Alle Artikel mit dem Schlagwort “guardian

Make Journalismus Great Again

Der Journalismus ist kaputt. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man die Kampagnen von Wikitribune und Republik anschaut, die beide dieser Tage gestartet sind.

Zwei respektable und empfehlenswerte Initiativen – keine Frage. Der Shruggie in mir schulterzuckt jedoch bei der Behauptung, die beide Kampagnen nutzen, um Aufmerksamkeit (und damit Geld) für ihre Projekte zu sammeln. Der Journalismus ist kaputt – ist eine zumindest diskutable Übertreibung. Ich glaube, es ist nicht falsch schulterzuckend zu bemerken: Wer eine Sache schlechter darstellt als sie womöglich ist, um damit seine eigene Lösung zu präsentieren, verfährt nach einem durchaus bekannten Muster: Make Journalismus Great Again.

In Deutschland wurde dieses Muster bereits beim Start der ebenfalls hoch empfehlenswerten Krautreporter diskutiert. Der Onlinejournalismus sei, hieß es damals, kaputt. Es folgte das Versprechen, die Krautreporter würden ihn reparieren. Bei allem Respekt vor dem Werk der Krautreporter: Republik und Wikitribune sind offenbar nicht einverstanden mit dem Reparaturversuch.

Man kann übrigens auch für die Unterstützung herausragenden Journalismus‘ werben, ohne das Kaputt-Narrativ zu bedienen. Der Guardian macht es hier vor

Journalismus im Zeitalter des ‚open web‘

Digital bedeutet nicht, eine Geschichte ins Netz zu stellen. Es geht um einen grundlegend neuen Entwurf unseres Verhältnisses zum Publikum und unserer Rolle in der Gesellschaft.

Beim Guardian ist eine neue Chefredakteurin bestellt worden: Katharina Viner wird künftig des Geschicke der britischen Tageszeitung führen, die schon lange ein digitales Medienhaus ist.

Der Freitag (der Syndication-Partner des Guardian ist) hat aus diesem Grund eine Rede von Viner aus dem Jahr 2013 übersetzt und dieser Tage ins Netz gestellt, die einen Blick auf den digitalen Wandel wirft, den ich beachtenswert finde: Der Aufstieg des Lesers ist eine Analyse der Veränderungen, die den Beruf des Journalisten treffen werden. Der Text ist bereits anderthalb Jahre alt, was ihn allerdings noch beeindruckender macht.

Die Offenheit hat für Journalisten viele Vorteile. Voraussetzung ist aber, dass man ein Teil des Ökosystems Internet ist und nicht bloß versucht, sich daraufzusetzen. Dass man sich also der Architektur, der Psychologie, den Gepflogenheiten des Netzes anpasst, anstatt ihm die Struktur einer Zeitung überzustülpen. (…) Wir haben das Privileg, in dieser Ära des Umbruchs zu leben, das Privileg, einen neuen Journalismus für ein neues Zeitalter mitentwickeln zu können. Lasst uns also ein Teil des Ökosystems Internet werden. Lasst uns bewährte journalistische Verfahren mit neuen Wegen kombinieren, um Geschichten zu finden und zu erzählen. Lasst uns offen sein, und lasst uns die Leute, die früher Publikum genannt wurden, in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen. Lasst uns Elite und Straße verbinden.

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Neue journalistische Leitung beim Guardian

Beim Guardian wird gerade die Position des Chefredakteurs neu besetzt. Alan Rusbridger (dem ich seit kurzem mit großer Begeisterung auf Instagram folge) wechselte im Dezember in die Rolle „Chair of the Scott Trust“ – und macht den Platz des Chefredakteurs frei.

Auf der Seite gonuj.org/public/ballot/candidates stellen sich die vier Kandidatinnen/Kandidat für seine Nachfolge vor. Und völlig unabhängig davon, wer am Ende die journalistische Leitung beim Guardian übernehmen wird, sollte man die vier Bewerbungstexte lesen – denn sie sagen sehr viel über den Stand und den Wandel des (digitalen) Journalismus im Jahr 2015.

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Ich habe ein paar Stellen markiert, die ich bemerkenswert finde. In allen vier Texten findet sich der Hinweis auf den technischen Wandel des Berufs, auf die notwendige Zusammenarbeit zwischen Verlag und Redaktion, zwischen Journalisten und Codern sowie auf eine neue Konferenz- und Arbeitsstruktur. Erstaunlich ebenfalls: Alle vier Texte handeln ebenso stark von der Arbeit eines Chefredakteurs wie von der Arbeit eines Redaktions-Managers.

Emily Bell schreibt:

The Guardian needs to be at the cutting edge of journalistic innovation, and to that means there has to be a closer link between editorial and product development. Our success in the future will be determined in part by how well we understand web technologies and integrate them into our reporting. We need to make smart decisions about which tools and platforms to develop, and make recruitment of the world’s best editorial technologists a priority.

Janinen Gibson:

My vision for the future of GNM is rooted in our history, my experience as a reporter and editor and the conversations I’ve had with hundreds of colleagues and peers around the world. It’s based on three core beliefs:

… Our role is more than ever to challenge the powerful on behalf of the powerless; we are best when brave.
…. Our commitment to deep reporting in service of this role will make us distinctive and sustainable in perpetuity.
… Our principle of openness should guide our decision making as well as our journalism.

Everyone – moderators to developers – should feel able to contribute to what we make, how we think, how we run ourselves, and more. We’ve always been a journalists’ paper. Expanding what makes a journalist is part of our future.

Katharine Viner:

Journalism and technology have merged. To produce and deliver journalism that is relevant today, we need a close relationship between editorial, product and engineers, developing stories together, working out what to do about mobile, loyalty, data; plus a super-charged approach to helping readers find our journalism.
(…)
New techniques mean readers can share expertise, help us find stories and make decisions. We host big communities and engaging conversations, whether below the line, with our professional audiences such as teachers, or between Guardian members at live events — we should build on these relationships and invite readers into our journalism at an early stage.


Wolfgang Blau
:

Print journalism as a genre will not disappear and we will need print expertise for many years to come. Especially our three weekly newspapers – the Saturday Guardian, The Observer and also The Guardian Weekly – absolutely can and should have a long and very successful future. The road ahead for our Monday to Friday newspaper is less clear, though. (…) When the Guardian was founded in 1821, it was a weekly newspaper for the first 15 years, then it added a Wednesday edition and only 34 years after its founding became a daily newspaper. (…)
The Guardian needs more editorial management and structure, not for the sake of efficiency, but to nurture creativity. (…) It is essential that we integrate our developers, data scientists and strategists into our newsrooms and have a mutually respectful and collaborative relationship with the CEO and our colleagues in the commercial teams.


Alle Hintergründe zum Ablauf der Wahl des neuen Chefredakteurs beim Guardian

Die Suche nach dem Unkopierbaren

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In der aktuellen Ausgabe des New York Times Magazine gibt es ein Interview mit Guaridan-Chefredakteur Alan Rusbridger*, das ich sehr erhellend finde in Bezug auf die Frage, worin sich der Finanzierungsansatz des Guardian von den Paywalls z.B. der New York Times unterscheidet.

Am Ende des Interviews wird Rusbridger auf das Cafe angesprochen, das der Guardian in London eröffnet hat.

The Guardian has a coffee shop in London. Why? We are thinking about a membership program where you pay for live access to the events that we can produce, rather than access to the journalism. We’re moving from just putting words on the paper to being the convener of conversations and discussions and ideas.

So, like a salon? Yes. The more digital the world becomes, the more appetite people have for real things.

Rusbridger unterfüttert damit die Ansätze, die Andrew Miller Ende des Jahres beschrieb und die ich mir wünschte als im Rahmen der Snowden-Geschichte herauskam, dass und wie der Guardian unter Druck gesetzt wurde. Die Zeitung als Ort der Freiheit ist keine Rampe mehr, sondern eine Raum. Sie ist eher ein Cafe als ein Aushang. Im vergangenen August schrieb ich

dass das Modell eines Leserclubs mehr ist als der Versuch eines Bezahlmodells: Auf der Seite des Guardians zu stehen, ist spätestens durch die neusten Überwachungsmeldungen eine Entscheidung für die Pressefreiheit. Die Zeitung wird dadurch zu einem sozialen Raum – vergleichbar mit den klassischen Institutionen der Identitätsbildung: Kirchen, Parteien, Vereine sind die vergemeinschaftliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Ich bin optimistisch, dass der Guardian die Wette gewinnen kann, die er eingegangen ist. Die Wette darauf, eine weltweite liberale Marke zu werden, aber auch die Wette darauf, Bezahlmodelle für hochwertigen Journalismus im digitalen Raum zu finden. Wir werden uns alle die Augen reiben, aber vermutlich haben die weniger mit Inhalten zu tun als wir alle bisher glauben.

Was mich an der Idee von Salon-Öffentlichkeit und Teilhabe statt Inhalte-Verkauf fasziniert, steht auch hier!

*via David Bauer

Redesign: Guardian und New York Times

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Gerade als ich die Meldung lesen wollte, dass die New York Times in der kommenden Woche eine umgestaltete Version ihrer Webseite veröffentlichen will, lud man mich dort ein, das neue Design anzuschauen. Ab 8. Januar wird das flexbile Layout (passt sich „responsive“ dem Kontext an, in dem es angeschaut wird) für jeden Nutzer sichtbar sein. In der zugehörigen Pressemitteilung der New York Times loben Chefredakteurin und die zuständige Produktchefin die effizientere Navigation (wurde auf der Homepage verschoben), schnellere Ladezeiten und vor allem mehr Platz für Bild, Video und interaktive Geschichten.

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Aber nicht nur die Homepage wurde verändert auch das Artikel-Layout ist nun responsive. Das sieht dann so aus (zum Vergrößeren bitte draufklicken)

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Das ganze ist aus unterschiedlichen Gründen interessant. Unter anderem weil mit dem gestalterischen Umbau bei der New York Times auch „native Advertising“ eingeführt werden soll – also Inhalte, die werblicher Art sind aber eine redaktionelle Anmutung haben. Ende Dezember hatte Artur Sulzberger Jr. das in einem internen Rundschreiben angekündigt.

Dieser Plan hatte zu einer kontroversen Debatte führt, die auch der Guardian begleitete – mit einem Artikel, den man hier auch in alten wie neuem Layout sehen kann. Denn auch die zweite große Zeitung im Web arbeitet gerade an einem responsive Design. In einer Alpha-Frühphase kann man diese neuen Entwürfe sehen (zum Vergrößeren ebenfalls draufklicken)

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Was der Guardian plant

Im britischen Independent gibt es ein interessantes Stück über Andrew Miller, Verlagschef beim Guardian

He is against the idea of a hard digital paywall (such as that used by The Times) and considers a “freemium” soft paywall (as used by The Daily Telegraph) to be “the worst loyalty scheme in the world” because regular users are charged.

His own preference is a “membership”, with users signed up to have “deeper engagement” with the paper. Mr Miller also wants members to be “participating in little events” which are Guardian-branded.

The paper already uses King’s Place, its HQ in London’s Kings Cross, to support various cultural events. Earlier this year it opened a tech-based London café called #guardiancoffee, which attracted some scorn but Mr Miller says it will live beyond its six-month trial, “probably for several years”.

This week the paper also opened the Guardian Green Room in the Rough Trade record store in New York to showcase its commitment to music. Mr Miller is very keen and more coffee shops may follow. “Physical manifestation of The Guardian is something we are actively exploring,” he says.

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Die Hard

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel gibt es ein Interview mit Guardian-Chef Allan Rusbridger über Snowden und die Überwachung. Vielleicht hat er das schon mal gesagt, mir war aber neu, was er auf die Abschluss-Frage ob es schwer sei nicht paranoid zu werden, antwortet:

Mein Facebook-Profil wurde geändert, ich weiß nicht, von wem. Aber es gibt eine Abteilung im GCHQ, die solche Dinge kann. Da stand plötzlich, dass ich „Stirb langsam“ gut finde.

Call to action: über eine neue Form des Journalismus

tl;dr: Renommierte Journalisten verlassen klassische Verlage. Ihre neuen Arbeitgeber pflegen eine Kultur der Kundenzentrierung. Dadurch entsteht eine neue Form des Journalismus.

Die Medienbranche ist in der Krise. Das hören wir ständig. Meist geht es dabei um die zerstörerischen Folgen der Digitalisierung für Vertriebsmodelle. Wenn Glenn Greenwald von Krise redet, meint er nicht das Internet, sondern den Kern der Medien: den Journalismus. Dieser ist korrupt, erklärte der Anwalt und Investigativ-Reporter Gleen Greenwald den Zuhörern auf der Global Investigative Journalism Conference in Rio. Greenwald spricht von einer „fundamentalen Beschädigung“, die die westlichen Medien in den vergangenen Jahren erlitten haben. Die Tatsache, dass die New York Times die NSA-Enthüllungen, die im Sommer durch Greenwalds Veröffentlichtungen bekannt wurden, schon 2004 in Teilen kannte, nimmt der investigative Reporter zum Anlass für eine grunsätzliche Kritik am Zustand des Journalismus in der westlichen Welt. Dieser erfülle seine Aufgaben nicht richtig und folgerichtig stecke die Branche in der Krise:

Es ist ziemlich aufregend und auch ermutigend, dass nun immer mehr Medien scheitern und sterben. Das sollten wir feiern. Denn diese Institutionen müssen endlich darüber nachdenken, was sie besser machen können. Es gibt nun viele neue Medienunternehmen, die jungen Journalisten eine Chance geben. Dass Unternehmen scheitern ist also kein Beleg dafür, dass der Journalismus stirbt; ganz im Gegenteil er blüht auf und geht einfach woanders hin.

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Der Journalismus des Glenn Greenwald, das wurde kurz nach seiner Rede in Rio bekannt, wechselt vom britischen Guardian zu ebay-Milliardär Pierre Omidiyar. Der Mann, der sehr viel Geld mit der Auktionsplattform verdiente, stellt sich als Philantroph dar, der sich finanziell fürs öffentliche Interesse engagieren will: von 250 Millionen Dollar ist die Rede. Greenwald kommentierte seinen Wechsel – der ironischerweise geleaked wurdemit den Worten: „Ich habe eine einmalige Möglichkeit bekommen, die kein Journalist ablehnen würde.“

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Bisher ist wenig darüber bekannt, wie diese Möglichkeiten genau aussehen, die Omidyar Greenwald und seinen Kollegen Laura Poitras und Jeremy Scahill (und Dan Froomkin sowie Liliana Segura) bieten wird. Sowohl der genaue Name als auch die genau Ausgestaltung des neuen journalistischen Angebots sind unbekannt. (Bisher wird mit dem Hashtag #NewCoNews gearbeitet) Es soll rein digital sein, soviel ist klar, und investigativen Journalismus fördern. Allerdings sieht der Unternehmer Omidyar einzig darin noch kein Geschäftsmodell. Im Interview mit der New York Times erklärte er, dass er nicht daran glaube, dass sich ein solcher Journalismus allein finanzieren könnte.

Werbekunden wollen nicht im Umfeld von investigativen Geschichten stehen. Es ist extrem schwierig das hinzukriegen. Und nur wenige Menschen lesen solche seriösen Geschichten zur Zeit im Netz. Das Publikum für die wichtigsten Berichte kann ernüchternd klein sein. Es wird immer einen Kern an Lesern geben, die bereit sind, diese Arbeit zu unterstützen, aber das ist nur ein winzig winzig kleiner Teil der breiteren Öffentlichkeit. Deshalb wollen wir eine Website mit Themen von allgemeinerem Interesse schaffen und dann daran arbeiten, diese allgemeinere Öffentlichkeit zu engagierten Bürgern zu machen.

Ein Medium, das seine Leser zu engagierten Bürgern machen will: Diese Haltung taucht in zahlreichen Äußerungen Omidyars auf. In seiner Stellungnahme nach Bekanntwerden seiner Pläne schreibt er: „Ich suche nach Wegen, Mainstream-Leser zu engagierten Bürgern zu machen.“ Es geht also nicht nur darum, Informationen zu verbreiten, sondern darum, „User Engagement“ zu fördern. Ein Haltung, die auch seine Arbeit bei Ebay prägte und die er für den zentralen Antrieb im Silicion Valley hält: Menschen nicht nur dazu zu bringen, einen Text zu lesen, sondern danach mindestes noch einen. „Call to action“ heißt das in der Sprache des Marketings, das Menschen zum Beispiel animiert, bei Ebay Produkte zu kaufen oder weitere Bücher bei Amazon zu bestellen. Diese „Action“ kann sich auf Mausklicks beziehen, auf Einkäufe oder eben auf gesellschaftliches Engagement. Um letztes geht es Omidyar nach eigenen Angaben – und deshalb auch um einen anderen Journalismus. Dafür wollte er eigentlich die Washington Post kaufen, dabei hatte er allerdings das Nachsehen: Amazon-Chef Jeff Bezos setzte sich durch. Ein anderer Experte für „User Engagement“. Bezos beschrieb die drei Kernideen von Amazon einmal als den Willen etwas Neues einzuführen, den Blick fürs Langfristige und die Fixierung auf den Kunden. Was genau Bezos bei der Washington Post machen wird, ist noch unklar. Dass er sich von diesen Prinzipien verabschiedet, ist aber nicht anzunehmen.

Bezos und Omidyar sind die bekanntesten Köpfe einer neuen Entwicklung in der amerikanischen Nachrichtenbranche: Digitale Investoren entdecken gerade die Medien. 120 Sekunden und auch die New York Times widmeten diesem Trend unlängst eine längere Geschichte, in der unter anderem beschrieben wird, wie Laurene Powell Jobs (die Witwe von Apple-Chef Steve Jobs) in das Nachrichten-Start-Up Ozy Media investiert und der Facebook-Mitgründer Chris Hughes The New Republic kauft und das Social-Media-Unternehmen Upworthy mitfinanziert. Man kann diese Entwicklung als Trend hin zu wertvollen Inhalten lesen, man kann darin aber auch den Anfang eines veränderten Journalismus erkennen, der nicht mehr nur von klassischen Medien geprägt wird, sondern von Digitalunternehmen: Dieser Tage wurde bekannt, dass der renommierte amerikanische Investigativreporter Mark Schoofs von ProPublica zu Buzzfeed wechseln wird und dass der bekannte Technikjournalist David Pogue künftig nicht mehr für die New York Times arbeiten will: er ist jetzt Journalist bei Yahoo.

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Als Omidyar gefragt wurde, warum er statt in die Washington Post nun in die Reporter Greenwald, Poitras und Scahill investiere, lobte er besonders deren transparenten Zugang zu ihrer Arbeit. „Sie sind bereit, sich da raus zu stellen und offen über ihre Arbeit zu reden. Sie blasen nicht bloß Meinungen raus ohne dass klar ist, wie sie selber dazu stehen. Sie sagen: „Schaut her, das ist was ich über das Thema weiß und ich erkläre euch, was ich darüber denken.““ Diese Haltung steht in einem gewissen Gegensatz zu der distanzierten journalistischen Perspektive, die sich in dem berühmten Zitat von Hanns-Joachim Friedrichs ausdrückt, der guten Journalismus daran erkennt, „dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Auf dieses Zitat angesprochen, antwortet der ausgebildete Anwalt Greenwald unlängst: „Menschen sind nicht distanziert. Alle Journalisten sind Aktivisten. Sie vertreten doch alle Interessen und Einschätzungen.“ Durch das gemeinsame Projekt mit Omidyar könnte Greenwald zum Vorbild für einen anderen, kundenzentrierten Journalismus werden. In Rio riet er den etablierten Medien jedenfalls, sich von einigen ihrer überlieferten Regeln zu verabschieden.

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Glenn Greenwald ist ein engagierter Bürger, der für engagierte Bürger schreibt. Durch die Zusammenarbeit mit Pierre Omidyar arbeitet er jetzt selber an einer Antwort auf die Frage, die seit den Enthüllungen von Edward Snowden im Raum steht: Welche Schlüsse zieht die Gesellschaft aus den Überwachungen durch staatliche Stellen? Es könnte eine andere Form von Journalismus sein, der aus den Entwicklungen der vergangenen Monaten entsteht. Einer, der mehr ist als der klassische Nachrichtentransport auf die Vernetzung des Web setzt, auf die Fixierung auf den Kunden und auf „User Engagement“. Dass dieser ausgerechnet mit Geld finanziert wird, das durch die Digitalisierung verdient wurde, ist eine besondere Ironie an der Entwicklung – wirft aber auch das zentrale Problem an dem Experiment auf: Wie ist es um das öffentliche Interesse bestellt, wenn die finanziellen Interessen der Geldgeber betroffen sind?

Die Zukunft der Medien

In München sind heute die Medientage eröffnet worden. Ich habe die Eröffnungsveranstaltung und die als Elefantenrunde vermeintlich wichtiger Menschen bezeichnete Start-Debatte nicht live verfolgt, medial vermittelt aber erfahren: Es gibt da was Neues, aber im Prinzip ist alles so wie immer. dpa zitiert den ZDF-Intendanten Thomas Bellut mit den Worten: „Es hat sich im Grunde wenig verändert durch die Neuen Medien.“

In diesen Neuen Medien gährt unterdessen eine Debatte über die vergangene Woche ebenfalls in München gestartete Huffington Post. Der ist es mit einem doppelten Werbetrick gelungen, Aufmerksamkeit auf ein Produkt zu lenken, das eigentlich durch Inhalte interessieren sollte. Dadurch, dass man die Autorinnen und Autoren, die auf der Seite schreiben, nicht bezahlt, spart man zum einen Geld, zum zweiten bekommt man soviel Branchenaufregung dass man nochmal Geld spart: für bezahlte Werbung.

Ich hatte mir vorgenommen, solange nicht über die Huffington Post zu schreiben, wie dort kein für mich relevanter Inhalt auftaucht. Bisher kam ich ganz gut damit zurecht, das zu lesen, was andere ÜBER die Huffington Post schreiben. Dank Pierre Omidyar schreibe ich jetzt aber auch über die Huffington Post – allerdings über die Ausgabe für Hawaii. Diese wurde im September mit Hilfe von Pierre Omidyar ins Leben gerufen. Der Mann ist Verleger der Honolulu Civil Beat und besser bekannt als Gründer von ebay. Beim Launch der Huffington Post Hawaii stellte er mit Blick auf die Prism- und NSA-Überwachung die Frage:

“Can we be truly free if we are surveilled all the time, if we have no privacy? I think that’s a really important debate to have.”

Jetzt gibt er eine Antwort darauf: Auf seiner Website erklärt er unter der Überschrift „My Next Adventure in Journalism“ warum er den renommierten Journalisten Glenn Greenwald vom Guardian abgeworben habe und welche Pläne er mit ihm verfolgt:

I developed an interest in supporting independent journalists in a way that leverages their work to the greatest extent possible, all in support of the public interest. And, I want to find ways to convert mainstream readers into engaged citizens. I think there’s more that can be done in this space, and I’m eager to explore the possibilities.

Auf die Idee zu all dem sei er gekommen, als er mit dem Gedanken spielte, die Washington Post zu kaufen. Dabei kam ihm Amazon-Chef Jeff Bezos zuvor. Jetzt will Omidyar selber ein Medium aufbauen (ausschließlich digital), das sich für eine demokratische Öffentlichkeit und gegen staatliche Überwachung engagiert. Er will Mainstream-Leser zu engagierten Bürgern machen.

Das kann man durchaus als Ansage verstehen, in einer Zeit, in der die Medienbranche (anders als auf den Medientagen verkündet) nicht gerade vor Optimismus strotzt. Das kann man als grundlegende Veränderung im publizistischen Gefüge interpretieren: ein reicher Mann investiert in unabhängigen Journalismus, weil er eine demokratische Öffentlichkeit, weil er engagierte Bürger schaffen will. Und Auslöser dafür sind die auf den Medientagen als „Neue Medien“ bezeichneten digitalen Verbreitungsmöglichkeiten. Sie verändern im Grunde nicht viel, sagen die einen. Während die anderen erkennen, wie unter ihren Füßen Gewissheiten in Bewegung geraten, die man für stabil wie Gesteinsplatten hielt.

Mehr zum Thema bei Jay Rosen, Poynter, Greenwald, Buzzfeed, Guardian