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Konflikte im Web

„Konflikte sind der Urstoff journalistischer Arbeit. Das Projekt hat uns überzeugt, weil es das Potenzial hat, eine neue Streitkultur zu entwickeln und so auch eine junge Zielgruppe anzusprechen“

Die Axel Springer AG entdeckt die Online-Debatte. Mit dem obigen Zitat begründet Marc Thomas Spahl, Direktor der Axel Springer Akademie, die Entscheidung, im Scoop-Ideenwettbewerbs dieses Jahr das „Debattenportal“ talk to the enemy zu fördern. Über dessen Idee heißt es in der Pressemitteilung:

Je fünf junge Protagonisten aus zwei verfeindeten Lagern werden von den beiden Reporterinnen als Videoblogger geschult, um ihre Lebenswelten und Perspektiven abzubilden. Neben zahlreichen Features des Web 2.0 wird authentisches, exklusives Filmmaterial im Zentrum der Website stehen, das journalistischen Vorgaben folgt. So werden Konflikte pointiert aufbereitet, argumentativ ausgetragen und von der Community diskutiert werden.

Was das „social“ in Social-Media bedeutet …

In den vergangenen Wochen bin ich an der einen oder anderen Stelle mit der Frage konfrontiert gewesen: Wie wäre es eigentlich, wenn man das Internet abschalten könnte? Man kann natürlich gegenfragen, wofür dieser Gedanke gut sein soll. Häufig läuft dieser Diskurs aber auf eine Frage zu, die mir unlängst auch auf einer Podiumsdiskussion gestellt wurde: Sind wir süchtig nach Internet-Kommunikation? Ich glaube, dass die Sehnsucht nach Offline eher der Tatsache entspringt, dass das Medium noch sehr jung ist (und deshalb der Umgang damit von einer gewissen Ablehnung geprägt ist) als dass man daran ein gesellschaftliches Suchtphänomen ablesen könnte.

Wie falsch der Begriff der Sucht ist, kann man in einer interessanten Studie nachlesen, die am Phillip Merrill College of Journalism an der University of Maryland durchgeführt wurde. Sie trägt den Titel: A Day Without Media (via) und kommt zu dem Ergebnis:

„Students hate going without media. In their world, going without media, means going without their friends and family.“

Das Zitat stammt aus einem Poynter-Bericht über die genannte Studie. Und es zeigt: Das, was als Sucht bezeichnet wird, beschreibt fehlende soziale Bindung. Und soziale Bindung wird heute zunehmend (auch) über Medien realisiert. Dass Menschen „süchtig“ sind nach Kontakten, halte ich für schlampig formuliert, aber für inhaltlich unproblematisch. Denn: Was wäre die Alternative?

Man kann aus dieser Beobachtung aber eine Menge für die Zukunft des Journalismus ableiten. Jedenfalls dann, wenn man die Ergebnisse der amerikanischen Forscher ernst nimmt. (Details zum Aufbau, Ablauf und zu den Ergebnissen der Studie kann man übrigens auf der Website nachlesen)

Erstaunlich finde ich den obigen Punkt, weil er Beleg für die These ist: Medien sind sozial – jedenfalls wenn man das Verständnis der Probanten anlegt („Students could live without their TVs and the newspaper, but they can’t survive without their iPods.“). Deren Mediennutzung ist eine, die auf Kommunikation (in Abgrenzung zu klassischer Publikation) angelegt ist, sie suchen den Dialog, wenn sie Medien nutzen. Insofern stimmt die Prognose

„The future of journalism will be social and mobile, whether you like it or not“

Der Grund dafür liegt in dem, was man Social Media nennt. Es bezieht sich auf die unumkehrbare Entwicklung hin zum aktiven Rezipienten. Für die tägliche Arbeit eines Journalisten halte ich es jedoch für zielführend, den Aspekt des soziales Wissens zu ergänzen – den man ebenfalls aus der Studie ableiten kann. Er bezieht sich auf den Wert von Nachrichten. Wenn die Studie zu dem Schluss kommt, die Studierenden …

„don’t make fine distinctions between news and more personal information.“

… liest sich dies wie der Gegenentwurf zur ZDF-Kampagne, mit der vor einem Jahr das neue Nachrichtenstudie beworben wurde. Damals hieß es:

“Neuigkeiten gibt es beim Friseur, Nachrichten beim ZDF.”

Man versteht die Hintergründe für diese Kampagne und sie sind aus der öffentlich-rechtlichen Perspektive sicher auch alle richtig. Wenn man die Kampagne jedoch vor dem Hintergrund von social Media liest, stellt sie sich ganz anders dar. Denn die strikte Trennung von harten Nachrichten und weichen Neuigkeiten war schon immer eine künstliche. Das obige Bild zeigt: Die Nachrichten (Zeitung) kamen schon immer über den gleichen Weg wie die Neuigkeiten (Briefe, Postkarten etc.) zu den Menschen. Das, was früher der Briefkasten war, ist heute das Internet. In den Timelines von Twitter und Facebook verbinden sich klassischen Nachrichten mit den Neuigkeiten von Freunden – und diese wiederum verweisen sogar auf Nachrichten.

Wer Social Media ernst nimmt, muss diese Vermischung akzeptieren und die richtigen Schlüsse für die klassischen Medienanbieter daraus ziehen (und das kann meiner Meinung nach nicht das Verdammen des „Geschwätzs“ sein). Zunächst mal gilt dies: Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel verlieren Journalisten ihren Exklusivitätsanspruch. Amateure drängen in die Branche. Doch das muss nicht zum Ende der Profession führen (wie das Beispiel des Bäcker-Handwerks zeigt). Es verändert mindestens das Umfeld, in dem Nachrichten heute wahrgenommen werden. Darauf müssen Journalisten reagieren. Zum einen zeigt sich dies in der Forderung von Peter Horrocks (die auch Wolfgang Blau in seinem Beitrag zur SZ-Serie Wozu noch Journalimus? zitiert), der in Bezug auf Social Media seine BBC-Mitarbeiter dazu ermutigt mitzumachen:

I’m afraid you’re not doing your job if you can’t do those things.

Zum anderen wird sich dies aber auch in der Art und Weise zeigen, wie wir Nachrichten aufbereiten. Welche Rolle spielen dabei unsere Leser als Multiplikatoren? Und als Inhalte-Produzenten? Welchen Grad an Transparenz lassen wir zu? Wie reagieren wir auf die Möglichkeiten und Herausforderungen des Dialogs? Wie wird unser Medium tatsächlich sozial?

Bei der Beantwortung dieser Fragen stehen wir – so ist mein Eindruck – noch ganz am Anfang. Und das, obwohl ständig und überall von Social Media die Rede ist …

Was macht ein Community-Manager?

Community Management ist die Bezeichnung für alle Methoden und Tätigkeiten rund um Konzeption, Aufbau, Leitung, Betrieb, Betreuung und Optimierung von virtuellen Gemeinschaften sowie deren Entsprechung außerhalb des virtuellen Raumes. Unterschieden wird dabei zwischen operativen, den direkten Kontakt mit den Mitgliedern betreffenden, und strategischen, den übergeordneten Rahmen betreffenden, Aufgaben und Fragestellungen.

Der Bundesverband Community Management hat eine Definition vorgelegt zur Frage: Was macht ein Community-Manager?

via

In Kategorie: Netz

What’s Killing the New York Times?

In retrospect, it’s apparent that the commercial liability of newspapers and national magazines was the same as their cultural strength: they addressed issues of general interest in an all-purpose public sphere. But to advertisers this civics-class “everybody” was a consumer “nobody”: it meant the press didn’t know who its audience was, or what they could afford. To pack a reporter off to Congo or Pakistan was to spend a lot of money catering to a phantom demographic. When this was the best that advertisers could do, it’s what they did: if Macy’s was holding a sale, it advertised it in the front section of the paper between news of the defense of Kinshasa and the latest scandal in Congress, figuring that “everybody” saw it, one way or another.

Das nplusonemag befasst sich mit der Frage What’s Killing the New York Times? und beschreibt das Digitale Dilemma, vor dem Zeitungen und Magazine stehen, beschreibt die Werbe-Problematik, das Thema Paid Content und kommt zu dem Schluss:

Newspapers and magazines (including the Times) say they’re going to start charging for online content, but the most likely way they’ll survive is by capitalizing on their tony readership.

via

In eigener Sache: Unterwegs

Am morgigen Samstag werde ich – im Rahmen des Kirchentags – an einer Veranstaltung unter dem Titel Gemeinschaft mit und ohne Körper: Communio und Community (Programm-PDF) in der Allerheiligen Hofkirche teilnehmen. Mehr zu der Veranstaltung gibt es im Blog der urbanauten, denn Urbanaut Benjamin David wird ebenfalls mit diskutieren.

Außerdem werde ich am kommenden Mittwoch in der UniLounge der LMU sein, um dort die Lesung des wunderbaren Nicol Ljubić zu moderieren, der aus seinem gerade erschienenen Buch Meeresstille lesen wird.

Wozu noch Journalismus?

Denn mit der Lektüre einer Publikation entscheidet man ja über weit mehr als nur über den Inhalt. Leser eines Magazins teilen gleiche Interessen, ähnliche Sorgen und meist sogar eine vergleichbare Geisteshaltung. Wie ausgeprägt diese ist, stellt man fest, wenn man in der U-Bahn die Wahl hat, neben jemandem Platz zu nehmen, der in einem Sexheft blättert oder neben jemandem, der die eigene Lieblingszeitung liest. Dieses unausgesprochene Band besteht natürlich nicht nur zwischen den Lesern, es verbindet auch Leser und Journalisten – ob sie wollen oder nicht. Es ist das Bindemittel, das aus den verlässlichen, glaubwürdigen und hochwertigen Inhalten ein erfolgreiches Produkt macht. Darüber hinaus ist diese Verbindung ein Ansatzpunkt für die Frage, wie Verlage im Netz neue Erlösquellen erschließen können. Denn diese besondere Verbindung – manche sprechen von Community – ist vor allem nicht kopierbar.

Ich durfte im Rahmen der Serie Wozu noch Journalismus? auch eine Antwort schreiben. Sie trägt den Titel „Trend zur Brotbackmaschine“ und befasst sich mit dem Phänomen aktiver Rezipient und der Zeitung als Community.

Inflation der Meinungen

… wie sehr die Inflation der Meinungen deren Bedeutung relativiert: dass eben dort, wo die Produktionskosten für Veröffentlichungen sinken, auch zwangsläufig der Wert abnimmt. Endlich darf jeder mal sagen, was alle anderen auch sagen. Dabei ist völlig unerheblich, ob die Beiträge der Amateure im Einzelnen qualitativ so hochwertig sind wie jene, die noch von professionellen Autoren unter den Bedingungen einer klassischen Medienökonomie geschaffen werden. Es handelt sich gewissermaßen um eine völlig andere Art von Text.

Während ich gestern die strategischen Ausführungen von Martin Nisenholtz von der New York Times las, erschien in der FAS ein Text, der sich mit dem Wert von Leserkommentaren im Internet befasste (Untertitel: „Millionen Meinungen ergießen sich täglich ins Internet. Aber was sind das eigentlich für Texte? Und wie ernst muss man sie nehmen?“). Darin wird die obige These aufgestellt: dass nämlich der Wert der veröffentlichten Meinung allein deshalb abnimmt, weil jeder veröffentlichen kann. Ist das so? Gelten für Meinungen die gleichen Marktmechanismen wie für beispielsweise Finanzen? Oder ist die Äußerung von Amateuren nicht vielmehr Bestandteil des Systems, das man Demokratie nennt? Anders formuliert: Sinkt tatsächlich der Wert eines Wiener Schnitzels, nur weil es nicht mehr im Restaurant, sondern auch von Amateuren in der heimischen Küche zubereitet werden kann?

Ich weiß es nicht, aber vor dem Hintergrund des aktiven Rezipienten, finde ich die unterschiedlichen Ansätze der Beantwortung dieser Frage durchaus spannend.

Zeitungen und ihre Leser – das Beispiel NYT

We have an opportunity to redefine the essential relationship that we have with our users—and change the contract we have with them—from one that is loose, free and casual, to one of real emotional commitment. Engagement.

This will require a different approach to the evolving ecology of the web. It’s exciting because it opens us up to so much more. For that to happen, we, as publishers, have to open ourselves, in many ways.

Unter dem Titel The Importance Of Engagement wird auf paidcontent.org die Rede von Martin Nisenholtz (SVP for digital operations at The New York Times) dokumentiert, die dieser an der Wharton School of Business’ zum Thema “Future of Publishing” gehalten hat. Er schließt mit den oben zitierten Worten, die zwei hier beschriebene Entwicklungen zusammenfassen: Die des aktiven Rezipienten und jene der Leserschaft als Community.

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FAZ über Nido

Hätten Spielplätze im Frankfurter Holzhausenviertel oder in Prenzlauer Berg – wo die „Nido“- Leserschaft wohnt – Türsteher, dann kämen derart gewandete Kinder da nicht rein. Gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal: Man wolle sich um die „vielfältigen Interessen moderner Eltern“ kümmern, und zwar solcher, die „vielleicht nicht jede Nacht durchschlafen, aber noch Träume haben“.

In der FAZ schreibt Sandra Kegel unter dem Titel Ihr seid ganz schön gaga über Nido. Dummerweise scheint sie für ihre Thesen im Heft keine Belege zu finden, deshalb muss sich ein „gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal“ einschieben.

Statt einer wirklichen Analyse des sich ändernden Elternbildes wenigstens zu versuchen, arbeitet der Text sich an den unterschwelligen Vorstellungen der Autorin ab, die mit der angenommenen Welt der ebenfalls imaginierten Nido-Leser nicht zusammen gehen wollen.

… deshalb gibt es als Literaturtipp auch nicht Anna Katharina Hahns lesenswerte Elterngroteske „Kürzere Tage“, sondern Hanna Lemkes Erzählband „Gesichertes“.

Skandal!

Interessant an dieser Beschreibung des neuen Elternmagazins ist zweierlei: Zum einen der Ansatzpunkt der Kritik (und die damit indirekt geäußerte eigene Warnehmung von richtiger Elternschaft) und zum zweiten das erkennbare Problem mit dem Konzept „Magazin“. Beispielhaft ist dies in dem folgenden Zitat zu fassen (das große I in „Ihre“ ist wie das große S in „Sie“ ein vermutlich bezeichnender FAZ-Tippfehler):

„Lebensgefühl-Journalismus“ nennen Ebert und Klotzek das Konzept, das sie bei „Neon“ erfolgreich umsetzen. Hier verlieren Sie Ihre panische Angst davor, zu verspießern und die hippen Freunde aus den Lofts zu verlieren. Denn, so lesen wir in „Nido“: Guter Sex geht auch, wenn man Kinder hat, und Achtung: Wenn man der Politik nur ein bisschen Beine macht, dann klappt’s auch mit dem Krippenplatz.

Bereits zur ersten Testnummer von Nido hatte der FAS-Autor Harald Staun über das neue Heft geschrieben. Die Geschichte trug den Untertitel: „Das Magazin „Nido“ will junge Eltern ernst nehmen – und macht alles noch schlimmer“. Der Text ist online nicht verfügbar. Staun hatte sich damals ebenfalls am Konzept des „Lebensgefühl-Journalismus“ abgearbeitet und war auf den – in seiner Plattheit selten erreichten – Schluß gekommen:

Mit kaum einer Lektüre jedenfalls ließe sich seine eigene Spießigkeit besser beweisen als mit der von „Nido“.

Mal angenommen diese Beobachtungen würden stimmen: Warum nutzen Kegel und Staun ihre Erkenntnis nicht zur Basis einer Analyse? Der Frage könnte man doch nachgehen: Was für eine Elternschaft muss das sein, für die solche Magazine gemacht werden? Und damit meine ich nicht den implizierten Spießigkeits-Vorwurf oder die Einschätzung, wann Sex gut ist, sondern die Frage: Warum gibt es Menschen, die sich eine derartige (für FAZ-Autoren offenbar unvorstellbare) Elternschaft zumindest zeigen lassen wollen? In welchen Kontexten leben die, mit welchen veränderten Ansprüchen und Zielen sind sie ausgestattet? Für all das liefert Nido eine herausragende Vorlage zur Medienkritik. Dass dies nicht genutzt wird, sondern stattdessen ein besserer Buchtipp empfohlen und Spießigkeit kritisiert wird, lässt ahnen: Das Konzept eines auf eine durch ein Lebensgefühl verbundende Magazin-Leserschaft bleibt unverstanden. Dabei würde genau darin eine Menge dessen stecken, was Publikation auch im Netz erfolgreich macht (siehe dazu den Eintrag Erfolgreiche Zeitungen verkaufen nicht nur Nachrichten).