Alle Artikel mit dem Schlagwort “community

Die Medien-Mitgliedschaft

Das da oben ist Philipp Köster. Er ist Chefredakteur des tollen Magazins 11 Freunde. In dem Clip stellt er die Dauerkarte des Magazins vor. Ein Mitgliedsausweis, der das konkret umsetzt, was Alan Rusbridger am Wochenende beim Guardian Open Weekend angekündigt hatte (siehe dazu den sehr lesenswerten Beitrag von Mercedes Bunz in der heutigen Print-SZ): Leser und Nutzer nicht als zahlende Kunden zu verstehen, sondern als Mitglieder einer Gemeinschaft. Jennie Gibson, die mit der US-Version des Guardian Nordamerika erobern möchte, bringt es so auf den Punkt:

We are trying to make [the audience] feel they are part of the international army of Guardian readers.

Spannend sind daran zwei Punkte: Zum einen betont eines solche Mitgliedschaft das Verbindende, das durch die Lektüre einer Zeitung bzw. durch die Zugehörigkeit zu einer Medienmarke entstehen kann (dazu habe ich unter dem Schlagwort Community hier bereits viel geschrieben). Zum anderen ist dies aber auch ein sehr spannender Ansatz für Pay-Modelle. Denn es ist mehr als rein sprachlicher Unterschied, ob man zahlender Kunde und zahlendes Mitglied ist. Am Beispiel der Wikipedia-Spende war diese sprachliche Fassung dessen, was man Geld-Transfer nennen würde, bereits Thema.

Vielleicht hängt Bezahlen im Internet nicht unwesentlich auch davon ab, wie man es nennt? Denn aus anderen Begriffen leitet sich auch eine andere Haltung ab.

Die Debatte über die Debatte im Netz – sechs Thesen

Vielleicht muss man – wenn man über die Debattenkultur im Netz spricht – den schönen Spruch vom Baumhaus einfach nur etwas anders interpretieren. Vielleicht gilt vor allem:

“Wer noch nie im Baumhaus war, versteht einfach nicht, welche Vorschriften funktionieren und welche nicht.”

Die Forderung nach einem Ende der Anonymität, die in den vergangenen Wochen (unter anderem vom deutschen Innenminister) auf die Agenda gebracht wurde, zählt jedenfalls zu denjenigen Vorschriften, die im Baumhaus nicht funktionieren (wie Markus Beckedahl hier sehr gut erklärt hat). Sie krankt zudem allein an der Verbindung zu dem Gewaltverbrechen des norwegischen Terroristen, das den Anonymitäts-Gegnern als Anlass diente. Denn es war ja gerade dessen erklärtes Ziel, mit vollem Namen in der Öffentlichkeit zu stehen. Er ist ja sozusagen ein Gegner der Anonymität im Netz. Die Schreckenstaten aus Norwegen zum Anlass zu der Debatte um Anonymität im digitalen Raum zu nehmen, ist aber aus noch viel mehr Gründen, sinnlos.

tl;dr-Übersicht
1. Pseudonyme sind nicht anonym
2. Pseudonyme verbinden
3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon
6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
(Inspiration via Sascha Lobo )


Baumhaus fotografiert von Patrick M Loeff auf Flickr unter CC-Lizenz

Dennoch muss ich – mit leichtem Zeitverzug – den Ball hier nochmal aufnehmen, denn mich stört vor allem die Verbindung zum Thema Diskussionkultur im Netz, die ebenfalls stets mit der Frage nach Klarnamen in Zusammenhang gebracht wird.

Und spätestens hier sind wir tatsächlich im Baumhaus.

Die Debatte um den Wert der Debatte im Netz wird vor allem von Menschen geführt, die offenbar selber nicht an Debatten im Netz teilnehmen. Denn ein paar Dinge sehen in dem Baumhaus durchaus anders aus als wenn man nur von unten versucht Einblick zu nehmen.

Zur Klärung deshalb hier sechs Thesen zur Debattenkultur im Netz


1. Pseudonyme sind nicht anonym

Es ist mehr als ein sprachlicher Unterschied: Wer unter erfundenem Namen im Netz diskutiert, ist nicht anonym. Wer sich jemals in ein Baumhaus begeben und dort womöglich sogar mitdiskutiert hat, wird wissen, dass niemand den Personalausweis-Namen “Hans Müller” benötigt, um von anderen wiedererkannt zu werden. Es ist einfach falsch zu behaupten, sternchen82 flüchte sich in die Anonymität oder stehe nicht zu dem, was sie sagt. Wer Gespräche mit ihr geführt hat, wird wissen, wer sternchen82 ist – ohne die Adresse und den vollen Namen zu kennen. Und sternchen82 steht sehr wohl zu dem, was sie sagt – sie betritt den Diskussionsraum ja genau deshalb jedes Mal wieder unter diesem Namen.

Menschen wählen (in Netz-Debatten) Pseudonyme, weil sie einen Bezug zum Personalausweis vermeiden möchten, aber nicht weil sie nicht erkannt werden wollen. Der überwiegende Teil der Diskutanten will ja gerade in der Debatte Bezüge herstellen und auffindbar sein, deshalb gibt es Pseudonyme. Zu glauben, nur durch klassische Vor- und Nachnamen entstehe eine Debatte, ist genauso falsch wie es falsch ist, die Minderheit der böswilligen Trolle zum Maßstab für Netzdebatten zu machen. Wer jemals selber eine Debatte geführt hat, würde beides nicht tun.

Gespräch fotografiert von harry f auf Flickr unter CC-Lizenz

2. Pseudonyme verbinden
Die häufig pauschal als böse (weil niveaulos) gescholtenen Foren zeichnet etwas aus, was den Debatten unter Zeitungsartikeln häufig fehlt: die Verbindung zwischen den Diskutanten. Wer sich z.B. in ein Fachforum begibt, teilt ein gemeinsames Interesse. Häufig erkennt man diese Gemeinsamkeiten auch an der Wahl der Pseudonyme und an den Zitaten, die einzelnen Forenbeiträge häufig abschließen. Darüber und über die Art, wie Diskutanten ein Profil-Bild wählen, erfährt man mehr über die jeweiligen Personen als über das Wissen, das sich “Hans Müller” hinter diesem Beitrag verbirgt.
Seinen Namen wählt niemand selber, Pseudonyme hingegen schon. So liefern sie Gesprächsanlässe und sind vor allem Teil der Verbindung, die für Kommunikation notwendig ist.


Talk fotografiert von gin_able auf Flickr unter CC-Lizenz

3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
Warum reden wir überhaupt miteinander? Wer auf diese Frage keine Antwort hat, wird niemals zu einer geglückten Kommunikation gelangen. Denn Dialog entsteht nur, wenn man eine gemeinsame Sprache spicht, wenn man eine verbindende Haltung hat oder wenn zumindest eine gegenseitige Abneigung vorliegt, die dann ja auch ein einendes Element sein kann.

Kathrin Passig hat unlängst auf die hinderliche Vorstellung zahlreicher Journalistinnen und Journalisten hingewiesen,

es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode.

Und daraus den Schluss gezogen:

In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich.

Ich glaube, man kann dieses Glaubenssystem nur durchbrechen, wenn man die verbindende Haltung in den Mittelpunkt rückt. So wie Magazin-Macher sich einen Slogan für ihr Heft ausdenken, müssen im Netz publizierende Journalisten eine Antwort darauf finden, was die unter ihren Texten diskutierenden Menschen eint. Sie müssen sich die Frage stellen: “Warum kommentieren die hier?” und daraus Schlüsse ziehen. Vor allem müssen sie ein positives Bild davon formen, wie sie die Debatte denn gerne hätten. Wie Print-Magazinmacher sich die Frage stellen, für wen sie ein Heft machen (und für wen nicht), müssen Netzpublizisten die Frage stellen, wessen Kommentare sie wünschen und wessen Kommentare eben nicht. Und am Ende sind sie dann in der Lage einen Slogan zu formulieren, der wie Werbung für die eigenen Kommentarbereiche funktioniert.

4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
Bisher ist die Klage über die mangelnde Qualität der Internet-Diskussionen oft darauf beschränkt, festzustellen, welche Kommentare man nicht möchte. Aber ohne das positive Beispiel wird sich keine Haltung formen lassen, die wie der Slogan eines Magazins, ein Drinnen und ein Draußen definiert. So wie das gemeinsame Interesse der Nutzer eines Fachforums dafür sorgt, dass zum Beispiel Angel-Freunde nicht plötzlich über die Vorteile eines 16-Zylinders diskutieren müssen, würde eine verbindene Community-Haltung auch aus dem Ruder laufende Netz-Debatten befrieden können. Denn an einem Ort, den die Diskutanten als ihren eigenen verstehen, setzen sie sich selber zur Wehr, wenn Störenfriede eindringen. Für die Ordnung an einem Ort, der ohnehin nicht gepflegt wird, fühlt man sich hingegen erstmal nicht zuständig.

Damit eine solche Gemeinschafts-Haltung entstehen kann, ist es unabdingbar notwendig, die gesichtslose Leserschaft als Community zu denken, die sich nicht einzig über Inhalte versammelt, sondern auch über Funktionen – wie zum Beispiel Leserkommentare.


5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon

Aber auch die profesionellen Akteure müssen aus der Gesichtslosigkeit heraustreten. Journalistinnen und Journalisten müssen als Menschen aktiv in den Dialog eintreten, sonst wird dieser nicht gelingen. In dem Text Kommunikationskultur: Beherrsche dich, Nutzer! schildert ein Spiegel-Online-Autor wie er dann und wann die Leserpost Ernst nimmt, die ihn erreicht:

Manchmal mache ich mir den Spaß und beantworte so eine Schmiererei. Meistens beginnt meine Mail mit diesem Satz: “Sehr geehrter Herr XYZ, vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik, aber…” Nicht selten folgt darauf eine Antwort, die so klingt: “O sorry, wer ahnt denn, dass das jemand liest.”

Wenn die kommentierenden Leser nicht mal ahnen, dass sie gelesen werden, wird ihnen umgekehrt nur schwer zu vermitteln sein, warum sie sich in dem, was sie schreiben, an Anstandsregeln halten sollen. Geschweige denn, warum sie mithelfen könnten, den Anstand in einem Diskussionsforum zu wahren. Diese Ahnung jedoch wird sich nur vermitteln, wenn man als Journalist antwortet.

Dazu muss man vielleicht die These von Heribert Prantl wörtlich nehmen, der schrieb, das Blog eines Journalisten sei seine Zeitung, sein Magazin oder sein Sender:

In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger. Der Blog des professionellen Journalisten heißt FAZ oder SZ, Schweriner Volkszeitung oder Passauer Neue Presse, Deutschlandfunk oder Südwestradio. Der sogenannte klassische Journalist hat dort seinen Platz, und er hat ihn in der Regel deswegen, weil er klassische Fähigkeiten hat, die ihn und sein Produkt besonders auszeichnen.

Wenn die in der Art bloggenden Journalisten dann auch mit Leserkommentaren und Bezügen umgingen, wie es Blogger gewöhnlich tun: es entstünde ein etwas anderes, womöglich debattenfreundlicheres Klima.

Vergangene Woche jedenfalls lieferten sich die beiden Feuilletonisten Steinfeld und Seidl in der SZ und in der FAS ein durchaus amüsantes Duell, das etwa so ging: Steinfeld schrieb in der SZ über Charlotte Roches neues Buch (er findet es nicht gut), Seidl tat gleiches in der FAS (er findet es besser), stichelte dabei aber gegen den Kollegen und dessen Ausführungen über Sex. Man kann das leider im Netz nicht nachverfolgen, weil Seidls Besprechung nicht online steht. Stünde sie im Netz und würde sie wie ein Blog behandelt, man hätte unter den Texten (neben anderen Kommentaren) die Bezüge (Backlinks) der beiden Journalisten lesen können. Womöglich hätten sie sogar in den Kommentarfeldern weiter gestichelt – und den Lesern, die vielleicht auch kommentieren wollen, so ein positives Beispiel fürs Kommentieren gegeben. Sie hätten deren Fragen beantworten können und einem wirklichen Dialog den Weg ebenen können.


Freundschaft fotografiert von TrevinC unter CC-Lizenz auf Flickr.

6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
Für einen solchen Dialog sind Klarnamen übrigens in Wahrheit ganz und gar nicht wichtig. Das Beispiel mit der vermeintlich verbesserten Kommentarqualität auf Facebook darf nicht täuschen. Johannes Kuhn hat bereits auf den Fall Manuel Neuer hingewiesen, der auf Facebook mit Klarnamen-Kommentaren zu kämpfen hatte, die man bei Besinnung nicht mal völlig anonym schreiben würde. Dazu kam es, weil die dergestalt Schimpfenden in ihrer sozialen Gruppe (auf Facebook “Freunde”) womöglich sogar Unterstützung für ihren Neuer-Hass zu erwarten hatten. Und in dieser sozialen Gruppe liegt der Schlüssel für die Qualität von Kommentaren (ja auch für den Mangel). Denn nur in der Gruppe muss ich für Aussagen gerade stehen (egal, ob mit Pseudonym oder Personalausweis-Namen). Wenn Leser aber das Gefühl haben, ihre Kommentare würde nicht mal gelesen, funktioniert auch keine Gruppen-Kontrolle. Völlig egal, unter welchem Namen sie schreiben.

Mehr zum Thema:

>> Danah Boyd über “Real Names” Policies

>> Johannes Kuhns Kommentar zur Anonymitäts-Debatte

>> eine Übersicht der Kommentare, die Gott in seinem Schöpfungsblog bekäme

>> Der Online-Talk auf Dradio-Wissen.

>> Die Klarnamen-Debatte bei Breitband

>> Kathrin Passig über den Salon der schlechten Laune.

Um die Debattenkultur also zu heben, muss es gelingen, Gruppen zusammenzuführen. Leserschaften zu formen. Communitys zu bauen. Das ist keineswegs so neu, wie es klingen mag. Zeitungen funktionieren seit jeher nach diesem Prinzip. Hier ein Blatt für die eher konservativ Denkenden, dort eines für die links-liberalen. Anfangs funktionierten Zeitungen ja sogar als Parteiorgane. In einer Zeit, in der deren Bindungskraft zu schwinden scheint, ist es vielleicht eine gute Möglichkeit für Zeitungen, Leserschaften als Nutzerschaften zu binden. Ihnen eine gemeinsame Haltung oder Weltsicht zu vermitteln (jedenfalls eine Verbindung) und so eine für Netz-Debatten einende Sprache zu geben.

Zukunft fotografiert von Andrew Coulter Enright auf Flickr unter CC-Lizenz.

Embrace the community!

“The reporting drives the community. Our journalism is always going to be front and center. At the same time, you have to embrace the community and make them a part of that.”

Marc Frons, CTO für “digital operations” bei der New York Times hat Poynter Details über die Pläne der Zeitung verraten, seine TimesPeople genannte Community aufzufrischen. Die passen zusammen mit dem Filmclub und den unlängst beschriebenen Aktivitäten auf Facebook und Twitter.

(via Kopfzeiler)

Das Lesen im Netz schließt das Verbreiten mit ein

Unter dem Titel The Hyperlink Grows Up schreibt Alexis Madrigal bei The Atlantic über eine veränderte Link-Politik bei der New York Times.

Ich bin technisch leidlich begab, was Madrigal aber da beschreibt, finde auch ich Technik-Laie spannend: Man kann mit den hinter ein # angehängten Buchstaben p h und s auf einzelne Absätze in Artikeln der New York Times verlinken und diese Sätze sogar farbig markieren. Wie genau das hier funktioniert …

… kann man in dem Text nachlesen. Dort gibt es auch den Verweis auf ein ähnliches WP-Plugin namens WinerLinks, das im Umfeld der Cuny Graduate School of Journalism in New York entwickelt wurde.

Interessant daran finde ich den Aspekt der individuellen Veränderbarkeit von Publikationen. Durch dieses Hervorheben besonderer Textstellen verschiebt sich das Bild des einen Textes, den alle gleich wahrnehmen. Damit löst sich das Pinnwand-Prinzip auf, vor die alle gleich treten und sich dort Informationen abholen. Das Internet verbreitet Inhalte anders. Wir sprechen zwar weiterhin von dem gleichen Text, durch die Hinweise in den Links wird dieser aber anders wahrgenommen, in neue Kontexte gestellt. Dass darin ein sehr spannender Aspekt dessen liegen kann, wie sich die publizistischen Voraussetzungen im öffentlichen Raum Internet verschieben, kann man an thematischen wie personenbezogenen RSS-Feeds sehen, die bereits jetzt die Mischung eines Magazins oder einer Zeitung auseinanderreißen – und zwar nach Vorgaben der Nutzer.

Wie bedeutsam diese für eine Publikation werden, sieht man allein daran, dass die NYT ihnen diese Möglichkeiten überhaupt bietet. Das Weiterverbreiten von Informationen ist so wichtig, dass eine der wichtigsten Zeitungen der Welt besondere Zugänge für die Nutzer öffnet, damit diese zu Distributoren im digitalen Raum werden können. Hat die New York Times das Nötig? Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass die New York Times ein Bedürfnis ihrer Leser/Nutzer erkannt hat.

Auf diese sich wandelnde Verweiskultur bezieht sich auch das Gawker-Blognetzwerk in seiner aktuellen Relaunch-Ankündigung. Dort heißt es:

Referrals from Facebook have increased sixfold since the start of the year; and audience spikes appear to be larger than ever before. We can turn more of those drive-by visitors into regulars by turning every page into a front page, as shown above.

Man muss der Großspurigkeit der Ankündigung nicht folgen (siehe dazu die gute Einschätzung bei telepolis), muss aber dennoch festhalten, was ich in der vergangenen Woche auch beim SpeedLab Journalism in Berlin bemerkte:

dass die zentrale Veränderung des Netzes der aktiv gewordene Nutzer ist. Er wird in Blogs und auf sozialen Plattformen selbst zum Sender und verbreitet in seinen eigenen Netzwerken klassische Medieninhalte (in Form von Links und Hinweisen). Damit wandelt sich nicht nur die bisherige Suchkultur des Netzes zu einer Verweiskultur, in der Leser/User Inhalte zunehmend durch Empfehlung von Freunden wahrnehmen. Es bewahrheitet sich auf diese Weise auch die Behauptung, die einem amerikanischen Collegestudenten zugeschrieben wird, der sagte: ‘Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.’ Damit hätte seine Generation die Suchkultur abgeschafft.

Das Zitat stammt aus meinem SZ-Artikel (ePaper-Link), den ich über die Veranstaltung vom vergangenen Mittwoch schrieb.

Wie reagiert man auf diese Veränderungen? Bei Gawker sieht man zwei Ansätze:

First, the creation or recognition of two different classes within the editorial teams: the curator or editor; and the producer or scoopmonger. Second, it means we have to abandon the single blog flow — and separate out the strongest stories in a zone much more substantial than the existing skyline.

Dass es notwendig ist, auf diese Verschiebungen zu reagieren, kann man übrigens feststellen, wenn man die Veröffentlichungen der Twitter-Verantwortlichen der vergangenen Tage liest. Im Gespräch mit On The Media erklärte zum Beispiel Evan Williams:

We really want to make Twitter the source of information that you check several times a day on your mobile phone. I think right now Twitter does that in the best cases, but we have a long way to go to make that really valuable.

Diese Prognose deckt sich durchaus mit dem, was ich September zum Relaunch der Plattform geschrieben habe und findet auch im Netz Unterstützung. Naumi Haque kommt mit Verweis auf die Espresso Book Machine sogar zu dem Fazit: The newspaper’s not dead, it’s just moved to Twitter.

Soweit würde ich nicht gehen, ganz sicher scheint mir aber: Das Lesen von Nachrichten im Netz schließt deren Verbreitung mit ein.

Kein Kommentar

Kersten Riechers und Tobias Reitz haben eine Präsentation über Kommentarkultur in deutschen Nachrichtenmedien ins Netz gestellt. (via )


Es kommen Roland Tichy, Markus Hofmann, Frank Thomsen und Wolfgang Blau zu Wort. Es wird kritisiert, dass Medien Kommentatoren noch immer wie Leserbrief-Schreiber behandeln und keinen echten Dialog führen. Leider wird aber nicht erläutert, warum Medien diesen Dialog suchen sollten.

Wenn der Umgang mit Leserkommentaren im Netz so ist wie mit Leserbriefen bisher, dann heißt das ja zunächst: Es ist alles wie immer. Warum sollte sich daran jetzt etwas ändern? Riecherts und Reitz liefern darauf keine befriedigende Antwort – und sie sind damit nicht alleine. Es ist dem Online-Journalismus in Gänze bisher nicht ausreichend geglückt, darzustellen, warum Journalisten sich dem Dialog mit ihren Lesern im Netz öffnen sollen. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die (begründunslose) Behauptung, sie müssten dies tun eher dazu führt, dass die Offline-sozialisierten Kollegen sich dem versperren. Journalisten mögen nicht, wenn man ihnen sagt, sie müssten etwas tun – schon gar nicht, wenn dies nicht gut begründet ist.

Da es aber dringend nötig ist, dass dieser Dialog aufgenommen wird (Negativ-Beweise für missglückten Dialog gibt es in großer Zahl), sollten wir uns vielleicht in Zukunft mehr darauf konzentrieren, die Notwendigkeit der dialogischen Öffnung zu begründen.

Ansätze dafür habe ich im vergangenen Sommer im Rahmen von fünf Thesen zu liefern versucht. Dabei geht es mir darum – wie in einem gestern im Rahmen des IFP München geführten Interviews beschrieben – die Veränderungen der Digitialisierung neu zu denken. Vielleicht sind Medien ja mehr als bloße Inhalte-Kanäle, vielleicht müssen wir sie als Versammlungsorte (vergleichbar einem Restaurant) denken, in denen Menschen sich bewegen können. Das würde nicht nur helfen, der Paid-Content-Debatte Innovationen beizusteuern, es liefert auch einen Begründungsansatz, warum wir uns als Journalisten dem Dialog im Netz nicht entziehen können und sollen: Weil ein Restaurantbesitzer auch seinen Job verliert, wenn er sich weigert, mit den Gästen zu sprechen.

Willkommen im Filmclub

Wenn man einen Hammer hat, sagt das Sprichwort, sieht man überall Nägel. Mein Hammer heißt Leserschaft als Community. Und Nägel sehe ich beim Guardian, bei LeMonde und seit heute auch bei der New York Times. Dort startet man Anfang Januar den New York Times Flilmclub, eine Idee, die ich fast spannender finde als die (Wieder-)Einführung von Paid Content Anfang 2011 bei der NYT.

Reuters erläutert in der Meldung zum Launch:

The NYT, along with other newspapers such as the Wall Street Journal and USA Today, are launching clubs — wine is especially popular — as way to reap some extra revenue and strike a deeper relationship with readers.

via

Mein Beitrag zum Journalismus-Buch

Es gibt Neuigkeiten zum Buchprojekt, das Christian Jakubetz vor ein paar Wochen angestoßen hat: Neben neuen Autoren (die sich übrigens – leider ohne mich – demnächst in Berlin treffen) und neuen Ideen, gibt es bereits erste thematische Exposes. Christian hat damit begonnen, diese online zur Diskussion zu stellen. Was ich sehr gut finde. Dass er mein Expose mit mir erschreckend schmeichelnden Worten veröffentlicht, wäre hingegen nicht nötig gewesen:

Kurz nachdem er im Frühjahr als „Director of Global News“ bei der britischen BBC benannt wurde, schreibt Peter Horrocks seinen Journalisten eine Mail, in der er ihnen den grundlegenden Wandel benennt, den das so genannte soziale Web für den Beruf des Journalisten bedeutet: „Die Nutzung von Twitter und Facebook“, schreibt Horrocks, „ist nicht mehr ihrem eigenen Ermessen überlassen, sondern Bestandteil ihrer Arbeit. Es tut mir leid, aber ich muss das so sagen: Sie erledigen Ihren Job nicht anständig, wenn Sie sich damit nicht befassen.“

In meinem Kapitel möchte ich aufzeigen, dass Peter Horrocks Recht hat und dass die Rede von den so genannten sozialen Medien mehr ist als nur ein weiterer Trend des noch jungen Mediums Internet. Es geht um die ganz konkreten Folgen für die Arbeit als Journalist und Medienschaffender. Peter Horrocks beschreibt dies so: „Sie sollten die Auswirkungen dessen beobachten, wie unsere Inhalte weitergenutzt werden.“

Was heißt das konkret? Ich zeige Arbeitsbeispiele, so genannte Best Cases und Fälle, in denen der Dialog gründlich misslungen ist. Dialog heißt in diesem Kontext aber auch Weitererzählen, Sharen und Verbreiten. Deshalb wird es in meinem Kapitel auch um die Frage gehen, wie das Verteilen der eigenen Informationen und Texte über Twitter, Facebook und vergleichbare Kanäle unsere Vorstellung vom Helikopter-Journalismus (Tichy) verändert.

Wer meine Einträge in diesem Blog liest, wird von dem Expose nicht überrascht sein. Es folgt den Ansätzen, die ich in diesem Wintersemester auch in einem Seminar an der LMU in München bespreche. Es geht mir darum, das Internet als Kommunikationsinstrument zu verstehen, das den Dialog in den Mittelpunkt rückt. Es geht um das soziale Wissen, den aktiven Rezipienten und die Leserschaft als Community. Vieles davon habe ich in meinen Krisen-Thesen zusammengefasst, einiges verdient eine Aktualisierung und manches vielleicht auch Widerspruch. Deshalb weise ich hier auf Christians Blogeintrag hin und auf das Kommentarfeld unter diesem Eintrag: Wer Hinweise, Krititik oder Widerspruch hat, ist eingeladen, mein Expose zu kommentieren!

Sascha Lobo, Du hässlicher Eierkopf!

Was wir oft vergessen, wenn wir über emotionale Debatten im Netz sprechen: Schimpfen kann eine äußerst humorvolle Tätigkeit sein. Der allein dafür zu lobende Sascha Lobo hat dies heute eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Felix Schwenzel hatte ihn mit einer buchfrage herausgefordert und so eine Fortsetzung der Filesharing-Debatte angezettelt. Die ging dann ein wenig hin und her und endete heute in einer anwortantwortantwort, die Mario Sixtus zurecht als “Rant des Tages, wenn nicht des Jahres” lobte. Denn mit dem Thema Filesharing von Büchern hat diese wunderbare Tirade nicht mehr viel zu tun. Es handelt sich viel mehr um einen Schimpfstreifzug durchs deutschsprachige Internet: von Kathrin Passig bis Jochen Wegner – keiner ist vor Sascha Lobos Schimpfen sicher. Ich bin mir nicht sicher, was es zu bedeuten hat, dass auch ich darin einen kleinen Abschnitt bekomme, in dem irrig behauptet wird, ich würde beim Essen in der Kantine reden – was ich natürlich allein aus Gründen des Anstands ablehne. Ich gehe davon aus, dass Sascha mir damit indirekt sagen will, dass ihm in der Sache die Argumente ausgegangen sind.

In den Kommentaren unter dem Text (die sich wegen Überlastung zwischenzeitlich in Marios Buzz-Post ausgelagert haben), wird darauf hingewiesen, dass Sascha hier ja nur “Web 2.0 Marionetten” zum Zwecke der Werbung für sein Buch tanzen lasse. Und dass mit jeder Reaktion darauf, die Aufmerksamkeit dafür noch gesteigert würde.

Das mag stimmen. Andererseits ist diese Form der Schimpf-Aufmerksamkeit doch viel amüsanter als jene, die vor einer Woche von Moritz von Uslar, der Welt, der FAZ und den tazblogs verbreitet wurde. Dabei ging es nur um eine simple SMS-Beschimpfung (“Du hässlicher Eierkopf”), mit der Aufmerksamkeit für ein Buch erzeugt wurde. Heute jedoch wird in epischer Breite und mit echtem Elan geschimpft. Das verdient doch eine Reaktion.

Und sei es nur, um beide Fälle mit der obigen Überschrift zusammenzuführen.

P.S.: Moritz von Uslars Buch heißt übrigens Deutschboden. Saschas Buch trägt den Titel Strohfeuer ist im Buchhandel und als App erhältlich – und vielleicht auch in der ein oder anderen Tauschbörse.

P.P.S.: Gelesen habe ich beide nicht. Dazu fehlt mir vor lauter Feuilleton- und Internetdebatte einfach die Zeit. Wer dennoch ein gutes Buch lesen mag, dem empfehle ich Nick Biltons fulminantes I live in the future & here’s how it works!

T2E: Debatten im Netz

Im Juni lobte die Jury des Scoop-Ideenwettbewerbs des Axel-Springer-Verlags, das Projekt Talk2enemy habe das Potenzial, “eine neue Streitkultur zu entwickeln und so auch eine junge Zielgruppe anzusprechen”. Heute nun ist das Debatten-Portal offiziell gestartet.

Via Facebook und vor allem auf YouTube konnte man schon vorher auch als unbeteiligter Zuschauer Einblick in die vermeintlich neue Debatten-Kultur nehmen. Zu sehen bekommt man Videoblogger, die in zwei Lager geteilt über eine Frage diskutieren – und zwar in Form von jeweils etwa dreiminütigen Clips. Angeleitet wird das ganze von einem “erfahrenen Konfliktcoach” als Moderator.

Ich bin durchaus gespannt, wie sich diese Versuchsanordnung entwickeln wird. Denn die “neue Debatten- und Streitkultur im Netz”, die T2E verspricht, würde mich sehr interessieren. Doch gelingt diese tatsächlich, wenn man schon im Titel einen “Enemy” beschwört und am Ende nicht die besseren Argumente gewinnen lässt, sondern einen Diskutanten als Sieger küren will?

Auch frage ich mich, ob die Konzentration auf das Format Video tatsächlich im Sinne einer Netzdebatte ist oder ob dieses nicht eher der “Dokumentation auf dem ZDF Infokanal” dient, die “den Verlauf der Debatte” anschließend abbilden soll? Netzdebatten, die mir bisher bekannt sind, laufen in Kommentaren und selten in Clips. Das macht sie häufig so schwer steuerbar, weil sie spontan und oftmals emotional sind. Die Einstiegshürde ist niedrig.

Bei Talk2Enemy ist die Einstiegshürde hoch. Man muss sich als Videoblogger bewerben oder ausgewählt werden, wird dann mit Laptop und Kamera ausgestattet und geschult. Anschließend diskutieren die zehn Teilnehmer drei Monate lang in “zwei gegensätzlichen Lagern”, die mich auch durch die zumindest verbesserungswürdige Einstiegsdebatte (Lager arm und Lager reich zur These: In Deutschland gibt es keine Armut!) fatal an das RTL2-Bigbrother-Haus erinnern. Das wiederum kann aber auch an der Dauer der Debatte liegen, deren Ziel mir genauso unklar bleibt wie die netzuntypische Debatten-Distanz: Wird man sich wirklich 12 Wochen lang für dieses Thema begeistern, während das Land gerade über einen Bahnhof in Stuttgart, die Integration in Deutschland und die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken diskutiert?

Ich würde mir wünschen, dass von T2E ein Impuls für die Netzdebatte in Deutschland ausginge, habe daran aber erhebliche Zweifel. Denn das Netz wird hier als der Ort gesehen, an dem die Auseinandersetzungen ausgetragen werden, sondern eher wie der Verbreitungskanal verstanden, über den eine (dank vorheriger Schulung) durchaus gelenkte Debatte versendet wird. Welche Rolle dabei die wirklichen Leser spielen, wird sich zeigen. Bisher gibt es ganze fünf Leserkommentare, einer davon stammt von der Agentur Mediaturns, die an der Umsetzung des Projekts beteiligt war.

Im Dialog mit dem aktiven Rezipienten

Es reicht heute nicht mehr, nur Geschichten zu erzählen. Die Leser wollen gehört werden.

Das Zitat klingt wie eine Banalität. Wenn man aber weiß, dass es von Janet Robinson stammt, die Vorstandsvorsitzende der New York Times-Verlagsgruppe tätig ist und über dpa verbreitet wurde, ahnt man: Die Erkenntnis, dass Medien auf den aktiven Rezipienten reagieren und den Dialog suchen müssen, scheint sich durchzusetzen.