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Newsletter über Newsletter (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich ein Experiment gestartet (hier die turi2-Meldung), das mir seitdem viel Freude und einen ganz neuen Blick auf Social-Media gebracht hat: ich habe den Digitale-Notizen-Newsletter begonnen. Seitdem kann man mir dort monatlich beim Denken zusehen. Es sind dabei einige Folgen entstanden, die Grundlage für größere Projekte waren: Aus der Folge im Januar 2016 entstand das Projekt #gegendiepanik, aus der Folge im Mai 2017 wurde eine Veranstaltung gemeinsam mit Gunnar Jans und wer die Folge über Kulturpragmatismus gelesen hat, wird einiges davon in meinem neuen Buch erkennen, das am 12. Januar erscheint und mich inspiriert hat, wieder etwas Neues auszuprobieren.

Ich starte einen Podcast!
Dass ich damit nicht der erste bin, ist mir bewusst. Aber gerade deshalb möchte ich ausprobieren, was dahinter steckt. Ich konnte den Podcast-Experten Yannic Hannebohn überreden, mir dabei behilflich zu sein und nun die Frage zu beantworten: Was würde der Shruggie tun? (Feed)

Hier können Sie die Meta-Trailerfolge auf Soundcloud anhören (und sobald Apple sie akzeptiert hat auch in iTunes). Wie beim Start des Newsletters vor drei Jahren bin ich auch jetzt unsicher, was dabei rauskommt. Aber ich freue mich, wenn Sie mich auch bei diesem Experiment begleiten – und soviel Spaß daran haben wie Yannic und ich in der ersten Folge:

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Da diese Folge des Digitale-Notizen-Newsletters eine Jubiläums-Ausgabe ist, geht es dieses Mal vor allem um Newsletter – und um die Frage: Wie macht man eigentlich einen guten Newsletter? Ich habe Antworten auf diese Frage bekommen – von sieben Autorinnen und Autoren der besten Newsletter im deutschsprachigen Raum.

Inga Höltmann, Gründerin der Accelerate Academy und Journalistin

Warum schreibst Du einen Newsletter? Ich lese viel zu meinen Themen – Kulturwandel, Neue Arbeit und moderne Führung – und teile und kommentiere sie eifrig über meine Sozialen Netzwerke (vornehmlich Facebook und Twitter @ihoelt). Da lag es nahe, mit einem eigens aufgesetzten Newsletter einen weiteren, sehr persönlichen Kommunikationskanal zu schaffen. Es gibt in dem Bereich auch nicht viele gute – warum also die Lücke nicht einfach selbst füllen? Das eröffnete mir einen weiteren Weg, spannende und inspirierende Inhalte zu teilen, auch meine eigenen, denn ich schreibe und blogge ja auch regelmäßig dazu. Darüber hinaus habe ich schnell festgestellt, dass es eine schöne Möglichkeit ist, regelmäßig etwas von sich hören zu lassen. Und nicht zuletzt – es macht mir auch einfach Spaß, den Newsletter jeden Monat zu gestalten: Ich lese gern, ich schreibe gern, das passt alles zusammen.
Seit wann? Seit etwa anderthalb Jahren
Was hast Du dabei gelernt? Es ist nicht der erste Newsletter, den ich mache, für ein anderes Projekt habe ich schon einmal zwei Jahre einen Newsletter gemacht. Man sollte sich am Anfang etwas Zeit nehmen, um seinen eigenen Ton zu finden, die eigene Ansprechhaltung. Und es sollte klar sein, was das Versprechen ist, das man macht – und ich versuche mit jeder einzelnen Ausgabe aufs Neue, das einzulösen.
Davon abstrahiert: Was macht einen guten Newsletter aus? Ich mag journalistische Newsletter, also inhaltsgetriebene, handwerklich saubere Mailings. Wenn es nur darum geht, mir etwas zu verkaufen, bin ich ziemlich schnell wieder weg. Und ein Newsletter sollte auch mehr liefern als zum Beispiel nur eine Zusammenfassung der letzten Blogbeiträge – mir ist die persönliche Handschrift immer wichtig.
Gib mal ein Beispiel: Ich habe einige Newsletters von Foodbloggern abonniert, zum Beispiel Kimberly Snyder oder Deliciously Ella, die ich sehr gern lese. Und regelmäßig lese ich auch das Social Media Watchblog Briefing (siehe unten). Einen weiteren Newsletter, den ich empfehlen kann: Den der britischen Journalistin Harriet Minter.
Welche Technik nutzt du? Und warum? Ich nutze Mailpoet. Ich kenne fast niemanden, der damit arbeitet, aber ich komme sehr gut damit klar. Es ist leicht aufzusetzen und intuitiv zu bedienen.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Seid pingelig! Ein guter Newsletter ist auch gut gemacht!

Inga beschreibt ihre monatlichen Mails als „Mein schnieker Newsletter“

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Sue Reindke, Digital Strategin und Autorin

Warum schreibst Du einen Newsletter? Die Idee entstand eigentlich, weil ich eine Weile lang gar nicht mehr öffentlich publizieren wollte, aus vielen Gründen. Wobei das Projekt „Email für Dich“ heißt: es ist eher, als würde ich Briefe schreiben, der Begriff „Newsletter“ trifft es nicht.
Seit wann? September 2016
Was hast Du dabei gelernt? Emails sind ein ganz persönliches Medium: wie bei einem Brief ist völlig klar, dass man alleine der Empfänger ist, und man es in seinem Postfach nur selbst lesen kann. Das schafft viel Nähe, und manchmal kommen ganz erstaunliche Antworten zurück. Viele sagen auch sowas wie: ich mag die Mails total, ich bekomme sonst gar keine persönlichen Mails mehr, Freunde schreiben nur noch Status Updates.
Davon abstrahiert: Was macht einen guten Newsletter aus? Es gibt keine allgemein gültigen Aussagen für alle Newsletter, die unterscheiden sich ja auch in ihrem Zweck: schreibt da jemand um des Schreibens willen oder geht es um etwas anderes, den Verkauf von Produkten oder das Erhöhen von Klickzahlen?
Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn jemand in persönlichen Newslettern bei sich bleibt und es nicht primär darum geht, „etwas zu erreichen“.
Gib mal ein Beispiel: Ich lese gerne den privaten Newsletter von Lukas Heinser, „Post vom Einheinser„.
Welche Technik nutzt du? Und warum? Mailchimp, das ist in der Basisversion kostenlos und leicht zu bedienen. Man wird da Schritt für Schritt durchgeführt und das Erstellen von Newslettern ist wahnsinnig einfach.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Einfach mal loslegen und verschiedene Dinge probieren. Und nicht so sehr drüber nachdenken, wie das ankommt oder ob das den Empfängern gut gefällt.

Der Newsletter von Sue heißt Email für Dich.

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Barbara Vorsamer, Redakteurin bei SZ-Familie

Warum schreibst Du einen Newsletter? Ich bin verantwortlich für die digitalen Kanäle des Print-Magazins „Süddeutsche Zeitung Familie“. Das erscheint alle zwei Monate – ein irrsinnig langer Zeitraum für mich als Online-Journalistin und, wie ich glaube, auch für viele Leserinnen und Leser. Deswegen schreiben wir einen wöchentlichen, kostenlosen Newsletter.
Seit wann? Seit April 2017
Was hast Du dabei gelernt? Nähe zu schaffen, ohne mich und meine Kinder bloßzustellen. Ich nehme meistens ein aktuelles Thema auf, das kann eine klassische Nachricht sein, ein Post in den sozialen Medien oder etwas, das ich oder meine Kinder diese Woche getan haben. Darüber mache ich mir ein paar Gedanken, verlinke alles, was ich dazu interessant finde und frage (wenn es passt – kein Muss, sonst wirkt es seltsam), wie es den Leserinnen und Lesern damit geht.
Was macht einen guten Newsletter aus? Ein guter Familien-Newsletter gibt den Leserinnen und Lesern erst ein „Geht mir genauso“-Gefühl und erzählt ihnen dann etwas, was sie vielleicht noch nicht wussten.
Gib mal ein Beispiel: Dieser z.B.
Welche Technik nutzt du? Und warum? Maileon, weil das der Newsletter-Dienstleister der SZ ist.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Einfach loslegen. Gute Newsletter lesen und nachmachen, was einem gefällt. Feedback und Quoten beobachten und daraus lernen. Trotzdem nur das machen, was einem selber gefällt.

Den Newsletter von SZ-Familie kann man hier bestellen. Außerdem schreibt Barbara seit kurzem auch einen privaten Newsletter, den man hier bestellen kann. Offenlegung: Barbara und ich sind Kollegen!

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Franziska Bluhm, selbstständig als Journalistin, Beraterin und Trainerin

Warum schreibst Du einen Newsletter? Weil ich ausprobieren wollte, wie das ist: der wöchentliche Rhythmus, die Tatsache, für ein Postfach zu schreiben und auszuprobieren, wie ich mit einem Newsletter Reichweite aufbauen kann.
Seit wann? Seit April 2017
Was hast Du dabei gelernt? Dass Newsletterschreiben hat mich daran erinnert, wie viel Spaß es mir macht, regelmäßig zu schreiben.
Davon abstrahiert: Was macht einen guten Newsletter aus? Er bietet seinen Lesern einen Mehrwert, überrascht und schafft eine Begehrlichkeit, ihn nicht verpassen zu wollen.
Gib mal ein Beispiel: Ich mag den Newsletter von Johannes Klingebiel sehr gerne, Katrin Scheib entführt mich regelmäßig in die Welt des russischen Fußballs und Gabor Steingart unterhält mich allmorgendlich im Morning Briefing.
Welche Technik nutzt du? Und warum? Ich habe mich für Mailchimp entschieden – weil es mir empfohlen wurde und weil mich die zwei Konkurrenzprodukte, die ich auch in Erwägung gezogen hatte, mich nicht überzeugt haben.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Einfach ausprobieren, dabei lernst du am besten.

Franziskas wöchentliche Dosis Inspiration kann man hier bestellen.

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Julian Schmidli, Reporter bei SRF Data und freier Autor

Warum schreibst Du einen Newsletter? Viele der Dinge, die in meinem Newsletter auftauchen, habe ich früher auf Facebook gepostet: Kurze Beobachtungen aus dem Leben, Fotos, Buchtipps, Spotify-Playlisten. Doch dort fühlt es sich nicht mehr richtig an. Algorithmen filtern die Posts raus; die Gestaltungsmöglichkeiten sind zu gering; zu viel Werbung. Deshalb bin ich zurück zur guten, alten Mailing-Liste – quasi der analogste unter den digitalen Kanälen. Für mich ist es auch eine gute Schreibübung: ein Mal im Monat in einer Art «Brief an meine Freunde» ein paar Gedanken der letzten Wochen zusammenzufassen. Dabei will ich keine langweilige Nabelschau betreiben, sondern Themen behandeln, die meine Freunde umtreiben. Dass auch immer mehr Unbekannte mitlesen, zeigt, dass die Herangehensweise wohl nicht ganz verkehrt ist.
Seit wann? Seit Frühling 2017.
Was hast Du dabei gelernt? Auch wenn meine journalistische Arbeit mehr Menschen erreicht, bekomme ich für den Newsletter viel mehr Feedback. Gerade auch von Menschen, die ich kaum oder gar nicht kenne. Wohl, weil Ton und Inhalt viel persönlicher sind. Es gibt mehr Platz für Humor und Zweifel. Humor und Zweifel.. das wäre eigentlich auch ein guter Name gewesen!
Davon abstrahiert: Was macht einen guten Newsletter aus? Das hängt vom Bedürfnis des Lesers ab. Ich lese sehr gerne Newsletter mit einem persönlichen Ton, deren Autoren sich sehr gut in einem gewissen Feld auskennen und mir Einsicht und Übersicht geben können. Am Ende sollte sich ein guter Newsletter anfühlen wie der Brief eines sehr schlauen Freundes.
Gib mal ein Beispiel? Bande de Coquins. Übersetzt: Eine Bande von Schurken. So nennt sich das Kollektiv anonymer AutorInnen, das seit diesem Frühling einmal in der Woche Zürcher Orte ins Visier nimmt. Zärtliche Lobeshymnen über Ravioli, lakonische Verrisse vom Kosmos, gehobene Kulturkritiken über alternative Museumsführungen – die Damen und Herren schreiben mit spitzer Feder und Humor. Und immer hat man das Gefühl, Teil eines verschworenen Clubs zu sein.
Welche Technik nutzt du? Und warum? Ich setze mir ein Thema und schreibe dann assoziativ los. So kommt oft auch ein persönlicher Aspekt an die Oberfläche. Am Ende kurz straffen – und ohne viel zu redigieren abschicken.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Geht verspielt an die Sache heran. Werdet persönlich, aber vergesst nicht: Es geht eigentlich nicht um euch.

Julians Newsletter heißt „Schwerer werden. Leichter sein.“

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Martin Giesler, Journalist & Blogger

Warum schreibst Du einen Newsletter? Ich verschicke viermal die Woche morgens um 7:00 Uhr die wichtigsten News und Debatten rund um Social Media an mehrere Tausend Kollegen, von denen – verrückterweise – fast die Hälfte auch jeden Morgen meinen Newsletter tatsächlich öffnet. Bedeutet: die Kollegen lesen, sehen, bekommen, was ich ihnen geschickt habe, was ich für sie aufbereitet habe. Kein Algorithmus entscheidet also darüber, ob meine Leser das erreicht, was sie interessiert. Durch das Format Newsletter habe ich einen direkten Zugang zu meinen Lesern, stehe mit ihnen unmittelbar in Kontakt, im Austausch. Dadurch kann ich einen echten, verlässlichen Service anbieten, die Distribution meiner Inhalte nicht dem Zufall überlassen und bin schnell erreichbar für Rückfragen und Hinweise, was wiederum einen großen Mehrwert für den jeweils nächsten Newsletter hat.
Seit wann? Das Briefing verschicke ich jetzt seit gut drei Jahren. Zunächst mit meinen wunderbaren Kollegen vom Social Media Watchblog (Hallo Anna, Isabell, Jan, Christian, Tilman und Simon) neben unseren eigentlich Jobs, seit November diesen Jahres ist das Briefing aber tatsächlich zu einem festen Job für mich geworden – ich verschicke quasi hauptberuflich einen Newsletter an Kollegen. Hätte ich so vor ein paar Jahren auch noch nicht gedacht, aber das Sponsoring von Partnern wie Rheinische Post oder Sport1, sowie vor allem die monatliche Unterstützung meiner Leser via Steady macht es möglich, dass ich mit meinem Watchblog einen erheblichen Anteil meines Einkommens erziele – neben Pferderennen und Bitcoin-Mining versteht sich.
Was hast Du dabei gelernt? Mail ist immer noch eine Killer-App: seit Jahren gelebte Kulturpraxis, direkt und ohne Intermediäre, frictionless, in der Gestalltung völlig frei. Während ich bei Facebook nur die Boxen befülle, die in Facebooks Interesse sind, ich zudem darauf angewiesen bin, dass ich den Algorithmus bediene, um auch im News Feed des interessierten Publikums zu landen, habe ich beim Versand einer Email völlig freie Hand – sowohl gestalterisch als auch inhaltlich. Social Media Plattform sind – von YouTube einmal abgesehen – eher dafür geeignet, maximale Reichweite zum Ziel zu haben. Wer hingegen wirklich eine feste Leserschaft aufbauen möchte, für den ist ein Newsletter ein großartiges Mittel.
Davon abstrahiert: Was macht einen guten Newsletter aus? Newsletter können unterschiedliche Zwecke erfüllen. Für mich zeichnet sich ein guter Newsletter dadurch aus, dass er verlässlich ist und hohe Qualität liefert, die für mich relevant ist. Genau das ist auch der Anspruch an mein eigenes Social Media Briefing.
Welche Technik nutzt du? Gehirn, Slack und Mailchimp.
Und warum? Gehirn ist immer gut. Slack dient des Sammelns von Artikeln und Themen. Mailchimp ist ein solides Programm zum Boarding von Kontakten und zum Erstellen des Newsletters.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Einen Newsletter würde ich auf keinen Fall anfangen. Schon gar nicht über Social Media schreiben. Das ist bereits total überlaufen… Nee, Quatsch. Newsletter sind ein wunderbares Tool, um sich als Journalist einen festen Kreis an Lesern aufzubauen. Ich würde jedem raten, einen Newsletter zu starten – vor allem schon deshalb, weil es ein so wunderbar kalkulierter Kontrollverlust ist: Wenn einmal auf Senden gedrückt wurde, kann die Email nicht mehr eingefangen werden, ist das Wort geschrieben, die Meinung in der Welt. Das schult ungemein.

Martins Social-Media-Briefing gibt es hier

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Sara Weber, News Editor (Tech/Startups) bei LinkedIn Deutschland

Warum schreibst du einen Newsletter: Ich schreibe sogar zwei, beruflich einen über Tech- und Startup-News, privat einen über Podcasts. Mein privater Newsletter erscheint auf Englisch und ist voll mit Podcast-Empfehlungen. Als ich ihn 2015 gestartet hab, war das noch eine ziemliche Neuheit und gute Podcasts schwer zu finden. Ich wurde als leidenschaftliche Hörerin oft nach Tipps gefragt und wollte diese sammeln und teilen.
Seit wann: 23. März 2015
Was hast du dabei gelernt: Dass ein gutes GIF immer gut ankommt. Und dass Newsletter ein sehr persönliches Medium sind, das in der Nische einen Großteil der relevanten Personen erreichen kann. Die meisten meiner Abonnenten arbeiten im Bereich Radio und Podcasts, sind also vom Fach, und haben daher viel konstruktives Feedback. Oft bekomme ich persönliche Reaktionen und mittlerweile habe ich einige meiner US-Abonnenten im echten Leben kennengelernt.
Davon abstrahiert: Was macht einen guten Newsletter aus?
Der persönliche Ton. Bei meinen Lieblingsnewslettern habe ich beim Lesen das Gefühl, die Autorin/der Autor spricht mit mir.
Gib mal ein Beispiel: Journalistin Eve Peyser schreibt den wunderbaren Newsletter „Am I crying?“, der jedes Mal erscheint, wenn sie weint. Allerdings gab es schon länger keine Mail mehr – schade für mich, gut für sie. Unter den Medienunternehmen schafft Buzzfeed sehr individuelle Formate mit persönlichem Ton, mein Favorit ist der Another-Round-Newsletter, der den gleichnamigen Podcast begleitet.
Welche Technik nutzt du: Privat Tinyletter, weil mir das 2015 am einfachsten erschien. Beruflich Mailchimp, weil es dort mehr Formatierungsmöglichkeiten und Statistiken gibt.
Ein Tipp für angehende Newsletter-Schreiber*innen: Unterschätzt die Arbeit nicht! Vor allem, wenn ein Newsletter regelmäßig erscheint, sollte man sich vorab gut überlegen, ob man genug Zeit haben wird, ihn zu recherchieren, schreiben und gestalten – und ob sich das Thema wirklich für potentiell unendlich viele Ausgaben eignet.

Saras Tech-Newsletter heißt Durchgestartet – und hier gibt es ihre Podcast-Tipps

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Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Bloss nichts falsch machen (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gab diesen Moment im Wahlkampf 2017 als sich in meinem Timeline genannten Bekanntenkreis der Gedanke zu verfestigen begann, die FDP als wählbare Partei wahrzunehmen. Ob nicht deren sehr digital geprägte Kampagne, die das neue Denken in den Mittelpunkt zu stellen versuchte, genau auf uns zugeschnitten sei, fragte einer – und bekam nicht wenig Unterstützung für den Ansatz. Es wäre, bemerkte eine andere, ja genau jetzt Zeit für eine wirkliche liberale Politik. Eine, die die Freiheit nicht bloß als wirtschaftliche Kategorie versteht, sondern als Gegenmittel gegen die Vereinfacher und Prediger von allen Seiten.

Es war dann die FDP selber, die mit ihrer Tagespolitik in NRW der Hoffnung auf einen solchen liberalen Ansatz einerseits und der Option, sie für wählbar zu halten andererseits, die Grundlage entzog. Und das Ende der Jamaika-Verhandlungen in der Nacht zu Montag bestätigt diesen Eindruck noch einmal. Dass die offenbar seit Donnerstag vorbereitete Inszenierung politisch verantwortungslos und skandlös ist, hat Heribert Prantl sehr anschaulich kommentiert. Mich interessiert an dem Jamaika-Ende aber vor allem der Slogan, den die Partei dem ganzen gegeben hat. Denn damit ist der FDP – vermutlich ohne Absicht – ein Kunststück geglückt. Mir fällt kein Satz ein, der die Verzagtheit, die Vergangenheitsverklärung und Mutlosigkeit dieses Landes besser auf den Punkt bringen könnte als Lindners Motto:

Lieber nicht regieren als falsch

ist das innerhalb von Minuten zum politischen Klassiker gewordene Symbol für den Zustand dieses Deutschlands im Jahr 2017. Nie ist die Liebe zum Status Quo und die damit verbundene „Bloß nichts falsch machen“-Haltung besser auf den Punkt gebracht worden als in diesem Satz, von dem die FDP absurderweise auch noch glaubt, sie drücke damit Standfestigkeit aus (dass sie dafür aber auch Grundwerte benennen müsste, darauf hat Mario Sixtus richtigerweise hingewiesen). Dieser Satz ist zum Leitmotiv für eine Haltung geworden, in der Zukunft eher als Bedrohung denn als gestaltbarer Raum wahrgenommen wird. Dort gibt es kaum etwas zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren.

Von den taktischen Ränkespielen in Berlin verstehe ich zuwenig um einzuschätzen, was genau die FDP dazu trieb, sich in diesen Satz zu versteigen. Ich verstehe aber, dass dieser Satz genau das Gegenteil dessen ist, was im Wahlkampf Teile meiner Timeline dazu brachte, kurzzeitig positiv über die FDP zu denken. Der Gestus, den die FDP mit Slogans wie „Digital First – Bedenken Second“ oder „Schulranzen verändern die Welt – nicht Aktentaschen“ zu imitieren versuchte, richtet sich exakt gegen den Satz, den Lindner nun zum Parteimotto erhoben hat. Die Startup-Mentalität des Ausprobierens, eine positive Fehlerkultur und die Bereitschaft, Dinge „falsch“ zu machen – all dies sind Ideen, die diejenigen schätzen, auf die es die FDP-Kampagne abgesehen hatte. Es gibt keinen Satz, der ihnen klarer machen könnte, dass all dies nur gespielt war, als das Lindner Mantra vom „lieber nicht als falsch“. (Foto: via Facebook)

Das Merkwürdige an diesem Satz ist, dass er sogar von den anderen Jamaika-Verhandler unterschreibbar wäre. Johannes analysiert sehr treffend: „Hinter all den Streitthemen – Klima, Flüchtlinge, Energiepolitik, Finanzen etc. – sehe ich aus der Ferne immer ein bisschen diesen parteiübergreifenden bundesbürgerlichen Wunsch hervorlugen: einen Status Quo, der auch in der Zukunft funktioniert.“ Und man kann ergänzen: Martin Schulz hat heute bewiesen, dass auch von der SPD kaum Gestaltungswille zu erwarten ist. Der Mann, der im Wahlkampf kurz so tat als wolle er Angela Merkel ablösen, hat heute ohne jegliche Verhandlung, die Option einer neuerlichen Großen Koalition ausgeschlossen. Warum eigentlich hat er das nicht vor der Wahl getan? Und warum eigentlich geht die SPD nicht mit echten Forderungen jetzt in eine solche Verhandlung? Hätte Schulz nicht zum Beispiel anbieten können, dass er nur ohne Merkel über eine Große Koalition verhandelt? Lieber nicht – nachher legt das noch jemand als falsch aus…

Das Ärgerliche an dem Lindner-Motto ist aber vor allem, dass es ein gängiges Missverständnis von Demokratie offenlegt: Der Wettstreit von Ideen, als den wir Politik verstehen, zielt nicht darauf ab, nur das zu tun, was einer für richtig hält. Der demokratische Wettstreit von Ideen ist im Gegenteil genau darauf angelegt, etwas falsch zu machen. Kompromisse sind per se das, was eine Seite für „nicht richtig“ hält. Wer nur dann regiert, wenn er alles richtig machen kann, hat eine zutiefst undemokratische Vorstellung vom Regieren. Deshalb ist der Satz abseits all der mutlosen Verzagheit so ärgerlich, er ist demokratisch falsch. Jenny Kallenbrunnen hat dies an Beispielen illustriert…

… die man um „Bewegen“ erweitern kann. Es ist nämlich eben nicht besser sich gar nicht zu bewegen als sich falsch zu bewegen. Und Demokratie funktioniert wie ein Muskel. Sie wird unter Belastung stärker. Dafür muss sie aber trainiert werden. Wer jedoch vor lauter „Bloss nichts falsch machen“ in Bewegungslosigkeit verfällt, lässt den Muskel verkommen.

Deshalb kann man auf eine sehr ironische Weise der FDP heute dankbar sein. Sie hat darauf hingewiesen, dass dem Land eine Idee davon fehlt, wie man in diesem Land mit dem Neuen, dem Ungewissen und Unbekannten umgehen will – selbst dann, wenn es den Status Quo herausfordert. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Wir sind unbeugsam (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn Menschen übers Scheitern sprechen, dann meist so wie Fans des FC Bayern über Ole Gunnar Solskjær sprechen: Es geht dann um epische Katastrophen, um absolute Tiefpunkte und herausragende Niederlagen. Der 26. Mai 1999 war ein solcher Epic Fail – für Bayern-Fans auf ewig verbunden mit dem Namen des norwegischen Fußballers: Ole Gunnar Solskjær erzielte in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals den 2:1-Siegtreffer für Manchester United. Und das nachdem die Bayern seit der 6. Minute (und bis zur 90. Minuten) mit 1:0 geführt hatten. „Bayern hatte die Hand schon am Silber“, kommentierte Marcel Reif in dieser historischen Nacht von Barcelona – die Beispiel ist für ein außerordentliches Scheitern.

In der Dramaturgie der klassischen Scheitern-Geschichte dauert es dann eine Weile bis sich der tragische Held aufrappelt und gestärkt weiter macht – und kurz danach ein strahlender Held wird. Bei den Bayern dauerte diese Phase zwei Jahre und endete am 25. Mai 2001 in Mailand. Dort hielt Oliver Kahn den entscheidenden Elfmeter von Valencias Angreifer Mauricio Pellegrino und aus dem tragischen Zweiten von 1999 wurde 2001 ein strahlender Sieger.

Scheitern betrachtet im Lichte großer Erfolge – auf dieser Ebene funktionieren Failgeschichten sehr gut. Auf dieser Ebene strahlen sie hell, illustrieren eine gelebte Fehlerkultur und die Silicon Valley-These vom „Fail often, fail fast“. Was aber, wenn man gar keine epischen Niederlagen und schon gar keine darauf folgenden historischen Erfolge vorzuweisen hat? (Darüber habe ich nachgedacht, weil ich zur Epicfail-Night am 9.11. in München eingeladen bin)

Ich bin Fan vom VfL Bochum. Aus meiner Perspektive ist dies der großartigste Fußballverein der Welt. Aus Perspektive derjenigen, die Champions League schauen, muss das nicht unbedingt stimmen. Und dennoch ist der VfL Bochum (zumal aktuell) weit davon entfernt, ein Champions-League-Finale auch nur verlieren zu können. Als die Mannschaft zu Beginn der Saison 2002/2003 den historischen Erfolg der Bundesliga-Tabellenführung feierte (nein, nicht am Ende der Saison), schrieb der wunderbare Fußball-Autor Christoph Biermann diese Sätze über den VfL Bochum – und über das Scheitern als Prinzip:

Die Welt des VfL Bochum ist ewiger Abstiegskampf, Fahrstuhlfahrten zwischen den Ligen, Schmerz, Trauer – und immer wieder Hoffnung. Ein zähes „Ihr da oben, wir hier unten“ ordnet die Welt seit Anbeginn. (…) Sieger waren mir aber immer schon langweiliger als jene, die interessant zu scheitern wissen. Deshalb fand ich es auch besonders cool, Anhänger des VfL Bochum zu sein, weil es im Grunde haltlos uncool ist.

Es ist zudem keine gute Grundlage für Scheitern-Geschichten, an deren Ende ein strahlender Held steht. Anhänger des VfL Bochum zu sein ist aber eine wunderbare Grundlage, um eine andere Geschichte vom Scheitern zu erzählen. Nicht jene, bei der man eine Niederlage wegsteckt und dann glanzvoll siegt, sondern diese hier: Die Geschichte vom beständigen Scheitern, vom „immer wieder“ und vom „wir sind immer noch da“; die Geschichte vom „nicht unterkriegen lassen“ und vom „trotzdem“ (siehe dazu auch The Age of Trotzdem)

In Bochum hat man dafür den Begriff „Unbeugsam“ gefunden. So ist es im Leitbild des Vereins notiert, das man sich beim VfL genau vor zehn Jahren (und als erste Bundesliga-Mannschaft überhaupt) gab. Aus demjenigen, was Biermann „haltlos uncool“ nannte, hat man so ein Alleinstellungsmerkmal gemacht. Das, was aus der Perspektive des Rasenballs als Defizit gilt, hat man zu einer Qualität entwickelt. Ressourcenorientiert kann man das nennen, was im Leitbild unter dem Schlagwort: „Wir sind unbeugsam“ notiert ist

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und Niederlagen – aber immer noch da!
Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb, „immer wieder aufstehen“ unser Prinzip, „trotzdem“ unser Motto!

Ich mag diese Perspektive auf Erfolg und Scheitern, weil sie anders ist als jene des epischen Versagens als Vorstufe zum Sieg. Ich mag sie, weil sie für Beharrlichkeit steht, für Ausdauer und Aushalten. In der unübersichtlichen, komplexen Welt, in der uns Prognosen und klare Zuschreibungen immer schwerer fallen, ist mir das fast schon bockige „Trotzdem“ zudem eine angemessene Richtschnurr für Pluralität. Den Widrigkeiten zu trotzen, Rückschläge zu meistern und am Ende den Kopf oben zu behalten und festzustellen: Wir sind immer noch da – das ist eine andere Geschichte als jene des großen Erfolgs. Der Umgang mit dem Scheitern ist hier nicht herausragend, sondern alltäglich. „Immer wieder aufstehen“ ist hier ein Prinzip, das einrechnet, dass man verliert, sich beständig korrigieren muss – aber das eben auch kann.

Denn das ist doch der Grund, warum wir in Wahrheit übers Scheitern sprechen: Weil es nicht mehr reicht, einfach nur im Recht zu sein. Weil die Welt so komplex geworden ist, dass man nicht selten überfordert ist und deshalb oftmals eben falsch liegt. Das geht aber nur, wenn man sich selber eingesteht, sich zu korrigieren. Wenn man seine Meinung nicht rausbrüllt, sondern ändern kann. Scheitern in diesem alltäglichen, nicht epischen Sinne interpretiert, ist ein Plädoyer für Pluralität – für die Annahme, dass man selber falsch und der andere richtig liegen könnte. Und bei diesem Verständnis von Scheitern geht es nicht darum, dass man sich einmal ganz doll geirrt hat und dann ganz richtig lag, sondern um einen kontinuierlichen Zweifel. Und um die Fähigkeit, trotzdem und immer wieder die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn das scheint mir dringend überfällig: Hoffnungen ernst zu nehmen – und nicht nur Sorgen.

Deshalb: Am Montag besiegt der VfL Bochum im Abendspiel den Tabellenführer – ich hoffe jedenfalls drauf. Trotzdem!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Unser Land, unsere Regeln (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Diese Worte stammen von Jens Stoltenberg aus dem Jahr 2011. Damals war der heutige Nato-Generalsekretär Ministerpräsident von Norwegen. Er sagte diese Worte als Reaktion auf den terroristischen Angriff in Oslo und auf der Insel Utøya. Die Zeit schrieb damals: „Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.“

Ich glaube, es ist auch in Deutschland Zeit für mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Der Angriff, den wir hierzuland auf die freie und offene Gesellschaft erlebten, ist zwar in keinerweise vergleichbar mit den Ereignissen in Norwegen – die Reaktion darauf ist es aber schon. Denn ich bin überzeugt davon, dass die nachhaltigste Antwort auf den Wahlerfolg der rechtsnationalen AfD darin besteht, die Regeln der offenen und freien Gesellschaft zu benennen und vorzuleben.

Die Art und Weise wie Teile der Union im Nachklang der Wahl versuchen, die Wähler*innen der AfD zurückzugewinnen, legt den Verdacht nahe, dass der Rassismus und das Gedankengut der AfD nun nicht zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Es gab sie dort – wie auch in der Gesellschaft – schon vorher, vielleicht nur nicht so klar erkennbar als eigene Fraktion. Vielleicht müssen wir nach der Wahl anerkennen: Nationales und rassistisches Gedankengut „rechts von der Union“ gehören zu diesem Land. Und es die Aufgabe, einer freien und offenen Gesellschaft damit umzugehen, dafür zu werben, dass ein plurales Land die im Wortsinn bessere Alternative ist. Wer will, dass Rassismus im Parlament keinen Platz hat, darf nicht rechte Flanken schließen, sondern muss dafür sorgen, dass Rassismus aus den Köpfen verschwindet.

Und vielleicht kann dabei ausgerechnet ein Plakatslogan der AfD helfen, an dem ich in den vergangenen Wochen immer wieder vorbeifahren musste – eh er kurz nach der Wahl umfiel: „Unser Land – unsere Regeln“ steht auf dem Plakat. Und vielleicht geht es jetzt genau darum: die Spielregeln der Demokratie deutlich zu machen. Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert – unter Belastung wird sie stärker. Wir müssen sie trainieren. Das Wahlergebnis vom 24. September ist eine klare Aufforderung!

Mir ist schon klar, dass der Slogan als Abgrenzung gegen das Fremde gedacht ist. Aber warum nutzen wir ihn nicht als Erinnerung daran, was Demokratie und Pluralismus in diesem Land bedeuten?
Unser Land – unsere Regeln bedeutet für mich deshalb zuerst: der Bezug aufs Grundgesetz, auf die Würde des Menschen, auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es bedeutet, Pluralismus und Toleranz nicht nur in Sonntagsreden anzusprechen, sondern im täglichen, inklusiven Miteinander zu leben und zu fördern. Freiheit ist in diesem Land immer auch die Freiheit des Andersdenkenden – und zum Andersdenken. Es heißt nicht, dass man immer Recht hat, es heißt auszuhalten, dass man unrecht haben kann. Wahrheit – ein Begriff, der auch auf dem Plakat steht – ist nichts, was man unumstößlich besitzen kann. Wahrheit muss sich immer wieder neu beweisen.
Das sage übrigens nicht ich, die Idee stammt von Karl Popper, der den Begriff „offene Gesellschaft“ prägte – und völlig zurecht immer dann skeptisch wurde, wenn Ideen totalitär wurden. Es scheint mir an der Zeit, Popper neu zu lesen – und sich mit einem ¯\_(ツ)_/¯ gegen diejenigen zu wappnen, die auf Angstmache und einfache Antworten setzen (ausführlich beschreibe ich das in meinen Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, das im Januar erscheint)

Unser Land – unsere Regeln bedeutet, dass nicht entscheidend ist, wo jemand herkommt. Das Grundgesetz spricht nicht durch Zufall von der Würde des Menschen und nicht von der Würde des Deutschen. Es bedeutet, dass wir auf Menschlichkeit setzen und auf die christlich-abendländische Tradition der Nächstenliebe. Die verträgt sich nicht mit Abgrenzung, Nationalismen und Rassismus. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist der Garant für das Unreine, für das Carolin Emcke in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Gegen den Hass“ plädiert. Unser Land – unsere Regeln ist auf diese Weise verstanden ein Aufruf zur Toleranz, zum Aushalten der gegenteiligen Meinung – in den Worten Jens Stoltenbergs: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Wir haben in diesem Sommer – aufmerksame Newsletterleser*innen haben es verfolgt – im Rahmen des DemocracyLab der SZ ein Experiment in Sachen Demokratie, Offenheit und auch Menschlichkeit gewagt: Wir haben versucht, unsere demokratische Streitkultur zu verbessern.

Ich glaube, dass darin jetzt eine zentrale Aufgabe liegt: Streiten zu lernen! Wir müssen demokratische Spielregeln vorleben. Dem Fernsehen kommt dabei eine besondere Vorbildfunktion zu. Hier muss demokratische Streitkultur zu sehen sein, die den Perspektivwechsel salonfähig macht und mehr Pluralismus und Demokratie wagt. Nicht aus Naivität, sondern weil das beste Mittel gegen Hass eben nicht neuer Hass ist, sondern ein engagiertes Eintreten für das Unreine und eine „Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie“.

Lesen Sie es nach bei Carolin Emcke und werden Sie demokratisch aktiv – zur Inspiration kann diese tolle Liste vom „Was machen“-Team dienen, die seit Juni einen aktivierenden Newsletter verschicken!

PS: Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich ausgerechnet in diesem Monat auf ein Gif des Illustrators Magoz gestoßen bin, das diese Haltung perfekt auf den Punkt bringt – übrigens über Sprach- und Nationalgrenzen hinweg.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Selbstverpflichtung gegen den Terror (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die Waffe, mit der ein 22jähriger Marokkaner den Terror nach Barcelona brachte, war ein weißer Lieferwagen von Fiat. Er steuerte ihn am späten Nachmittag des 17. August über La Rambla und tötete und verletzte unzählige Menschen.
Ein schrecklicher Anschlag, der einen Mechanismus in Gang setzte, den man als zweite Waffe der Attentäter beschreiben könnte: die Prinzipien der weltweiten Aufmerksamkeit sorgten dafür, dass das Signal, das die Terroristen senden wollten, in Eilmeldungs-Geschwindigkeit in die Welt getragen wurde – illustriert von verwackelten Handybildern, die Menschen in Panik zeigen, Krankenwagen, die durchs Bild rasen und Opfern, die auf dem Boden liegen.

„Und wieder steckt die Berichterstattung der Massenmedien in einer Schleife fest – und spielt diese Bilder wieder und wieder auf unsere Bildschirme“, beschreibt Zeynep Tufeki die mediale Eskalation von Angst und Schrecken durch den internationalen Terrorismus. Dieser verfolgt eine Medienstrategie, die „genau darauf abzielt, diese Art der Berichterstattung zu erzeugen“, schrieb die Soziologin nach dem Anschlag von Manchester im Mai – und zeigte dabei ein Dilemma auf, über das wir – als freie Gesellschaft, der die Anschläge gelten – dringend weiter nachdenken sollten: „Wir spielen ihnen in die Karten, und sie bestimmen die Regeln.“

Wenn man sich der Frage widmet, wie man dem Terror angemessen begegnet, wird vor allem über mehr Polizei und ausgebaute Kompetenz der Sicherheitsbehörden gesprochen. Eingriffe in Grundrechte stehen zur Debatte, um in der Vereitelung von Terrorplänen erfolgreicher zu sein. Was aber wäre, wenn man an anderer Stelle ansetzt und die die Medienstrategie der Terroristen zerstört? (Testbild-Foto von Unplash)

Wie bei jeder Veränderung kann man auch diese Frage schon im Keim als naiv ersticken. Man kann sich aber auch die Mühe machen und nachfragen, was eigentlich wäre, wenn die westlichen Gesellschaften, deren Grundrechte und Ideen vom Terror angegriffen werden, sich auf ihre Fähigkeit zum Pluralismus und demokratischen Austausch besinnen und darüber diskutieren, wie sie einen Ausweg aus der (medialen) Spirale von Angst und Schrecken finden: Könnte man den Mechanismus der Eskalation nicht durchbrechen, indem man weniger und anders über den Terror berichtet?

Es ist das eine, die eigene Social-Media-Nutzung in Eilmeldungslagen Gegen die Panik auszurichten. Das ändere wäre, auch die mediale Berichterstattung zu überdenken: Muss jeder Attentäter die Prominenz der Seite eins erhalten? Muss das Programm unterbrochen werden, um in Sondersendungen zu berichten? Braucht es die Dauerschleife der oben beschriebenen Bilder?

Anders formulieren: Kann man einen Weg der Berichterstattung finden, der das Interesse der Öffentlichkeit bedient und den Opfern gerecht wird, ohne den Terroristen mit der Art und Intensität der Berichterstattung weiter in die Karten zu spielen?

Dieser Ansatz stellt nicht die Freiheit der Presse in Frage. Er zielt vielmehr auf die Grundfragen publizistischer Ethik in einem Zeitalter, in dem sich die Prinzipien von Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit verschoben haben. Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Die zweite zentrale Herausforderung in diesem Zusammenspiel ergibt sich übrigens aus der Frage, wie man Relevanz abseits von Reichweite messbar machen kann.

Zu sagen, dass das alles keine Rolle spielt, weil irgendwer die Bilder ja doch zeigen wird, ist übrigens die Kapitulation vor jeglicher Verantwortung – und kommt nicht in Frage. Verantwortung zu übernehmen, heißt hier vielmehr z.B. über eine Selbstverpflichtung der Medien nachzudenken, wie wir sie zum Beispiel aus der Berichterstattung über Suizide kennen. Um Nachahmungen (den so genannten Werther-Effekt) zu vermeiden rät eine Richtlinie des deutschen Presserats zur Zurückhaltung in der „Berichterstattung über Selbsttötung“. Und im Schweizer Presserat betont die entsprechende Leitlinie sogar, die Folgen der Berichterstattung zu bedenken: „Die Frage der Medienwirkung ist bei Entscheid über die Publikation oder die Ausstrahlung eines Berichts über einen Suizidfall mit zu berücksichtigen.“

Warum sollte es eigentlich unmöglich sein, über eine vergleichbare Selbstverpflichtung gegen den Terror nachzudenken? („Die Frage der Medienwirkung ist zu berücksichtigen“) Klar, ich kenne die Bandbreite der Argumente, die von der berechtigten Befürchtung um Pressefreiheit bis zur Sorge ums blanke Geschäft reichen. Ich kenne aber auch das mal George Orwell und mal Lord Northcliffe zugeschriebene Zitat, nachdem Journalismus (oder Nachrichten) nur das ist, „was jemand irgendwo nicht veröffentlicht haben will. Alles andere ist Reklame bzw. Propaganda.“ Mit diesem Gedanken lohnt es sich erneut, den Text von Zeynep Tufeki zu lesen.

Nein, ich habe keine einfache Antwort auf die Fragen, die sich hier stellen. Aber noch viel weniger habe ich Lust, tatenlos mitanzusehen, wie Terroristen nicht nur einen Lieferwagen, sondern vor allem die Mechanismen der westlichen Medien für ihre Zwecke missbrauchen.

Es muss möglich sein, sich vor allem gegen den zweiten Teil entschieden zu wehren. Schließlich gelingt es, z.B. den europäischen Broadcastern einmal im Jahr, eine Veranstaltung wie den Europäischen Gesangswettbewerb zu organisieren. Könnte man sich nicht genau auf dieser Ebene zusammensetzen und eine Selbstverpflichtung diskutieren, die einige Regeln für Art und Intensität der Berichterstattung über den Terror festlegt – öffentlich diskutiert und zeitlich begrenzt. Ich weiß nicht, wie diese Regeln im Detail aussehen könnten, nehme aber an, dass man sich darauf einigen könnte, keine Bilder von den Attentätern zu zeigen und grundsätzlich auf heroisierende Berichterstattung zu verzichten. Wie weit die Selbstverpflichtung darüber hinaus gehen kann, muss öffentlich ausgehandelt werden. Und anschließend sollten die Ergebnisse als Medien-Manifest gegen den Terror veröffentlicht werden – mit Ablaufdatum, zu dem erneut verhandelt wird. Organisationen wie der Presserat sollten einbezogen werden, um auch die Diskussion in die Welt zu tragen – als Zeichen der pluralistisch geführten Debatte in einer wehrhaften Demokratie!

Ebenfalls zum Thema: Die Seite Gegen die Panik! und der zugehörige Hashtag #gegendiepanik


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Freiheit zum Andersdenken (Digitale Juli-Notizen)

Die aktuelle Folge des Digitale-Notizen-Newsletters widmet sich dem demokratischen Wettstreit. Im Rahmen des DemocracyLab der SZ haben wir den ideologischen Turing-Test ausprobiert. Es handelt sich dabei um einen Rollentausch in der Diskussion, den regelmäßige Blog-Leser*innen bereits hier kennengelernt haben.

In dieser Woche haben wir dazu ein besonderes Streit-Experiment namens „Das ist Deine Meinung“ durchgeführt, in dessen Einladung es heißt:

Es sollte zur demokratischen Grundbildung zählen, auf tolerante Art streiten zu lernen. Dazu laden wir Sie ein: Probieren Sie es mit uns aus!

Am Mittwoch haben sich dazu rund vierzig Diskutanten in München getroffen und „Das ist Deine Meinung“ ausprobiert. Hier gibt es auf SZ.de ein Videofazit zu der Diskussion!

Im Text, den ich nach der Veranstaltung schrieb, steht:

Es ist die Idee des demokratischen Streits, dass auch die Minderheiten zu Wort kommen. Pluralismus in einer Demokratie bedeutet: die Bereitschaft, auch gegenteilige Meinungen auszuhalten. Denn erst diese Toleranz macht aus einem bloßen Wortgefecht ein echtes Gespräch. „Freiheit“, hat Rosa Luxemburg gesagt, „ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ An diesem Abend erfahren vierzig Frauen und Männer, dass man diesen Satz nicht nur als Appell an undemokratische Regime richten muss, die zum Beispiel Journalistinnen und Journalisten einsperren (#freedeniz). Die Diskutanten spüren, dass der Satz auch auf diese Weise funktioniert: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken.

Links:
Ankündigung
Video
Fazit


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Ein Vuja-de für die grüne Zukunft (Digitale Juni-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Nur der, der sich die Gegenwart auch als eine andere denken kann als die existierende“, hat der Philosoph Theodor W. Adorno mal gesagt, „verfügt über eine Zukunft.“ Ich musste an dieses Perspektiv-Spiel von Gegenwart und Zukunft denken als ich dieser Tage den heimlichen Mitschnitt dessen sah, was Winfried Kretschmann über die Zukunft der Mobilität sagt. Kretschmann ist Ministerpräsident in Baden-Württemberg und in dem kurzen Clip erläutert er, warum er es für unvorstellbar hält, dass die Neuzulassung von Verbrennungsmotoren in Autos nur noch bis 2030 möglich sein soll (danach müssten auch die in seinem Bundesland ansässigen Autohersteller auf andere Antriebe umgestellt haben). Die Grünen haben diese Begrenzung für Neuwagen mit Verbrennungsmotoren für das Jahr 2030 auf ihrem Parteitag beschlossen. Für Kretschmann sind das „Schwachsinns-Termine“ kann man in dem Clip hören – über dessen fragwürdige Entstehung der Kollege Stefan Braun alles Relevante bei der SZ notiert hat.

Viel wichtiger als die Entstehung des Clips ist mir aber die Tatsache, dass Winfried Kretschmann sich offenbar keine andere Gegenwart (an deutschen Tankstellen) vorstellen kann als die existierende. Er erklärt in einer kurzen Sequenz, dass sein Hauptargument gegen den Plan sei, dass er keine Ahnung davon hat, wie die Fahrzeuge betankt aufgeladen werden sollen: „Jetzt überlegt dir mal: Es fahren fünf Millionen Elektroautos rum. Wo tanken die? Jetzt nimm mal eine ganz normale Tankstelle wie wir sie heute haben. Wir haben an großen Tankstellen vielleicht Platz für zehn Autos, die da auf einmal tanken können. Jetzt dauert das bei denen aber zwanzig Minuten. Jetzt! Wie soll das funktionieren?

Mal abgesehen davon, dass die Studien zur Elektromobilität den Verdacht nahelegen, dass Autos effektiv ohnehin so wenig bewegt werden, dass sie problemfrei in der Nacht am heimischen Stellplatz betankt geladen werden könnten. Und ebenfalls abgesehen davon, dass neue Technologien nicht fertig sind, sondern sich immer weiter entwickeln: Diese Analyse von Winfried Kretschmann ist nicht deshalb interessant, weil sie parteiinterne Streitereien offenlegt. Diese Aussagen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten sind so interessant, weil sie für einen Mangel an etwas stehen, was Robert Musil mal „Möglichkeitssinn“ genannt hat. Realo sein, heißt für Winfried Kretschmann offenbar vor allem nach dem Motto zu denken: Gibt’s nicht – geht nicht. Oder etwas breiter: Ich lasse mir mein Bild auf die Gegenwart doch nicht von anderen Möglichkeiten in der Zukunft kaputt machen.

Polina Flegontovna

Diese Ansicht ist derzeit weltpolitisch traurig populär. Dass man sie aber auch bei einem der wichtigeren Grünen-Politiker und dann ausgerechnet im Bereich Umweltpolitik findet, ist erschütternd. Man ist fast froh, dass die Sache mit dem Atomausstieg von der Kanzlerin in die Hand genommen wurde (*zwinkersmiley*), denn womöglich wäre Kretschmann noch ein super Argument für den Erhalt von Atomkraftwerken eingefallen: Es gibt ja schon welche (*traurigerZwinkersmiley*)

Weil Winfried Kretschmann sich keine Lösung für die Frage vorstellen kann, wie Elektroautos betankt geladen werden können, sollen weiterhin (also auch nach 2030) Fahrzeuge neu zugelassen werden, die bewegliche Trump-Gefährten sind. Denn so muss man nach dem vom US-Präsidenten angekündigten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen (ebenfalls in diesem Monat) das Zitat von Kretschmanns Parteikollegen Oliver Krischer interpretieren. Der grüne Fraktionsvize im Bundestag hatte im vergangenen Herbst gesagt:„Wenn wir das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen, dürfen nach 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr neu auf die Straße.“

Aber was ist das Klimaabkommen schon gegen Winfried Kretschmanns Idee einer Tankstelle?

Die im doppelten Sinn deprimierende Antwort lautet: weit weg! Denn die Tatsache, dass wir unseren „Wirklichkeitssinn“(Musil) zum Maßstab erheben, ist kein Problem, das die Grünen alleine haben. Wir neigen als Menschen dazu, unsere eigenen Vorstellungen und Prägungen zu übersehen. Winfried Kretschmann hält vermutlich sogar aus guten Absichten die heutige Form einer Tankstelle für maßgebend – und er ist damit kaum anders als die meisten anderen. Wir alle haben Prägungen, die dazu führen, dass wir Dinge und Gegebenheiten für richtig und wahr halten, die vielleicht nur Meinungen sind (siehe dazu „Ich bin am Wahrheiten“). Besonders anschaulich hat dies in diesem Monat Phil Laude am Beispiel des Fidget Spinners dargelegt. Denn im Umgang mit diesem kleinen Kreisels greifen auch bei eher jungen Menschen Mechanismen in der Beurteilung des Neuen, die erstaunlich sind.

Weil es diese Mechanismen eben bei jungen Facebook-Fans genauso gibt wie bei grünen Ministerpräsidenten, schreibe ich gerade an einem Buch, das Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen aufzählt. In der Recherche bin ich dabei auf ein Bild gestoßen, das vielleicht auch Winfried Kretschmann helfen könnten. Es handelt sich um ein umgedrehtes Deja-Vu. Damit wird eine Beobachtung beschrieben, von der man den Eindruck hat, man habe sie schon einmal erlebt. Ein Vuja-De hingegen dreht diesen Eindruck genau um: Es geht also darum, eine bekannte Sache eben genau so zu betrachten, als sei sie vollkommen neu. Robert Sutton hat diese Idee in seinem Buch „Weird Ideas That Work“ angestoßen – und damit nahezu eine Innovationsschule begründet. Jedenfalls kann man sich vornehmen, nach dem Prinzip des Vuja-De auf Dinge und Gegebenheiten zu schauen. Man kann sich bemühen, Perspektiven einzunehmen, die einem neu und fremd sind. Und am Ende kann man so auf Ideen kommen, die man sich ganz und gar nicht vorstellen kann.

Vielleicht versucht Winfried Kretschmann es ja mal mit einem Tankstellen-Vuja-De?
¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

🏃 Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gibt einen schönen Nebeneffekt am sportlichen Laufen, selbst wenn es man es nur joggend betreibt: Während man rennt, hat man Zeit zum Denken. Es gibt recht lesenswerte Ausführungen darüber, wie das Zusammenspiel von Nicht-Denken und Nach-Denken beim Laufen den Zwischenspeicher im Gehirn befreit (iPhone-Besitzer kennen einen vergleichbaren Prozess vom „Aufräumen“ auf hohe MB-Zahlen angewachsener Apps auf dem Smartphone). Und aus eigener Erfahrung kann ich ergänzen: Dieses Zusammenspiel bildet manchmal sogar die Grundlage für neue Ideen.

Jedenfalls entstand die Idee zu dieser Folge der „Digitale Notizen“ beim Laufen. Was auch damit zu tun hat, dass ich in diesem Monat an einem besonderen Lauf teilnahm – aber eben auch damit, dass ich glaube, dass der Kultur- und Medienbranche sich mit dem Laufen befassen sollten: mit dem Laufen als Markt. (Foto: Unsplash)

Denn im Geschäftsfeld „Breitensport“ lassen sich auch für mich als mittelsportlichen Laien ein paar Entwicklungen ablesen, die vielleicht Inspiration für die Medienbranche sein könnten. Ich sehe diese fünf (zu denen ich auch einen Experten befragt habe)

🏃 1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert 🏃
Ein Sportartikelhersteller lebt davon, Sportartikel zu verkaufen. Das klingt logisch und ist sicher auch richtig – aber eben nicht nur. Aus der Perspektive der ersten Entwicklung lässt sich ergänzen: Ein Sportartikelhersteller der digitale Gegenwart verkauft nicht mehr nur Sportartikel, er ist Partner für den gesamten Prozess „Sport machen“ geworden – oder versucht dazu zu werden. Neben bedeutsamen Veränderungen in der Ausrichtung der Kundenbeziehung (s.u.) heißt dies vor allem: Es geht nicht mehr nur darum, Sportartikel herzustellen und diese zu vertreiben. Es geht darum, den gesamten Prozess in den Blick zu nehmen.
Und was heißt das für Medien? Wenn der Vergleich stimmt, reicht es nicht aus, sich einzig auf gute Produkte – also Artikel, Beiträge oder Texte zu konzentrieren. Es könnte sinnvoll sein, den gesamten Prozess der Orientierung in den Blick zu nehmen

🏃🏃 2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren 🏃🏃
Selbstwahrnehmung und Positionierung des Unternehmens ändert sich durch die Erweiterung der Perspektive grundlegend. Es geht nicht mehr nur darum, gute Produkte zu verkaufen. Es geht um eine Infrastruktur, um eine dauerhafte Kundenbeziehung, für die das Unternehmen die Rolle eines Gastgebers einnimmt. Dabei folgt die Positionierung sehr vereinfacht gesprochen der Logik: Wenn wir wollen, dass die Menschen laufen (wofür sie dann unsere Sportartikel brauchen), dann müssen wir ihnen den Rahmen schaffen, in dem sie laufen können.
Und was heißt das jetzt für Medien? Wenn Sportartikelhersteller kostenlose Lauftreffs veranstalten, braucht es keine besonders große Kreativität um auf Lesegruppen zu kommen. Social Reading als Idee ist bereits da, bisher fehlt aber ein von Sportartikelherstellern Verlagen geschaffener Rahmen.

🏃🏃🏃3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen 🏃🏃🏃
Allein die Tatsache, dass Käufer*innen mit dem Erwerb von Sportartikeln auch Werbefläche anbieten, würde eine genauere Beobachtung verdienen: Wer ein T-Shirt von einem Sportartikelhersteller kauft, wirbt nicht selten durch die prominente Platzierung von Logo und Markennamen für den Hersteller. Allein die Frage zu stellen, wie man als Leser*innen diesen Distinktionsgewinn bei der Lektüre eines Mediums bekommen kann, wäre spannend. Aber darüberhinaus transportieren die laufenden Konsument*innen noch eine weitere Botschaft: Sie bringen andere Menschen in den Gastraum des Sportartikelherstellers. Sie werden zu Testimoninals, die die Sportartikelhersteller sogar bewusst fördern und vorstellen.
Was soll das jetzt für Medien bedeuten? Dass Leser*innen ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft Zeitung sind (siehe dazu meine Notizen aus dem Jahr 2009). Man entscheidet sich für das eine oder andere Medium eben auch weil man sich für die eine oder andere Gruppe derjenigen entscheidet, die es auch lesen/hören/gucken. Dieser Aspekt der Distinktion und Sichtbarmachung derjenigen, die ein Medium nutzen kommt bisher fast gar nicht zum Tragen. Die Laufbranche macht auf erstaunliche Weise vor wie es gehen könnte.

🏃🏃🏃🏃4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen 🏃🏃🏃🏃
Diese Behauptung klang schon an anderer Stelle im Newsletter an: Marken erstellen selber Inhalte, mit denen sie Zielgruppen erreichen. Sie werden also selber zu Medien. Im Zuge der Veränderungen der eigenen Rolle produziert der Sportartikelhersteller eben nicht mehr nur Sport-BHs, sondern auch Sport-Berichte. Als Partner im Gesamtprozess „Laufen“ übernimmt der T-Shirtproduzent nun auch Ratgeberfunktionen, die früher Sportmedien übernommen haben.
Warum ist das für Medien wichtig? Weil Marken hier in den Kernbereich dessen vordringen, was bisher exklusives Geschäfts von Medien war: Mit Hilfe von Inhalten Ziegruppen zu erreichen. Selbst wenn die anderen Punkte den Medien in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung egal sind: Hier sind sie gefordert, sich neu und klarer zu positionieren.

🏃🏃🏃🏃🏃5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert 🏃🏃🏃🏃🏃
Wie inspiriert man Menschen dazu eine bestimmte Tätigkeit z.B. Laufen auszuüben? Indem man ihnen Menschen zeigt, die Freude an dieser Tätigkeit – also dem Laufen – haben. Bei der Beobachtung der zu Testimonials entwickelten Läufer*innen in sozialen Netzwerken habe ich verstanden, wie Content Marketing funktioniert (und was es von klassischer Produktwerbung unterscheidet): Es macht Lust darauf, eine Tätigkeit auszuüben, eine Produkt zu nutzen – indem es die Freude zeigt, die Menschen dabei haben. So stellen die Frontrunner und anders genannten Testimonials allein dadurch, dass sie ihr Laufen zeigen sicher, dass auch Menschen im erweiterten Umfeld inspirierte werden, zu laufen. Auch dafür brauchte man früher Sport-Medien und klassische Werbung.
Und welche Schlussfolgerung soll man nun daraus ziehen? Bei Content Marketing geht es nicht um Schleichwerbung oder Vertuschung einer Werbebotschaft. Es geht darum, die Nutzung eines Produktes von einer glaubwürdigen Person vorführen zu lassen. Völlig egal, wie man inhaltlich dazu steht: die Laufbranche zeigt, wie das funktionieren kann – und hat damit natürlich auch Einfluss auf klassische Medien.

Und wem das alles zu sportlich war: Man kann sich diese Entwicklungen auch von Apple zeigen lassen. In diesem Monat hat die Firma, die für viele ja ein Sportartikel-Smartphone-Hersteller ist, gezeigt, dass sie in Zukunft nicht nur das sein will, sondern zunehmend auch Infrastruktur-Anbieter werden will: Unter apple.com/today kann man sich anschauen, wie Apple die oben beschriebenen Entwicklungen auf die Anwendung seiner Geräte überträgt…

Zur Einordung meiner Beobachtungen übers Laufen habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Aktiv wie als Berichterstatter. Gunnar Jans hat hier meine Fragen zum Laufen beantwortet.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Dieses Interview erweitert die Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der sich in der aktuellen Folge mit dem Thema Laufen befasst – und den man hier kostenlos abonnieren kann!

Gunnar Jans ist Chefredakteur bei der Münchner Content-Marketing-Agentur The Digitale, einer Telekom-Tochter mit Sitz am Milchhäusl vis-a-vis zum Englischen Garten. Im Auftrag des Kunden Messe München verantwortet er den redaktionellen Auftritt von ispo.com, dem Leitmedium des Sport-Business – und berichtet dort auch übers Laufen. Er war 14 Jahre Sportchef der Münchner Abendzeitung und davor und danach ein Kollege bei der Süddeutschen Zeitung. Gunnar läuft fast täglich an der Isar, mittwochs bei den Urban Runners Munich – und einmal im Jahr auch Marathon.

Früher fanden Läufe und Lauftrainings in Sportvereinen statt. Heute sind es auch Sportartikelhersteller, die urbane Laufveranstaltungen starten, an denen Läufer*innen kostenlos teilnehmen können. Kannst du mal erklären, warum die das machen?
Der klassische Sportverein ist ein Medium von gestern: Er liefert verlässlich, aber wenig innovativ, zu vorher festgelegten Uhrzeiten, für eine feste Jahres-Abo-Gebühr, mit den immer gleichen Strukturen und den immer gleichen Gesichtern. Genau so wie User heute digitale Inhalte flexibel nutzen, organisieren sie auch ihre Freizeit: abwechslungsreich, ohne Verpflichtungen, permanent nach neuen Reizen suchend, meistens über soziale Netze, vor allem Facebook. Das haben, wenn wir zum Laufen kommen, die Sportartikelhersteller erkannt: Ihre Lauftreffs finden zwar auch regelmäßig statt, aber ohne Zwang, man kann vom einem zum anderen Anbieter springen, meist bieten sie jede Woche ein neues Special. So entsteht ein permanenter Wettbewerb um den Kunden, hier den Läufer, mit der Chance für die Unternehmer, auf Aktionen und Produkte aufmerksam zu machen. Oftmals geht es aber gar nicht um Werbung für ein bestimmtes Produkt – sondern nur ums Brand Building, also darum, etwas fürs Image zu tun, die Menschen an sich zu binden – und sogar Feedback zu bekommen, das auch die Hersteller besser macht in ihrer Performance. Weil sie mit den Kunden ins Gespräch kommen ohne geschäftlichen Zwang. Im Marketing geht es ja oft um die Frage: Setzen wir B2B, Business to Business, oder B2C, Business to Costumer? Die beste Antwort darauf ist: H2H, Human to Human.

Diese Veranstaltungen werden nicht selten in sozialen Netzwerken dokumentiert, die Laufgruppen der Marken tragen eigene Namen und veranstalten eigene Wettkämpfe. Was soll das?
Gerade Laufgruppen leben davon, dass ihre Teilnehmer Spaß haben am gemeinsamen Erlebnis. In den sozialen Netzen heißt das dann Community Building – was ja im besten Sinn die digitale Verlängerung eines analogen Erlebnisses ist. Wir laufen zusammen, wir markieren unsere gemeinsamen Wege – und taggen den Veranstalter, mit dem wir gelaufen sind. Je mehr es den Marken gelingt, dass ich mich aus freien Stücken an sie binde, dass ich mich mit ihrem Angebot identifiziere, um so eher werde ich zum Teil dieser Marke – und teile plötzlich meine Erlebnisse im Namen der Marke. Wenn es den Marken gelingt, ihre Angebote so spannend und vor allem abwechslungsreich zu gestalten, dass ich gern mit ihnen gemeinsame Sache mache, haben sie mich gewonnen. Als Teil der Marke. Wichtig ist allerdings, dass diese Angebote smart sein und für sich stehen müssen und vor allem: keine Verkaufsveranstaltung sein dürfen, keine Produktshow und niemals penetrante Werbe-Belästigung. Um mal einen Vergleich mit der SZ zu ziehen: Die „lange Nacht der Autoren“ ist bestes Content Marketing, die Fußgängerzonenstände mit sofortiger Probeabo-Bedrängung plumpe Werbe-Penetrierung. Konkret aufs Laufen bezogen: In München kann ich montags beim „Montag Fight Run“ laufen, dienstags bei „Never Stop Munich“, mittwochs bei Urban Runners Munich, donnerstags beim Lauftreff München – jeweils bei verschiedenen Marken, die eher smart branden. Die Ausnahme sind da die Adidas Runners Munich – die jeden Tag Programm bieten, was ein einzigartiges Konzept ist, fast eine Komplett-Betreuung, aber auch mit einem gewissen Guppenzwang versehen.

Eine weitere Beobachtung im Laufbusiness: Adidas kauft runtastic, Asics kauft Runkeeper – kann man eigentlich noch von Sportartikel-Herstellern sprechen oder entwickeln sich diese nicht vielmehr zu Infrastruktur-Anbietern?
Mit Blick auf die digitale Transformation ist es mehr als clever, die komplette Infrastruktur unter einem Dach anzubieten. Nur wenn ich alles biete, vom Produkt über die smarte Tracking-App bis zur Community mit Wettbewerbscharakter und dies auch idealerweise vom Digitalen ins Analoge und umgekehrt zurückspielen kann (eben durch Laufgruppen, die sich über Social Media vernetzen), biete ich dem Kunden die Möglichkeit, in meiner Welt zu bleiben und nicht die Plattform zu wechseln. Idealerweise gelingt es mir, ihn über einen Kanal auf meine Plattform zu holen und dann alle meine Services für ihn nutzbar zu machen. Und was das Zusammenspiel von Sportartikel-Herstellern und Tracking-Plattformen wie Runtastic oder Runkeeper angeht: Auf diesen Plattformen geben die Nutzer freiwillig (!) so viele Daten preis, an die der Hersteller sonst nie käme und die er für die Entwicklung seiner Produkte nutzen kann, dass es für die Sportartikel-Hersteller geradezu ein Muss ist, dort auch Anbieter zu sein.

Braucht man dann eigentlich noch Laufmedien wie Zeitschriften oder Websiten, die das Thema „Laufen“ begleiten? Das übernehmen doch dann auch die Anbieter selber, oder?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Marken zu Medien werden und neben Produkten künftig auch Inhalte liefern werden, die wiederum mehr als die Welt ihrer Produkte abbilden. Wenn es sich durchsetzt, dass dies immer vom Nutzer her gedacht wird, so wie übrigens gutes Content Marketing funktioniert, kann dies zur Folge haben, dass diese Unternehmens-Seiten eine hohe Reichweite bekommen – und das Unternehmen in seine eigenen Inhalte investieren wird mit der Folge, weniger Werbemittel für Zeitschriften oder andere Portale zur Verfügung zu stellen. Deren Situation wird dadurch nicht leichter werden. Trotzdem glaube ich, dass Special Interest Zeitschriften oder Websites weiter eine gute Chance haben – wenn ihr Markenkern etwas unverwechselbares hat. Ich jedenfalls lese gern Lauftipps auf Sportartikelherstellerseiten – aber genauso die Runner’s World als das beste Fachmagazin oder Hajo Schumachers herrliche verrückte und vor allem umfassende Seite achim-achilles.de

Ich behaupte, dass auch der Journalismus und die Medienbranche etwas von dieser Entwicklung lernen kann, dass es nämlich nicht nur um den Inhalte oder die Produkte geht, sondern immer mehr auch um das Umfeld, um den Kontext. Siehst du das auch so bzw. siehst du Entwicklungen, die man aus dem Laufbusiness auf die Medienbranche übertragen kann?
Der wichtigste Hebel ist: sich um den Nutzer, den User, den Leser, den Kunden zum kümmern. Ihm nicht ein schlimmstenfalls auch noch abgeschlossenes Produkt hinzuwerfen, sondern ihn das Medium zum Teil seiner Welt zu machen. Ihn überall zu begleiten, ihm Hilfestellung zu leisten. Mit ihm in Kontakt zu treten. Analog und digital und wieder analog. Das Lauf-Business macht vor, wie es funktionieren kann: Erlebnisse zu schaffen, die man teilen möchte mit anderen, mit Gleichgesinnten. Beim Laufen werden die Kunden dank der digitalen Möglichkeiten zum Botschafter des Unternehmens, zum Influencer. Wenn dies schon Marken gelingt, die bis gestern noch gar keine Medien waren, sollten die Verlage dazu doch erst recht in der Lage sein – und die Bedürfnisse ihrer Kunden ernst nehmen, sich mit ihm austauschen auf allen digitalen Plattformen und sich auch von den Lesern inspirieren lassen. Dass jemand aus dem 22. Stock Kommentare schreibt, die mir die komplexe Welt ein Stück weit leichter verständlich machen, ist wichtig – wirklich überzeugt werde ich aber erst, wenn sich derselbe Kommentator auch auf meine Welt einlässt, er also Kenntnis hat von dem, was ich bewegt. Und zum Influencer für diesen Kommentator, also quasi zu seinem Marken-Botschafter, werde ich erst dann, wenn auch sich auf den Dialog mit mir einlässt. Warum laufe ich mit einem Urban Runners Munich -Shirt durch die Stadt, warum gehe ich bei Wettbewerben für die Urban Runners an den Start? Weil ich Teil der Gruppe sein mag, mich dazugehörig fühle. Wer aber fühlt sich als Leser, egal ob flüchtig oder jahrzehntelanger Abonnent, wirklich einer bestimmten Zeitungsmarke zugehörig?

Du läufst – das kann man auf deinen Instagram– und Twitter-Profilen verfolgen – auch selber. Was reizt dich selber an dem Sport und vor allem: Warum teilst du deine Freude daran in den sozialen Medien?
Weil ich, wenn ich alleine laufe, dabei am besten nachdenken kann. Und wenn ich in der Gruppe laufe, die gemeinsamen Erlebnisse und die Endorphine genieße. Weil es ein wunderbares Wechselspiel ist zwischen Abschalten und Aufdrehen, zwischen Quasi-Meditation und Wettkampfmodus. Das alles spielt sich für mich auch in den sozialen Medien ab: Fotos, die die Faszination des Laufens zeigen. Gedanken oder Kommentare, die nur beim Laufen entstehen. Und Gefühle vor, während und nach dem Lauf, die du sonst nirgends erlebst. Dies in den sozialen Medien zu teilen, bedeutet ja auch, die Motivation zu teilen, weiterzugeben. Es gibt ja diesen in der Running-Szene beliebten Hashtag #laufenmachtglücklich. Ich glaub’ tatsächlich daran. Allerdings musst du dir auch darüber klar sein: Wer nicht Teil dieser Lauf-Communitys ist und doch in seiner Timeline häufig von Lauf-Post belästigt wird, hält Läufer für außerordentlich mitteilsame Spinner – bestenfalls.


Dieses Interview gehört in den monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. In der aktuellen Folge denke ich übers Laufen nach.

Der Monat, in dem das Fernsehen starb (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Er ist Geheimagent im Auftrag seiner Majestät. Er ist körperlich durchtrainiert und technisch perfekt ausgestattet. Kein noch so aussichtsloser Auftrag ist zu kompliziert für ihn: Daniel Craig ist der aktuelle James Bond-Darsteller. Daniel Craig ist ein Mann für unlösbare Aufgabe und deshalb schafft Daniel Craig beim Fernsehen sogar das hier: Eine Szene wiederholen.

Eine deutschlandweite Plakatkampagne wirbt derzeit dafür. Testimonial Daniel Craig sitzt dabei in grüner Strickjacke auf dem Sofa und zielt mit einer Fernbedienung in Richtung des Zuschauers. Denn für James Bond, sagt dieses Plakat, ist „nichts leichter“ als eine Szene zu wiederholen.

Ich musste den Blick aufs Plakat mehrfach wiederholen. Zu unglaubwürdig erscheint mir die Kampagne. Die Fallhöhe zwischen testosteron-getränkter Männlichkeit einerseits und Banalität der Aufgabe andererseits wirkt auf mich als würde James Bond sagen: „Eine Banane ohne Schale essen? Nichts leichter als das“.

Diese Kampagne rückt nicht die Superkräfte des Geheimagenten ins Blickfeld, sondern seine fehlende Gegenwart. Nicht nur Netflix oder Amazon Prime scheinen ihm unbekannt, auch die Mediatheken nutzt er offenbar nicht. Dieser Geheimagent lebt so selbstverständlich in einer einzig linearen, klassischen Fernsehwelt, dass er sie sogar zum Maßstab für sein Handeln erhebt.

Dies trifft aber natürlich nicht nur auf das Werbetestimonial Daniel Craig zu. Es trifft vor allem auf diejenigen zu, für die diese Werbung gemacht ist. Es scheint in diesem Land noch eine Menge Menschen zu geben, die staunen, wenn jemand behauptet, er könne eine Szene im Fernsehen wiederholen. Im Bild mit der Banane heißt das: Mit dem Entfernen der Schale kann man offenbar tatsächlich Leute beeindrucken.

Ich finde das interessant, weil diese merkwürdige Kampagne in den gleichen Monat fällt, der für mich als derjenigen in Erinnerung bleiben wird, in dem klassisches Fernsehen für mich starb. Die Abschaltung des DVB-T-Signals markiert für mich den Zeitpunkt, an dem ich aufgehört habe, die Art von Fernsehen anzuschauen, bei der man keine Szene wiederholen kann.

Es ist erwähnenswert, sich diesen Monat zu merken. Denn in nicht allzu ferner Zukunft wird sicher jemand fragen: Wann haben wir eigentlich aufgehört auf die Weise Fernsehen zu schauen wie unsere Eltern es getan haben? Ich weiß, was ich dann antworten werde: Im April 2017 – als das DVB-T-Signal abgeschaltet wurde.

Dass ich in diesem Monat auch von den Plänen von Mark Zuckerberg las, brachte mich dazu, diesem Text einen über mein eigenes Fernsehverhalten hinaus deutenden Titel zu geben. Die New York Times zitiert den Facebook-Chef mit den Worten: „Denken Sie an all die Dinge, die uns umgeben, die nicht zwingend physische Objekte sein müssen. Statt ein TV-Gerät für 500-Dollar zu kaufen, kann man sich Fernsehen auch in einer App für einen Dollar vorstellen.“

Zuckerberg bezieht sich damit auf eine Form der erweiterten Realität, die er in Facebook mit Hilfe einer Kamera erschaffen will. Pokemon-Go-Spieler kennen das Prinzip der so genannten augmented reality aus eigener Anschauung. Facebook will diese Technologie in einer Art nutzen, die ich im Metabuch als Ende des Durchschnitts beschreibe. So skizziert Zuckerberg die Idee einer freien Wand, die erst durch den Blick durch die Facebook-Kamera einen Inhalt freilegt – womöglich abhängig von denjenigem, der durch die Kamera blickt. Auf das eingangs zitierte Plakat übertragen, kann das heißen: Auf der Werbefläche könnten unterschiedliche Motive angezeigt werden – abhängig davon, wer vor das Plakat tritt.

All das befindet sich noch im Planungsstatus und es gibt nicht wenige, die behaupten, Zuckerberg werde sich damit nicht durchsetzen. Für meinen Blick auf „Fernsehen“ im April 2017 ist dieser Teil aber fast unbedeutend. Denn wann es kommt und von wem es zuerst eingeführt wird, ist nachrangig im Vergleich zu dem Ausblick auf das, was Fernsehen einmal sein kann – nach seinem Tod im April 2017.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).