Alle Artikel mit dem Schlagwort “krise

Sascha Lobo über Verflüssigung

Die Digitalisierung und die darauf folgende Vernetzung können als Folge des Wunsches nach Verflüssigung betrachtet werden, der Mensch mache sich die Erde zum Prozess.

In seiner aktuellen Kolumne bei Spiegel Online schreibt Sascha Lobo über die vermeintliche Krise der Tageszeitung – und bringt diese mit der These der Verflüssigung zusammen (die mir aus zahlreichen Gründe sehr nahe ist). Er schreibt:

Vielleicht steht nicht das bedruckte Papier, sondern die statische Berichterstattung und der abgeschlossene Nachrichtenartikel ohne jede Prozessualisierung im Zentrum der Krise. (…)
Die scheinbare Zeitungskrise als Nachrichtenkrise, aus der Perspektive der Prozessualisierung zu betrachten – als Ende der statischen, rein faktenorientierten Berichterstattung in Artikelform – führt zugegeben nicht zu vollkommen neuartigen Analysen der Problematik. Es führt aber zu deutlich erweiterten Konsequenzen.

Das sehe ich genauso

Unter Druck

Beim Kölner “Abendblatt” wurde der junge Unternehmensberater Carsten Moll ermordet. Jemand hat ihn in dem Verlagshochhaus über eine Brüstung in den Abgrund gestürzt. Nur wenige Stunden zuvor hatte das Opfer noch eine Auseinandersetzung mit dem Leiter der Verlagsdruckerei Manfred Peters. Der gibt offen zu, Moll aus der Werkshalle geworfen zu haben, weil dessen Kontrollen für Unruhe unter der Belegschaft gesorgt hätten.

Unter Druck heißt die Tatort-Folge aus Köln, die am 9. Januar gesendet wird und von den Umwälzungen in der Zeitungsbranche handelt.

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Experimente des Schenkens

„Wir reden von Medienkrise, und in Wahrheit erreichen alle Traditionstitel von ,Bild’ über ,Spiegel’ bis zum ,Handelsblatt’ doppelt so viele Menschen wie vor Einführung des Internets.“

Der Satz stammt von Gabor Steingart, dem Chef des Handelsblatt. Er plädiert dafür, die Chance des Netzes in den Vordergrund zu stellen, nicht die Risiken. Vor ein paar Monaten hatte Herr Steingart in einem Interview noch die Kostenlos-Kultur des Netzes kritsiert und gemahnt, Inhalte zu nicht zu verschenken.

Im Sommer hatte ich bereits hier notiert, dass ich das Bild des Verschenkens für falsch halte. Denn es ist ein Spezifikum des digitalen Raums, dass Inhalte hier zwar ohne Bezahlung zugänglich gemacht, aber deshalb trotzdem nicht verschenkt werden. Sie werden über Anzeigen finanziert – vielleicht nicht in dem Maße, das sich manch einer wünscht, aber auch nicht so beiläufig, dass man es nicht sehen könnte. In diesen Tagen feiert das Anzeigenmodell Google Adwords zehnten Geburtstag. Diese Idee der Online-Werbung ist nicht gerade unerfolgreich, sie basiert auf dem Prinzip des Verschenkens. Bezahlt wird hier mit Aufmerksamkeit.

Es mag wie eine Detailfrage klingen, ich glaube aber, dass wir so lange Probleme damit haben werden, die Besonderheiten des digitalen Raums zu verstehen und anschließend auch zu gestalten, wie es uns nicht gelingt, diese sprachlich zu fassen. So lange wir das Verschenken kritisieren, werden wir enorme Schwierigkeiten haben, Modelle im Netz zu finden, die helfen, einen hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Und die Verschenk-Annahme ist so tief verwurzelt, dass sie selbst ausgewiesene Experten wie unlängst Stephan Weichert und heute auch Christian Jakubetz verwenden. Er schreibt mit Blick auf Murdochs Paywall:

Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

Ich glaube das Problem stellt sich anders da, wenn man nicht vom Verschenken spricht und auch die möglichen Lösungen sehen dann anders aus. Gleiches gilt übrigens für das (von Christian ebenfalls angesprochene) Problem des Überangebots an Informationen. Was wäre, wenn das so gar nicht stimmt? Vielleicht hat ja Michael O’Malley recht, der in seinem lesenswerten Text Attention and Information sagt:

Peo­ple often argue that we have too much infor­ma­tion and too lit­tle atten­tion; that this is a con­di­tion of being “mod­ern.” But the oppo­site may be true: that atten­tion is a human con­stant and that it con­stantly seeks new forms.

Ich glaube, dass wir um den digitalen Raum zu verstehen, auch unsere Sprache und Bilder überprüfen müssen. Wir dürfen – wie das Beispiel des Diebstahl-Dilemmas zeigt – nicht den naheliegenden Metaphern vertrauen, wir müssen akzeptieren, dass in einem Raum, in dem die Kosten für den Vertrieb auf Frost-Temperatur fallen andere Bedingungen herrschen als in einem, in dem diese Kosten sommerliche Grad-Zahlen erreichen. Peter Glaser hat seinen großartigen Text Der ganze Planet eine Technosphäre in LeMonde diplomatique unlängst mit der Feststellung begonnen:

Wer online ist, nimmt teil an dem größten kulturellen, ökonomischen und sozialen Experiment des 21. Jahrhunderts.

Ich glaube, dass diese Diagnose stimmt – sogar für diejenigen, die nicht online sind (bzw. glauben, dass sie das nicht sind) Dieses Experiment stellt viele gelernte Dinge in Frage, es fordert uns heraus und neue Ideen. Diese werden wir nur formulieren können, wenn wir die Sprache dafür finden. Das klingt so banal, dass man “geschenkt” sagen möchte. Ist es aber nicht.

Oberflächliche Herzlichkeit

Ich habe eine Menge Versammlungen miterlebt, auf denen zwar nicht der große Knall angekündigt wurde, aber Schritte in diese Richtung. Sowohl bei AP als auch bei der International Herald Tribune gab es regelmäßig Zusammenkünfte, die von einer speziellen Spannung geprägt waren: auf der einen Seite die feindselig gestimmten Journalisten, auf der anderen die oberflächliche Herzlichkeit der Manager. Sie versuchten so zu agieren, als hätten sie durchweg gute Neuigkeiten zu verkünden, obwohl jeder wusste, dass es schlechte waren. Ich habe erlebt, wie wütend Redakteure über diese für die Belegschaft sehr negativen Mitteilungen waren – nicht so wütend, dass sie ein Tier umbringen würden. Aber es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie einen weiteren Schritt gehen würden, wenn sie in ihrer Existenz bedroht werden.

Tom Rachman spricht im Interview auf journalist.de über sein Buch Die Unperfekten und den Stand des internationalen Journalismus.

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Es ist nicht aller Tage Abendzeitung

Überhaupt sind Wut oder Hass nicht die vorherrschenden Gefühle. Eher Traurigkeit und Desillusion. Die Leute hängen richtig an dieser Zeitung. Und auf die Frage nach dem Schuldigen gibt es leider keine einfache Antwort.

Unter dem Titel Espresso und Schweinsbraten befasst sich die taz mit der Krise bei der Münchner Abendzeitung. Ein lesenswerter Bericht – allerdings nur teilweise wegen des Inhalts. Gerade die Form und die Sprache des Textes zeigen, wo die Zeitunslandschaft gelandet ist: Wer hätte gedacht, in der taz mal einen Text zu lesen, in dem unreflektiert und undistanziert mit Floskeln der Ratlosigkeit wie “Turnaround”, “Masterplan” und “Synergien” hantiert wird? Dabei fällt das Hauptproblem der Abendzeitung leider unter den Tisch: dass nämlich die bestehende Leserschaft und die gewünschte Leserschaft soweit von einander entfernt sind.

Die Leser der AZ sind auch Golden Agers. Grade hat man eine Leserbefragung gemacht. Ein Ergebnis: Service! Krankheiten, Kalorien, Geld-Service ist der Graeter des 21. Jahrhunderts. Womöglich.

Doch der Begriff “Service” ist solange nutzlos, wie er nicht aus der Perspektive des Leser gedacht wird. Und der Bestandskunde lebt nunmal in einer anderen Welt als der gewünsche Leser einer “Metropolenzeitung”. Auf diese Segmentierung des Publikums geht der Text leider nicht ein. Stattdessen wird einmal mehr die Kir-Royal-verbrämte Vergangenheit bemüht. Dass dieses wundervollen Damals aber vor allem deshalb wundervoll war, weil es noch Prominenz gab, für die sich “alle” interessierten, wird nur indirekt angedeutet:

Graeter hat just wieder einen Coup gelandet. Er vermeldete exklusiv die Trennung von Janine und Jack White. AZ-Zeile: “Jack White allein zu Haus”. Bild musste nachziehen, die anderen auch. Das ist gut. Das Problem ist: Wer kennt Jack White?

Der lange und wie gesagt lesenswerte Text zitiert eine verlegerische Vorgabe für erfolgreiche Zeitungen, die da lautet:

am Eingang zur Redaktion hängt ein Editorial von Anneliese Friedmann zum 60. Geburtstag der AZ vor anderthalb Jahren. Darin definiert sie, wie eine Zeitung im “Zeitalter der elektronischen Medien” weiterhin erfolgreich sein könne. Wenn sie gebraucht würde, wenn sie den Lesern “Leitplanke” und Interessenverteidiger sei und ihnen das Gefühl gäbe: “Hier bin ich daheim.”

Dieses Gefühl von Heimat abzubilden ist – unabhängig vom Fall der Abendzeitung – die große Herausforderung für Medien. Denn diese Heimat ist zwar räumlich abbildbar, sie verschiebt sich aber in Gedanken, Ansichten und Wertvorstellungen. Wenn es gelingt, diese zu bündeln, kann es gelingen, Leser zu binden und neue zu gewinnen. Dass die Abendzeitung das offenbar nicht ganz so katastrophal macht, zeigt eine kleine Info am Fuß des Textes: Die Auflage ist im ersten Quartal 2010 gestiegen (auch dank “sonstiger Verkäufe”).

What’s Killing the New York Times?

In retrospect, it’s apparent that the commercial liability of newspapers and national magazines was the same as their cultural strength: they addressed issues of general interest in an all-purpose public sphere. But to advertisers this civics-class “everybody” was a consumer “nobody”: it meant the press didn’t know who its audience was, or what they could afford. To pack a reporter off to Congo or Pakistan was to spend a lot of money catering to a phantom demographic. When this was the best that advertisers could do, it’s what they did: if Macy’s was holding a sale, it advertised it in the front section of the paper between news of the defense of Kinshasa and the latest scandal in Congress, figuring that “everybody” saw it, one way or another.

Das nplusonemag befasst sich mit der Frage What’s Killing the New York Times? und beschreibt das Digitale Dilemma, vor dem Zeitungen und Magazine stehen, beschreibt die Werbe-Problematik, das Thema Paid Content und kommt zu dem Schluss:

Newspapers and magazines (including the Times) say they’re going to start charging for online content, but the most likely way they’ll survive is by capitalizing on their tony readership.

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Über Fußball

In den vergangenen Tagen ging es hier (und vor allem in meinem Twitter-Account) erstaunlich häufig um Fußball. Der Hintegrund ist das für den VfL Bochum dramatische Saisonfinale, das in einem Abstiegsendspiel am Samstag gegen Hannover (und dann hoffentlich mit dem Klassenerhalt) endet. Warum ich mich für den VfL Bochum interessiere? Weil es der beste Verein ist, der in Deutschland Fußball spielt! Nein, Bochum ist nicht das deutsche Barcelona, ich behaupte nicht, dass man an der Castropper Straße den besten Fußball spielt. Ich behaupte, dass der VfL der beste Verein ist. Warum das so ist? Christoph Biermann hat dies vor acht Jahr so wunderbar auf den Punkt gebracht, dass seine damalige taz-Kolumne zu einer Art Gebotstafel für VfL-Fans wurde. Er schrieb:

Die Welt des VfL Bochum ist ewiger Abstiegskampf, Fahrstuhlfahrten zwischen den Ligen, Schmerz, Trauer – und immer wieder Hoffnung. Ein zähes „Ihr da oben, wir hier unten” ordnet die Welt seit Anbeginn.

Doch:

Sieger waren mir aber immer schon langweiliger als jene, die interessant zu scheitern wissen. Deshalb fand ich es auch besonders cool, Anhänger des VfL Bochum zu sein, weil es im Grunde haltlos uncool ist.

Jetzt gibt es wenig, was sich so konsequent den Kategorien von cool und uncool entzieht wie das Fansein beim VfL Bochum. Und dennoch steckt in diesem Satz viel Wahrheit über Fußball. Ähnliche Ansichten finden sich übrigens auch in dem tollen (und leider nicht mehr lieferbaren) Buch Eine Saison mit Verona, für das Tim Parks eine Spielzeit lang mit Hellas Verona durch die italienische Serie A gereist ist.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich glaube, dass irgendein zeitreicher Berliner Autor, Schriftsteller oder Literat (bzw. noch besser: Autorin, Schriftstellerin oder Literatin) genau das tun sollte: In der kommenden Saison mit Hertha BSC durch die zweite deutsche Liga reisen. Zwar wird es darin kein Kapitel über Bochum geben, aber das Buch wird sich sicher super verkaufen zum Wiederaufstieg der Hertha – im Jahr 201_ (bitte selber einsetzen). Denn das mit dem interessant scheitern ist ja wahr, aber nicht an diesem Wochenende!

Update: Das habe ich jetzt von meinem Hochmut, Berliner Fans Ratschläge für die zweite Liga zu geben. Bochum steigt sang- und klanglos mit der Hertha ab.

Die Stahlarbeiter des Internet

News production has never been under greater threat. The crisis has led to a reduction in foreign correspondents, editors and fact-checkers, and less in-depth investigative reporting. Yet if employing less experienced staff and producing lower-quality news continues, it will turn more readers away from newspapers, hastening their decline.

In der New York Times schreibt Marie Benilde unter dem Titel The End of Newspapers? über die Medienkrise und den sich ändernden Journalistenberuf – den sie mit den Stahlarbeitern der 1970er Jahre vergleicht

They are destined to disappear, but they don’t know it.

Selbst wenn die Prognose stimmen würde, falsch ist in jedem Fall, dass die Medienstahlarbeiter von heute nicht um die Krise wissen würden. Sie wird ja – zum Beispiel in der New York Times – öffentlich diskutiert. Darüberhinaus halte ich auch die inhaltliche Perspektive für falsch: Der Beruf des Journalisten wird eher an Bedeutung gewinnen. Ich glaube aber, seine Ausrichtung wird sich verändern. Tom Rosenstiel hat dazu vor einem Jahr vier interessante neue Rollenmodelle zur Diskussion gestellt. Der Journalist als …

… Authenticator
… Sense-maker
… Navigator
… Forum-leader

wird in Zeiten der digitalisierten Inhalte dringender gebraucht als vorher. Diese Rollen lösen sich allerdings von der Vorstellung eines reinen Inhalte-Produzenten, der Texte, Bilder, Töne erstellt und dafür bezahlt wird.

Vielleicht funktionieren die Erlösemodelle der Zukunft ja so, dass Nutzer Medien dafür bezahlen, dass diese ihnen Überblick und Souveränität im Informations-Überangebot des Digitalen schenken. Vielleicht wird dies mit dem sozialen Wissen der ebenfalls zu Sendern gewordenen anderen Lesern kombiniert. Vielleicht schaffen die Medien, die bisher vor allem Inhalte produziert und verbreitet haben, in Zukunft Räume und Bereiche, in denen sich Menschen sammeln und austauschen. Vielleicht zahlen diese Menschen dann sogar dafür, weil sie nur hier ihresgleichen finden. Vielleicht werden Zielgruppen in Zukunft nicht mehr ausschließlich über Inhalte versammelt, sondern über Gemeinsamkeiten, die sich im Netz anders abbilden lassen.

Ja, das sind Spekulationen. Aber in jedem Vielleicht steckt mindestens ein Argument gegen die These vom Stahlarbeiter des Internet!

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