So lange wir von Diebstahl sprechen …

Kurzer Nachtrag zur Diebstahl-Debatte der vergangenen Tage. Sascha Lobo hatte in einem Text von The Pirate Bay als „Contentdiebstahlhilfe“ geschrieben. Irritierender Weise wie ich finde. Marcel Weiss weist jetzt darauf hin, dass er auch in seinen Kommentaren auf diese begriffliche Ungenauigkeit reagiert.

Die Volljährigen, die in schöner Newspeak-Tradition nicht wollen, dass die illegale Nutzung fremder Leute Inhalte “Diebstahl” heisst, müssen sich noch etwas gedulden: ich schreibe demnächst einen Artikel, weshalb ich die Musikindustrie (in großen Teilen) ebenso bescheuert finde wie die egoistischen illegalen Downloader.

Das finde ich deshalb bemerkens- und notierenswert, weil in der Reaktion ein erstaunliches Muster offenkundig wird, das mir häufig bei vergleichbaren Diskussionen begegnet: Erstens wird unterstellt, mit dem Hinweis darauf, dass Diebstahl der falsche Begriff ist, wolle man die vergütungsfreie Nutzung rechtfertigen. Das ist nicht der Fall. Ich halte die vergütungsfreie Nutzung aus unterschiedlichen Gründen für ungut. Ich glaube aber, dass man ihr nur konstruktiv begegnen wird, wenn man Begriffe findet, die sie angemessen zu beschreiben. Dass Diebstahl dafür nicht geeignet ist, wurde bereits an unterschiedlichen Stellen dargelegt.

Zweitens wird quasi im gleichen Atemzug die Musikindustrie als Feind (hier in der Ausprägung „bescheuert“) benannt. Ich finde die Musikindustrie nicht bescheuert. Sie ist auch nicht mein Feind (so lange sie mich nicht in meinen Grundrechten beschneiden möchte). Was ich aber merkwürdig finde, ist die Unfähigkeit, die Veränderungen der Digitalisierung zu akzeptieren – und stattdessen in ein ebenso wenig konstruktives Freund-Feind-Denken zu verfallen.

Ein dritter Teil des Musters ist in den Kommentaren unter Marcel Weiss‘ Text nachzulesen. Dort wird das Eintreten für begriffliche Genauigkeit als Wortspalterei abgetan, die nichts daran ändert,

dass die Person, die am Ende des Fließbands sitzt, um ihren verdienten Lohn gebracht wird.

Dabei handelt es sich um eine Abwandlung der ersten Unterstellung. Allerdings mit dem interessanten Dreh, denjenigen, die für begriffliche Genauigkeit eintreten quasi indirekt eine Mitschuld daran zu geben, dass „verdienter Lohn“ nicht gezahlt wird.

Ich glaube, dass die aktuelle Debatte nicht wirklich zu einem Ziel führt. Man wird sie auch nicht fortführen müssen. Man kann aber ein interessantes Muster daran ablesen. Deshalb habe ich es hier notiert. (Erstaunlich ist übrigens, dass sich die Debatte ausgerechnet an einem Artikel über Flattr entzündete, einem Dienst, der zumindest den Versuch unternimmt, ein dem digitalen Raum angepasstes Modell zu entwickeln. Dazu empfiehlt sich übrigens die Lektüre von Ronnie Grobs Entgegnung Mein Hut, der hat drei Cents)

Zum Abschluss noch die inhaltliche Einordnung der Diebstahl-Frage: Eben weil ich die vergütungsfreie Nutzung von Inhalten im Netz nicht gut finde, lehne ich die Rede vom Diebstahl ab. Eben weil ich will, dass die Person am Ende des Fließbands ihren verdienten Lohn erhält, halte ich es für notwendig, die Realität im digitalen Raum angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Denn das dringend erforderlich Ziel muss es sein, neue Modelle zu entwickeln und das Urheberrecht nutzerfreundlicher zu gestalten. So lange wir von Diebstahl sprechen, werden wir die Folgen der Digitalisierung nicht verstehen, geschweige denn gestalten können.

Update 8. Juli 15 Uhr: Sascha hat jetzt seinerseits wieder einen Text zum Thema verfasst, den ich direkt dort kommentiert habe.

Update: 8. Juli 18 Uhr: Marcel hat nach Äußerungen in den Kommentaren auf neunetz.com eine lesenswerte Replik geschrieben.

Update: 9. Juli 10.30 Uhr: Meine Antwort zur moralischen Frage