Alle Artikel in der Kategorie “Radio

WTF, Sven Regener!

Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Wutausbruch im Zündfunk war Sven Regener am Donnerstag wieder im Bayerischen Rundfunk zu hören. Dort wurde er mitten in einem launigen Interview auch nach dem Telefonat aus dem März 2012 befragt (etwa ab 10.30 Min), das in der hitzigen Urheberrechtsdebatte eine breit rezipierte Wortmeldung war. Den entsprechenden Schnipsel findet man auf Soundcloud

… wo er etwas abrupt abreißt. Aber auch auf der Zündfunk-Seite geht es nicht wirklich weiter. Es bleibt alles recht dürftig.

Regener wollte, erfährt man, „mal den Gegenstandpunkt formulieren“. Er hatte nämlich den Eindruck, es gebe nur „den einzigen Standpunkt, Musiker kann man ja auch bald mal enteignen“. Das machte ihn wütend, deshalb sei ihm der Kragen geplatzt. Und dann sei das ganze auch mehr oder weniger erledigt gewesen:

„Ich hab keine Interviews mehr dazu gegeben. Es ist alles gesagt, da gibt es nichts hinzuzufügen. Wer das nicht kapiert, der tut mir leid.“

So leid, dass er auch auf Nachfragen nicht reagiert habe. Er habe Mails einfach gelöscht. Denn: Wer das nicht tue, bekomme ein falsches Menschenbild:

Botho Strauß ist nur so scheiße drauf, weil er den ganze Nachmittag Fernsehen guckt und die Kommentarspalten im Internet liest. Und darum hat er ein Menschenbild, dass wir alle totale Untermenschen sind. Was an sich nur bestimmte Leute sind, die sich wahnsinnig schlecht benehmen.

Bitte? Sven Regeners Reaktion ein Jahr nach dem Wutausbruch besteht aus Botho Strauss, Untermenschen und gelöschten Mails? Ich glaube, die offizielle Reaktionsabkürzung dafür lautet WTF!?

Das kann doch nicht ernsthaft Ergebnis von einem Jahr hitziger Urheberrechtsdebatte mit Acta-Protesten und Runden Tischen sein, dass Sven Regener sich in ein Studio setzt und von Untermenschen spricht. Mal abgesehen davon, dass die Zündfunk-Leute da hätten nachfragen müssen, bin ich sehr ernsthaft erschüttert von dem Mann, dem ich tatsächlich für einen Moment zugetraut hatte, Schwung in eine Debatte zu bringen, die von grundlegender Bedeutung für den Umgang mit Kunst und Kultur im Netz ist.

Das Jahr hatte natürlich schon den Beweis erbracht, dass es ihm darum nicht wirklich ging. Trotzdem war ich insgeheim hoffend davon ausgegangen, Sven Regener hätte was verstanden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man, aber sie stirbt eben.

loading: Radiorollenspiel

Was passiert eigentlich wenn ein Hörspiel auf ein Rollenspiel trifft? Marcus Richter will genau das ausprobieren und hat deshalb die Startnext-Projekt Radiorollenspiel gestartet – eine interaktive Form des Hörspiels, die auf detektor.fm gesendet werden soll. hat den loading-Fragebogen beantwortet

Was machst du?
Eine neue Form des Geschichtenerzählens ausprobiereren, die am ehesten als interaktives Hörspiel bezeichnet werden kann. Dabei wird im Radio eine Geschichte erzählt, aber nur zu einem gewissen Punkt. Dann können Hörer anrufen und selber die Hauptrollen spielen. Dabei handelt es sich um freies Spiel. Es werden nicht nur die Rätsel und Aufgaben der Geschichte gelöst, sondern dabei frei mit der Spielwelt improvisiert. Die Spieler können sogar soweit gehen, sich mit ihren Charakteren zu identifizieren und ihnen eigene Motivationen und Wesenszüge verleihen.

Warum (machst du es so)?
Die interaktiven Hörspiele, die mir bis jetzt im Radio begegnet sind, liefen alle relativ starr ab. Hörer hatten lediglich die Möglichkeit an vorher festgelegten Stellen die eine korrekte Lösung von Rätseln zu erraten, die Geschichten wurden dadurch sehr starr oder vorhersehbar.
Es gibt das Konzept des Zuhörers als „Erzählrollenspiel“, das oft privat in kleinen Gruppen von 3 bis 8 Personen durchgeführt wird. Das „Radiorollenspiel“ ist die Verknüpfung der technischen Möglichkeiten eines Hörspiels (Soundkulisse, Hintergrundmusik, Geräusche, Schauspieler), des Radios (große Reichweite, Hörerlebnis) und des Rollenspiels (Zuhörer als treibendes Element der Geschichte).
Hörer bringen also unvorgesehene Elemente und Wendungen in eine klassische Erzählform ein und definieren so das Erlebnis Live-Radio neu.

Wer soll da mitmachen/zuhören?
Alle, die sich für Hörspiele, Erzählrollenspiele oder einfach eine gut dargebotene Geschichte interessieren.

Wie geht es weiter?
Wir haben zwar bei einem mittelgroßen Sender schon Erfahrungen mit diesem Konzept gesammelt, allerdings in einem eingeschränkten Rahmen. Die durch Startnext finanzierte Sendung soll ein Pilot sein und zeigen, was möglich ist. Damit wollen wir an Sender herantreten, die Interesse an dem Format haben könnten. Das Crowdfunding erfüllt also zwei Zwecke: Es ermöglicht die Produktion und kann gleichzeitig als Beweis gelten, dass ein Zielpublikum da ist.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das komplette Projekt wird nach Abschluß unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, die eine Weiterverbreitung erlaubt. Im Crowdfunding sind Stufen eingebaut, die eine Freigabe des (für die Sendung komponierten und produzierten) Soundtracks zum Remixen erlauben und einen Upload der einzelnen Spuren zu CCmixter.org vorsieht. Außerdem gibt es Kuchen.

>>>>>> Hier das Radiorollenspiel unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Crowdfunding im Journalismus: The Local Global Mashup

Am 15. Februar endet die Founding-Phase für The Local Global Mashup-Show. Die Macher von Latitudenews wollen bis dahin rund 44.000 Dollar für eine wöchentliche Radioshow einsammeln. Der Slogan für das Projekt lautet: „Get the inside edge on the stories that connect Americans to the world — in your ear every week.“

Es geht darum, globale Geschichten auf die lokale Ebene herunter zu brechen (wobei die amerikanische Perspektive schon eine sehr breite lokale Perspektive ist) und diese Geschichten in einem wöchentlichen Podcast zu versammeln. Das ist ein durchaus interessanter Ansatz – und ich bin gespannt, ob Maria Balinska das Ziel erreichen wird.

Bemerkenswert ist, dass in der Woche, in der The Local Global Mashup auf sein Ziel zusteuert, die Macher von Fortunas Legenden dieses mit einem überwältigende Erfolg erreicht haben. Der Düsseldorfer Fortuna-Fan-Film hat den Fundingrekord für Dokumentarfilme auf Startnext geknackt. Der Düsseldorfer Schauspieler Lars Pape hat gemeinsam mit Starter Holger Schürmann 1169 Supporter davon überzeugt, dass es sich lohnt in diesen Film zu investieren. Das Besondere dabei: Pape und Schürmann sind klar als Fortuna-Fans zu erkennen, sie erlangen ihr Glaubwürdigkeit gerade nicht über journalistische Unabhängigkeit, sondern über ihre sichtbare Verbundenheit mit dem Thema.

Vielleicht ist es Zufall, vielleicht lässt sich daraus aber auch etwas für journalistische Crowdfunding-Projekte ableiten. Zumindest dies: Wer Geld für ein Projekt einsammelt, muss begründen können, warum ausgerechnet er oder sie es bekommen soll. Ein Bezug zum Thema schadet dabei offenbar nicht.

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Allen ist doch klar: Journalismus wird anders sein

Wir müssen über Crowdfunding reden. Eigentlich ging es mir bei meiner Idee, ein Buch zu schreiben, das die Leser an den Anfang und nicht ans Ende stellt, ganz und gar nicht um den aktuell sehr gehypten Begriff. Mir ging es darum, den Entstehungsprozess in den Blick zu nehmen. Dass ich damit jetzt mitten drin bin in einem Aufmerksamkeitsschub fürs Crowdfunding war so nicht geplant.

Aber es ist vielleicht auch gut. Vielleicht inspiriert dieses Interesse fürs Crowdfunding Menschen dazu, anders zu denken, Neues auszuprobieren. So wie Sebastian Esser es vor hat. Ihn lernte ich kennen, weil er mich für seine Website Kraut-Reporter interviewt hat. Gemeinsam mit Wendelin Hübner will er dort, journalistische Geschichten von der Community finanzieren lassen. Bisher läuft Kraut-Reporter in einer Vorschalt-Beta-Phase, trotzdem habe ich Sebastian Esser schon jetzt ein paar Fragen dazu gestellt, wie er Crowdfunding und Journalismus zusammenbringen will.

Crowdfunding ist der Hype der Stunde. Warum jetzt auch für den Journalismus?
Wir erleben gerade ein Medien-Massaker: DAPD und Frankfurter Rundschau haben Insolvenz angemeldet, die FTD ist zum letzten Mal erschienen, Redaktionen in Verlagen und Sendern werden überall zusammengestutzt. Insgesamt haben in diesem Herbst wahrscheinlich mehr als tausend festangestellte Journalisten ihren Job verloren. Das ist schlimm für die Kollegen, die nun ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Es ist aber auch schlimm für uns alle. Weniger Journalismus bedeutet: weniger Aufklärung, weniger Kritik, weniger verborgene Wahrheit, die jemand herausfindet. Das alles wirft die sehr grundsätzliche Frage auf: Wie wird Journalismus in Zukunft aussehen? Es gibt es eine Journalisten-Regel: Follow the money. In der ganzen Diskussion ist Crowdfunding eines der wenigen Experimente, das eine Antwort auf die entscheidende Frage verspricht: Wie finanzieren wir in Zukunft den aufwändigen, schwierigen, wichtigen Journalismus, wenn Verlage und Sender es nicht mehr tun?

Und was unterscheidet einen Kraut-Reporter von einem gewöhnlichen Reporter?
Grundsätzlich nichts. Jeder Reporter mit einer guten Geschichte hat beste Aussichten, Leute zu finden, die seine Arbeit finanziell und auf anderen Wegen unterstützen. Du musst Dich allerdings auf Deine Community einlassen, viel kommunizieren und für Deine Idee werben – etwas, was uns Journalisten erstmal fremd ist. Selbstvermarktung, das Werben für eine tolle Idee, das kommt früher oder später auf alle Journalisten zu. Nach dem Prinzip Frontalunterricht – einer spricht, alle anderen hören andächtig zu – funktioniert Journalismus heute ja eh nicht mehr.

Welche journalistischen Geschichten eignen sich fürs Crowdfunding und welche eher nicht?
Die besten Chancen haben Storys mit einer klaren Idee, einem besonderen Zugang. Zweitens solltest Du von Deiner Geschichte persönlich überzeugt sein, diese Leidenschaft auch vermitteln und Kompetenz nachweisen können. Und drittens – vielleicht der wichtigste Punkt – braucht die Story eine Community, eine Gruppe von Leuten, die sie wichtig oder interessant findet. Diese Crowd kann auch klein und speziell sein. Das ermöglicht Storys, die in Zeitungen, Magazinen oder Sendern keine Chance hätten, weil sie nicht massenkompatibel sind. Nicht geeignet sind Projekte, bei denen es allzu offensichtlich nicht darum geht, eine tolle Idee zu verwirklichen, sondern irgendwie an Geld zu kommen. Das sind sogenannte Finanzier-mein-Leben-Projekte: Ich brauch ’ne neue Kamera, ich möchte gerne mal wieder was in New York machen, ich brauche Zeit, um mal gründlich über alles nachzudenken und so weiter.

Was passiert, wenn ich als Autor eine Geschichte bei Euch einstellen will?
Wenn Du ein Projekt bei Krautreporter finanzieren möchtest, musst Du zunächst zwei Kriterien erfüllen: Du verpflichtest Dich, dass Dein Projekt grundlegende journalistische Regeln der Wahrhaftigkeit, Unabhängigkeit und Transparenz respektiert, und Du Dich an die Grundsätze des Pressekodex gebunden fühlst. Und wir nehmen nur Projekte mit einem klaren Ziel – das konkrete Ergebnis Deines Projekts musst Du auf Deiner Projektseite veröffentlichen, um Deinen Unterstützern nachzuweisen, dass Du Deine Versprechen gehalten hast. Klingt vielleicht kompliziert, ist aber ganz einfach: Du klickst auf Starten, beschreibst Dein Projekt, stellst Fotos und ein Video online, legst Finanzierungsziel und Deadline fest, bietest Prämien an und speicherst schließlich das Projekt. Krautreporter entscheidet innerhalb von ein paar Tagen, ob das Projekt die Voraussetzungen erfüllt. Wahrscheinlich rufen wir Dich auch an und besprechen Details. Dann geht Dein Pitch online und Deine Kampagne kann losgehen.

Warum sollte ich das bei euch machen, es gibt doch auch andere Plattformen?
Jede Plattform steht für eine Community, eine bestimmt Zielgruppe. Und bei Krautreporter gibt’s Journalismus. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich die Besucher wirklich für Dein Projekt interessieren, wenn sie von Freunden und Bekannten auf ein Krautreporter-Projekt aufmerksam gemacht worden sind. Wir bemühen uns sehr, dass die Marke Krautreporter schon bald für tollen, berührenden, harten Journalismus steht, auch für neuartige Geschichten und Formate, die uns auf der Suche nach der Zukunft des Journalismus voran bringen.

Was passiert dann mit den Geschichten? Werden die auch bei Euch veröffentlicht oder verkauft der Autor sie anschließend an ein klassisches Medium?
Die Reporter verpflichten sich, das Ergebnis ihrer Arbeit auf Krautreporter zu veröffentlichen – einfach um zu beweisen, dass sie ihre Zusagen ihren Unterstützern gegenüber auch eingehalten haben. Darüber hinaus behalten sie sämtliche Rechte an ihrer Arbeit und veröffentlichen sie, wo sie wollen – bei Zeitungen, Sendern, auf der eigenen Webseite.

Und warum betreibt Ihr das Portal? Woran verdient Ihr?
Wir berechnen Reportern fünf Prozent der Finanzierungssumme, sollte ihr Projekt erfolgreich sein. Ist das Projekt nicht erfolgreich, entstehen auch keine Kosten. Mit diesen Einnahmen decken wir die Entwicklungs- und Serverkosten und den ganzen Kleinkram, der eben zusammenkommt. Unser Motivation ist aber, etwas zu unternehmen, das neuen Journalismus ermöglicht. Wir weigern uns, weiter die seit vielen Jahren immer gleichen Argumente auszutauschen und nichts tuend, aber Händer ringend dem Schwinden der Strukturen zuzusehen, die bisher Journalismus ermöglicht haben. Allen ist doch klar: Journalismus wird anders sein, möglicherweise von anderen betrieben und anders finanziert werden. Krautreporter ist ein Vorschlag, ein Experiment. Wir fragen die Journalisten, Fotoreporter und Dokumentarfilmer da draußen: Was ist die Geschichte, die Du immer schon machen wolltest?

Was ist eigentlich eine Webreportage?

Natürlich kann man im Web gute Reportagen erzählen. Man hat Töne, Bilder, Filme zur Verfügung und kann mit ihrer Hilfe den Text anreichern, Eindrücke greifbar und Geschichten lebendig werden lassen. „Multimedia“ ist das Schlagwort für diese Art der Erzählung, die Slideshows und Videos produziert, die häufig den Titel „Webreportage“ tragen. Der Reporter-Preis sucht unter diesem Titel jedes Jahr preiswürdige Geschichten, die aktiv die Möglichkeiten des digitalen Erzählens nutzen (gerade sind die Nominierungen für das Jahr 2012 veröffentlicht worden).

In diesem Jahr haben mich die Initiatoren eingeladen, in der Vorjury die eingereichten Webreportagen zu bewerten. Gemeinsam mit Richard Gutjahr, Ole Reißmann und Ariel Hauptmeier habe ich mich durch bewegende, spannende und leider manchmal auch erwartbare Multimedia-Erzählungen geklickt. Das war erstaunlich und erfreulich, es hat aber auch ein Defizit offengelegt: die interaktive Dimension des Web geht den meisten dieser Webreportagen ab. Sie verstehen sich als Mulitmedia-Erzählform, die oft auch über einen Fernsehkanal verbreitet werden könnte. Das Einzigartige, das nur im Web möglich ist – nämlich mit dem Leser zu reden, Geschichten fortzuentwickeln und zu verändern – nutzen sie in den seltensten Fällen.

Warum ist das so? Warum sind Beispiele wie die Live-Reportage von Michalis Pantelouris oder das Losgehen von Richard Gutjahr während des Arabischen Frühlings so selten? Warum verstehen wir Web-Reportage immer von ihrem Resultat und so selten von ihrem Prozess her? Warum rücken wir den Reporter, der im Web ja zur greif- und ansprechbaren Figur wird, nur in Seminaren und Vorträgen in den Mittelpunkt, aber so selten in seinen eigenen Geschichten?

Ich habe diese Fragen im Rahmen der Vorjury-Sitzung thematisiert. Ich habe vorgeschlagen, den Preis umzuwidmen und einen Webreporter/Webreporterin auszuzeichen, der seine Arbeit offenlegt, der ansprechbar wird und der seine Experimente dokumentiert. Denn hier liegt – nicht nur weil ich es gerade auf einem anderen Feld probiere – die Chance für das digitale Erzählen: die Möglichkeiten des interaktiven Web zu nutzen. Dass es dabei weit weniger um Selbstdarstellung geht als Kritiker annehmen mögen, zeigen diese beiden Beispiele, die Paul Lewis vom Guardian in diesem TED-Talk darlegt. Für mich sind auch diese Geschichten genau das: Webreportagen.



Wer die Möglichkeiten der Recherche im Web nutzt (wie in der Guardian-Geschichte), wer (wie Michalis in der Live-Reportage) den Leser in Echtzeit am Scheitern und Gelingen seiner Arbeit teilnehmen lässt, wer sich auf den Weg macht und mit den Mitteln des Netzes (wie Richard es in Ägypten getan hat) erzählt, was er erlebt – wer also das Web in seinen Möglichkeiten nutzt, der schafft eine gute Webreportage. Denn das Netz verflüssigt die Reportage und erweitert sie um ihren Verfasser. Das Netz schafft so mehr Möglichkeiten, die es abzubilden – und womöglich auch auszuzeichnen gilt. Denn Preise sind ja nicht nur Lob, sie sind auch Ansporn, Dinge neu zu denken. Deshalb freue ich mich, dass ich vom Reporter-Forum (und auch der Vorjury) Signale erhalten habe, im kommenden Jahr vielleicht tatsächlich, den Preis für einen Webreporter/Webreporterin zu vergeben.

Für dieses Jahr aber zunächst mein herzlicher Glückwunsch an die nominierten Webreportagen für das Jahr 2012 – die Jury wird am 3. Dezember ermitteln, wer schlussendlich ausgezeichnet wird:

>> Anne Backhaus /Roman Höfner: Japan – Ein Jahr nach der Katastrophe

>> Manuel Bauer / 2470media: Flucht aus Tibet

>> Fabian Biasio / Michael Hagedorn: Auf den Everest

>> Uwe H. Martin: Killing Seeds

>> Annika Bunse / Julius Tröger: DDR-Flüsterwitze

>> Joanna Nottebrock: Von Griechenland nach Deutschland

>> Robert Schöffel/ Max Hofstetter: „Auch in meinem Leben gibt es Lärm“

>> Marc Röhlig: Die Unperfekten

>> Amrai Coen / Bernhard Riedmann, Nicht von Gott gewollt

>> Ralph Sondermann / Bernd Thissen Mobile Blues Club


Update: Der Kollege Matthias Eberl hat auf meinen Eintrag reagiert – hier nachzulesen. Matthias war nicht nur gemeinsam mit mir in der Journalistenschule, er ist vor allem Mitglieder der Jury des Reporter-Forums, die über die Gewinner entscheidet!

Das Beispiel Bon Iver

Was wird das nur für eine Welt, in der jeder publizieren und öffentlich kreativ sein kann? Das ist schon eine sehr tolle Welt! So möchte man mit Bon Iver antworten, dessen #stemsproject gerade auf wunderbare Weise zeigt, dass die Demokratisierung der Publikationsmittel keineswegs den Tod der Kreativität/der Kunst/des Pop zur Folge haben muss. Wenn wir alle Künstler und Urheber sind, stechen besondere Künstler vielleicht auch dadurch hervor, dass sie nicht selber Neues produzieren, sondern auswählen können. Ich habe darüber unlängst mit Moritz Eggert gesprochen (der das hier sehr lesenswert verarbeitet hat) und dazu gestern einen interessanten Text von Tim O’Reilly verlinkt.

Anfang August hatte Bon Iver seine Fans aufgefordert, neue Versionen seiner Songs zu erstellen: Crowdsourcing Remixes sozusagen. Diejenigen Fans, die dazu musikalisch/technisch in der Lage sind, waren also aufgefordert, in eine besondere Form der Interaktion mit ihrem Idol und dessen Musik zu treten. Sie sollten dessen Musik verändert: Das Produkt seines Schaffens einer Variation unterziehen!

Was nach klassischen Vorstellungen von Kunst und Künstlerbildern wirkt wie Gotteslästerung wurde ein sehr erfolgreiches Versions-Projekt. Fans veränderten die Songs und Bon Iver wählte seine Lieblings-Varianten aus. Weil die Angebote Spotify und IndabaMusic mit im Boot waren, gab es neben der handverlesenen Auswahl auch noch ein Preisgeld. Zu den Möglichkeiten, die gerade Spotify für Musiker bieten kann, hier ein interessanter Text, der die App der britischen Band Blur auf Spotify untersucht. Im Fall von Bon Iver hat mich der Streamingdienst allerdings enttäuscht. Die auf dem exklusiven Spotify-Album versammelten Varianten-Songs sind für mich mit deutschem Account irgendwie nicht zu hören. Deshalb klicke ich mit mühsam durch die Sieger-Seiten bei IndabaMusic, da kann man nämlich alles hören.

Wer wissen will, wie diese Aktion ankommt, muss nur mal dem Hashtag #stemsproject auf Twitter folgen. Dort ergeben sich nicht nur interessante Einblicke in das aktuelle Projekt. Man sieht dort auch, was es bedeuten kann, wenn ein Künstler seine Kunst nicht als Produkt, sondern als Prozess versteht. Wenn er Versionen zulässt und fördert. Allein deshalb wird Das Beispiel Bon Iver sicher auch in meinem geplanten Buchprojekt Eine neue Version ist verfügbar Verwendung finden.

Es ist aber auch ein schönes Bespiel dafür, wie sich auch das Selbstverständnis eines Journalisten verändern wird. Dazu hat Mark Deuze im Rahmen Neo Journalism Konferenz in Brüssel gestern eine interessante Keynote gehalten, in der er die These aufstellt: “Everybody is a journalist now.”

Mit den Versionen von Bon Iver im Ohr, kann man sich vorstellen, was, das heißen kann.

Im wilden Raum!

Ein sehr glücklicher Zufall hat mich in dieser Woche mit Moritz Eggert zusammengebracht. Der Zufall heißt Andreas Bick, der uns für das das Projekt pasted interviewte, das am 13. Oktober 2012 im DeutschlandradioKultur ausgestrahlt wird. Diesen Termin sollte man sich notieren, weil Moritz Eggert sehr interessante und spannende Dinge zu erzählen hatte.

Wir sprachen über Verflüssigungs-Ideen, über Mashups, Shreds und die Möglichkeit von Kunst in Zeiten der Digitalisierung. Erstaunlich war an dem Gespräch, dass wir – obwohl aus unterschiedlichen Ecken der Kultur kommend – erstaunliche Überschneidungen festgestellt haben. Ich notiere das hier, weil Moritz bereits über unser Treffen geschrieben hat und die Idee des Auswählens und Kuratierens direkt in die Tat umgesetzt (dazu hier übrigens ein Interview) und den The Wire-Nachfolger „Tremé“ ausgewählt und empfohlen hat!



Ich will das Gespräch aber auch deshalb festhalten, weil ich Moritz Eggert einen Begriff zu verdanken habe, der erstaunlich gut beschreibt, worum es mir beim Loben der Kopie geht. Moritz hat von einem „wilden Raum“ gesprochen, in dem Referenz- und Bezugskultur möglich sein muss, um Kreativität zu fördern und Neues zu ermöglichen. Er beschreibt damit den Raum, in dem Warhol die Suppendose kopieren durfte, ohne dafür belangt zu werden. Er beschreibt damit den Raum, in dem Künstler Texte vertonen durften, ohne Lexikon-dicke Anträge bei Verwertern, Verwertungsgesellschaften und Urhebern abzugeben.

Kurzum: Mit dem Begriff des „wilden Raumes“ beschreibt er die Keimzelle unserer Kreativität, die mithilft, aus dem, was wir erleben und wahrnehmen, Neues entstehen zu lassen. Technisch ist es in den vergangenen Jahren sehr einfach geworden, diesen Raum zu betreten. Juristisch hingegen ist es immer komplizierter geworden. Ein Dilemma, das wir endlich lösen sollten!

Vermutete Mehrheitsmeinungen

Stefan Raab will eine politische Talkshow machen. Am späten Sonntag abend – in Konkurrenz zum ARD-Flagschiff „Günther Jauch“. Raab will dabei einen anderen Weg gehen als die ARD, die neben Jauch noch vier andere Talkshow-Moderatoren (mit gleichem Konzept) beschäftigt. Der Sender ProSieben und sein Moderator Raab wollen die Sendung mit einer kompetitiven Spielkomponente verbinden: Die Diskutanten – „drei Berufspolitiker, ein Promi und ein Normalbürger“ – wetteifern um die Gunst des Publikums und um 100.000 Euro Siegprämie. Es sollen vier unterschiedliche Themen je Sendung debattiert werden, die jeweils mit einer Abstimmung abgeschlossen werden. Die Diskutanten müssen somit Mehrheiten hinter sich vereinen. Wer die „Absolute Mehrheit“ (so der Sendungstitel) hinter sich vereint, gewinnt.

Laut kress.de hat sich ARD-Chefredakteur Thomas Baumann zu diesen Plänen geäußert. Thomas Baumann befürchtet, die ausgesetzte Geldprämie könnte die Vorstellung von Politik verändern:

„Es besteht die Gefahr, dass Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln.“

Das sagt der Mann, der wenn ich das richtig sehe, verantwortlich ist für die Werbesendung Talkshow über das Buch „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer, die Jauch vergangenen Sonntag veranstaltete. Damals hatte man Nilz Bokelberg als Studiogast geladen, der aber nach reiflicher Überlegung absagte. Seine Position als Vertreter einer jungen Generation (aus ARD-Perspektive heißt das offebar „unter 50“) blieb so unbesetzt. Es diskutierten also vier Menschen über 50 die „vermeintliche Mehrheitsmeinung“, die da lautet: „Das Internet macht dumm.“

Es wäre mir egal, was Thomas Baumann zu Stefan Raab meint, wenn ich mich an dem genannten Abend nicht genau darüber geärgert hätte, wie – um es mit den Worten von Thomas Baumann zu sagen – „Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln“.

Manfred Spitzer liefert den willkommenen Anlass, schwer benennbare und kaum begründbare Ängste der Bevölkerung noch zu schüren. Ich will die Inhalte dieser anstrengenden und wenig zielführenden Debatte hier nicht wiederholen (wer sich dafür interessiert findet in Christian Schiffers kleinen Geschichte des Kulturpessimismus und in Martin Lindners Zwischenbilanz zu Spitzers “Digitale Demenz” ausreichend Argumente). Ich will nur meinen Ärger darüber festhalten, dass nun plötzlich vor einer vermuteten Mehrheitsmeinung gewarnt wird, wo es allein beim Thema Internet nicht geglückt ist, eine vermutete Mindermeinung überhaupt nur abzubilden.

Anders formuliert: Wie traurig ist es eigentlich, dass die ARD sich jetzt von ProSieben zeigen lassen muss, wie man eine politische Talkshow anders gestalten kann? Für all diejenigen, die in unterschiedlichen Formaten versuchen, die ARD zu verjüngen, muss das sehr deprimierend sein. Allein weil sie – so scheint es nach diesen Meldungen – eine vermutete Mindermeinung in der ARD vertreten, gilt es, sie zu stärken.

Our future is on to social! Was bitte soll das denn heißen?

“We have people who understand print very well, the best in the business. We have people who understand advertising well, the best in the business. But our future is on to video, to social, to mobile. It doesn’t mirror what we’ve done. It broadens what we are going to do.”

Mit diesen Worten beschreibt Arthur Sulzberger Jr. seine Entscheidung, den ehemaligen BBC-Chef Mark Thompson zum Chef der Zeitung New York Times zu machen. Darin enthalten sind mehrere bedeutsame Aussagen zu der Frage, wie Medien in einer digitalisierten Welt funktionieren werden.

1. Zeitungen sind Medienhäuser
In der Ankündigung sucht man ein Wort vergebens. Weder Sulzberger noch Thompson selber sprechen von einer Zeitung, wenn sie von der Zukunft der New York Times sprechen. Sie skizzieren die Zukunft einer glaubwürdigen Quelle, die auf unterschiedlichen Kanälen kommuniziert. Sie sprechen von einem Medienhaus.
Das ist nicht neu, auf Podien wird diese Haltung seit Jahren erläutert. Aber wird sie auch umgesetzt? Werden Journalisten für die Arbeit in einem Medienhaus ausgebildet oder lernen sie nicht vielmehr, bei einem Radio- oder Fernsehsender zu arbeiten? Haben sie Vorbilder, die wenn auch nicht für unterschiedliche Kanäle produzieren, so doch zumindest in dieser neuen Medienrealität denken?
Die Entscheidung der New York Times, einen ehemaligen Fernsehjournalisten und Direktor eines Rundfunkhauses zum neuen Chef zu machen, setzt dies um. Thompson soll die New York Times in einer Welt platzieren, in der die Unterscheidung zwischen den Ausspielkanälen obsolet geworden ist. Relevant ist die Absendermarke, nicht der Verbreitungsweg.

2. Medienhäuser sind Sender
Zeitung und alle anderen Medien werden somit in erster Linie zu Sendern, die Inhalte verbreiten – auf unterschiedlichen Wegen. Dieser erste gedankliche Schritt scheint offensichtlich, ist aber bedeutsam. Daraus folgt nämlich, dass eine der wichtigeren journalistischen Funktionen die des Verbreitungsmanagers sein wird. Mit diesem (von mir gerade erfundenen) Begriff wird eine Tätigkeit zu beschreiben sein, die mir bisher noch nicht flächendeckend als Job-Profil bekannt ist: eine Kollegin oder vermutlich eher ein ganzes Team, das auf der Schnittstelle aller Ressorts arbeitet und die Entscheidung über die richtige Verbreitung eines Inhalts trifft. Welche Meldung muss textlich und schnell im Web verbreitet werden? Welcher Inhalt taugt für einen Videohintergrund? Zu welchem Ereignis bietet sich eine Info-Grafik an? Wo ist ein ausgeruhtes Essay angebracht? Und was posten wir wie auf Facebook?
Antworten auf diese Fragen werden künftig aus einem Distributionsteam stammen, das sich (wie ein CvD eines Printmagazins), sehr gut mit Verbreitungswege und deren Spezifika auskennt.
Lehrbeispiele für eine solche Einheit könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefern. Insofern ist die Entscheidung für Thompson durchaus nachvollziehbar. Die BBC verfügt über Inhalte und musste Wege finden, deren Verbreitung zu organisieren (siehe iPlayer). Gibt es entsprechende Beispiele auch in Deutschland? Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an herausgehobener Stelle, was es bedeuten kann, Sender in einem digitalen Umfeld zu sein?

3. Medienhäuser sind Empfänger
Die New York Times selber hat im vergangenen Jahr in einer Studie ihre neue Rolle mit dem Slogan „From Broadcaster to Sharecaster“ überschrieben. Denn es geht in digitalen Räumen keineswegs einzig darum, trimediales Denken zu ermöglichen. Es geht darum, das digitale Ökosystem als einen Raum zu erkennen, in dem Sender gleichzeitig auch Empfänger sind (und auch umgekehrt). Wer glaubt, Trimedialität bereite Medienhäuser auf die Zukunft vor, bleibt nach dem ersten Schritt stehen. Nur über unterschiedliche Ausspielwege nachzudenken, unterschätzt die Möglichkeiten dessen, was Sulzberger als „social“ in seiner Ankündigung beschreibt.
Und das ist ja das wirklich Erstaunliche an der Ankündigung, einer der weltweit wichtigsten Zeitungsmenschen erklärt: Die Zukunft der Zeitung liegt in Video, im Mobilen (das kann man sich irgendwie ja vorstellen) und im Sozialen. Was bitte soll das denn heißen?

4. Die Zukunft liegt im Sozialen
Das heißt, dass Publikation zu Kommunikation wird. Dass Medienhäuser (und vor allem auch deren Mitarbeiter) lernen müssen werden, nicht ausschließlich in Form von Megafon-Ansagen zu kommunizieren, sondern auch im Dialog. Dafür ist ein kultureller Wandel nötig, der tiefgreifender ist als die Ausrichtungsänderung einer Zeitung hin zu einem Anbieter, der auch Videos sendet. Dieser Wandel betrifft die Rolle des Journalisten, die Art, wie er seine Autorität herleitet und damit die Grundlage für die Entscheidung eines jeden Lesers/Zuschauers, ihm oder ihr Aufmerksamkeit oder sogar Geld zukommen zu lassen.

Wenn Sulzberger sagt „our future is on to social“ heißt das nicht einzig, dass er Twitter oder Facebook wichtig findet. Es heißt vor allem: Journalismus im digitalen Raum muss kommunizieren lernen. Es heißt, wir müssen die Grundlagen unseres Berufs neu und anders denken. Und das ist vermutlich weitaus komplizierter als eine neue Technologie oder ein verändertes Redaktionssystem zu bedienen: ein neues Denken zu erlernen.

Die Entscheidung für Mark Thompson bei der New York Times zeigt, dass die Debatte über dieses andere Denken keine abstrakte Zukunftsversion ist, sondern konkret umgesetzt wird. Genau jetzt.