Thats Not My Name, Inspirational Audio-Quotes, Wordle, Birds Aren’t Real, der Pulli von Olaf Scholz (Netzkulturcharts)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller PhĂ€nomene, die ich auffĂ€llig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses PhĂ€nomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

VorschlÀge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: That’s Not My Name 🆕

Im Jahr 2008 rĂŒckte ein Songschnipsel von SĂ€ngerin Katie White (rechts im Bild) und Schlagzeuger Jules De Martino ins Blickfeld internationaler Öffentlichkeit: Apple hatte den Song „Shut Up And Let Me Go“ fĂŒr die Werbung fĂŒr den iPod ausgewĂ€hlt und die The Ting Tings damit einer sehr breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Der Song stammt vom DebĂŒtalbum „We Started Nothing“, das in Großbritannien auf Platz 1 der Albumcharts landete – inklusive einer Single, an der dieser Tage niemand auf Tiktok vorbei kommt: That’s Not My Name ist schon 2007 veröffentlicht worden – und dient dieser Tage als großer Promi-Trend des Monats. Zu den Zeilen „They call me hell / They call me Stacey / They call me Her / They call me Jane“ zeigen vor allem prominente Accounts das Spektrum ihrer Persönlichkeit bzw. Rollen. Alicia Silverstone war eine der ersten, die den Ting Tings-Sound nutzte, es folgten Drew Barrymore, Will Smith, Jennifer Garner und viele andere (in Deutschland z.B. Sarah Kim Gries oder Thomas Sattelberger), FĂŒr die Meme-Journalistin Kate Lindsay ist „That’s not my name“ die „einmalige Gelegenheit fĂŒr Prominente, in den sozialen Medien ihre Zielgruppe anzusprechen“. That’s Not My Name ist aber vor allem auch ein erstaunlicher Ohrwurm – allein deshalb: Platz 1 der Februar-Charts.

Platz 2: Audio-Zitate 🆕

FrĂŒher als Instagram noch eine reine Bilder-Community war, fand man dort jede Menge Texttafeln mit schlauen, nachdenklichen und nicht selten banalen SprĂŒchen. HĂ€ufig wollen diese SprĂŒche einen tieferen Sinn transportieren, motivieren oder nur ganz allgemein eine Weisheit ĂŒbers Leben verkĂŒnden. Und nicht selten tauchen diese „Inspirational Quotes“ auch heute noch auf Instagram (und Pinterest!) auf. Viel hĂ€ufiger finden die Inspirations-Zitate ihren Weg aber ĂŒbers Ohr in den Kopf der Nutzer:innen. Ein sehr bekanntes Audio-Zitat stammt von der US-Motivations-Coachin Mel Robbins. Es ist ein Ausschnitt aus einem TED-Talk, den sie zum Thema GlĂŒck und Motivation gehalten hat. Ihr Aufruf: „No one’s coming. No one. No one’s coming to push you; no one’s coming to tell you to turn the TV off; no one’s coming to tell you to get out the door and exercise; nobody’s coming to tell you to apply for that job that you’ve always dreamt about; nobody’s coming to write the business plan for you. It’s up to you.“ hat sich aus dem TED-Talk aus dem Jahr 2011 zu einem aktuellen Web-Hit gewandelt. Menschen nutzen die kurze Audio-Sequenz und zeigen dazu Bilder von ihrem unbĂ€ndigen Trainings- und Optimierungswillen. Zahlreiche Nachahmer-Clips nutzen andere Sounds. In der deutschsprachigen Welt der Tiktok-Kopien namens Reels hat sich dabei der sehr erfolgreiche Podcast Gemischtes Hack von Tommi Schmitt und Felix Lobrecht zu einer Zitate-Quelle entwickelt. Besonders populĂ€r in diesem Monat: Tommi Schmitts Erkenntnis, die sich in diesen Worten ausdrĂŒckt: „… dass man immer denkt, bald beginnt die gute Zeit, bald beginnt das Leben. Wenn ich das erreiche, dann gehts gut. Wenn ich den Job bekomme, dann gehts gut. Wenn ich den Studienplatz bekomme, die Ausbildung… aber das geht ja immer so weiter. Ich glaube, das Prinzip oder das Dilemma gleichzeitig am Leben ist, dass das gar nicht einsetzt.

Platz 3: Wordle âŹ‡ïž

Der FrĂŒhjahrs-Hype des Jahres 2022 hĂ€lt an. Nach einem Spitzenplatz in den Januar-Charts hat es Wordle nicht nur auf die Einkaufsliste der New York Times geschafft, sondern vor allem unzĂ€hlige Imitationen inspiriert. Das Netz rĂ€tselt im Wordle-Stil. Es geht dabei um Schimpfworte (Lewdle is a game about rude words. If you’re likely to be offended by the use of profanity, vulgarity or obscenity, go play Wordle instead!), um Geografie-Wissen (LĂ€nder-Wordle), Verwirrung (With each guess, Absurdle reveals as little information as possible, changing the secret word if need be.) oder Mathematik (Nerdle lĂ€sst Rechnungen erraten) – und am Ende geht es stets um die Schönheit des Zufalls, dass aus der kleinen Idee von Erfinder Josh Wardle ein weltweiter Hype wurde – obwohl er doch eigentlich nur seiner Freundin Palak Shah einen Gefallen tun wollte.

Platz 4: Birds Aren’t Real âŹ‡ïž

Die Theorie von den erfundenen Vögeln ist in den deutschsprachigen Raum geflogen: Tagesspiegel, RND, NZZ, Berliner Zeitung, NZZ am Sonntag haben nach den Januar-Charts ĂŒber das PhĂ€nomen berichtet. Birds Aren’t Real-Erfinder Peter McIndoe war unterdessen Gast in Howard Sterns Radioshow und twitterte drĂŒber.

Platz 5: Der Pulli von Olaf Scholz 🆕

Nachdem der Bundeskanzler zu Beginn des Monats im Mittelpunkt eines „Wo ist eigentlich Olaf Scholz?“-Memes stand, gelang Olaf Scholz mit einem grauen Schlapperpulli auf seiner Washington-Reise ein neues mediales Narrativ. Alle Medien (soziale wie terrestrische) waren voll von EinschĂ€tzungen ĂŒber die Strickware des Kanzlers, die die Fragen nach Politik (Corona, Russland, Ampel) ĂŒberdeckten. Der wie der Pulli aus Hamburg stammende stern fand heraus, dass „der Pulli mit dem Junkernamen „Jörg“, zurzeit fĂŒr rund 300 Euro im Sale zu erstehen“ sei: „Es ist genau das Modell, das vor wenigen Tagen am slimfitten Kanzlerkörper in der Luftwaffen-Boeing zu BerĂŒhmtheit gelangt ist.“ Fazit der stern-Pullover-Betrachtung: „Sollte Olaf Scholz den „Omen“-Pulli mit Bedacht gewĂ€hlt haben, um sich locker vor die mitreisende Presse zu stellen, wĂ€re es inhaltlich eigentlich eine Punktlandung gewesen. Vermutlich aber hat er nicht nachgedacht, sondern darĂŒber, was in den USA und nun in Russland politisch zu bewegen sein könnte. Denn worum es jetzt gehen muss, ist kein Look – sondern die Aussicht, Krieg zu verhindern.

Besondere ErwÀhnung

Februar ist ein schrecklicher Monat. Das hat jedenfalls Kevin Killeen, Reporter aus St Louis, herausgefunden – und ist damit zu einem wiederkehrenden viralen PhĂ€nomen geworden. Killeen ist deshalb Mittelpunkt eines lesenswertens PortrĂ€ts im Guardian geworden, das sich auch der Frage widmet, weshalb seine Februar-EinschĂ€tzung Jahr fĂŒr Jahr geteilt wird.

Mit genau einem Jahr VerspĂ€tung ist auch bei mir der Baked-Feta-Pasta-Trend bei mir angekommen. Das Ofen-Nudelgericht wird schon seit Jahren im Web gekocht, hat sich seit Februar 2021 aber zu einem erstaunlichen Netztrend in Tiktok und Instagram entwickelt. In der Washington Post gibt es die wichtigsten HintergrĂŒnde – und Zutaten. Da ich in der Foodblogging-Szene nicht so Zuhause bin, danke ich besonders fĂŒr den Tipp auf Uncle Roger, den ich diesen Monaten erhalten habe: Nigel Ng kombiniert Comedy und Kochen auf erstaunliche Weise.