Der Grüffelo in Social Media-Diensten (Digitiale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil die Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Kein Tier kommt in dem sehr schönen Kinderbuch „Der Grüffelo“ zu Schaden. Und doch sind der Fuchs, die Eule und die Schlange in so großer Sorge, dass sie von ihren Plänen ablassen, die viel kleinere Maus anzugreifen – denn: „weil die Maus den Grüffelo als fuchterregendes großes Tier beschreibt, flüchten ihre Fressfeinde und lassen sie lieber in Ruhe.“

Das Kinderbuch von Julia Donaldson und Axel Scheffler ist ein schönes Beispiel für den Umgang mit Furcht und Angst. Es zeigt, dass die kleine und schwache Maus auch Tiere in Angst und Schrecken versetzen kann, die viel größer und kräftiger sind als sie selber. Und sogar als auftaucht, was sie sich als Schreckensszenario ausmalt (der Grüffelo nämlich) nutzt die Maus wiederum die Dynamik der Sorge, um sich aus der Situation zu retten. Sie wandert gemeinsam mit dem Grüffelo (Bild rechts: Beltz-Verlag) durch den Wald und lässt die Furcht der Tiere, die die beiden gemeinsam sehen, so wirken als ängstigten sich diese vor ihr: Vor der kleinen Maus, die niemandem etwas tut. Das wiederum beunruhigt den Grüffelo so sehr, dass er von der kleinen Maus ablässt, die ja gefährlich sein muss, wenn die anderen sich vor ihr fürchten.

Im Kinderbuch ist das ein für die kleine Maus beruhigendes Bild. Überträgt man es auf das Leben der Erwachsenen legt es die Dynamik von Schrecken und Terror offen: Angst zu verbreiten (Fear mongering) ist ein sehr tauglicher Mechanismus um Aufmerksamkeit zu binden – und zu nutzen.

Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan„, zitiert Martin Tschechne im Deutschlandradio Kultur den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und ergänzt: „einer, den man ausnutzen kann. (…) Denn durch Angst lässt das Denken sich fernsteuern, Angst beherrscht die Wahrnehmung und überlagert jede andere Emotion. (…) Angst macht blind und dumm. Gefährlich ist: die Schlauen wissen das.

Der Beitrag lief vor dem Amoklauf von München im Radio. Und doch lassen sich diese Angst-Analyse ebenso wie die Terror-Dynamik des Grüffelo auf die Panik übertragen, die sich nach den ersten Meldungen vom Olympia-Einkaufzentrum in der Stadt wie in sozialen Medien verbreitete. Angesichts der Szenen in der Stadt und der Posts auf Twitter und Facebook erscheint es fast banal, an den Appell vom Beginn des Jahres zu erinnern: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit einüben!

Denn anders als bei den bisherigen Social-Media-Großlagen (Böhmermann oder Kölner Silvernacht) wurde unter dem Hashtag #oez und #muenchen eine ordentliche Portion direkte Angst beigemischt. Diese wirkt als Brandbeschleuniger für die Falschmeldungen und Gerüchte, die Menschen aus böser Absicht oder eigener Angst verbreiten. Dabei ist es egal, ob Massenmedien (wie hier Skyp News) mit Angst Quote machen wollen oder ob eine Privatperson in einer Whats-App-Gruppe Bilder mit Blut und Leichen postet (die in Wahrheit aus Südafrika stammen und fast zum Standard-Repertroire der Angstmachen zählen). Stets greift der Grüffelo-Mechanismus: Es muss gefährlich sein muss, wenn die anderen sich so fürchten.

Es ist einer der untauglichsten Ratschläge, in furchterregenden Situationen „Keine Angst“ zu fordern. Wer je mit Flugangst in ein Flugzeug gestiegen ist, kennt das. Und so wird es vermutlich auch nichts helfen, im Rahmen der Social-Media-Gelassenheit „Keine Angst“ zu fordern. Gleichwohl erscheint es sinnvoll an das Reflektionsvermögen zu appellieren. Twitter, Facebook und unser Agieren auf diesen Plattformen ist historisch gesehen noch sehr jung – und kaum eingeübt. Ereignisse wie die Amoknacht von München zeigen, dass es dringend und wichtig ist, hier neue Techniken einzuüben. Es wurde auch erst das Auto und dann erst der Sicherheitsgurt erfunden…

Reflektion und Vernunft zu zeigen, wenn sich alle dem Grüffelo-Mechanismus hinzugehen scheinen, scheint in jedem Fall nicht falsch. „Es ist die wohl meistversprechende Strategie gegen ein archaisches, überwältigendes Gefühl, das wie ein Virus von einem Menschen auf den nächsten überspringen kann“, schreibt Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung. Das gilt aber nicht nur im persönlichen Umgang mit der Angst – sondern auch und vor allem in ängstlichen Zeiten auf Twitter und Facebook.

Denn so schön die Grüffelo-Metapher auch ist: Social-Media-Nutzer sind nicht die Maus, die sich gegen Fressfeinde erwehren muss. Man sollte sich von den Angstmachern (von welcher Seite auch immer) niemals in diese Rolle drängen lassen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

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