Die Zukunft ist schon da …

Die Tatsache, dass Veränderungen allmächlich und dann plötzlich geschehen, bedeutet auch, dass die Zukunft bereits heute sichtbar ist – oder um es mit Williams Gibbson zu sagen: Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt.

Wir sehen heute schon Vorboten dessen, was uns übermorgen normal erscheinen wird – zum Beispiel wenn wir auf die Website der Band They Might Be Giants klicken – unter tmbgifc.com findet man den Instant-Fanclub der Band, der sowas wie ein Abo für Musik ist und vielleicht ein Vorbote auf die Zukunft von Musikdistribution im Web.

Auf der Seite kann man für 98 Dollar Mitglied eines Fanclubs der Band werden – dafür bekommt man wöchentlich einen Anrufbeantworter-Song der Band. Eine Aktion, die TMBG schon vor Jahren erfunden haben und nun neu interpretieren. Sowie zwei Tickets zu einem Konzert und mehrere Alben.

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Doch damit nicht genug: die Band, deren Wikipedia-Eintrag einen eigenen Hinweis enthält, dass sie als erste Major-Band auf MP3 setzte, nutzt die Möglichkeiten des Digitalen und bietet zusätzlich eine Premium-Fanclub-Mitgliedschaft für 250 Dollar an: für den Betrag wird man Super President im Fanclub und erhält zusätzlich zwei Vinyl-Platten und eine limitierte Version des Albums Flood. Das Besondere: die Aktion ist auf 2500 Mitglieder begrenzt und endet spätestens am 5. Januar 2015.

Für mich ist die Aktion aus drei Gründen ein Vorbote auf die Zukunft von Inhalten im Web:

1. Es geht um Teilhabe, nicht (nur) um Content. Hier wird der Zugang zu einem Netzwerk und nicht lediglich der Besitz an einem Werk verkauft. In „Eine neue Version ist verfügbar“ hat Wolfgang Ulrich dies als Bewegung vom „Werkstolz hin zum Netzwerkstolz“ beschrieben. Die Mitgliedschaft in einem Club als Fortentwicklung des Verkaufs von Platten illustriert sehr anschaulich, was dies konkret bedeutet. Egal ob man es Membership-Journalismus oder Leserclub nennt. Ein Aspekt der Zukunft wird im Vernetzen liegen.

2. Wertschätzung kommt vor Wertschöpfung: Die Idee des Super President steht für eine Entwicklung, die ich als das Ende des Durchschnitts bezeichnen würde. Es gibt nicht nur ein Angebot für alle, sondern mehrere, die sich an der Wertschätzung der Teilnehmer orientieren. Wer ein besonders fanatischer Fan ist, kann mehr bekommen als der Durchschnittfan: er kann Super President werden. Solche Angebote richten sich nicht an die breite Massen – und eben deshalb sind sie wertvoll.

3. Was verknappt wird, wird wertvoller: Dass nur 2500 Mitglieder Fan im Fanclub werden können, ist eine besondere Stärke dieser Gemeinschaft. Es belohnt diejenigen, die sich früh entscheiden und betont den Unterschied zwischen drinnen und draußen. Nur wenn es diese Differenz gibt, kann eine Mitgliedschaft in einem Club wertvoll erscheinen.

Mehr dazu unter vomkontext.de

In Kategorie: DVG, Pop

Über den Autor

Veröffentlicht von

Dirk von Gehlen ist Journalist, Autor, Vortragsredner. Er macht Neues bei der Süddeutschen Zeitung und schreibt einen monatlichen Newsletter zum digitalen Wandel, den man hier bestellen kann

2 Kommentare

  1. Fritz

    Die künstliche Verknappung (nur X-Pätze) und künstliche Dringlichkeit (dieses Angebot gibt es nur bis …) sind bekannte Mechanismen aus dem Marketing, die man dort nie glauben sollte und hier daher vermutlich auch nicht. Selbstverständlich nehmen die auch 5.000 Mitglieder auf … und selbstverständlich wird das Angebot ggf. auch noch einmal neu aufgelegt.

    Interessant ist der Zusammenhang zwischen Wertschätzung und Wertschöpfung. In den Künsten entsteht Wert, wenn Wertschätzung entsteht. Für andere Produkte wie z.B. Zeitschriften würde Wertschätzung entstehen, wenn die Leser daraus einen Beitrag zu ihrer persönlichen „Wertschöpfung“ ziehen können. Das ist gar nicht so selten – Fachartikel, wissenschaftlche, Finanznachrichten etc. enthalten eine solche Wertschöpfung und habe dadurch auch keine Sorgen mit der Monetarisierung.

  2. Fritz

    Ach so, Nachklapper: Zeitungen und Zeitschriften haben durchaus „Wertschöpfungspotenzial“, aber das ist unter den Artikeln und Ausgaben vergraben und verschüttet, nämlich *Wissen*, das durch einen redaktionellen Prozess quasi „zertifiziert“ ist. Damit machen die Zeitungen aber nichts, ich glaube sogar, sie wissen gar nicht, auf welchem Wertschöpfungsschatz sie da sitzen und wie, wann und unter welchen Konditionen dieser Schatz Menschen eine „Wertschöpfung“ bringt, für die sie auch zahlen würden.

    Was den Charme des Beteiligtseins angeht, gibt es natürlich auch Potenzial. Dazu hat Daniel Mietchen neulich einen hoch interessanten Erfahrungsvortrag aus der Perspektive der Wissenschaft gehalten: https://www.youtube.com/watch?v=LDYEA00VwQs Kann ich nur dringend empfehlen, weil da die emotionalen Freuden des Beteiligtseins deutlich werden. Beteiligtsein muss mehr sein als ein Bezahlclub. (Der emotionale Effekt ist übrigens genauso auch aus der psychologischen Forschung bekannt: Es gibt das paradoxe Phänomen, dass man Menschen liebt, denen man einen Gefallen tun durfte.)

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