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Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

Ein journalistisches Format zu etablieren, hat mal irgendwer gesagt, ist mindestens so kompliziert wie ein Restaurant zu betreiben. Ich weiß nicht mehr von wem dieser Vergleich stammt. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich ihn hier an dieser Ecke in der Münchner Innenstadt zum ersten Mal gehört habe. An den Tischen des Bar-Restaurants mit den großen Fenstern habe ich jedenfalls über unzählige journalistische Formate, Projekte und Ideen gesprochen. Und vielleicht ging es dabei auch mal um das Eröffnen von virtuellen und greifbaren Räumen.

Über Jahre lag das Bon Valeur nämlich nicht nur gegenüber der vermutlich zentralsten Münchner Innenstadt-Tankstelle, es war vor allem nur wenige Schritte von der Redaktion entfernt, in der bis Mitte der Nuller Jahre das jetzt- und das SZ-Magazin gemacht wurden. Wir gingen nach Feierabend nicht selten in das Restaurant, das durch Fenster (riesig), Lage (irre zentral), Haltung (ein Hauch von Bar) und Speisen (anfangs nur vegetarisch) auf eine unaufgeregte Art ausstrahlte, was München damals nur mit großer Anstrengung erreichte: Urbanität.

Lieblingskneipe

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

Ich saß hier mit Kolleginnen und Kollegen, die heute zu den besten Journalist*innen des Landes zählen. Wir tranken Bier aus Flaschen und taten, was mich bis heute nicht loslässt: Wir sprachen über Journalismus und wie man ihn verändern müsse, damit er unterhaltsam, sinnstiftend, begeisternd oder zumindest profitabel bleibt. Hier erfuhr ist von Jobwechseln und Buchideen, hörte die ersten Ideen zum Bezahlmodell der SZ und konzipierte den Pitch-Film für die neue Version. Wir erfanden Kolumnen und ganze Magazine, diskutierten über Blogs und Bildsprache und erlebten im Schein der gelb beleuchteten Tankstelle den Zauber dessen, was Journalismus für mich immer noch ausmacht: die Überraschung, das Neue und die schlichte Begeisterung für eine gute Idee.

Es gab eine Zeit vor etwas mehr als zehn Jahren, da saß ich so häufig an dieser Ecke, dass mir der Kellner wortlos ein Bier hinstellte, wenn ich mich setzte. Doch bevor ich bemerkte, dass das Bon Valeur mir auf die charmanteste Art zur Stammkneipe geworden war, war der freundliche Kellner irgendwann nicht mehr da, die Redaktion zog um und ich saß nur noch selten hinter den großen Fenstern.

Ich erinnere mich an all das, weil das Bon Valeur dieser Tage schließt und damit den Impuls bei mir auslöst, darüber zu bloggen. Denn genau für solche Texte hat man doch ein Weblog. Texte, in denen man schreibt, weil man persönlich betroffen und verbunden ist. Das gilt (Disclosure!) weit weniger für das Bon Valeur als für die beiden journalistischen Formate, deren Ende erstaunlicherweise auch in diesen Sommer fällt:

elrep

Der Elektrische Reporter hat unlängst seine letzte Folge (in dieser Form) gesendet. Aus dem tollen Videoformat, das Mario Sixtus 2006 quasi auf eigene Faust erfand, wurde im Laufe der Jahre für mich ein beständiger Begleiter, der eine ähnliche Besonderheit war wie das Bon Valeur in der Münchner Innenstadt: der ElRep – wie Experten-Zuschauer ihn nannten – ist neben Breitband im Deutschland Radio einer der Orte gewesen, an dem man sicher davon ausgehen konnte, dass kein Quatsch über die Digitalisierung verbreitet wurde. Das war – zumindest vor zehn Jahren – ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Digital-Journalismus. Was einiges über die deutsche Debatte zum Thema sagt – und die Qualität von ElRep und Breitband keineswegs schmälert.

Im ElRep lief 2011 zum Beispiel ein Bruce Stering-Interview, das mir persönlich Inspiration war für das, was ich dann später Kulturpragmatismus nannte. Aber nicht nur die angelsächsischen Vordenker*innen kamen neben dem orangefarbenen Hemd von Mario Sixtus zu Wort, der Elektrische Reporter stellte auch deutschsprachige Projekte vor (2012 durfte ich sogar selber mal das stilprägende Pappschild in die Kamera des Elektrischen Reporters halten). Und ganz nebenbei wurde der Elektrische Reporter dann auch die Heimat des wunderbaren Tweet-Video-Projekts „140 Sekunden“, das ich nicht nur sehr schätze, weil ich mit seinem Erfinder Tim Klimes auch schon an Bon Valeur Tischen saß (seine Produktionsfirma verantwortet auch das Format 15 Minutes of Fame, an dem ich mitwirken darf)

ElRep und die 140 Sekunden wird es – wie das Bon Valeur – in dieser Form nicht mehr geben. Das ist schade, aber – wer weiß – vielleicht eröffnet dies auch die Möglichkeit für Überraschungen, Inspirationen und gute neue Ideen. Bevor diese zünden, halte ich kurz inne und würdige die journalistischen Formate und das Bar-Restaurant.

Beides über Jahre so erfolgreich zu führen – hat mal jemand gesagt – ist ein beachtliche Leistung!

Smartphones in die Schule – Interview zu App Camps

Nur wenige Texte in diesem Blog sorgten für soviel Aufregung und Diskussion wie die kleine Replik, die ich unlängst auf die Smartphone-Geschichte im Spiegel schrieb. Vielleicht stimmt, was Johannes Kuhn befürchtet: „„Das Smartphone“ ist das neue „Das Internet“, ein Raum für Projektionen rund um Verhaltensänderung und Technologiehoffnungen/-sorgen, inklusive der alten Gegensätze.“ Ganz sicher gibt es hier großen Diskussionsbedarf. Deshalb habe ich Theresa Grotendorst nach der Debatte ein paar Fragen zum Thema Smartphone gemailt. Sie diskutiert nicht über das Thema, sondern engagiert sich dafür, insbesondere Jugendliche und junge Frauen für digitale Technologien zu begeistern. Sie unterstützt so genannte App Camps (wie jenes, das kommende Woche in Hamburg stattfindet) als Projektleiterin und Trainerin bei App Workshops.

appcamps

Über das Thema Smartphone-Nutzung kann man sich mit Eltern und Lehrern lang und breit streiten. Ihr bringt Smartphones in die Schule. Warum das denn?
In unseren Workshops lernen Schüler*innen eigene Apps für Smartphones oder Tablets zu entwickeln. Dabei wollen wir mit App Camps Interesse wecken und zeigen, wie viel Spaß programmieren macht, wie kreativ es ist. Wir können digitale Medien und Geräte verteufeln oder die Medienaffinität der Jugendlichen als Chance sehen. Die Jugendlichen sollen Smartphones und Co. nicht nur aus der Anwenderperspektive kennen lernen. Es geht darum den Jugendlichen zu zeigen, was man damit alles machen kann und wie sie ihre eigenen Ideen umsetzen können – weg vom reinen Konsumieren, hin zum Produzieren und Selbergestalten.
Programmierung ist anwendungsorientiert und kann wunderbar mit anderen Disziplinen kombiniert werden. So können sich die Schüler*innen z.B. eine Quiz-App bauen, um sich auf eine Biologieklausur vorzubereiten. Zudem ist Programmieren weit mehr als „nur” Code zu schreiben: Es fördert vor allem analytisches und logisches Denken, Problemlösefähigkeit und verbessert die Zukunftschancen. Leider spielt Informatik an vielen Schulen in Deutschland oftmals noch eine geringe Rolle und viele Jugendliche haben keine Möglichkeit diesen Bereich kennenzulernen. Wir wollen allen Schüler*innen den Zugang zu diesem Wissen ermöglichen.

Und das macht ihr alles, weil die Firmen aus dem Silicon Valley, die im Rahmen der Smartphone-Kritik auch immer erwähnt werden, Euch bezahlen? Oder wie finanziert Ihr Euch?
App Camps ist eine gemeinnützige Organisation. Neben Veranstaltungen wie dem App Summer Camp erstellen wir Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte zum Thema Programmieren. Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind diese Unterlagen kostenlos. Daneben organisieren wir aber auch Fortbildungen und Workshops für Firmen, die ihre Mitarbeiter zu Themen rund um Digitalisierung weiterbilden wollen. Damit können wir das Angebot für Schulen querfinanzieren.
Zudem haben wir tolle Partner an der Seite, die uns unterstützen. So wird z.B. das diesjährige App Summer Camp von einem Bündnis aus Stiftungen, Unternehmen der Digitalbranche und der Stadt Hamburg gefördert.

Was lernen die Schüler*innen denn genau bei euch?
Die Jugendlichen entwickeln selber Apps für Android Geräte und lernen dabei spielerisch die Grundlagen der Programmierung und Konzepte der Informatik kennen. Für die App-Entwicklung nutzen die Schüler*innen den vom MIT frei zur Verfügung gestellten App Inventor.
Dabei lernen sie nicht nur wie man die Sensorik eines Telefons ansteuert, sondern auch Fähigkeiten, die weit über das Programmieren hinausgehen. Denn sie bekommen auch ein besseres Verständnis für die Apps, die sie tagtäglich auf ihren Smartphones nutzen. So können sie fertige Medienprodukte kritischer betrachten und z.B. Themen wie unzureichenden Datenschutz bei Apps hinterfragen. Dadurch entwickeln sie einen bewussten und kreativen Umgang mit neuen Technologien und Medien.

Kritiker sagen, Kinder und Jugendliche sollten möglichst gar keinen Kontakt mit Smartphones haben und diese erst ab 18 nutzen. Ihr bietet Kurse für Jugendliche ab 13 Jahre an…
Kinder und Jugendliche wachsen in einer zunehmend digitalen Welt auf und diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die meisten Viertklässler haben inzwischen ein internetfähiges Handy. Dabei ist ein Großteil der 13-Jährigen am PC und Handy schon richtig fit, aber in den meisten Fällen wird nur konsumiert. Das ist schade. Wir möchten, dass Kinder und Jugendliche die digitale Welt nicht nur konsumieren und aus “Anwender”-Sicht kennenlernen, sondern dass sie diese aktiv mitgestalten. Wir möchten den Kindern zeigen, welche Möglichkeiten es gibt kreativ zu werden und wie sie mit Hilfe digitaler Technologien und Programmierung eigene Ideen entwickeln und umsetzen können. So lernen die Jugendlichen früh neue Technologien zu verstehen und auch reflektiert zu bewerten, zu hinterfragen und einzusetzen.

Wie steht Ihr zu der weit verbreiteten Annahme, man solle die Geräte doch mal weglegen?
Natürlich sollte man “das Gerät” auch mal weglegen, jedoch ist diese Empfehlung in der Diskussion um eine angemessene Nutzung wenig zielführend. Ich denke, nicht die Technologien oder die Geräte sind das Problem. Es geht vielmehr um Selbstkontrolle, Disziplin und einen reflektierten und sinnvollen Einsatz. Ein pauschales Verbannen digitaler Technologien wird auf jeden Fall keine angemessenen Umgangsformen trainieren. Für eine vernünftiges Nutzungsverhalten brauchen Kinder und Jugendliche vor allem Vorbilder und Training. Computer und Smartphones sind Teil unsere Welt – wir müssen den angemessenen Einsatz und Umgang üben.


Zum Hintergrund auf den Digitalen Notizen:
Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Dieser Text ist eine kulturpragmatische Antwort auf die um sich greifende Smartphone-Angst.

Stellen wir uns kurz vor, der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren nicht die Technologie des Smartphones geschenkt worden, sondern – sagen wir – ein Fahrrad. Mit dem Bild eines immer wieder scheiterenden Fahrrad-Schülers, der sich in Schlangenlinien unsicher vorwärts bewegt, lässt sich vermutlich am besten fassen, wie die Gesellschaft (übrigens natürlich nicht nur in Deutschland) gerade versucht, ohne Stürze mit dem neuen Gefährt Gerät umzugehen. Dabei sollte uns die Tatsache, dass viele Menschen in der Lage sind, den kleinen Computer ohne fremde Hilfe einzuschalten, nicht täuschen: Wir können diese in Wahrheit noch sehr neuen Geräte bedienen, aber umgehen können wir mit ihnen noch nicht. Wir müssen als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erst lernen!

legweg_blendleOb die aktuelle Debatte über das ausführlich dämonisierte Smartphone dabei allerdings hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil: Nach der Lektüre der aktuellen Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema (€-Link zu Blendle) bin ich mir sicher, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Denn zu einem vernünftigen Umgang zählt zuvorderst der sachliche Zugang zum Thema – frei von Drogenvergleichen und Dämonisierung.

Auf dem Weg dahin stellen sich mir diese fünf Fragen, die von der Spiegel-Lektüre ausgelöst wurden, sich (in abgewandelter Form) aber auf zahlreiche Varianten der Debatte „Wie gehts du eigentlich mit dem Smartphone um?“ anwenden lassen:

1. Seit wann ist „einfach mal weglegen“ eigentlich ein sinnvoller Ratschlag für Lernende? Glaubt irgendjemand ernsthaft, der unsicher schlenkernde Radfahrschüler würde besser, wenn ihm von außen jemand zuruft: „Vielleicht einfach mal weglegen, das Ding.“ Mit diesem Satz endet die Spiegel-Geschichte – und dieser Satz wird auch auf dem Cover als Lösung verkauft. Uwe Buse, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Christine Luz, Dialika Neufeld und Martin Schlak (die Autor*innen der Geschichte) raten den ratlosen Smartphone-Nutzer, die Vorbilder im vernünftigen Umgang mit dem Gerät suchen, ernsthaft „dass wir uns erst mal weniger mit Maschinen beschäftigen sollten und mehr mit dem Menschen.“ Wie dadurch der Umgang mit dem Smartphone besser werden soll, sagen sie nicht. Und so bleibt ihr Fazit in etwa so hilfreich wie der Ratschlag an die unsicher fiedelnde Geigenschülerin, doch häufiger einen Ball zur Hand zu nehmen. Schließlich seien Menschen, die Ball spielen allesamt recht sportlich, viel an der frischen Luft und im Sommer mit gesunder Gesichtsfarbe beschenkt. Ob ihr Geigenspiel sich dadurch irgendwie verändert? Vermutlich wird es höchstens schlechter!

2. Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Drogenvergleich gekommen? Die Gesundheit ist ein hohes Gut und in der Debatte um Smartphones kommt ihr eine zentrale Rolle zu. Manfred Spitzer sagt „das Smartphone“ sei „heute das, was vor 70 Jahren die Zigarette war“ und im aktuellen Spiegel kommt eine Fachfrau mit ähnlicher Expertise zu dem Schluss: „Die Geräte sind wie Heroin, sie machen sofort abhängig.“ Die Frau, die das sagt ist Mutter zweier Kinder und Vertriebsreferentin bei der Lufthansa. Trotzdem bleibt ihr Zitat unkommentiert. Es dient mehr noch, um den emotionalen Rahmen zu setzen. Hier geht es nicht um ein technisches Gerät (das nebenbei bemerkt ohne Netzzugang für die meisten wertlos ist), hier geht es um den „Feind in meiner Hand“ (Titel), hier geht es um „Abhängige“, um einen „schädlichen Lebensstil“ und um „Verhaltensstörungen mit sozialen und psychischen Folgeproblemen“. Dieses Hochgebirge an Problemen macht sofort klar: jeglicher gar humorvoller Ansatz zu einer konstruktiven Lösung muss als ahnungsloser Flachlandspaziergang verstanden werden! Anders formuliert: Wer diese Probleme auftürmt, sucht vielleicht gar keine Lösung.

3. Wieso muss eigentlich stets die Jugend als Schreckensszenario herhalten? Die Sache mit der Sucht lässt sich übrigens noch steigern – wenn Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen. Die Jugend war schon immer verdorben. In einer Zeit, in der die Generation der Eltern Punkrock hört und kifft, erkennen diese den Niedergang der Nachkommen aber nicht mehr in schlimmer Musik oder langen Haaren. Der heutigen Elterngeneration, die in Autos ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen ist, treibt die Tatsache, dass ihre Kinder auf kleinen Computern tippen, tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Voller ehrlicher Angst lesen sie Texte über Abhängigkeit und Sucht – statt sich sehr banal auf die Suche nach dem zu machen, was Erziehung schon immer ausgemacht hat: Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Aber wo sind die Vorbilder für die angemessene Handy-Nutzung in der Generation der Eltern, die Ramones-Shirts (die Echten, von früher!) tragen und mehr über die Vergangenheit sprechen als nach Lösungen für die Zukunft suchen? Wo sind die Eltern und Lehrer, die vormachen, wie man ohne Dämonisierung mit Handys umgeht?
Wer mit den wenigen spricht, die es davon zweifelsohne gibt, findet übrigens schnell raus: Sie wissen sehr genau, dass es Kern des Problems und nicht der Lösung ist, wenn man aus der Tatsache, dass man das Gerät mal unvernünftig oder übertrieben genutzt hat, gleich eine Entzugsklinik-Debatte macht.

4. Seit wann ist eigentlich alles, was man auf dem Smartphone macht gleich? Pokemons fangen, mit mehreren Menschen gleichzeitig chatten oder hochkonzentriert „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen – all das kann ich auf dem Smartphone tun. Und all das führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man kommt sich fast wie ein Smartphone-Fanatiker vor, wenn man darauf hinweist, dass es kaum zielführend ist, alles, was man mit dem kleinen Computer tun kann, über einen kulturpessimistischen Kamm zu scheren. Hier zu differenzieren, scheint mir ein erster vorsichtiger Schritt in Richtung einer Lösung. Denn: Natürlich gibt es smartphone-verbundene Freizeitbeschäftigungen, die sprunghaft, verwirrend und unstet sind. Es gibt aber auch eine kontemplative, eine versinkende Lektüre Nutzung des Geräts. Wer sich also im gesundheitspolitischen Hochgebirge der Gefahren und Probleme zu verlaufen droht, sollte bedenken: Smartphones sind auch Bücher – und über Bücher würde der Spiegel niemals so respektlos schreiben.

5. Können wir uns vielleicht alle ein wenig locker machen? Dass Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder mit der Art und Weise hadern, wie diese ihr Leben gestalten wollen, ist ja nun nicht wirklich neu. Und gäbe es keine Smartphones, würde sich die Debatte womöglich an anderen Gepflogenheiten entzünden. Vielleicht liegt ein erster Ansatz einer Lösung also darin, sich locker zu machen – oder zumindest das Verteufeln und die Weglegen-Debatte zu beenden. Kevin Kelly schreibt in seinem lobens- wie lesenswerten „The Inevitable“: „Unser erster Impuls scheint es zu sein, auf die wogende Veränderung der digitalen Technologie zu reagieren, indem wir zurückrudern. Es zu bremsen, zu verbieten, zu leugnen oder mindestens den Zugang zu erschweren. Aber das rächt sich. Prohibition ist höchstens kurzfristig gut, langfristig ist sie kontraproduktiv.“
Etwas mehr Anregung und viel weniger Aufregung könnten dazu führen, dass wir ganz bald viel mehr Vorbilder haben, wie man denn ein Smartphone angemessen nutzt. Dazu zählt – keine Frage – auch die Tatsache, dass man es (wie schon Peter Lustig wusste) auch mal ausmacht. Dazu zählt aber vor allem, dass man anerkennt, dass das Smartphone in sehr vielen Fällen zunächst ein Instrument des sozialen Austauschs ist. Wer es oft und ausgiebig nutzt, tut das also selten allein wegen des Geräts, sondern recht häufig wegen der Personen, mit denen er und sie darüber verbunden ist. Auch deshalb gibt es hier übrigens keine einfache Lösung.


Mehr zum Thema unter dem Schlagwort Kulturpragmatismus!

Update: Aufgrund der meinungsstarken Debatte habe ich ein Interview zum Thema geführt

loading: Recherchereise AfD in Mecklenburg-Vorpommern

„Antworten haben wir nicht, aber wir fahren los und stellen Fragen“, schreibt Raphael Thelen auf der Seite Neue Normalität, auf der seine Reise durch Sachsen dokumentiert ist. Jetzt will Thelen nach Mecklenburg-Vorpommern aufbrechen – dafür bittet er auf Correctiv um Unterstützung. Vorab hat er den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machst du?
Am 4. September könnte die AfD bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft werden. Ich reise mit einem Fotografen einen Monat lang vor der Wahl zwischen polnischer Grenze, Schwerin und Ostsee umher, um zu fragen, warum die Menschen sich für die Rechtspopulisten begeistern.

Warum machst du es (so)?
Weil es sich bei meinem Vorgänger-Projekt neuenormalitaet.de bewährt hat: Die Mischung aus Planung und Spontanität, aus distanzierter Reportage und persönlicher Haltung.

Wer soll sich dafür interessieren?
Das Thema geht jeden etwas an, der verstehen möchte, wie die deutsche Provinz tickt, warum dort die AfD so gut ankommt und was das alles für das übrige Deutschland bedeutet.

Wie geht es weiter?
Am 4. August schwingen wir uns ins Auto und fahren los.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Warum es der AfD so leicht fällt, aus dem Stand ein ganzes Bundesland zu erobern.

>>>> Hier das Projekt auf Correctiv unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Der Grüffelo in Social Media-Diensten (Digitiale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil die Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Kein Tier kommt in dem sehr schönen Kinderbuch „Der Grüffelo“ zu Schaden. Und doch sind der Fuchs, die Eule und die Schlange in so großer Sorge, dass sie von ihren Plänen ablassen, die viel kleinere Maus anzugreifen – denn: „weil die Maus den Grüffelo als fuchterregendes großes Tier beschreibt, flüchten ihre Fressfeinde und lassen sie lieber in Ruhe.“

Das Kinderbuch von Julia Donaldson und Axel Scheffler ist ein schönes Beispiel für den Umgang mit Furcht und Angst. Es zeigt, dass die kleine und schwache Maus auch Tiere in Angst und Schrecken versetzen kann, die viel größer und kräftiger sind als sie selber. Und sogar als auftaucht, was sie sich als Schreckensszenario ausmalt (der Grüffelo nämlich) nutzt die Maus wiederum die Dynamik der Sorge, um sich aus der Situation zu retten. Sie wandert gemeinsam mit dem Grüffelo (Bild rechts: Beltz-Verlag) durch den Wald und lässt die Furcht der Tiere, die die beiden gemeinsam sehen, so wirken als ängstigten sich diese vor ihr: Vor der kleinen Maus, die niemandem etwas tut. Das wiederum beunruhigt den Grüffelo so sehr, dass er von der kleinen Maus ablässt, die ja gefährlich sein muss, wenn die anderen sich vor ihr fürchten.

Im Kinderbuch ist das ein für die kleine Maus beruhigendes Bild. Überträgt man es auf das Leben der Erwachsenen legt es die Dynamik von Schrecken und Terror offen: Angst zu verbreiten (Fear mongering) ist ein sehr tauglicher Mechanismus um Aufmerksamkeit zu binden – und zu nutzen.

Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan„, zitiert Martin Tschechne im Deutschlandradio Kultur den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und ergänzt: „einer, den man ausnutzen kann. (…) Denn durch Angst lässt das Denken sich fernsteuern, Angst beherrscht die Wahrnehmung und überlagert jede andere Emotion. (…) Angst macht blind und dumm. Gefährlich ist: die Schlauen wissen das.

Der Beitrag lief vor dem Amoklauf von München im Radio. Und doch lassen sich diese Angst-Analyse ebenso wie die Terror-Dynamik des Grüffelo auf die Panik übertragen, die sich nach den ersten Meldungen vom Olympia-Einkaufzentrum in der Stadt wie in sozialen Medien verbreitete. Angesichts der Szenen in der Stadt und der Posts auf Twitter und Facebook erscheint es fast banal, an den Appell vom Beginn des Jahres zu erinnern: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit einüben!

Denn anders als bei den bisherigen Social-Media-Großlagen (Böhmermann oder Kölner Silvernacht) wurde unter dem Hashtag #oez und #muenchen eine ordentliche Portion direkte Angst beigemischt. Diese wirkt als Brandbeschleuniger für die Falschmeldungen und Gerüchte, die Menschen aus böser Absicht oder eigener Angst verbreiten. Dabei ist es egal, ob Massenmedien (wie hier Skyp News) mit Angst Quote machen wollen oder ob eine Privatperson in einer Whats-App-Gruppe Bilder mit Blut und Leichen postet (die in Wahrheit aus Südafrika stammen und fast zum Standard-Repertroire der Angstmachen zählen). Stets greift der Grüffelo-Mechanismus: Es muss gefährlich sein muss, wenn die anderen sich so fürchten.

Es ist einer der untauglichsten Ratschläge, in furchterregenden Situationen „Keine Angst“ zu fordern. Wer je mit Flugangst in ein Flugzeug gestiegen ist, kennt das. Und so wird es vermutlich auch nichts helfen, im Rahmen der Social-Media-Gelassenheit „Keine Angst“ zu fordern. Gleichwohl erscheint es sinnvoll an das Reflektionsvermögen zu appellieren. Twitter, Facebook und unser Agieren auf diesen Plattformen ist historisch gesehen noch sehr jung – und kaum eingeübt. Ereignisse wie die Amoknacht von München zeigen, dass es dringend und wichtig ist, hier neue Techniken einzuüben. Es wurde auch erst das Auto und dann erst der Sicherheitsgurt erfunden…

Reflektion und Vernunft zu zeigen, wenn sich alle dem Grüffelo-Mechanismus hinzugehen scheinen, scheint in jedem Fall nicht falsch. „Es ist die wohl meistversprechende Strategie gegen ein archaisches, überwältigendes Gefühl, das wie ein Virus von einem Menschen auf den nächsten überspringen kann“, schreibt Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung. Das gilt aber nicht nur im persönlichen Umgang mit der Angst – sondern auch und vor allem in ängstlichen Zeiten auf Twitter und Facebook.

Denn so schön die Grüffelo-Metapher auch ist: Social-Media-Nutzer sind nicht die Maus, die sich gegen Fressfeinde erwehren muss. Man sollte sich von den Angstmachern (von welcher Seite auch immer) niemals in diese Rolle drängen lassen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Kulturpragmatismus

Dieser Text ist Teil die Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Die Welt“, sagt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon, „ist unendlich viel interessanter als irgendeine meiner Ansichten darüber.“ Nixon beschreibt damit die Haltung, aus der heraus er seine fotografischen Arbeiten angeht, die Art und Weise wie er die Wirklichkeit bannen und abbilden will. In diesem Satz steckt aber etwas, was ich weit über das künstlerische Schaffen des Fotografen hinaus bedeutsam halte. In diesem Zitat manifestiert sich eine Haltung zur Welt, die ich Kulturpragmatismus nennen möchte. In Abgrenzung zu begeisterter Zukunftsgläubigkeit und resignierter Vergangenheitsverklärung zeichnet sich der Kulturpragmatismus durch die Fähigkeit aus, die eigene Bewertung der Welt und ihrer Entwicklung nicht so wichtig zu nehmen. Kulturpragmatiker sind neugierig, wo Pessimisten und Optimisten (so oder so) meinungsstark sind. Sie stellen die Frage nach einem grundlegenden Verstehen von Entwicklungen vor die eigene Einschätzung über deren Folgen. Denn sie glauben, dass die Welt (und das Verstehen ihrer Entwicklung) interessanter ist als die eigenen Meinungen und Bewertungen.

Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.

Diese Haltung wird nicht nur wegen der vermeintlichen oder tatsächlichen Beschleunigung technischer Entwicklungen und Veränderungen immer bedeutsamer. Auch der größere politische Rahmen – die Brexit-Entscheidung des vergangenen Monats hat dies deutlich gemacht – verlangt nach einem kulturpragmatischen Blick auf die Welt, der erkennt: Das Bewahrende, Rückwärtsgewandte liegt im Trend. Denn die Menschen der westlichen Welt werden immer älter – und niemand hat uns beigebracht, wie man bei diesem Älterwerden Anschluss hält an das, was sich unter den eigenen Füßen verändert. Und da dieses Wissen fehlt, ist es nur verständlich, dass Orientierung einzig im Blick zurück (Take back control) erkennbar zu sein scheint.

Der FAZ-Journalist Volker Zastrow hat das im Herbst 2015 (zu einer Zeit, die fälschlicherweise oft als Flüchtlingskrise bezeichnet wurde) in einem langen und sehr guten Text so beschrieben:

„Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.
(…)
Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen.“

Ich finde den Text, der übrigens als Newsletter verschickt wurde, deshalb so stark weil dieser Beschreibung eben keine direkte Beurteilung folgt. Der Text selber ist aus einer kulturpragmatischen Haltung heraus geschrieben. Er analysiert eine Entwicklung, die man verstehen muss um zum Beispiel zu erkennen, woher das Hadern an der Gegenwart kommt – und damit auch, wie man z.B. den digitalen Graben in dieser Gesellschaft schließen kann. Zastrow folgert:

„Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben.“

Es ist an der Zeit, einen Raum zwischen den Progressisten und den Reaktionären zu öffnen. Einen Raum, der frei ist von Angst und geprägt von einer Haltung zur Zukunft wie sie ein Historiker einnehmen würde. Bruce Sterling hat das in einer sehr frühen Folge des Elektrischen Reporters mal nahegelegt. Darin rät er, weder optimistisch noch pessimistisch über die Zukunft zu sprechen. Schließlich wähle man diese Begriffe auch nicht, wenn man übers 19. Jahrhundert spricht. Stattdessen rät Sterling zum Engagement, zur Teilhabe, zum Einlassen (im Film etwa ab Minute 8)

Meiner Meinung nach ist das beste Symbol für eine solch kulturpragmatische Haltung zur Welt übrigens der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

loading: #incommunicado – das Hörbuch

Fabian Neidhardt beschreibt sich selber als Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf Startnext ist er aktuell als Podcaster aktiv. Für das Projekt #incommunicado bittet er um Unterstützung – deshalb hat er den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was machst du?
Ich will den Roman #incommunicado von Michel Reimon als professionelles Hörbuch produzieren. Michel Reimon hat 2012 seinen Roman, der neben einer spannenden Geschichte quasi nebenher die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis hin zu seinem Problemen mit unserer aktuellen digitalen Welt beschreibt, unter Creative Commons online gestellt. Ich bin Sprecher und möchte dazu beitragen, das Thema noch bekannter zu machen. Also sammele ich Geld, damit ich das Studio für die Aufnahme, den Schnitt und das Mastern bezahlen kann. Danach wird das Hörbuch als kostenloses Creative Commons Hörbuch (CC­BY-SA­NC 3.0) in Podcastform veröffentlicht.

Warum machst du es (so)?
Ich habe genau diesen Podcast schon vor vier Jahren gestartet, aber mir fehlt einerseits die Zeit, andererseits das Equipment, dieses Hörbuch in der Qualität zu produzieren, die ich gern hätte. Deshalb die Crowdfundingaktion.

Wer soll sich dafür interessieren?
Grundsätzlich sollte sich dafür jeder interessieren. Es geht ja darum, wie wir heutzutage mit Kunst und Kreativität umgehen und wie das Copyright damit nicht mehr zusammenpasst. Deshalb brauchen wir ein paar Leute, damit sich noch mehr Leute mit diesem Thema auseinandersetzen können.

Wie geht es weiter?
Aufmerksamkeit generieren. Für die Kampagne und damit auch für das Thema Copyright. Damit solche Fälle wie Kraftwerk vs. Moses Pelham nicht mehr 17 Jahre vor Gericht stehen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Heutzutage wird das Copyright kaum mehr benutzt, um Künstler und ihre Arbeiten zu schützen. Im Gegenteil schränkt es Kunst ein und lässt ganze Kanzleitrauben mit kuriosen Copyrightverletzungen Geld verdienen. Der ganz aktuelle Fall Kraftwerk vs. Moses Pelham zeigt ganz gut, wo das Problem liegt: Das Copyright, wie es offiziell existiert, kann nicht mit der Art, wie wir Kunst konsumieren und produzieren. Daran sollten wir etwas ändern.

>>> Das Projekt #incommunicado auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

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Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

Bildschirmfoto 2016-05-27 um 15.31.22
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Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist

Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

Es gehört zum Wesen der Medien getriebenen Politik, dass sie sich schon immer auf die einprägsamen Sätze, die leicht teilbaren Zitate konzentriert hat. Was dem Zeitalter des Kalten Kriegs das „Ich bin ein Berliner“ Kennedys war, wird im Zeitalter des Gifs (mehr dazu im aktuellen Digitale-Notizen-Newsletter) vermutlich diese Drop-The-Mic-Szene von Barack Obama. Sie ist die greif- und vor allem teilbare Essenz seines Auftritts beim White House Correspondents‘ Dinner, seinem letzten als amtierender US-Präsident.

Wie sehr Barack Obama das Internet und seine Kultur verstanden (und genutzt) hat, kann man in der Analyse seiner Twitter-Nutzung oder in seinem „Ende des Durchschnitts“-Wahlkampf sehen. Bebildert wird all dies mit einer Gif-Sequenz, die nicht durch Zufall als Gif exitiert. Hier hat jemand genau verstanden, wie er im digitalen Gedächtnis bleibt: als animierte Szene, die in der Welt der Reactionsgifs schon jetzt ein instant classic ist. Das Sinnbild für einen gelungenen Abgang, eine souveräne Verabschiedung. Wir werden sie noch oft sehen, ehe Obama das Weiße Haus verlässt – und erst recht danach.

Dieses Gif wird in der Welt der Phänomeme zum Fazit von Obamas-Präsidentschaft: cool, souverän und digital verankert. Und das alles trotz NSA, Snowden und Whistleblower-Verfolgung. Im Wesen der medial getriebenen Politik ging es schon immer nicht nur um Inhalte.