Dein Fake-Feed, Brooklyn-Coffee, LinkedIn, Generationen und immer noch 6’7 (Netzkulturcharts Mai 2026)

Was beschäftigt Menschen im Hochformat im Mai 2026? Die Netzkulturcharts suchen eine Antwort in den Memes und Trends, die mir in diesem Monat augefallen sind.

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Platz 1: Dein Fake-Feed

Die Netzkultur wurde – auf der Meta-Ebene – im Mai von diesem Text aus Vulture dominiert, der die These aufstellt, dein Feed sei manipuliert. Die Behauptung basiert allerdings weniger auf der Macht der Plattformen, die Einfluss auf das nehmen, was uns ausgespielt wird. Sondern vor allem darauf, dass externe durch Fake-Accounts den Feed manipulieren könnten. Ich halte beides – wie gesagt – für so wichtig, dass ich es deutlich uf Platz 1 der Netzkulturcharts setzen will. Denn: „Zwielichtige Marketingpraktiken und Propaganda sind natürlich nichts Neues, neu ist jedoch, dass die gesamte Infrastruktur der öffentlichen Debatte still und leise von beiden vereinnahmt wurde. In den sozialen Medien wird die öffentliche Meinung gleichzeitig geformt, gemessen und manipuliert, und jedes Signal, das die Plattformen erzeugen – ein Trend-Song, eine Gegenreaktion, ein Gesprächsthema, das Gefühl, dass „alle“ plötzlich über dasselbe reden – kann nun von unsichtbaren Akteuren mit versteckten Absichten inszeniert werden.

Platz 2: Brooklyn Coffee Shop

Eine der Besonderheiten bei der Verleihung des Webby-Awards, die mir als Aufmerksamkeits-Fan gefällt, ist jene: die Dankesrede darf nur fünf Worte umfassen. Als xxx und xxx in diesem Monat die Auszeichnung für ihre Social-Media-Serie „Brooklyn Coffee Shop“ entgegen nahmen, sagten sie also: „We don’t Even Drink coffee“. Dabei blickten sie auf diese typische Art und Weise an der Kamera vorbei, die sie auf ihrem erfundenen Social-Media-Account für einen klischeehaften Coffeeshop in New York webbekannt gemacht hatte.

Autorin und Schauspielerin Pooja Tripathi spielt Thyme, die „stets unbeeindruckte, aggressiv systemkritische, mit den Augen rollende Barista“ in einem erfundenen Coffeeshop in Brooklyn. So beschrieb Vogue die Serie, in der Darryl Gene Daughtry Jr den Kollegen Kale spielt. Bei empfangen in ihrem Laden unterschiedliche Gäste. In diesem Monat unbedingt den Cameo-Auftritt von Laura Ramosa anschauen, die die beiden Barista aus Brooklyn tatsächlich mal beeindruckt: weil sie aus Berlin kommt.

Platz 3: Generationen-Marketing

Ein zentraler Treiber für Social-Media-Erfolg ist Gruppenzugehörigkeit – und Abgrenzung von anderen. Es gibt kaum etwas, das dafür so gut geeignet ist wie das eigene Alter: Die Zuschreibung von Generationen-Identitäten funktioniert als zuverlässiger Abgrenzungs-Mechanismus – das wissen Marketing-Verantwortliche nicht erst seit OK Boomer.

Beim GenZ vs Millenial-Marketing-Post steht genau diese Differenz im Mittelpunkt. Zu sehen sind Marketing-Posts in einem Karussell-Beitrag in Instagram, die jeweils von Millenials und GenZ-Vertreter:innen geschrieben wurden. Hier ein Beispiel von der Marketing-Abteilung der Insel Usedom.

Platz 4: LinkedIn

Das Berufsnetzwerk LinkedIn taucht nur selten in den Netzkulturcharts auf – meist als ironische Persiflage einer bestimmten selbstbewerbenden Sprache, über die sich die anderen Netznutzer:innen lustig machen. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Platzierung nicht ganz ernst gemeint ist: Es geht nämlich um bekannte Stars, die das Berufsnetzwerk in ihre Marketing-Kampagne einspannen.

Das ist im Kern durchaus vergleichbar mit den Posts, die ein gewöhnlicher Büroarbeiter veröffentlicht – allerdings hat Jennifer Lopez halt keine Büro-Job. Mehr dazu in diesem kurzen Insta-Clip.

Platz 5: Weiterhin 6’7

Der Papst hat in diesem Monat in Genua vor jungen Menschen seine beiden Hände abwechselnd hoch und runter bewegt. Die amtliche 6’7-Geste wurde gefilmt und anschließend von der BBC wie ein kirchlicher Segen in der Netzgemeinde verbreitet.

Unterdessen verbreitete sich im deutschsprachigen Raum die Behauptung, die 6’7-Geste könne als Gebärde gelesen werden – für das Wort „Hoden“. Dabei sind die beiden Gesten durchaus unterschiedlich, wie der Funk-Account offenundehrlich durch Nachfragen bei einer Frau recherchiert hat, die tatsächlich Gebärdensprache spricht.

Der Hype um den vermeintlichen Übersetzungsfehler zeigt jedoch: 6’7 und die zugehörige Geste sind auch gefühlte Netzkulturjahrzehnte nach ihrem ersten Auftreten noch immer von Interesse.


Besondere Erwähnung

Heval ist der Strohhut-Rapper aus Gelsenkirchen. Er ist angeblich 15 Jahre alt und ein Star auf Tiktok/Insta.

Die Kommentierung eines Kinderschaukel-Vorgangs wurde in diesem Monat zu einem viralen Sound: „Nicht schnell Dominika, Richard steht hoch“ wurde von zahlreichen Accounts aufgegriffen – und ist hiermit zumindest erwähnt.

Und dass zumindest in Österreich zahlreiche Accounts den ESC-Song „Tanzschein“ mit Adaptionen referenzierten (Fahrschein etc.) sollte auch nicht unter den Tisch fallen.


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