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Was der Jahresrückblick mit Indiana Jones zu tun hat (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das Jahresende ist nicht nur die Zeit der adventlichen Ambiguität. Es eignet sich auch für sinnstiftende Sprüche wie jenen von Sören Kierkegaard, der mal anmerkte, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, aber vorwärts leben muss. Das ist schön und wenn in den nächsten Tagen die vergangenen Monate im Jahresrückblick-Schnelldurchlauf abgespielt werden (und Sie vielleicht hier bei der Newsletter-Rückblick-Umfrage mitmachen), passt das irgendwie auch ganz gut – aber irgendwie auch nur halb. (Foto: Unsplash)

Und das liegt am Känguru.
Kennen Sie das Känguru?

Es lebt mit Marc-Uwe Kling zusammen und ist für ihn so etwas wie der Shruggie für mich. Jedenfalls sagt das Känguru ziemlich oft ziemlich interessante Dinge – und Kling schreibt das auf. Im konkreten Fall kann man das in einer alten Radio-Fritz-Folge unter dem Titel „Ford-Selleck-Theorie“ nachhören – und im ganz aktuell veröffentlichten jüngsten Band der Känguru-Folgen nachlesen.

Vereinfacht zusammengefasst geht es dabei um die Besetzung des Dr. Henry Walton Jones Jr. in der Filmreihe Indiana Jones. Das Känguru erzählt, dass ursprünglich Tom Selleck als Besetzung geplant gewesen sei und nicht Harisson Ford, den im Rückblick nach vier Filmen alle für den legitimen Indiana Jones halten. Und genau um diesen Rückblick geht es in der Theorie des Kängurus:

Wenn Tom Selleck Indiana Jones gespielt hätte und jemand würde erzählen, dass eigentlich Harisson Ford die Rolle hätte übernehmen sollen, dann würden sich alle über ihre Schnauzbärte streichen und sagen: Waaas!? Harisson Ford? Das passt ja überhaupt nicht.

Denn der Rückblick erweckt den falschen Eindruck eines kausalen Zusammenhangs. Im Blick auf das, was hinter uns liegt, fügen wir Dinge, die vielleicht nur aus Zufall entstanden zu einer logischen Geschichte zusammen und erheben diese zum Maßstab. Besonders gut kann man das bei Biografien beobachten. Plötzlich ist da ein Sinn und ein Plan, vor vorher nur ein Suchen war.

Das an sich wäre noch kein Problem. Erst wenn dieser vermeintliche Plan sich zum dominanten Muster erhebt, wird es problematisch. Tim Harford spricht dann vom Gott-Komplex, von der Falle also, den eigenen Weg für den einzig richtigen zu halten und diesen auch anderen vorzuschreiben. Aber nicht nur andere schränken wir mit diesem Rückwärts-Plan-Denken ein, vor allem uns selber: Wir reden uns nämlich im Rückblick ein, dass Dinge eben so kommen mussten. Oder um es mit dem Känguru zu sagen:

Nahezu alles, was geworden ist, erscheint uns als zwangsläufig, alternativlos, geradezu nicht anders denkbar. Das Ford-Selleck-Theorem allerdings macht klar: dass nichts je zwangsläufig, alternativlos oder gar nicht anders denkbar war, ist oder sein wird.

Das Känguru erinnert uns damit an ein Prinzip, das sich gerne dem kreativen Denken in den Weg stellt. Man spricht von der funktionalen Fixierung und meint damit den gedanklichen Kurzschluss Gegenstände nur in einer funktionalen Verwendung zu betrachten. Wer allerdings auf neue Ideen kommen will, muss diese Fixierung durchbrechen können. Muss – mit dem Shruggie – denken: Was wäre, wenn es anders wäre: Wenn dieser Stuhl ein Flugzeug wäre? Oder dieser Zug ein Konferenzraum?

Womit wir wieder bei Kierkegaard sind: Wenn wir nach vorne leben wollen, dann müssen wir uns vom Rückblick emanzipieren – und das neue Jahr als Raum denken, in dem es auch anders sein könnte. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind in diesem Jahr (Achtung, Rückblick!) sortiert nach der Anzahl der Aufrufe erschienen:

1. „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018 – vor allem wg. Pocket)
2. „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018)
3. „Altland“ (April 2018)
4. „Was wäre, wenn Seehofer recht hätte? (September 2018)
5. „Warum gibt es in Ihrer Stadt keine Internet-Straße? (Oktober 2018)
6. „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018)
7. „#smarterphone“ (März 2018)
8. „Ein öffentlich-rechtlicher RSS-Reader“ (Februar 2018)
9. „Das Ende der Schlusskonferenz“ (Mai 2018)
10. „Was ist Dein Bild vom Internet?“ (August 2018)

In Kategorie: DVG

Warum gibt es in Ihrer Stadt eigentlich keine Internet-Straße? (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wie wertvoll ist das Internet? Es ist an der Zeit die Diskussion über diese Frage in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen: Raus aus dem Internet, rein in die Stadtparlamente, in Lokalzeitungen und an die Stammtische. Ich wünsche mir nämlich, dass die Idee, um die es heute geht, genau dort besprochen wird.

Auslösen sollen diese Debatte die rund 600 Menschen, die sich in den vergangenen Monaten hier für die Idee „Heimatverein Internet“ eingetragen haben (hier der erste Eintrag im Newsletter dazu, hier ein ausführliches Essay aus der SZ). Sie interessieren sich für den Vorschlag, das Internet als Heimat zu verstehen. Und der erste Schritt auf dem Weg zur Gründung dieses Heimatvereins heißt internet-strasse.de.

Die Website ist der Ausgangspunkt für eine digitale Bewegung, die sich dafür einsetzt, das Internet als menschheitshistorische Erfindung auf Straßenschildern zu würdigen.

Menschen, Ideen und Orte, die einer Stadt oder Gemeinde besonders wertvoll erscheinen, erhalten diese gesellschaftliche Würdigung, indem sie auf einem Straßenschild genannt werden. Es gibt Straßen, die nach Wissenschaftlerinnen und Autoren benannt sind. Es gibt Brücken, die den Namen berühmter Persönlichkeiten tragen. Es gibt Plätze des Friedens und der Freiheit – aber es gibt keinen Platz des Internet. Es gibt keine Internet-Strasse.

Noch nicht. Denn wir sind der Meinung, dass auch dem Internet diese Würdigung zuteil werden sollte. Wir setzen uns dafür ein, dass jede Stadt und jede Gemeinde eine Internet-Strasse oder einen Platz des Internet bekommt. Und dabei geht es nicht darum, dass an diesen Orten besonders starkes Wlan verfügbar ist. Es geht darum, das Internet als ortlosen Ort zu würdigen, als Heimat für Menschen, die sich in der Verbindung über Länder-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg heimisch fühlen.

Die unterschiedlichen Landeskommunalordnungen organisieren, wie die Ratsversammlungen in Städten und Gemeinden über die Namen der Straßen und Plätze auf ihrem Gebiet bestimmen. Stets wird dabei aber ausdrücklich der Wunsch einer Beteiligung der Bürger*innen geäußert. Dem wollen wir nachkommen: Auf der Seite internet-strasse.de haben wir eine Argumentationshilfe veröffentlichen, die jede und jeder nutzen kann, um in ihrer und seiner Stadt und Gemeinde den Vorschlag einzureichen: Meine Stadt soll eine Internet-Strasse bekommen!

Selbstverständlich sind dabei Kooperationen und Allianzen mit Mitgliedern der Stadtparlamente erwünscht – und zwar über Parteigrenzen hinweg. Das Projekt Internetstrasse ist unabhängig und überparteilich – es ist aber den demokratischen, pluralen Prinzipien des Internet verpflichtet. Denn dass es das Internet überhaupt gibt, ist uns Beweis dafür, dass die Ideen von Völkerverständigung, Menschlichkeit und Demokratie stärker sind als Ausgrenzung und Diskriminierung. Wer sich selber, seine Nationalität, sein Geschlecht oder Religion für etwas Bessere hält, kann das Internet eigentlich gar nicht nutzen. Denn es basiert auf der Verbindung sehr unterschiedlicher Geräte und Systeme ohne Bewertung und Ausgrenzung.

Statt nur über negativen Aspekte der Digitalisierung zu sprechen, sollten wir uns wieder daran erinnern, wie wunderbar und verbindend das Internet ist. Eine gute Erinnerung scheint uns die Erwähnung auf einem Straßenschild. Damit es dazu kommt, wünschen wir uns lebhafte Diskussionen – in den Stadtparlamenten und Lokalzeitungen, an den Stammtischen und in Gemeindeversammlungen. Und wir wünschen uns mindestens einen guten Ausgang: eine Straße oder einen Platz, die nach dem Internet benannt werden.

Im Herbst 2019 jährt sich ein Ereignis, das manche für eine Geburtsstunde des Internet halten: am 29.10.1969 wurde über dessen Vorläufer Apranet erstmals eine Verbindung zwischen zwei Computern hergestellt. Fünfzig Jahre danach wollen wir den Heimatverein Internet gründen – bis dahin sollte es doch gelingen, mindestens auf einem Straßenschild in diesem Land das Wort „Internet“ zu lesen.

Helfen Sie mit!

PS: Am Wochenende habe ich die Idee auf dem Zündfunk-Netzkongress in München vorgestellt. Diese Sketchnote von @kleinerW4hnsinn fasst den Vortrag ganz gut zusammen.


Ich meine das übrigens wirklich ernst. Denn das Internet liegt mir tatsächlich am Herzen. Gerade erst habe ich deshalb eine Gebrauchsanweisung geschrieben. Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016)

In Kategorie: DVG

Was ist dein Bild vom Internet? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit diesem Monat wird die deutsche Bundesregierung digital beraten. Der so genannte Digitalrat versammelt Menschen mit Internet-Kenntnis, die der Bundesregierung „unbequeme Fragen“ zum Thema Digitalisierung stellen sollen. So steht es auf der Website der Bundesregierung – und das wurde in den vergangenen Tagen ausgiebig diskutiert kritisiert: Neben der berechtigten Anmerkung, dass in diesem Gremium die Zivilgesellschaft fehlt, zeigte mir manche Stichelei (Äh, Flash auf der Seite, hihi), dass wir mal übers Internet reden müssen – und über das Bild, das wir vom Internet haben.

Es ist an der Zeit, die schau mal, die checkens nicht“-Haltung zu überwinden, die ich mancherorts im Netz noch wahrnehmen, wenn die Politik versucht, sich dem Thema Digitalisierung zu nähern. Dass es den Digitalrat gibt, ist richtig und in Wahrheit überfällig. Und dass die Leute, die sich dort ehrenamtlich engagieren, ihre Sachkenntnis nachgewiesen haben, ist auch erkennbar. Es scheint mir deshalb geboten, diesen Kanal zu nutzen, um relevante digitale Fragen endlich auf diesem Weg auf die Agenda zu bringen – ich hab mal eine Twitter-Liste gemacht.

Unser Bild vom Internet ist viel zu häufig noch geprägt von den Debatten der vergangenen Jahre: von der Frage nach dem digitalen Graben und der Auseinandersetzung darüber, ob es nun gut oder gefährlich ist, dass wir das Internet haben. Dabei haben wir übersehen, dass es keine Selbstveständlichkeit ist, dass wir das Internet überhaupt haben. „Hinter den Debatten um all die schlimmen Seiten des Internet verbirgt sich nämlich eine der großartigsten Erfindungen unserer Zeit, die Menschen klüger und fröhlicher machen kann; wenn man sie richtig einsetzt – und sich daran beteiligt.“ So habe ich es auf die erste Seite des großspurigsten Buches geschrieben, an dem ich je gearbeitet habe. Es heißt „Gebrauchsanweisung für das Internet“ und erscheint am 4.9. in der gleichnamigen Serie im Piper-Verlag.

Zum Erscheinen des Buchs „Gebrauchsanweisung fürs Internet“ gibt es einen Fotowettbewerb mit dem Piperverlag. Das Buch ist ab dem 4.9. im Handel – hier kann man direkt beim Verlag vorbestellen.

Unter dem Hashtag #meinbildvominternet sammeln wir genau das: Fotos vom Netz! Fotografiere dein Bild vom Internet, lade es unter dem Hashtag #meinbildvominternet auf Instagram oder Twitter und gewinne mit etwas Glück eine von drei signierten Gebrauchsanweisungen. Details zum Gewinnspiel gibt es ab 4.9. auf dem Instagram-Account vom Piperverlag.

Natürlich maße ich mir nicht an, Regeln für das Internet (das ganze Internet!) aufzustellen oder gar im Sinne eines Beipackzettels richtiges Verhalten zu beschreiben. Das ist auch nicht der Sinn der Serie, in der auch schon Gebrauchsanweisungen für die Welt, das Leben und das Jenseits erschienen sind. Es geht eher im Sinne des ersten Autors der Gebrauchsanweisungen darum, einen Kontinent zu bereisen. Vor vierzig Jahren schrieb Paul Watzlawik eine Gebrauchsanweisung für Amerika – und in dem Internet-Buch versuche ich, den ortlosen Ort Internet als Reise-Destination zu beschreiben.

Vor allem aber möchte ich mein Bild vom Internet beschreiben – als Ort, der durch sein bloße Existenz beweist, wie toll Diversität und Multi-Kulti ist. Dieses dezentrale Netzwerk ist eine menschheitshistorische Erfindung von so großem Wert, dass es uns häufig gar nicht mehr auffällt. Dabei ist es der europäischen Idee nicht ganz unähnlich – und beides gilt es meiner Meinung nach zu verteidigen. Vielleicht kann man mit etwas Pathos sogar sagen, dass dies die zentrale Aufgabe unserer Generation ist: Die großartigen Errungenschaften Internet und Europa gegen die unterschiedlichen Angriffe zu verteidigen.

Doch Vorsicht: Dabei geht es natürlich nicht ums Konservieren oder um rückwärtsgewandte Vergangenheitsverklärung. Das Internet als lebendiges Netzwerk soll nicht kulturpessimistisch glorifziert, es soll auf Basis des Ideen von Pluralität und Demokratie belebt werden. Damit beziehe ich mich einerseits auf Ansätze, die bedeutsame Ideen wie RSS wiederbeleben wollen, es geht mir bei diesem Bild vom Internet aber um Grundlegendes – wie ich es an anderer Stelle schon erwähnt habe: „Dass völlig unterschiedliche Systeme, auf sehr alten und brandneuen Computern in diesem durch und durch heterogenen Netzwerk der Netze miteinander kommunizieren können (ermöglicht durch das zugrundliegende Internetprotokoll TCP/IP), ist eine bedeutsame, wenn man so will, multikulturelle Erfindung. (…) Denn dass es das Internet überhaupt gibt, zeigt, dass Diversität und Unreinheit funktionieren. Es zeigt, dass die Idee von Völkerverständigung, Offenheit und Pluralismus keine Spinnerei ist, sondern greifbare Wirklichkeit. Es lohnt sich, dieser Idee zu folgen, gerade auch, um gestaltend auf die dunklen Seiten zu reagieren, die durch das Netz zuweilen befördert werden.“

Es ist kein Zufall, dass ich diesen Text an dem Wochenende veröffentliche, an dem unter dem Hashtag #SaveYourInternet in Europa demonstriert wird. Es zeigt, dass auf europäischer Ebene für den Wert des Internet gestritten wird. Das finde ich gut und wichtig. Es macht uns deutlich: Das Internet ist nicht einfach immer so da. Damit es ein demokratischer Raum bleibt, muss man sich engagieren. Das kann auf unterschiedlichen Ebene geschehen. Ein wichtiger Schritt wäre, sich über das eigene Bild vom Internet bewusst zu werden – und darüber zu reden. Auch und gerade mit denen, die sich im Internet vielleicht noch nicht so Zuhause fühlen.

Für alle anderen soll es übrigens demnächst einen Heimatverein Internet geben. Gerade arbeite ich mit ein paar Mitstreiter*innen an einer ersten Umsetzung der Idee. Wer darüber informiert werden will, kann sich hier eintragen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Kann es (noch) besser werden? (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit einer kleinen Weile gibt es in den ICE-Zügen der Deutschen Bahn kabelloses Internet. WIFIonICE nennt die Bahn das. Das ist schön. Außer dem WLAN gibt es aber noch etwas, was unsichtbar in der Luft liegt, wenn man einen Zug betritt. Man findet diese besondere Stimmung nicht nur in den schnellen ICE-Zügen, auch Regional- und manchmal sogar U-Bahnen sind betroffen. Das ist nicht so schön wie das WLAN. Es handelt sich um ein grundlegendes Grummeln, ein nörgelndes Nicht-Einverstanden sein, das man als „Schlechte Laune auf Eis“ beschreiben könnte. Es geht um die Haltung vieler Reisender jedes Ereignis auf der Fahrt als Ausweis für die Unfähigkeit der Bahn zu interpretieren. Egal, was passiert, es gibt nur eine Reaktion: „Typisch!“ Und das ist nicht nett gemeint.

Natürlich sind unter den vielen tausenden Bahnreisenden jeden Tag auch welche, die fröhlich gestimmt sind, optimistisch den Blick auf die Dinge richten, die funktionieren und höflich und nett bleiben im Austausch mit dem Personal. Sie sind aber erstens entschiedend leiser als die Typisch-Fahrer*innen und zweitens ist ihre Meinung bei weitem nicht so anschlussfähig wie das breite Bahn-Nörgeln, das einem stets zustimmendes Nicken nicht nur im Abteil garantiert.

Es gibt eine zweite Sache in diesem Land, die mit einem vergleichbaren Vorurteil zu kämpfen hat wie die Bahn: die Zukunft. Genau wie der Zugverkehr ist auch bei der Zukunft niemand offensiv dagegen (wie auch), aber einverstanden ist man dennoch nicht. Zukunft ist zu einer reiner Sonntagsreden-Floskel geworden, deren Gestaltung kaum Alltags-Antrieb ist. Dass jemand lauthals sagt, dass er die Zukunft gut findet, weil er glaubt, dass die Welt dann besser sein wird, hört man in diesem Land genauso selten wie man im Zug ein Lob auf die Bahn hört.

Ich glaube diesem Zukunfts-Zaudern liegt ein Mangel an innovativem Denken zugrunde.
„Die Fähigkeit, die Welt, so wie sie ist, zu verbessern und vieles in ihr ,neu zu erfinden'“, schreibt Wolf Lotter in seinem Buch „Innovation“, „ist eine zentrale kulturelle Leistung, vielleicht die wichtigste von allen.“ Der Brandeins-Autor spricht in seinem lesenswerten Buch von „barrierfreiem Denken“ und definiert Innovation als, „den berechtigten Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Der Beweis, dass die Zukunft existiert.“

Anders formuliert: Wer innovatives Denken lernen möchte, muss die Fähigkeit trainieren, Zukunft als gestaltbaren Raum zu denken. Das Morgen und Übermorgen ist nicht schicksalhaft vorherbestimmt, es kann durch unser Zutun verändert, ja, verbessert werden.

Glauben Sie daran? Engagieren Sie sich dafür? Oder finden wir nicht allesamt immer wieder Entschuldigungen, warum es sich am Ende dann doch nicht lohnt? Warum erlauben wir uns so selten die Hoffnung darauf, dass unser Mit- und Zutun Einfluss auf die Zukunft hat?

Ich habe die Befürchtung, dass dies unter anderem daran liegt, dass der Referenzrahmen relevanter Entscheidungsträger*innen in diesem Land eben nicht das Heute oder Morgen ist, sondern das Gestern. Denn gestern waren die Dinge besser – so sehen sie es jedenfalls häufig. Hoffnung heißt für sie vor allem: den Status-Quo zu verteidigen. Das ist ein ehrenvoller Antrieb, aber eben ein anderer als jener, der Menschen vor einer Generation inspirierte, die sich auf das Ziel konzentrierten: Meine Kinder sollen es mal besser haben.

Ob man die kulturelle Leistung der Innovation erbringen kann, ist also weniger eine Frage der Übung als eine Frage der Perspektive, die man auf die Welt wirft. Wenn man so will, handelt „Das Pragmatismus-Prinzip“ von nichts anderem als von dem Versuch, innovatives Denken immer wieder und immer wieder neu anzuwenden. In dem Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie der Wechsel der Perspektive uns dabei helfen kann. Diesen Perspektiv-Wechsel haben Yannic Hannebohn und ich einzuleiten versucht, als wir vor ein paar Wochen das Crowdfunding für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ gestartet haben: Wir wollten ihn für zehn Jahre finanzieren!

Zehn Jahre!
Das klingt nach einer kleinen Ewigkeit, wenn man aber ins Jahr 2008 zurückdenkt, stellt man fest, wie nah zehn Jahre in Wahrheit sind. Das haben wir in dem Hashtag #10JahreZukunft zusammengefasst. Beides sollte den Blick öffnen auf die Zukunft als gestaltbaren Raum.

Ob das geklappt habe? Darüber kann man streiten: Yannic und ich haben das in der jüngsten Ausgabe des Podcasts getan. Wir haben gewettet, ob das Crowdfunding noch erfolgreich wird. Am Donnerstag dieser Woche endet es. Am Mittwoch nehmen wir eine Live-Folge in Berlin auf (20.6.,20:06 Uhr Gitschiner Straße 20 Berlin).

Vielleicht wird es die letzte Folge unseres kleinen Projekts.
Vielleicht aber auch nicht.

In jedem Fall ist das Projekt aktuell eine gute Übung in der positiven Antwort auf die Frage, die wie keine zweite innovatives Denken offenlegt:

Kann es (noch) besser werden?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Das Ende der Schlusskonferenz (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit ich mich für Fußball interessiere, höre ich die Bundesliga-Schlusskonferenz im Radio. Die Art, wie live, aber einzig akustisch aus Stadien berichtet wird, fasziniert mich – auch und gerade in Zeiten von Live-Tickern und TV-Streams. Alle Vorteile des Mediums Radio sind in der Live-Übertragung vom Fußball gebündelt. Aber eben weil ich davon begeistert bin, habe ich mich in dieser Saison von der Bundesliga-Schlusskonferenz im öffentlich-rechtlichen Radio verabschiedet. Das ist traurig (weil ich Radio-, Fußball- und Öffentlich-Rechtlicher-Rundfunk-Fan bin), aber auch bemerkenswert, so sehr, dass ich die abgelaufene Spielzeit festhalten muss – als die Saison, in der die Schlusskonferenz für mich zuende ging (dass dieses Ende mit dem Abstieg eines anderen Dinos einher geht, ist vermutlich eher Zufall).

Aus Gründen, die ich nicht einordnen kann, berichten die ARD-Radiosender, die die Schlusskonferenz übertragen, lediglich die letzten zwanzig Minuten kontinuierlich aus den Stadien. Den weit überwiegenden Teil des Spiels übertragen sie nicht. Sie schalten dann und wann mal zu einem Verein, aber eine durchgängige Berichterstattung bieten sie bei Bundesliga-Spielen nicht. Das ist schade, aber es gibt bestimmt Menschen, die darin eine Tradition sehen. Denn so war es ja schon immer – auch in dieser Saison.

Dass ich mich in dieser Spielzeit dennoch von der ARD-Schlusskonferenz verabschiedete, liegt höchstens indirekt am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dessen Schlusskonferenz ist weiterhin toll, aber in dieser Saison habe ich etwas entdeckt, was (für mich) noch toller ist: das ganze Spiel! Das klingt nicht sonderlich innovativ, aber aus Perspektive der Schlusskonferenz ist es ein Innovations-Durchbruch: Man kann nicht nur die letzten 20 Minuten in Konferenz übertragen, sondern das ganze Spiel! Internet-Radios machen das schon seit einer Weile, und wenn man den Satz von Radiomachern hört, schwingt darin immer einer gewisse Geringschätzung mit: Ganz so als seien „Internet-Radios“ (siehe dazu die Digitalen April-Notizen) keine echten, vollwertigen Radios.

Vielleicht war das früher mal so, in dieser Saison jedenfalls habe ich davon nichts gemerkt. Im Gegenteil: Als ich irgendwann zu Beginn der Saison (die Älteren erinnern sich: Dortmung legte fulminant los, die Bayern dümpelten vor sich hin) in diesem Internet-Radio erkannte, welcher Zauber in 90 Minuten Konferenz liegt, starb die Schlusskonferenz für mich. Denn obwohl ich mir aus öffentlich-rechtlicher Verbundenheit (allein zu den gewohnten Stimmen) stets vornahm, zur Schlussphase auf einen der ARD-Sender zu wechseln: ich vergass es jedes Mal und blieb im Internet-Radio.

Es machte Spaß. Ich hörte 90 Minuten am Stück Konferenz-Fußball, beim Joggen (manchmal), beim Aufräumen (selten) oder einfach nur so (meistens). Das Problem mit der Bandbreite, das ich vor ein paar Jahren außerhalb des Wlans noch hatte, gab es nicht mehr und aus der Schlusskonferenz wurde die Spielkonferenz. Denn im Stream gab es neben dem immer gleichen Hinweis auf den Anbieter keine Werbeunterbrechung, keine Gewinnspiele oder gesponsorte Tipp-Aktionen: es gab einfach nur Fußball im Stream. (zum Thema „Sorgen machen“ könnte man übrigens mal „Heute im Stadion“ im BR mit den Ohren eines Kindes hören. Dort wird jedes, jedes, jedes Mal für Schnaps geworben – „dank Ihrer Gebühren“)

Natürlich hat der Anbieter nicht nur die Konferenz im Programm. Vor allem bietet er: Einzelspiele im Audio-Stream. So hatte er mich gekriegt – mit dem Angebot, die Spiele des VfL Bochum (und, ja, auch die anderen unwichtigeren Begegnungen) in voller Länge anhören zu können. Das ist ein sehr einfaches, aber sehr tolles Angebot.

Legt man dieses Angebot neben das gelernte Modell der ARD-Schlusskonferenz ist man mittendrin in dem Wandel, den ich als „Ende des Durchschnitts“ beschrieben habe. Und dieser Wandel ist auch der Grund, der mich dazu bringt, so ausführlich über meinen Fußball-Konsum nachzudenken (nebenbei: das Verhältnis zwischen Sport-Machen und Sport-Konsumieren scheint ein Hebel zur Zufriedenheit zu sein). Denn natürlich könnte dieser Wandel auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgehen. Die ARD-Sender bestimmen seit Jahren den Markt der Fußball-Übertragungen, sie sind Profis, besitzen starke Marken und tollen Inhalt – und doch haben sie zumindest mich in dieser Spielzeit verloren.

Das ist schade, denn ich mag den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich würde gerne Sport-Übertragungen meines Vereins in voller Länge bei einem der ARD-Sender anhören. Auch ein Verlinken des Streams in der Sportschau-App würde mir gefallen. Ich hätte gerne eine Spielkonferenz der öffentlich-rechtlichen Sendern, die 90 Minuten lang dauert. Ich würde mir wünschen, dass sie diese Entwicklungen selber vorantreiben und es nicht fremden Marken überlassen, hier besser Angebote zu entwickeln. Denn der Grund für meinen Abschied von der Schlusskonferenz hat einen Namen: Amazon. Die Firma, die mal als Buchversand begann, gestaltet gerade die Welt nach dem Ende des Durchschnitts – und lässt die traditionsreiche Schlusskonferenz dabei irgendwie alt aussehen. Das ist einerseits sehr schade, aber eben auch sehr schön.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

#smarterphone: Besser statt nur weniger Handy (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Jetzt kommt der Frühling! Denn noch länger kann der Winter ja nicht dauern. Deshalb widmet sich diese Folge des „Digitale-Notizen“-Newsletters dem Aufbruch. So wie ich den Winter nicht mehr sehen kann, so kann ich auch das Jammern über Smartphones nicht mehr hören.

Deshalb habe ich (um zumindest in Sachen Smartphones eine Veränderung anzustoßen) in diesem Monat begonnen, Menschen zu fragen, wie sie ihre Handys nutzen und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Ich habe einerseits eine kleine Blogumfrage gestartet und andererseits Freunde und Bekannte gefragt. Das Ergebnis können Sie hier lesen – und selber gestalten.

Denn #smarterphone ist nicht abgeschlossen und fertig, sondern eine kontinuierliche Aufforderung unter dem Motto „besser statt nur weniger Handy“ Ich frage deshalb auch Sie: Wie nutzen Sie Ihr Smartphone? Erzählen Sie davon, in Ihrem Blog oder schreiben Sie mir Ihre Antworten – aber nutzen Sie dafür gerne diese Fragen.

Vielleicht können wir auf diese Weise versuchen, die dauernde Handy-Debatte etwas positiver zu wenden. Es wäre dies nicht nur mit Blick auf die Jahreszeit überfällig.

Name: Hakan Tanriverdi
verbringt seinen Tag als… Reporter mit Schwerpunkt Cybersicherheit, schreibt meistens für die SZ
nutzt: zwei iPhones
>>> hier weiterlesen >>>

Name: Henriette Löwisch
verbringt ihren Tag als… Leiterin der Deutschen Journalistenschule
nutzt ein: iPhone SE

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Ein Pakt mit einem Teufelchen

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Email, Kalender, Twitter, Facebook, Instagram. Und dann noch die Apps von BVG, MVV und DB. Und BR Radio, RBB Inforadio, diverse Podcasts. Die Kamera. Bring!

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
WhatsApp und den Facebook Messenger. Eins schlimmer als das andere.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Das Handy ist meine Arbeit. Das hört nie auf. Nur Freitagabend schalte ich es ab. Bis Samstagmittag.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Keine außer Telefonie und SMS.

Warum?
Ich guck doch eh immer. Und wenn ich nicht gucke, will ich auch nix hören.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Im Gespräch, beim Essen, im Meeting: Wegpacken. Ausnahmen gelten nur für Notärztinnen und Notärzte, die dürfen das Handy umgedreht auf den Tisch legen.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Leider gucke ich jetzt Handy auch in der Straßenbahn, dabei wollte ich lieber Menschen beobachten, denn das sollten Journalisten tun. Aber anders kann ich nicht mit den Leseempfehlungen mithalten, die die Schülerinnen und Schüler der DJS immer morgens auf Twitter unter dem Hashtag #djsdaily abgeben. Naja, die machen sehr viel Spaß, das ist also OK.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Handys sind genau wie Autos. Denkt mal drüber nach.

Name: Sebastian Meineck
verbringt seinen Tag als… Redakteur bei Vice Motherboard
nutzt ein: Samsung Galaxy S5
>>> hier weiterlesen >>>

Name: Heiko Bielinski
verbringt seinen Tag als … Web-Entwickler, Kundenbetreuer, CMS-Erklärer und Blogger
nutzt ein: iPhone 7
>>>> hier weiterlesen >>>

Name: Meike Winnemuth
verbringt ihren Tag als… Autorin
nutzt ein: iPhone 6

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Hassliebe. Ich liebe es als Werkzeug, als Schweizer Offiziersmesser des 21. Jahrhunderts. Was es alles kann! Was ich alles mit ihm kann! Welche Freiheiten es ermöglicht, welches Wissen, welche Zugänge! Andererseits ist es aber auch eine Daddelmaschine, ein Ablenkungsmanöver, ein unverschämter Zeitfresser – oder besser: Ich erlaube ihm, all das zu sein. Selbst schuld, wie ja eh fast immer.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Laut Batterienutzung von heute: Mail, Safari, Messenger, Google, Podcasts. Gefühlt: die Wetter- und Regenradar-Apps, weil ich sowohl einen Hund habe als auch einen Garten. Die Wetter-Apps gucke ich an, bevor ich aufstehe. Um zu entscheiden, ob ich aufstehe.

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Ich telefoniere nur selten, ich störe so ungern. Es gibt elegantere und rücksichtsvollere Arten der Kommunikation. Ich bin zwar angemeldet bei Twitter und Instagram, habe beides aber noch nie genutzt. Das Leben ist zu kurz.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Ich bin Freiberuflerin, die klare Trennung zwischen Arbeit und Privatzeit gibt es ohnehin nicht. Eine Menge Arbeit findet über das Handy statt.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Sind inzwischen alle ausgeschaltet. Aus Gründen. Bis auf Spiegel Online-Eilmeldungen. Gottlob missbrauchen die das inzwischen nicht mehr so sehr (mit Ausnahme der verdammten olympischen Winterspiele).

Warum?
Warum ich die ausgeschaltet habe? Weil ich immens leicht ablenkbar bin.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Kein Handy auf dem Esstisch. Und nicht in dunklen Räumen, Kino oder so. Auch sonst versuche ich, in Gegenwart von anderen Menschen die Finger davon zu lassen. Ich empfinde es fast immer als Missachtung, wenn Leute während eines Treffens ihr Handy checken. Was kann so wichtig sein?

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Nein. Es werden eher noch mehr.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Dass es ein Leben vor dem Smartphone gegeben hat und dass es noch nicht so lange her ist.

Name: Johannes Kuhn
verbringt seinen Tag als… Journalist und US-Korrespondent @SZ
nutzt ein: iPhone SE
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SmarterPhone-Beiträge gibt es z.B. von:
* Benjamin Birkenhake
* Birte von Gedeih und Verderb
* Nico Brünjes
* Thomas Puppe
* Marcus von Jordan
* Caspar C. Mierau
* Dirk Hansen
* Fabian Neidhart


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

In Kategorie: DVG

Anleitung zum Unkreativsein (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann – und der ab 2018 sich ein wenig ändert (z.B. mit dieser neuen Rubrik)

Wie schafft man eigentlich eine inspirierende Arbeitsatomsphäre, in der Menschen auf neue Ideen kommen? In unterschiedlichen Gesprächen bin ich in den vergangenen Wochen auf diese Frage gestoßen. Und nach noch mehr unterschiedlichen Gesprächen muss ich sagen: Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß, ist dies: Man kann eine Menge tun, um zu verhindern, dass eine Lust am Neuen entsteht. Denn darum geht es im Kern, wenn Menschen auf der Suche nach Kreativität sind: um ein anderes Verhältnis zum Neuen. Kreativität heißt vor allem, das Bestehende anders zu sehen und dann auch herauszufordern. Das Bild vom Vuja-De, das als umgekehrtes Deja-Vu nicht Bekanntes im Fremden, sondern das Neue im Vertrauten entdeckt, ist ein Aspekt dessen, was die Fähigkeit zur Innovation Irritation ausmacht: eine Bereitschaft zum Gestalten, eine Lust an der Veränderung. Denn es gilt, was das in Wahrheit nur mittelgute Buch Change the status quo! Or become it in seinem Titel verspricht.

Wer das berühmte Einstein-Zitat („Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat“) in die Tat umsetzen will, kann vor allem dafür sorgen, dass Menschen Freude an ihrer Arbeit empfinden. Spaß ist ein entleertes Wort, es steht in diesem Zusammenhang aber für eine Art der Arbeit, die als erfüllend wahrgenommen wird. Das ist mindestens eine Vorstufe dessen ist, was Frithjof Bergmann als New Work beschreibt: also etwas zu tun, was man wirklich wirklich tun will.

Je länger man sich damit befasst, um so klarer ist: Die Aufgabe, ein kreatives Umfeld zu schaffen, ist riesig – und jedenfalls so groß, dass der einzelne überfordert ist. Dabei stimmt das nicht, denn jede und jeder kann sehr viel dafür tun, dass ein Umfeld entsteht, in dem eine offene Fehlerkultur gelebt wird, in dem man auch doofe Vorschläge machen darf und in dem gemeinsam gelacht wird. Das Mindeste, was jede/jeder beisteuern kann, ist, dass sie/er aufhört, Kreativität zu unterdrücken. Denn innovative Unternehmen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie die kreativsten Köpfe beschäftigen, sondern vor allem dadurch, dass die weniger kreativen Köpfe, die Phase des Widerspruchs und Bewahrens überwinden.

Wie das gehen soll? Im Sinne von Paul Watzlawicks großer Anleitung zum Unglücklichsein habe ich versucht, zehn Ratschläge zu notieren, die bei strikter Befolgung sicher dazu führen, dass so schnell keiner mehr mit einer ungewöhnlichen Idee um die Ecke kommt. (Unsplash-Foto: Caleb Woods)

Anleitung zum Unkreativsein

1. Sei grundsätzlich einverstanden mit dem Status quo. So wie es ist, ist es doch okay, warum sollte man eigentlich was verändern?

2. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, etwas zu ändern, solltest du darauf achten, dass sich erstmal für die anderen etwas ändert. Außerdem muss durch die Veränderung sofort eine eindeutige Verbesserung sichtbar werden. Hier ist Druck und klassische Führung unerlässlich. Lass dich keinesfalls auf Experimente ein, bei denen nicht von Anfang an klar ist, was dabei herauskommt. Milestones sind unerlässlich, um den Wert von Ideen zu bewerten!

3. Orientier dich stets an dem, was du kennst. Hier bist du sicher, hier kannst du Dinge einschätzen. Dies sollte in jedem Fall die Grundlage dafür sein, Neues sehr kritisch zu beurteilen. Klar, den Satz „Das haben wir noch nie so gemacht“ würdest du nicht sagen. Aber denken darf man das ja wohl. Ist ja schließlich nicht alles schlecht, was hier seit Jahren gemacht wurde. Es ist sowieso schon als Entgegenkommen zu verstehen, dass man überhaupt darüber diskutiert und sich mit Kreativität befasst. Ging doch früher auch ohne all diesen Kram.

4. Stelle deinen Zweifel in den Vordergrund. Wenn dir jemand eine neue Idee präsentiert, darfst du auf keinen Fall loben, was dir gefällt, du musst zunächst erwähnen, was alles fehlt oder nicht stimmt. Überhaupt ist es unerlässlich, stets potenzielle Gefahren in aller Deutlichkeit zu betonen und unabsehbare Folgen ausführlich zu diskutieren. Lass auch ruhig einfließen, dass „du persönlich“ dir nicht vorstellen kannst, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen oder ein solches Produkt zu nutzen. Auch Kinder von Freunden sind als ablehnende Referenzgröße stets willkommen („sind gar nicht mehr so oft auf Facebook“) – Marktforschung oder die absurde Vorstellung, eine Idee vielleicht in einem kleinen Kreis mal zu testen, solltest du als viel zu teuer ablehnen.

5. Versuche auf keinen Fall, die neue Idee durch eigene Impulse zu verbessern. Reagiere niemals mit „Und“, sondern immer mit „Aber“ wenn Du was Neues hörst. Eine gesunde „Wenn es sein muss“-Haltung wirkt im Kreativitätsprozess Wunder – hier ist besonders drauf zu achten, sie äußerst widerwillig vorzutragen und den Anwesenden stets ein Gefühl der Geringschätzung zu geben.

6. Begeisterung ist in jedem Fall zu vermeiden. Wer sich zu sehr in eine neue Idee reinsteigert, übersieht vielleicht wichtige, kritische Aspekte – und neigt zu Fehlern. Deshalb solltest du stets eine distanzierte Haltung bewahren: Das wirkt auch viel seriöser und unangreifbarer als diese Naivlinge, die immer neue Ideen haben. Die werden schon sehen, was sie davon haben. Denn Fehler müssen Fehler bleiben. Wer falsch liegt, muss dafür gerade stehen. Bei Fehlern muss es immer um persönliche Verantwortung gehen und um die Frage, wie so etwas überhaupt passieren konnten. Man sollte niemals darüber nachdenken, wie man sie in Zukunft vermeiden kann!

7. Lass dich keinesfalls von fremden Perspektiven verstören. Gerade branchenfremde Meinungen sind in jedem Fall fernzuhalten. Sie sorgen nur für sinnlose Irritation des bewährten Ablaufs. Irritationen kann man sich nur erlauben, wenn es gut läuft. In Zeiten des Drucks wirken sie auf eine Firma wie die berühmte Szene aus dem Wald: Ein Mann versucht mit einer stumpfen Säge, einen Baum zu fällen. Kommt eine Frau vorbei und rät, die Säge zu schärfen. Sagt der Mann: „Dafür habe ich jetzt keine Zeit.“ Verhalte dich stets wie dieser Mann, halte dich an deine Prioritäten und an die langfristigen Ziele!

8. Du solltest dich auch persönlich nicht vom Weg abbringen lassen. Ein voller, gut getakteter Terminkalender ist nicht nur Ausdruck von viel Arbeit (und Wichtigkeit), er bewahrt dich auch davor, ins Nachdenken zu kommen. Tagträumereien oder gar festgelegte Zeit zum Nachdenken (wie in der Zwei-Stunden-die-Woche-Regel) sollest du dir nicht gestatten.

9. Wenn neue Ideen konkret werden, musst du auf jeden Fall darauf drängen, dass Arbeitsgruppen eingesetzt werden. Es ist dringend zu vermeiden, diejenigen, die die Idee hatten, daran weiterarbeiten zu lassen. Sie brauchen jetzt Führung und Anleitung von bewährten Kräften. Nur sie kennen den Markt und wissen falsche Ansätze frühzeitig zu vermeiden. Außerdem lassen sich auf diese Weise Synergien schaffen – und Effizienz sollte in Fragen der Kreativität stets über allem stehen.

10. Gerade bei Neuem wird häufig der Fehler gemacht, nicht „alle mitzunehmen“. Dabei ist es unerlässlich, ganz zu Beginn möglichst viele Meinungen einzusammeln und einfließen zu lassen. Es braucht unbedingt eine breite Basis, die eingebunden ist. Wenn die Idee dadurch größer wird, ist das nicht von Nachteil. Im Zweifel lohnt es sich dann auch zu investieren. Denn nur wenn alle eingebunden sind, ist sicher gestellt, dass die Sache auch ein Erfolg wird. Integriere die neue Idee deshalb so schnell wie möglich in die bestehende Struktur. Als Faustregel gilt dabei das Prinzip der Wiedervereinigung: Perfekt ist die Mischung von Neuem und Bewährten wenn das Bewährte sich verhält wie Westdeutschland nach dem Mauerfall und das Neue aus der Haltung des ehemaligen Ostens argumentiert.

Auf den ersten Blick wirken diese Regeln sehr umfangreich. Aber keine Sorge: Mit ein wenig bösem Willen kann man sie ganz schnell in die Tat umsetzen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Unser Land, unsere Regeln (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Diese Worte stammen von Jens Stoltenberg aus dem Jahr 2011. Damals war der heutige Nato-Generalsekretär Ministerpräsident von Norwegen. Er sagte diese Worte als Reaktion auf den terroristischen Angriff in Oslo und auf der Insel Utøya. Die Zeit schrieb damals: „Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.“

Ich glaube, es ist auch in Deutschland Zeit für mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Der Angriff, den wir hierzuland auf die freie und offene Gesellschaft erlebten, ist zwar in keinerweise vergleichbar mit den Ereignissen in Norwegen – die Reaktion darauf ist es aber schon. Denn ich bin überzeugt davon, dass die nachhaltigste Antwort auf den Wahlerfolg der rechtsnationalen AfD darin besteht, die Regeln der offenen und freien Gesellschaft zu benennen und vorzuleben.

Die Art und Weise wie Teile der Union im Nachklang der Wahl versuchen, die Wähler*innen der AfD zurückzugewinnen, legt den Verdacht nahe, dass der Rassismus und das Gedankengut der AfD nun nicht zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Es gab sie dort – wie auch in der Gesellschaft – schon vorher, vielleicht nur nicht so klar erkennbar als eigene Fraktion. Vielleicht müssen wir nach der Wahl anerkennen: Nationales und rassistisches Gedankengut „rechts von der Union“ gehören zu diesem Land. Und es die Aufgabe, einer freien und offenen Gesellschaft damit umzugehen, dafür zu werben, dass ein plurales Land die im Wortsinn bessere Alternative ist. Wer will, dass Rassismus im Parlament keinen Platz hat, darf nicht rechte Flanken schließen, sondern muss dafür sorgen, dass Rassismus aus den Köpfen verschwindet.

Und vielleicht kann dabei ausgerechnet ein Plakatslogan der AfD helfen, an dem ich in den vergangenen Wochen immer wieder vorbeifahren musste – eh er kurz nach der Wahl umfiel: „Unser Land – unsere Regeln“ steht auf dem Plakat. Und vielleicht geht es jetzt genau darum: die Spielregeln der Demokratie deutlich zu machen. Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert – unter Belastung wird sie stärker. Wir müssen sie trainieren. Das Wahlergebnis vom 24. September ist eine klare Aufforderung!

Mir ist schon klar, dass der Slogan als Abgrenzung gegen das Fremde gedacht ist. Aber warum nutzen wir ihn nicht als Erinnerung daran, was Demokratie und Pluralismus in diesem Land bedeuten?
Unser Land – unsere Regeln bedeutet für mich deshalb zuerst: der Bezug aufs Grundgesetz, auf die Würde des Menschen, auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es bedeutet, Pluralismus und Toleranz nicht nur in Sonntagsreden anzusprechen, sondern im täglichen, inklusiven Miteinander zu leben und zu fördern. Freiheit ist in diesem Land immer auch die Freiheit des Andersdenkenden – und zum Andersdenken. Es heißt nicht, dass man immer Recht hat, es heißt auszuhalten, dass man unrecht haben kann. Wahrheit – ein Begriff, der auch auf dem Plakat steht – ist nichts, was man unumstößlich besitzen kann. Wahrheit muss sich immer wieder neu beweisen.
Das sage übrigens nicht ich, die Idee stammt von Karl Popper, der den Begriff „offene Gesellschaft“ prägte – und völlig zurecht immer dann skeptisch wurde, wenn Ideen totalitär wurden. Es scheint mir an der Zeit, Popper neu zu lesen – und sich mit einem ¯\_(ツ)_/¯ gegen diejenigen zu wappnen, die auf Angstmache und einfache Antworten setzen (ausführlich beschreibe ich das in meinen Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, das im Januar erscheint)

Unser Land – unsere Regeln bedeutet, dass nicht entscheidend ist, wo jemand herkommt. Das Grundgesetz spricht nicht durch Zufall von der Würde des Menschen und nicht von der Würde des Deutschen. Es bedeutet, dass wir auf Menschlichkeit setzen und auf die christlich-abendländische Tradition der Nächstenliebe. Die verträgt sich nicht mit Abgrenzung, Nationalismen und Rassismus. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist der Garant für das Unreine, für das Carolin Emcke in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Gegen den Hass“ plädiert. Unser Land – unsere Regeln ist auf diese Weise verstanden ein Aufruf zur Toleranz, zum Aushalten der gegenteiligen Meinung – in den Worten Jens Stoltenbergs: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Wir haben in diesem Sommer – aufmerksame Newsletterleser*innen haben es verfolgt – im Rahmen des DemocracyLab der SZ ein Experiment in Sachen Demokratie, Offenheit und auch Menschlichkeit gewagt: Wir haben versucht, unsere demokratische Streitkultur zu verbessern.

Ich glaube, dass darin jetzt eine zentrale Aufgabe liegt: Streiten zu lernen! Wir müssen demokratische Spielregeln vorleben. Dem Fernsehen kommt dabei eine besondere Vorbildfunktion zu. Hier muss demokratische Streitkultur zu sehen sein, die den Perspektivwechsel salonfähig macht und mehr Pluralismus und Demokratie wagt. Nicht aus Naivität, sondern weil das beste Mittel gegen Hass eben nicht neuer Hass ist, sondern ein engagiertes Eintreten für das Unreine und eine „Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie“.

Lesen Sie es nach bei Carolin Emcke und werden Sie demokratisch aktiv – zur Inspiration kann diese tolle Liste vom „Was machen“-Team dienen, die seit Juni einen aktivierenden Newsletter verschicken!

PS: Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich ausgerechnet in diesem Monat auf ein Gif des Illustrators Magoz gestoßen bin, das diese Haltung perfekt auf den Punkt bringt – übrigens über Sprach- und Nationalgrenzen hinweg.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Freiheit zum Andersdenken (Digitale Juli-Notizen)

Die aktuelle Folge des Digitale-Notizen-Newsletters widmet sich dem demokratischen Wettstreit. Im Rahmen des DemocracyLab der SZ haben wir den ideologischen Turing-Test ausprobiert. Es handelt sich dabei um einen Rollentausch in der Diskussion, den regelmäßige Blog-Leser*innen bereits hier kennengelernt haben.

In dieser Woche haben wir dazu ein besonderes Streit-Experiment namens „Das ist Deine Meinung“ durchgeführt, in dessen Einladung es heißt:

Es sollte zur demokratischen Grundbildung zählen, auf tolerante Art streiten zu lernen. Dazu laden wir Sie ein: Probieren Sie es mit uns aus!

Am Mittwoch haben sich dazu rund vierzig Diskutanten in München getroffen und „Das ist Deine Meinung“ ausprobiert. Hier gibt es auf SZ.de ein Videofazit zu der Diskussion!

Im Text, den ich nach der Veranstaltung schrieb, steht:

Es ist die Idee des demokratischen Streits, dass auch die Minderheiten zu Wort kommen. Pluralismus in einer Demokratie bedeutet: die Bereitschaft, auch gegenteilige Meinungen auszuhalten. Denn erst diese Toleranz macht aus einem bloßen Wortgefecht ein echtes Gespräch. „Freiheit“, hat Rosa Luxemburg gesagt, „ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ An diesem Abend erfahren vierzig Frauen und Männer, dass man diesen Satz nicht nur als Appell an undemokratische Regime richten muss, die zum Beispiel Journalistinnen und Journalisten einsperren (#freedeniz). Die Diskutanten spüren, dass der Satz auch auf diese Weise funktioniert: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken.

Links:
Ankündigung
Video
Fazit


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Ein Vuja-de für die grüne Zukunft (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Nur der, der sich die Gegenwart auch als eine andere denken kann als die existierende“, hat der Philosoph Theodor W. Adorno mal gesagt, „verfügt über eine Zukunft.“ Ich musste an dieses Perspektiv-Spiel von Gegenwart und Zukunft denken als ich dieser Tage den heimlichen Mitschnitt dessen sah, was Winfried Kretschmann über die Zukunft der Mobilität sagt. Kretschmann ist Ministerpräsident in Baden-Württemberg und in dem kurzen Clip erläutert er, warum er es für unvorstellbar hält, dass die Neuzulassung von Verbrennungsmotoren in Autos nur noch bis 2030 möglich sein soll (danach müssten auch die in seinem Bundesland ansässigen Autohersteller auf andere Antriebe umgestellt haben). Die Grünen haben diese Begrenzung für Neuwagen mit Verbrennungsmotoren für das Jahr 2030 auf ihrem Parteitag beschlossen. Für Kretschmann sind das „Schwachsinns-Termine“ kann man in dem Clip hören – über dessen fragwürdige Entstehung der Kollege Stefan Braun alles Relevante bei der SZ notiert hat.

Viel wichtiger als die Entstehung des Clips ist mir aber die Tatsache, dass Winfried Kretschmann sich offenbar keine andere Gegenwart (an deutschen Tankstellen) vorstellen kann als die existierende. Er erklärt in einer kurzen Sequenz, dass sein Hauptargument gegen den Plan sei, dass er keine Ahnung davon hat, wie die Fahrzeuge betankt aufgeladen werden sollen: „Jetzt überlegt dir mal: Es fahren fünf Millionen Elektroautos rum. Wo tanken die? Jetzt nimm mal eine ganz normale Tankstelle wie wir sie heute haben. Wir haben an großen Tankstellen vielleicht Platz für zehn Autos, die da auf einmal tanken können. Jetzt dauert das bei denen aber zwanzig Minuten. Jetzt! Wie soll das funktionieren?

Mal abgesehen davon, dass die Studien zur Elektromobilität den Verdacht nahelegen, dass Autos effektiv ohnehin so wenig bewegt werden, dass sie problemfrei in der Nacht am heimischen Stellplatz betankt geladen werden könnten. Und ebenfalls abgesehen davon, dass neue Technologien nicht fertig sind, sondern sich immer weiter entwickeln: Diese Analyse von Winfried Kretschmann ist nicht deshalb interessant, weil sie parteiinterne Streitereien offenlegt. Diese Aussagen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten sind so interessant, weil sie für einen Mangel an etwas stehen, was Robert Musil mal „Möglichkeitssinn“ genannt hat. Realo sein, heißt für Winfried Kretschmann offenbar vor allem nach dem Motto zu denken: Gibt’s nicht – geht nicht. Oder etwas breiter: Ich lasse mir mein Bild auf die Gegenwart doch nicht von anderen Möglichkeiten in der Zukunft kaputt machen.

Polina Flegontovna

Diese Ansicht ist derzeit weltpolitisch traurig populär. Dass man sie aber auch bei einem der wichtigeren Grünen-Politiker und dann ausgerechnet im Bereich Umweltpolitik findet, ist erschütternd. Man ist fast froh, dass die Sache mit dem Atomausstieg von der Kanzlerin in die Hand genommen wurde (*zwinkersmiley*), denn womöglich wäre Kretschmann noch ein super Argument für den Erhalt von Atomkraftwerken eingefallen: Es gibt ja schon welche (*traurigerZwinkersmiley*)

Weil Winfried Kretschmann sich keine Lösung für die Frage vorstellen kann, wie Elektroautos betankt geladen werden können, sollen weiterhin (also auch nach 2030) Fahrzeuge neu zugelassen werden, die bewegliche Trump-Gefährten sind. Denn so muss man nach dem vom US-Präsidenten angekündigten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen (ebenfalls in diesem Monat) das Zitat von Kretschmanns Parteikollegen Oliver Krischer interpretieren. Der grüne Fraktionsvize im Bundestag hatte im vergangenen Herbst gesagt:„Wenn wir das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen, dürfen nach 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr neu auf die Straße.“

Aber was ist das Klimaabkommen schon gegen Winfried Kretschmanns Idee einer Tankstelle?

Die im doppelten Sinn deprimierende Antwort lautet: weit weg! Denn die Tatsache, dass wir unseren „Wirklichkeitssinn“(Musil) zum Maßstab erheben, ist kein Problem, das die Grünen alleine haben. Wir neigen als Menschen dazu, unsere eigenen Vorstellungen und Prägungen zu übersehen. Winfried Kretschmann hält vermutlich sogar aus guten Absichten die heutige Form einer Tankstelle für maßgebend – und er ist damit kaum anders als die meisten anderen. Wir alle haben Prägungen, die dazu führen, dass wir Dinge und Gegebenheiten für richtig und wahr halten, die vielleicht nur Meinungen sind (siehe dazu „Ich bin am Wahrheiten“). Besonders anschaulich hat dies in diesem Monat Phil Laude am Beispiel des Fidget Spinners dargelegt. Denn im Umgang mit diesem kleinen Kreisels greifen auch bei eher jungen Menschen Mechanismen in der Beurteilung des Neuen, die erstaunlich sind.

Weil es diese Mechanismen eben bei jungen Facebook-Fans genauso gibt wie bei grünen Ministerpräsidenten, schreibe ich gerade an einem Buch, das Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen aufzählt. In der Recherche bin ich dabei auf ein Bild gestoßen, das vielleicht auch Winfried Kretschmann helfen könnten. Es handelt sich um ein umgedrehtes Deja-Vu. Damit wird eine Beobachtung beschrieben, von der man den Eindruck hat, man habe sie schon einmal erlebt. Ein Vuja-De hingegen dreht diesen Eindruck genau um: Es geht also darum, eine bekannte Sache eben genau so zu betrachten, als sei sie vollkommen neu. Robert Sutton hat diese Idee in seinem Buch „Weird Ideas That Work“ angestoßen – und damit nahezu eine Innovationsschule begründet. Jedenfalls kann man sich vornehmen, nach dem Prinzip des Vuja-De auf Dinge und Gegebenheiten zu schauen. Man kann sich bemühen, Perspektiven einzunehmen, die einem neu und fremd sind. Und am Ende kann man so auf Ideen kommen, die man sich ganz und gar nicht vorstellen kann.

Vielleicht versucht Winfried Kretschmann es ja mal mit einem Tankstellen-Vuja-De?
¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).