Wie wird man Community-Manager bei Zeit-Online? Ein Interview

Die Kollegen von Zeit Online suchen einen Community Manager; jemanden, der oder die „bereits berufliche Erfahrungen in der Moderation von Online-Foren gesammelt“ hat und „über eine journalistische Ausbildung“ verfügt. Da ich mich hier und da bereits mit der Frage befasst habe, wie gutes Community-Management funktioniert und wie man es erlernen kann, habe ich Christoph Dowe (Geschäftsführender Redakteur und Stellvertretender Chefredakteur von Zeit Online) zu der Stellenausschreibung befragt. Denn zum einen kann man gerade in den Foren deutscher Print-Titel Defizite beim Community-Management erkennen und zum anderen halte ich viel von der These, dass gerade in ihrer Community die Zukunft der Zeitung im Netz liegen könnte.

Ihr seid auf der Suche nach einem neuen Community-Manager. Die wichtigste Frage (neben relevanten Details wie Bezahlung etc.) ist die nach den Erfolgsbedingungen. Damit der neue Community-Manager erfolgreich sein kann, muss er/sie wissen, was Ihr Euch von der Community erwartet. Deshalb: Warum gibt es eine Zeit-Community?
Zeit Online-Leser zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie meinungsstark und diskutierfreudig sind. Viele unserer Leser empfinden sich nicht als Zaungäste des Weltgeschehens, sondern als Menschen, die in ihrem Umfeld gesellschaftlichen Einfluss ausüben, egal wie groß oder klein. Sie wollen deshalb auch auf Zeit Online nicht nur passiv Nachrichten konsumieren, sondern eigene Perspektiven und Interpretationen einer Nachricht beisteuern. Als Redaktion profitieren wir oft davon. Die Rückmeldungen unserer Leser sind nicht immer angenehm, aber helfen uns jeden Tag, besser zu werden. Wir veröffentlichen deshalb auch regelmäßig Artikel unserer Leser und präsentieren Leserzitate auf der Homepage.

Welche Zielvorgaben leitet Ihr daraus fürs Community-Management ab?
Wir wollen, dass Zeit Online sich zu Deutschlands führender Plattform für gute Debatten entwickelt. Wenn man eine Debattenplattform betreibt, muss man sich ja entscheiden, weshalb man sie eigentlich betreibt. Will man maximale Reichweite und Pageviews oder maximale Qualität? Die beiden Ziele stehen in Widerspruch zueinander. Wer also primär eine Debattenplattform betreibt, um Reichweite aufzubauen, ist versucht, sehr lax bis gar nicht zu moderieren, wie es ja derzeit bei vielen großen Portalen zu beobachten ist. Wer dagegen maximale Qualität will, muss nicht nur straff moderieren und in gute Moderatoren investieren, sondern auch sicherstellen, dass die Redakteure genügend Zeit haben, um sich immer wieder an Debatten mit Lesern zu beteiligen. Von unseren Community-Managern erwarten wir, dass sie mit unseren Lesern auf Augenhöhe kommunizieren können, ohne sich anzubiedern oder belehrend aufzutreten. Gleichzeitig müssen sie auch bereit und in der Lage sein, im Umgang mit Extremisten oder Pöblern sofort die nötige Härte zu zeigen, damit die Debatte der anderen Leser keinen Schaden nimmt. Es hat sich auch bewährt, dass unsere Community-Redaktion die anderen Redakteure regelmäßig auf interessante Debatten hinweist und zur Teilnahme motiviert. Auch für unsere tägliche Themenplanung ist es wichtig, dass unser Community-Redakteur uns auf Anfragen, Kritik oder Themenvorschläge unserer Leser hinweist.

In der Ausschreibung wird vom „richtigen Ton“ gesprochen. Wie soll der klingen?
Die Community, aber auch die Redaktion, haben einen Anspruch darauf ernst genommen zu werden. Die Community-Redaktion muss sachlich, engagiert, intelligent, überzeugend und zum richtigen Zeitpunkt auch begrenzend auftreten. Man braucht ein dickes Fell und muss doch hochaufmerksam sein, um zum richtigen Zeitpunkt in Debatten einzusteigen. Keine leichte Aufgabe und ein seltenes Persönlichkeitsprofil.

Es gibt Menschen, die sagen: Wenn jeder Autor/Redakteur die Kommentare unter seinem Text im Blick behält, braucht man gar kein Community-Management. Warum stellt Ihr dennoch einen Mitarbeiter/in genau für dieses Themengebiet ein?
Ich sehe das ähnlich. Ohne debattierfreudige Redakteure wird man keine erfolgreiche Community aufbauen können. Aber: Die Arbeitsbelastung ist für Online-Redakteure sehr hoch. Es ist wichtig, die Redakteure durch einen kompetenten Community-Redakteur zu unterstützen, der viele unserer Leser kennt und einschätzen kann, der eigene Vorschläge für Leserdebatten macht und die Redaktion auf besonders gute Leserartikel hinweist. Gute Community-Redakteure beobachten auch immer wieder die Entwicklung und die Methoden anderer großer Online-Communities im In- und Ausland.

Ein Community-Manager wird in Konfliktfällen zwischen Redaktion und
Leserschaft stehen, wird er/sie bei Euch dennoch ein besseres Standing als ein klassischer Leserbrief-Redakteur haben? Und wenn ja: Wie ist das sicher gestellt?

Ein Community-Redakteur ist gleichberechtigter Teil einer Redaktion. Wir sprechen bei Zeit Online deshalb auch nicht von Community-Mangern, sondern von Community-Redakteuren, weil wir dieser Arbeit für eine genuin redaktionelle, journalistische Tätigkeit halten. Die offene Stelle ist eine Redakteursstelle.

Ein relevantes Themengebiet im Bereich Community-Management ist die
Arbeitszeit: Erwartet Ihr vom neuen Community-Manager, dass er/sie rund um die Uhr in Eurer Community unterwegs ist?

Community-Redaktion in einem nachrichtlichen Umfeld ist kein klassischer nine to five-Job. Das muss jedem bewusst sein, der eine solche Aufgabe übernehmen will.

Da Ihr einen neuen Mitarbeiter/in auf diesem Gebiet sucht, habt Ihr vielleicht einen genaueren Blick auf den Markt geworfen: Gibt es (auch international) Beispiele für besonders geglücktes Community-Management, an denen Ihr Euch bei der Auswahl orientiert?
Ja, ein paar Beispiele haben wir gesehen, aber die Voraussetzungen sind offenbar überall ein wenig anders. Dabei geht es eben nicht nur um die finanzielle Ausstattung, sondern auch um die Verbindung mit den Autoren und den Lesern, um die Integration in Arbeitsabläufe oder darum, mit welchen Nutzern man es so zu tun hat. Jede Community ist ein einzigartiges Ökosystem, das eigene Herangehensweisen verlangt. Das, was wir vorhaben habe ich so an anderer Stelle noch nicht gesehen.

Wer sich intensiver für das Thema „Community Management“ interessiert, dem empfehle ich das gleichnamige Seminar an der Akademie für Publizistik in Hamburg sowie das Weblog von Mathew Ingram (Community Manager bei der Globe and Mail in Kanada). Und ach ja: Der Job bei Zeit Online ist – soweit ich weiß – noch nicht vergeben!

5 Kommentare

  1. Ob die Zukunft von Zeitungen im Netz tatsächlich in der Community liegt? Klar, die „Zeit“ hat eine extrem clevere und gut gebildete Leserschaft – das sieht man auch an den „Widerspruch“-Kolumnen in der gedruckten Zeit und den Ergebnissen des Essay-Wettbewerbs zur Bundestagswahl.

    Aber mein Eindruck ist: eine wirklich gute Community ensteht nur, wenn sie in einem geschützten Bereich (nicht für alle sichtbar) existiert und mit Klarnamen operiert. Erst dann entsteht das Vertrauen und die Ernsthaftigkeit, die man für eine „führende Debattenplattform“ braucht. Wo das fehlt, beherrschen die Trolle das Netz.

    Beispiel: Zum Artikel „Staatssekretäre: Die Köpfe aus der zweiten Reihe“ auf zeit.de schreibt ein Kommentator namens „Opirusman“: „(…) solcher Knallchargen wie Jung,Niebel und Pieper, die wahrscheinlich [als Schwulenmutti, der Begriff wurde von der Redaktion gelöscht] mit Guido auf Tour geht und ihn tröstet“ …

    Der Community-Manager wird jedenfalls eine Menge Arbeit haben!

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