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Dialog mit dem Leser als Reputationsgewinn

Der renommierte Zeit-Reporter Wolfgang Uchatius hat der Branchenzeitschrift Journalist ein Interview gegeben. Darin gibt er Einblick in die Hintergründe seiner Arbeit und erläutert, welche Qualitätsmaßstäbe er an eine gute Reportage anlegt. Das Gespräch ist über die Branchen-Grenze hinaus interessant, weil Uchatius auch auf die Konsumenten seiner Arbeit zu sprechen kommt: die Leser. Uchatius sagt:

Die Leser können dann gerne diskutieren, und das finde ich auch gut, aber warum muss ich mich da einmischen?

Diese Frage zu stellen ist in der Branche durchaus nicht unüblich. Denn erst seit das auf Vernetzung basierende Medium Internet aus Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich dieses Thema in dieser Form. Erstaunlich ist Uchatius’ (vermutlich rhetorische) Frage aber genau aus diesem Grund: Denn ziemlich genau seit das Internet aus der Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich auch ein anderes Problem ziemlich dringend: Wie finanziert sich Journalismus klassischer Prägung in diesem neuen Umfeld?

Man kann diese beiden Debatten der digitalen Kommunikation leicht verschneiden und wird dabei feststellen: womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Frage, wem Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Geld geben und der Frage, ob Journalisten mit ihren Lesern reden und auf deren Anmerkungen reagieren sollen. Das Blog von Stefan Niggemeier ist zum Beispiel nicht nur deshalb für viele Deutschlands bestes Medienblog, weil dort gute Inhalte stehen. Dieses Blog versammelt auch deshalb die Aufmerksamkeit vieler Menschen, weil Stefan Niggemeier sich die Mühe macht, seine Texte nicht einfach zu über den Lesern abzuwerfen oder loszulassen, sondern tatsächlich auf die Fragen und Anmerkungen seiner Leser zu reagieren. Auch deshalb finden sich in den Kommentaren in dem Blog Wortmeldungen wichtiger Medienmacher des Landes.

Uchatius konkretisiert seine Haltung im Folgenden. Er sagt:

Man muss auch mal loslassen können. Ich habe den Text ja unter anderen Bedingungen geschrieben als die Leser ihre Kommentare. Ich habe nachgedacht, ich hatte Zeit, das ist ja der Luxus, den wir hier bei der Zeit genießen. Das, was ich da geschrieben habe, ist das, was ich glaube, schreiben zu können, und wenn ich dem noch etwas hinzuzufügen hätte, hätte ich es geschrieben. Warum soll ich auf der Kommentarseite noch mal erläutern: Das habe ich so und so gemeint. Wenn der Leser anderer Meinung ist, dann muss ich das respektieren.

Erstaunlich daran finde ich zwei Aspekte: Zum einen schließt eine solche Haltung aus, dass ein Autor nach Veröffentlichung eines Texte schlauer werden kann. Hätte er noch etwas hinzufügen wollen, hätte er das getan – sagt Uchatius und erhebt damit die Beschränkung des Publikationsmediums Papier zu einer Art Qualitätsmerkmal. In den Jahrhunderten, in denen auf dem nach Veröffentlichung nicht veränderbaren Medium Papier publiziert wurde, gab es keine Alternativen zu dieser Haltung. Egal ob man will oder nicht, auf Papier kann man nichts mehr hinzufügen. In den Jahren, in denen wir die verflüssigten Publikationsformen des Digitalen kennen, kennen wir auch Alternativen: Inhalte sind nach Veröffentlichung veränderbar. Stefan Niggemeier hat gerade darauf hingewiesen, dass dies oftmals auch verbesserbar heißen kann. Ich glaube – deshalb habe ich ein Buch über die Verflüssigung von Inhalten geschrieben – dass es auch erweiterbar heißen kann. Digitales Publizieren ist eben nicht, wie Uchatius sagt, fertig und abgeschlossen. Im Gegenteil: Es beginnt mit dem Moment der Veröffentlichung.

Der zweite Aspekt, der mich an der Haltung interessiert, ist die Tatsache, dass Uchatius seinen Text für sich sprechen lassen will. Er will ihn nicht im Anschluss erläutern oder erklären. Das erscheint in sich stimmig, wirft aber die Frage auf: Warum erläutert er seine Arbeit dann in einem Interview mit einem Branchenmagazin?

Die Antwort zeigt das zentrale Problem im Umgang mit Lesern im deutschen Journalismus: Ein Interview in einem Branchenmagazin bringt Reputation. Auf Leserkommentare zu reagieren, Nachfragen zu beantworten oder Missverständnisse auszuräumen ist hingegen mit keinem Reputationsgewinn verbunden. Man sieht in Deutschland immer wieder in erstaunte Kollegen-Gesichter, wenn man berichtet, dass es dem sicher nicht gelangweilten Guardian-Chef Alan Rusbridger nicht nur möglich war, nach den Snowden-Enthüllungen in den Leserkommentaren beim Guardian zu diskutieren, sondern sich sogar dem Frage-Mob den reddit-Nutzer zu einem Ask me Anything zu stellen. Rusbridger tut dies, weil es ihm Reputation bringt.

Live-Tweets: ein neues Betätigungsfeld für Journalisten?

Am Anfang dieser Woche ging in München die DLD genannte Digital-Life-Design-Konferenz zuende. Die Veranstaltung wurde (wie zahlreiche andere Konferenzen natürlich auch) von Live-Tweets begleitet. Konferenz-Teilnehmer twitterten ihre Eindrücke, aber eben auch die Veranstalter über den offiziellen DLD-Account. Nina Betz (Foto: privat) war eine derjenigen DLD-Mitarbeiterinnen, die den Account betreuten. Ich habe ihr ein paar Fragen zum Thema Live-Tweeten geschickt.

Du warst im Team, das den DLD live auf Twitter begleitet hat, war es anstrengend? Immerhin muss man allen Vorträgen folgen und in Echtzeit entscheiden, ob das jetzt ein zitierfähiges wichtiges Zitat war oder nicht?
Ich würde sagen anstrengend ist das falsche Wort. Natürlich ist es anspruchsvoll, da Session an Session gereiht ist, aber da wir zu sechst waren konnten wir uns die Sessions gut einteilen. Meistens waren wir zu zweit in einer Session, somit konnte sich einer/eine alleine auf’s Twittern und der/die andere auf den Blog-Post konzentrieren.

Bist du selber eine aktive Twitterin?
Nein, ich bin keine aktive Twitterin. Zumindest bis jetzt nicht gewesen. Ich glaube aber das ändert sich ab jetzt…

Wie kommt man zu so einem Job?
Die meisten von uns waren schon öfter bei der DLD als Live-Blogger- und Tweeter. Ich persönlich bin aufgrund meiner Vorkenntnisse im PR- und Social Media-Bereich und meines Interesses am Digitalen Markt dazugekommen.

Siehst du das Twittern vom Organisations-Account eher als Marketing-Tätigkeit oder ist nicht eher eine journalistische Tätigkeit?
Ich sehe es eher als eine journalistische Tätigkeit, da unsere Aufgabe ist die ‚Follower‘ auf dem Laufenden zu halten und den jenigen das Geschehen näherzubringen, die nicht live dabei sein können.
Auf der anderen Seite kann man natürlich das Twittern auch als Marketing-Tätigkeit sehen, um zu zeigen, wie innovativ die Veranstaltung ist und um die Reichweite der DLD zu verbreiten und neue Unternehmen, aber auch Einzelpersonen zu gewinnen. Aus dieser Sicht habe ich es noch gar nicht gesehen. Ich bin eben doch mehr PR’lerin…

Ihr begleitet die Vorträge und reagiert auf Anfragen. Kannst Du sagen, wie die Arbeit etwa verteilt ist?
Wie gesagt, wir haben uns auf die verschiedenen Sessions aufgeteilt und haben uns davor auf jede einzelne kurz vorbereitet. Das schöne war, dass wir sechs eine gute Mischung waren mit verschiedenen Neigungen. Somit hatten wir meistens die Möglichkeit die Sessions zu besuchen, die jeden einzelnen am meisten interessiert haben. Jeder war dann auch für seine Session verantwortlich und ist auf die Anfragen dazu eingegangen.

Was muss man können, um live zu twittern? Beim DLD natürlich englisch, aber was noch?
Wie du sagst, Englisch muss man beherrschen. Und eine schnelle Auffassungsgabe haben, um die wichtigen Dinge, wie einschlägige Zitate oder Unerwartetes herauszufiltern und sofort weiterzugeben. Das Zehnfingersystem zu beherrschen ist ebenfalls sehr hilfreich…

Der Guardian hat letzten Herbst zehn Regeln über das Live-Twittern von einer Konferenz aufgestellt. Habt Ihr auch Regeln, die Ihr befolgen müsst/ die Ihr Euch selbst gegeben habt?
Im Grunde genommen hat der Guardian die wichtigsten Regeln fürs Live-Twittern genannt, an die man sich halten sollte und an die wir uns gehalten haben.

Gab es beim diesjährigen DLD einen Lieblings-Tweet?
Ich glaube die Lieblingstweets für’s Team sind immer die, die nach einem Event folgen. Die Danksagungen und das Lob der ‚Follower‘. Dann merkt man, man hat seine Arbeit richtig und vor allem gut gemacht.

iRights-Lab: ein Interview mit Matthias Spielkamp

Mitte Oktober machte die Meldung die Runde: das Urheberrechtsportal iRights.info stellt sich neu auf. Die Gründung des iRights Lab wurde angekündigt: Matthias Spielkamp, Philipp Otto und Till Kreutzer (mit denen ich – Transparenzhinweis – persönlich bekannt bin) wollen mit diesem Think Tank den digitalen Wandel begleiten. Ich habe Matthias Spielkamp einige Fragen zum Start des Lab gemailt. Hier seine Antworten:

iRights.info ist seit Jahren eine bekannte Größe in urheberrechtlichen Fragen der digitalen Welt. Jetzt entsteht aus dem iRight-Umfeld ein Labor. Was wird in diesem Lab entwickelt?
Zentral sind drei Aufgabengebiete: angewandte Forschung, Beratung (inklusive Training) und Vermittlung. Das alles für Unternehmen, die öffentliche Hand, Wissenschaft, Politik, Verbände und nicht zuletzt die Kreativen selbst. Zu allen haben wir in den letzten Jahren sehr enge Kontakte aufbauen können.

Kern der iRights-Aktivitäten ist die Debatte ums Urheberrecht. Wird das auch im Bereich des Lab der zentrale Punkt bleiben?
Ja, es wird einer der Schwerpunkte bleiben. Es gibt derzeit so viel Bedarf an Dialog und Verständigung, vor allem zwischen Politik, Kreativen und Unternehmen, dass da ein sehr weites Feld zu beackern ist. So haben wir zum Beispiel auf der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Diskussion veranstaltet unter dem Titel „Verlag, Leser, Autor: Wer hat Angst wovor – und warum?“ Einige werden sich sicher gedacht haben: iRights und der Börsenverein? Wie passt das denn zusammen? Denn wir haben den Börsenverein ja tatsächlich oft hart kritisiert. Und wir werden das wahrscheinlich auch in Zukunft tun, da ich nicht annehme, dass er alle Forderungen aufgibt, die wir falsch finden, nur weil wir mal eine Podiumsdiskussion zusammen veranstaltet haben :-) Aber wir sind eben wirklich der Ansicht, dass mehr miteinander geredet werden muss, nicht immer nur gegeneinander, damit sich etwas zum Besseren ändern kann.

Aber es gibt natürlich auch konkreten Forschungs- und Beratungsbedarf, ebenfalls wieder bei allen Beteiligten: Welche Rechte muss ich haben, um als Fernsehsender, als Stiftung, als Ministerium Inhalte in Social Media nutzen zu können? Sollten Kunden das Recht haben, digitale Güter wie MP3s oder E-Books weiter zu verkaufen? Wie sollte ein Urhebervertragsrecht aussehen, das wirklich die Rechte der Urheber stärkt? Das ist nur ein winziger Ausschnitt der Fragen, die wir schon bearbeiten oder bearbeiten möchten, oder um die wir uns in der Vergangenheit als Individuen gekümmert haben, weil es unter dem Dach von iRights.info nicht ging. Beim Lab geht es.

Ich möchte aber ergänzen, dass wir bereits in den vergangenen Jahren den Fokus auch bei iRights.info ausgeweitet haben. Dort geht es zwar weiter in erster Linie ums Urheberrecht, aber auch immer öfter um Persönlichkeitsrechte, etwa in Social Networks, um Datenschutz und ähnliches. Zum Beispiel starten wir am 31. Oktober ein neues Portal, iRights CLOUD, das Bürgerinnen und Bürger dabei helfen soll, sich beim
Cloud-Computing zurecht zu finden. Das wird vom Verbraucherschutzministerium finanziert und getragen vom gemeinnützigen iRights e.V., wo auch iRights.info weiterhin angesiedelt ist. Aber es zeigt die Bandbreite dessen, was wir tun. Und die ist beim Lab noch erheblich größer.

In welchem Zusammenhang steht das iRights-Lab zur IGEL-Initiative?
Zwei der Partner des Labs, Philipp Otto und Till Kreutzer, haben IGEL aufgebaut und stark gemacht. Das ist sozusagen ihr gesellschaftliches Engagement, weil sie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage für eine ganz dumme Idee halten. (Ich übrigens auch.) Aber das Lab als Firma ist kein Unterstützer der IGEL.

Wer soll das iRights-Lab nutzen?
Wie oben beschrieben: Wir arbeiten mit allen Akteuren zusammen, die Bedarf haben. Das können Verbände sein, Parteien, Unternehmen, die beispielsweise prüfen möchten, ob eine bestimmte politische Forderung gesellschaftlich sinnvoll, ökonomisch tragfähig und rechtlich machbar ist. Es können aber auch Institutionen sein, die konkret wissen wollen, wie sie mit dem digitalen Wandel umgehen können. Vergangene Woche haben wir in Berlin eine internationale Konferenz veranstaltet zu der Frage, wie so genannte Gedächtnisorganisationen – also Museen, Archive, Bibliotheken – ihre Bestände in der digitalen Welt sichern, aber auch so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen können. Da waren unsere Partner das Jüdische Museum, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wikimedia, die Open Knowledge Foundation und das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory; Sponsoren waren drei kommerzielle Anbieter von Speicherlösungen. Ich denke, das zeigt die Bandbreite.

Digitales Change-Management gilt als eine der großen Herausforderungen der Zukunft – in zahlreichen Branchen. Werdet Ihr jetzt eine Beratungs-Agentur?
Das iRights.Lab ist eine Beratungs-Agentur! Im Ernst: Wir haben das Lab gegründet, weil wir Dinge tun möchten, die wir unter dem Dach von iRights.info nicht tun können. Die Frage ist womöglich so gemeint, ob sich iRights.info zu einer Beratungsagentur wandelt. Und das wird nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Wir haben das Lab ins Leben gerufen, weil wir die Tätigkeitsfelder nicht vermischen wollen. Denn iRights.info wird weiterhin eine unabhängige Informationsplattform zu Fragen des Urheberrechts – und vermehrt auch anderen Rechtsgebieten – in der digitalen Welt sein.

Aber um es nochmal deutlich zu machen: Wir sind viel mehr als eine Beratungsagentur. Wir haben uns für die Bezeichnung Think Tank entschieden, obwohl ich Bauchschmerzen damit habe. Ich bin erstens kein Freund von Anglizismen, zum anderen gibt es viele US-Think-Tanks mit dem Ruf, alles zu untermauern, was der Auftraggeber gerne will. Aber es gibt keinen treffenden deutschen Begriff, der unter einen Hut bringt, was wir tun: beraten, informieren und vermitteln, forschen (indem wir Whitepapers und Gutachten erstellen), weiterbilden. Daher passte weder Agentur noch Forschungsinstitut. Und dass wir eine Haltung haben und niemandem nach dem Mund reden, haben wir in der Vergangeheit oft genug unter Beweis gestellt, denke ich.

Eine der ersten Veranstaltungen findet Anfang Dezember in Dresden statt und beschäftigt sich mit der Zeitungskrise. Gemeinsam mit Lorenz Matzat stellst Du dabei Fragen wie: Wie verändert das Netz die Rolle der Printmedien? Welche Antwort werdet Ihr darauf geben?
Nur, damit kein Missverständnis entsteht: Das ist eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung, zu der Lorenz und ich eingeladen sind, keine Lab-Veranstaltung. Meine Antwort wird zum einen sein, dass man versuchen sollte, sich einmal mit Distanz anzuschauen, dass das Netz die Print-Welt bereits völlig auf den Kopf gestellt hat. Ich habe von 1993 bis 1994 an der University of Colorado in Boulder Journalismus studiert. Boulder ist zwar klein, aber da das Wetter dort immer so toll ist und die Rocky Mountains vor der Haustür liegen, haben viele Unternehmen dort ihre Forschungseinrichtungen. Eins davon war das Knight Ridder Information Design Laboratory. Knight Ridder war einer der Zeitungsverlags-Giganten in den USA, die Nummer zwei mit Titeln wie The Miami Herald, The Philadelphia Inquirer und den San Jose Mercury News. Der Leiter des Labs, Roger Fidler, hat uns damals bei einem Besuch die „Zeitung der Zukunft“ gezeigt. Das war ein Stück Holz mit einem aufgemalten Bildschirm, und wie das Ding funktionieren sollte, hat er uns dann an einem Computerbildschirm gezeigt – im Ernst! Aber was er uns vorgeführt und erklärt hat, war das Design für ein Tablet, das Apples iPad schon sehr nahe war, mit vielen der Funktionen, die für uns heute selbstverständlich sind.

Fidler selber hat gesagt, es würde nur noch zwei, drei Jahre dauern, bis das Ding auf den Markt kommt, vor allem die Entwicklungen der „elektronischen Tinte“-Bildschirme am MIT ließe hoffen. Nun ja – es hat dann doch noch mehr als 15 Jahre gedauert, bis es so weit war, wenn man das iPad als erstes tatsächlich erfolgreiches Tablet als Maßstab nimmt. Aber darauf will ich hinaus: Wir neigen bekanntlich dazu, die
Veränderungen, die in den kommenden Monaten bis drei Jahren passieren werden, sehr zu überschätzen, die Veränderungen in zehn Jahren dagegen zu unterschätzen. Genau das ist eingetreten. Tablets sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und die Huffington Post lässt in der Zahl der Interaktionen über Social Media die New York Times und die BBC abgeschlagen hinter sich – und Knight Ridder ist nur deshalb nicht pleite, weil die Zeitungsgruppe von einem anderen Konzern gekauft wurde. Was für eine unglaubliche, unvorstellbare Welt aus der Perspektive von 1993!

Meine Antwort wird also sein, dass es nötig ist sich vorzustellen, was Leser in der Zukunft unter Nachrichten und Journalismus verstehen werden, und wo sie ihn lesen, hören, anschauen, mit ihm interagieren, ihn weiter verbreiten wollen. Und dann zu versuchen, dafür Modelle zu entwickeln. Statt sich zu überlegen, was man als Verlag, Radio- oder Fernsehsender will. Denn das ist den Lesern ziemlich egal.

Ist das iRights-Lab selber womöglich eine Antwort auf die veränderte Rolle des Journalismus im digitalen Zeitalter? Immerhin bist Du selber als Journalist tätig und erweiterst nun hier Dein Betätigungsfeld. Ist das Zufall oder werden sich alle Journalisten künftig breite Tätigkeitsfelder suchen müssen?
Das iRights.Lab ist in verschiedene Labs aufgeteilt, um die Bandbreite unserer Aktivitäten deutlich zu machen. Eins davon ist das Lab Journalismus, das ich leite. Dort geht es um die Fragen, die ich eben gestellt habe. Aber dort wird kein Journalismus gemacht; der findet weiter bei iRights.info statt – und demnächst in unserem eigenen Verlag (Cliffhanger!).

Aber die Antwortet lautet trotzdem: Ja. Denn ich habe bereits in den vergangenen zehn Jahren meine Tätigkeitsfelder erweitert. Zusätzlich zum Journalismus arbeite ich seit 1999 als Dozent und Trainer in der Journalistenfortbildung, habe 2003 angefangen zu bloggen, 2004 dann iRights.info mitgegründet, halte Vorträge, moderiere Veranstaltungen und berate auch Unternehmen und Institutionen. Wenn ich heute als journalistisch arbeite, dann entweder für mein eigenes Unternehmen bzw. unsere eigene Plattform, oder weil ich gefragt werde – wie etwa bei meiner monatlichen Kolumne für DRadio Wissen.

Mit iRights.info machen wir im Grunde seit acht Jahren das, was heutzutage auf jeder zweiten Journalismus-Konferenzen als Zukunft der Branche gefeiert oder gefürchtet wird: unternehmerischen Journalismus (entrepreneurial journalism). Das heißt wir haben bei iRights.info von Anfang an auf einen Finanzierungsmix gesetzt: öffentliches Geld, Förderung durch Stiftungen und Sponsoren, Content Syndication, also Weiterverkauf von Inhalten, Konferenz-Organisation – und nicht zuletzt Quersubventionierung durch alle Beteiligten. Früher hätte man diesen letzten Aspekt Selbstausbeutung genannt, aber man kann es in der Tat und ohne Ironie auch als Markenbildung sehen – also als Positionierung des eigenen Angebots und der eigenen Person, so dass man eben als Experte wahrgenommen wird, andere Honorare verlangen kann und sich die Akquise spart. Oder eben gleich eigene Projekt entwickelt und verwirklicht.

Wir haben doch keine Zeit!

Im WDR gibt es künftig eine Talkshow mit Helge Schneider. Sie heißt „Helge hat Zeit“ und alleine dafür sollte man Schneider loben. Denn schon die Wahl des Titels zeigt, dass der Mülheimer etwas Besonderes ist. Wer hat heute schon Zeit? Und vor allem: Wer sagt das auch noch laut?

Wenn ich über Twitter spreche (und das mache ich – spätestens seit ich Anfang des Jahres bei der SZ die Aufgabe „Social Media/Innovation“ übernommen habe – ziemlich häufig), höre ich jedenfalls immer das Gegenteil: dass man überhaupt gar keine Zeit hat; und schon gar nicht für Twitter und Facebook und all den anderen Kram. Das ist verständlich und vermutlich dem allgemeinen Hang zur Zeitlosigkeit geschuldet. Es ist aber auch erstaunlich falsch.

Neben der unterschwelligen Botschaft („Ihr, die Ihr da auf Twitter rumturnt, scheint ja Helge Schneiders des Müßiggangs zu sein, ich hingegen bin eine Angela Merkel der Anforderung, ich kann mir das nicht leisten“) ist das Zeitargument nämlich vor allem zu kurz gedacht: Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren.

Es ist ein wenig so, einen Flug von Berlin nach München mit dem Argument auszuschlagen, dass man dafür nun wirklich keine Zeit habe, weil man ja gestern erst von Hamburg nach Berlin gelaufen sei und deshalb heute sehr viel abarbeiten müsse – bevor man dann morgen nach München laufen könne.

Was ich damit sagen will: Natürlich kostet es Zeit (aber vor allem und viel wichtiger Interesse!) sich auf neue Wege des Nachrichtenkonsums einzustellen. Wer allerdings dabei stehen bleibt, blendet aus, dass diese neuen Methoden auch unfassbar viel Zeit sparen können.

Deshalb spreche ich immer zuerst über Twitter, wenn ich von den Möglichkeiten und Chancen des Dialogjournalismus (sehr verallgemeinernd auch „Social Media) spreche. Twitter ist organisierter Small-Talk, der die kleinen Randbemerkungen und Hinweise, die helfen und erfreuen, sinnvoll und effizient aufbereitet. Twitter macht es möglich, eine längere Zugreise nicht mit dem zufällig zugestiegenen ehemaligen Judofreund zu verbringen, der viel redet und wenig zu sagen hat (das ist Facebook). Twitter versetzt uns in die Lage, auf der langen Zugreise zufällig nur genau mit den Leuten zu sprechen, deren Beobachtungen, Bemerkungen und Links uns das Leben einfacher und fröhlicher machen.

Twitter füllt die „leere Zeit“ mit Inhalt, der deshalb wertvoll ist, weil man ihn selbst steuern und befördern kann – in dem man nur denjenigen Menschen folgt, die man für spannend, deren Bemerkungen man für geistreich und sinnvoll hält. Womit wir beim zweiten Missverständnis sind: Wer Twitter für eine Quatschbude hält, urteilt damit weniger über den Microblogging-Dienst als vielmehr über sich: Er folgt einfach den falschen Leuten. Der Wert des Telefons als segensreiche techniche Errungenschaft bemisst sich schließlich auch nicht an dem, was der Judofreund da gerade in sein Handy redet.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein jeder Journalist twittern muss. Ich bin aber sehr wohl der Meinung, dass sich jeder mit Twitter (und dialogischem Journalismus) auseinander setzen sollte – so wie mit dem Telefon. Ob und wie er (oder sie) das dann nutzt, muss jeder selber wissen. Das eigene Desinteresse aber mit mangelnder Zeit zu verschleiern, ist nicht hilfreich. Es legt nur offen, dass man sich noch nicht ausreichend mit der Frage befasst hat, wofür man Twitter eigentlich einsetzen sollte – unter anderem um Zeit zu sparen!

Transparenzhinweis: Ich habe über den Wert von Twitter ein Interview mit Raphael Honigstein geführt, ich habe nie Judo gemacht, aber aufgeschrieben, wie ich selber zum Twittern kam

Wie ist WikiLeaks zu bewerten?

Es vergeht kein Tag ohne neue Veröffentlichungen rund um Wikileaks. Damit meine ich nicht die Nachrichten über das Schicksal von Julian Assange oder den Inhalt der Dokumente, sondern vor allem die Meldungen drumherum. Da ich in dieser Woche für jetzt.de das ABC des digitalen Krieges aufgeschrieben habe (das sich vor allem mit der Anonymous-Bewegung befasst), habe ich ein paar Links und Verweise zum Thema angesammelt, die es sich lohnt aufzuheben.

Zum Einstieg ein kleiner Film, der zusammenfasst, worum es inhaltlich bei Cablegate eigentlich geht:



Was das jedoch zu bedeuten hat, darüber ist man sich nicht so einig:

Im Interview mit DRS 4 aktuell kritisiert Hans Leyendecker, dass Rohmaterial ungeprüft ins Netz gestellt wird und sagt:

Mit investigativem Journalismus hat das nichts zu tun.

Im Blog der ARD-Sendung Monitor schreibt Sonia Seymour Mikich, Warum Internetplattformen wie Wikileaks der Demokratie dienen. Sie hält Wikileaks für einen „Weckruf für klassische Medien, über ihr Selbstverständnis nachzudenken“ und schreibt:

Investigativer Journalismus ist im besten Sinne anti-autoritär, unsere Verantwortung läuft nicht darauf hinaus, die Mächtigen zu schonen. Die neue Arbeitsteilung zwischen den klassischen Medien und Whistleblower-Plattformen (Wikileaks wird nicht die einzige bleiben) organisiert Transparenz auf einer nie dagewesene Ebene. Und weil Journalisten Staatsbürger sind, nicht Staatsträger, dürfen wir uns von Warnrufen interessierter Seiten nicht kirre machen lassen. Die Wikileaks-Enthüllungen beenden weder die Diplomatie, noch die Vertraulichkeit zwischen Regierungen. Sie machen Journalismus nicht überflüssig, im Gegenteil. Unsere Aufgabe sauber zu recherchieren, Quellen zu prüfen, Sensationalismus zu vermeiden – sie wird noch wichtiger.

Die von Mikich angeregte Debatte übers Selbstverständnis wird in dem sehr interessanten Streitgespräch zwischen Hans Leyendecker und Philip Banse begonnen. Ich glaube, es würde sich lohnen wenn sie fortgesetzt wird.

Auch als Anregung dafür sehr dienlich: die Dokumentation WikiRebels – The Documentary sowie die Einschätzung von Clay Shirky in seinem Wikileaks and the Long Haul betitelten Text:

Der Beitrag endet mit dem Verweis auf OpenLeaks, die vom Ex-Wikileaks-Sprecher Domscheit-Berg gegründete Plattform.

Update 11. Dezember: In der Süddeutschen Zeitung schreibt Hans Leyendecker sehr lesenswert über die angesprochene Debatte und benennt die entscheidenden Fragen, die Wikileaks aufwirft.

Außerdem: Die 3Sat-Gesprächsrunde (mit dem sehr guten Sandro Gaycken) zum Thema ist jetzt online verfügbar. Leider wird hier der Fehler gemacht, gar nicht zwischen öffentlichen und privaten Daten zu unterscheiden

Oberflächliche Herzlichkeit

Ich habe eine Menge Versammlungen miterlebt, auf denen zwar nicht der große Knall angekündigt wurde, aber Schritte in diese Richtung. Sowohl bei AP als auch bei der International Herald Tribune gab es regelmäßig Zusammenkünfte, die von einer speziellen Spannung geprägt waren: auf der einen Seite die feindselig gestimmten Journalisten, auf der anderen die oberflächliche Herzlichkeit der Manager. Sie versuchten so zu agieren, als hätten sie durchweg gute Neuigkeiten zu verkünden, obwohl jeder wusste, dass es schlechte waren. Ich habe erlebt, wie wütend Redakteure über diese für die Belegschaft sehr negativen Mitteilungen waren – nicht so wütend, dass sie ein Tier umbringen würden. Aber es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie einen weiteren Schritt gehen würden, wenn sie in ihrer Existenz bedroht werden.

Tom Rachman spricht im Interview auf journalist.de über sein Buch Die Unperfekten und den Stand des internationalen Journalismus.

via

Gegenwärtiger Journalismus

Vergangene Woche hatte Christian Jakubetz eine Idee: Er will „ein neues Buch für neue Journalisten“ schreiben. Und dieses Buch soll nicht nur anders sein als was man kennt, es soll auch in seiner Entstehung neue Wege gehen.

Christian schrieb einen Beitrag in sein Blog und lies sich dann überraschen: von dem enormen Feedback, das seine Idee hervorrief. Zahlreiche Menschen meldeten sich bei ihm – unter anderem fand er so die Co-Herausgeberin Ulrike Langer (die sehr lesenswert unter Medial Digital bloggt). Im Laufe der Woche entstand eine Facebook-Seite (mit mittlerweile 200 Fans) und es fanden sich weitere Mitautoren: Der Videopunk Markus Hündgen kam an Board und Christian vermeldete den Einstieg von Jochen Markett.

Das ging alles so schnell, dass die Realität die Mail überholte, die Christian mir am 17. September schrieb. Darin stand (u.a.):

Ich habe übrigens noch eine etwas bescheuerte Idee, über die ich gerne mit dir reden würde.

Gemeint war das Buch und ich nahm an, wir sprechen darüber, wenn ich demnächst (Disclosure: wie schon einige Male zuvor) in Christians Online-Kurs in der DJS vorbeischaue, um darüber zu reden, wie das Dialogmedium Internet unsere Kommunikationsfähigkeit als Journalisten fordert. Doch das Internet und vor allem Christian waren schneller.

Wenn ich jetzt Mitte Oktober zur Journalistenschule gehe, werden wir vermutlich nicht mehr über Formalia meiner Teilnahme an seinem Projekt sprechen, sondern eher über Abgabe-Termine. Denn: Ich schreibe an dem Projekt mit.

Dazu habe ich mich übrigens keineswegs entschieden, weil ich glaube, dass man den „neuen Journalisten“, die im Projekttitel (vielleicht etwas unglücklich) adressiert sind, viel erklären müsse. Ich glaube, dass man gutes Schreiben vor allem durch Lesen lernt. Und das gilt auch für den Journalismus an sich: Man schaut sich an, wie gute Journalisten arbeiten und versucht daraus zu lernen. Das geht heute vermutlich einfacher als jemals zuvor. Darüberhinaus sind auch die Ausbildungswege, die auf dem gelben Klassiker noch als Alleinstellungsmerkmal auf dem Titel notiert werden, heute auch im Netz transparent auffindbar. Wer heute Journalistin werden will, muss kein Buch kaufen um zu erfahren, dass es herausragende Journalistenschulen in München und Hamburg gibt. Sie (oder er) klickt einfach auf die entsprechenden Webseiten und folgt den entsprechenden Kollegen auf Twitter oder abonniert deren Blogs – und natürlich Zeitungen!

Ich glaube viel mehr, dass wir selber ein solches Buch brauchen, also die Kolleginnen und Kollegen, die schon im Beruf stehen. Es erinnert uns an den grundlegenen Wandel, dem wir unterzogen sind (siehe dazu zum Beispiel die fünf Thesen von Matthias Spielkamp). Es hilft uns – vielleicht wie das beschriebene ABC des digitalen Journalismus – Wissenslücken zu schließen und so neue Ideen zu entwickeln. Es zeigt uns, wie bedeutsam gerade in sich wandelnde Zeiten, die richtigen Grundlagen sind, es hält uns technisch auf dem Stand und hilft dabei, Hypes von tatsächlich bedeutsamen Veränderungen zu unterscheiden.

Viele Dinge im Journalismus werden sich nicht ändern. Einige jedoch schon. Deshalb gilt – so denke ich – für die Branche der Satz, den Kevin Kelly unlängst im New York Times Magazine notierte:

You will always be a beginner. Get good at it!

Deshalb habe ich mich entschieden, an Christians Projekt teilzunehmen. Updates dazu gibt es in seinem Blog – und wenn es fertig ist auch hier bei mir.

Vom Bückling zum Blogger

Im Grunde gab es Blogger früher schon in der Lokalzeitung. Das waren pensionierte Lehrer, Vorsitzende von Vereinen, und die kamen in die Redaktionsstube und mussten einen Bückling machen, damit der Herr Redakteur gnädigerweise ihren Artikel druckte. Dieses Hierarchieverhältnis hat sich umgedreht. Das verunsichert den Journalisten, der früher der Torwächter war, der allein entschied, was veröffentlicht wurde und was nicht. Das gibt es so nicht mehr. Das ist auch gut so.

Im Freitag gibt es Interview mit Volker Lilienthal – über Qualitätsjournalismus und das Hierachieverhältnis im Publizieren.