Alle Artikel mit dem Schlagwort “Netz

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

Fünf Milliarden Euro will Bundesbildungsministerin Wanka für einen „Digital-Pakt zwischen Bund und Ländern“ zur Verfügung stellen, der deutschen Schulen bis 2021 WLAN und Computer bringen soll. Was manchem als überfällig, aber mindestens notwendig erscheint, ist für Josef Kraus ein großer Fehler. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hat sich in einem Interview zu den Digital-Plänen geäußert und seine Bedenken vorgetragen.

Foto: Unsplash/Roman Mager

Foto: Unsplash/Roman Mager

Es lohnt sich, das Interview genau zu lesen, weil es nicht nur Besitzstandswahrung eines Funktionärs, sondern vor allem ein Symbol dafür ist, welche Haltung in diesem Land zu (technischen) Veränderungen vorherrscht. In dem Interview zeigt sich beispielhaft, warum man über den rechten Gebrauch von Smartphones große Diskussionen erzeugen kann. Denn was neu und anders ist, sorgt bei Menschen wie Herrn Kraus nicht für Neugier oder Interesse, sondern führt einzig zu Ablehnung, auf Basis dessen, was sie ohnehin schon wissen:

„Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken. Es leidet die Konzentration. Es leidet das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit.“
(…)
„Viele lesen gar keine Bücher mehr. Bücher sind Wissen ohne Verfallsdatum.“

Mal abgesehen davon, dass Josef Kraus hier quasi nebenei eine wunderbare Definition für eBooks liefert („Wissen ohne Verfallsdatum“), zeigt diese Aussage vor allem dies: In seinem Urteil verlässt sich Herr Kraus so weitgehend auf die Vergangenheit, dass er die Gegenwart vollkommen ausklammern kann.

Darüber könnte man sich nun sehr intensiv und sehr zurecht aufregen. Man könnte und müsste anprangern, dass und wie der Präsident des Lehrerverbandes hier seine eigene Vergangenheit zum Maßstab für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler – und damit auch unseres Landes – erhebt. Das wird aber vermutlich zu keinem Ergebnis führen, Menschen wie Herrn Kraus womöglich sogar noch in ihrer Ablehnung bestärken.

Deshalb will ich umgekehrt an die Vorbildfunktionen von Lehrerinnen und Lehrer in diesem Land appellieren: „Erziehung ist Vorbild und Liebe und sonst nichts“ hat Friedrich Fröbel mal gesagt. In diesem Sinne würde ich mir, den Schüler*innen und dem ganzen Land Lehrer*innen (und Präsidenten) wünschen, die sich als (digitale) Vorbilder verstehen: Menschen, die ihren Schüler*innen zeigen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit (digitalen) Neuerungen geht. Menschen, die das Unbekannte nicht als falsch ablehnen, sondern sich ihm offen nähern, um herauszufinden was gut und schlecht daran ist. Denn womöglich kann man mit Laptop und Internet im Klassenzimmer Bücher lesen, ohne dafür Papier zu bewegen!

Wer vorher schon alles zu wissen glaubt, hat in Wahrheit gar keine Ahnung. Wer sich jedoch kulturpragmatisch auf die Welt einlässt, kann fürs Leben lernen – und sich fürs lebenslange Lernen wappnen. Genau das sollte Schule im besten Fall leisten – ob mit oder ohne WLAN ist dabei zunächst egal (sieht man ja gerade an vielen Schulen).

Wer aber wie Herr Kraus der Welt seine Meinung von gut und schlecht überstülpt und behauptet, „die vis-à-vis-Kommunikation ist immer besser, als auf dem Schulhof nebeneinanderzusitzen und sich gegenseitig WhatsApp-Nachrichten zu schicken“, beweist damit nur, dass es ihm nicht um Neugier und Interesse am Morgen geht, sondern einzig darum, die Wahrheiten des gestern zu sichern. Das kann man machen, aber wenn es eine Fähigkeit gibt, die einen Lehrer oder eine Lehrerin auszeichnen sollte, dann doch dies: Interesse an der Zukunft haben!

Mehr zum Thema Kulturpragmatismus in den Digitalen Notizen.

loading: Die Traumbauer

Bastian Jäger ist Maschinenbau-Ingenieur. Jetzt schreibt er einen Roman – und hat dazu eine Crowdfunding-Aktion auf Startnext gestartet. Wie es dazu gekommen ist, erklärt er im loading-Fragebogen

Was machst du?
Ich schreibe. Eigentlich schriebe ich nur. Sicherlich gehen dem Schreiben die Gedanken voran. Und davor kam das Lesen von Texten deutlich weiserer Menschen als mir. Aber … eigentlich schreibe ich nur. Da aus dem Schreiben das 390 Seiten lange Manuskript eines philosophischen Romans wurde, der nun von anderen Menschen gelesen werden möchte, betreibe ich gerade eine Crowdfunding-Kampagne, um das Manuskript als Buch veröffentlichen zu können.

Der Roman Die Traumbauer erzählt von der Flucht von sich Selbst und vom Leben im Hier und Jetzt.

Das Manuskript ist eine Kondensation von Gedanken, verpackt in zwei Geschichten in den Straßen
der Französischen Konzession in Shanghai und den Jazzclubs von New York. Die Geschichten sind
bodenständig und lebensnah. Ebenso lebensnah sind auch die Themen. Nur in den Köpfen vieler
Menschen sind sie viel zu verborgen, viel zu unsichtbar.
Gerade in unserer beschleunigten Zeit voller Ablenkungen und noch mehr Ablenkungen mache der Roman Die Traumbauer genau zwei Dinge – er entschleunigt und schafft Bewusstsein.

Warum machst du es (so)?
Im Manuskript sind die beiden Themen relativ deutlich in die beiden Handlungsstränge aufgeteilt. Doch im echten Leben finden wir unzählige Mischformen der unterschiedlich ausgeprägten Wesenzüge in uns selbst.

Flucht vor sich selbst

Wir fliehen vor Dingen, die wir in uns selbst tragen. Dadurch entfernen wir uns zum einen von uns selbst. Zum anderen erzeugen wir ein Trugbild ohne eigene Fehler, aber mit Fehlern in unserem Umfeld. So stürzen wir portionsweise von Unzufriedenheit zu Unzufriedenheit, da unser Ego den Weg blockiert und wir verlernt haben aufmerksam zu sein. Glück liegt nicht einfach auf der Straße, aber ist fern davon unerreichbar zu sein – mit ein Wenig Selbstkritik und Arbeit.

Hier und Jetzt

Genieße du den letzten Schluck Rotwein genauso wie den Ersten? Oder kippst du zum Schluss nur das Glas leer? Hast du gut inszenierte Fotos von Sonnenuntergängen auf Facebook gepostet, oder die Atmosphäre und die letzten wärmenden Strahlen an jenem Abend in ihrer Schönheit tatsächlich genossen? Denkst du in der Arbeit immer an die Freizeit und in der Freizeit immer an die Arbeit?

Den alltagsphilosophischen Ansatz vom Hier und Jetzt möchte ich als eine Sichtweise auf das Leben bezeichnen, die den Moment in den Vordergrund rückt und uns mehr Respekt gegenüber der Gegenwart lehren kann. Mit dem Roman möchte ich zum Nachdenken anregen und die beiden Themen in das Bewusstsein der Leser bringen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Für dieses Buch interessieren sich alle Menschen, die auch das Gefühl haben, das wir mehr Glücksgefühle, mehr Freude und mehr echtes Leben genießen können, wenn wir etwas bewusster leben. Wenn wir etwas mehr reflektieren und etwas mehr das Bewusstsein dafür haben, was gerade unsere Aufmerksamkeit verdient.

Für dieses Buch und dieses Crowdfunding Projekt wird sich jeder interessieren, der gerne nachdenkt.

Für dieses Crowdfunding Projekt wird sich jeder interessieren, der möchte, dass es mehr Romane gibt, die in schönen Geschichten wertvolle Inhalte transportieren.

Wie geht es weiter?
Derzeit überarbeite ich alle 390 Seiten der aktuellen Version des Buches. Sobald das Crowdfunding abgeschlossen ist wird ein professionelles Lektorat angefertigt und das Buch ein weiteres Mal überarbeitet. Parallel wird das Cover zu Ende gestaltet und alle Vorbereitungen für das Self-Publishing getroffen.

Geplant sind ein eBook und natürlich ein Paperback.

Optimistisch geplant werden die ersten Exemplare noch 2016 unter den Weihnachtsbäumen der Unterstützer liegen.

Zudem habe ich schon viele Notizen für einen zweiten Roman geschrieben. Unterstützer der Crowdfunding Kampagne können hierüber auch schon vorab Informationen bekommen. Ein weiterer
Roman wird also geschrieben.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Ihr sollt wissen – und eigentlich wisst ihr es schon –, dass wir im Hier und Jetzt leben und dass wir das was gerade geschieht mehr genießen, mehr steuern oder einfach mehr wahrnehmen sollten. Dies ist kein Aufruf zu naivem Hedonismus, sondern zu vollem und verantwortungsvollen Leben für Körper, Seele und Geist und das alles ganz ohne religiöse Anmaßungen oder Doktrinen. Seid wie ihr seid, nur seid es bewusst. Ebenso flieht nicht vor Dingen, die ihr selbst beeinflusst, sondern stellt euch euren Dämonen – vor allem den selbst erschaffenen. Keine Flucht vor sich Selbst ist notwendig, wenn wir uns selbst fühlen und nicht nur glauben zu fühlen was wir fühlen sollten.

Und zu guter Letzt ist Die Traumbauer einfach schön geschrieben und damit lesenswert.

Hervorzuheben ist die atmosphärische Dichte, welche die Zeilen durchzieht und welche den Leser kopfüber in die facettenreichen Geschichten und Schauplätze eintauchen lässt. Während die Geschichte in den Hintergrund tritt, sind es die erlebten Momente und damit verbundenen Emotionen, in denen man sich lebensnah wiederfinden kann.

>>> Hier Die Traumbauer auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Pure Vernunft darf niemals siegen!!!

Ich bin Tocotronic-Fan! (steht auch hier) Ich gebe gerne Geld für die Band aus und ich freue mich stets, wenn es Neues von Tocotronic gibt. Und so war ich einigermaßen aufgeregt als ich heute früh auf der Facebook-Seite vom Zündfunk den Hinweis erhielt, es gebe „die neue Tocotronic“. Das Lied heißt „Prolog“ und erscheint am 6. März. Ich habe am Beispiel von Niels Frevert (dessen Album ich mir dann in der Tat nicht kaufte) unlängst gezeigt, dass ich diese Vorab-Info für kontraproduktiv weil irrwitzig undigital halte. Wenn die Info in der Welt ist, bin ich auch bereit auf den „kaufen“-Button zu klicken. Sofort!

Im Fall von „Prolog“ geht das Undigitale aber noch irrwitziger weiter. So dass man geneigt ist zu sagen: „Ich bin Fan von Tocotronic – trotz ihrer Plattenfirma.“

prolog_zuendfunk

Denn der Zündfunk-Hinweis lief ins Leere. Bei Putpat gibt es jede Menge schlechte Musik, ganz viel Werbung (ich habe zwei Limp Bizkit-Songs ansspielt bekommen und habe drei Werbespots komplett anschauen müssen) und eine dämlich App, die ich installieren muss. Den Tocotronic-Song gibt es da aber nicht (mehr).

Also machte ich mich auf die Suche und landete auf einer Seite der Plattenfirma, die nicht weniger als ein Schlag ins Gesicht eines Kunden ist. Ich stehe also vor der Universal-Tür mit dem unbedingten Wunsch, den Song „Prolog“ der Band Tocotronic zu kaufen und bekomme das hier:


prolog_tocotronic

An vier Stellen wird mir auf dieser Seite, die mit „Produktdetail“ überschrieben ist, der Mund wässrig gemacht und der irrige Eindruck erweckt, ich könne jetzt endlich Geld ausgeben für Tocotronic. Stimmt aber nicht. Ich habe die vier Stellen markiert, an denen ich verarschtwirrt werde.

1 Ein Play-Button! Direkt neben dem Song-Titel. Da klicke ich drauf. Ist ja klar, dass ich da … einen Reload der Seite erzeuge. Wer erwartet denn bitte bei einem Play-Button, dass dann auch etwas abspielt? Nur dumme Internet-Heinis. Echte Plattenfirma-Experten wissen, dass der Rechtspfeil das amtliche Zeichen für „lade diese Seite nochmal neu“ ist. Ich lerne: der wichtigste Link auf dieser Seite führt- auf diese Seite!

2 Eine Bestellnummer! Das ist wichtig, gibt mir als Kunde das gute Gefühl, dass hier jemand alles im Griff hat. Wer die Ziffer „00602547207654“ auf eine Seite bringt, kriegt doch sicher eine Bezahlmöglichkeit hin. Dieser Eindruck wird durch den Einsatz von Logos bekannter Musikanbieter noch verstärkt. Ein Spotify-Button und einer von iTunes. Wenn das kein Hinweis auf eine Hör-/Kauf-Möglichkeit ist … Stimmt aber nicht. Denn: Ich lerne, dass irgendwer bei der Plattenfirma tatsächlich dumm auf das Suchergebnis „Prolog“ bei iTunes und Spotify verlinkt. Dabei handelt es sich um ein Produkt von Lochman Records aus dem Jahr 2011.

3 Noch ein Streaming-Button! Daneben das Versprechen, „die Musik in voller Länge zu genießen“. Nochmal verarscht. Denn auch hier wird konsequent auf das Fremdprodukt mit gleichem Namen verlinkt. Auch in Spotify ist der „Prolog“ genannte Sampler verlinkt. Ich lerne: Der erste Song heißt „Pfütze auf der Wäschewiese“ und gefällt mir nicht.

4 Ein „Download“-Button. Eine Kaufoption! Ich bin aufgeregt, klicke, warte und … lande wieder auf der feuchten Wäschewiese von Lochman Records. Ich lerne: Hier will man mir den neuen Song von Tocotronic nicht verkaufen!

Fassen wir zusammen, wer bisher von der Aufmerksamkeit profitiert hat, die ich dem neuen Tocotronic-Song entgegen bringen wollte: das merkwürdige PutPat-TV, deren Werbepartner und die Band Limp Bizkit, die dort gestreamt wird. Außerdem die Online-Abteilung der Plattenfirma, die zwar nicht in der Lage ist, den korrekten Song zu verlinken, aber ihren Referrer übergibt – also vermutlich auswertet, dass ich auf ihre falschen Links geklickt habe. Und vielleicht hat auch Lochman Records profitiert, weil ein vier Jahre alter Sampler plötzlich Aufmerksamkeit bekommt.

Leer geht allerdings die Band aus, für deren Musik ich mich interessiere. Und warum? Weil Pure Vernunft diesen „Release“ regiert – in Person der Idee, die Veröffentlichung eines Songs selber bestimmen zu wollen. Auch wenn der Songs schon draußen ist und zwar so draußen, dass der Zündfunk ihn verlinkt. Vielleicht würde ich den Song sogar in diesen bösen dunklen Ecken des Web finden, auf die Plattenfirmen immer zeigen, wenn es um die Krise ihrer Industrie geht, statt in ihren Online-Abteilungen Link-Schulungen zu geben. Um das rauszufinden, bin ich aber jetzt zu müde – und enttäuscht. Denn irgendwie hatte ich gehofft, dass zumindest die Guten im Jahr 2015 ein klein bisschen weiter wären …

UPDATE: Dirk von Lowtzow von Tocotronic hat mir eine Mail auf den Blogpost geschickt – und sich entschuldigt. Obwohl er mit dieser Seite ja gar nichts zu tun hat!

Krautreporter und der „Almost Famous“-Moment

William Miller ist 15 Jahre alt, er muss die Stimme verstellen als der Rolling Stone ihn anruft. Die Szene stammt aus dem Film „Almost famous“ und sie beschreibt wie Popularität in der Welt vor dem Netz funktionierte. Cameron Crowes Film aus dem Jahr 2000 erzählt die Geschichte von Pop und Journalismus im vergangenen Jahrhundert.

Im aktuellen, dem digitaleren Jahrhundert würde ein Filmemacher den jungen William natürlich nicht am Telefon zeigen. Die Popstars der Gegenwart sitzen vor Computerbildschirmen und beobachten, wie Werte hochgezählt werden: Reichweite, Zugriffe, Bestellungen – die Werte wachsend minütlich.


Genau einen solchen „Almost Famous“-Moment erleben die Macher der heute gestarteten Plattform Krautreporter gerade. Während ich das hier schreibe, haben sie mit ihrem Angebot die Grenze von 100.000-Euro überschritten. 1667 Unterstützer haben für ihre Idee eines werbefreien Webmagazins durchschnittlich 60 Euro vorausgezahlt. Das ist beeindruckend! Und ich an ihrer Stelle würde spästestens jetzt so ein Gesicht machen wie William Miller in Almost Famous.

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Neun der kommenden dreißig Tage müssten so laufen wie der heutige 13. Mai – an dem das Projekt von Der Zeit und Der Welt, über die taz und Netzpolitik bis zum Standard verlinkt war und die Timelines zahlreicher Was-mit-Medien-Menschen dominierte. 900.000 Euro rufen die Macher auf – ohne genau zu sagen wofür sie das Geld im Detail ausgeben werden. Das macht den Start doppelt beeindruckend. Denn in Wahrheit gibt die Seite (bisher) auch keine sonderlich konkrete Antwort auf die Frage, was sie mit dem Geld dann machen wollen. Umso genauer sagen sie, was sie nicht machen wollen: das, was die anderen machen. Sie halten gar den ganzen Online-Journalismus für kaputt.

Ich kann mir viele Kontexte vorstellen, in denen ein solcher Satz für großen Protest gesorgt hätte. Dass die Krautreporter („aus den besten Redaktionen Deutschlands“) so etwas pauschal behaupten können, ohne dass sie auf die zahlreichen bemerkenswerten Projekte des Online-Journalismus hingewiesen werden (schaut euch mal den diesjährigen Springer-Preis-Gewinner an), zeigt dass sie – völlig zurecht – auf eine hohe Reputation bauen können.

Es sind (Disclosure: ich habe mich persönlich davon überzeugt) großartige Leute in dem Team, das hier mit hohen Ambitionen und großem Pathos ans Werk geht. Allein weil ich spätestens seit Andrew Sullivan denke, dass das jemand in Deutschland probieren sollte, hoffe ich, dass sie sich nicht übernehmen – mit Pathos und Ambition. Ich wünsche dem Projekt, dass es nicht Almost Famous bleibt und bin gespannt auf das, was noch kommen kann und wird – in Sachen Inhalt und Konkretisierung, aber auch in Sachen Transparenz. Dass lediglich die letzten 60 Unterstützer anzeigt werden, finde ich merkwürdig – denn einer der besondere Momente beim Crowdfunding ist doch nachzuschauen: Wer ist noch dabei?

Mehr zum Krautreporter-Start bei Stefan Niggemeier, don alphonso, Lorenz Matzat und in einem Text, in dem Karsten Wenzlaff mich (glaube ich) eine Rampensau nennt.

loading: Die Bildung und das Netz

Das Netz verändert vieles – auch unsere Vorstellung von Wissen und Bildung. Der Autor Martin Lindner befasst sich schon länger mit dieser Veränderung und hat jetzt ein Crowdfunding-Projekt gestartet um sich dem Thema in einem Buch zu widmen. „Die Bildung und das Netz“ läuft aktuell auf Startnext. Ich habe das Buch dort bereits gekauft – und Martin den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst Du?
Derzeit: Eine Kampagne mit dem Ziel ein lang vorbereitetes Buch zu schreiben, weil das Buch, das ich gern lesen will, niemand sonst schreibt (oder jedenfalls: publiziert). Das Buch soll im Zusammenhang zeigen, was das Netz mit der Bildung macht. Nicht nur in Schulen und Universitäten, sondern überall: in Unternehmen, bei den Abgehängten, bei all denen, die auf eigene Faust lernen, weil sie es wollen oder müssen. Was geht verloren gegenüber der untergegangenen Epoche des „Bildungsbürgertums“, wie es in den 1950er Jahren und dann nochmals Ende der 1970er Jahre sich neu konstituierte? Und was wird auf der anderen Seite gewonnen? Für wen, also nicht nur für Bildungsbürger? Und wo, also nicht nur auf welchen gesellschaftlichen Feldern

Warum machst Du es (so)?
Weil ich es auf die konventionelle Art nicht geschafft habe: Ich habe ein Exposé bei einer renommierten Literaturagentur untergebracht, und die hat versucht, es den großen deutschen Verlagen anzubieten. Zwei- oder dreimal wollten die zuständigen Lektoren es gern machen, aber der Verlagsleitung schien es jeweils zu riskant: kein richtig knackiges Debattenbuch, und mich kennt auch niemand. Sie wollten, dass ich eine große, konkrete Zielgruppe adressiere, ängstliche Eltern am besten. Diese Art von Sich-die-Welt-erklären-Buch, die mir vorschwebt, gibt es hier eigentlich fast nicht. Am ehesten im angelsächsischen Raum, wie etwa die sowohl „populären“ als auch seriösen Bücher von David Weinberger und Steven Johnson über das Internet und dessen Wirkung auf unsere Kultur.
Eigentlich war mir die ganze Zeit schon klar, dass Crowdfunding die konsequenteste Form sein würde, dieses Buch zu schreiben und zu produzieren, aber … naja, das Risiko ist viel höher, und ich mache das nicht aus einem abgesicherten Job heraus. Und ich dachte auch, dass die Botschaft am besten gehört würde, wenn ein großer Verlag das pusht. Aber jetzt ist es eben Crowdfunding geworden, passend zum Inhalt, und wahrscheinlich musste es eben so sein. Als Prozess ist es natürlich viel toller so, und ich hoffe, dass auch der Text davon profitieren wird.
Naja, und Bücher über Bildung … ich kann den vorauseilenden Überdruss durchaus nachvollziehen, da ist man Teil eines Chors von aufgeregten Büchern, in denen es immer 5 vor 12 ist, und Bildung wird fast immer aus sehr einseitiger Perspektive als Kampfbegriff benutzt. Ich will aber wissen, was wir wirklich meinen (oder meinen sollten), wenn wir von „Bildung“ reden. Was das wirklich ist, nicht, was es aus den verschiedenen ideologischen Perspektiven heraus sein soll. Ich denke, dass gerade die Verschiebung der Perspektive, also das jetzt aus dem neuen digitalen Raum heraus zu tun, auch im Rückblick sehr interessante Erkenntnisse über das zutage fördert, was wir in den letzten 100 Jahren unter „Bildung“ verstanden haben. Also seit mein Großvater, achter Sohn einer Oberpfälzer Bauernfamilie und später promovierter Lebensmittelchemiker, eingeschult wurde, vor dem Ersten Weltkrieg, in einer Zeit, in der es wahrlich „Disruption“ gab.

Wer soll das lesen?
Alle, die sich Gedanken über „Bildung“ machen und gern verstehen würden, was gerade mit uns passiert, in diesem Epochenumbruch, der geprägt ist von Digitalisierung, Big Data, Automatisierung, Kontrolle auf der einen Seite und auf der anderen Seite von den digitalen Netz-Medien als Mittel kulturellen Ausdrucks und individueller Emanzipation.
Eigentlich glaube ich, dass das Buch sehr viele Leute ansprechen könnte. Aber erstmal gehe ich aus von denen, die ich in den letzten 10 Jahren im sozialen Web kennengelernt habe: Da sind erstaunlich viele nachdenkliche Leute in recht unterschiedlichen Altersklassen und mit recht unterschiedlichen Hintergründen. Sie sind schwer als eine klare Zielgruppe eingrenzbar und adressierbar, das ist schlecht, wenn man es Verlags-Marketingstrategen verkaufen will. Gut, das sind jetzt vielleicht 500 oder so in meinem Umfeld, aber ich vermute, dass sie nur die Spitze des Eisbergs sind. Im Netz werden dummen Marketing-Generalisierung ja überhaupt sehr schnell ad absurdum geführt. Da wird ein Chor von lauter recht eigenwilligen und oft auch verschrobenen Stimmen hörbar, den man früher nie hätte wahrnehmen können. (Obwohl es diese Leute genauso gab, glaube ich.)

Wie geht es weiter?
Mein Crowdfunding ist jetzt gerade eine Woche alt, und der Start war ermutigend. Es sind bis jetzt etwa 4000 Euro zusammen gekommen, zu gut zwei Dritteln aus Buchverkäufen im Voraus (also Subskription), vielleicht zu einem knappen Drittel aus direkter Unterstützung des Schreibprozesses, ohne dafür direkt etwas zu bekommen. Ich hoffe, ich schaffe meine Zielmarke (8000 Euro), dann kann ich anfangen zu schreiben. Tatsächlich brauche ich aber eigentlich mehr, um wirklich konzentriert sechs Monate am Stück schreiben zu können: mindestens 9000 Euro nach Abzug der Unkosten würde ich schätzen, das sind eher so etwas wie 12 000 Euro Funding-Summe. Wie es genau weitergeht, kann ich also noch nicht sagen. Ich hoffe, ich kann das Buch schreiben, möglichst gut und mit Zeit für Gespräche und Recherchen, und ich kann dann den Unterstützern auch ein vorzeigbares Produkt übergeben: als eBook, aber eben auch als Hardcover-Papierbuch, mit Umschlag. (Das bestellen die meisten.)

Was sollten mehr Leute wissen?
Dass wir mitten in einem großen Umbruch stehen, der gleichzeitig großartig und bedrohlich ist. Wir alle müssen uns darauf einstellen, uns vorbereiten, uns bilden. Für mich ist das genauso: Eine prekäre Situation, in der man sich andauernd durchschlagen und hochrappeln muss. Und zugleich ein faszinierender Aufbruch, eine schlagartige Erweiterung des Horizonts, eine starke untergründige Dynamik. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich so etwas erleben werde, nach all den Jahrzehnten des Stillstands, die bis um das Jahr 2000 mein ganzes erwachsenes Leben ausgemacht haben. (Ich war in den 1980er und 1990er Jahren an der Universität, als Student, Dozent und am Ende als habilitierter Literaturwissenschaftler, und es fühlte sich immer mehr wie eine anachronistische Sackgasse an.)

>>> Hier Martin Lindners Projekt auf Startnext unterstützen

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Little Numbers

Anfang März 2013 spielten Valeska Steiner und Sonja Glass in New York. Beim Konzert ihrer Band Boy in Brooklyn gibt es einen erstaunlichen Moment als die beiden bemerken, dass das Publikum bei ihrem ersten Auftritt in Amerika beginnt, den Text von „Little Numbers“ mitzusingen.

Der Clip ist bereits ein Jahr alt, er wurde mir aber gerade via Reddit in die Timeline gespielt. Es handelt sich um eine besonders schönes Beispiel für die These des Dialogs. Die Möglichkeiten des Dialog-Raums Internet beziehen sich genau auf solche Momente, die nicht nur entstehen, weil der Künstler auf der Bühne steht, sondern weil der Raum davor gefüllt ist.

Die Tageszeitung von morgen: Yahoo! (?)

Der SZ-Kollege Pascal Paukner hat den Auftritt von Marissa Mayer auf der CES zusammengefasst:

Weil Mayer weiß, dass sie Google, Facebook oder Amazon in deren Geschäftsfeldern nicht schlagen wird, versucht sie Yahoo dort stark zu machen, wo andere die jüngsten Entwicklungen verschlafen: Yahoo soll zum ernsthaften Konkurrenten für etablierte Medienhäuser werden.

Was das konkret bedeutet, zeigt die diese Woche im US-Store gestartete App Yahoo News Digest, die Summly-Erfinder Nick D’Aloisio im Unternehmenstumbler vorstellt:


Yahoo News Digest delivers the most important news twice a day, right to your mobile device. Our Digests provide a definitive summary of all the need-to-know news so you can stay on top of what’s happening.

Mehr zum Thema: Call to action – über eine neue Form des Journalismus

reddit verschenkt Werbung an Crowdfunder

Werbung für Crowdfunding-Projekte läuft nicht nur über klassische Wege. Deshalb ist dieses Angebot der Plattform reddit wirklich interessant für Crowdfunder: die ersten 250 Projektstarter, die sich melden, bekommen je 100.000 Page Impressions auf der Seite geschenkt.

redditloading

Ich finde das deshalb spannend, weil diese Aktion von reddit durchaus als Beleg für die These der neuen Bezahlkultur zu sehen ist. Die Macher (hier ein spannendes Interview aus der Tageswoche) würden einen solchen Ansatz sicher nicht verfolgen, wenn sie mit Widerstand aus der Community gegen diese Art der Werbung rechnen müssten. Es scheint im Gegenteil so zu sein, dass die Community-Finanzierung sogar als passend und nicht als störende Werbung empfunden wird.

Hier zum Blogpost mit dem entsprechenden Angebot

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Hast du mal ne Sekunde …

second2

Als Uniform Ressource Locator bezeichnet man im allgemeinen Sprachgebrauch die eindeutige Adresse einer Webseite. Eine technische Angabe, die im Zeitalter der Vernetzung aber auch inhaltliche Relevanz bekommt.

Von Michael Seemann stammt der Satz: „Öffentlich ist, was einen Link hat.“ Was umgedreht formuliert heißt „Was keine URL hat, existiert (öffentlich) nicht.“ Das heißt Inhalte ohne Internetadresse sind nicht relevant, sie sind nicht auffindbar, sie sind nicht öffentlich.

An diese Perspektive musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen ein Interview mit dem Vorsitzenden des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger las. Valdo Lehari stellt darin die folgende These auf:

Wenn wir nur für einen Tag unsere Inhalte nicht ins Netz stellen würden – also alle Tageszeitungen, aber auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und die Magazine – dann wäre dort gar nichts los.

Diese Woche habe ich nun die Seite OneSecond entdeckt, die auflistet und erlebbar macht, was nur innerhalb einer Sekunde im Netz los ist: das Gegenteil von gar nichts. Die Grafik ist deshalb beeindruckend, weil man sie erleben kann. Die Beiträge, Likes und Suchanfragen, die sich innerhalb einer Sekunde ereignen, fliegen am Nutzer vorbei. Wem das zu schnell geht: Hier gibt es das ganze übersichtlicher für 60 Sekunden.

onesecond

Selbst wenn man glauben wollen würde, dass diese Bewegung zum überwiegenden Teil auf die Inhalte professioneller Kommunikatoren zurückzuführen wäre, muss man sagen: Dass gar nichts los ist im Netz, ist eine äußerst unwahrscheinliche Annahme. Wahrscheinlicher ist die These von Michael Seemann: Was da nicht dabei ist, ist nicht los. Also nicht öffentlich.