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Social Media Gelassenheit (Digitale Januar Notizen)

Der folgende Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“. In der vollständigen Version ist auch die Herkunft des unten stehenden Bildes erläutert. Hier kostenlos abonnieren!

Dieser Januar 2016 reichte von der Terrorwarnung in der Silvesternacht in München über das, was zu gleicher Zeit am Kölner Hauptbahnhof geschah bis vor das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Bei allen drei Folge-Debatten spürte ich die Sehnsucht nach dem Shruggie
¯\_(ツ)_/¯

Regelmäßige Leser der Digitalen Notizen kennen meine Sympathie für das Schulterzucken. In diesem Monat aber wünschte ich mir den Shruggie wegen seiner Distanziertheit. Wegen einer Haltung, die ich als (Social-Media-)Gelassenheit beschreiben würde – und die wir allesamt erst lernen müssen.

Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen Wochen darüber, wie man mit dem heißlaufenden Meinungsmotor auf Facebook, Twitter und in klassischen Medien umgehen könne – gelegentlich auch Gutes. Stets rieten die Autor*innen dann auf die eine oder andere Weise zu Mäßigung, zu Distanz und zu Gelassenheit.

Das klingt sehr banal, wenn es liest, ohne dass der Meinungsmotor läuft. Wenn er aber anspringt, wird es enorm schwierig, sich daran zu halten. Deshalb lohnt es sich, sich in ruhigen Zeiten einen Kühlungsmechanismus vorzubereiten. In den Social-Media-Seminaren, die ich gelegentlich gebe, rate ich Community-Managern gerne, ihre Antwortposts auf ärgerliche Foreneinträge oder Leserbriefe vor dem Abschicken laut dem Zimmernachbarn vorzulesen: laut, langsam und deutlich.

Denn das laute Lesen hilft nicht nur, Rechtschreibfehler zu entdecken, es ist auch eine wunderbare Distanzierungs- und Mäßigungsmaschine. Auch Aufstehen, Toilettenbesuche oder Seilspringen sind taugliche Mittel, um sich dem Sog der Debatte zu entziehen und den eigenen Ton zu mäßigen. In einem Jahr (vermutlich sogar schon in einer Woche) wird sich keiner mehr richtig dafür interessieren, was sich in dieser Sekunde anfühlt wie das wichtigste, ärgerlichste oder erfreulichste Thema der (Web-)Welt.

Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen nennt den Reflex, der in derartigen Situationen einsetzt "kommentierenden Sofortismus" und erklärt "Damit meine ich – im Angesicht oft unsicherer, aber sofort verfügbarer Informationen – die Ad-hoc-Interpretation mit maximalem Wahrheitsfuror." Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

Der Shruggie (in mir) rät deshalb:
Es ist nie falsch, erstmal digital gelassen zu bleiben, wenn….

… man emotional berührt ist und dringend etwas veröffentlichen will.
… man was Doofes im Internet liest.
… jemand Links aufs etwas unfassbar Doofes postet.
… ein Nazi Nazisachen postet.
… jemand, den man vorher nicht als Nazi kannte, Nazisachen postet.
… ein Tier in einem blöden Witzfilmchen nicht 100 Prozent artgerecht behandelt wird.
… man etwas liest, was super richtig ist und endlich mal gesagt werden musste.
… Till Schweiger oder ein anderer Facebook-Prominenter sich zu Wort meldet (ja, das gilt auch für Jan Böhmermann)
.
… die Freundin eines Bekannten einem entfernten Facebook-Freund eine Schauergeschichte erzählt hat, die dieser wiederum als Wahrheit postet.
… es jetzt aber echt mal sein muss.

Das heißt alles nicht, dass man diejenigen Punkte, die man in dieser Liste für Fehlverhalten hält, unkommentiert hinnehmen muss. Man kann sich an die Seitenbetreiber wenden, Beiträge melden, Nutzer sperren lassen und sogar bei der Polizei Anzeige erstattet, wenn dies angebracht ist. Und selbstverständlich kann man und soll man auch online diskutieren, Links posten und teilen. Nach diesem Monat bin ich jedoch davon überzeugt: Die Diskussion wäre in keiner einzigen Kommentarspalte und in keinem einzigen Facebookthread schlechter gewesen, wenn sie gelassener geführt worden wäre!
 

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen

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Was wir meinen wenn wir voreilig über Infoflut sprechen

In der Dezember-Ausgabe von Brand eins gibt es ein Interview mit dem italienischen Physiker Carlo Rovelli. Darin wird er auch zur so genannten Info-Flut befragt. Ich finde bedenkswert, was er antwortet:

Die Menge an Informationen, die der Einzelne üblicherweise zu verarbeiten hat, ist größer geworden – vielleicht bringt uns das so in Atemnot?
Mag sein. Aber die Folge ist, dass die jungen Menschen heute viel mehr wissen als meine Generation damals. Sie überraschen mich mit ihren Kenntnissen, ihrem schnellen Denken, ihren Vorhaben und ihrer Offenheit. Sie haben mehr Mittel als wir damals, sie leben in einer größeren Welt. Das scheint mir sehr schön zu sein. Ich glaube auch nicht, dass das Internet die Fähigkeit vermindert, sich zu konzentrieren. Fernsehen und Zeitungen sind meiner Meinung nach schlimmer: Sie fördern eine passive Haltung – aber dafür ist der Mensch nicht gemacht, er will interagieren.

Sie denken also nicht, dass Twitter, Facebook und die anderen sozialen Netzwerke das Leben beschleunigen?
Das weiß ich nicht.

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Deine blöden Kommentare

Menschen in großen Massen – Fotgrafiert von Jose Martin für unsplash

Der Autor und Cartoonist Oli Hilbring hat dieser Tage eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Sohn seinem zeitunglesenden Vater sagt: „Och Papa, das steht doch alles im Internet“. Der Vater blickt gar nicht auf von seiner Lektüre, antwortet nur: „Aber mit deinen blöden Kommentaren.“

Die Zeichnung wird gerade ausgiebig auf Facebook geteilt. Sie ist lustig und irgendwie traurig zugleich. Denn nach den Kommentar-Katastrophen des vergangenen Jahres startet auch das neue Jahr mit dem Eindruck: Kommentare im Netz sind nichts anderes als Mob und Quatsch und Ärger. Hilbrings Zeichnung bestätigt dies einerseits – zeigt aber andererseits auf wunderbare Weise: Die blöden Kommentare des Sohnes sind am Küchentisch, an dem der Vater liest, ja nicht verschwunden.

Im Sommer 2014 habe ich dazu mal einen Text für die Süddeutsche Zeitung geschrieben – und kommentiert:

Es ist wohlfeil, sich nun darüber zu wundern, dass fremdenfeindliche und dumme Kommentare im Netz auftauchen. Das Netz ist nicht Auslöser der Provokationsdebatten der vergangenen Jahre – es macht aber deren Folgen sichtbar. Weil es als Medium eben anders funktioniert als die Distributionskanäle der Vergangenheit: Medien sind heute keine Straßenverkaufsstellen mehr, an denen Essen zum Mitnehmen über die Theke gereicht wurde. Medien im Netz sind heute Restaurants, deren Qualität sich nicht nur daran bemisst, was verkauft wird, sondern auch daran, wer im Lokal sitzt und sich wie verhält.

Auf all die aktuellen, hässlichen Formen der so genannten Hatespeech bezogen, kann man es mit dem Kanadier Seb FoxAllen bei Vice so formulieren:

The internet of 2015, like the internet you’re reading this on today, carried all the same awfulness and injustice that persists offline, except instantly searchable and pinging you 24/7. But you need to use it. To work, to communicate, to lulz, to connect.

Der lesenswerte Text endet mit einer – wie ich finde – guten Schlussfolgerung:

Maybe all you can really do to wade through it are the same things you’ve learned to do offline: keep networks that you trust, pick fights that are worth your time and try to sidestep those that aren’t. Do what you have to do to feel safe, support others when they don’t, and keep chipping away at the structures that make any of this necessary at all.


Dazu ebenfalls lesenswert:
Hass und Pöbelein im Netz – so geht es nicht weiter! von Nico Lumma – und nochmal: vielleicht brauchen wir ein Lichterketten-Emoticon

loading: Der Kontext

Regelmäßige Leser*innen des Blogs wissen: ich habe große Sympathie für Kontext. Allein deshalb habe ich mit Interesse zugehört als ich vor ein paar Wochen Julia Köberlein und Bernhard Scholz traf, die für die Seite Der Kontext verantwortlich sind. Seit dieser Woche sind sie mit ihrem besonderen Projekt auf Startnext. Grund genug, ihnen den loading-Fragebogen zu schicken. Bernhard hat ihn beantwortet.

Was macht ihr?
Das interaktive Hintergrundmagazin „Der Kontext“. Es ist ein digitales Magazin für Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen. Für dieses Magazin haben wir eine Plattform entwickelt, die dem Leser Fakten und Zusammenhänge an der Oberfläche und tiefer im Magazin Hintergründe und Experteninterviews bietet. Das Magazin ist wie ein digitales Navigationssystem bedienbar – jeder kann seinen eigenen Zugang finden.

Warum macht ihr es (so)?
Die Motivation für das Magazin kommt aus dem eigenen Gefühl, die großen Themen des aktuellen Zeitgeschehens nicht mehr zu verstehen. Zwar werden wir ständig mit immer noch aktuelleren Informationen bombardiert, aber die Zusammenhänge und Hintergründe kann ich mir daraus nur schwer erschließen. Dazu muss man sein eigener Redakteur sein – das ist schwierig und zeitaufwändig. Die Ausgangsfrage für das Projekt war daher: Welche Inhalte und welche Vermittlungsarten optimal geeignet sind, um solche Informationskomplexe verständlich zu vermitteln.
Unser Ansatz fußt auf zwei Erkenntnissen: Zum einen haben wir große, komplexe Themen betrachtet und gesehen, dass sie über einen längeren Zeitraum gewachsen sind, sich Handlungsstränge verwoben haben und daher vieles miteinander in Beziehung steht. Diese vernetzte Struktur haben wir als Ausgangspunkt genommen und bedienbar gemacht. Und zum zweiten sind wir von Anfang an mit potentiellen Lesern im Kontakt und haben das Magazin sehr eng mit ihnen entwickelt, viel getestet, Feedback geholt und alles auf den Prüfstand gestellt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Wir sprechen Leser von digitalen Nachrichten an. Unseren Leserkreis konnten wir schon sehr weit einschränken, indem wir mit Tests geklärt haben, wer sich überhaupt für aktuelle Themen interessiert und hier ein Defizit in der Nachrichtenlandschaft spürt. In erster Linie sind das eher junge Menschen, die einen Hochschulhintergrund haben, sich eine fundierte Meinung bilden wollen und sich mehr Hintergrund sowie Perspektiven zu den großen Themen wünschen.

Wie geht es weiter?
Zunächst läuft jetzt das Crowdfunding. Anschließend legen wir mit der Themenproduktion los und können schon sehr bald die ersten Themen anbieten. Parallel verbessern und erweitern wir die Technik, eine feste Kern-Redaktion wird nach und nach aufgebaut. Außerdem können wir später die dem Magazin zugrunde liegende Plattform als Whitelabel Version anbieten und damit das Magazin quer finanzieren, falls wir anfangs nicht genug Abonnenten finden.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Komplexe Themen sind oft sperrig und schwer zu begreifen – es kann aber unglaublich spannend sein, sich mit ihnen zu beschäftigen. Deshalb bieten wir einen neuen Zugang und werden unterschiedlichste Inhalte anbieten. Vom Faktenartikel über Hintergrundwissen bis hin zu Romanausschnitten und Songtexten. Damit soll es Spaß machen, sich tiefgründig über Themen zu informieren.

>>>> Hier Der Kontext auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Bin ich jetzt im Fernsehen?

Pädagogen überall auf der Welt versuchen es ihren Schülerinnen und Schülern beizubringen: das Internet ist ein öffentlicher Ort. „Was du hier postest, kann weite Kreise ziehen.“ Das weiß man natürlich und doch ist man einigermaßen überrascht, wenn das eigene Sonntagnachmittag-Foto plötzlich im TV zu sehen ist.

Es geht um dieses Bild, das ich am Sonntag auf Instagram mit dem Hashtag #herbst postete. So kam das Bild auf 24 „Gefällt mir“-Herzen, aber auch ins Sichtfeld des Morgenmagazins. Dort konnte man es am Montag um kurz vor neun Uhr bundesweit in ARD und ZDF sehen – als Bebilderung für einen kleinen Schwatz zum Ende der Sendung:

Im Bild sieht man ein Instagram-Logo und durch das, was die Moderatorin sagt, entsteht der Eindruck, ich habe das Bild eingeschickt. Das ist nicht der Fall. Ich habe es öffentlich ins Netz gepostet und dabei den Nutzungsbedingungen von Instagram zugestimmt, damit „gewährst du Instagram hiermit eine nicht-exklusive, vollständig bezahlte und gebührenfreie, übertragbare, unterlizenzierbare, weltweite Lizenz für die Nutzung der Inhalte, die du auf dem oder durch den Dienst postest.“

Deshalb habe ich auch kein Problem damit, dass das Foto plötzlich im Fernsehen auftaucht. Ein Problem habe ich damit, dass sie den kleinen See im Nymphenburger Schlosspark als Teich bezeichnen – und dass ich eher durch Zufall von meinem Fotografen-Ruhm erfahren habe. Sie hätten ja mal vorher Bescheid sagen können…

Instagram

Bild-Block: Wie die Bild-Zeitung mit Adblockern Geld verdienen will

Die Tatsache, dass Menschen mit technischer Hilfe Werbung aus Websiten herausfiltern, wird meiner Meinung nach die Werbe- wie die Medienbranche nachhaltig verändern. Ich habe dazu unlängst einen längeren Text in der SZ geschrieben. Heute nun hat die Bildzeitung ihren Versuch vorgestellt, eine Antwort auf die Herausforderung Adblocking zu finden. Sie besteht aus zwei Teilen und geht so:

bildblock

1. Wer mit Adblocker auf die Seite kommt, bekommt keine Inhalte mehr.
Stattdessen wird der Nutzer gebeten, den Adblocker auszuschalten – bzw. in das Angebot BILDSmart zu wechseln.

2. Wer als zahlender Abonnenent mit Adblocker auf die Seite kommt, sieht (zunächst) auch keine Inhalte mehr. Dann kommt BILDsmart, ein Angebot, das zahlende Nutzer eine (fast) werbefreie Version von bild.de bietet:
– 90 Prozent weniger Werbung
– 50 Prozent schneller Ladezeiten

bildsmart

Das Angebot BILDsmart ist dabei erstaunlicherweise kostenfrei. Es handelt sich um ein von einem Sponsor präsentiertes Format, das 0,00 € kostet und ans BILDplus-Abo gekoppelt ist. Man muss es dennoch einzeln abschließen, was Kontakte für den Sponsor bringt.

BILDplus-Abonnenten, die dieses Angebot buchen, erhalten somit eine (fast) werbefreie Version von Bild, in deren Bewerbung Bild die bessere Nutzbarkeit (50 Prozent schnellere Ladezeiten) besonders hervorhebt.

Hier meinen Text zum Thema in der SZ lesen!

Interview: „Ethik des Kopierens“ in Bielefeld

In der kommenden Woche findet in Bielefeld eine spannende Konferenz zum Kopieren statt. Die Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“ am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) hat zu einer Fachtagung „Towards an Ethics of Copying“ (6.-9.10.2015) eingeladen. Vorab habe ich einem der Organisatoren – Dr. Eberhard Ortland – ein paar Fragen zum Thema gemailt.

Ihre Forschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld will eine Ethik des Kopierens erforschen. Wenn man sich die Debatten der vergangenen Jahre um vermeintliche Raubkopien und auch die Diskussionen um plagiierte Doktorarbeiten durchliest, könnte man sagen. Es gibt doch bereits eine ganz einfache Ethik des Kopierens: Man darf nicht kopieren! Warum reicht das nicht?
Niemand sagt: „Man darf nicht kopieren“. So eine plumpe Regel wäre unmöglich durchzuhalten. Dafür sind Kopien und Kopierhandlungen in allen möglichen Bereichen unseres Lebens einfach zu unverzichtbar. Selbst wenn es Leute gäbe, die sowas für richtig hielten, müßten die doch mindestens diesen Satz („Man darf nicht kopieren!“) immer wieder kopieren und ihren Mitmenschen vorhalten – und sie würden zu Recht dafür ausgelacht werden.
Versuche, das Kopierverhalten zu regulieren, begründen stets eine Unterscheidung zwischen legitimen, teilweise sogar gebotenen, und illegitimen Kopien: Jede Banknote zum Beispiel ist eine Kopie. Sie muß in ganz bestimmter Weise technisch ausgeführt sein, um eine akzeptable Kopie, eine echte Banknote zu sein. Kopien von Banknoten, die von ihrer Vorlage ununterscheidbar sein mögen, aber von den falschen Leuten hergestellt und in Verkehr gebracht wurden – von Leuten, die nicht dazu autorisiert sind –, sind illegitim, Falschgeld. Das Problem der sogenannten „Raubkopien“ ist nicht, daß sie Kopien sind; das sind die „Original“-Produkte ja ebenso. Das Problem ist, daß „Raubkopien“ denjenigen, die ein Monopol auf den Absatz von Kopien eines bestimmten Typs besitzen oder zu besitzen meinen, einen Teil ihres Absatzmarktes streitig machen und die Profite aus dem Verkauf dieser Kopien in andere Kassen fließen lassen als in die derjenigen, die darauf pochen, daß das Geschäft mit Kopien des betreffenden Typs nach geltendem Recht ihnen allein zustände. Das Problem der Plagiate in der Wissenschaft ist nicht, daß abgeschrieben wird, sondern daß der Abschreiber so tut, als hätte er nicht abgeschrieben. Wissenschaft könnte sich überhaupt nicht entwickeln ohne Kopien und Kopieren. Experimente müssen repliziert werden können, um die Geltung der aus den experimentellen Befunden abgeleiteten Naturgesetze zu verifizieren. Argumente müssen nachvollzogen werden können, um Einfluß auf unsere Sicht der Dinge gewinnen zu können. Die kritische Auseinandersetzung mit den Meinungen der anderen steht und fällt mit dem Zitieren der Sätze, in denen die anderen ihre Meinung artikuliert haben. Das wissenschaftliche Ethos des Kopierens verlangt, daß man ordentlich kopiert – Zitate nicht sinnwidrig manipuliert – und daß man eindeutig angibt, wo man was kopiert und wo man mit eigener Stimme zu sprechen beansprucht.
Moralische Forderungen – und teilweise auch Rechtstitel –, die sich darauf beziehen, wer was wie kopieren darf oder kopieren soll oder unter welchen Umständen Kopien illegitim seien und unterdrückt werden sollten, gab und gibt es in allen Gesellschaften, von denen wir wissen. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens – als expliziter Reflexionsdisziplin zur Untersuchung des Rechts und der Reichweite solcher Forderungen – wird jedoch zunehmend relevant, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß die anderen, die sich dem, was wir für richtig halten mögen, nicht unterwerfen und nicht anschließen mögen, nicht einfach nur böse, egoistisch, geizig, gemein und rücksichtslos sind, sondern ihrerseits von einer bestimmten Vorstellung von der Legitimität oder Illegitimität bestimmter Kopierhandlungen und bestimmter Forderungen nach Unterlassen bestimmter Kopierhandlungen ausgehen. Dann bemerken wir unter Umständen, daß man in diesen Fragen unterschiedlicher Auffassung sein kann. Wenn diese Auffassungen praktisch nicht zusammen bestehen können, müssen wir darüber streiten, welche Auffassung als die richtige gelten soll. Man kann natürlich versuchen, solche Auseinandersetzungen autoritär zu entscheiden, indem man zum Beispiel auf die WIPO-Verträge als international geltendes Recht pocht. Aber dann stellt sich irgendwann die Frage, warum eigentlich das geltende Recht diese offenbar strittigen Fragen so regelt, wie es sie regelt, in wessen Interesse das eigentlich ist, ob es überhaupt vernünftig und für alle Betroffenen akzeptabel ist.

Im Rahmen meiner Recherchen zum Lob der Kopie habe ich kaum Beispiele für allgemein positiv konnotierte Kopieren gefunden. Das Nachahmen hat einen denkbar schlechten Ruf. Können Sie erklären, woran das liegt?
Durch die Entwicklung der Kopiertechniken seit dem 15. Jahrhundert und vor allem in den letzten 200 Jahren – von der Druckerpresse, dem Kupferstich, der Radierung, über die Lithographie, Photographie, die modernen industriellen Fertigungstechniken bis zur digitalen Revolution – ist es immer leichter geworden, Kopien herzustellen und sich zu verschaffen. Der Wert der Kopien sinkt mit dem Aufwand, der erforderlich ist, um sie bereitzustellen. Zugleich steigt der Wert des Neuen, Differenten, nicht bloß nur das sattsam Bekannte Wiederholenden, und zwar nicht nur, weil es sich abhebt aus der Masse der Kopien, sondern vor allem auch, weil es seinerseits als Vorlage für viele, viele Kopien fungieren kann und dadurch als „Original“ interessant wird.

Und wieso wollen Sie jetzt ausgerechnet einen Bereich erforschen, der so einen schlechten Ruf hat?
Das Kopieren hat gar nicht so einen schlechten Ruf wie die ‚billigen‘ Kopien. Die Fähigkeit, Kopien herzustellen, von denen man erwarten darf, daß sie zuverlässig bestimmte Eigenschaften aufweisen, die an dem betreffenden Typ von Kopien jeweils geschätzt werden, liegt dem Erfolg der modernen industriellen Produktion zugrunde und wird weithin respektiert – selbst von denen, die manche Industrieprodukte verächtlich finden.
Aber für unser Interesse an der Erforschung der Ethik des Kopierens ist das Prestige der Kopien und des Kopierens gar nicht so entscheidend. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens stellt sich in dem Maß, wie wir uns in Konflikte um die Legitimität oder Illegitimität von Kopierhandlungen wie von Forderungen nach der Einschränkung bestimmter Kopierhandlungen verwickelt sehen – sei es, weil wir selbst am Kopierverhalten der anderen Anstoß nehmen und bemerken, daß es uns vielleicht doch nicht ganz egal sein kann, was die mit unseren Sachen, unseren Daten, unserem Abbild anfangen, sei es, weil wir uns mit Forderungen konfrontiert sehen, deren Legitimität wir nicht ohne weiteres einzusehen bereit sind.

Welche Rolle wird in Ihrer Forschung die digitale Kopie spielen, die meiner Meinung nach eine historische Ungeheuerlichkeit ist, weil sie erstmals das identische Duplikat ermöglicht?
In der Tat stellen sich durch die Entwicklung und Verbreitung der digitalen Kopiertechniken heute Fragen, die die Ethik des Kopierens betreffen, in einem Ausmaß und in einer Dringlichkeit, die historisch beispiellos ist. Das ist der Grund, warum wir diesem Thema jetzt solche Aufmerksamkeit widmen müssen.
Dabei ist die digitale Kopie nicht ganz so beispiellos, wie die Frage suggeriert. Mehr oder weniger „identisch“ erscheinende Duplikate waren seit der Erfindung des Siegelabdrucks und des Bronzegusses bekannt, das läßt sich teilweise bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen. Die Erfindung der Schrift markiert eine wichtige Schwelle, indem die Festlegung eines limitierten Repertoires von Schriftzeichen-Typen es erlaubte, über individuelle Variationen in der Ausführung der Inskription hinwegzusehen und Abschriften als wortidentisch oder buchstabengetreu zu akzeptieren, selbst wenn es sich nicht um Abdrücke derselben Druckplatte handelte.
Aber mit der elektronischen Datenverarbeitung und den daran hängenden Entwicklungen der digitalen Aufzeichnungs- und Wiedergabetechniken für Zahlen, Texte, Bilder, Audio-, Video- und Multimediaformate sowie zunehmend auch für dreidimensionale Gegenstände in unterschiedlichen Materialien ändert sich Entscheidendes – nicht nur quantitativ, was die Verfügbarkeit der Kopien angeht, sondern auch qualitativ, in unserem Verständnis dessen, was die Gegenstände überhaupt sind, die da kopiert werden, und was die Kopien sind im Verhältnis zu den Gegenständen, deren Kopien sie sind. Die gesellschaftlichen Reglements des mehr oder weniger exklusiven Zugriffs auf bestimmte Dinge und Informationen werden auf breiter Front in Frage gestellt und müssen neu verhandelt werden.

Eine sehr alltagsethische Frage könnte dabei sein: Darf ich meinen Freunden das Album einer Band kopieren? Oder ein eBook weiterschicken? Ist das ethisch vertretbar?
Das kommt ein bißchen darauf an, wie viele „Freunde“ Sie haben und auf welchem Kanal Sie denen die betreffenden Dateien zugänglich machen wollen. Es ist offenbar nicht dasselbe, ob es sich um einzelne Privatkopien handelt oder um größere Stückzahlen bzw. Abrufe, die unter Umständen in die Vervielfältigungs- und Verbreitungsrechte der Urheber oder ihrer Rechtsnachfolger eingreifen. Unter Umständen könnte es für die alltagsethische Bewertung auch etwas ausmachen, ob Sie davon ausgehen müssen, daß für die Urheber jeder einzelne Verkauf ihres bisher wenig verbreiteten Werkes wichtig wäre als Beitrag zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes und ihrer Fähigkeit, weiter künstlerisch tätig zu sein, oder ob sich um Kopien von bereits millionenfach verkauften Hits handelt.
Eine andere Frage ist, ob Sie es überhaupt schaffen. Denn häufig stehen dem ja technische Kopierschutzvorrichtungen entgegen, deren Umgehung nach dem WIPO-Copyright-Vertrag von 1996 und den seither erlassenen entsprechenden nationalen Gesetzen (in Deutschland durch den 2003 in das Urheberrechtsgesetz eingefügten § 95 a) verpönt ist, und zwar selbst dann, wenn das Kopieren im betreffenden Fall durch eine der gesetzlichen Schranken des Urheberrechts durchaus erlaubt wäre.

Eher im Bereich des künstlerischen Schaffens gelegen – aber nicht weniger leicht zu beantworten – ist die Frage: Wie weit darf ich mich bei den Werken anderer bedienen, um selber etwas zu schaffen?
So weit, wie Sie können. Das ist kein Problem, solange Sie sich privat daran erfreuen. Wenn Sie allerdings das, was Sie auf diese Weise zustande gebracht haben, veröffentlichen wollen – in Form einer Ausstellung, einer Aufführung, einer Buchpublikation oder auch in Form einer digitalen Abbildung, die online zugänglich gemacht wird –, kann, je nach dem, was Sie gemacht haben, die Frage aufkommen, ob Sie Kopien eines Werkes verbreiten wollen, das im wesentlichen nicht von Ihnen selbst, sondern von jemand anderem geschaffen worden ist, der nun ein exklusives Recht zur Verbreitung von Kopien des betreffenden Werkes besitzt und geltend macht, oder ob Sie eine Bearbeitung eines fremden Werkes verbreiten wollen, die ebenfalls dem Urheberrecht des Urhebers der verwendeten Vorlage oder gegebenenfalls seiner Rechtsnachfolger unterliegt, so daß die Veröffentlichung gegebenenfalls deren Einwilligung erfordert. Wenn es Ihnen gelungen ist, unter Verwendung der Vorlage etwas Eigenständiges, Neues zu schaffen, das sich zwar auf die Vorlage offenkundig bezieht, aber sich nicht darauf beschränkt, wiederzugeben, was in der Vorlage selbst schon enthalten war, sondern zu ihr Stellung nimmt, sie kommentiert, parodiert, rekontextualisiert, so daß die Vorlage „verblaßt“ gegenüber dem Interesse an dem, was Sie nun damit oder daraus gemacht haben, sollten Sie zumindest nach dem geltenden deutschen Urheberrecht auf der sicheren Seite sein – was natürlich nicht ausschließt, daß die von den Rechteinhabern der verwendeten Vorlage beauftragten Anwälte das im Zweifelsfall ganz anders sehen. Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.

Durch das Internet ist das eine Frage geworden, die fast jeden betrifft. Gerade erst haben wir gesehen, dass man vor enormen Problemen stehen kann, wenn man sich zum Beispiel an Memen beteiligt, weil man dann urheberrechtlichen Klagen ausgesetzt sein kann. Wollen Sie im Rahmen Ihrer Forschung womöglich auch Lösungsansätze für diese Dilemmata entwickeln?
Ja. Das ist schon der Anspruch der Forschungsgruppe, daß wir da Lösungen brauchen, die die gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse nicht strangulieren.

Mich persönlich treibt zur Zeit die Frage um, ob man nicht ganz anders auf Kopien schauen müsste. Durch das identische Duplikat gibt es eigentlich keine Unterscheidung mehr zwischen Vorlage und Vervielfältigung – jedenfalls wenn man den Inhalt betrachtet. Ich glaube, man müsste deshalb aufhören, auf den Inhalt zu schauen und das in den Blick nehmen, was sich bei der digitalen Kopie tatsächlich ändert: die Metadaten. Vorlage und Vervielfältigung haben unterschiedliche Zeitstempel. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Wir werden natürlich nicht aufhören, auf den Inhalt zu schauen, denn es ist ja in erster Linie das Interesse an den Inhalten, das die Kopien für ihre Nutzer interessant macht. Der Hinweis auf die Metadaten ist freilich wichtig. In der Tat unterscheiden sich „identische“ Kopien und ihre Vorlagen durch ihre jeweilige Position in irreversiblen Zeitverhältnissen. Es kann unter Umständen für unser Interesse an einer bestimmten Kopie und für unser Verständnis der betreffenden Kopie – und nicht zuletzt auch für den rechtlichen Status und die Verkehrsfähigkeit einer Kopie – etwas ausmachen, in welchem zeitlichen Verhältnis sie zu anderen Vorkommnissen desselben Gegenstands steht.
Das gilt natürlich nicht nur für digitale Kopien. In der philologischen Textkritik wie in der altertumswissenschaftlichen Kopienkritik sind seit dem 18. Jahrhundert Methoden entwickelt worden, wie analog überlieferte Artefakte gewissermaßen nachträglich mit Metadaten auszustatten sind, um den Gang der Überlieferung und die Position des jeweiligen Zeugen in dieser Überlieferung rekonstruieren zu können.
Es verändert meinen Blick auf die Skulptur des „Sterbenden Galliers“ im kapitolinischen Museum in Rom, von der heute in aller Welt Abgüsse bzw. Nachgüsse in Gips, Bronze, Kunststein, sowie Repliken in Marmor und anderen Materialien zu sehen sind, wenn ich erfahre, daß es sich bei dieser Figur um eine römische Marmorkopie nach einer im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verlorengegangenen hellenistischen Bronzeskulptur handelt, und daß diese römische Kopie ziemlich genau um das Jahr 50 vor unserer Zeitrechnung in Rom gefertigt worden sein muß zur Feier der Siege des römischen Feldherren und späteren Imperators Gaius Iulius Caesar über die Gallier. Die griechische Vorlage war um 225 v.u.Z. in Pergamon in Kleinasien von einem Bildhauer namens Epigonos, über den sonst nicht viel bekannt ist, geschaffen worden für den damaligen König von Pergamon zur Feier von dessen Sieg über die Galater, die in der römischen Rezeption dann eben zu „Galliern“ umgedeutet wurden. Die Kopie bekommt damit einen für uns präzise faßbaren historischen Ort und trägt ihrerseits bei zu unserem Verständnis der damaligen Situation in Rom, im Übergang von der Republik zur Diktatur. Bestimmte Eigenschaften der Kopie können sich gerade im Bezug zu diesem Entstehungszusammenhang als relevant erweisen, wie andererseits die späteren Kopien, in denen die moderne Rezeptionsgeschichte der im frühen 17. Jahrhundert in Rom ausgegrabenen antiken Plastik sich entfaltet, ebenfalls auf ihren historischen Ort und Verwendungszusammenhang zu befragen sind.

Für die Tagung, die ab 6. Oktober in Bielefeld stattfindet, haben Sie nicht zur renommierte Wissenschaftler aus dem Bereich der Kopie-Forschung eingeladen, Sie zeigen auch Kopier-Kunstwerke wie den Film „Double Happiness“, der die Geschichte der chinesischen Kopie des oberösterreichischen Hallstatt erzählt. Haben Sie selber sowas wie eine Lieblingskopie?
Die Chinesen sind schon unglaublich in ihren Kopierpraktiken, in der Aufnahme und Anverwandlung des Fremden, im Verwischen der Unterschiede zwischen echt und falsch, sein und schein. Im Frühjahr war in Dresden eine Ausstellung von Repliken aller möglichen und unmöglichen Konsumgüter, Gebrauchsgegenstände und Statussymbole aus Papier zu sehen, die in China als Brandopfer im Totenkult verwendet werden: Irre!
Faszinierend finde ich Kopien, die auf ihr Kopie-Sein reflektieren. Seit Jahren begleitet mich Roy Lichtensteins Superheldenbild „Image Duplicator“ (1963). Auch Gerhard Richters abgründige Kopie eines Fotos, das seinen „Onkel Rudi“ in der Uniform eines Wehrmachtsoffiziers zeigt (1965), gehört dazu oder auch die Stammheim-Serie „18. Oktober 1977“ (1988), in der Richter Fotos, Zeitungs- und Fernsehbilder im Medium der stark vergrößernden manuellen Kopie Bildpunkt für Bildpunkt darauf befragt, ob wir eigentlich eine Ahnung davon haben, was wir da sehen. Oder die Fotos der Puppenstuben, in denen Thomas Demand Fotos nachstellt, um sie wiederum abzufotografieren: Was passiert in diesem doppelten Kopierprozeß?
Ich schätze auch die Arbeiten von Elaine Sturtevant, etwa ihren „Fettstuhl“ nach Joseph Beuys: „Beuys Fat Chair“ (1964/92). Er ist seiner Vorlage so ähnlich – und doch in seinem Gehalt etwas ganz anderes, weil er über den Fettstuhl von Beuys ist, und über die Tragik der Epigonen, die sich damit auseinandersetzen müssen, daß auf jedem Stuhl schon ein berühmter Vorgänger sein Fett hinterlasssen hat. Auch ihr Remake des Beuys-Posters „La rivoluzione siamo noi“ (1971) ist umwerfend: wie sie einerseits den Auftritt von Beuys covert, aber sich dabei keineswegs einfach einreiht in das von Beuys proklamierte „Wir“, sondern in Konkurrenz zu ihm tritt und ihm ein anderes Wir mit revolutionären Ambitionen entgegensetzt, ein weiblich identifiziertes.
Das Internet produziert anonyme Kopien, die keinem Urheber mehr zugerechnet werden können. Zugleich ist es der Raum, in dem die Reflexion auf diese Phänomene in einer Weise vorangetrieben werden kann, die ohne diese Aggregation von Kopien keinem der Akteure, die sich daran beteiligen, möglich wäre. Neulich entdeckte ich die Examensarbeit eines amerikanischen Designstudenten, Benjamin Shaykin, über „Google Hands“ – ein blitzgescheites Arrangement von Kopien der Hände der namenlosen Arbeiter, die für Google Books unzählige Bücher eingescannt haben und über die man gelegentlich im Scrollen durch die digitale Bibliothek stolpert.

mashup
Mehr über die Ethik des Kopierens auf irights – und auf der Website des Zentrums für Interdisziplinäre Forschung. Wer sich für das Thema interessiert, kann zudem gerne mein Buch Mashup – Lob der Kopie lesen. Und hier im Blog zum Beispiel das Interview mit den Machern des Supercopy-Festivals.

Edward Snowden auf Twitter – 10 Fakten

Seit heute ist Edward Snowden auf Twitter. Der Whistleblower, der 2013 den NSA-Skandal auslöste, postete um 18 Uhr seinen ersten Tweet. Innerhalb kurzer Zeit verbreitet sich der Beitrag – aber auch der Account @Snowden im Netzwerk. Weil ich mich für diese Mechanismen begeistern kann (z.B. im Phänomeme-Blog für die SZ), hier die zehn wichtigsten Fakten zu Snowden auf Twitter:

1. Spekulationen über Snowden auf Twitter gab es schon länger. Durch den Account @Snowden sind sie jetzt Realität. Da der Account seit längerem ungenutzt war, übertrug Twitter ihn an Edward Snowden.

2. Auslöser für Snowdens Twitter-Start war ein Interview, das er vor ein paar Tagen auf Startalkradio gab.

3. Moderator Neil deGrasse Tyson fragte ihn dabei, warum er eigentlich nicht auf Twitter sei:
Tyson: Du brauchst einen Twitter-Handle. Was hältst du von @Snowden? Wäre das was für dich?
Snowden: Das klingt gut, ich denke das sollten wir tun.
Tyson: Wir könnten Twitter-Buddies werden. Deine Follower werden auf jeden Fall das Internet, ich und die NSA sein.

4. Seit sechs Stunden folgen zahlreiche Menschen dem Account von Edward Snowden. Aktuell 613 Tausend.

5. Die NSA zählt allerdings nicht dazu. Obwohl Snowden selber nur einem Account folgt: http://twitter.com/nsagov

6. Snowden hat damit ein Twitterwachstum von rund 100.000 Follower in der Stunde.

7. Möglich wird dies u.a. durch ein Angebot wie MagicRecs. Dieser Account verschickt für den Fall Hinweise, dass innerhalb kurzer Zeit viele Accounts, denen man selber folgt, einem Twitter-Nutzer folgen.

8. Twitter selber hat dieses erstaunliche Wachstum in einer Grafik zusammengefasst:

9. Auf The Intercept schreibt Dan Froomkin, dass Snowden nun zu einer wichtigen Stimme in der Debatte um Überwachung und Privatsphäre werde.

10. Davon wird sicher auch die Freedom of Press-Foundation profitieren. In seiner Twitter-Bio („I used to work for the government. Now I work for the public.“) stellt sich Snowden als deren Director vor.

#OJZKM15 – fünf Langstrecke-Lehren

Auf Einladung des ZKM in Karlsruhe habe ich heute an dem Symposium „Online-Journalismus und die 4. Macht“ teilgenommen – und dabei über das Projekt „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ berichtet (hier geht es zum Live-Stream).

zkm

Basierend auf dem Blog-Eintrag, den ich im Früjahr zum Thema schrieb, habe ich fünf Lehren herausgearbeitet, die man aus dem Projekt ziehen kann (und die vielleicht auch übergeordnet für die Entwicklung des Onlinejournalismus stehen). Außerdem habe ich die Gelegenheit genutzt, an die Frisbee-Werfer aus dem Sommer zu erinnern

1. Langstrecke ist ein Experiment: Das heißt vor allem, es ist die Option, sich öffentlich zu blamieren. Es heißt: Wir wissen es nicht, wir wollen es ausprobieren. Das setzt eine veränderte Haltung voraus (siehe Punkt 5).
2. Der Bildschirm ist ein Lesefenster: Es ist noch gar nicht so lange her, da galt es als unbequem lange Texte auf Bildschirmen zu lesen. In Zeiten von Lesegeräten und Apps wie Longform fragt man sich stattdessen wie das Zeitalter des iPhone-Readings beschaffen sein wird.
3. Kontext wird ebenso wichtig wie Content: Der Rahmen, in dem ein Inhalt wahrgenommen wird, wird immer wichtiger. Im Fall von Langstrecke sieht man das an der sehr hochwertigen Aufbereitet. Dahinter steckt aber viel mehr.
4. Crowdfunding wird das neue Social Media: Vor wenigen Jahren dachte man es sei sonderbar, wenn große Firmen auf Facebook sind. Heute ist das selbstverständlich, heute denken viele noch es sei ebenso sonderbar, dass große Firmen Crowdfunding nutzen.
5. ¯\_(ツ)_/¯ Ich mag den Shruggie – weil er so wunderbar auf den Punkt bringt, wo wir derzeit stehen: Wir wissen es nicht. Und das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis, dass man lernen muss mit dem Übergang umzugehen.


Auf welcher Seite stehst du?

Der Generalbundesanwalt hat ein Ermittlungsverfahren gegen die Betreiber des Weblogs Netzpolitik.org wegen des Verdachts auf Landesverrat eingeleitet (Screenshot) Auslöser ist die Veröffentlichung von Dokumenten des Verfassungsschutz, die als vertraulich eingestuft wurden und von Plänen der Internet-Überwachung durch die „Erweiterte Fachunterstützung Internet“ berichten.

Diese Meldung bringt eine erstaunliche Wendung in die Debatte um die Arbeit der Geheimdienste, die Rolle der Bundesregierung und die Frage, wann es zu einem Aufbegehren einer digitalen Zivilgesellschaft kommt. Denn mit dem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Landesverrat werden Grenzen erkennbar, die eine Antwort auf die Frage ermöglichen, die ich mir schon 2013 in Bezug auf den Guardian und den britischen Geheimdienst gestellt habe: Auf welcher Seite stehst du?

Diese Frage ist Vorraussetzung für eine Politisierung, sie ermöglicht eine politische Bewegung, die wie der Umweltschutz nachhaltig Wirkung zeigen wird. Bisher war diese Frage so schwer zu stellen, weil für viele die Grenzen nicht sicht- oder kaum greifbar waren. Das könnte wird sich jetzt ändern. Dadurch, dass eine juristische Drohkulisse aufgebaut wird, fällt ein neues Licht auf den Umgang mit den Grundlagen „Fernmeldegeheimnis“ und „Pressefreiheit“. Diese „Justizposse“ (DJV) macht Muster erkennbar, die im Sinne des Streisand-Effekts zu einem Wendepunkt im Umgang mit den Snowden-Enthüllungen werden könnte.

In jedem Fall kann man auf der Seite netzpolitik.org/spenden eine sehr konkrete Antwort auf die Frage geben: Auf welcher Seite stehst du?


Update:
Bei Correctiv schreibt Markus Grill:

Heute haben wir auf unserer Seite alle geheimen Dokumente veröffentlicht, deretwegen die beiden verfolgt werden. Und wir werden noch heute Strafanzeige beim Generalbundesanwalt gegen uns selbst stellen. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass viele Redaktionen ebenfalls die Dokumente veröffentlichen und ebenfalls Strafanzeige gegen sich stellen. Je mehr Redaktionen sich beteiligen, desto schwieriger wird es für den Generalbundesanwalt, die Ermittlungen gegen Beckedahl und Meister durchzuziehen.

Update 2: Bei Change.org wurde eine Petition gestartet, die die „Einstellung des Verfahrens wegen Landesverrats gegen Netzpolitik.org“ fordert.

Update 3: Konservative Politiker wie Kristina Schröder und der Hinterbänkler Jens Koeppen beantworten die oben gestellte Frage auf ihre Weise.

Update 4: Laut Golem ist die Website des Generalbundesanwalts ist gehackt worden.

Update 5: Der Generalbundesanwalt sagt der FAZ, dass er die Ermittlungen vorerst ruhen lassen will