Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext, das Stories-Format sowie die Özil-Debatte beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Heute nun: der „für später“-Button des Dienstes Pocket ¯\_(ツ)_/¯

Wann genau ist eigentlich dieses „später“? Wann kommt also der Zeitpunkt, an dem ich die Ruhe finde all das zu lesen, was ich da per Mausklick speichere? Die Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit. Zeit fast zehn Jahren nämlich sammle ich Lesetipps für später – mit einem Dienst, der Instapaper heißt und anfangs von dem sehr umtriebigen Programmierer Marco Arment quasi alleine auf die Beine gestellt wurde. Arment verkaufte Instapaper irgendwann und zuletzt sorgte der Dienst für Aufmerksamkeit, weil er Probleme mit dem europäischen Datenschutz hatte. Ich jedenfalls nutze ihn sehr lange und mindestens so häufig wie ich mich übers Archivieren und Wiederfinden von guten Texten freue, frage ich mich auch: Wann ist eigentlich später?

Die Antwort ist – natürlich – ein fröhliches Schulterzucken. ¯\_(ツ)_/¯

Denn auch wenn es in der Hektik des „schnell-speichern-und-vergessen“-Alltags manchmal untergeht: Es gibt diese guten Später-Momente durchaus. Eine lange Zugfahrt, auf der ich mich freue, all die Texte lesen zu können, die ich mal so spannend fand, dass ich sie speicherte. Deshalb sind Dienste wie Instapaper (und eben Pocket, auf das ich gleich komme) eben sehr tolle Erfindungen und deshalb ist das Klicken auf den „für später“-Button auch immer eine kleine Hoffnung auf ein besseres Morgen – verbunden mit dem Versprechen dereinst Zeit zu haben all das auch zu lesen.

Dass ich diese buttongewordene Hoffnung auf ein besseres Morgen genau jetzt als Shruggie des Monats auswähle, hängt mit der letzten Folge meines Newsletters zusammen. Anfang August drückten nämlich so viele Menschen bei dem Text Fünf Fitness-Übungen für Demokratie auf den „für später“-Button, dass meine Zugriffsstatistiken verrückt spielten.

Schuld daran ist der Instapaper-Konkurrent Pocket. Der hieß früher mal Read it later. Aber anders als Instapaper verkaufte der Gründer Nate Weiner den Dienst nicht, sondern entwickelte ihn weiter und betreibt ihn jetzt unter dem Dach der Mozilla-Foundation, die unter anderem auch den Browser Firefox entwickelt. Und der Firefox ist der Grund für den Traffic-Anstieg auf meinem Blog.

Mozilla möchte mit Hilfe von Pocket (und dem eingebauten „für später“-Button) ein Projekt realisieren, das sie Context Graph nennen. Sie wollen Nutzer*innen in Firefox auf Basis von Pocket-Empfehlungen Lesetipps ausspielen, die zu deren Interessen passen. Wie das gelingen kann, ohne Nutzerdaten zu speichern, wird hier erklärt. Wie das angenommen wird, kann ich auf Basis meines letzten Newsletters erklären: ziemlich gut.

Mein Text landete offenbar bei so vielen Firefox-Nutzer*innen auf der Startseite in den Pocket-Empfehlungen, dass nicht nur die Zugriffe auf dieser Seite in die Höhe gingen – auch die Abozahlen in meinem Newsletter stiegen massiv an. Das freut mich natürlich – und erinnert mich ein wenig an die Anfänge von Social-Media als derartige Reichweiten-Sprünge aus anfangs unerklärlichen Gründen noch häufiger passierten. Vielleicht steckt in der Pocket-Firefox-Entwicklung ähnliches Potenzial. In jedem Fall zeigt sie: Inhalte alleine sind immer weniger wert. Der Kontext wird immer wichtiger.

Wer sich für Hintergründe zu dieser Entwicklung interessiert, kann mal in mein Buch „Das Ende des Durchschnitts“ schauen oder sich bei The Verge dieses Interview mit Pocket-Chef Nate Weiner anhören.

Ich habe jedenfalls in diesem Monat meinen „für später“-Button von Instapaper zu Pocket umgezogen (das geht dank Export bei Instaper und Import bei Pocket recht einfach). Hier kann man meine öffentlichen Lese-Empfehlungen anschauen – ganz oben in der Liste sind gerade alte Folgen meines Newsletters. Denn auch hier im Blog gibt es ab sofort einen „für später“-Button von Pocket unter jedem Text. Denn kann man künftig gerne drücken – in der stillen Hoffnung auf ein gutes später mit mehr Zeit zur Lektüre

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“