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Essen ist fertig – online (Digitale September Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kann man ein Restaurant eröffnen ohne einen Gastraum zu besitzen, wo die verkauften Speisen gegessen werden? An der Antwort auf diese Frage kann man den Wandel greifbar machen, den das Internet ausgelöst hat und der gerade überall zu einem tiefen Konflikt führt. Auf der einen Seite stehen im Fall des gastraumlosen Restaurants diejenigen, für die ein Wirtshaus eine feste Adresse braucht. Weil das schon immer so war. Und weil uns die Dinge eben prägen, die schon immer so waren. Auf der anderen Seite befinden sich Menschen, die eher Möglichkeiten als Prägungen sehen wollen und der Meinung sind: Es muss doch noch andere Wege geben, um das Essen eines Restaurants zugänglich zu machen.

Ich stehe staunend dazwischen und lese in der New York Times diesen Artikel über den Aufstieg der so genannten „Ghost Kitchens“. Dabei handelt es sich um Restaurants ganz ohne Gastraum. Es sind Küchen, deren Produkte einzig über Liefer-Apps vertrieben werden (Foto: unsplash). Man nennt sie auch „Dark Kitchens“ (Guardian) oder „Virtual Kitchens“ (Forbes) und all diese Adjektive sollen andeuten: diese Küchen existieren „nur“ online. Über diese vermeintliche Beschränkungen hatte ich hier schon mal geschrieben als es darum ging, dass ein Magazin „nur noch“ online existiert. Nun trifft es auch Restaurants, die quasi ihre gedruckte Ausgabe einstellen müssen (wie man in dem sehr ausgewogenen NYT-Artikel nachlesen kann).

Die Parallelen gehen aber über die Medienbranche hinaus, sie legen offen, dass wir uns mitten in einem Wandel befinden, für den die „Ghost Kitchens“ ein sehr schöner Begriff sind, den man in eine Liste ergänzen könnte, die ich im Pragmatismus-Prinzip aufgezählt habe: „das pferdlose Fahrzeug (Auto), das schnurlose Telefon (Handy) oder das kabellose Internet (WLAN) sind Begriffe des Übergangs, die illustrieren, wie definitionsmächtig die Vertrautheit der Vergangenheit ist, wenn wir mit dem Neuen konfrontiert sind.“

Ich glaube es ist schon viel gewonnen, wenn wir uns über diese Definitionsmacht bewusst werden. Denn natürlich ist mit „nur online“ viel mehr möglich als den Download eines Buch-PDFs zu realisieren. Am Beispiel des virtuellen 5-Kilometer-Laufs, an dem ich mit mehreren Hundertausenden teilnahm, ohne dass auch nur eine Straße gesperrt werden musste, habe ich beschrieben, welche Optionen sich ergeben – und wie dadurch eine Entwicklung entsteht, die ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne.

„Das Internet ist nichts Fremdes, nichts Anderes mehr, das der Gesellschaft ergänzt wird wie eine Webadresse, die am Ende einer Fernsehsendung durchgesagt wird“, schrieb ich nach der großen Generationen-Debatte nach der Europawahl in der SZ. Dabei ging es um eine gesellschaftliche Debatte, die Schlussfolgerung trifft aber auch auf die „Ghost Kitchens“: „Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“

Damals ging es unter anderem um das Rezo-Video, das das politische Berlin auf Aufregung versetzte. Während ich diesen Newsletter tippe gibt es wieder ein Video, in dem Rezo auftritt, das für Debatten zwischen Etablierten und Neuen sorgt. Die Space Frogs hatten Rezo eingeladen und über Zeitungen Bild und BZ gesprochen. Das Video ist sehr interessant und dauert auch nur 15 Minuten – dennoch hat man den Eindruck, dass manche, die anschließend darüber schrieben, es nicht angeschaut haben.

Offenbar auch der DJV-Vorsitzende Frank Überall, dessen Aktivitäten Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter* so zusammenfasst: „Er warf Rezo „billige Stimmungsmache“ vor, die an „Hetze“ grenze. Überall unterstellte auch Dinge, die Rezo gar nicht gesagt hatte. Als dann mal ein paar Leute beim DJV nachgefragt haben, wie viele Tassen noch im Schrank sind, haben Überall und der DJV die Mitteilung flugs wieder zurückgezogen. Weil es „eine ganze Bandbreite von Ansichten zum Video“ gebe im Verband, was eine freundliche Umschreibung ist für: Das war echt richtiger Mist und ein Bärendienst für die gesamte Branche, gerade in einer Zeit, in der permanent über Fakten und Verfälschungen geredet wird.“

Dem ist wenig hinzuzufügen – außer dem Hinweis** auf Minute 6.45 im Original-Clip, in der Rezo einen sehr interessanten Aspekt anspricht: den der eigenen Prägungen, die häufig so stark sind, dass sie wertsetzend werden. „Wir werden auch irgendwann alt sein und diesen psychologischen Fehler haben“, sagt Rezo da über die Definitionsmacht der eigenen Vergangenheit. „Das ist wichtig, dass man sich das vor Augen hält, dass es Eigenschaften sind, die in uns verankert sind.“

Vielleicht ist das die wichtigste Fähigkeit, die der Wandel von uns verlangt: Unsere Prägungen zu reflektieren. Ich würde die dafür notwendige Haltung Kulturpragmatismus nennen – und wer sie üben will, kann ja mal einer Geisterküche ein Essen bestellen.

¯\_(ツ)_/¯

* In dem Newsletter gibt es auch noch einen schönen Witz mit einer Bananen-Schale, aber dafür sollte man Übermedien abonnieren, denn nicht nur guter Journalismus, sondern auch guter Humor hat seinen Preis.
** Ich füge noch den zweiten Hinweis hinzu, dass Rick und Steve am Ende ihres Antwort-Videos eine Einladung an Zeitungsjournalist*innen aussprechen, die nicht wissen, was Dank Memes sind. Die beiden Space Frogs wollen sie gemeinsam mit ihren Gästen anschauen und übers Internet sprechen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge zum Verhältnis von On- und Offline erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

In Kategorie: DVG

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“