Alle Artikel in der Kategorie “Politik

Kommentare 2

Inhalt, der lebt – über Buzzfeed, Facebook und klassische Medien

tl;dr
Die Rede, die Jonah Peretti auf der SXSW gehalten hat, sollte man sich anschauen. Selten wurde der Gegensatz zur Perspektive klassischer Kreativer auf auf digitale Distribution von Inhalten so deutlich wie hier.

Seine Antwort ist ein Schulterzucken. Jonah Peretti steht auf der Bühne der South By South West-Konferenz in Austin und beantwortet quasi nebenbei die wichtigste Frage der Kulturindustrie der vergangenen Jahre – mit einem Schulterzucken. Seit die digitale Kopie Inhalte von ihrem Datenträger befreit hat, stehen Plattenbosse, Verlagsmangerinnen, Musiker, Filmemacherinnen, Journalisten und Kreative vor dem Problem, dass ihr mühevoll produzierter Inhalte an Wert verliert. Einerseits weil viel mehr Menschen als bisher tun können, was sie tun: kreative Inhalte veröffentlichen. Andererseits weil diese Inhalte unter digitalen Klimabedingungen förmlich schmelzen – sie werden flüssig werden, können gleichzeitig hier und da sein. Denn die digitale Kopie dupliziert Inhalte – kostenlos und ohne Qualitätseinbuße. Wie kann man unter diesen Bedingungen mit der Produktion von Inhalten Geld verdienen? Wie kann man ihn kontrollieren? Und wie kann man Inhalt steuern und durch diese Steuerung Geschäftsmodelle (wie früher) begründen?

sxsw_buzz1

Jonah Peretti, der Chef von Buzzfeed, antwortet darauf mit einem Schulterzucken. Es ist aber keine resignierte Reaktion auf die Veränderung, es ist eher eine kopfschüttelnde Antwort, die sagt: Die Frage ist falsch gestellt. “Uns ist egal, wo unser Inhalt lebt”, erklärt Peretti auf der Bühne in Austin. Wichtiger als die Kontrolle darüber, wo Menschen mit Buzzfeed-Inhalten in Kontakt kommen, ist ihm die Tatsache dass sie mit seinen Inhalten in Kontakt kommen. In einer Welt, in der jeder veröffentlichen kann, änder sich die Marktbedingungen: Nicht mehr viel Aufmerksamkeit wird auf wenig Inhalt verteilt, sondern viel Inhalte kämpft um begrenzte Aufmerksamkeit. Peretti zählt deshalb Kontakte – wie ein Marketingtreibender. Und wer so zählt, kommt schnell darauf, dass die Idee, Verweise in Netzwerke zu posten, damit Menschen auf die eigene Seite kommen, wo eigene Werbung ausgespielt wird, eine Verschwendung an Kontakten ist. (Ist der Link tot? fragt Online-Marketing-Rockstars) Es gibt viel mehr Menschen, die Links z.B. auf Facebook sehen als Menschen, die auch drauf klicken. Für Peretti eine Verschwendung an Kontaktmöglichkeiten. Und aus dieser Haltung blickt er auf Inhalte, die Buzzfeed erstellt werden. Sie sind ihm wichtig – als Mittel zum Zweck: um Kontakte, Daten und Erlöse zu generieren. Aber für die Frage, welche Kontrolle man über die eigenen Inhalte ausübt, hat er nur ein Schulterzucken übrig. Denn wo sie leben ist ihm egal – hauptsache, sie leben.

Und um Inhalte am Leben zu halten, wählt Peretti einen beachtenswerten Weg: Er schaut nicht mehr aufs einzelne Werk, er betrachtet ausschließlich das Netzwerk. Und deshalb zählt für ihn auch nicht mehr nur der monetäre Umsatz, den man durch die Vermarktung oder den Verkauf von Werken machen kann. Er will Netzwerk-Effekte erkennen, diagnostizieren und vorhersagen. In diesem mit dem Begriff “Daten” unzulänglich beschriebenen Bereich liegt das Geschäftsmodell von Buzzfeed. Die Seite verschenkt ihre Inhalte (die sie nebenbei bemerkt, z.T. auch gar nicht selber erstellt, sondern kopiert), um im Gegenzug Daten zu sammeln: Das so gewonnene Wissen lässt sich wiederum sehr viel leichter zu Geld machen – indem Buzzfeed es Anzeigenkunden zugänglich macht. Der Reiz an den Schlagworten “Sponsored Content” oder “Native Ads” liegt nämlich viel weniger darin, dass redaktionelle und werbliche Inhalte gemischt würden. Es geht vielmehr darum, dieses Wissen um die Art und Weise, wie man Kontakte generiert, Anzeigenkunden zugänglich zu machen.

sxsw_buzz5

Ein wichtiger Faktor für diesen Ansatz, ist ein Bereich, den Peretti “distributed media” nennt. Inhalte also, die geteilt und verbreitet werden sollen (er illustriert das am Beispiel eines Obama-Interviews, das in Videoschnipsel, animierte Gifs, Internet-Witze und und und zerlegt wurde). Die Ausführungen in diesem Feld können als ideologische Begleitung dessen gelesen werden, was die New York Times in diesen Tagen meldet: Facebook plant in Kooperation mit Medien, selber zum Nachrichtenanbieter zu werden

Facebook has said publicly that it wants to make the experience of consuming content online more seamless. News articles on Facebook are currently linked to the publisher’s own website, and open in a web browser, typically taking about eight seconds to load. Facebook thinks that this is too much time, especially on a mobile device, and that when it comes to catching the roving eyeballs of readers, milliseconds matter.

Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chef der FAZ, erläuert, warum er diese Entwicklung für verhängnisvoll für Verlage hält: Auf Facebook gibt es weder Unabhängigkeit noch ein Geschäftsmodell schreibt er – und nimmt damit genau die gegenteilige Position zu dem ein, was Peretti auf der SXSW gesagt hat. Die Facebook-Distribution ist Kern seines Geschäftsmodells – so erklärt Peretti. Denn nur über Dienste wie Facebook könne er Daten sammeln. In klassischen Medien – terrestrisch verbreitet oder gedruckt – fehlt ihm dieser Rückkanal, in ihnen lebt sein Inhalt nicht. Müller von Blumencron hingegen schreibt: “irgendwo muss am Ende auch Umsatz anfallen, sonst kann keine Qualität entstehen. Den Hauptumsatz machen Verlage immer noch mit ihren gedruckten Produkten. Digitale Werbeerlöse auf den Websites kommen dazu, rasch wächst der digitale Verkauf. Alle Modelle gehen davon aus, dass der Leser zu einem medialen Heimatort gelenkt wird, der ihm Glaubwürdigkeit verspricht, Verlässlichkeit, Orientierung. Deshalb sind Werbekunden bereit, in diesem Umfeld Anzeigen zu plazieren. Und ein Teil der Leser ist bereit, die Dienste kostenpflichtig zu abonnieren.

Wohl selten konnte man zwei gegenteilige Perspektiven auf digitale Distribution von Inhalten so klar voneinander abgrenzen wie in diesem Fall. Doch der Kontrast kann nur der erste Schritt sein, erkennt man wenn man Joshua Bentons unbedingt lesenswerte Analyse zum Thema verfolgt, in der er der Frage nachgeht, ob Inhalteproduzenten dem Lockruf von Facebook folgen sollen. Sie bildete sozusagen die journalistische Ergänzung zu Perettis Perspektive, die man sich in diesem Clip (ab ca 4:58 Std) anschauen – und ich persönlich finde, man sollte das tun:


Dieser Eintrag ist Teil der März-Ausgabe des “Digitale Notizen”-Newsletters – hier kann man ihn abonnieren! mit diesen Codes:

JNwuYi
R8C32E
WAvnh4
52N6rf

UPDATE: Im Kompressor bei Deutschlandradio Kultur bin ich zum Thema befragt worden.

Kommentare 3

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersschmeckenden

wagner

25.000 Menschen haben in diesen Minuten eine Petition gegen eine Kolumne in der Bild-Zeitung unterschrieben. In der change.org-Aktion “Absetzung der Kolumne Post von Wagner” wird Bild-Chef Kai Diekmann aufgefordert, den Chefkolumnisten des Springer-Verlags nicht mehr schreiben zu lassen. In der Begründung heißt es mit Blick auf Wagners Kolumne nach dem Flugzeugabsturz am 24. März:

Diese Form der Berichterstattung hat nichts mehr mit Journalismus, sondern nur noch mit Zynismus zu tun. (…) Seine Zeilen sind pietätlos und dumm und haben mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun.

Es ist zweieinhalb Monate her als nach dem Terroranschlag von Paris eine kleine Debatte über den Wert der Pressefreiheit geführt wurde. Hier im Blog zitierte ich damals Rosa Luxemburg, die den Ausspruch prägte: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden”.

Vor dem Hintergrund der öffentlichen Reaktionen auf die Meldung aus den französischen Alpen muss man Luxemburgs Satz vermutlich anders formulieren: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersschmeckenden.” Denn ob man Wagners Worte für pietätlos oder seriösen Journalismus hält, ist natürlich genau das: eine Geschmacksfrage. Wenn 25.000 Menschen wegen dieser Geschmacksfrage von seinem Chefredakteur fordern, dass er nicht mehr schreiben soll, empfinde ich das als Angriff auf die Pressefreiheit. Eine Welt, in der Geschmack über das Recht entscheidet, “seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten”, ist eine schlechtere Welt – das sollte man alljenen sagen, die nun aus vermutlich guten Motiven diese Petition unterzeichnen und auf Facebook und Twitter darum werben, es ihnen gleichzutun.

Im Januar schrieb ich, “dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.” Und Franz-Josef Wagner fordert genau diese Fähigkeit heraus!

Kommentare 0

Journalismus im Zeitalter des ‘open web’

Digital bedeutet nicht, eine Geschichte ins Netz zu stellen. Es geht um einen grundlegend neuen Entwurf unseres Verhältnisses zum Publikum und unserer Rolle in der Gesellschaft.

Beim Guardian ist eine neue Chefredakteurin bestellt worden: Katharina Viner wird künftig des Geschicke der britischen Tageszeitung führen, die schon lange ein digitales Medienhaus ist.

Der Freitag (der Syndication-Partner des Guardian ist) hat aus diesem Grund eine Rede von Viner aus dem Jahr 2013 übersetzt und dieser Tage ins Netz gestellt, die einen Blick auf den digitalen Wandel wirft, den ich beachtenswert finde: Der Aufstieg des Lesers ist eine Analyse der Veränderungen, die den Beruf des Journalisten treffen werden. Der Text ist bereits anderthalb Jahre alt, was ihn allerdings noch beeindruckender macht.

Die Offenheit hat für Journalisten viele Vorteile. Voraussetzung ist aber, dass man ein Teil des Ökosystems Internet ist und nicht bloß versucht, sich daraufzusetzen. Dass man sich also der Architektur, der Psychologie, den Gepflogenheiten des Netzes anpasst, anstatt ihm die Struktur einer Zeitung überzustülpen. (…) Wir haben das Privileg, in dieser Ära des Umbruchs zu leben, das Privileg, einen neuen Journalismus für ein neues Zeitalter mitentwickeln zu können. Lasst uns also ein Teil des Ökosystems Internet werden. Lasst uns bewährte journalistische Verfahren mit neuen Wegen kombinieren, um Geschichten zu finden und zu erzählen. Lasst uns offen sein, und lasst uns die Leute, die früher Publikum genannt wurden, in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen. Lasst uns Elite und Straße verbinden.

via

Neue journalistische Leitung beim Guardian

Beim Guardian wird gerade die Position des Chefredakteurs neu besetzt. Alan Rusbridger (dem ich seit kurzem mit großer Begeisterung auf Instagram folge) wechselte im Dezember in die Rolle “Chair of the Scott Trust” – und macht den Platz des Chefredakteurs frei.

Auf der Seite gonuj.org/public/ballot/candidates stellen sich die vier Kandidatinnen/Kandidat für seine Nachfolge vor. Und völlig unabhängig davon, wer am Ende die journalistische Leitung beim Guardian übernehmen wird, sollte man die vier Bewerbungstexte lesen – denn sie sagen sehr viel über den Stand und den Wandel des (digitalen) Journalismus im Jahr 2015.

guardian_CR

Ich habe ein paar Stellen markiert, die ich bemerkenswert finde. In allen vier Texten findet sich der Hinweis auf den technischen Wandel des Berufs, auf die notwendige Zusammenarbeit zwischen Verlag und Redaktion, zwischen Journalisten und Codern sowie auf eine neue Konferenz- und Arbeitsstruktur. Erstaunlich ebenfalls: Alle vier Texte handeln ebenso stark von der Arbeit eines Chefredakteurs wie von der Arbeit eines Redaktions-Managers.

Emily Bell schreibt:

The Guardian needs to be at the cutting edge of journalistic innovation, and to that means there has to be a closer link between editorial and product development. Our success in the future will be determined in part by how well we understand web technologies and integrate them into our reporting. We need to make smart decisions about which tools and platforms to develop, and make recruitment of the world’s best editorial technologists a priority.

Janinen Gibson:

My vision for the future of GNM is rooted in our history, my experience as a reporter and editor and the conversations I’ve had with hundreds of colleagues and peers around the world. It’s based on three core beliefs:

… Our role is more than ever to challenge the powerful on behalf of the powerless; we are best when brave.
…. Our commitment to deep reporting in service of this role will make us distinctive and sustainable in perpetuity.
… Our principle of openness should guide our decision making as well as our journalism.

Everyone – moderators to developers – should feel able to contribute to what we make, how we think, how we run ourselves, and more. We’ve always been a journalists’ paper. Expanding what makes a journalist is part of our future.

Katharine Viner:

Journalism and technology have merged. To produce and deliver journalism that is relevant today, we need a close relationship between editorial, product and engineers, developing stories together, working out what to do about mobile, loyalty, data; plus a super-charged approach to helping readers find our journalism.
(…)
New techniques mean readers can share expertise, help us find stories and make decisions. We host big communities and engaging conversations, whether below the line, with our professional audiences such as teachers, or between Guardian members at live events — we should build on these relationships and invite readers into our journalism at an early stage.


Wolfgang Blau
:

Print journalism as a genre will not disappear and we will need print expertise for many years to come. Especially our three weekly newspapers – the Saturday Guardian, The Observer and also The Guardian Weekly – absolutely can and should have a long and very successful future. The road ahead for our Monday to Friday newspaper is less clear, though. (…) When the Guardian was founded in 1821, it was a weekly newspaper for the first 15 years, then it added a Wednesday edition and only 34 years after its founding became a daily newspaper. (…)
The Guardian needs more editorial management and structure, not for the sake of efficiency, but to nurture creativity. (…) It is essential that we integrate our developers, data scientists and strategists into our newsrooms and have a mutually respectful and collaborative relationship with the CEO and our colleagues in the commercial teams.


Alle Hintergründe zum Ablauf der Wahl des neuen Chefredakteurs beim Guardian

YouTube, Gema und das neue Blur-Video

Der Kollege Simon Hurtz hat am Wochenende lesenswert beschrieben, wie Facebook (und z.T. Twitter) im Videomarkt den Platzhirschen YouTube angreifen wollen. “Facebook sägt an YouTubes Thron” bestätigt eine These, die spätestens seit der IcebucketChallenge offensichtlich ist: Facebook will Videos abspielen.

Am Beispiel des aktuellen Blur-Videos kann man sehen, wie der ungelöste YouTube-Gema-Streit in Deutschland zum Verbündeten von Facebook wird – nämlich so:

Bei YouTube:

Blur_YOUTUBE

Bei Facebook:

#odd15: Daten sind das Betriebssystem der Gesellschaft

Der kommende Samstag wird welweit als Open-Data-Day begangen. In München gibt es einen Hackathon in den Räumen der Landeshauptstadt München (Marsstraße 22, Raum 601)

HIER KANN MAN SICH KOSTENLOS ANMELDEN

Ziel des Open-Data-Days ist es, “die Bekanntheit von Open Data zu steigern, weitere Daten zu öffnen und zu zeigen, welches Potenzial in offenen Daten steckt.”

Ich bin eingeladen, den Hackathon mit einem kurzen Impuls zu eröffnen. Um zu zeigen, wie weitreichend die Idee von Open Data ist (und dass diese keineswegs nur mit Programmierkenntnissen oder eckigen Klammern zusammenhängt), habe ich mich entschlossen, die Grundideen meines Vortrags hier offenzulegen — und um Kommentare zu bitten.

“Daten sind das Betriebssystem der Gesellschaft”

Urheberrecht 2.0: Diek- und Böhmermann gehen voran

Die kleine Debatte um das Bild aus Rostock, dessen unrechtmäßig Verwendung, die folgende Abmahnung und den Remix bekommt eine weitere Episode. Auf Twitter hat Kai Diekmann heute früh offen gelegt, dass auch er abgemaht wurde, für die Nutzung des Fotos:

Das ist deshalb erstaunlich, weil ich es als Beweis für die vergangene Woche aufgestellt These lese, dass die Möglichkeiten dessen, was man digital machen kann und die Kenntnis darüber was das Urheberrecht erlaubt, zuweit auseinander liegen: Die gesellschaftliche Debatte über eine Neuausgestaltung des Urheberrechts muss diesen Graben überwinden und alle Bereich der Gesellschaft einbeziehen. Insofern gehen Diek- und Böhmermann (der sich übrigens gerade nochmal auf FB geäußert hat) hier mit gutem Beispiel voran, in dem sie ihre eigene Unfähigkeit Unkenntnis im Umgang mit dem Urheberrecht offenlegen.

Bei Netzpolitik gibt es einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Debatte – mit Links auf den Gastbeitrag von Martin Langer, auf Felix Schwenzel, Robert Basic und irights.


PS: Es scheint übrigens geboten, darauf hinzuweisen, dass eine Auseinandersetzung über eine Reform des Urheberrechts nicht auf dem Rücken des Fotografen Martin Langer geführt werden sollte. Ihn anzugehen oder zu bedrohen, ist Schwachsinn!

Nachtrag zur Urheberrechts-Debatte: Böhmermann und die Bilder

Dieser Post ist ein Nachtrag zu diesem Eintrag vom Samstag

Seit Jan Böhmermann in der vergangenen Woche öffentlich machte, dass er wegen eines Urheberrechtsbruchs abgemahnt wurde, ist eine kleine Debatte um die Verwendung urheberrechtlich geschützer Bilder im Netz entstanden. Das freut mich, weil ich davon überzeugt bin, dass wir übers Urheberrecht und seine Anwendung reden müssen, damit Menschen Einsicht nehmen in dieses Gesetz. Denn das Urheberrecht ist immer nur so gut, wie seine Akzeptanz in der Bevölkerung.

Ich betone das hier nochmal, weil ich von unterschiedlicher Seite auf die Debatte angesprochen wurde und weil sich einige Blogeinträge darauf beziehen. Mir geht es nicht darum, die Ansprüche von Martin Langer in Frage zu stellen. Auch ist mir bewusst, dass wir ein Urheberrecht haben, an das sich auch Jan Böhmermann halten muss. Dass er abgemahnt wurde, beweist ja genau dies. Mir geht es um eine Frage, die über den konkreten Fall hinausweist. Mir geht es darum, dass im Netz plötzlich jeder urheberrechtlich geschützte Werke verbreiten kann – und das auch tut. Mir geht es darum, dass wir mit einer technischen Veränderung konfrontiert sind, auf die das Gesetz reagieren muss. Und nein: Mir reicht es nicht zu sagen: Böhmermann muss sich an das Urheberrecht halten. Das stellt niemand in Frage.

Ich frage mich: Warum halten sich so wenige Menschen dran? Vielleicht weil das Gesetz sich immer weiter von der Lebensrealität der Menschen entfernt hat. Wenn das Gesetz darauf nicht reagiert, wird seine Legitimation immer weiter schwinden – sehr zum Schaden der Urheber und Verwerter. Wenn wir diesen abwenden wollen, müssen wir also über eine Reform des Urheberrechts sprechen. In den Kommentaren bei netzpolitik hat Till Frank das so formuliert:

(…) ein (zugegebenermaßen etwas schiefer) Vergleich: Im Straßenverkehr gibt es klare Regeln. Trotzdem halten sich die meisten nicht (exakt) daran, sondern passen ihr Verhalten den Umständen an. Auch, weil sie wissen, daß nicht überall kontrolliert werden kann – und “die anderen es doch auch machen”. Es ist dann aber auch gesellschaftlich akzeptiert, bei einem Vergehen je nach Schwere sanktioniert zu werden – von den 5€ Bußgeld für falsches Parken bis zu mehreren hundert € + Fahrverbot für schwere Verstöße. Analog dazu könnten vermutlich viele auch damit leben, wenn Nutzungsverstöße ähnlich geahndet werden würden (bsp. 20€ für ein Twitter-Foto, 40 für FB etc. bis zu schwereren Strafen bei gewerblicher Nutzung). Aber für eine Abmahnung über 1000€ für einen Tweet hat keiner Verständnis. (…)

Und bei all dem geht es übrigens gar nicht um Jan Böhmermann – und auch nicht darum, dass ich Belehrungen von Hobby-Juristen brauche. Es geht darum, dass ein zukunftsfähiges Urheberrecht nur ein solches ist, das die Menschen auch verstehen und für einsichtig halten. Das habe ich wiederholt an anderer Stelle (u.a. sogar hier) gesagt.

Vielleicht bringt uns diese Debatte einen Schritt näher dorthin!

Update: Jan Böhmermann hat mit Hilfe von William Cohen übrigens auch einen Nachtrag zur Debatte produziert. Da ich mich für Referenzen und Kopien begeistern kann, gefällt mir das natürlich


Mehr auch bei Nerdcore

Speaker-Liste auf Twitter

speaker Ich glaube, Profilagentin Kixka ist schuld. Sie twitterte vergangene Woche eine Twitter-Liste, die ich schon im vergangene Jahr anlegte: Unter twitter.com/dvg/lists/speaker/members versammle ich Twitter-Accounts von Digitalexpertinnen. Gedacht ist diese Liste als Inspirationsquelle für Veranstalterinnen und Veranstalter, die für ihre Podien keine weiblichen Gäste finde. Wenn ich für Veranstaltungen angefragt werde, gebe ich die Liste gerne weiter. Dass sie öffentlich wurde, ist mir natürlich nicht unrecht – es war aber nicht so geplant.

Wer Vorschläge und Empfehlungen für weibliche Podiengäste hat, die auf diese Liste gehören: einfach @dvg antwittern!

Reden wir übers Urheberrecht

Wer hätte gedacht, dass das Bild des urinierten Jogginghosen-Trägers, den Martin Langer 1992 in Rostock beim Hitlergruss fotografierte, mal zum Anlass für eine neue Debatte übers Urheberrecht werden könnte. Die Chance sehe ich jedenfalls in der kleinen Auseinandersetzung, die sich gerade um die Verwendung des Fotos entzündet hat.

Jan Böhmermann hatte es getwittert und wurde anschließend von einer Kanzlei im Auftrag des Fotografen abgemahnt. Das jedenfalls erzählt er in einem ausführlichen Facebook-Post.

Halb-, Voll- und Hobby-Juristen fühlen sich seitdem berufen, Jan Böhmermann öffentliche Nachhilfestunden in Sachen Urheberrecht zu geben: “Gerade ein Medienmensch wie Böhmermann sollte doch wissen, dass das Urheberrecht auch im Internet gilt“, doziert ein Abendblatt-Autor. Das ist fein gesagt, hilft aber natürlich überhaupt nicht. Denn die Chance, die sich durch diese Debatte ergibt, liegt ja gerade darin, dass Jan Böhmermann sein Unverständnis und Nicht-Verstehen um Urheberrechts-Gesetzestext und Realität im Netz offenlegt.

Um es im Duktus des Abendblatts zu sagen: Wenn sogar ein Medienmensch wie Böhmermann nicht mehr richtig durchsteigt, was geht und was erlaubt ist, sollten wir vielleicht mal über die Ausgestaltung des Urheberrechts sprechen – statt einfach nur darauf hinzuweisen, dass es existiert.

Vielleicht lädt Böhmermann demnächst einfach mal Julia Reda ein – und womöglich kommt dann auch Sven Regener, der hat ja seit 2012 noch sein Engagement für eine konstruktive Lösung offen.


Update:
bei Netzpolitik hat sich Leonhard Dobusch die Mühe gemacht, auszuformulieren, was ich mit dem Link auf den Regener-Brief nur angedeutet habe. Er hat ausformuliert, wie eine urheberrechtliche Lösung für den Böhmermann-Fall aussehen könnte:

Für derartige Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken in sozialen Netzwerken braucht es eine spezifischere – und zweifellos pauschalvergütete – Ausnahmebestimmung in Form einer Bagatellschranke. Anbieter von sozialen Netzwerken würden dadurch zur Zahlung einer pauschalen Vergütung dafür verpflichtet, dass es im Rahmen der gewöhnlichen Nutzung ihrer Dienste ständig – und unvermeidbar – zur nicht-autorisierten Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte kommt. Die Verteilung dieser Vergütung würde wie in solchen Fällen üblich durch Verwertungsgesellschaften erfolgen.

Update 2: Ich habe einen Nachtrag gebloggt.