Das BCC-Problem der politischen Debatte: fünf Lösungs-Vorschläge aus dem Escape Room

Die Abkürzung BCC steht für “Blind Carbon Copy”. Die “Carbon Copy” ist ein Kohlepapier-Durchschlag, der von einem Papier angefertigt wird. Und wenn diese Kopie im Geheimen durchgeführt wird, ist sie eben “blind”. Für die angesprochene Person nicht erkennbar wird noch jemand adressiert. Diese auf dem analogen Druck basierende Metapher wird für digitale Kommunikation genutzt: BCC-Mails werden verschickt, um in einem Kohlepapier-Durchschlag einer dritten Person im Geheimen etwas zu übermitteln. Da die Ansprache für den direkten Adressaten nicht erkennbar ist, kann man hier durchaus von “umgekehrtem Lästern” sprechen. Umgekehrt weil der Inhalt offen sichtbar, also nicht geheim ist. Die Tatsache, dass mindestens ein Dritter mitliest, bleibt aber im Verborgenen.

Dieses Prinzip der persönlichen Mailkommunikation hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Muster öffentlicher, politischer Debatte entwickelt. Die Botschaften, die hier BCC versendet werden, sind nicht selten memefizierte Meinungen und bestimmte Code-Begriffe, die öffentlich gesagt – aber in Wahrheit an eine bestimmte In-Gruppe gerichtet werden. Das Problem ist so offensichtlich, dass man gar von einem CC-Problem sprechen könnte: Politische Akteur:innen nutzen die Bühne einer Bundestagsdebatte oder TV-Talkshow nicht nur für die direkte Ansprache, sondern um kurze Videosequenzen oder Texttafel-Zitate zu produzieren, die sie dann im Kohlepapier-Durchschlag an anderen Adressaten zu senden. Auch öffentliche Debatte in sozialen Netzwerken zeigen Symptome dieses Problems: Menschen gehen nicht auf die Person ein, mit der sie vermeintlich sprechen. Sie nutzen die Debatten um einer Bühne gleich, ihrer Ansichten und Meinungen wie ein schönes Kleidungsstück vorzuführen – und zwar in erster Linie, den Menschen, die sie BCC adressieren.

Über das Problem der Memefizierten Meinungen und der (sich daraus ergebenden) Meinungsmodenschauen haben ich hier im Blog bereits geschrieben. Vor allem letzteres basiert auch auf der im 20. Jahrhundert begründeten Ansicht klassischer Medien, es sei ihre Aufgaben, Meinungen abzubilden. Das halte ich für so grundlegend falsch, dass ich dazu demnächst einen eigenen Text schreiben werden.

Hier soll es aber erstmal um eine Ausweg aus diesem Debatten-Dilemma gehen. Dafür bietet sich das Bild eines Escape-Rooms im doppelten Sinn an. Eva Schulz hat dazu mal unter dem Namen “Der Raum” ein interessantes neues TV-Format getestet. Die Diskutant:innen wurden dabei nicht eingeladen, um einander darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie Recht haben. Sie mussten vielmehr gemeinsam eine Lösung finden, um Rätsel in einem thematischen Escape-Room zu finden. Wer politische Debatte nicht als Schaulaufen versteht, sondern als gemeinsame Lösungssuche, beendet das BCC-Dilemma bevor es entstehen kann. Denn Meinungen werden hier nicht einfach nur geäußert, Meinungen werden hier gemeinsam bearbeitet – mit dem Ziel, einen Kompromiss, eine konstruktive Lösung zu finden.

Genau wie beim ideologischen Turingtest geht es bei dem (leider nicht fortgeführten) “Der Raum”-Format von Eva Schulz um eine konstruktive Weiterentwicklung der rein deskriptiven Debattenideen des 20. Jahrhunderts. Wie schön wäre es, wenn wir mehr dieser Experimente im öffentlichen Raum (auch außerhalb von schulischen Debattierclubs) finden würden: Deshalb hier fünf einfache Tricks, die helfen eine klassische Meinungschau-Debatten-Inszenierung zu einer wirklichen Debatte zu machen:

1

Menschen müssen vorher die Argumente der Gegenseite sagen und die Debatte startet erst, wenn die Gegenseite darin ihre Position korrekt widergegeben sieht (ideologischer Turingtest)

2

Die Debatte braucht ein konstruktives Ziel, eine Leitfrage, zu der alle Diskutant:innen eine Antwort formulieren sollen. Das kann so weit gehen, dass sie Rätsel eine einem Escape-Room lösen müssen. Es würde aber schon reichen, wenn sie die politische Leitfrage als gemeinsames Problem erkennen, das sie jetzt zusammen! lösen.

3

Polarisierung ist nur ein Aufmerksamkeitstrick, aber kein Debatteninstrument. Deshalb sollte die Einstiegsfrage an alle sein: Was haben wir hier gemeinsam?

4

Ohne Kompromiss keine Politik. Wer einfach nur seine Meinung sagt, führt noch keine politische Debatte. Deshalb sollte ein gutes Diskussionsformat stets die Bereitschaft zum Kompromiss erfragen – mindestens mit der Abschlussfrage an alle: Wo hast du heute deine Ansichten verändert? (Wer “gar nicht” sagt, wird nicht mehr eingeladen) Denn Freiheit ist stets die Freiheit zum Andersdenken.

5

Der wahre Wert von Artikel 5 entsteht nicht durchs Äußerung, sondern durchs Ändern der eigenen Meinung. Eine gegenwärtiges Debattenformat sollte Meinungen also nicht abbilden, sondern Meinungsänderung zeigen. Eine tolle Leitfrage wäre zum Beispiel: Was würde es brauchen, damit du deine Meinung hier änderst?


Das Thema Debattenkultur beschäftigt mich hier im Blog seit Jahren. Auf der republica im Sommer diesen Jahres habe ich gemeinsam mit Stefan Niggemeier über das Frage diskutiert, wie wir besser diskutieren können. Auch in meinem monatlichen Newsletter denke ich immer wieder darüber nach – zum Beispiel in diesen Texten: Wer macht öffentlich Angst? (Oktober 2026) Du hast mich zum Nachdenken gebracht (März 2023) Die beste Werbung für Demokratie (Februar 2023) Die Glut-Theorie der öffentlichen Debatte (Juni 2022), „Die Anderen anders sein lassen“ (Mai 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).


Über den Wert der Meinungsänderung habe ich auch in meinem aktuellen Buch „Social Media verbieten? Verboten“ ausführlich geschrieben. Ich glaube nämlich, dass die Fähigkeit, konstruktive Debatten zu beginnen und zu führen, Teil gegenwärtiger Medienkompetenz ist.