Wordle, Birds Aren’t Real, The Photo, Captain-Pfeifen, Emotional Damage, Eltern vs Kinder (Netzkulturcharts Januar)

Die Netzkulturcharts sind ein v├Âllig subjektives Ranking netzkultureller Ph├Ąnomene, die ich auff├Ąllig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen k├Ânnen. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Ph├Ąnomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschl├Ąge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Wordle ­čćĽ

F├╝nf Buchstaben, sechs Versuche – das sind die Eckdaten f├╝r den Fr├╝hjahrs-Hype des Jahres 2022 im Netz: Wordle ist ein schlichtes Wortratespiel, dessen Ergebnis-Quadrate derzeit alle Timelines in gr├╝n, gelb und grau erstrahlen lassen (siehe Bild rechts). Wer einen richtigen Buchstaben err├Ąt, erh├Ąlt ein gelbes Feld, wenn dieser auch noch auf der richtigen Stelle steht, erstrahlt das Feld gr├╝n. Mit diesen Hinweisen muss t├Ąglich ein – und nur ein – Wort erraten werden. Im WDR hat Dennis Horn den Hype erkl├Ąrt und das deutschsprachige Angebote Wordle.at empfohlen. Das englischsprachige Original wurde im vergangenen Oktober von Josh Wardle gemeinsam mit seiner Freundin Palak Shah erfunden. In diesem Slate-Interview spricht er ├╝ber den erstaunlichen Erfolg des Spiels, der unter anderem mit der Verlinkung in einem New York Times-Newsletter und Neuseeland zu tun hatte. Die NYT wiederum widmete sich in einer eigenen Hymne dem Spiel, das vor allem deshalb so toll ist, weil es so schlicht und so wenig auf den Hype hin erstellt wurde. Deshalb muss man genau diesen genau jetzt loben!

Platz 2: Birds Aren’t Real ­čćĽ

Anfang Dezember machte die gro├če Internetkultur-├ťbersetzerin Taylor Lorenz den K├╝nstler und selbst-inszenierten Aktivisten Peter McIndoe auch au├čerhalb des Webs sehr bekannt: Lorenz stellte sein Projekt „Birds Aren’t Real“ in einem gro├čen Portr├Ąt vor – und damit in den Mittelpunkt zahlreicher Folge-Berichte. Kern von McIndoes Idee: Er imitiert die Erz├Ąhlmuster von Verschw├Ârungsmythen und behauptet, die V├Âgel am Himmel seien in Wahrheit staatliche ├ťberwachungsdrohnen. Als das Magazin Vice Anfang des Jahres „Die Wahrheit ├╝ber Birds Aren’t Real“ in einer Dokumentation zeigt, reagiert McIndoes mit einem faszinierende Videoclip, in dem er behauptet der „Deep State“ habe nun „die Medien“ aktiviert. F├╝r mich ist das ganze Projekt nicht nur ├Ąu├čerst erstaunlich, sondern auch die beste Medienkompetenz-Schulung seit langem. In jedem Fall wird es den Hype um Wordle ├╝berdauern – Platz 2 in den Charts mit deutlichem Dauerbrenner-Potenzial.

Platz 3: GPOY – THE Photo / DAS Foto ­čćĽ

Ist das dort rechts das Foto einer Bibliothek? Mit das Foto meine ich: die in Pixel gegossene perfekte Vorstellung einer Bibliothek – als solche beschreibt die New York Times das Foto, das Don Winslow Anfang des Jahres sehr zur Freude von Twitter postete. Es ist die perfekte Illustration f├╝r einen Trend, der Tiktok dieser Tage besch├Ąftigt – und der schon vor Jahren auf Tumblr als „gratuitous picture of yourself“ verhandelt wurde: Das GPOY ist „the photo you use for everything that doesnÔÇÖt just perfectly capture your essence, but also seems to emphasize your best qualities“. Im Falle der oben zitierten Bibliothek ist das perfekte Foto ├╝brigens eine reine Dokumentation, denn die Bibliothek existiert nicht mehr.

Platz 4: Captain-Pfeifen ­čćĽ

Zwei bew├Ąhrte und sch├Âne Trends kombiniert der „Captain“-Move, mit dem sich Tiktok-Nutzer:innen dieser Tage verschwinden lassen (ob er so hei├čt, ist noch nicht klar zu benennen). Nach dem alten Wenn-dann-Prinzip, das man von Reaction-Gifs kennt (letztere hat das Magazin Vice ├╝brigens gerade als „alt“ bezeichnet), nutzen sie den Sound einer Fl├Âte aus dem Song von Nutcase22, um ihr Verschwinden in bestimmten Situationen zu zeigen. Wenn das passiert – mit einer Fl├Âtenbewegung illustriertes Pfeifen – dann verschwinde ich (Schnitt auf das Setting ohne Hauptperson) – das l├Ąsst sich in unendlichen Kombinationen spielen, wie man im Harald-Lesch „Wunderbare Frage“-Trend gesehen hat.

Platz 5: Eltern-Kinder auf Tiktok ­čćĽ

Nahezu unbemerkt von den so genannte klassischen Medien findet gerade auf den so genannten sozialen Medien eine Art Wettstreit der Generationen statt: Alt vs. jung und jung vs. alt ist das immerw├Ąhrende Motiv in zahlreichen Clips, die die Eigenheiten der jeweils anderen Generation „auf Korn nehmen“. So jedenfalls w├╝rde es der Alman-Vater sagen, den der Radiomoderator Paulomuc beispielsweise immer wieder zur Auff├╝hrung bringt. Clms Brock hat seine Vater-Parodie jetzt sogar mit einem Merch-Pulli versehen.
Aber es geht nat├╝rlich auch umgekehrt: Nicole DeRoy, die sich selbst als Tiktok-Mom beschreibt, hat ihren 14-j├Ąhrigen Sohn 2021 so perfekt parodiert, dass ihr Clip nicht nur viral ging, sondern vom deutschen Tiktok-User Jucki Ha auch originalgetreu ins Deutsche ├╝bertragen wurde. Es ist also anzunehmen, dass hier noch jede Menge Generationen-Spa├č zu erwarten ist.

Besondere Erw├Ąhnung

Nur knapp am Einzug in die Top5 gescheitert, ist der „Emotional Damage“-Trend – was mir allerdings ├Ąu├čerst passend erscheint. Denn genau darum geht es ja bei dem wiederholten „Emotional Damage“-Ausruf des Comedian Steven He: um den Umgang mit niederschmetternden Begebenheiten ;-)

Nachzutragen aus dem Jahr 2021 ist noch der Erfolg von Achim Reichelts „Aloha Heja He“ im interaktions Web in China (Der Rolling Stone fasst zusammen). Au├čerdem empfehle ich die Vokabeln, die Johannes Kuhn im Internet-Observatiorium zusammenfasst.
Ebenfalls neu lernen musste und durfte ich den Begriff „Bootega Boots“, den Dardan & Nino in ihrem Song B I B O (Blood in Blood out) so ohrwurmtauglich rappen, dass Tiktok einen sch├Ânen Trend draus gemacht hat:

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr ├╝ber Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.