Wenn Dummheit erblich ist …

Politik | 30. August 2010

Die Thesen, die Thilo Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab” und in einer Fülle von Interviews seit vergangener Woche ausbreitet, sind derart haarsträubend dämlich, dass sich eine sachliche Auseinandersetzung schier verbietet. Man könnte sich also ironisch auf die Feststellung zurückziehen, dass Sarrazin, sollte Dummheit tatsächlich vererbbar sein, wenigstens kein Vorwurf zu machen ist.

Robert Misik tut dies im Fall Fall Sarazin nicht, sondern erläutert lesenswert, was das Problem mit dessen Thesen und der Aufmerksamkeit ist, die ihm zuteil wird.

Herrn Sarrazins Thesen sind verwirrt, hochnäsig, verletzend, gespickt mit verächtlichen Formulierungen und Ausdruck bizarrer Respektlosigkeit der Eliten gegenüber den „Losern”. Der Mann ist auf eine Weise eingebildet, die eigentlich schallendes Gelächter provozieren müsste. Alleine der Vorwurf an die Unterprivilegierten, sie würden faul von Staatsknete leben und überhaupt keinen Antrieb haben, sich im Wirbelwind des freien Wirtschaftslebens zu behaupten, ist zum Schreien komisch aus dem Mund eines Mannes, der sein gesamtes Leben lang in der staatlichen und staatsnahen Wirtschaft verbrachte und seine gesamte berufliche Karriere – von Ministerium bis Bahn bis Finanzsenatorenamt bis zur Bundesbank – dem Segeln auf einem Parteiticket verdankt.

Wenn Werbung kopiert…

Netz, Politik, Pop | 26. August 2010

Ich hatte mich schon gefragt, warum ein Mann in einem Versicherungsspot mit einem völlig antiquierten Kopfhörer Musik hören muss. Hier ist die Antwort:

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Berliner Termine

Netz, Politik, Pop | 26. August 2010

Berlin, du hast es besser. Berlin, du hast Zeit zum Diskutieren. Deshalb hier zwei Berliner Termin-Hinweise für Anfang September:

Im Rahmen des spannenden Symposiums Verbotene Filme (8. bis 10. September) gibt es einen interessanten Mash-Up-Themenabend.

Und im Rahmen der all2gether now gibt es in der Woche zuvor (6. September) ein spannendes Streitgespräch zwischen Sascho Lobo und Marcel Weiss – das wohl ausgelöst wurde von einer Debatte Anfang Juni, an der ich mich auch beteiligt habe. Es ging um das (hier schon häufiger thematisierte) Diebstahl-Dilemma und die Frage, ob man digitale Inhalte stehlen kann.

Im Ankündigungs-Text tritt diese Frage allerdings etwas zurück hinter die (sehr simple) Zuspitzung

Sind Filesharer Egoisten oder die Vorhut der Zukunft? Was genau bedeutet Filesharing für die Musikindustrie? Kann man es unterbinden und zum Tagesgeschäft zurückkehren oder verändert sich das Musikgeschäft grundlegend?

Mashup als democratic discourse

Allgemein, Netz, Politik | 29. Juli 2010

Brett Gaylor, der Filmmacher von RIP: A remix Manifesto hat im April vor dem kanadischen Parlament über die Veränderungen des Urheberrechts gesprochen:

I believe that this creative reuse, re-expression, and re-contextualization of culture using digital technology to be an important skill for today’s generations of Canadians. It is an expression of a media-literate citizenry that has grown up with a medium that is not top-down, consumer-centric, or one-way, like television or radio. It is a two-way, participatory, interactive medium. Websites like Wikipedia and YouTube, and creative audiovisual works that combine or “mash up” the media landscape, are examples of the kind of democratic discourse we ought to celebrate in today’s youth. But our laws criminalize and prevent it. Whether or not you agree with my position on copyright reform, I think all parties should know that there is an economic argument for reform in copyright, and in particular, in fair dealing.

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The Notorius XX

Netz, Politik, Pop | 27. Juli 2010

Schön: Bei Consequence of Sound wird ein The xx & Notorious B.I.G. mashup vorgestellt, das mir Spaß macht: The notorius xx


the notorious xx by wait what

Kopierschutz für Daten

Netz, Politik | 13. Juli 2010

Wir bräuchten einen Ehrenkodex, eine Art Knigge für das Internet, zehn goldene Regeln – kurz, knapp und klar.

Ilse Aigner (die Facebook-Aussteigerin) spricht im Interview mit der Welt über Regeln fürs digitale Zeitalter und schlägt dafür auch technische Lösungen vor:

Es geht darum, technische Lösungen zu entwickeln, um das Vertrauen der Verbraucher in soziale Netzwerke, Suchmaschinen oder auch den Online-Handel zu stärken. Wie lassen sich Daten mit einem Kopierschutz versehen? Wie kann ich als Nutzer meine Daten im Netz kontrollieren? Wie kann ich meine Daten mit einem elektronischen Radiergummi auch wieder löschen oder mit einem Verfallsdatum versehen? Wir wollen in diesem Bereich Innovation anstoßen und finanziell fördern.

Die Moral von der digitalen Kopie

Netz, Politik | 9. Juli 2010

Hey, da läuft ja gerade tatsächlich eine äußerst interessante und lebhafte Debatte über die Frage von Filesharing und Moral. Ausgelöst von der scheinbar nur begrifflichen Wortspalterei um die Bezeichnung “Contentdiebstahlhilfe” haben Sascha und Marcel ein paar schöne Ballwechsel gespielt. Da will ich mich gar nicht weiter einmischen, weil Marcels wirtschaftliche Argumente von Sascha nur schwer zu retounieren sind – und selbst wenn: die Debatte über Sinn oder Schaden von Filesharing und den angenommenen Umsatzverlust, der in so genannten Brennerstudien dokumentiert wird, hat bereits gezeigt, dass am Ende Marcel den Punkt machen wird.

Ich würde aber gerne einen Aspekt ergänzen, den mspro bereits treffend getwittert hat: Sascha klammert die digitale Kopie und ihre Folgen aus. Das sehe ich genauso und würde die Frage gerne von dem etwas verkürzenden Begriff des Filesharings (der ja vor allem auf die Nutzung von Tauschbörsen angewendet wird) auf die allgemeinere Ebene der digitalen Kopie heben. Denn natürlich geht es nicht nur darum, ob der “metaphorische 15-Jährige” (wie Sascha ihn nennt) Musik in P2P-Netzwerken tauscht (mal abgesehen davon, dass die Debatte sich ja offenbar auf den Bereich der One-Click-Hoster zu verschieben scheint). Denn diese Netzwerke gibt es ja auch ganz analog auf Schulhöfen, in Uni-Seminaren und vermutlich sogar Betriebskantinen, wo externe Festplatten getauscht werden. Menschen tun dort etwas, was unfassbar einfach geworden ist: Sie erstellen digitale Kopien. Und diese sind (das Blumenbeispiel zeigt es) eine geschichtliche Unverschämtheit, sie erstellen identische Duplikate. Sie schaden dem Original nicht und sind als Vervielfältigungsstück (wie das UrhG Kopien nennt) nicht mehr zu unterscheiden.

Aus dieser historisch neuen Situation erwächst mein Wunsch, die Begriffe sauber auseinander zu halten. Denn mit der Bezeichnung Diebstahl für diesen Vorgang wird eine moralische Komponente in die Debatte gebracht, die juristisch nicht haltbar ist – und die zudem unsere Vorstellung von sozialem Austausch auf den Kopf stellt.

Nehmen wir an, Sascha und Marcel treffen sich im echten Leben und Marcel würde Sascha dessen Bitte, ihm einen Zeitungsartikel per Mail weiterzuleiten, mit dem Verweis abschlagen, dies sei Diebstahl. Sascha würde Marcel für wunderlich halten. Eine Leistung, die für Marcel ohne Kosten und Aufwand möglich ist, zu verweigern, erscheint uns als unsozial. Das wäre so, als würde Marcel den Sitzplatz in der U-Bahn erst dann für Sascha freiräumen, wenn er auch sicher ist, dass dieser einen gültigen Fahrschein besitzt. (Wer weitere Beispiele von zufällig mitgehörter Musik oder unerlaubt gelesener Schlagzeilen sucht, soll bitte bei David Weinberger nachlesen). Es mag Menschen geben, die so agieren. Deren Prinzipien zum Maßstab gesellschaftlichen Handelns zu machen, erscheint mir allerdings absurd.

Genau das tun wir aber, wenn wir von Diebstahl sprechen. Wir übertragen Begriffe und Metaphern, die wir aus der analogen Welt kennen, auf den digitalen Raum. Und blenden dabei aus, dass dort andere Gegebenheiten herrschen – nämlich die digitale Kopie. Um deren Folgen für die Gesellschaft, den freien Meinungsaustausch und die Kulturproduktion einschätzen zu können, müssen wir sie aber verstehen. Wir müssen verstehen, dass die Kriterien der Verknappung nicht gelten, wenn eine Datei, ein Song, ein Film ohne Kosten vervielfältigt werden kann – und zwar identisch, so dass Vorlage und Kopie nicht mehr zu unterscheiden sind.

Der Jurist Urs Gasser hat im Interview, das ich mit ihm für jetzt.de führte, darauf hingewiesen, dass sich dadurch ein nicht unproblematischer moralischer Graben auftut:

Das Internet hat in der Art, wie es genutzt wird, eine Norm des Teilens entfacht, die gesellschaftlich auch sanktioniert ist. Wir lehren unseren Kindern ja auch, dass sie teilen sollen. Denn das Teilen gilt als etwas Gutes. Und im Internet ist es technisch sogar noch sehr viel einfacher. Wenn ich einem Freund einen Song kopiere, hat er ihn und ich habe ihn auch. Das stärkt also die Form des Teilens und das ist zunächst erstmal etwas Gutes.

Wenn man jetzt dieses Teilen von urheberrechtlich geschützten Werken pauschal (und juristisch falsch) als Diebstahl bezeichnet, erweist man dem ja richtigen Ziel, ein Modell gegen vergütungsfreie Nutzung zu finden, einen Bärendienst. Denn zum einen befördert man damit eine Legitimationskrise des Urheberrechts und zum anderen hilft man dabei, den digitalen Graben in der Gesellschaft weiter auszuheben. Denn diejenigen, die im digitalen Raum leben, wundern sich über die, die die Rede vom Diebstahl führen – und nehmen sie langfristig nicht mehr ernst.

Man könnte darüberhinaus noch jede Menge mehr über das Konzept des geistigen Eigentums sagen, dazu sei aber an dieser Stelle auf Thomas Stadler verwiesen, der interessante Anmerkungen notiert hat. Und wie so oft gilt auch hier: am besten lässt sich der Verlauf der Debatte über Rivva verfolgen.

So lange wir von Diebstahl sprechen …

Netz, Politik | 8. Juli 2010

Kurzer Nachtrag zur Diebstahl-Debatte der vergangenen Tage. Sascha Lobo hatte in einem Text von The Pirate Bay als “Contentdiebstahlhilfe” geschrieben. Irritierender Weise wie ich finde. Marcel Weiss weist jetzt darauf hin, dass er auch in seinen Kommentaren auf diese begriffliche Ungenauigkeit reagiert.

Die Volljährigen, die in schöner Newspeak-Tradition nicht wollen, dass die illegale Nutzung fremder Leute Inhalte “Diebstahl” heisst, müssen sich noch etwas gedulden: ich schreibe demnächst einen Artikel, weshalb ich die Musikindustrie (in großen Teilen) ebenso bescheuert finde wie die egoistischen illegalen Downloader.

Das finde ich deshalb bemerkens- und notierenswert, weil in der Reaktion ein erstaunliches Muster offenkundig wird, das mir häufig bei vergleichbaren Diskussionen begegnet: Erstens wird unterstellt, mit dem Hinweis darauf, dass Diebstahl der falsche Begriff ist, wolle man die vergütungsfreie Nutzung rechtfertigen. Das ist nicht der Fall. Ich halte die vergütungsfreie Nutzung aus unterschiedlichen Gründen für ungut. Ich glaube aber, dass man ihr nur konstruktiv begegnen wird, wenn man Begriffe findet, die sie angemessen zu beschreiben. Dass Diebstahl dafür nicht geeignet ist, wurde bereits an unterschiedlichen Stellen dargelegt.

Zweitens wird quasi im gleichen Atemzug die Musikindustrie als Feind (hier in der Ausprägung “bescheuert”) benannt. Ich finde die Musikindustrie nicht bescheuert. Sie ist auch nicht mein Feind (so lange sie mich nicht in meinen Grundrechten beschneiden möchte). Was ich aber merkwürdig finde, ist die Unfähigkeit, die Veränderungen der Digitalisierung zu akzeptieren – und stattdessen in ein ebenso wenig konstruktives Freund-Feind-Denken zu verfallen.

Ein dritter Teil des Musters ist in den Kommentaren unter Marcel Weiss’ Text nachzulesen. Dort wird das Eintreten für begriffliche Genauigkeit als Wortspalterei abgetan, die nichts daran ändert,

dass die Person, die am Ende des Fließbands sitzt, um ihren verdienten Lohn gebracht wird.

Dabei handelt es sich um eine Abwandlung der ersten Unterstellung. Allerdings mit dem interessanten Dreh, denjenigen, die für begriffliche Genauigkeit eintreten quasi indirekt eine Mitschuld daran zu geben, dass “verdienter Lohn” nicht gezahlt wird.

Ich glaube, dass die aktuelle Debatte nicht wirklich zu einem Ziel führt. Man wird sie auch nicht fortführen müssen. Man kann aber ein interessantes Muster daran ablesen. Deshalb habe ich es hier notiert. (Erstaunlich ist übrigens, dass sich die Debatte ausgerechnet an einem Artikel über Flattr entzündete, einem Dienst, der zumindest den Versuch unternimmt, ein dem digitalen Raum angepasstes Modell zu entwickeln. Dazu empfiehlt sich übrigens die Lektüre von Ronnie Grobs Entgegnung Mein Hut, der hat drei Cents)

Zum Abschluss noch die inhaltliche Einordnung der Diebstahl-Frage: Eben weil ich die vergütungsfreie Nutzung von Inhalten im Netz nicht gut finde, lehne ich die Rede vom Diebstahl ab. Eben weil ich will, dass die Person am Ende des Fließbands ihren verdienten Lohn erhält, halte ich es für notwendig, die Realität im digitalen Raum angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Denn das dringend erforderlich Ziel muss es sein, neue Modelle zu entwickeln und das Urheberrecht nutzerfreundlicher zu gestalten. So lange wir von Diebstahl sprechen, werden wir die Folgen der Digitalisierung nicht verstehen, geschweige denn gestalten können.

Update 8. Juli 15 Uhr: Sascha hat jetzt seinerseits wieder einen Text zum Thema verfasst, den ich direkt dort kommentiert habe.

Update: 8. Juli 18 Uhr: Marcel hat nach Äußerungen in den Kommentaren auf neunetz.com eine lesenswerte Replik geschrieben.

Update: 9. Juli 10.30 Uhr: Meine Antwort zur moralischen Frage

Deutschland der Deutschen

Politik, Pop, Sport | 7. Juli 2010

Es geht wieder los
Sie singen ihr Lied
Unschuldig wie einst ihre Ahnen
Bemalte Gesichter beseelt vom Gefühl
dass man die Vergangenheit los ist

Aus dem Song Deutschland der Deutschen von Blumfeld aus dem Jahr 2007.

Wenn wir von Diebstahl sprechen …

Netz, Politik | 5. Juli 2010

Sascha Lobo hat heute in seinem Blog dargelegt, warum ich nicht flattre. Ein interessanter Text ist das geworden, der spannende Fragen rund um die Geschenkökonomie und die Idee von Peter Sunde behandelt. Zu den fünf Gründen, die Sascha gegen Flattr auflistet, zählt auch der Punkt “Gründer”. Darin kritisiert er …

… die arrogante, pubertäre, selbstgerechte Art, wie The Pirate Bay und damit auch Flattr-Gründer Peter Sunde sich einen Dreck um alle anderen inklusive der Musiker und Filmschaffenden geschert hat und damit mutmaßlich auch noch selbst Geld verdient hat, die stösst mir übel auf (selbst, wenn sie ein bisschen lustig ist).

… und kommt deshalb zu folgender Einschätzung:

Flattr erscheint mir unter anderem als Feigenblättchen eines Menschen, dem seine Rolle der Contentdiebstahlbeihilfe etwas unangenehm geworden ist.

An diesem Satz finde ich zwei Punkte bemerkenswert: Zum einen wäre doch, wenn man das Feigenblatt-Argument akzeptiert, die Wandlung des Peter Sunde begrüßens- und unterstützenswert. Und zum anderen – und das verwundert mich dann doch – schreibt der Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und Markenkommunikation tatsächlich von “Diebstahl”. Verwundert bin ich darüber nicht, weil ich Sundes Schaffen bei The Pirate Bay rechtfertigen wollen würde. Ich finde erstaunlich, dass selbst Sascha Lobo offenbar die bereits erwähnten sprachlichen Probleme mit der Digitalisierung teilt und in die falsche Rede vom Diebstahl einstimmt.

Nein, das heißt nicht, dass ich es richtig finde, wenn im digitalen Raum vergütungsfrei geistige Schöpfungen konsumiert werden. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die Digitalisierung das Urheberrecht vor große Herausforderungen stellt. Diesen wird man aber solange nicht angemessen begegnen können, wie man sie sprachlich nicht greifen kann. Und die Rede vom Diebstahl ist aus vielen Gründen nicht zielführend.

Eine der lesenswerteren Begründungen dafür stammt von David Weinberger. Auf seine 20 things I’ve stolen möchte ich aus aktuellem Anlass nochmal verweisen. Besonders schön ist Punkt 14. Dabei geht es um Fahrkarten-Diebstahl:

I placed a bag on the seat next to me on the subway.

P.S.: Beim Thema Flattr bin ich übrigens ganz nah an Saschas Argumentation. Habe meinen kleinen Flattr-Versuch hier auch abgebrochen.

Update: Hier kann man übrigens verfolgen, wie die Debatte weitergeht.


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