gilt übrigens völlig unabhängig von politischer Ausrichtung oder vermeintlicher Eloquenz)

In den manchmal hitzigen Diskussionen derjenigen Social-Media-Nutzer, die in den Netzwerken sind, weil sie Spaß daran haben, merkt man dies manchmal nicht. In den Beiträgen derjenigen jedoch, die Social Media nutzen, weil es ihnen ein Berater, ein Ausrüster oder Sponsor nahegelegt hat, fällt dieser Meta-Klang viel häufiger auf. Was dann zu so absurden Accounts wie dem von Philipp Lahm führt. Andreas Bock kommt in seinem 11-Freunde-Text jedenfalls zu diesem richtigen Fazit:

Wenn man sich versehentlich alle 163 Tweets (Stand: 31. März 2016) von Philipp Lahm durchliest, (…) kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, wie Philipp Lahm in der anstehenden Sommerpause aus dem Urlaub postet. Sätze wie: »Ich bin hoch motiviert in den Schwarzwald gefahren und werde alles dafür tun, meiner Mutter eine schöne Kuckucksuhr mitzubringen.«

Ich bin Feminist! Male Feminists Europe

On MFE, we show why it is important that men are aware of feminist concepts. We provide relevant content to a European audience. Our goal is gender equality.

Mit diesen Worten beschreiben Henrik Marstall und Robert Franken das Ziel ihres Projekts „Male Feminists Europe – European male feminists united for gender equality“. Eine Website, die sich an Männer richtet, die sich als Feministen verstehen, gegen die strukturelle Benachteiligung von Frauen eintreten und sich für Geschlechter-Gleichheit engagieren.

Ein gutes Projekt!



loading: Der illegale Film

Ein unabhängiger Film über das Urheberrecht und eine Antwort auf die Frage: „Wem gehören die Bilder der Welt?“ – das ist das Ziel von Filmemacher Martin Baer. Noch bis 13. März läuft seine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext. Hier beantwortet er den loading-Fragebogen.

Was macht ihr?
„Der illegale Film“ soll der Frage nachgehen: „Wem gehören die Bilder der Welt?“.
Das geht von „Wer darf wen oder was fotografieren?“ über „Wer kontrolliert oder verwertet die schon vorhandenen Bilder?“ bis hin zu „Was geschieht in Zukunft mit Deinen Urlaubs- oder Profilfotos?“
In diesem Film berühren wir einige schwierige und hochumstrittene Gebiete wie etwa Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Copyright, Panoramafreiheit, Datenschutz. All das hat mit unserer Kernfrage zu tun: Wird so langsam jedes beliebige Bild und irgendwann der Anblick der ganzen Welt zur handelbaren Ware? Wer verfügt schon heute über die Bilder, deren schiere Zahl exponentiell zunimmt? Wer profitiert davon?

Warum macht ihr es (so)?
Wir wollen diesen Film möglichst unabhängig von den üblichen „Content“-Verwertern machen. Bei diesem Thema bewegen wir uns immer in den Grenzbereichen der komplizierten rechtlichen Lage. Deswegen scheuen zum Beispiel Fernsehsender vor dem Thema zurück. Und deswegen heisst unser Projekt „Der illegale Film“.

Wer soll das anschauen?
Alle, die Fotos (oder andere Bilder) machen, teilen, kopieren, ansehen, hochladen, ‚runterladen.
Und alle, die wissen wollen, was in Zukunft mit den Bildern passiert, auf denen sie selbst sind – sei es wissentlich (selfie), zufällig (selfies der anderen) oder insgeheim („Sie werden gefilmt“ – und zwar demnächst fast überall und pausenlos).

Wie geht es weiter?
Das ist ein ambitioniertes Ziel, wenn 1000 Unterstützer_innen je 30 Euro geben sollen. Vor allem, wenn man sich nicht schon vorher auf eine Seite stellen und laut FÜR! oder GEGEN! rufen möchte. Eine Woche haben wir noch, unser Sammelziel zu erreichen. Wenn es gelingt, fangen wir im Frühjahr an, den Film zu drehen.
Sollten wir das Spendenziel am Ende nicht schaffen, bekommen alle Unterstützer_innen ihren Einsatz zurück. Aber je länger unsere Kampagne läuft und je mehr Reaktionen kommen, desto überzeugter sind wir: Es ist wichtig, diesen „illegalen Film“ zu machen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wir haben bei unserer Crowdfunding-Kampagne für „Der illegale Film“ betont, dass uns ausser der Unterstützung durch Geld auch die Beiträge und Vorschläge der Unterstützer_innen wichtig sind.
Das hat zweierlei bewirkt: Heftige Kritik von denen, die uns verdächtigen, für oder gegen das Urheberrecht zu kämpfen. Wie wir aber im Teaser gleich zu Anfang sagen, stehen wir als Filmemacher zwischen den Stühlen. Es geht uns um weit mehr als nur ums Urheberrecht, und wir sind weit davon entfernt, dafür oder dagegen zu sein oder es abschaffen zu wollen.
Zum anderen schicken uns Unterstützer_innen interessante Hinweise, wo etwa Fotos gestohlen, missbraucht, verfälscht werden. Das sind viele weitere Argumente dafür, den „illegalen Film“ zu drehen.

Hier Der Illegale Film auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Social Media Gelassenheit (Digitale Januar Notizen)

Der folgende Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“. In der vollständigen Version ist auch die Herkunft des unten stehenden Bildes erläutert. Hier kostenlos abonnieren!

Dieser Januar 2016 reichte von der Terrorwarnung in der Silvesternacht in München über das, was zu gleicher Zeit am Kölner Hauptbahnhof geschah bis vor das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Bei allen drei Folge-Debatten spürte ich die Sehnsucht nach dem Shruggie
¯\_(ツ)_/¯

Regelmäßige Leser der Digitalen Notizen kennen meine Sympathie für das Schulterzucken. In diesem Monat aber wünschte ich mir den Shruggie wegen seiner Distanziertheit. Wegen einer Haltung, die ich als (Social-Media-)Gelassenheit beschreiben würde – und die wir allesamt erst lernen müssen.

Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen Wochen darüber, wie man mit dem heißlaufenden Meinungsmotor auf Facebook, Twitter und in klassischen Medien umgehen könne – gelegentlich auch Gutes. Stets rieten die Autor*innen dann auf die eine oder andere Weise zu Mäßigung, zu Distanz und zu Gelassenheit.

Das klingt sehr banal, wenn es liest, ohne dass der Meinungsmotor läuft. Wenn er aber anspringt, wird es enorm schwierig, sich daran zu halten. Deshalb lohnt es sich, sich in ruhigen Zeiten einen Kühlungsmechanismus vorzubereiten. In den Social-Media-Seminaren, die ich gelegentlich gebe, rate ich Community-Managern gerne, ihre Antwortposts auf ärgerliche Foreneinträge oder Leserbriefe vor dem Abschicken laut dem Zimmernachbarn vorzulesen: laut, langsam und deutlich.

Denn das laute Lesen hilft nicht nur, Rechtschreibfehler zu entdecken, es ist auch eine wunderbare Distanzierungs- und Mäßigungsmaschine. Auch Aufstehen, Toilettenbesuche oder Seilspringen sind taugliche Mittel, um sich dem Sog der Debatte zu entziehen und den eigenen Ton zu mäßigen. In einem Jahr (vermutlich sogar schon in einer Woche) wird sich keiner mehr richtig dafür interessieren, was sich in dieser Sekunde anfühlt wie das wichtigste, ärgerlichste oder erfreulichste Thema der (Web-)Welt.

Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen nennt den Reflex, der in derartigen Situationen einsetzt "kommentierenden Sofortismus" und erklärt "Damit meine ich – im Angesicht oft unsicherer, aber sofort verfügbarer Informationen – die Ad-hoc-Interpretation mit maximalem Wahrheitsfuror." Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

Der Shruggie (in mir) rät deshalb:
Es ist nie falsch, erstmal digital gelassen zu bleiben, wenn….

… man emotional berührt ist und dringend etwas veröffentlichen will.
… man was Doofes im Internet liest.
… jemand Links aufs etwas unfassbar Doofes postet.
… ein Nazi Nazisachen postet.
… jemand, den man vorher nicht als Nazi kannte, Nazisachen postet.
… ein Tier in einem blöden Witzfilmchen nicht 100 Prozent artgerecht behandelt wird.
… man etwas liest, was super richtig ist und endlich mal gesagt werden musste.
… Till Schweiger oder ein anderer Facebook-Prominenter sich zu Wort meldet (ja, das gilt auch für Jan Böhmermann)
.
… die Freundin eines Bekannten einem entfernten Facebook-Freund eine Schauergeschichte erzählt hat, die dieser wiederum als Wahrheit postet.
… es jetzt aber echt mal sein muss.

Das heißt alles nicht, dass man diejenigen Punkte, die man in dieser Liste für Fehlverhalten hält, unkommentiert hinnehmen muss. Man kann sich an die Seitenbetreiber wenden, Beiträge melden, Nutzer sperren lassen und sogar bei der Polizei Anzeige erstattet, wenn dies angebracht ist. Und selbstverständlich kann man und soll man auch online diskutieren, Links posten und teilen. Nach diesem Monat bin ich jedoch davon überzeugt: Die Diskussion wäre in keiner einzigen Kommentarspalte und in keinem einzigen Facebookthread schlechter gewesen, wenn sie gelassener geführt worden wäre!
 

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen