Allmählich – und dann plötzlich

Fast 7000 weiße Ballons* steigen heute abend in den Himmel über Berlin. Die 60 Zentimeter großen Kugeln sind auf 2,50 Meter hohen Rohren befestigt und beleuchtet. Die so genannte Lichtgrenze ist der sichtbarste Teil des Jubiläums 25 Jahre Mauerfall, die Ballons trennen die Stadt auf 15 Kilometern an der Grenze, wo bis 1989 die Mauer verlief: „Wie 1989 überwinden unzählige Menschen gemeinsam die Teilung der Stadt. 25 Jahre später allerdings symbolisch, indem sie in einer gemeinschaftlichen Aktion die Ballons aufsteigen lassen„, kann man auf Berlin.de nachlesen, wo auch erklärt ist, dass das Aufsteigen der Ballons einem Dramaturgieplan folgt, dessen Start „der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und prominente Paten am Brandenburger Tor“ gaben.

Das war mir nicht klar, als ich im Fernsehen beobachtete wie die weißen Ballons in den Himmel stiegen. Ich hatte lange den Eindruck, dass die Ballons sich unerlaubt verselbstständigten, dass sie außer der Reihe in den Himmel stiegen. Was ich angemessen beeindruckend fand für dieses Jubiläum, das seinen Wert ja eben im Protest, im Widerstand und im Aus-der-Reihe-tanzen hat. Ein Rest davon schien sich in den Ballons auszudrücken – immerhin sagte Fernsehmoderator Sascha Hingst, nicht alle hätten sich an den Dramaturgieplan gehalten. Was aber ja nicht schlimm sei.

mauerfall

Ich hingegen fand es sogar toll – denn dieses allmähliche Aufsteigen der Ballons erinnerte mich an ein Zitat aus der Ernest Hemingway Geschichte Fiesta, das sehr anschaulich beschreibt wie (gesellschaftlicher) Wandel sich vollzieht: “Gradually, then suddenly“, sei die Veränderung gekommen, antwortet Mike in der Geschichte, die auf englisch „The Sun Also Rises“ heißt.

„Allmählich – und dann plötzlich“ vollziehen sich Veränderungen. Die einzelnen Schritte – wie das Aufsteigen eines singulären Ballons bemerkt man vielleicht gar nicht richtig – aber sie summieren sich. „None of these actions feel urgent“, schreibt der Autor und Berater Steve Dennis in Bezug auf das Zitat. „Until it’s too late.“

Vielleicht ist der Abend des 25sten Jubiläums des Mauerfalls kein guter Anlass über die Digitalisierung nachzudenken, vielleicht zeigt das allmähliche Aufsteigen der Ballons aber, warum wir uns mancherorts so schwer tun, die Folgen dessen abzusehen, was sich da Schritt für Schritt unter unseren Füßen verändert.

* In den Ankündigungen vor dem Wochenende ist stets von rund 8000 Ballons die Rede, die aktuelle Berichterstattung handelt von knapp 7000 Ballons. Ich habe keine Zeit, dies nachzuprüfen, nehme es aber als Zeichen, dass 1000 Ballons im Laufe der Aktion ihren eigenen Protest auslebten – und verschwanden

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