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loading: Import Export München

Über das Import Export schreiben die Macher auf der Startnext-Seite, es sei ein Ort, “den es so ja eigentlich nur in Berlin oder Hamburg, aber nicht in München gibt. Nun ist er aufgrund von Umbauarbeiten massiv in seiner Existenz bedroht.” Deshalb hat das Münchner Import Export ein Crowdfunding-Projekt gestartet.

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Dazu hat Michael Schild den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Für die Fakten: Wir bieten von Dienstag bis Freitag täglich einen Mittagstisch von 12 – 16 Uhr, welcher von Nami Taguchi organisiert wird, die die Küchenleitung bei uns übernommen hat. Darüber hinaus bieten wir abendfüllendes Kultur- Musik- und physisches Erbauungsprogramm. Die Tagesgastronomie, der Veranstaltungsbereich bilden zentrale Schnittstellen auf dem Kreativquartier. Für KünstlerInnen und AkteurInnen auf dem Kreativquartier dient diese Einrichtungen als Anlaufstelle und als Kommunikationsraum. Gleichzeitig öffnen sie das Kreativquartier nach außen.

Bei genauerem Hingucken kann folgendes erkannt werden: Das Import Export ist ein experimenteller Ort für kulturelle, künstlerische und gesellschaftliche Projekte und Initiativen. Ein Konzept, das von der spezifischen Qualität des Ortes ausgeht und das Potenzial der lokalen Bevölkerungsstruktur einbindet. Eine offene Plattform für die kreative und soziale Vielfalt der postmodernen Cosmopolis. Eine Schnittstelle für AkteurInnen und Gruppen in lokalen und transnationalen Netzwerken. Ein Ausgangspunkt für die Interaktion von Milieus und Generationen. Ein Raum für etablierte und neu entstehende Formen von Kunst und Kultur. Ein diskursiver Resonanzkörper für eine dynamische stadtgesellschaftliche Entwicklung. Ein wichtiger Faktor für die Interaktion von Wissenschaft, Kultur und sozialer Solidarität am Standort München. Ein Projekt, das der Gentrifizierung im Viertel entgegenwirken und stattdessen den urbanen Charakter des Viertels erhalten und unterstützen wird.

Warum macht ihr es (so)?
Wir denken, dass Bedarf für unser Konzept besteht.
Nicht nur die Stadtgesellschaft, sondern auch die Beschäftigung mit ihren Werten und Idealen braucht Raum. Zwischennutzungen sind im Moment zwar populär, können letztlich aber nur einen Teil der Bedürfnisse abdecken. Vor dem Hintergrund der urbanen Entwicklung werden stattdessen langfristige Strategien benötigt, um Diskursräume für Diversität, Kultur und Wissen zu schaffen und zu erhalten.

Wer soll sich dafür interessieren?
Im Programm soll Platz sein für möglichst viele verschiedene Inhalte, die möglichst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Interessen ansprechen. Grundsätzlich soll für alle Platz sein und es wird keine richtigen und falschen Inhalte geben, solange die Programmpunkte sich nicht gegenseitig den Raum nehmen.

Wie geht es weiter?
Wir arbeiten an einem dauerhafter Freiraum, losgelöst vom ökonomischen Druck der wachsenden Stadt.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das Import Export wird mit viel Herzblut und Engagement von den Betreibern und AkteurInnen geführt. Viele Münchner_innen, denen die kulturelle, künstlerische, aber auch gesellschaftliche und soziale Zukunft ihrer Stadt am Herzen liegt, begleiten das Import Export seit langem und identifizieren sich mit diesem einzigartigen Projekt. Die Betreiber konnten bis jetzt noch keine fianziellen Ausschüttung erhalten, da die Gelder die bis jetzt generiert wurden, in Umbaumaßnahmen und Infrastrukturelle Anschaffungen investiert wurde.
Das Ganze ist für die Betreiber mit einem sehr hohem finanziellen Risko verbunden, da der Nutzungsvertrag bis jetzt nur bis Ende 2016 ausgestellt ist und so eine Refinazierung der Invetitionen nicht gesichert ist. Das Import Export könnte nicht existieren ohne die Beteiligung von allen, die sich an diesem Ort einbringen wollen.

Weitere UnterstützerInnen und Interessierte können sich im Import Export einbringen. Es soll wieder ein offenes monatliches Treffen geben (im Import Export in der Goethestrasse hatten wir das) und den Interessierten dazu dienen, Ideen auszutauschen und inhaltliche Vorschläge zu unterbreiten. In das Projekt soll das Engagement unterschiedlicher AkteurInnen eingebunden und so die urbane Vielfalt des Stadtraums als Ressource aufgefasst werden: Wir wollen eine lebendige, flexible Atmosphäre, die einen offenen Umgang und demokratische Strukturen ermöglicht.
Damit das Import Export weiterhin bestehen kann, müssen einige Investitionen getätigt werden. Große Summen stehen aus, die beglichen werden müssen und wir wissen gerade nicht, wie wir das aus dem laufenden Betrieb anstellen sollen.

Die 10.400,- Euro, die wir auf der Startnext-Seite angegben haben werden nicht ausreichen um den Betrieb der Import Export Kantine dauerhaft fortsetzen zu können. Aber es ist ein Anfang und wir glauben daran das die Vision und unser Konzept durch ein gemeinschaftliches Agieren langfristig in der Stadt München ihren Platz finden wird.

>>>Hier das Import Export auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:
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loading: The Future Chronicles

Ein Magazin für den Wandel – das ist die Idee der Future Chronicles, einem multimedialen Magazin, das auf Kickstarter um Unterstützung wirbt. Co-Publisher Volker Tolle hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
The Future Chronicles ist eine journalistische Reise durch die Zeit: Jede Ausgabe widmet sich einem neuen Thema des gesellschaftlichen Wandels. Jeder Artikel behandelt einen Meilenstein in der Geschichte und berichtet aus Perspektive der jeweiligen Zeit. Die erste Ausgabe erscheint zum Thema Internet.

Warum macht Ihr es (so)?
In Zeiten der digitalen Reizüberflutung soll The Future Chronicles seinen Lesern helfen den Überblick zu behalten. Anstelle flüchtiger Informationen fokussieren wir uns auf das, was wirklich wichtig ist.

Wer soll das lesen?
Wir richten uns an Leser, die das Neue als Chance begreifen. Die Zukunft ist für sie mehr Abenteuerspielplatz als Endbahnhof, utopisch etwas anderes als unmöglich, die Vergangenheit eher ein Trainingslager als ein Zufluchtsort.

Wie geht es weiter?
Ab heute haben interessierte Leser vier Wochen Zeit, um die erste Ausgabe von The Future Chronicles auf Kickstarter zu finanzieren: Sollte die Crowdfunding-Kampagne erfolgreich sein, planen wir die erste Ausgabe im September diesen Jahres zu veröffentlichen.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Wir sind überzeugt, dass relevante Produkte, Dienstleistungen und Informationen der Schlüssel zur Zukunft sind. Als kreative Netzwerk-Agentur wollen wir nun mit gutem Beispiel vorangehen. Wir hoffen möglichst viele Unterstützer für das Projekt gewinnen zu können, um unsere Leser und uns auf den vor uns liegenden Weg vorzubereiten.

>>> Hier The Future Chronicles auf Kickstarter unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:
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SUPERCOPY

Ab Donnerstag wird Mannheim zur Hauptstadt der Kopie. In der Alten Feuerwache findet bis Sonntag das hochkarätig besetzte Festival SUPERCOPY statt (zu dem ich auch eingeladen war, aus Termingründen aber absagen musste). Vier Tage lang feiern die Festivalmacher die Kopie – mit einem tollen Programm.

Ich habe den SUPERCOPY-Organisatoren Jan-Philipp Possmann und Sören Gerhold vorab ein paar Fragen gemailt.

Warum braucht man ein Festival übers Kopieren?
Für uns gab es eigentlich zwei Gründe, dieses Festival ins Leben zu rufen. Wenn man sich als Kreativstandort und als Kulturstadt versteht, wie Mannheim das immer stolz von sich behauptet, dann ist die Frage danach, was Kreativität und was Kulturgüter im digitalen Zeitalter eigentlich sind, schon wichtig zu stellen. Und wenn man mal anfängt darüber nachzudenken, dann lässt sich diese Frage nicht mehr so einfach beantworten. In Baden-Württemberg wurde ja vor wenigen Jahren ein neuer Kunstfonds mit großem Tamtam aufgelegt, und der heißt natürlich Innovationsfonds. Als Veranstalter oder Kulturschaffender fragt man sich dann natürlich, ist das jetzt innovativ, was man da macht und was soll das überhaupt bedeuten, innovative Kultur? Sollte so ein Fördertopf im Jahr 2012 nicht eher Rekreativfonds heißen? Deswegen finden wir es wichtig, die Leute mit dem Thema zu konfrontieren, und zwar mit allen Facetten des Themas, also mit der Politik der Kopien ebenso wie mit Technik oder Kunst.

Das andere was uns wichtig ist, ist auf das Erbe der Hip Hop Kultur zu verweisen. Wir sind beide mit Hip Hop aufgewachsen, Sören hat selbst erfolgreich als DJ gearbeitet und natürlich gesampled, aber für uns beide war diese Kultur prägend. Und wir sind der Meinung, dass die Musik im Hip Hop, die ja auf dem Prinzip des Sampling, auf dem Breakbeat, aufbaut eine extrem intelligente und komplexe Musik ist. Lange Zeit wurden aber Rap und die verschiedenen elektronischen Stile die sich drumherum entwickelt haben als eine Art Pesudomusik abgetan, oder man hat es nur als eine Art soziokulturelles Sprachrohr irgendwelcher Randgruppen ernst genommen. Aber die Technik des Samplings, also das Musikmachen mit bestehender Musik, ist die musikalische Innovation der letzten 50 Jahre. Das ist aus der Popmusik aber auch aus der Kunst insgesamt nicht mehr wegzudenken. Und darum ging es uns auch, diese Kultur und ihre Verdienste zu feiern.

Ihr schreibt “Sampling ist die zentrale Kulturtechnik des beginnenden 21. Jahrhunderts”. Nun gibt es auch Menschen, die das anders sehen. Gibt es auch Kritik/Widerstände an dem Festival
Erstmal nicht. Im Gegenteil: Es gab extrem viel Interesse und Bereitschaft, mitzumachen. Die Institutionen merken ja, dass sie von den technischen und rechtlichen Entwicklungen betroffen sind oder es früher oder später sein werden. Die Frage ist nur, hat man es dort mit Leuten zu tun, die so ein Projekt als Chance begreifen, mit der Herausforderung umzugehen, oder die lieber den Kopf in den Sand stecken. Zum Beispiel die Stadtbibliothek Mannheim: Bernd Schmidt-Ruhe, der Leiter der Stadtbibliothek, wusste auch schon bevor wir mit der Idee zu ihm kamen ganz genau, dass die öffentliche Bibliothek nur überlebt, wenn sie den Wandel aktiv mitgestaltet. Die öffentliche Bibliothek ist eine der größten Errungenschaften der französischen Revolution, es gibt wohl niemanden, der etwas gegen Büchereien hat. Und trotzdem laufen wir Gefahr, sie zu verlieren, und zwar nicht etwa weil die Leute nichts mehr ausleihen wollen, sondern im Gegenteil, weil sie digitale Bücher unbegrenzt und hundertfach gleichzeitig ausleihen könnten, aber die Rechtslage sie daran hindert. Aber selbst die BASF, also ein Unternehmen, das in einer ganz anderen Weise und Größenordnung von dem Thema betroffen ist, hat nicht gezögert. Die haben für ihr Firmenjubiläum Sounds von den Mitarbeitern sammeln lassen und dann vermutlich für sehr teures Geld Kompositionen auf der Basis dieser Samples in Auftrag gegeben. Für SUPRCOPY geben sie dieses Material wieder komplett frei und jeder kann damit Musik machen. Warten wir mal ab, wie die Reaktionen beim Festival selbst sind. Sicherlich werden einige Positionen nicht jedem gefallen. Die Frage ist ja immer, zieht man unangenehme Schlussfolgerungen aus dem was man hört oder sieht, oder tut man das einfach als Entertainment ab.

Wie habt Ihr das Programm kuratiert?
Für die erste Ausgabe des Festivals wollten wir eine möglichst breite Palette an Themen und Formen dabei haben. Wir wollten zeigen, in welchen Bereichen die Frage nach Original und Kopie überall auftaucht und relevant ist – von der Popmusik bis zur Wissenschaft. Dabei haben wir uns stark auf unsere Partner verlassen, jeder hat so einen Teilbereich kuratiert. Sören hat die Konzerte kuratiert, die Kollegen aus der peformativen Kunst die Performances, die VJs die Videokunst und so weiter. Jan-Philipp war dafür zuständig, die Teile alle aufeinander abzustimmen und die Workshops und Vorträge inhaltlich auszurichten. Wir haben außerdem bewusst Praxis und Theorie, Kunst, Wissenschaft und Politik gemischt – also zum Beispiel hält der Musikjournalist Falk Schacht erst einen Vortrag und spielt später ein DJ-Set, Oder der israelische Musiker Kutiman spricht erst über seine Youtube-Remixe und spielt anschließend ein Konzert mit seinem Kutiman Orchestra. Am letzten Tag zeigen wir zwei Filme, die jeweils von Vorträgen begleitet werden. Außerdem gibt es eine Arbeitsgruppe zum Urheberrecht, die an ganz konkreten ökonomischen und rechtlichen Fragen arbeitet, und die auch im Sommer in Köln fortgesetzt wird. So etwas bringt dir als Festivalmacher kein Publikum, aber es trägt die Debatte weiter, und die ist uns mindestens ebenso wichtig.

Worauf freut Ihr Euch besonders?
Ich glaube wir beide freuen uns schon sehr auf Kutiman, weil sein youtube-projekt „thru you“ zum eindrucksvollsten und poetischsten gehört, was in letzter Zeit mit Sampling gemacht wurde. Das interessante an seinem Auftritt bei uns ist, dass Kutiman, der ein gestandener Musiker und nicht bloß ein verrückter Computernerd ist, erst über seine youtube-samples spricht, dann aber mit seiner Funkband ein Konzert spielt, also handgemachte, analoge Musik, in dem er unteranderem diese thru-you-songs live spielt. Schöner kann man eigentlich nicht zeigen, dass das eine das anderen keinesfalls ausschließt und dass die Grenzen zwischen Remix, Sample und Original längst gefallen sind.

Habt Ihr eine Lieblings-Kopie? Und wenn ja: Welche?
Schwer zu sagen. Meine, Sörens, Lieblingskopie, wenn man es so nennen kann, ist und bleibt Kid Koala’s “Drunk Trumpet”, bestehend aus einem Trompetensolo aus LL Cool J’s “Going Back To Cali”. Mein Lieblings Sample ist eindeutig “aah, this stuff is really fresh” von Fab Five Freddy, das meist genutzte Sample ever! Aber die wirkliche Super-Kopie, die ist eigentlich von der dänischen Künstlergruppe Superflex. Die haben gefälschte Lacoste-T-Shirts auf dem Markt gekauft, mit dem Wort Supercopy bedruckt, und als Originale wieder verkauft. Lustigerweise hat Lacoste ihnen das verboten. Dabei haben sie doch eigentlich so die Markenehre gerettet! Ausserhalb der Kunst geht der Preis vielleicht an das Gen. Die Fortpflanzung dürfte ja die großartigste Kopierleistung überhaupt sein.

Alles übers SUPERCOPY-Festival gibt es hier. In Mannheim tritt neben Kutimann unter anderem auch Professor Wolfgang Ullrich auf, den ich für “Eine neue Version ist verfügbar” interviewt habe – weil er 2012 die Ausstellung “Deja Vu? – die Kunst der Wiederholung” in Karlsruhe kuratiert hatte. Wer sich jetzt fürs Kopieren begeistert, dem sei mein Lob der Kopie empfohlen.

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Wir sind Tocotronic

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album (das hier schon mal Thema war) – und drüben auf dem (SZ-)Hügel hat man sich in der Kulturredaktion gefragt, welchen Einfluss die Band auf Autorinnen und Autoren hat. Ich habe zusammenkopiert gedichtet, was mich mit Tocotronic verbindet – doch weil es bei der SZ nicht ganz in das Konzept der Sammelgeschichte passt, steht jetzt hier eine Geschichte (von Tocotronic) und mir.

No. 19 & 20 @tocotronic_official #tocotronic

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

In einer Freundschaft wie dieser geht es nicht um Glück. Ich glaub ich kann’s erst jetzt verstehen. Mit jedem Lied ein bisschen mehr.

Wir haben uns getroffen
Wir haben Platten gehört
Wir haben Bier getrunken
Wir saßen einfach rum zu zweit

Wir sind uns lange nicht begegnet
Wir waren ein Team
Weil wir eine Bewegung sind
Wir sind viele

Wir genießen unsere Freizeit
Und trinken warmes Bier im Park
Wir reden meistens über etwas
Das uns auf den Nägeln brennt
Alle Leute denken, dass wir viel zu viel verschenken

Wir sind wie Agenten
Wir müssen blenden
Wir müssen uns verschwenden
Wir werden das System durchschauen

Wir versuchen zu begreifen, dass hier alles möglich ist
Wir werden Beduinen sein!
Wir sind die Zukunft
Wir müssen kapitulieren

Wir kommen um uns zu beschweren
Wenn wir am Zauberwürfel drehen
Sie wollen uns erzählen:
Wir sollen uns nicht mehr quälen
Wir müssen durch den Spiegel gehen

Wir streunen durch die Wälder
und sehen unsere Spiegelung
Was wir sehen bedeutet nichts
Doch wir können davon lernen
Wie wir leben wollen

Wir haben gehalten
In der langweiligsten Landschaft der Welt
Jetzt müssen wir wieder in den Übungsraum
Denn wir wissen ganz bestimmt
Dass wir beide Schatten sind

Wir haben weiche Ziele
Wir sind Plüschophile
Wir sind so leicht, dass wir fliegen

Gib mir deine Hand: wir sind verwandt
Dabei kennen wir uns kaum
Wir leben hoch in unserem Niedergang

Welche Rolle Tocotronic für SZ-Mitarbeiter spielt? Hier die Geschichten nachlesen!

Tocotronic

loading: Mehr Missy

Mehr online, mehr Heft, mehr Veranstaltungen versprechen die Macherinnen des Missy-Magazines auf Startnext.com/MehrMissy. Wer “Mehr Missy” wünscht, kann das “deutschsprachige Popkulturmagazin mit feministischer Attitüde” bis Ende Mai dort unterstützen.

Missy-Chefredakteurin Katrin Gottschalk, die gerade auch Vocer ein Interview gegeben hat, hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Wir haben gerade die Crowdfunding-Aktion für „Mehr Missy“ bei Startnext gelauncht. Unser erstes Finanzierungsziel sind 35.000 Euro für die Umstrukturierung unserer Website. Dabei geht es vor allem um die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzierungsmodells. Eine wichtige Säule wird dabei der „Club Missy“ sein, in dem alle, die unser Crowdfunding unterstützen, bereits jetzt Mitglied werden.

Warum macht Ihr es (so)?
Weil „Mehr Missy“ für die Crowd ist, also unsere LeserInnen. Missy erscheint seit 2008 alle drei Monate als gedrucktes Heft. Im Gegensatz zu anderen Popkulturmagazinen sind unsere Anzeigenverkäufe solide, aber bei Weitem nicht ausreichend. Gleichzeitig konnten wir ohne große Werbekampagnen unsere AbonnentInnenzahl und Auflage erhöhen. Missy gibt es, weil viele Menschen daran glauben und wollen, dass es uns weiter gibt – und wir präsenter sind. Dieser Wunsch wird von unseren LeserInnen immer wieder an uns heran getragen. Gerade, weil gewisse Themen, mit denen wir uns bei Missy schon seit sieben Jahren beschäftigen, immer breiter diskutiert werden – von #GamerGate bis Genderwahn. Um aber im Netz mitmischen zu können, müssen wir mehr Zeit investieren, die wir aufgrund unserer bisherigen Arbeitsstrukturen nicht haben. Deshalb brauchen wir eine Startfinanzierung, um „Mehr Missy“ online möglich zu machen. Um dort Debatten anzustoßen, diversere Meinungen zu integrieren und eine größere Vielfalt an Themen zu bearbeiten.

Wer soll das unterstützen?
Alle, die unsere Arbeit schätzen und ein Interesse daran haben, dass es Missy auch weiterhin geben kann. Missy steht für eine klare Haltung: Filme, die wir vorstellen, haben Frauenrollen mit mehr als nur passiver Schönheit zu bieten. Wir gehen in keinem Text davon aus, dass alle Menschen heterosexuell lieben. Wir geben keinen einzigen Diättipp. Überhaupt denken wir nicht, dass unsere LeserInnen sich selbst optimieren müssen. Und wir stehen für wichtige Debatten. Wir rufen nicht pauschal, Prostitution müsse verboten werden, sondern sprechen mit SexarbeiterInnen über ihre Erfahrungen. Wir veröffentlichen keine Texte, die Feminismus einfach als „eklig“ bezeichnen, sondern diskutieren lieber verschiedene Ansätze, wie wir in einer gerechteren Welt leben können.

Wie geht es weiter?
Wir stecken jetzt erst einmal all unsere Energie in das Crowdfunding. Die Aktion läuft noch bis zum 29. Mai. In diesen sechs Wochen wird noch viel passieren: Wir sind etwa Co-Veranstalterinnen einiger Programmpunkte beim taz.lab am 25. April in Berlin, unsere nächste Ausgabe erscheint am 11. Mai und die passende Party dazu ist am 13. Mai im Südblock in Berlin. Wir geben also alles, um zu zeigen: Wir machen interessante Veranstaltungen, wir machen ein unterhaltsames und gleichzeitig politisches Heft und wir können auch eine Website machen, die genau so funktioniert. Wir brauchen nur die Starthilfe unserer Fans, um das Ganze auf sicherere Beine zu stellen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Der Vorteil von „Mehr Missy“ ist, dass sich unsere UnterstützerInnen sicher sein können, dass bei erfolgreicher Finanzierung auch genau das dabei heraus kommen wird: mehr Missy. Mit dem Pop, der Politik und den Perspektiven, die seit 2008 dazu gehören. Ein guter Deal, wie wir finden.

>>> Mehr Missy auf Startnext unterstützen.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Streitkultur gegen Endsätze

Im vergangenen Sommer diskutierte Mediendeutschland ausgiebig über Diskussionen – über Leserdiskussionen. Die Frage, wieso der Dialog mit Lesern im Netz so schwierig sei, beschäftigte die Medien, weil mehrere Großmeinungslagen (Ukraine, Gaza) etwas zu Tage fördern, was man eine Unfähigkeit zur Debatte nennen kann. Ich schrieb damals einen Text für die Medienseite der SZ, in dem ich versuchte den Blick auf den gesellschaftlichen Rahmen des Themas zu lenken:

Vielleicht ist der Abgrund, in den das Land dieser Tage schaut, in Wahrheit ein Spiegel, in dem man erkennen kann, welche Brandstifter in den vergangenen Jahren außerhalb des Netzes so viel Feuer gelegt haben, dass es jetzt auch innerhalb brennt. Wenn man sich beispielsweise das Verhältnis des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zu der stets auf ihre demokratische Tradition bedachten SPD betrachtet, fällt es schwer, nicht an einen Querulanten in einer Online-Diskussion zu denken: Hier nutzt jemand die Reputation einer bekannten Marke, um seine eigenen Thesen in die Welt zu jagen. Die Provokationsbestseller der vergangenen Jahre und die dazu geführten “Lassen Sie jetzt mal mich ausreden”-Debatten im deutschen Fernsehen tragen nun Früchte. Wer solche Vorbilder der Streitkultur hat, lernt schnell, was im medialen Wettstreit der Ideen bedeutsamer ist als die Suche nach Verständigung: lautstarke Provokation und gegenseitige Angriffe.

Spätestens seit diesem Wochenende schlägt die Diskussions-Debatte in aller Härte zurück. Sascha Lobo hat das – mit Blick auf den Brandanschlag von Tröglitz – in seiner Spiegel-Online Kolumne lesenswert analysiert. Er führt dazu den Begriff der “Endsätze” ein, mit dem er jene “kurzen Bemerkungen” beschreibt, “die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit”. Als Gegenmittel gegen diese Endsatz-Kultur fordert er ein Aufbäumen der demokratischen Zivilgesellschaft im Netz:

Nicht aufgeben, sich die sozialen Segnungen des Netzes nicht verseuchen lassen. Nicht angesichts der Hassmassen passen, sondern weitermachen, Endsätzen widersprechen, Grenzen setzen, kämpfen gegen den beschämenden Hass.

Oder um es ein höher zu hängen: Wir brauchen eine – wie gesagt – bessere Streitkultur:

Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik ausmachen soll. Dieses Land muss streiten lernen! Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in der Sache hart, aber dennoch nie persönlich ringen kann

Wie das gelingen kann? Ich bin ratlos, denke aber, dass Sascha Lobo in einer Einschätzung falsch liegt. Er schreibt:

Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

Denn diejenigen, die z.B. gegen Fremdenhass auf die Straße gehen, sind noch nicht da oder haben noch keine Ausdrucks-Formen gefunden, um sich gegen die Endsätze zu stellen. Ben schreibt dazu:

Es reicht nicht mehr, seine eigene Überzeugung nur zu leben und zu denken, das würde schon etwas verbessern. Wir müssen unsere Überzeugungen zuspitzen und deutlicher Äußern und für sie eintreten. (…) Eintreten für Menschlichkeit, für Humanismus, für Gerechtigkeit geht nur, nur, nur wenn wir uns selber menschlich und gerecht und ohne jede Spur von Hass verhalten, auch wenn die Positionen der anderen noch so menschenverachtend sind …

Vielleicht brauchen wir dafür und für eine bessere Streitkultur zunächst etwas ganz Banales: Ein friedliches Zeichen, das man gegen die Endsätze und gegen den Hass stellen und dem Hassende damit sagen kann: du gehst zu weit. Das klingt vielleicht naiv, aber wie wäre es, wenn man einen Hashtag oder ein Emoticon erfindet, das als Entsprechung zur Lichterkette verstanden werden kann als Ausdruck für eine offenen Streitkultur und gegen Hass und digitale Gewalt?

Journalismus zum Lachen

Wer ein einmütiges Kopfnicken herbei führen will, sollte in einer Gruppe sich modern verstehender Journalisten den Namen “John Oliver” fallen lassen. Sofort nickt es los. Denn seine Sendung “Last Week Tonight” gilt bei vielen Kolleginnen und Kollegen als gute Kombination aus den Faktoren Recherche, Sprache und Witz. Spätestens seit seiner Sendung über Netzneutralität wird er auch hierzulande so ausgiebig geliked, dass durchaus erkennbar ist, wo Jan Böhmermann sich für seine “Eier aus Stahl”-Rubrik inspirierte.

In dieser Woche zog John Oliver einige Aufmerksamkeit auf sich, weil er Edward Snowden in Moskau interviewte. Eine Tätigkeit, die eher Journalisten als Komikern zuzuschreiben ist. Und so verwundert es auch nicht, dass der unlängst verstorbene David Carr den Journalisten Komiker Oliver schon im November 2014 mit der These konfrontierte, dass seine Sendung eine neue Form des Journalismus sei. John Oliver verneinte dies damals entschieden:

“We are making jokes about the news and sometimes we need to research things deeply to understand them, but it’s always in service of a joke. If you make jokes about animals, that does not make you a zoologist. We certainly hold ourselves to a high standard and fact-check everything, but the correct term for what we do is ‘comedy.’ ”

Das brachte ihm wiederum den Einwurf des Time-Magazin ein, dass er selbstverständlich ein Journalist sei. Ein im Kern mittelspannendes Hin und Her, das aber auf ein wichtigeres Thema verweist, auf die Frage nämlich welche Wege Journalismus sich in einer sich verändernden Medienwelt sucht.

Schon im Fall von Buzzfeed konnte man die Frage aufwerfen: Ist das Journalismus? Im Fall von John Oliver – oder hierzulande bei Böhmermann und der Anstalt ist sie ebenfalls mit “ja” zu beantworten. Es ist eine sehr unterhaltende Art des Journalismus – eine, die sich dem Kampf um Aufmerksamkeit stellt. Der Kollege Christian Helten beschrieb das unter dem Titel “Witze sind die neue Nachrichten” mal so:

Als Zuschauer weiß man irgendwann: Bei „Last Week Tonight“ kann ich mich zehn Minuten amüsieren. Und gleichzeitig lerne ich meistens etwas Relevantes, das ich noch nicht wusste.

Die ZDF-Satiresendung Die Anstalt am 31. März machte sich zum Beispiel die Mühe, Informationen, die durchaus auch in anderen Medien verfügbar sind, auf eine Art aufzubereiten, die so greif- und teilbar ist, dass sie Emotionen weckt und nutzt. Darüber kann man streiten, dass dieses Mittel dem Journalismus aber nicht fremd ist, kann man in jeder mittelguten Reportagen nachlesen.

Schon auf den Medientagen 2013 sagte Richard Gutjahr: “Das härteste politische Nachrichtenformat im Fernsehen ist derzeit die heute-show im ZDF”, und er schob nach: “Und das macht mir Angst.” Angstvoll muss man das meiner Meinung nach nur dann betrachten, wenn andere davon nicht lernen. Und die Gefahr sehe ich vor lauter nickender Journalisten im Fall von John Oliver nicht.

No Nottime: Über das angenommene Ende der Mailingliste “nettime”

Am 1. April verschickten Felix Stalder und Ted Byfield eine erstaunliche Mitteilung an die Maillingliste “nettime”, sie kündigten (nach fast 20 Jahren) deren Ende an. Ein Aprilscherz mit erstaunlichen Folgen. Eine kleine Debatte über den Wert der unbedingt empfehlenswerten Liste wurde ausgelöst – auf der Liste. Und ich schickte Felix Stalder (mit dem ich persönlich bekannt bin) ein paar Fragen. Per Mail und zu der Mailingliste.

Ein Aprilscherz auf einer doch eigentlich sehr seriösen Mailingliste. Wer kommt auf so eine Idee? Und vor allem warum?

Vielleicht zuerst etwas Hintergrund. Nettime ist eine Mailingliste mit knapp 4500 TeilnehmerInnen, die sich mit Themen an der Schnittstelle Internet, Politik und Kultur beschäftigt. Es gibt sie nun schon seit 20 Jahren und sie hat einen Ruf erarbeitet, seriös, schwierig und anspruchsvoll zu sein. Das kann abschreckend wirken, im Guten wie im Schlechten.

Das wollten wir — Ted Byfield und ich, die beiden Moderatoren — etwas aufbrechen und auch eine der ungeschriebenen Regeln der Liste verletzen, nämlich dass auf der Liste nicht über die Liste gesprochen wird. Wir haben uns deshalb zu einem “Aprilscherz” entschlossen, in dem wir alle bestehende Kritik an der Liste zusammengefasst und überzeichnet haben, um die Ankündigung glaubhaft erscheinen zu lassen, das Projekt zu beenden.

nettime

Was wollt Ihr erreichen?/Was soll sich ändern?

Wir wollten damit nicht einfach die Mitglieder in den April senden, sondern eine offene Frage stellen: Was wäre wenn? Uns war wichtig, dass wir keine Antwort vorgeben, sondern einen Moment der kollektiven Selbstrefexion auslösen.

Wir wissen nicht, was sich ändern soll. Vielleicht gar nichts, vielleicht motiviert diese Aktion andere, selbst aktiv zu werden, in dem sie Dinge in den gemeinsamen kommunikativen Raum tragen, von denen sie bisher dachten, dass sie dort nicht hin passen. Im Minimum wollten wir erreichen, dass sich alle bewusst werden, wie fragil ein solcher gemeinsamer Austausch, jenseits aller institutionellen Verankerungen und Verwertungsstrategien ist, und wie sehr er davon abhängt, dass sehr viele Leute etwas beitragen.

Dieses Bewusstsein einer kollektiven Leistung, die von allen erbracht wird, und eben nicht an professionelle Dienstleister delegiert wird, wurde wieder ins Bewusstsein gerufen. Das hat besser funktioniert als wir uns das hätten vorstellen können.


Warum eigentlich eine Mailingliste? Nie drüber nachgedacht, daraus eine Facebook-Gruppe oder was Vergleichbares zu machen?

Diese Ideen gab (und gibt) es immer wieder. Aber es wurde nie etwas daraus.

Zum einen ist es sehr schwierig, eine bestehende soziale Gemeinschaft auf eine neue Plattform zu stellen. Das Soziale und das Technische sind sehr tief ineinander verwoben, was Veränderungen schwierig macht, besonders von etwas, dass bereits 20 Jahre Geschichte akkumuliert hat. Das ist ja in Kontext des Internets schon fast ein Ewigkeit.

Zum anderen sind die Ideen, die der Architektur vieler sozialer Netzwerke zugrunde liegen, hochproblematisch. Diese bauen etwa auf einem extremen Individualismus und auf Konkurrenz um Aufmerksamkeit auf. Jeder sieht etwas anderes, niemand weiss, was andere wirklich sehen, und überall sind Rankings.

Eine Mailingliste schafft dagegen einen kollektiven Raum. Alle sehen das gleiche, alle haben die gleiche Reichweite, es gibt keine objektiven Rankings. Das schafft etwas gemeinsames, das über das “Ich und meine wechselnden Freunde” hinausgeht. Wir machen keinerlei statistische Analyse. Das erschwert, dass interne Hierarchien entstehen und dass Leute versuchen, künstliche Kennzahlen zu optimieren.

Das heißt nicht, dass alles gut und friedlich ist, aber die Probleme die entstehen, sind die viel interessanteren als jene des kompetitiven Narzismus.

Dazu kommt, dass wir nicht von einem Provider abhängig werden wollen, über den wir keinen Einfluss haben. Wir wollen die Infrastuktur, die wir nutzen so weit wie möglich kontrollieren. Dabei verlassen uns lieber auf gegenseitige Hilfe als auf Gratisdienste, die mit persönlichen Daten zu bezahlen sind.

Unter dem Schlagwort “Dark Social” erleben Newsletter gerade eine Art Revival. Trifft das auch auf nettime zu?

Ich denke schon. Wir — die Gesellschaft als Ganzes — sind immer noch daran, herauszufinden, wie das Verhältnis zwischen Systemarchitekturen und sozialen Dynamiken in der digitalen Gesellschaft genau beschaffen ist. Während es recht einfach ist zu sehen, wofür eine Plattform gut ist, ist es oft sehr schwierig zu sehen, wofür sie nicht gut ist. Weil, wie bewertet man Dinge, die nicht passieren? Das ist sehr subtil. Mit Facebook und andern sozialen Massenmedien sind wir über die erste Phase — die Begeisterung darüber was sie alles gut können – — hinaus. Nun beginnen wir langsam zu realisieren, wofür sie nicht geeignet sind. Das führt dazu, dass vielleicht auch ältere Technologien wieder neu beurteilt werden.

Zum Abschluss bitte träumen: Wie geht es weiter mit nettime?

Mein bescheidenster Traum wäre es, wenn die Diversität der Beitragenden der Liste steigen würde, sowohl was die geographische Verteilung als auch die inhaltlichen Schwerpunkte betrifft. Der ambitionierte Traum wäre es, dass die Erfahrung von nettime technologisches Design inspiriert, das mehr Wert auf Kollektivität und weniger auf reine Konnektivität legt. Wie das aussehen soll, kann ich aber auch nicht sagen. Mir geht in letzter Zeit ein Satz von Hannah Ahrendt nicht mehr aus dem Kopf: “Power arises, only where people act together, not where people grow stronger as individuals.”


Im Herbst erscheint von Felix Stadler “Kultur der Digitalität” bei Suhrkamp. Auf die Nettime-Liste kann man sich hier eintragen.

Inhalt, der lebt – über Buzzfeed, Facebook und klassische Medien

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Die Rede, die Jonah Peretti auf der SXSW gehalten hat, sollte man sich anschauen. Selten wurde der Gegensatz zur Perspektive klassischer Kreativer auf auf digitale Distribution von Inhalten so deutlich wie hier.

Seine Antwort ist ein Schulterzucken. Jonah Peretti steht auf der Bühne der South By South West-Konferenz in Austin und beantwortet quasi nebenbei die wichtigste Frage der Kulturindustrie der vergangenen Jahre – mit einem Schulterzucken. Seit die digitale Kopie Inhalte von ihrem Datenträger befreit hat, stehen Plattenbosse, Verlagsmangerinnen, Musiker, Filmemacherinnen, Journalisten und Kreative vor dem Problem, dass ihr mühevoll produzierter Inhalte an Wert verliert. Einerseits weil viel mehr Menschen als bisher tun können, was sie tun: kreative Inhalte veröffentlichen. Andererseits weil diese Inhalte unter digitalen Klimabedingungen förmlich schmelzen – sie werden flüssig werden, können gleichzeitig hier und da sein. Denn die digitale Kopie dupliziert Inhalte – kostenlos und ohne Qualitätseinbuße. Wie kann man unter diesen Bedingungen mit der Produktion von Inhalten Geld verdienen? Wie kann man ihn kontrollieren? Und wie kann man Inhalt steuern und durch diese Steuerung Geschäftsmodelle (wie früher) begründen?

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Jonah Peretti, der Chef von Buzzfeed, antwortet darauf mit einem Schulterzucken. Es ist aber keine resignierte Reaktion auf die Veränderung, es ist eher eine kopfschüttelnde Antwort, die sagt: Die Frage ist falsch gestellt. “Uns ist egal, wo unser Inhalt lebt”, erklärt Peretti auf der Bühne in Austin. Wichtiger als die Kontrolle darüber, wo Menschen mit Buzzfeed-Inhalten in Kontakt kommen, ist ihm die Tatsache dass sie mit seinen Inhalten in Kontakt kommen. In einer Welt, in der jeder veröffentlichen kann, änder sich die Marktbedingungen: Nicht mehr viel Aufmerksamkeit wird auf wenig Inhalt verteilt, sondern viel Inhalte kämpft um begrenzte Aufmerksamkeit. Peretti zählt deshalb Kontakte – wie ein Marketingtreibender. Und wer so zählt, kommt schnell darauf, dass die Idee, Verweise in Netzwerke zu posten, damit Menschen auf die eigene Seite kommen, wo eigene Werbung ausgespielt wird, eine Verschwendung an Kontakten ist. (Ist der Link tot? fragt Online-Marketing-Rockstars) Es gibt viel mehr Menschen, die Links z.B. auf Facebook sehen als Menschen, die auch drauf klicken. Für Peretti eine Verschwendung an Kontaktmöglichkeiten. Und aus dieser Haltung blickt er auf Inhalte, die Buzzfeed erstellt werden. Sie sind ihm wichtig – als Mittel zum Zweck: um Kontakte, Daten und Erlöse zu generieren. Aber für die Frage, welche Kontrolle man über die eigenen Inhalte ausübt, hat er nur ein Schulterzucken übrig. Denn wo sie leben ist ihm egal – hauptsache, sie leben.

Und um Inhalte am Leben zu halten, wählt Peretti einen beachtenswerten Weg: Er schaut nicht mehr aufs einzelne Werk, er betrachtet ausschließlich das Netzwerk. Und deshalb zählt für ihn auch nicht mehr nur der monetäre Umsatz, den man durch die Vermarktung oder den Verkauf von Werken machen kann. Er will Netzwerk-Effekte erkennen, diagnostizieren und vorhersagen. In diesem mit dem Begriff “Daten” unzulänglich beschriebenen Bereich liegt das Geschäftsmodell von Buzzfeed. Die Seite verschenkt ihre Inhalte (die sie nebenbei bemerkt, z.T. auch gar nicht selber erstellt, sondern kopiert), um im Gegenzug Daten zu sammeln: Das so gewonnene Wissen lässt sich wiederum sehr viel leichter zu Geld machen – indem Buzzfeed es Anzeigenkunden zugänglich macht. Der Reiz an den Schlagworten “Sponsored Content” oder “Native Ads” liegt nämlich viel weniger darin, dass redaktionelle und werbliche Inhalte gemischt würden. Es geht vielmehr darum, dieses Wissen um die Art und Weise, wie man Kontakte generiert, Anzeigenkunden zugänglich zu machen.

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Ein wichtiger Faktor für diesen Ansatz, ist ein Bereich, den Peretti “distributed media” nennt. Inhalte also, die geteilt und verbreitet werden sollen (er illustriert das am Beispiel eines Obama-Interviews, das in Videoschnipsel, animierte Gifs, Internet-Witze und und und zerlegt wurde). Die Ausführungen in diesem Feld können als ideologische Begleitung dessen gelesen werden, was die New York Times in diesen Tagen meldet: Facebook plant in Kooperation mit Medien, selber zum Nachrichtenanbieter zu werden

Facebook has said publicly that it wants to make the experience of consuming content online more seamless. News articles on Facebook are currently linked to the publisher’s own website, and open in a web browser, typically taking about eight seconds to load. Facebook thinks that this is too much time, especially on a mobile device, and that when it comes to catching the roving eyeballs of readers, milliseconds matter.

Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chef der FAZ, erläuert, warum er diese Entwicklung für verhängnisvoll für Verlage hält: Auf Facebook gibt es weder Unabhängigkeit noch ein Geschäftsmodell schreibt er – und nimmt damit genau die gegenteilige Position zu dem ein, was Peretti auf der SXSW gesagt hat. Die Facebook-Distribution ist Kern seines Geschäftsmodells – so erklärt Peretti. Denn nur über Dienste wie Facebook könne er Daten sammeln. In klassischen Medien – terrestrisch verbreitet oder gedruckt – fehlt ihm dieser Rückkanal, in ihnen lebt sein Inhalt nicht. Müller von Blumencron hingegen schreibt: “irgendwo muss am Ende auch Umsatz anfallen, sonst kann keine Qualität entstehen. Den Hauptumsatz machen Verlage immer noch mit ihren gedruckten Produkten. Digitale Werbeerlöse auf den Websites kommen dazu, rasch wächst der digitale Verkauf. Alle Modelle gehen davon aus, dass der Leser zu einem medialen Heimatort gelenkt wird, der ihm Glaubwürdigkeit verspricht, Verlässlichkeit, Orientierung. Deshalb sind Werbekunden bereit, in diesem Umfeld Anzeigen zu plazieren. Und ein Teil der Leser ist bereit, die Dienste kostenpflichtig zu abonnieren.

Wohl selten konnte man zwei gegenteilige Perspektiven auf digitale Distribution von Inhalten so klar voneinander abgrenzen wie in diesem Fall. Doch der Kontrast kann nur der erste Schritt sein, erkennt man wenn man Joshua Bentons unbedingt lesenswerte Analyse zum Thema verfolgt, in der er der Frage nachgeht, ob Inhalteproduzenten dem Lockruf von Facebook folgen sollen. Sie bildete sozusagen die journalistische Ergänzung zu Perettis Perspektive, die man sich in diesem Clip (ab ca 4:58 Std) anschauen – und ich persönlich finde, man sollte das tun:


Dieser Eintrag ist Teil der März-Ausgabe des “Digitale Notizen”-Newsletters – hier kann man ihn abonnieren! mit diesen Codes:

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UPDATE: Im Kompressor bei Deutschlandradio Kultur bin ich zum Thema befragt worden.

UPDATE 2: Der Kollege Richard Gutjahr bietet eine Abschrift von Perettis Vortrag

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersschmeckenden

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25.000 Menschen haben in diesen Minuten eine Petition gegen eine Kolumne in der Bild-Zeitung unterschrieben. In der change.org-Aktion “Absetzung der Kolumne Post von Wagner” wird Bild-Chef Kai Diekmann aufgefordert, den Chefkolumnisten des Springer-Verlags nicht mehr schreiben zu lassen. In der Begründung heißt es mit Blick auf Wagners Kolumne nach dem Flugzeugabsturz am 24. März:

Diese Form der Berichterstattung hat nichts mehr mit Journalismus, sondern nur noch mit Zynismus zu tun. (…) Seine Zeilen sind pietätlos und dumm und haben mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun.

Es ist zweieinhalb Monate her als nach dem Terroranschlag von Paris eine kleine Debatte über den Wert der Pressefreiheit geführt wurde. Hier im Blog zitierte ich damals Rosa Luxemburg, die den Ausspruch prägte: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden”.

Vor dem Hintergrund der öffentlichen Reaktionen auf die Meldung aus den französischen Alpen muss man Luxemburgs Satz vermutlich anders formulieren: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersschmeckenden.” Denn ob man Wagners Worte für pietätlos oder seriösen Journalismus hält, ist natürlich genau das: eine Geschmacksfrage. Wenn 25.000 Menschen wegen dieser Geschmacksfrage von seinem Chefredakteur fordern, dass er nicht mehr schreiben soll, empfinde ich das als Angriff auf die Pressefreiheit. Eine Welt, in der Geschmack über das Recht entscheidet, “seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten”, ist eine schlechtere Welt – das sollte man alljenen sagen, die nun aus vermutlich guten Motiven diese Petition unterzeichnen und auf Facebook und Twitter darum werben, es ihnen gleichzutun.

Im Januar schrieb ich, “dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.” Und Franz-Josef Wagner fordert genau diese Fähigkeit heraus!