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🏃 Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gibt einen schönen Nebeneffekt am sportlichen Laufen, selbst wenn es man es nur joggend betreibt: Während man rennt, hat man Zeit zum Denken. Es gibt recht lesenswerte Ausführungen darüber, wie das Zusammenspiel von Nicht-Denken und Nach-Denken beim Laufen den Zwischenspeicher im Gehirn befreit (iPhone-Besitzer kennen einen vergleichbaren Prozess vom „Aufräumen“ auf hohe MB-Zahlen angewachsener Apps auf dem Smartphone). Und aus eigener Erfahrung kann ich ergänzen: Dieses Zusammenspiel bildet manchmal sogar die Grundlage für neue Ideen.

Jedenfalls entstand die Idee zu dieser Folge der „Digitale Notizen“ beim Laufen. Was auch damit zu tun hat, dass ich in diesem Monat an einem besonderen Lauf teilnahm – aber eben auch damit, dass ich glaube, dass der Kultur- und Medienbranche sich mit dem Laufen befassen sollten: mit dem Laufen als Markt. (Foto: Unsplash)

Denn im Geschäftsfeld „Breitensport“ lassen sich auch für mich als mittelsportlichen Laien ein paar Entwicklungen ablesen, die vielleicht Inspiration für die Medienbranche sein könnten. Ich sehe diese fünf (zu denen ich auch einen Experten befragt habe)

🏃 1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert 🏃
Ein Sportartikelhersteller lebt davon, Sportartikel zu verkaufen. Das klingt logisch und ist sicher auch richtig – aber eben nicht nur. Aus der Perspektive der ersten Entwicklung lässt sich ergänzen: Ein Sportartikelhersteller der digitale Gegenwart verkauft nicht mehr nur Sportartikel, er ist Partner für den gesamten Prozess „Sport machen“ geworden – oder versucht dazu zu werden. Neben bedeutsamen Veränderungen in der Ausrichtung der Kundenbeziehung (s.u.) heißt dies vor allem: Es geht nicht mehr nur darum, Sportartikel herzustellen und diese zu vertreiben. Es geht darum, den gesamten Prozess in den Blick zu nehmen.
Und was heißt das für Medien? Wenn der Vergleich stimmt, reicht es nicht aus, sich einzig auf gute Produkte – also Artikel, Beiträge oder Texte zu konzentrieren. Es könnte sinnvoll sein, den gesamten Prozess der Orientierung in den Blick zu nehmen

🏃🏃 2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren 🏃🏃
Selbstwahrnehmung und Positionierung des Unternehmens ändert sich durch die Erweiterung der Perspektive grundlegend. Es geht nicht mehr nur darum, gute Produkte zu verkaufen. Es geht um eine Infrastruktur, um eine dauerhafte Kundenbeziehung, für die das Unternehmen die Rolle eines Gastgebers einnimmt. Dabei folgt die Positionierung sehr vereinfacht gesprochen der Logik: Wenn wir wollen, dass die Menschen laufen (wofür sie dann unsere Sportartikel brauchen), dann müssen wir ihnen den Rahmen schaffen, in dem sie laufen können.
Und was heißt das jetzt für Medien? Wenn Sportartikelhersteller kostenlose Lauftreffs veranstalten, braucht es keine besonders große Kreativität um auf Lesegruppen zu kommen. Social Reading als Idee ist bereits da, bisher fehlt aber ein von Sportartikelherstellern Verlagen geschaffener Rahmen.

🏃🏃🏃3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen 🏃🏃🏃
Allein die Tatsache, dass Käufer*innen mit dem Erwerb von Sportartikeln auch Werbefläche anbieten, würde eine genauere Beobachtung verdienen: Wer ein T-Shirt von einem Sportartikelhersteller kauft, wirbt nicht selten durch die prominente Platzierung von Logo und Markennamen für den Hersteller. Allein die Frage zu stellen, wie man als Leser*innen diesen Distinktionsgewinn bei der Lektüre eines Mediums bekommen kann, wäre spannend. Aber darüberhinaus transportieren die laufenden Konsument*innen noch eine weitere Botschaft: Sie bringen andere Menschen in den Gastraum des Sportartikelherstellers. Sie werden zu Testimoninals, die die Sportartikelhersteller sogar bewusst fördern und vorstellen.
Was soll das jetzt für Medien bedeuten? Dass Leser*innen ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft Zeitung sind (siehe dazu meine Notizen aus dem Jahr 2009). Man entscheidet sich für das eine oder andere Medium eben auch weil man sich für die eine oder andere Gruppe derjenigen entscheidet, die es auch lesen/hören/gucken. Dieser Aspekt der Distinktion und Sichtbarmachung derjenigen, die ein Medium nutzen kommt bisher fast gar nicht zum Tragen. Die Laufbranche macht auf erstaunliche Weise vor wie es gehen könnte.

🏃🏃🏃🏃4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen 🏃🏃🏃🏃
Diese Behauptung klang schon an anderer Stelle im Newsletter an: Marken erstellen selber Inhalte, mit denen sie Zielgruppen erreichen. Sie werden also selber zu Medien. Im Zuge der Veränderungen der eigenen Rolle produziert der Sportartikelhersteller eben nicht mehr nur Sport-BHs, sondern auch Sport-Berichte. Als Partner im Gesamtprozess „Laufen“ übernimmt der T-Shirtproduzent nun auch Ratgeberfunktionen, die früher Sportmedien übernommen haben.
Warum ist das für Medien wichtig? Weil Marken hier in den Kernbereich dessen vordringen, was bisher exklusives Geschäfts von Medien war: Mit Hilfe von Inhalten Ziegruppen zu erreichen. Selbst wenn die anderen Punkte den Medien in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung egal sind: Hier sind sie gefordert, sich neu und klarer zu positionieren.

🏃🏃🏃🏃🏃5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert 🏃🏃🏃🏃🏃
Wie inspiriert man Menschen dazu eine bestimmte Tätigkeit z.B. Laufen auszuüben? Indem man ihnen Menschen zeigt, die Freude an dieser Tätigkeit – also dem Laufen – haben. Bei der Beobachtung der zu Testimonials entwickelten Läufer*innen in sozialen Netzwerken habe ich verstanden, wie Content Marketing funktioniert (und was es von klassischer Produktwerbung unterscheidet): Es macht Lust darauf, eine Tätigkeit auszuüben, eine Produkt zu nutzen – indem es die Freude zeigt, die Menschen dabei haben. So stellen die Frontrunner und anders genannten Testimonials allein dadurch, dass sie ihr Laufen zeigen sicher, dass auch Menschen im erweiterten Umfeld inspirierte werden, zu laufen. Auch dafür brauchte man früher Sport-Medien und klassische Werbung.
Und welche Schlussfolgerung soll man nun daraus ziehen? Bei Content Marketing geht es nicht um Schleichwerbung oder Vertuschung einer Werbebotschaft. Es geht darum, die Nutzung eines Produktes von einer glaubwürdigen Person vorführen zu lassen. Völlig egal, wie man inhaltlich dazu steht: die Laufbranche zeigt, wie das funktionieren kann – und hat damit natürlich auch Einfluss auf klassische Medien.

Und wem das alles zu sportlich war: Man kann sich diese Entwicklungen auch von Apple zeigen lassen. In diesem Monat hat die Firma, die für viele ja ein Sportartikel-Smartphone-Hersteller ist, gezeigt, dass sie in Zukunft nicht nur das sein will, sondern zunehmend auch Infrastruktur-Anbieter werden will: Unter apple.com/today kann man sich anschauen, wie Apple die oben beschriebenen Entwicklungen auf die Anwendung seiner Geräte überträgt…

Zur Einordung meiner Beobachtungen übers Laufen habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Aktiv wie als Berichterstatter. Gunnar Jans hat hier meine Fragen zum Laufen beantwortet.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

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Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Dieses Interview erweitert die Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der sich in der aktuellen Folge mit dem Thema Laufen befasst – und den man hier kostenlos abonnieren kann!

Gunnar Jans ist Chefredakteur bei der Münchner Content-Marketing-Agentur The Digitale, einer Telekom-Tochter mit Sitz am Milchhäusl vis-a-vis zum Englischen Garten. Im Auftrag des Kunden Messe München verantwortet er den redaktionellen Auftritt von ispo.com, dem Leitmedium des Sport-Business – und berichtet dort auch übers Laufen. Er war 14 Jahre Sportchef der Münchner Abendzeitung und davor und danach ein Kollege bei der Süddeutschen Zeitung. Gunnar läuft fast täglich an der Isar, mittwochs bei den Urban Runners Munich – und einmal im Jahr auch Marathon.

Früher fanden Läufe und Lauftrainings in Sportvereinen statt. Heute sind es auch Sportartikelhersteller, die urbane Laufveranstaltungen starten, an denen Läufer*innen kostenlos teilnehmen können. Kannst du mal erklären, warum die das machen?
Der klassische Sportverein ist ein Medium von gestern: Er liefert verlässlich, aber wenig innovativ, zu vorher festgelegten Uhrzeiten, für eine feste Jahres-Abo-Gebühr, mit den immer gleichen Strukturen und den immer gleichen Gesichtern. Genau so wie User heute digitale Inhalte flexibel nutzen, organisieren sie auch ihre Freizeit: abwechslungsreich, ohne Verpflichtungen, permanent nach neuen Reizen suchend, meistens über soziale Netze, vor allem Facebook. Das haben, wenn wir zum Laufen kommen, die Sportartikelhersteller erkannt: Ihre Lauftreffs finden zwar auch regelmäßig statt, aber ohne Zwang, man kann vom einem zum anderen Anbieter springen, meist bieten sie jede Woche ein neues Special. So entsteht ein permanenter Wettbewerb um den Kunden, hier den Läufer, mit der Chance für die Unternehmer, auf Aktionen und Produkte aufmerksam zu machen. Oftmals geht es aber gar nicht um Werbung für ein bestimmtes Produkt – sondern nur ums Brand Building, also darum, etwas fürs Image zu tun, die Menschen an sich zu binden – und sogar Feedback zu bekommen, das auch die Hersteller besser macht in ihrer Performance. Weil sie mit den Kunden ins Gespräch kommen ohne geschäftlichen Zwang. Im Marketing geht es ja oft um die Frage: Setzen wir B2B, Business to Business, oder B2C, Business to Costumer? Die beste Antwort darauf ist: H2H, Human to Human.

Diese Veranstaltungen werden nicht selten in sozialen Netzwerken dokumentiert, die Laufgruppen der Marken tragen eigene Namen und veranstalten eigene Wettkämpfe. Was soll das?
Gerade Laufgruppen leben davon, dass ihre Teilnehmer Spaß haben am gemeinsamen Erlebnis. In den sozialen Netzen heißt das dann Community Building – was ja im besten Sinn die digitale Verlängerung eines analogen Erlebnisses ist. Wir laufen zusammen, wir markieren unsere gemeinsamen Wege – und taggen den Veranstalter, mit dem wir gelaufen sind. Je mehr es den Marken gelingt, dass ich mich aus freien Stücken an sie binde, dass ich mich mit ihrem Angebot identifiziere, um so eher werde ich zum Teil dieser Marke – und teile plötzlich meine Erlebnisse im Namen der Marke. Wenn es den Marken gelingt, ihre Angebote so spannend und vor allem abwechslungsreich zu gestalten, dass ich gern mit ihnen gemeinsame Sache mache, haben sie mich gewonnen. Als Teil der Marke. Wichtig ist allerdings, dass diese Angebote smart sein und für sich stehen müssen und vor allem: keine Verkaufsveranstaltung sein dürfen, keine Produktshow und niemals penetrante Werbe-Belästigung. Um mal einen Vergleich mit der SZ zu ziehen: Die „lange Nacht der Autoren“ ist bestes Content Marketing, die Fußgängerzonenstände mit sofortiger Probeabo-Bedrängung plumpe Werbe-Penetrierung. Konkret aufs Laufen bezogen: In München kann ich montags beim „Montag Fight Run“ laufen, dienstags bei „Never Stop Munich“, mittwochs bei Urban Runners Munich, donnerstags beim Lauftreff München – jeweils bei verschiedenen Marken, die eher smart branden. Die Ausnahme sind da die Adidas Runners Munich – die jeden Tag Programm bieten, was ein einzigartiges Konzept ist, fast eine Komplett-Betreuung, aber auch mit einem gewissen Guppenzwang versehen.

Eine weitere Beobachtung im Laufbusiness: Adidas kauft runtastic, Asics kauft Runkeeper – kann man eigentlich noch von Sportartikel-Herstellern sprechen oder entwickeln sich diese nicht vielmehr zu Infrastruktur-Anbietern?
Mit Blick auf die digitale Transformation ist es mehr als clever, die komplette Infrastruktur unter einem Dach anzubieten. Nur wenn ich alles biete, vom Produkt über die smarte Tracking-App bis zur Community mit Wettbewerbscharakter und dies auch idealerweise vom Digitalen ins Analoge und umgekehrt zurückspielen kann (eben durch Laufgruppen, die sich über Social Media vernetzen), biete ich dem Kunden die Möglichkeit, in meiner Welt zu bleiben und nicht die Plattform zu wechseln. Idealerweise gelingt es mir, ihn über einen Kanal auf meine Plattform zu holen und dann alle meine Services für ihn nutzbar zu machen. Und was das Zusammenspiel von Sportartikel-Herstellern und Tracking-Plattformen wie Runtastic oder Runkeeper angeht: Auf diesen Plattformen geben die Nutzer freiwillig (!) so viele Daten preis, an die der Hersteller sonst nie käme und die er für die Entwicklung seiner Produkte nutzen kann, dass es für die Sportartikel-Hersteller geradezu ein Muss ist, dort auch Anbieter zu sein.

Braucht man dann eigentlich noch Laufmedien wie Zeitschriften oder Websiten, die das Thema „Laufen“ begleiten? Das übernehmen doch dann auch die Anbieter selber, oder?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Marken zu Medien werden und neben Produkten künftig auch Inhalte liefern werden, die wiederum mehr als die Welt ihrer Produkte abbilden. Wenn es sich durchsetzt, dass dies immer vom Nutzer her gedacht wird, so wie übrigens gutes Content Marketing funktioniert, kann dies zur Folge haben, dass diese Unternehmens-Seiten eine hohe Reichweite bekommen – und das Unternehmen in seine eigenen Inhalte investieren wird mit der Folge, weniger Werbemittel für Zeitschriften oder andere Portale zur Verfügung zu stellen. Deren Situation wird dadurch nicht leichter werden. Trotzdem glaube ich, dass Special Interest Zeitschriften oder Websites weiter eine gute Chance haben – wenn ihr Markenkern etwas unverwechselbares hat. Ich jedenfalls lese gern Lauftipps auf Sportartikelherstellerseiten – aber genauso die Runner’s World als das beste Fachmagazin oder Hajo Schumachers herrliche verrückte und vor allem umfassende Seite achim-achilles.de

Ich behaupte, dass auch der Journalismus und die Medienbranche etwas von dieser Entwicklung lernen kann, dass es nämlich nicht nur um den Inhalte oder die Produkte geht, sondern immer mehr auch um das Umfeld, um den Kontext. Siehst du das auch so bzw. siehst du Entwicklungen, die man aus dem Laufbusiness auf die Medienbranche übertragen kann?
Der wichtigste Hebel ist: sich um den Nutzer, den User, den Leser, den Kunden zum kümmern. Ihm nicht ein schlimmstenfalls auch noch abgeschlossenes Produkt hinzuwerfen, sondern ihn das Medium zum Teil seiner Welt zu machen. Ihn überall zu begleiten, ihm Hilfestellung zu leisten. Mit ihm in Kontakt zu treten. Analog und digital und wieder analog. Das Lauf-Business macht vor, wie es funktionieren kann: Erlebnisse zu schaffen, die man teilen möchte mit anderen, mit Gleichgesinnten. Beim Laufen werden die Kunden dank der digitalen Möglichkeiten zum Botschafter des Unternehmens, zum Influencer. Wenn dies schon Marken gelingt, die bis gestern noch gar keine Medien waren, sollten die Verlage dazu doch erst recht in der Lage sein – und die Bedürfnisse ihrer Kunden ernst nehmen, sich mit ihm austauschen auf allen digitalen Plattformen und sich auch von den Lesern inspirieren lassen. Dass jemand aus dem 22. Stock Kommentare schreibt, die mir die komplexe Welt ein Stück weit leichter verständlich machen, ist wichtig – wirklich überzeugt werde ich aber erst, wenn sich derselbe Kommentator auch auf meine Welt einlässt, er also Kenntnis hat von dem, was ich bewegt. Und zum Influencer für diesen Kommentator, also quasi zu seinem Marken-Botschafter, werde ich erst dann, wenn auch sich auf den Dialog mit mir einlässt. Warum laufe ich mit einem Urban Runners Munich -Shirt durch die Stadt, warum gehe ich bei Wettbewerben für die Urban Runners an den Start? Weil ich Teil der Gruppe sein mag, mich dazugehörig fühle. Wer aber fühlt sich als Leser, egal ob flüchtig oder jahrzehntelanger Abonnent, wirklich einer bestimmten Zeitungsmarke zugehörig?

Du läufst – das kann man auf deinen Instagram– und Twitter-Profilen verfolgen – auch selber. Was reizt dich selber an dem Sport und vor allem: Warum teilst du deine Freude daran in den sozialen Medien?
Weil ich, wenn ich alleine laufe, dabei am besten nachdenken kann. Und wenn ich in der Gruppe laufe, die gemeinsamen Erlebnisse und die Endorphine genieße. Weil es ein wunderbares Wechselspiel ist zwischen Abschalten und Aufdrehen, zwischen Quasi-Meditation und Wettkampfmodus. Das alles spielt sich für mich auch in den sozialen Medien ab: Fotos, die die Faszination des Laufens zeigen. Gedanken oder Kommentare, die nur beim Laufen entstehen. Und Gefühle vor, während und nach dem Lauf, die du sonst nirgends erlebst. Dies in den sozialen Medien zu teilen, bedeutet ja auch, die Motivation zu teilen, weiterzugeben. Es gibt ja diesen in der Running-Szene beliebten Hashtag #laufenmachtglücklich. Ich glaub’ tatsächlich daran. Allerdings musst du dir auch darüber klar sein: Wer nicht Teil dieser Lauf-Communitys ist und doch in seiner Timeline häufig von Lauf-Post belästigt wird, hält Läufer für außerordentlich mitteilsame Spinner – bestenfalls.


Dieses Interview gehört in den monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. In der aktuellen Folge denke ich übers Laufen nach.

Der Monat, in dem das Fernsehen starb (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Er ist Geheimagent im Auftrag seiner Majestät. Er ist körperlich durchtrainiert und technisch perfekt ausgestattet. Kein noch so aussichtsloser Auftrag ist zu kompliziert für ihn: Daniel Craig ist der aktuelle James Bond-Darsteller. Daniel Craig ist ein Mann für unlösbare Aufgabe und deshalb schafft Daniel Craig beim Fernsehen sogar das hier: Eine Szene wiederholen.

Eine deutschlandweite Plakatkampagne wirbt derzeit dafür. Testimonial Daniel Craig sitzt dabei in grüner Strickjacke auf dem Sofa und zielt mit einer Fernbedienung in Richtung des Zuschauers. Denn für James Bond, sagt dieses Plakat, ist „nichts leichter“ als eine Szene zu wiederholen.

Ich musste den Blick aufs Plakat mehrfach wiederholen. Zu unglaubwürdig erscheint mir die Kampagne. Die Fallhöhe zwischen testosteron-getränkter Männlichkeit einerseits und Banalität der Aufgabe andererseits wirkt auf mich als würde James Bond sagen: „Eine Banane ohne Schale essen? Nichts leichter als das“.

Diese Kampagne rückt nicht die Superkräfte des Geheimagenten ins Blickfeld, sondern seine fehlende Gegenwart. Nicht nur Netflix oder Amazon Prime scheinen ihm unbekannt, auch die Mediatheken nutzt er offenbar nicht. Dieser Geheimagent lebt so selbstverständlich in einer einzig linearen, klassischen Fernsehwelt, dass er sie sogar zum Maßstab für sein Handeln erhebt.

Dies trifft aber natürlich nicht nur auf das Werbetestimonial Daniel Craig zu. Es trifft vor allem auf diejenigen zu, für die diese Werbung gemacht ist. Es scheint in diesem Land noch eine Menge Menschen zu geben, die staunen, wenn jemand behauptet, er könne eine Szene im Fernsehen wiederholen. Im Bild mit der Banane heißt das: Mit dem Entfernen der Schale kann man offenbar tatsächlich Leute beeindrucken.

Ich finde das interessant, weil diese merkwürdige Kampagne in den gleichen Monat fällt, der für mich als derjenigen in Erinnerung bleiben wird, in dem klassisches Fernsehen für mich starb. Die Abschaltung des DVB-T-Signals markiert für mich den Zeitpunkt, an dem ich aufgehört habe, die Art von Fernsehen anzuschauen, bei der man keine Szene wiederholen kann.

Es ist erwähnenswert, sich diesen Monat zu merken. Denn in nicht allzu ferner Zukunft wird sicher jemand fragen: Wann haben wir eigentlich aufgehört auf die Weise Fernsehen zu schauen wie unsere Eltern es getan haben? Ich weiß, was ich dann antworten werde: Im April 2017 – als das DVB-T-Signal abgeschaltet wurde.

Dass ich in diesem Monat auch von den Plänen von Mark Zuckerberg las, brachte mich dazu, diesem Text einen über mein eigenes Fernsehverhalten hinaus deutenden Titel zu geben. Die New York Times zitiert den Facebook-Chef mit den Worten: „Denken Sie an all die Dinge, die uns umgeben, die nicht zwingend physische Objekte sein müssen. Statt ein TV-Gerät für 500-Dollar zu kaufen, kann man sich Fernsehen auch in einer App für einen Dollar vorstellen.“

Zuckerberg bezieht sich damit auf eine Form der erweiterten Realität, die er in Facebook mit Hilfe einer Kamera erschaffen will. Pokemon-Go-Spieler kennen das Prinzip der so genannten augmented reality aus eigener Anschauung. Facebook will diese Technologie in einer Art nutzen, die ich im Metabuch als Ende des Durchschnitts beschreibe. So skizziert Zuckerberg die Idee einer freien Wand, die erst durch den Blick durch die Facebook-Kamera einen Inhalt freilegt – womöglich abhängig von denjenigem, der durch die Kamera blickt. Auf das eingangs zitierte Plakat übertragen, kann das heißen: Auf der Werbefläche könnten unterschiedliche Motive angezeigt werden – abhängig davon, wer vor das Plakat tritt.

All das befindet sich noch im Planungsstatus und es gibt nicht wenige, die behaupten, Zuckerberg werde sich damit nicht durchsetzen. Für meinen Blick auf „Fernsehen“ im April 2017 ist dieser Teil aber fast unbedeutend. Denn wann es kommt und von wem es zuerst eingeführt wird, ist nachrangig im Vergleich zu dem Ausblick auf das, was Fernsehen einmal sein kann – nach seinem Tod im April 2017.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Ich bin „am Wahrheiten“: Warum ich nicht (mehr) an den Masterplan glaube (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Gibt es eigentlich eine Antwort auf die Frage wie wir auf die Digitalisierung reagieren sollten?“ Mir wurde diese Frage im vergangenen Monat gestellt und ich bin mir nicht ganz sicher, wie man sie kohärent beantwortet. Sicher bin ich mir hingegen, dass ich bei all den Menschen Vorsicht walten lassen würde, die eine sehr konkrete und vermeintlich richtige Antwort anbieten. Ich weiß nämlich nicht genau, ob es diese eine Antwort, diesen Masterplan überhaupt geben kann – in der hochkomplexen Welt der digitalen Veränderung*.

Ich glaube, es gibt einen bedeutsamen Unterschied zwischen dem Besitz und der Suche nach der Wahrheit. Wobei ich den Begriff der Wahrheit hier bewusst etwas unscharf für eine Masterplan-Antwort wähle. Denn ich kann mich kaum erinnern, dass die „Wahrheit“ so in der Debatte stand wie in den vergangenen Wochen. Der Hauptgrund dafür ist ihr Fehlen. Fake-News – also Lügengeschichten, die sich als sachliche Meldungen verkleidet haben – sind auch dank Donald Trumps fragwürdigem Präsidentschafts-Einstieg ein sehr wichtiges Thema. Im Wortsinn. (Es scheint hier übrigens sinnvoll auf die genaue Definition von Fake-News hinzuweisen, Craig Silverman bietet in seinem Newsletter diese hier an: „Fake news is completely false information that was created for financial gain.“ )

Ich habe allerdings nicht erst seit Trump so meine Probleme mit dem Wahrheitsbegriff (wie ich hier vor zwei Jahren am Beispiel der damaligen Spiegel-Kampagne beschrieben habe). Die Tatsache, dass dieser jetzt aber seinerseits im Stile eines Sandkastenstreits „Selber Lügner“ ruft, wenn ihn die Presse mit unliebsamen Fragen konfrontiert, zeigt, dass es vermutlich nicht reicht, sich auf die Wahrheit zu berufen (Foto: unsplash). Das Ganze gleicht einem recht ausweglosen Anbrüllen zweier Kontrahenten, die sich auf die einzig wahre Weltsicht berufen. Mich erinnert die Situation ein wenig an das Bild der beiden Männer, die rechts und links von einer auf dem Boden gemalten Ziffer stehen und jeder einzig die eigene Sicht gelten lassen. Der eine sieht eine 6, der andere ein 9.

Als Betrachter sieht man vor allem: Man kann nicht sagen, wer die Wahrheit spricht (womöglich sogar beide). Aus der distanzierten Perspektive sieht man zudem: Beide scheinen gute Gründe dafür zu haben, ihre Weltsicht als Wahrheit zu beschreiben. Wie sie da rauskommen? Indem sie da rauskommen!

Denn wie wäre es, wenn wir Wahrheit grammatikalisch kurz nicht als Hauptwort verstehen (das sie ist), sondern als Tunwort. Wenn wir Wahrheit als Verb verstehen, dann stellen wir fest, dass es nicht darum geht, die Wahrheit zu besitzen, sondern nach ihr zu streben. Wahrheit verlangt nach einer Verlaufsform: „Ich bin am Wahrheiten“ wäre dann der Slogan für eine lebendige Demokratie. Denn die Suche nach der Wahrheit macht den Wettstreit der Ideen aus. Der unhinterfragbare Besitz der Wahrheit macht diesen hingegen kaputt.

So lange die beiden Männer nur ihre 9 oder ihre 6 sehen, haben sind sie zwar jeder für sich unbestritten im Recht, es nützt ihnen aber überhaupt nichts. Sie sind unfrei, gefangen in ihrer Weltsicht. Sobald sie aber anfangen, sich aus der Situation zu lösen und der Frage zu öffnen: „Wie kommt der andere eigentlich darauf, die Welt so zu sehen?“ bewegen sie sich in Richtung der Freiheit, die eine Grundlage der Demokratie bildet. „Freiheit“ – und auch das war hier wiederholt Thema – „ist immer die Freiheit des Andersdenken.“

Darf man das sagen mit Blick auf Donald Trump?
Ich glaube sogar, dass man diesen Weg wählen muss. Denn hier liegt der Unterschied zwischen den Journalisten, die Trump unlängst sogar von der Pressekonferenz ausschließen ließ (sic!) und der Weltsicht des neuen US-Präsidenten: Die Medien sind „am Wahrheiten“, Trump meint im Besitz der Wahrheit zu sein.

Ich habe den Eindruck, dass dies die beste Antwort ist auf diese Zeit, die vielen als merkwürdig und schlimm erscheint: Ich wünsche mir viel mehr Menschen, die „am Wahrheiten“ sind und viel weniger, die lediglich ihre Wahrheit herausposaunen. Vielleicht sollten wir, die wir leiden an der Politik des Donald Trump, genau das offenlegen: dass wir „am Wahrheiten“ sind. Dass wir an den Wettstreit der Ideen glauben, dass wir für Toleranz einstehen wollen und dass wir für die Freiheit des Andersdenken kämpfen wollen. Denn „am Wahrheiten“ sein, heißt für mich auch, den Glauben an die reine Wahrheit aufzugeben und das Unreine zu akzeptieren. Diesen Begriff habe ich mir von Carolin Emcke ausgeliehen, die in „Gegen den Hass“ für die Vielstimmigkeit als Antwort plädiert. Im Klappentext heißt es: „Allein mit dem Mut, dem Hass zu widersprechen, und der Lust, die Pluralität auszuhalten und zu verhandeln, lässt sich Demokratie verwirklichen.“

Was das alles mit der Einstiegsfrage zu tun hat? Ich bin in den vergangenen Monaten zu der Einsicht gelangt, dass auch der digitale Wandel ein Prozess ist, der erstens nicht abgeschlossen sind und dem man zweitens am schlechtesten begegnet, wenn man die Antwort schon weiß. Ich glaube nicht (mehr) an den Masterplan in Sachen digitale Transformation. Ich will mich auch bei diesem Thema eher an jene halten, die „am Wahrheiten“ sind als an die, die einzig ihre Richtung verkaufen.

* Zu dem Thema denke ich gerade nach

Mehr zum Thema Fake-News
– Im „Lage der Nation“-Podcast ging es Ende Dezember um Fake-News
– In der Kinderzeitung der SZ habe ich versucht, den Begriff Fake-News zu erläutern.
– Der Kollege Sebastian Herrmann hat in der SZ über die Psychologie von Fake-News geschrieben.
– Adam Tinworth: Journalism is losing the culture war, because it’s fighting last century’s battles


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Streiten lernen: Für ein besseres Internet (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

In diesem Monat ist ein Mann ins Weiße Haus in Washington eingezogen, der sich Mühe zu geben scheint, auf keinen Fall präsidial zu wirken. Den konstitutionell-demokratischen Habitus, die Diplomatie und das Eintreten für Grundrechte – all das hat Donald Trump abgestreift. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die mir in den 1980er Jahren in der Schule als liberale Vorbildnation vorgestellt wurden, stehen vor einer grundlegenden demokratischen Herausforderung. Dabei geht es an dieser Stelle gar nicht so sehr um die einzelnen Schrecklichkeiten, die Trump angezettelt hat, es geht vielmehr um die Reaktionen, die er damit provoziert.

Es scheint so zu sein, dass sich eine neue (weltweite) Oppositionsbewegung bildet, die der These folgt: Wenn der Präsident sich nicht präsidial verhält, dann muss es jede/r Einzelnen tun. Dieses Muster meine ich jedenfalls bei einigen Initiativen zu erkennen, die – über die USA hinaus – eine Antwort suchen auf die Probleme der digitalen Gegenwart: Denn ein wichtiges Instrument gegen Fakenews, Panikmache oder Hatespeech bist du selber. Das sagen die unterschiedlichen Initivativen allesamt. Sie ziehen sich nicht mehr einzig auf strukturelle Kritik zurück, sondern versuchen selber aktiv zu werden – für ein besseres Internet, für eine bessere Welt.

Wir sind eine Aktionsgruppe, die sich für eine bessere Diskussionskultur in den Sozialen Medien einsetzt„, schreibt Hannes Ley in der Facebook-Gruppe #ichbinhier. „Statt Hass, Beleidigungen und Lügen wollen wir ein sachliches, konstruktives Miteinander.“ Deshalb treten die Mitglieder der Gruppe unsachlichen, hassverbreitenden Beiträgen aktiv entgegen: „Wenn 500 Leute Gerüchte verbreiten oder aggressiv werden, eskaliert die Stimmung“, schreibt Ley weiter. „Kommen 100 Leute mit sachlichen Infos und konstruktiven Vorschlägen hinzu, kann sich das Blatt wenden. Diese kritische Masse wollen wir sein. Je mehr Leute die Kommentarspalten großer Online-Medien positiv füllen, desto besser wird das allgemeine Klima. Jede/r Einzelne kann etwas bewirken.“

Auf diesem Gedanken basiert auch das NoHateSpeechMovement, das in der kommenden Woche „United for a better Internet“ gegen Hate Speech vorgehen will. Mit Hilfe vieler einzelner Netznutzer*innen.
Ähnlich argumentiert Torsten Kleinz, der in seinem Blog ebenfalls an die publizistische Verantwortung des/der Einzelnen appelliert: „Statt nur von den Mächtigen Quellen und Glaubwürdigkeit zu verlangen, müssen wir uns auch mehr auf unsere eigene Glaubwürdigkeit Gedanken machen.“

Mir ist diese Haltung sehr sympathisch – nicht nur weil ich in den vergangenen Wochen viel positives Feedback für die Aktion #gegendiepanik erfahren habe. Die Idee der Seite, die ich mit Heiko Bielinski und Manuel Kostrzynski erstellt habe, zielt in die gleiche Richtung: Jede/r Einzelne trägt Verantwortung für das, was sie oder er veröffentlicht. Und das bedeutet auch: Jede/r kann mithelfen, dass es besser wird.

Und ein Bereich, in dem eine Besserung dringend notwendig zu sein scheint ist die Streit-Kultur im Internet. Ich bin davon überzeugt: Wir müssen streiten lernen! Wir brauchen mehr Vorbilder für die sachliche Auseinandersetzung – auch im Netz. In seinem Essay „Die Rückkehr des Gentleman“ schrieb der Kollege Max Scharnigg unlängst, dieser sei keinesweges in der analogen Welt verhaftet. Er ist „in der digitalen Welt nicht nur genauso denkbar, sondern umso dringender vonnöten. Schließlich gehört angemessene Kommunikation zu seinen Talenten und die Contenance, die ihn auch angesichts ungeheuerlicher Vorgänge einen kühlen Kopf und sämtliche Manieren behalten lässt. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und intellektuellen Gefasstheit sind gerade im Netz gefragt, wo sich unentwegt Fronten bilden und Ansichten kollidieren.“

Gleiches gilt aber natürlich auch für TV-Talkshows, in die man sich mindestens so sehr Teilnehmer*innen mit diesem Gentleman-Gestus wünschen würde wie in manches Netzforum. Und vermutlich muss man an beiden Seiten anfangen: Einerseits sollte man sich selber – im besten Sinne der Social-Media-Gelassenheit – zu Contenance und Manieren ermahnen, wenn eine Debatte mal wieder aus dem Ruder läuft. Und andererseits sollte man seinen Rundfunkrat kontaktieren und darum bitten, dass auch in den TV-Talkshows viel mehr Wert auf eine demokratische Streitkultur gelegt wird. Es ist ein Irrglaube, dass die aktuellen Anbrüll-Shows (die Bauer&Hauck großartig in diesem Cartoon auf den Punkt gebracht haben: „Lassen Sie mich bitte ausschreien, ich habe Sie auch ausschreien lassen“) mehr Quote machen würden als eine echte Diskussion. Erstens ist dies nämlich bisher kaum ausprobiert worden und zweitens kommt es auf die Versuchanordnung an: Man könnte ja zum Beispiel mal die Rollen tauschen und die Diskutanten bitten, die gegenteilige Position zu besetzen. Horst Seehofer müsste dann z.B. erklären, warum es christlich (sic!) ist, flüchtende Menschen ins Land zu lassen und Jürgen Trittin müsste Argumente für die Atomenergie nennen. Wenn sie die Haltung des Gegenüber nicht anständig zusammenfassen können, müsste man sie entsprechend sanktionieren. Man nennt das den Ideologischen Turing Test – und ich finde, es ist nicht der schlechteste Ansatz auf dem Weg zu einem echten Gespräch.

Denn: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“ Das hat der Philosoph Gadamer mal gesagt – und wenn die Talkshows zu Streit-Gesprächen werden sollen, könnte man ja mal versuchen, die Diskutanten mit der eigenen Perspektive zu konfrontieren.

Das klingt unrealistisch? Dann fangen wir doch mit uns selber an. Tyler Cowen hat dazu unlängst einen Vorschlag gemacht: „write occasional material in support of views you don’t agree with. Try to make them sound as persuasive as possible. If need be, to keep your own sense of internal balance, write a dialogue between opposing views, just as Plato and David Hume did in some of their very best philosophical works.“
Schon im November hatte Cass Sunstein dazu jeweils fünf Bücher vorgestellt, mit deren Hilfe Konservative und Liberale ihre eigene Weltsicht herausfordern können. Das ist nämlich das Mindeste, was man im besten Shruggie-Sinn tun kann, um sich präsidialer zu verhalten als der aktuelle US-Präsident: Die eigenen Positionen in Frage stellen, die Gegenseite sehen, auch die Maginalisierten nicht vergessen.

Und aus dieser Haltung heraus, lernen wir dann auch anständig zu streiten!

PS: Zum Thema Fakenews habe ich übrigens diese Woche etwas in die „Süddeutsche Zeitung für Kinder“ geschrieben


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Früher weiss alles besser (Digitale-Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn das Jahr zu Ende geht, neigen Menschen dazu nach hinten zu schauen. In diesem Jahr verbinde ich diesen Vergangenheitsblick mit dem Vorsatz, ab dem neuen Jahr damit aufzuhören – nicht nur zwischen den Jahren!

Denn leider fällt uns die Rückschau als Prinzip nur zum Ende des Jahres als dauerpräsent auf. Sie ist aber auch weit darüberhinaus beliebter und (wie ich finde) oftmals lähmender Maßstab für die Kraft und Energie, die wir in die Gestaltung der Zukunft stecken. Viele Menschen messen den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen so viel Wert bei, dass sie ihnen zur Landkarte für den Weg in die Zukunft werden – zur wenig tauglichen Landkarte, denn die Lösungen für die Probleme von morgen findet man nur selten im Gestern (Foto: Unsplash)

Um mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie Menschen die eigene Vergangenheit so überbetonen, dass sie Gewohnheiten und Routinen leichtfertig in den Rang von Werten erheben, starte ich mit dieser Ausgabe der Digitalen Notizen eine neue Rubrik, die den Titel „Früher weiss alles besser“ trägt.

#frueherweissallesbesser ist die ironische Distanzierung von einer Haltung, die die eigene Bewertung vor das Verständnis der Welt setzt. #frueherweissallesbesser ist der Versuch, diese Vor-Beurteilungen und Vorurteile sichtbar zu machen und damit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir manche Dinge einzig deshalb für richtig halten, weil wir sie auf eine mögliche Weise kennengelernt haben. #frueherweissallesbesser öffnet damit an guten Tagen einen Blick auf die Veränderungen der Gegenwart, der über die eigenen Erfahrungen hinaus geht. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir zur Gestaltung der Zukunft eine Haltung entwickeln müssen, die ich im Laufe des Jahres mal als Kulturpragmatismus bezeichnet habe. Um diesen zu erreichen, macht #frueherweissallesbesser Vergangenheitsverklärungen aus allen Bereichen kenntlich.

Denn seit ich diesen Begriff im Kopf habe, fällt mir regelmäßig auf, wie überfällig ein solcher Blick auf Veränderungen die Welt ist: Und dabei geht es bei weitem nicht nur um den Wunsch, Grenzen zu schließen oder vergangene Währungen wieder einzuführen. Die blockierende Kraft der Vergangenheitsverklärung kann man auch erkennen, wenn der Präsident des Lehrerverbandes sich vehement dagegen ausspricht, dass in deutschen Klassenzimmern Internet vorhanden ist – weil er als Maßstab für Unterweisung von Kindern nur seine eigene Vergangenheit kennt (sowie das daraus resultierende Bild von Schule) und nicht die Zukunft derjenigen, die in wenigen Jahren die Lehranstalten verlassen. Auch wenn ein großes deutsches Nachrichtenmagazin (Happy Birthday, btw.) auf der Suche nach dem angemessenen Umgang mit einer neuen Technologie einzig auf die Idee „Mal weglegen“ kommt, ist #frueherweissallesbesser am Werk. Überhaupt ist das Smartphone ein äußerst beliebter Auslöser für die Zukunftsunsicherheit, auf die das #frueherweissallesbesser ja in Wahrheit nur reagiert. Weil man nicht kennt, was sich da ankündigt, flüchtet man sich in die Vergangenheit – und erhebt diese zum Maßstab. Ob dieser Reflex die Ursachen der Unsicherheit angeht oder gar Gestaltungsspielräume eröffnet, wage ich zu bezweifeln. Im besten Fall schafft dieser Rückzug aufs vermeintlich Echte, Wahre und Schöne eine Verschnaufpause, eine kurze Auszeit von dem, was den Rückblicker überfordert – und lenkt dabei von der Idee ab, dass in einer konsequenten Anwendung des Neuen womöglich ein Ende der Überforderung liegen kann. „Das Chaos in der Gegenwart darf uns nicht dazu bringen“, fordert die Guardian-Chefin Katharine Viner, „die Vergangenheit einzig durch eine rosa Brille zu betrachten.“ Das Zitat stammt aus der vor der Trump- und Fakenews-Debatte geschriebenen #langstrecke „How Technology Disrupted the Truth“, die Viner für den Longreads-Podcast des Guardian übrigens selber eingelesen hat.

Wie sehr wir zum verklärten Blick zurück neigen, wurde mir besonders deutlich als ich zum Ende dieses Jahres die sehr schön gemachte Ausgabe des „ehrlichen“ Männermagazins „Wolf“ in die Hände bekam. Laut Verlags-PR eine Form des „Slow Journalismus“, über den Michalis in seiner immer wieder zu empfehlenden Magazin-Schau bei Übermedien schreibt: „„Wolf“ will ein Magazin sein für Männer, die in einer sich immer schneller drehenden Welt den Weg suchen, zwischen all den Anforderungen sie selbst zu sein.

Klar, würde auch ich mich (als mittelgeforderter Mann) für diesen Weg interessieren – zumal ich große Sympathie für einige der Macher und für die Heftidee habe. Aber gerade deshalb war ich etwas enttäuscht als ich beim Lesen feststellte, dass all die Achtsamheit und alles Wesentliche, das Wolf betonen möchte, sich einzig im Gestern findet: Gestern als man noch echte Freunde hatte (und nicht bloß digitale Bekannte). Gestern als Steve McQueen noch lebte und vor allem Gestern als es noch kein Internet gab. Das Abschalten und auf Früher besinnen ist in dem Heft das schwer dominante Rezept, um Achtsamkeit zu erreichen und das Wesentliche zu erkennen. Das ist alles schön wehmütig inszeniert, in Wahrheit aber so zielführend als würde der 1992 verstorbene Altkanzler Willy Brandt (der als Zitat- und Ratgeber auftaucht) zu der Frage Stellung nehmen, wie man am besten mit dem Druck des ständigen Mailens umgehen soll. Auf die Idee, dass eine App oder ein technischer Ansatz hier erfolgreicher ist um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, kommt das Heft leider nicht. Dabei sind die Menschen, die Lösungen für die Überforderung finden werden, heute schon auf der Welt. Vor lauter #frueherweissallesbesser versperren wir ihnen aber in den Schulen noch den Zugang zum Internet…

Das #frueherweissallesbesser derart breitflächig auf dem hochwertigen Papier zu finden, hat mich verwundert. Denn die Wolf-Leser zählen ganz sicher nicht zu den Abgehängten oder Besorgten, die man gemeinhin mit Vergangenheitsverklärung in Verbindung bringt. In Wahrheit findet sich diese Haltung zu den „Good old days“ aber auf allen Seiten des politischen Spektrum – wie die gleichnamige Folge des Pessimists Archive Podcast gerade bewiesen hat. Der Podcast widmet sich dabei der Frage, wann eigentlich dieses „Great“ war, das Trump in seinem „Make America Great Again“ zitiert. Das Ergebnis ist eine historische Fleißarbeit, die beweist: Great ist einzig die Verklärung.

Diese #frueherweissallesbesser-Verklärung ist übrigens so stark, dass sie auch das gemeinhin – und besonders im „me at the end of 2016“-Meme – als schlecht befundenene Jahr 2016 im Rückblick irgendwie great machen wird. Denn es gilt weiterhin was die Orsons schon 2012 (da war die Welt noch in Ordnung) gesungen haben: „Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern ,Früher war alles viel besser!‘ Dann mein‘ sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt

Wir sollten endlich anfangen, auf dieses jetzt zu schauen, wenn wir Probleme lösen wollen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

In diesem Jahr sind erschienen: „Lass dir keine Angst machen“ (November), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Lass Dir keine Angst machen (Digitale-November-Notizen)

Dieser Text ist Teil die November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Zum Ende des zweiten Teils der Faust-Tragödie lässt Goethe den Heinrich Faust mit der Sorge in Kontakt kommen. Zwar wehrt er sich, doch die personifizierte Sorge ergreift Besitz von ihm – und lässt ihn schließlich erblinden. Man muss nicht betonen, dass Faust selber von einem „garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen“ spricht, um im Auftreten der Sorge eine Parallele zur „netzumstrickten“ Gegenwart zu erkennen.

Die Wirkung, die Goethe der Sorge zuschreibt, liest sich wie die Beschreibung eines angstgetriebenen Wählers im November 2016: „Er verliert sich immer tiefer, / Siehet alle Dinge schiefer, / Sich und andre lästig drückend; / Atemholend und erstickend; / Nicht erstickt und ohne Leben, / Nicht verzweiflend, nicht ergeben. / So ein unaufhaltsam Rollen, / Schmerzlich Lassen, widrig Sollen / Bald Befreien, bald Erdrücken / Halber Schlaf und schlecht Erquicken / Heftet ihn an seine Stelle / Und bereitet ihn zur Hölle.“.

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Selten ist so genau beschrieben worden, was passiert, wenn die Sorge Besitz ergreift von einem Menschen, ihn an seine Stelle heftet und ihm damit die Hölle bereitet. Ein Mensch, der so voll der Sorge ist, erkennt nicht mehr, was ihm die Sorge nehmen könnte. Er sieht nicht auf Fakten, die gegen seine Angst sprechen. Er ist blind vor Sorge. So jedenfalls beschreibt es Goethe im zweiten Teil des Faust.

Und es spricht nicht für dieses aufgeregte und angstvolle Jahr 2016, dass ich nun zum zweiten Mal auf den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und seinen Satz zu sprechen kommen muss: „Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan.“ Beim ersten Mal im Juli ging es um die akute Panik nach dem Attentat vom Olympia-Einkaufszentrum in München. Vier Monate später – im Wahlmonat Donald Trumps – geht es um die Frage, wie mit Angst Politik gemacht wird: Denn auch die Sorge vor dem Fremden, vor dem Unreinen, vor dem Bedeutungsverlust macht blind. Und diejenigen Politiker, die diese Ängste besonders gut bedienen, scheinen davon aktuell sehr stark zu profitieren. Denn Sorge ist – um es aufmerksamkeitsökonomisch salopp zu formulieren – zum neuen Sex geworden. Diese Zuspitzung trägt der Tatsache Rechnung, dass in einer Welt des ständig wachsenden Inhalts, der Kampf um Aufmerksamkeit immer härter wird. Wo früher Sex sells galt, müssen heute handfeste Ängste geschürrt werden, um die Aufmerksamkeit (als Voraussetzung für Wählerstimmen) zu erlangen.

Diese Form der Angst-Politik zeigt sich in zwei Ausprägungen: Einerseits in der akuten Panikmache gegen vermeintliche Bedrohungen. Und andererseits in der Art und Weise wie mit unbestreitbaren Fakten umgegangen wird. „Wir leben im kontrafaktischen Zeitalter“, zitiert Florian Klenk im Falter den Psychater Patrick Frottier und fährt fort: „Wir leugnen Tatsachen, weil sie uns unsicher machen, weil wir sie nicht mehr verstehen und einordnen können, weil sie unseren tradierten Bildern widersprechen. Wir basteln uns vor allem im Netz eine Welt zusammen, die unsere Meinung stützt.“

Nun zählt es – wie gesagt – zu den weniger zielführenden Ratschlägen, einem Menschen in Sorge, ein „hab keine Angst“ vorzuschlagen. Deshalb trägt dieser Beitrag einen Titel, der versucht die Mechanismen der Sorge in den Blick zu nehmen: „Lass dir keine Angst machen“ soll der Versuch sein, zu erkennen, wie mit Hilfe der Sorge um Aufmerksamkeit gekämpft – und damit am Ende auch Politik gemacht wird. Als ich in der Januar-Folge der Digitalen Notizen für Social-Media-Gelassenheit warb, war mir nicht klar, wie häufig ich im Laufe des Jahres darauf zurückkommen würde. Denn natürlich basiert auch diese Form der Angstmache auf den Potenzialen des Katalysators „Social Media“. All die Tweets und Facebook-Posts der US-Wahlnacht beweisen dies.

Es gibt nämlich nicht wenige Menschen, die auf die Ergebnisse dieser Angst-Politik selber mit großer Sorge reagiert haben. Was berechtigt sein mag oder nicht, aber in jedem Fall anschaulich zeigt, was Angst mit Menschen macht. Vielleicht ist den Lesern dieses Newsletter diese Sorge vor Trump näher als jene (berechtigte oder künstlich erzeugte) Sorge, die Menschen dazu brachte Trump ihre Stimme zu geben. In beiden Fällen stellt sich aber die Frage: Kann die Sorge Besitz ergreifen?

Ich persönlich habe dabei große Sympathie für den Ansatz, den Carolin Emcke in ihrer aktuellen SZ-Kolumne formuliert hat: „Ich hatte es mir anders erhofft, aber überrascht hat mich die Wahl von Donald Trump nicht. Ich bin nur komplett ratlos, wie sie gedeutet werden soll“, schreibt sie – was mich sehr an die Ratlosigkeit erinnert, die ich im Shruggie erkenne. Das mag man albern finden oder dem Ernst der Lage nicht angemessen: für mich ist Ratlosigkeit aber der erste Schritt gegen die Angst. Wer sich zur Ratlosigkeit und Überforderung bekennt, tritt einen Schritt aus der Wirkmacht der Angst heraus. Denn wer keine (einfache) Antwort hat, kann auch keine Schuldigen benennen, keine Konsequenzen fordern. Gerade in Umbruchsituationen zeigt sich in der Ratlosigkeit der Mut, Antworten nicht in den Modellen von gestern (die man schon kennt) zu suchen, sondern in den Ansätzen von morgen (die noch fremd sind). Die Ratlosigkeit ist somit Bestandteil des Unreinen, Unbekannten, Vielfältigen, das Carolin Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ als Gegenentwurf gegen das dogmatischen Denken lobt, das keine Schattierungen berücksichtigt.

Oder um es mit Barack Obama zu sagen, der in dem großartigen #langstrecke-Text von David Remnick davor warnt, sich in das Narrativ vom Ende der Welt zu begeben: „Ich glaube nicht an die Apokalypse – bis die Apoklypse kommt. Ich denke, nichts ist das Ende der Welt bis zum Ende der Welt.“ Und bis dahin sollten man für eine freie, demokratische und im besten Sinne pluralistische Welt kämpfen, z.B. indem man die Mechnanismen der Angstpolitik aufdeckt!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein (Digitale Oktober Notizen)


Was in den nächsten Zeilen folgt, ist vielleicht eine recht gute Idee und vielleicht nur ein kleiner Witz. Um das herauszufinden, schreibe ich es jetzt hier auf und überlasse die Entscheidung dem Internet!

Dieser Text ist Teil die Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Er beschreibt die Idee, einen digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen. Interessenten tragen sich dafür hier ein!


Wir sollten gemeinsam Deutschlands größten Brauchtumsverein gründen: Einen Verein für Menschen, deren Heimat das Internet ist. Einen Verein, der sich um die digitale Volkskultur bemüht und deren Förderung einfordert. Die Debatten der vergangenen Monate um Netzneutralität und Verlinkung einerseits sowie über Nationalismen und Hate Speech andererseits zeigen: Das Internet, das vielen Menschen Heimat ist, verdient Schutz und Pflege!

Um die Forderung danach zu artikulieren und einzufordern, müssen vielleicht diejenigen Wege beschritten werden, die klassischer Weise eingeübt sind. Um zu erklären, warum digitale Kultur bedeutsam ist, muss man vielleicht die Begriffe verwenden, die in der Kulturförderung gelernt wurden. Und um den Nationalisten aller Länder zu zeigen, dass das Internet für Völkerverständigung und Austausch über alle Grenzen hinweg steht, muss man ihre Begriffe neu definieren: Wer im Internet Zuhause ist, hat das gleiche Recht auf Brauchtums- und Heimatpflege wie all die anderen Interessengruppen, die in Schulen, Behörden, Gremien, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften Einfluß nehmen. Der digitale Heimat- und Brauchtumsverein soll genau hier auftreten – und z.B. „durch vertiefte Heimatkenntnis zu Heimatliebe führende Erziehung“ fordern. Das habe ich auf der Website des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege gelesen und mir gedacht: Das könnte muss doch auch für die digitale Heimat gelten!

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Und zwar so:
Die folgenden acht Punkte sind ein erster Vorschlag für eine mögliche Satzung eines digitalen Heimat- und Brauchtumsverein

<3 Internet (Kleiner Drei Internet e.V.)*

1. Wir lieben das Internet und die neuen Formen der (Volks- und Beteiligungs-)Kultur, die es hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringen soll. Das Internet ist uns grenzüberschreitende Heimat geworden, deren Erhalt und Pflege oberstes Vereinsziel ist! Wir haben das Internet als netzneutrales, völkerverbindendes Netzwerk der demokratischen Bürger*innenbeteilung kennen gelernt. Als solches wollen wir es verteidigen und ausbauen. Anlasslose Massenüberwachung aus kommerziellen wie politischen Gründen, Einschränkung des Zugangs sowie den Bruch des Fernmeldegeheimnis lehnen wir strikt ab!

2. Digitale Kultur verdient (mindestens) das gleiche Ansehen und die gleiche auch finanzielle Förderung wie etablierte Kulturformen. Als Lobby-Verein für digitale (Volks-)Kultur verstehen wir uns als Teil der digitalen Zivilgesellschaft, die die Schaffung angemessener digitaler Rahmenbedingungen auch als zivilgesellschaftliche und öffentliche (nicht einzig privatwirtschaftliche) Aufgabe versteht. Dazu zählt für uns der zügige Ausbau der digitalen Infrastruktur ebenso wie die Modernisierung des Urheberrechts.

3. Unser Ziel ist es, die digitale Kultur in öffentlichen Organisationen und Gremien angemessen zu repräsentieren, sie gegen einseitige kommerzielle Interessen nicht nur der Digitalwirtschaft zu verteidigen und nicht zuletzt ein Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Bedeutung in Schulen, Parlamenten, Parteien, Kirchen und Verbänden zu schaffen. Wir verstehen dies als Voraussetzung für einen souveränen Umgang mit dem Digitalen, der dringend überfällig ist.

4. Digitale Brauchtumspflege ist ein internationales Anliegen. Als deutschsprachiger Verein verstehen wir uns als Teil einer internationalen Gemeinschaft, setzen uns aber zuvorderst in deutschen Behörden und Organisationen für die Vereinsziele ein – auch um der deutschsprachigen digitalen Kultur angemessene Förderung zukommen zu lassen. Dabei sind wir in keiner Weise parteipolitisch gebunden, sondern geleitet von diesem Anliegen: die Pflege und den Ausbau des digitalen Brauchtums stärken und die demokratische Gestaltung der digitalen Sphäre durch eine aktive, vielfältige Zivilgesellschaft vorantreiben. Dabei verstehen wir uns als Erweiterung, nicht als Konkurrenz zu CCC, Digitale Gesellschaft, EFF, D64 und vielen anderen, die sehr gute Arbeit leisten.

5. Das Bekenntnis zur digitalen Heimat bedeutet ausdrücklich auch: Wir lehnen Nationalismus, Rassismus, Sexismus und jegliche Ausgrenzung vermeintlicher Minderheiten ab. Wir sehen im Internet einen grenzüberschreitenden Ort der Verbindung, den wir schützen und ausbauen wollen.

6. Wir wünschen und fördern einen pragmatischen Umgang mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die durch das Internet und die Digitalisierung angestoßen wurden. Wir wehren uns gegen einseitige Panikmache und stellen dem die Forderung entgegen, Veränderungen im Sinne der Werte von Freiheit und Demokratie zu gestalten. Angst führt niemals zu Souveränität!

7. Ziel und Zweck des Vereins ist die Förderung
… von Kunst und Kultur in der digitalen Sphäre,
… der Bildung zur selbstbesimmten, schöpferischen Gestaltung der digitalen Sphäre.
… von Wissenschaft, Forschung über die digitale Sphäre.
… bürgerschaftlichen Engagements zugunsten dieser Zwecke.

8. Der Vereinszweck wird insbesondere verwirklicht durch …
… Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Erziehern, Schulen und Jugendverbänden zur Unterstützung einer durch vertiefte Heimatkenntnis zu Heimatliebe führenden Erziehung.
… heimatkundliche (virtuelle) Zusammentreffen
… Herausgabe von (digitalen) Zeitschriften und sonstigen Publikationen über grundsätzliche und aktuelle Fragen der Erhaltung und Fortentwicklung digitaler Kulturwerte
… Bildungsarbeit auf allen Gebieten der digitalen Kultur
… öffentliche Stellungnahmen zu wichtigen Fragen der Digitalkultur
… einen jährlichen Preis zur digitalen Brauchtums- und Heimatpflege

Interessiert? Dann kommt hier der Vorschlag: Wenn sich bis Ende des Jahres 2016 auf diese Liste mindestens 1000 Menschen eintragen und Interesse an einem solchen Verein zeigen, gehen wir das Ganze im Jahr 2017 an. Deal? Deal!

HIER MITMACHEN

Stand 14.12. 10 Uhr, wird fortlaufend von Hand aktualisiert
0430/1000

* Da es zu Verstimmung ob der Namenswahl kam und die Macher*innen des von mir sehr geschätzten Blogs kleinerdrei.org eine Verwechslungsgefahr sahen, habe ich den Titel des Beitrags geändert – und möchte die Entscheidung über einen Namen für den Verein vertagen. Ich wollte mit der Wahl des Emoticons „<3“ mit dem Begriff „Internet“ niemandem auf die Füsse treten …


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Fünf Newsletter, die ich gerade gerne lese

1. Links I Would Gchat You if We Were Friends, wöchentlich, Caitlin Dewey

2. Recommendo, wöchentlich, Kevin Kelly, Mark Frauenfelder und Claudia Lamar

3. Weekend Readings, wöchentlich, Guardian

4. Wöchentliches Zine rund um Technologie, Internet, Publishing und Merkwürdiges, wöchentlich, Johannes Klingelbiel

5. Next Draft, nahezu täglich, Dave Pell

Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung von morgen (Digitale-September-Notizen)

Dieser Text ist Teil die September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die frohe Botschaft vorweg: Es ist nicht alles schlecht im Journalismus. Ich habe heute sehr engagierte, motivierte und innovative Ausbildungs-Redakteur*innen getroffen, die auf Einladung des IfP (Katholische Journalistenschule) in Würzburg der Frage nachgehen, wie die Journalistenausbildung von morgen aussehen solle. Burkhard Schäfers hatte mich zu einem kulturpragmatischen Impuls eingeladen, in dessen Vorbereitung ich mich mit der Frage befasste, wie mich eigentlich meine eigene Ausbildung auf den sich verändernden Beruf vorbreitet hat.

Beim Seminar der Ausbildungsredakteure des IFP stellt @dvg auch unser Longreads-Magazin vor #langstrecke

Ein von SZ Langstrecke (@langstrecke) gepostetes Foto am

In der Antwort bin ich auf ein Dutzend Ideen gekommen, die ich meiner eigenen Ausbildung im Rückblick ergänzen würde. Zwölf Aspekte, die heute zum Journalismus dazu gehören, die im Rahmen meiner Ausbildung aber nicht auf dem Lehrplan standen: Dazu passt übrigens die August-Ausgabe der Digitalen Notizen aus dem Jahr 2015 – und sollte jemand wie beim Hashtag #journo2014 Ergänzungen vorzunehmen, freue ich mich darüber – #journo2016 vielleicht

1 Leserbriefe beantworten
im Sinne von: Leserbriefe beantworten. Ganz ohne Internet und Zuschauer, sondern sehr banal: Wie geht man damit um, dass Zuschauer*innnen, Leser*innen, Hörer*innen auf publizierte Inhalte reagieren?

2 Im Internet diskutierten
Was passiert wenn Leserbriefe öffentlich werden? Wie erkennt man echtes Diskussions-Interesse? Wie geht man mit Trollen um? Wie reagiert man angemessen? Wie findet man Mehrwerte und neue Geschichten sowie: Was muss man wissen um sich auch zu schützen?

3 Ein Smartphone benutzen
Es geht nicht nur theoretisch darum, die Apps und die (Hard-)Ware-Erweiterungen zu kennen, die aus einem Smartphone ein journalistisches Sendegerät machen. Es geht auch praktisch darum, diese tatsächlich einzusetzen: Welche technischen Fähigkeiten braucht man? Wie schneidet man? Welche Darstellungsformen entwickeln sich hier? Wie erzählt man eine Snapchat-Story oder eine Instagram-Geschichte?

4 Zusammenarbeiten
Wie schreibt man eigentlich gemeinsam (oder in einer größeren Gruppe) einen Text? Vielleicht sogar mit seinen Lesern zusammen? Wie arbeitet man mit Entwicklern, Gestaltern, Fotografen, Filmemachern oder Datenspezialisten gemeinsam in einem Team? Kollaboration muss man lernen, das bezieht sich auf die nötige Software, aber auch auf die Teamfähigkeit und die Definition der eigenen Rolle (nein, die anderen sind keine Zuarbeiter der Journalisten).

5 Bloggen
Ein Blog zu betreiben heißt nicht nur eine besondere Form des informellen Schreiben zu erlernen, sondern vor allem auch: Grundlagen des Publizierens im Netz zu verstehen. Wo sind die Inhalte, wenn ich auf „senden“ drücke? Wie funkioniert das Hosting? Wofür braucht man eine Datenbank?

6 Persönlich publizieren
Bloggen ist nur eine Ausprägung dessen, was ich persönliches publizieren nennen würde: Gibt es ein Seminar zum Newsletterschreiben? Oder eine Ausbildungseinheit, in der man die Feinheiten von Social Media-Angeboten wie Twitter, Facebook oder Instagram erlernen kann? Die Besonderheiten der einzelnen Dienste bilden hier nur den einen Teil. Mindestens genauso wichtig: Wie verhält man sich in Social Media? Wie positioniert man sich als Autor?

7 Inhalte verbreiten
Jonah Peretti von Buzzfeed sagt, das Erstellen von Inhalten umfasse nur die eine Hälfte journalistischer Arbeit? Wie funktioniert die zweite Hälfte? Was muss man über Distribution wissen? Wie verbreitet man seine Inhalte? Digitales Blattmachen schließt das Wissen um sehr aktuelle Nutzerzahlen ein. Welche Inhalte trenden? Wie ermittelt man diese? Wie wertet man sie aus? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht man daraus?

8 Eine Suchmaschine bedienen
Das bedeutet in seiner aktiven Ausprägung: Inhalte so schreiben, dass sie gefunden werden. Grundlagen von Suchmaschinen-Optimierung gehören zum digitalen Publizieren dazu. In der passiveren Suchmaschinen-Nutzung heißt es: im Netz recherchieren, unterschiedliche Suchbefehle aber auch Suchmaschinen kennen.

9 Digitale Inhalte verifizieren
Weit über die Nutzung von Suchmaschinen hinaus geht die journalistische Fähigkeit (digitale) Inhalte zu verifizieren: Wie überprüft man das, was man findet? Wie ermittelt man, ob die Informationen glaubwürdig sind?

10 Livejournalismus
Vorträge halten, Veranstaltungen moderieren, Interviews öffentlich führen oder geben, ist heute womöglich mehr noch als früher Bestandteil journalistischen Arbeitens. Hinzu kommen all die digitalen Varianten desjenigen Journalismus, den man erleben kann: Wie macht man das?

11 Unternehmerisch Denken
Es gilt unter Journalisten noch immer als Ausweis von Kompetenz, sich nicht für die wirtschaftliche Seite des eigenen Tuns zu interessieren. Mehr noch: diejenigen, die das tun, werden schief angesehen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass dies Haltung sinnvoll ist.

12 Nicht aufhören
Lernen lernen ist vermutlich die wichtigste, die zentralste Fähigkeit, die man unterrichten sollte. Denn wenn ich den Blick nicht in die Vergangenheit auf meine eigene Ausbildung, sondern in die Zukunft auf die Veränderungen der Branche richte, muss ich voller Überzeugung sagen: Ich weiß es ja auch nicht. Was ich weiß: Das Dazwischen-Sein, das Nicht-Ankommen und die Forderung ständig Neues zu lernen – all das wird nicht aufhören!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).