The French Dispatch, Theophilus Junior Bestelmeyer, Alors on Danse, Khaby Lame und Siegfried & Joy – die Netzkulturcharts Juli 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller PhĂ€nomene, die ich auffĂ€llig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses PhĂ€nomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts vom Vormonat stehen hier und begrĂŒnden die Emjois hinter dem Namen.

VorschlÀge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 The French Dispatch-Meme 🆕

Hier ist alles, was den Zauber der Netzkultur ausmacht, auf einem Bild versammelt – und damit meine ich nicht die Namen der sozialen Netzwerke, die zu Beginn des Memes den Schauspieler:innen zugeordnet wurden. Ich meine den Prozess, wie hier ohne konkrete Aufforderung und Startpunkt, eine Welle der Partizipation und Gemeinsamkeit durchs Web lief. Das Foto vom Filmfest wurde zur Kopiervorlage fĂŒr zahlreiche Adaption und wird vermutlich in irgendwelchen Kegelclub-WhatsApp-Gruppen noch immer weitergedreht. Verdiente Spitzenposition in den Juli-Charts fĂŒr TimothĂ©e Chalamet, Wes Anderson, Tilda Swinton und Bill Murray.

Platz 2 Theophilus Junior Bestelmeyer 🆕

Am Ende des Monats gibt es jetzt sogar den Song zum Namen: Der Musiker Theo Junior holt sich vom NetzphĂ€nomen Theophilius Junior Bestelmeyer den Namen zurĂŒck – und versucht den plötzlichen wie unerklĂ€rlichen Ruhm mit seiner eigentlichen TĂ€tigkeit zu verbinden. Ob die Musik gut oder schlecht ist, kann ich gar nicht beurteilen. Sicher ist jedoch: Theo ist ein PhĂ€nomen – das beweist auch ein Blick in die Statistiken dieses Blogs: Seit ich ĂŒber Theo schrieb, kommen sehr viele Leute hierher, die im Internet nach Theo suchten und dann diesen Text lesen wollen.

Platz 3 Alors on Danse 🆕

Im Jahr 2009 veröffentlichte der belgische Rapper Stromae den Song „Alors on Danse“ und schaffte es damit sogar auf Platz 1 der deutschen Single-Charts. Das kann man im Wikipedia-Eintrag zu dem Song nachlesen, in dem auch ein Kanye-West-Remix erwĂ€hnt wird. UnerwĂ€hnt ist dort aber, dass der US-Socialmedia-Star Usim Mango den Song zwölf Jahre nach seinem Entstehen zu einem besonderen viralen Revivial verhalf. Usim Mango, selbst nur sieben Jahre Ă€lter als das Lied, postete im Juni eine kurze Unterhemd-Sequenz, in der er mit seinen Freunden zu Stromae-KlĂ€ngen Ă€ußerst zurĂŒckhaltend tanzt – also eigentlich bewegen sie lediglich ihre Oberkörper Ă€ußert langsam und heben dabei die angewinkelten Arme, ebenfalls eher langsam. Usims Vorlage wurde nicht nur akustisch, sondern auch auch als Videohintergrund adaptiert und katapultierte den Song-Schnipsel in alle Welt. Auch das deutsche Tiktok-PhĂ€nomen Tim Schaecker kopierte Song&Tanz fĂŒr einen Ă€ußerst reichweitenstarken Clip. Schaecker ist im Tiktok-Universum vor allem fĂŒr seine Water-Mellon-Sugar-BegrĂŒĂŸung („Hi“) bekannt – und wird auf bemerkenswerte Wesie von Donnie O’Sullivan parodiert – was vor allem zeigt: in Frgen der Netzkultur hĂ€ngt dann doch alles mit allem zusammen.

Platz 4 Khaby Lame âŹ†ïž

Vielleicht kann man die Geste, mit der Khaby Lame missglĂŒckte Videos kommentiert als „gesunder Menschenverstand“ ĂŒbersetzen. Eine Ă€ltere Damen versucht mit einem SĂ€bel eine Torte anzuschneiden. Sie hĂ€lt das Schneidewerkzeug aber falsch rum. Khaby macht es nach, hĂ€lt seinen SĂ€bel an seiner Torte aber anders herum und streckt dann wie zum Beweis seine HĂ€nd vor sich aus. Damit rĂŒckt er einen Platz vor im Vergleich zu den Juni-Charts – auch weil der Mann aus Italien damit die Königin von England korrigiert. Das ist zumindest eine kleine Anspielung an das EM-Finale in diesen Charts. Mehr zum Fußball und der Netzkultur in diesem Post ĂŒber Sweet Caroline.

Platz 5 Siegfried & Joy âŹ‡ïž

Sie sind weiterhin super. In den vergangenen Wochen haben die schlechtesten besten Zauberer Berlins ihr magisches Handwerk auf die BĂŒhnen des Landes verlegt und begleiten ihre Magie mit weiterhin tollen Instastorys. Dass die Spitzenreiter der Juni-Charts dennoch auf Platz 5 abrutschen, liegt aber nicht an fehlendem Zauber, sondern an der harten Konkurrenz. In diesem Juli ist netzkulturell so viel passiert, dass ihr Zauber ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Er bleibt aber magisch und in den Top5.

Besondere ErwÀhnung

Der Platz 2 aus den Juni-Charts ist auch im Juli aktiv: Aus Bo Burnhams Song „All Eyes on me“ hat sich der Dialog „You say the ocean’s rising“ – „Like i give a shit“ – „You say the whole worlds ending“ – „Honey, it already did“ zu einem Meme verselbststĂ€ndigt, das Nutzer:innen als Selbstduett-Video auffĂŒhren. Außerdem wichtig im Juli:Diese Form der Videokunst von Kevin B Perry nutzt den schnellen Tiktok-Verwandlungs-Schnitt auf erstaunliche Weise. Prognose: Diese Schnitttechnik findet sich garantiert in nĂ€chsten Monaten in den Charts. Auch der Lasch-o-mat ist eine bemerkenswerte Netzkultur-Erscheinung des Monats. Dass Tiktok sich an einer monatlichen Sortierung der netzkulturellen Geschehens versucht, soll nicht unerwĂ€hnt bleiben: Das ganze heißt #memedesmonats.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr ĂŒber Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation„.