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loading: RLY

Hä!? Eine Klasse der Deutschen Journalistenschule macht Crowdfunding? Genau, die Macher der Facebookseite RLY begleiten ihr Printmagazin mit einer Aktion auf Startnext. Die Hintergründe dazu erläuert Vanessa Vu im loading-Fragebogen.

Was macht ihr?
Wir sind 15 Nachwuchsjournalisten von der Deutschen Journalistenschule in München (DJS). Wir wollen Leute mit Journalismus erreichen, die sich sonst eher durch lustige Sprüche-Seiten klicken. Deshalb haben wir die Facebook-Seite RLY gegründet. Wir kitzeln das aus den News, was einfach nur RLY ist und posten es als Spruchbild. Unsere Quellen verlinken wir direkt. Seit Juli haben wir über 3.600 Fans gesammelt. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und bieten unseren Fans den Longread an: ein Print-Magazin namens „RLY“ mit eigenen Geschichten. Für den Druck und Versand brauchen wir aber Hilfe.

Warum macht ihr es (so)?
Wir glauben nicht, dass Online immer der Feind von Print sein muss. Wir wollen zeigen, dass beides voneinander profitieren kann. Unser Print-Produkt soll durchs Internet überhaupt erst möglich gemacht werden. Ob das Experiment klappt, werden wir in den nächsten Wochen herausfinden.

Wer soll das lesen?
Wir wollen mit dem HÄ-Magazin nicht nur die üblichen Magazin-Leser erreichen, sondern Leute, die sich durch Instagram und 9gag klicken. Es sind Leute, die einfach gern „Hä“ sagen. Die das WTF-Gefühl feiern. Die auch im Zeitalter permanent zugänglicher Unterhaltung Lust auf relevante, aktuelle Infos haben.

Wie geht es weiter?
Bis zum 17. November kann sich jeder auf Startnext sein RLY-Magazin mit einem Dankeschön sichern. Mit dem Geld finanzieren wir Druck und Versand. Im Dezember verschicken wir das Magazin.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Als junge Journalisten hören wir oft, wir hätten kein Interesse an Qualtiätsjournalismus – und ließen uns von Klickzahlen verführen. Das sehen wir anders. Wir lieben gute Geschichten. Nur bei den Darstellungsformen sind wir weniger dogmatisch. Gute Geschichten stecken in jeder RLY-Spruchtafel auf Facebook und hinter jedem krassen Titel im RLY-Magazin. Das Magazin handelt von großen Fragen: Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Tier? Warum riegeln wir plötzlich unsere Ländergrenzen ab? Und warum riskieren Leute für ein cooles Selfie ihr Leben?

>>>> Hier das Projekt auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Was ist eigentlich Online-Journalismus?

Jochen Wegner hat einen klugen Text über die Rolle von Live-Medien in Zeiten der Angst geschrieben. Von vielen Seiten werde ich darauf hingewiesen. Und auch ich mag den Text (nicht nur, weil ich eh glaube, dass wir mehr über Livejournalismus reden sollten), aber eine Frage lässt mich seit der Lektüre nicht los und treibt mich dazu, ungefragt meine Meinung in die Welt zu tragen zu bloggen. Die Frage lautet: Was ist eigentlich Online-Journalismus?

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Dabei geht es mir gar nicht um das Meta-Thema, das der Text behandelt (und über das ich womöglich auch noch was schreiben möchte), ich bleibe an dem Begriff Onlinejournalismus hängen. Schon im Vorspann suggeriert der Text, es gebe einen Unterschied zwischen Online- und irgendwie anderem Journalismus. Onlinejournalisten müssten, heißt es dort, „das sich überschlagende Weltgeschehen erklären – während es geschieht“. Das ist richtig, war es aber auch schon als es noch gar kein Online gab. Journalismus macht dies seit jeher: die Gegenwart beschreiben, einordnen und erklären – während sie geschieht. Neu ist also nicht der Anspruch an Journalismus, neu sind die Techniken und das Ökosystem, in dem dies heute geschehen kann und muss – für alle Journalistinnen und Journalisten.

Das journalistische Tätigkeitsfeld wird gerade enorm erweitert. Allerdings auf allen Kanälen. Nach der obigen Definition waren die beiden bekanntesten Online-Journalisten Freitagabend und Samstagnacht, die „das sich überschlagende Weltgeschehen“ erklärten, Claus Kleber und Thomas Roth. Sie taten das im Fernsehen, das irgendwie auch online ist. Wie alles heute online ist. Denn: Es gibt keinen Nicht-Onlinejournalismus mehr.

So zu tun, als könne man im Jahr 2016 noch zwischen Online- und anderem Journalismus unterscheiden, ist keine sprachliche Nebensache, sondern Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Missverständnisses. Es ist dies der Irrglaube, all das, was im Internet passiert, sei das Problem der „Online-Kollegen“. Dieses Missverständnis zeigt sich nicht nur im Journalismus, sondern zum Beispiel auch darin, dass man Nazikommentare auf Facebook zuvorderst für ein Problem von Facebook hält. Dabei sind diese Nazis, die dort an der Grenze des Legalen kommentieren, vermutlich auch ohne Internet und ohne Facebook Nazis. Das soll nicht heißen, dass Facebook sich aus der Pflicht stehlen kann. Es soll heißen, dass wir aufhören sollten, einen künstlichen Unterschied zwischen Online und Offline zu bedienen.

Das macht Jochens Text übrigens inhaltlich nicht schlechter und ich schreibe dies auch nicht als inhaltliche Kritik, sondern als Hinweis darauf wie groß der digitale Graben in diesem Land noch ist, wenn selbst so ein kluger Text noch mit diesem Unterschied hantiert.

Print vs. Online – Stupid!

Wenn ich die Idee der Leadawards richtig verstanden habe, geht es dabei ja irgendwie ums Vorne-Dran-Sein und nicht ums Absingen der immer gleichen Leier. Das versuchen die Macher zum Beispiel dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass sie ihr Symposium, das kommende Woche in Hamburg abgehalten wird, mit einer „Walk up registration“ ankündigen. Das ist die Lead-Formulierung für den alten Billig-Friseur-Slogan „Schneiden ohne Termin“. Soll heißen: Man muss sich nicht anmelden.

Der Kongress trägt den Titel „It’s the media, stupid!“ und spielt damit auf den alten Clinton-Slogan „It’s the economy, stupid“ an – jetzt kann man darüber streiten, ob in Zeiten der medialen Konvergenz genau diese Ausrichtung auf „the media“ tatsächlich so vorne dran ist; das sollen aber andere beurteilen. Was ich hingegen beurteilen kann, ist, dass die Konfrontation von Print vs. Online stupid ist, um es in der Lead-Sprache auszudrücken. Das schreiben die Macher über dem Programmpunkt („It’s a battle, stupid“), den sie einen Feldversuch nennen – aber nur weil es so schön in die Clinton-Reihe passt und nicht weil sie beweisen wollen, dass das in der Tat dumm ist.

Zwei Teams treten gegeneinander an und werden „mit demselben Thema gebrieft. Danach haben beide sieben Stunden Zeit, das Thema mit ihren grafischen und journalistischen Mitteln umzusetzen: das Print-Team in einer 20seitigen Magazinstrecke, das Online-Team auf einer Website mit allen digitalen Features und Applikationen.“

Am Ende soll dann das Walk-up-Publikum entscheiden, „welches Medium mehr bietet und besser funktioniert.“ Wofür und für wen steht in der Beschreibung nicht.

Wirklich Lead – im Sinne von vorne dran – wäre es übrigens, wenn die Mitarbeiter des Zeit-Magazins und von Mirko Borsches Gestaltungsfirma, die gemeinsam das Print-Team bilden sowie die Web-Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags (der „wie kein anderes Verlagshaus auf digitale Medien“ – wie Idealo und Stepstone – „setzt“) sich in den sieben Stunden ihres Konkurrenzkampfes darauf einigen, dass sie jetzt gemeinsam ein journalistisches Produkt erstellen, das auf allen Kanälen funktioniert – statt ein Konkurrenzdenken zu bedienen, das schon vor zehn Jahren nicht lead war und es nie mehr wird.

mitmerkel

Update: Offenbar hat das Online-Team gewonnen. Nicht dass ich die Website mit-merkel.de besonders übersichtlich oder zugänglich fände oder dass sie mich journalistisch begeistern würde, sie hat aber einen unschätzbaren Vorteil gegenüber dem Print-Team: ich kann sie sehen!

Prozess- und Ess-Journalismus

In der Ausgabe des SZ-Magazins vom Freitag hat der Kollege Lars Reichardt (Disclosure: Wir sitzen auf dem gleichen Stockwerk) ein Interview mit dem Sterne-Koch Christian Jürgens geführt. In dieser Woche nämlich entschieden die Restaurant-Tester vom Guide Michelin, wer mit Sternen ausgezeichnet wird. Jürgens wird als Kandidat für einen dritten Stern gehandelt. Davon handelte das erste Gespräch. Jetzt ist die Entscheidung gefallen und Jürgens wird nochmal interviewt. Er hat zwei Sterne bekommen und spricht auf der Website des SZ-Magazins darüber.

Ich verweise darauf, weil ich die Art, wie hier über Streben und Scheitern gesprochen wird, charmant finde. Vor allem aber verweise ich darauf, weil ich finde, dass das guter (Online-)Journalismus ist, der hier praktiziert wird. Und ja, wer will kann ihn auch mit dem Modeschlagwort Prozess-Journalismus versehen.

Gewinne erwirtschaften

Die Redakteure des ‘Playboy’ müssen sich für Frauen interessieren, die des ‘Kicker’ für Fußball, und für uns Wirtschaftsjournalisten ist es eine Frage der Ehre, dass wir Gewinne erwirtschaften. Nur das sichert unsere Unabhängigkeit.

Im aktuellen Medium Magazin spricht der neue Chef des Handelsblatt über seine künftig rund um die Uhr besetzte Online-Redaktion – und über das Selbstverständnis von Journalisten.

Das versendet sich …

Ich habe in dieser Woche eine Beobachtung gemacht, die man in wenigen Jahren vielleicht nicht mehr verstehen wird und die man vor wenigen Jahren vermutlich noch nicht machen konnte. Es geht um das Veröffentlichen von Texten, konkret um einen Beitrag von mir, der am Mittwoch im Feuillleton der Süddeutschen Zeitung erschien. Er trägt den Titel Das Genie in der Krise und ist für ePaper-Leser unter dem genannten Link verfügbar – für alle anderen ist er aber fortan nicht mehr existent, er ist nicht auf sueddeutsche.de erschienen. Er hat sich versendet – so nennt man das wohl beim Rundfunk, wenn Beiträge ausgestrahlt wurden und somit vorbei sind.

Jetzt ist es nicht so, dass mir dieser Zustand nicht bekannt wäre. Ich fand aber doch erstaunlich, wie sehr mir diese – sagen wir – althergebrachte Form des Publizierens nun als Beschränkung erschien. Wenn Texte (auch) online verfügbar sind, sind sie häufig Startpunkt für weitere Kommunikation: Es gibt ganz banale Verlinkungen auf Twitter oder Facebook, Kommentare dort oder unter dem jeweiligen Text und es gibt vor allem andere Autoren, Blogger und Kollegen, die reagieren, widersprechen (wie zum Beispiel hier) und – ja manchmal auch – loben. Das alles entfällt (in dieser Form), wenn der Charakter der Veröffentlichung nicht beständig, sondern temporär – eben auf den Tag der Erscheinung begrenzt – ist. Die gestrige Zeitung kann man nicht mehr kaufen, sie hat sich – um erneut die Rundfunksprache zu beleihen – versendet: Am Kiosk meines Vertrauens kann ich sie genauso wenig kaufen, wie an der Tankstelle nebenan. Sie ist weg.

Wie sehr mich diese (selbstverständliche aber doch junge) All-Verfügbarkeit des Netzes schon ergriffen hat, sieht man daran, dass mich diese Begrenzung durchaus erstaunt. „Was für eine Welt muss das gewesen sein“, denkt es in mir, „in der man nur dann Teil einer Kommunikation sein konnte, wenn man zum richtigen Zeitpunkt ein Produkt gekauft hat?“ Von den Fernseh-Nachrichten ist man die ständige Verfügbarkeit und zeitsouveräne Nutzung gewohnt und die Vorstellung, tatsächlich um 20 Uhr ein Gerät einzuschalten, um informiert zu werden, erscheint als merkwürdig überholt. Dass aber einzig über Print verbreitete Texte das gleiche Schicksal teilen, ist mir diese Woche besonders aufgefallen.

Es handelt sich dabei um eine private Beobachtung, die sich nicht auf Geschäftsmodelle bezieht, sondern einzig den Charakter der Kommunikation herausstellen will: Das Internet hat aus dem Publizieren echte Kommunikation gemacht. Das ist manchmal anstrengend, kostet manchmal Zeit, es ist aber vor allem: ein spannender Prozess. Die Frage: Was passiert mit meinen Text, wenn er veröffentlicht wurde? findet so eine sehr aktuelle und sehr direkte Antwort: Als Autor kann man es nachlesen und selber wiederum darauf reagieren. Ich empfinde das als Gewinn und oft genug als Vorlage für neue Themen.

Notieren will ich all das, weil ich genau in diesen Tagen auch die Einschätzung von Alan Rusbridger gelesen habe: Der Chefredakteur des Guardian beurteilt darin die Pläne der New York Times, Inhalte hinter eine so genannte Paywall zu stellen. Rusbridger kontrastiert diesen Ansatz mit dem so genannten free web, für das der Guardian steht und kommt zu dem Schluss

And if the New York Times does go behind a paywall, it’s likely that the Guardian will end up as the biggest English-language newspaper on the way.

Rusbridger glaubt, dass die Verfügbarkeit von Inhalte sich durchsetzen wird. Seiner Einschätzung nach lässt sich dies nicht rückgängig machen, es ist Bestandteil des Web und wer sich darauf richtig einlässt, wird sich durchsetzen, sagt Rusbridger.

Ich kann und will das hier gar nicht final beurteilen. Ein anderer Aspekt erscheint mir aktuell bedeutsamer: Die Frage nämlich wie diese Verfügbarkeit die Art und Weise verändert, wie wir schreiben. Wenn sich ein Text oder Beitrag nämlich versendet, ist das ja nicht nur eine Beschränkung. Für die Fälle, in denen dieser Text oder Beitrag Ungenauigkeiten oder Fehler enthält, kann dies ja sogar ein Segen sein. Das Versenden ist dann wörtlich zu nehmen. Es heißt: Das fällt vielleicht niemandem auf. Anders als bei Texten und Beiträgen, die verfügbar bleiben, kann man als Autor nicht darauf spekulieren, mit einer Ungenauigkeit durchzukommen. Die Annahme, dass nichts älter und damit unwichtiger sei als die Zeitung von gestern, gerät dann ins Wanken, wenn die Zeitung von gestern weiterhin verfügbar ist. Wieder denkt es in mir. Diesmal: „Was muss das für eine Welt (gewesen) sein, in der man sich über die Folgen einer Veröffentlichung in einem soviel geringeren Maß Gedanken machen musste als heute?“ Ich kann mir eine solche Welt kaum mehr vorstellen …

Und was heißt das jetzt? Vielleicht das: Eigentlich muss alles, was wir online verfügbar halten, höheren Qualitätsstandards genügen als die Inhalte, die wir über den Sender oder auf Papier verbreiten. Online-Redaktionen müssten also besser ausgestattet sein als die so genannten klassischen Redaktionen, das Netz müsste als Kommunikationskanal anerkannt werden, der nach dem Prinzip der Kontinuität funktioniert (im Gegensatz zum Modell des Helikopter-Journalismus) und der auch gepflegt werden muss.

Eigentlich, müsste. Ich weiß, dass vor all dem die große Debatte um Paid Content steht, die Frage nach der Finanzierung von Inhalten im Netz. Deshalb ist das hier ja auch nur eine private Notiz, eine kleine Beobachtung und eine Frage an andere Journalisten, die hier mitlesen:

Wie geht es euch mit der Veröffentlichung im Netz oder über andere Wege?

Das Rascheln von Papier

Heute lag das Jahrbuch zur Berliner Type 2009 in der Post. Es „präsentiert und dokumentiert die herausragensten Druckwerke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz“ und wurde mir zugeschickt, weil es daneben auch einen Beitrag von mir enthält. Für die Rubrik „Leaders Dialogue“ habe ich mich der Frage nach gedruckten oder digitalen Worten genähert – und ob damit eine qualitativer Unterschied verbunden ist. Der Text trägt den Titel „Das Rascheln von Papier – ein Zeichen von Qualität?“. Ich dokumentiere ihn hier in einer gekürzten Fassung. Wer den ganzen Text lesen möchte, hier kann man das Buch kaufen.

(…)
Wer annimmt, das Rascheln von Papier sei ein Zeichen von Qualität legt damit nahe, ein Text sei besser, gehaltvoller, kurzum von höherer Qualität, weil und wenn er gedruckt worden ist. Aber warum eigentlich? Nehmen wir an, diese Haltung fürs Lesen ist stimmig, sie müsste dann auch und gerade fürs Schreiben, also für die Produktion von Texten gelten. Hat also, mit dieser Frage möchte ich beginnen, die Art der Erstellung eines Textes Einfluss auf dessen Qualität? Vereinfacht gefragt: Wann ist ein Text besser, wenn er auf einem mit Feder oder Maschine beschreibbaren Blatt oder mittels einer vom Textverarbeitungsprogramm vorgegebenen weißen Fläche erstellt wurde?

Das Problem an dieser Frage: Wir können sie zumeist gar nicht beantworten. Wir wissen häufig weder, wie die begnadete Journalistin ihre herausragenden Kommentare, noch wie der stümperhafte Autor seine entsetzlichen Sachbücher verfasst. Vermutlich tippen sie beide auf eine Computertastatur, aber sicher wissen können wir es nur, wenn sie uns, die Leser, am
Prozess des Schreibens teilhaben lassen. Von der Erstellung auf die Qualität des Produkts zu schließen, ist hier also häufig reine Spekulation oder Wunschdenken.

Der Schriftsteller Ralf Rothmann hat unlängst davon erzählt, wie er seine Texte zunächst mit Bleistift auf Papier notiert und später abschreibt. Unabhängig von der unbestreitbaren Qualität von Rothmanns Literatur: Bei diesem mühevollen Entstehungsprozess eines Textes erscheint es leicht zu glauben, dass am Ende auch etwas Gutes entsteht. Hier schreibt noch jemand wirklich von Hand, er streicht durch und radiert weg, zerknüllt und beginnt neu. Das wird – man glaubt ja an den Satz, dass Qualität von Qual kommt – gemeinhin gerne und widerspruchslos als Zeichen von Güte akzeptiert. Umgekehrt würde eine Schriftsteller­-Inszenierung ganz ordentlich ins Wanken geraten, würde der Literat bekennen, seine Werke ausschließlich per Daumen in sein Handy zu tippen und erst später zu übertragen. Er wäre damit vermutlich nicht entschieden langsamer als der Kollege mit dem Bleistift (und eine Qual wäre es auch), trotzdem nimmt man an, der auf dem Papier verfasste Text sei irgendwie gehaltvoller als das auf dem Handy Getippte. Kein Wunder also, dass wir das Rascheln auch bei der Lektüre als Qualitätsmerkmal akzeptieren.

(…)

Es ist zunächst die eigenen Prägung, die festlegt, was wir gut und was wir schlecht finden. Wer viele gute Texte auf Papier gelesen hat, glaubt anschließend, Papier sei eine notwendige Bedingung für Qualität. All den Schund minderer Güte, der ebenfalls gedruckt wird, blendet dieses Denken aus. Mit dem wirklichen Inhalt dessen, was da auf Papier erscheint, hat das Qualitätsurteil also erst in zweiter Linie zu tun. (…) Wir erleben gerade eine technischen Innovation, die unsere Prägungen ins Wanken bringt. Die Rede von der Revolution
ist hier oft, vielleicht zu oft, geführt worden. Aber sie ist nicht falsch. Die Digitalisierung wirft die Frage auf: Bleibt man bei seinen gelernten Annahmen, oder öffnet man sich für Neues?

Erstaunlicherweise sind die Beharrungskräfte in Sachen Print/digital hier besonders hoch. Sie beziehen sich – wie beschrieben – sowohl auf die Erstellung, als auch auf die Lektüre von Texten: Man glaubt, ein in Ruhe am Küchentisch gelesener Artikel auf Papier sei per se besser als derselbe Inhalt hektisch am Bildschirm überflogen. Und bei einem Autoren, der ganz traditionell seine Arbeit verrichtet, wie man es auch vor 100 Jahren schon tat, nimmt man dies als Zeichen der Qualität. Einen Chirurgen, der sich auf gleiche Art technischer Innovation verweigert, würde man vermutlich verklagen, wenn er mit dieser Ankündigung die Blinddarm­-Operation einleitet.

Dass viele bei der Art und Weise ihrer Lektüre trotzdem so gerne und so intensiv dem Bekannten vertrauen, liegt an dem grund­legenden Wandel, der sich durch die Digitalisierung vollzieht. Er führt zu Verunsicherung. So wie einst der Buchdruck die Lektüre veränderte, revolutioniert auch das Internet die Erfahrungen im Umgang mit dem geschriebenen Wort. Beim Buchdruck würde niemand den Wandel bezweifeln, beim Internet jedoch wird er häufig geleugnet. Aus einer Abwehrhaltung heraus vermischt man Form und Inhalt und attestiert dem digital verbreiteten Text eine geringere Qualität als dem traditionell gedruckten Wort. Ein Mechanismus, der übrigens keineswegs neu ist. Die Mönche, die vor der Erfindung des Buchdrucks die Bibel Wort für Wort von Hand abschrieben, hielten das Neue (hier: die gedruckte Variante) vermutlich ebenfalls für minderwertiger als das Bewährte (hier: ihre eigenen Kopien der Heiligen Schrift).

(…)

Wir sollten den Blick endlich auf die wirklichen Kriterien von Qualität lenken – und zwar uabhängig vom Vertriebsweg. Egal, ob ein Text gedruckt oder digital verbreitet wird: auf seine inhaltliche Güte kommt es an. Daran sollten wir arbeiten. Gerne auch ganz klassisch mit Durchstreichen, Zerknüllen und neu Anfangen; da sind sich Papier und die weiße Textverarbeitungsfläche wie gesagt verdammt ähnlich.

Die ausführliche Version des Textes und sowie die Gegenrede des Kollegen Nils Schiffhauer kann man im Jahrbuch Berliner Type 2009 nachlesen, das im Verlag tellus Publishing vor kurzem erschienen ist – und das man hier kaufen kann.

New York Times über Twitter

The most frequent objection to Twitter is a predictable one: “I don’t need to know someone is eating a donut right now.” But if that someone is a serious user of Twitter, she or he might actually be eating the curmudgeon’s lunch, racing ahead with a clear, up-to-the-second picture of an increasingly connected, busy world. The service has obvious utility for a journalist, but no matter what business you are in, imagine knowing what the thought leaders in your industry were reading and considering. And beyond following specific individuals, Twitter hash tags allow you to go deep into interests and obsession.

In der New York Times erklärt David Carr, „Why Twitter Will Endure“ – hier nachzulesen!

Zum Stand der Online-Publizistik

Wer hat das sinnfreie Format der PageImpression-produzierenden Klickstrecken zu verantworten? Nicht die Nutzer. Sondern die beharrlichen und Nicht-koordinationswilligen Medienhäuser und ihre angeschlossenen Vermarkter, die IVW und AGOF betreiben.

Markus Beckedahl nimmt sich auf netzpolitik.org sehr lesenswert und ehrlich dem Stand der Online-Publizistik in Deutschland an.

Manifeste Debatte

Vielleicht vereinbaren wir das: Wenn Ihr Manifest dazu führt, dass irgendjemand ‚Äì ein Verlag, ein Kollege ‚Äì seine Strategie ändert und besseren Journalismus macht, dann schneide ich mir einen Irokesenschnitt und färbe ihn in der Farbe eines Telefonanbieters Ihrer Wahl.

Ich habe gestern schon drauf hingewiesen: In seinem Print würgt -Blog setzt sich Michalis Pantelouris mit dem Internet-Manifest auseinander – und beweist dabei ganz nebenbei, dass gute Texte unabhängig von einem Medium funktionieren. Seine Replik ist furios geschrieben und ich wünschte, es gäbe mehr Texte dieser Qualität im Netz. Natürlich kann man über den Inhalt diskutieren, genau wie man über den Inhalt des Manifests diskutieren kann – mir fehlt dazu gerade der Elan, deshalb erfreue ich mich an der Debatte, die unter Michalis‘ Text geführt wird. Dort bietet er den obigen Deal an – und ich befürchte, er wird in naher Zukunft keinen Friseurtermin brauchen.