Fünf Dinge, die ich nach 150 Tagen Duolingo über die Zukunft von Inhalten gelernt habe


Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Die Bilder unten stammen von unsplash und unsplash – das Bild oben hat eine künstliche Intelligenz nach der Vorgabe „Menschen lernen gut gelaunt Italienisch am Computer“ erstellt. Mehr über KI und Inhalte gibt es hier


Ich benutze seit 150 Tagen die Sprachlern-App Duolingo. Ich benutze die App schon so lange, weil ich das weiß. Und ich weiß das, weil ich sie so lange benutze. Das klingt komplizierter als es in Wahrheit ist (siehe Streak weiter unten), ist aber der Grund weshalb ich über meinen Versuch schreiben möchte, Italienisch zu lernen. Den guten Vorsatz dazu hatte ich schon lange. Sehr lange. Konsequent gelernt habe ich aber noch nie. Bis ich vor 150 Tage über einen Newsletter ein kostenloses Testangebot für die bezahlte Version Duolingo super anklickte. Ich testete 30 Tage konsequent, aber kostenfrei. Was seit dem passiert ist, hat mir einerseits Kenntnis über ein paar Italienisch-Vokabeln und Grundlagen der Grammatik beschert, aber vor allem den Blick auf die Art und Weise verändert, wie wir Inhalte im Zeitalter der Digitalisierung aufbereiten sollten.

Völlig unabhängig davon wie gut ich jetzt arcobaleno (Regenbogen) oder salto in alto (Hochsprung) sagen kann, haben mir die 150 Streak-Tage gezeigt, wie groß die Unterschiede zwischen einem klassischen Frontal-Fabrik-Unterricht und einer personalisierten Digitalschulung sein können. Und dieses Delta betrifft nicht nur die Zukunft von Bildungsangeboten – man kann es auch in der Art erkennen, wie journalistische Inhalte aufbereitet werden.

Ich illustriere meine Beobachtungen am Beispiel der App. Die Transferleistung diese Unterschiede zwischen alt und neu auf andere Bereich zu übertragen, kann jede und jeder selbst erbringen, sie münden in der Frage: Wie müssten eigentlich Bücher, Zeitungen, Medien gemacht werden, wenn man sie nach dem Duolingo-Prinzip denkt?

1. Es beginnt bei den Nutzer:innen

Klassische Medien beginnen stets auf der Absender-Seite. Hinter der Bühne wird entschieden, im Zuschauer:innen-Raum wird konsumiert. Digitale Medien drehen dieses Prinzip um: die individuellen Bedürfnisse der Nutzer:innen bilden den Ausgangspunkt jeder Entwicklung – und auch der Lernreise. Ich lege fest, wo ich auf diesem Weg stehe – und bestimme von hier meinen ganz persönlichen Weg. Vorwissen, Zielsetzung und sogar eigenes Tempo werden festgelegt und dann erst folgt die Präsentation der Inhalte. Das heißt aber dann vor allem:

2. Das Durchschnittsangebot verliert an Bedeutung

Eine Welt, die bei Nutzer:innen-Bedürfnissen beginnt, überholt das One-Sizes-Fits-All-Prinzip. Während meiner Lernzeit wurde mir auf Instagram wiederholt ein Italienisch-Heft eines großen deutschen Verlages als Werbung angezeigt. Ein Heft, das für jede und jeden gleich aussieht – völlig egal, ob sie oder er schon seit drei oder seit 300 Tagen lernt. Das Ende des Durchschnitts ist mehr als eine theoretische Beobachtung, hier wird es konkret greifbar: die Lautsprecher-Kultur wird durch die Kopfhörerkultur abgelöst ergänzt. Und vor allem: überall dort, wo Inhalte im Kopfhörer personalisiert werden, ergibt sich die Möglichkeit, neben dem reinen Content auch neuen Kontext zu schaffen, oder anders formuliert:

3. Es braucht einen zweiten Grund

Inhalt erhält erst durch einen Zusammenhang seine Bedeutung: In Eine neue Version ist verfügbar habe ich das beschrieben als Kontext schafft den Wert für Content. In der Lernapp kann man die Nutzung von Metadaten und neuen Bezügen an der Idee der XP-Punkten (Experience-/Erfahrungs-Punkten) und dem Konzept des Streaks ablesen: XP werden für bestimmte Übungen vergeben. Sie schaffen Kontext zu dem reinen Lernkapitel. Mit Hilfe dieser Punkte kann man Level freischalten und mit anderen in einen (Gamification!) Wettstreit treten. Ich habe keine Ahnung, ob ich gegen Duolingo-Bots oder wirkliche Teilnehmer:innen gekämpft habe, aber ich hatte jeden Sonntag eine neue Motivation ausreichend XP-Punkte zu sammeln, um in eine neue Liga aufzusteigen (oder wenigstens nicht abzusteigen). Und selbst wenn mir dieser Antrieb fehlte, Duolingo nutzt eine Form der Motiviation, die wir auch im Minutenmarathon nutzen: den Streak! Trainiere jeden Tag ein klein wenig und spüre dabei deine eigenen Erfolge, denn:

4. Selbstwirksamkeit ist die beste Motivation

Wer Fortschritt erzielen will, muss Bewegung spüren. Diese Form der SWE (Selbstwirksamkeits-Erfahrung) ist der stärksten Antrieb, den wir nutzen können – und der bei klassischen Medien niemals nie Anwendung findet. Das dicke Buch liegt voller gefühlter Autorität dick und ungelesen auf dem Nachttisch und ist eine ständige Anklage: Das alles hast du noch nicht geschafft zu lesen. Das Modell des Streaks zählt mir jeden Tag vor, wieviele Tage ich bereits etwas bewegt habe. Genau diesen Trick nutzt Duolingo, um mich in der App zu halten. Er ist fast zu banal um ihn zu erwähnen, aber erstens funktioniert er und zweitens habe ich bisher kein klassisches Medienangebot gesehen, das diese Idee nutzt. Der Streak ist das wichtigste gemeinsame Ziel der App und ihrer Nutzer:innen. Um den Streak nicht zu verlieren, schickt die App täglich mehrere Erinnerungen, sie bietet den „Streak auf Eis“ an, der das „Einmal ist keinmal“-Prinzip nutzt und einen ausgefallenen Tag vergessen lässt. All das ist vor allem Zeichen für eine anderen Perspektive auf das Publikum: die Lernapp bietet keinen Sprachkurs für eine anonyme Audience, die Lernapp verfolgt gemeinsam mit einem persönlich angesprochenen Mensch das Ziel, täglich zu lernen! Das ist ein riesiger Unterschied in der Haltung und in der Aufbereitung des Inhalts und das basiert auf der Erkenntnis:

5. Kleine Rituale sind mehr Wert als die größten Vorsätze

Ich schreibe all das hier nur auf, weil ich 150 Tage ein zufriedenes Nutzungserlebnis mit der Lernapp verbunden habe. Denn die tägliche Nutzung führt nicht nur zu SWE, sondern auch dazu, dass ich ständig und ungefragt Menschen von meinem Duolingo-Kurs erzählt habe. Das war für mich schön, aber vor allem für die App: denn eine bessere Werbung als zufriedene Nutzer:innen kann es kaum geben. Diesen Satz möchte ich nochmal wiederholen, weil auch er in der Denke klassischer Medienproduktion selten und wenn überhaupt nach einem Lob des Inhalts vorkommt: eine bessere Werbung als zufriedene Nutzer:innen kann es kaum geben!

All das habe ich übrigens gemerkt, als ich es nicht mehr gemerkt habe: Denn der Italienisch-Kurs, den ich in Duolingo gemacht habe, hat ein Ende. Und als ich dieses sah, stellte ich fest, wie all die kleinen Motivations-Tricks in sich zusammenfielen. All die Streak-Anreize und XP-Ligen fühlten sich plötzlich wertlos an, ich trainierte weniger und verlore mein Interesse an der App als ich merkte, dass ich nur noch eine Stufe 4 Champion vor mir habe. Ich habe keine Ahnung, was ich danach mit meinen Italo-Ambitionen mache (wer einen Tipp hat, gerne melde!), ich bin mir aber sicher, dass ich genau deshalb diesen Text schreiben musste: Weil das Ausbleiben der Motivation ein guter Hinweis darauf ist, wie gut sie zuvor funktionierte. Und genau deshalb will ich weiter darüber nachdenken, wie eigentlich Bücher, Zeitungen, Medien gemacht werden müssten, wenn man sie nach dem Duolinge-Prinzip denkt?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich mich seit Jahren mit der Zukunft von Inhalte im digitalen Umfeld befasse. Zu dem Thema habe ich auch mehrere Bücher geschrieben – gerade ist das Laufbuch Marathon-Fitness erschienen, das mit all dem mehr zu tun hat, als man zunächst denkt.